Nummer 45 Lutz Dammbeck SEEK

Der Golem geht umAffären zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie

I. Vorlauf

1999 schien eine digitale Revolution zu beginnen, die nach und nach alle Bereiche der Gesellschaft erfasste. Dass die Kunst der Moderne dabei eine führende Rolle spielte, wurde in den Medien kolportiert und schien allgemein klar. Darüber wollte ich 2000 einen Film mit dem Titel Das Netz machen. Doch bei der Recherche verschoben sich nach und nach die Gewichte: Kunst schien lediglich nachzuvollziehen, was zuvor in den Laboren und Werkstätten von Universitäten und Firmen, oft im Auftrag staatlicher Institutionen, erdacht und gebaut worden war. Waren Künstler also nur Cheerleader für die Verbreitung der Ideen von Wissenschaftlern, Technikern und Politikern?

Übriggeblieben von meinem ursprünglichen Ansatz für den 2003 fertiggestellten Film waren diese und andere Fragen und, als ein Ergebnis meiner Recherchen, Material zur Ausstellung „SOFTWARE – Information technology: its new meaning for art“, die 1970 im Jewish Museum in New York stattgefunden hatte. Die Ausstellung galt damals wie heute als wegweisend für Verbindung von Konzeptkunst mit neuen technischen Apparaten und Netzwerken und den dazugehörigen Theorien wie Kybernetik, Systemtheorie und Konstruktivismus.

Hauptanziehungspunkt der Ausstellung war eine Maschine mit dem Titel Seek, in der Mongolische Wüstenrennmäuse mit einem computergesteuerten Greifarm interagierten. Seek erschien als spielerisch-künstlerische Vorwegnahme eines Gesellschaftsmodells, dessen Konturen sich 1970 schon hatten erahnen ließen. In einem für meinen Film Das Netz geführten Interview erzählte Jack Burnham, der Kurator der Ausstellung: „Seek war irgendwie wie H.G. Wells, und man stellte sich vor, dass so etwas in Zukunft vielleicht passieren könnte. Und zwar mit Menschen, nicht nur mit Mäusen.“

Das ging mir lange nicht aus dem Kopf. Wie kamen Künstler, Architekten und Ingenieure dazu, so eine Maschine zu bauen? Wie konnte ich die Genealogie dieser Maschine beschreiben? War der Nachbau nur eine technisch-handwerkliche Aufgabe, oder gab es ein zu ergründendes zusätzliches Geheimnis, das tief und fest in die magischen Zahlenspiele des Computers eingeschrieben war, der die Maschine steuerte? Wie sichtbar machen, was im Verborgenen liegt?

Mit einem Team baute ich ein Replikat: Seek II. Ich wollte aber nicht nur eine Maschine nachbauen, sondern auch versuchen, für etwas, das nur als immaterielle Abstraktion, als Rechenmodell, als Zahlensammlung oder Simulation darstellbar war, wie zum Beispiel die Kybernetik, ein Präparat herzustellen. Traditionell war das ein Objekt, das in der Naturkunde zu Anschauungs-, Lehr-, Demonstrations- oder Forschungszwecken diente. Präparate sind der Natur entnommene Objekte, die durch entsprechende Verfahren aufbereitet werden. Kybernetiker und Systemtheoretiker hingegen verwenden Bilder und Zahlen, um ihre Ideen und Vorstellungen zu veranschaulichen. Computersimulationen, Diagramme und Statistiken lösten so Holz- oder Gipsmodelle ab und Nervenmodelle ähnelten Schaltplänen, die sich von denen einer Maschine nicht unterschieden und auch nicht unterscheiden sollten. Mir schwebte dagegen ein Präparat vor, das als reales „Ding“ in einem realen Raum stand, das man anschauen, anfassen und um das man herumgehen konnte. Ich war neugierig, ob dieses Ding die spirituelle Dimension und die gegenständlich gewordene Wahrheit einer mathematischen und konstruktivistischen Idee einfangen konnte und auch darauf, wie ein heutiges Publikum auf eine Versuchsanordnung von 1970 reagieren würde.

Und, das war eine meiner nächsten Fragen: Wieso fand eine heute als Inkunabel der modernen Kunst angesehene Kunstausstellung im jüdischen Museum der Stadt New York statt, das vom Jewish Theological Seminary of America, dem JTS, betrieben wurde, der führenden Rabbinerschule einer konservativen jüdischen Bewegung in den USA? Wie und warum hatte sich ein zunächst nur mit Judaica befasstes Museum zu einem der interessantesten und avanciertesten Kunstmuseen New Yorks entwickelt, das mit dem Guggenheim Museum, dem Whitney Museum und dem Museum of Modern Art konkurrieren konnte? War diese Maschine, die ich nachbauen wollte, das Modell einer intelligenten „Maschine des Verhaltens“ – oder nur das eines Golems?

II. Golem

Befehl und Kontrolle. Chaos und Ordnung. Wie weit war es von hier zu autoritären Ideologien? Wie ließen sich Differenzen und Übereinstimmungen etwa zu den Gedanken eines „Theoretikers der Ordnung und der Autorität“, dem katholischen Ideologen und reaktionären Gegner der Französischen Revolution, Joseph de Maistre, bemessen? Für de Maistre war die Gesellschaft eine Art Strafkolonie, in der es nicht auf Vernunft, sondern auf Macht und Ordnung ankam.

Oder wo war die Differenz zum Ruf nach einer „Rückkehr zur Ordnung“ einer „klassizistischen Moderne“, die in den 1920er bis 1940er Jahren ihren Aufschwung erlebte, mit all ihren schrecklichen Auswirkungen? War Seek nicht lediglich eine Modernisierung dieser Verbindung von Klassizismus und Ordnungsdenken zu einem „Rappel à l’ordre“, in dessen Mittelpunkt statt der unversehrt intakten und „schönen“ Heroen von Breker und Konsorten nun künstliche und hybride Wesen standen? Figurationen eines Ordnungsmodells, in dem der Rückgriff auf Maß und Ordnung alles Ungeordnete und Chaotische beherrschbar machte? War Seek denn ein Modell für die Lager der Zukunft, in denen bei der Sortierung und Beherrschung des lebendigen Materials auf primitive Anwendung von Gewalt und Zwang, auf Schreie, Blut, Schmutz und Qual verzichtet werden konnte? War Seek also der Vorbote eines digitalen Faschismus, der perfekter sein würde als seine historischen Vorgänger? Würden Loop und Rückkopplungsmechanismen nun die Embleme dieser modernsten Form des Lagers?

Am Anfang meines Texts stand die Frage: Würde es gelingen, einen neuen Golem zu bauen? So wie es einst dem Rabbi Judah Löw aus Prag gelang, der einen stummen Diener aus einem Lehmhaufen formte und ihn mit Magie, die in Zahlen- und Buchstabenmystik wurzelte, zum Leben erweckte. Mit Magie, die es ihm erlaubte, durch ein Spiel mit der Sprache das Leben zu manipulieren.
Sicher ist: Inzwischen funktionieren die Computer, die in der Ausstellung 1970 oft streikten, reibungslos, die elektronische Überwachung ist flächendeckend und persönliche Daten werden gesammelt und gehandelt. Vieles, was damals nur eine utopische Idee war, ist heute schon Wirklichkeit.

Nur das Gehirn hat bislang den Angriff auf seine Erkennbarkeit überstanden und ist eine Black Box geblieben. Aber aus den vielen Daten, Modellen und Statistiken, die gesammelt wurden, um diese letzte Bastion des Unerforschten einzunehmen, wurde eine Scheinwelt errichtet, die angenehm zu konsumieren ist und die Wirklichkeit durch Metaversen ersetzen soll. Bald werden alle Menschen auf diesem Globus gechipt und mit digitalen Bezugsscheinen auf Nahrung, Energie, Wohnraum und Fahrzeuge versorgt werden können. Das Genom und Lebensprozesse werden im Labor rekombiniert und die Fortpflanzung kann künstlich erfolgen. Leistung und Wahrnehmung können verbessert, Gliedmaßen und Gehirne mit Maschinen hybridisiert werden. Der Tod kann besiegt werden. Das Surrogat ist zu seinem Siegeszug angetreten. Aus Hybriden wurden Chimären. So entstand ein Irrenhaus, in dem Sprache zirkulär produziert wird, in dem aus Wahrheit Wahrscheinlichkeit wurde und aus Realität eine bloße Konstruktion.

Gegen die schreckliche Energie des Mechanischen, etwa in einem Krieg, war das Fleisch bisher machtlos. Nun droht seine Ersetzung durch unheimliche Wesen und Ausgeburten der Künstlichen Intelligenz, deren Datensätze errechnet wurden. Die dafür benötigten Programme sind vorhanden: Gentechnik, Neurotechnologie, Nanotechnologie, eine synthetische Biologie, die bionische Prothesen liefern kann, Versuche mit ChatGBT und die Vernetzung all dieser Programme zu einem intelligenten und sich selbstverstärkenden Gesamtsystem: ein Myzel, das wegen der neurotischen Angst vor Angriffen von innen und außen oder der Furcht vor seiner Implosion ständig gemessen, kontrolliert und bewacht werden muss.
Eine strikte soziale Kontrolle durch Biopolitik beherrscht im Verbund mit einer totalen und medial gesteuerten „Gesellschaft des Spektakels“ große Teile dieser „Einen Welt“, die sich als ein „offenes System“ versteht.
Seltsam und auch unheimlich, wie an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten kleine, zunächst unscheinbare Teilchen entstehen, die sich einnisten und dann über Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg zu einer Masse zusammenfinden, aus sich etwas Neues formt. Kleine Teilchen – und die von Burnham kuratierte Ausstellung mit Seek gehörte dazu –, die sich erst unmerklich und dann wie von Wunderhand in einem später als „offen“ propagierten, in Wirklichkeit aber konsequent kontrollierten Gedankensystem zu etwas entwickelten, das die Welt nicht nur verändert, sondern schließlich auch beherrschbar macht. Diese Formmasse fließt inzwischen als ein breiter und uferloser Strom dahin, der alle Unebenheiten, Störungen und Widerstände aufnehmen und in seinem Sinne regulieren kann.

In den 1950er Jahren hatten Wissenschaftler und Politiker über eine Welt als „offenes System“ nachgedacht, Philosophen wie Karl Popper sprachen von einer „offenen Gesellschaft“ und Jack Burnham, der Kurator der Software-Ausstellung, sprach von einer „Welt aus Systemen“. Das waren zwar nur Worte und Abstraktionen und eine Art von Konzeptkunst, aber sie benannten Schlüsselbegriffe der heutigen westlichen Gesellschaft.
Diese wunderbaren abstrakten Schlagworte und Begriffe unterschlugen allerdings den Kontroll- und Steuerungswahn aller Technologien, mit denen diese „offene“ westliche Gesellschaft notwendigerweise „autoritär“ und damit wie ein Golem operierte, ganz einfach, weil es ihrer Natur oder besser: dem Quellcode der dabei verwendeten Technologien entsprach. Mit deren Hilfe konnte ein Machtanspruch definiert werden, konnten andere vom allgemeinen Nutzen dieser Sonderinteressen überzeugt, Widerständige gezähmt und gegen Feinde Zwangsmittel eingesetzt werden.
Es schien einen Gleichklang zu geben zwischen der Idee einer unaufhörlichen Entgrenzung und technisch gebauten schlechten Unendlichkeit, die durch Mathematik, Logik und Systemtheorie ermöglicht wurde, und dem freien Fluss von Waren und Dienstleistungen, Informationen und letztlich und konsequenterweise: dem freien Fluss von Menschen. Diese Konstellation erlaubte es auch, die binären Systeme der Technik mit Vorstellungen von einer nonbinären Weltordnung zu synchronisieren, wobei klar war, wer der Schritt- und Taktgeber ist.

Jack Burnham sprach in einem Interview zu seiner Ausstellung von „mulching“ und meinte damit die Kunst, die er in der Software-Ausstellung gezeigt hatte. Für ihn waren das damals zur Erde fallende Blätter, die verwelkten und zu einem Humus wurden, aus dem später einmal, so seine Hoffnung, etwas Neues entstehen würde.
Doch aus diesem Humus ist inzwischen ein Morast aus fragilen Artefakten wie Modems und Festplatten mit nicht dauerhaft überlebensfähigen Datensätzen geworden – ein, in der tatsächlichen wie symbolischen Bedeutung des Begriffs, giftiger Schlamm.
Was bleibt, ist ein Leben in diesem Schlamm – wie die Leibniz’schen Monaden.
War der Mensch fähig, sich dagegen zu wehren? Oder war er dazu verdammt, diesen von Wissenschaft, Technik und Hybris vorgezeichneten Weg in den Morast immer weiterzugehen? Warum?
Weil seine genetische Verfasstheit nichts anderes zuließ? Weil sein Hirn immer auf der Suche nach einer weiteren Steigerung sein musste und sein Trieb und die Lust an der Erfindung ihn folgerichtig zu Quantencomputern und Chimären führen würde und da noch lange nicht enden würde? War das alles zwangsläufig und also unabwendbar?

Im Kampf für Ordnung und gegen Desorganisation und Chaos, um Macht und Kontrolle, von wem er auch geführt wird, kann es am Ende all der unendlich möglich scheinenden Überschreitungen, Transformationen und Entgrenzungen weder einen idealen Ort noch eine globale volonté générale geben, sondern letztlich nur Verlierer, Mäuse wie Menschen.
Das aufhalten? Wie das aufhalten? Und dann? Zerstörung? Neuaufbau? Rückbau? Wie und durch wen? Und: wie weit zurück?

Als das Wünschen noch geholfen hat …, so beginnen einige Märchen der Brüder Grimm. Das erinnert an die Kraft des Wünschens. Und so wünsche ich mir zum Schluss, dass der Golem deaktiviert wird – so wie in dem Comic, der auf dem Tisch von Karl Katz landete: Aus EMETH (Wahrheit) soll METH (tot) werden. Und der Golem verkümmerte und starb.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen / Dann fliegt vor Einem geheimen Wort/
Das ganze verkehrte Wesen fort.


III. Nachspiel

Mein Film Das Netz ist heute über 20 Jahre alt. Der Film wird immer noch angefordert und gespielt und dient erfreulicherweise auch für jüngere Kollegen als Referenz. Ab und an versuchten Zuschauer in den Diskussionen im Anschluß an die Filmvorführung meinen systemischen Befund durch Hinweise auf die im Film gezeigten und inzwischen veralteten Computer, Internetcafés oder Netzwerktechnik wegzuschieben.

Diese Abwehrhaltung ärgerte und reizte mich zugleich, meinen systemischen Befund auf ein breiteres und auch unabweisbareres Fundament zu stellen und dabei auch die Kunst einzubeziehen, auf die ich in meinem Film nur ansatzweise eingegangen war. Das sollte spielerisch und absichtslos durch das Zusammenlegen und Zusammenschieben von Teilen eines Puzzles geschehen, die für mich zusammen gehörten. Zielpunkt dieses Spiels sollte die SOFTWARE-Ausstellung und die Maschine Seek sein und zugleich en-passant die Entstehung einer inzwischen die ganze Welt umfassenden Maschine beschreiben, eine Welt-Maschine, die nicht interessiert ist an Ideologien, an links oder rechts, sondern sich lediglich in rasendem Tempo immer weiter ausdehnt.

Es schien mir nicht nötig, jede der sich dabei fast täglich annoncierten Neuigkeiten, Fertigkeiten und Möglichkeiten dieser Welt-Maschine, seien es ästhetische, wissenschaftliche oder technische, in den Text aufzunehmen, da mir der Quellcode beschrieben schien. So fehlen etwa Informationen dazu, wie die ehemals als pop-kulturell goutierte Ästhetik von The Texas Chain Saw Massacre nun auf 4chan und TikTok in eine Ästhetik des Massengeschmacks, ins „Volkstümliche“, transformiert wurde, um dort Blut und Leiden in einem Spiel modernster (Kriegs-)Maschinen mit menschlichem Fleisch medial konsumieren zu können. Ich bin mir sicher, dieser Übertreibungs- und Überbietungswettbewerb (eine ästhetische Strategie der künstlerischen Moderne seit Nitsch, Rainer, Cage oder Kaprow) wird so bald nicht enden.

Ein anderer Anlaß, das Buch SEEK: Der Golem geht um zu schreiben, waren für mich die Erfahrungen beim Nachbau der Maschine Seek von Nicolas Negroponte und seinen Studenten am MIT. Zu der Maschine gehörten bekanntlich lebende Tiere. Die Beobachtungen, die ich während der „Zusammenarbeit“ mit der Gruppe mongolischer Wüstenrennmäuse machte und ihr biologisches System schienen mir interessanter und komplizierter zu sein, als der Behaviorismus von Skinner und Watson, der in Seek unter dem Mantel von Computer- und Kognitions- und Verhaltenswissenschaft verborgen war. Seek schien ja lediglich ein Rückfall in cartesianisches Denken, das unter der schillernden Oberfläche der vielen Versprechungen unbeirrt weiter wirkte.
In den Ankündigungstexten und den Versprechungen der Techniker, Wissenschaftler und Künstler war vor Beginn der SOFTWARE-Ausstellung viel von „interdisziplinärer Vernetzung“ die Rede, von einer „neuen Kultur“ und einer „neuen Welt“ mit zukünftigen Lebensformen. Aber interessierten sich Künstler, Kuratoren und Techniker im Jahr 1970 wirklich für andere Lebensformen, von denen so viel geredet wurde? Für das System der Mongolischen Wüstenrennmäuse zum Beispiel? Für das System der Pflanzen, mit denen die Mäuse gefüttert wurden? Ahnten sie oder interessierte es sie, dass in diesen Lebenssystemen eventuell andere Lebensformen, politische, ästhetische oder soziale, angelegt oder verborgen waren, die es wert gewesen wären, studiert und auf ihre Tauglichkeit hin geprüft zu werden?

Für Negroponte waren die lebenden Tiere in Seek lediglich ein Störgeräusch, vernutzbares Material, mit dem die Maschine gefüttert wurde. Diese Sorglosigkeit, die sich bis zum Ekel vor dem Lebendigen oder einer nicht von Menschen gemachten Natur steigern kann, fand ich interessanterweise auch bei den jungen Kuratoreninnen im ZKM, als Seek 2023 in der Ausstellung Renaissance 3.0 gezeigt wurde.
Mir schien der Einbruch von etwas Lebendigem und einer gottgegebenen oder evolutionär entstandenen Natur (der Geruch von Heu, von Fell) ein Unbehagen zu erzeugen, während die Beschäftigung mit Hybriden, Chimären und mit Hilfe von Biogenetik, Biochemie oder Genetic Engineering erschaffenen künstlichen und cleanen Zellhaufen sie dagegen zu erleichtern – und zu faszinieren schien.

Ich bedauere nachträglich, in meinem Buch die Ergebnisse von Recherchen zu Entwicklungen in Wissenschaft und Technik außerhalb der USA weggekürzt zu haben, obwohl meiner Ansicht nach im Zweiten Weltkrieg und danach das Entscheidende geschah.
In den USA, der Sowjetunion, dem Drittem Reich (und nach 1945 in der Bundesrepublik) existierte, bei allen Unterschieden, etwas Gemeinsames: die Glorifizierung der Technik, die Ökonomisierung des Lebens und der Wille zur Unterwerfung der Natur.

So entstand nach 1945 etwas Zwitterhaftes, Maschinelles, ohne Seele, ohne Liebe, ohne Achtsamkeit für Menschen, Tiere und Pflanzen; etwas Abstraktes, Kaltes und Totes – letztlich eine Verwirklichung von Männerphantasien. Damit einher ging der Verzicht auf Anschauung, den realen Körper, die Natur, die Sinne, die Metaphysik, die Seele – mithin auf das „Unerklärliche“ – zugunsten einer permanente Revolution gegen die durch die Schöpfung vorgegebene Vergänglichkeit, die wieder und wieder als Schmach empfunden wird.

Leider fehlt im Buch Material über die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie vor allem in den Staaten des ehemaligen Ostblocks, speziell in der UdSSR, die zum Teil parallel ablief.
Denn in den sozialistischen Staaten wurden Quintessenzen weitausgreifender Denk- und Erfahrungsprozesse wie „Klassencharakter“, „gesellschaftliche Bedingtheit“, „ökonomische Wurzel“ oder „von der Basis bestimmter Überbau“ zu Algorithmen, mit denen sich die kompliziertesten Probleme scheinbar einfach und wissenschaftlich lösen ließen: durch Schwarz und Weiß, durch Eins und Null.

Warum fanden im Osten also die Ideen von Kybernetik, Systemtheorie, Psychoanalyse oder Sozialwissenschaft zwar eine Anwendung, zum Teil sogar früher als im Westen, konnten aber nie zu einem so wirkungsmächtigen Faktor werden wie im Westen?
Denn nur im Westen war die Idee erfolgreich, die Welt als ein Labor zu konzipieren, in dem „weiche“ Techniken aus den Bereichen Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Psychoanalyse und verwandten Gebieten wie der Kunst, mit „harten“ Wissenschaften wie Physik und Mathematik zu der Welt-Maschine collagiert wurden, die mein Buch zu beschreiben versucht. Die Frage nach der Technik und dem Umgang mit ihr wurde dabei für mich zu der alles entscheidenden Frage.

Deshalb, oder gerade deswegen: METH. And the golem withered and died! (Und der Golem verwelkte, und starb.)

1. SOFTWARE – Information technology: its new meaning for art, The Jewish Museum, 1970, Foto © Shunk-Kender, Harry Schunk and Shunk-Kender Archive, The Getty Research Institute

Das Jewish Museum, Vera and Albert List Building (links) und Warburg Mansion (rechts), um 1967, Foto © Courtesy of the Jewish Museum

„Art and the Artist“, in: New York Post, 11.07.1970

„Art and the Artist“, in: New York Post, 11.07.1970

© wie 1.)

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Installation Seek II in der Ausstellung MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation, Hamburger Kunsthalle, 2009, Foto © Christoph Irrgang, Hamburg


8.) Seek II in der Ausstellung Re_Re-Education, Galerie COMA, Berlin 2007
Fotos © Bertram Kober, Leipzig

wie 8.)

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In der Installation Seek II in der Ausstellung MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation. Nach Auseinandersetzungen in der Population verstorbene und anschließend präparierte Mongolische Wüstenrennmaus. Foto © Karin Plessing

© wie 1.)

Sociogram, in: Kurt Lewin und Ronald Lippit, „An Experimental Approach to the Study of
Autocracy and Democracy: A Preliminary Note“, in: Sociometry, Vol. 1, Nr. 3/4, Januar – April 1938

Grafik Skinner Box, Quelle unbekannt

Der Kopf von Adam Kadmon, in: Christian Knorr von Rosenroth, Kabbala Denudata, Frankfurt 1684

Richard M. Brickner und L. Vosburgh Lyons, „A Neuropsychiatric View of German Culture and the Treatment of Germany“, in: The Journal of Nervous and Mental Disease, Vol. 98, Nr. 3, September 1943, S. 281–293

Dick Giordano, George Pratt und Peter Milligan, The Golem of Gotham Part Two, DC Comics

Kabbalistischer Lebensbaum mit den hebräischen Namen der Sephiroth und der Pfade, beruhend auf einem Diagramm von Athanasius Kircher (1652)

Alfred H. Barr, Jr. “torpedo” diagram, permanent collection of The Museum of Modern Art, 1941

Andy Warhol, Silver Clouds, in: Billy Klüver, The Story of E.A.T. Experiments in Art and Technology 1960–2001, Archiv Lutz Dammbeck / ZKM
Foto © Rudolph Burkhardt

Q: And babies? A: And babies, Plakat, Art Workers’ Coalition, Smithsonian American Art Museum, 1970

Margaret Mead und Gregory Bateson, Trance in Bali, 1930er Jahre, in: Margaret Mead Papers
and South Pacific Ethnographic Archives, 1838–1996, Library of Congress, Washington

Jean-Marie Charcot, „Hypnotiques utilisées à la Salpêtrière: application des pouces sur les
globes oculaires“, in: Iconographie photographique de la Salpêtrière: service de M. Charcot, Paris:
Bureaux du Progrès medical / V. Adrien Delahaye 1876