Nummer 41 Andree Weissert Zuversicht

Selbstverortung

Um andere Formen des Wohnens, des In-der-Welt-Seins, denkbar zu machen, muss ich erst mal die Bereitschaft entwickeln, den Standard, meinen Standort und mich selbst infrage zu stellen. Solange ich die Welt als ein Draußen verstehe, als außerhalb von mir, bin ich hineingeworfen, abhängig und ausgeliefert. Erst wenn ich beginne, mich als Akteur und Verursacher zu verstehen, wandelt sich meine Perspektive auf die Welt. Die Veränderungen, die ich als eine sich wandelnde Umwelt erlebe, sind gleichermaßen meine eigenen Veränderungen. Ich bin stetig in Veränderung. Ich kann in jedem Augenblick selbst entscheiden, ob mir die Welt als eine freundliche oder als eine feindliche begegnet – und ebenso, wie ich ihr. Innerhalb jeder Biografie gibt es immer wieder Wendepunkte, die alles bisher Gedachte und jede Gewissheit infrage stellen. Die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse führt mir vor Augen, wie fragil diese Selbstkonstruktionen sind.
Das meiste, was (mir) geschieht, liegt außerhalb meiner Einflusssphäre. Das Einzige, was ich machen kann, ist, mich auf den Moment einzulassen. Die Qualität, mit der ich den Moment erlebe, bestimmt meine Wirksamkeit in der Welt. In gleicher Weise ist mein Denken ein autonomer Vorgang, den ich nur steuern kann, wenn ich mir dessen bewusst bin, wenn ich mein Denken begreife. Im Denken versammeln sich alle Impulse, Eindrücke und Projektionen, die mich unmittelbar und unterbewusst beschäftigen. Genauso wie meine Handlungen sind meine Gedanken in einen großen Strom eingebettet. Das Loslassen der Gedanken bringt mich in den Fluss. Der Fluss ist das, was mich trägt. Jedes Kind, jede:r Kreative, jede:r Gestaltende, jeder Mensch spielt an und schwimmt in diesem Fluss. Ich bin der Fluss, wir sind der Fluss. Jeder Moment und jede Begegnung bietet die Chance, sich als Teil oder als Gegenteil zu verstehen. Ich bin Teilhaber an dieser Welt, an Gedanken und Ideen; kein Urheber, kein Besitzer und auch kein Direktor. Wir speisen uns alle aus derselben Quelle.

Garten

Im Jahr 2004 wurde auf der 9. Architekturbiennale in Venedig im Schweizer Pavillon das Projekt »Globus Cassus« des Künstlers Christian Waldvogel in großformatigen Bildern und Modellen gezeigt. Vereinfacht gesagt, ist der Globus Cassus eine Umstülpung der Erde. Das Material der Erde wird über Aufzüge in eine Umlaufbahn gebracht und dort zu einer erdumspannenden, durchbrochenen Schale zusammengefügt. Nach Fertigstellung ist das Erdmaterial abgebaut, und die Erdbewohner:innen ziehen sukzessive auf die Innenseite der Schale. Während wir, auf der Erde stehend, nur in einer Abstraktion unser »Gegenüber« auf der anderen Seite der Erde sehen können, haben wir als Bewohner:innen des Globus Cassus die Möglichkeit, jederzeit die Weltgemeinschaft in der Totalen zu sehen.

Dieser Perspektivwechsel führt zu einer neuen Form von Verbundenheit. Wir erleben unmittelbar die Zusammenhänge, in denen wir stehen. Der Globus Cassus ist ein wunderbares Denkmodell und selbstverständlich nicht realisierbar. Der Gedanke ist jedoch sehr inspirierend und eröffnet einen Raum, unsere Lebenszusammenhänge in anderen Bildern zu begreifen.
Davon inspiriert, möchte ich eine mögliche Lesart der Stadt anbieten, die eine Gartenlandschaft ist. Der Garten ist eine Landschaft voller Vielfalt. Ein echter Sehnsuchtsort. Grün, duftend, blumig; Bäume schaffen Räume, Alleen und Plätze. Hügel und Täler ermöglichen uns unterschiedliche Perspektiven. Es gibt offene Felder, grüne Hänge und steile Wände. Bewegtes, fließendes Wasser und rauschende Blätter erzeugen einen Sound, der uns in jedem Augenblick an die Belebtheit der gesamten Welt erinnert.

Wir sind dort in einer Vielfalt von Wesen. Jede:r in seiner:ihrer Weise: kriechend, krabbelnd, schleichend, trabend, flanierend, flatternd, fliegend, liegend, sitzend – schlafend. Dieser Garten existiert in den Bedingungen der Stadt. Jedoch ist er umschlossen von einem Bauwerk. Dadurch ergibt sich ein Drinnen und ein Draußen. Das Bauwerk hat eine Vorder- und eine Rückseite – oder präziser, eine Innen- und eine Außenseite. So, wie wir uns auch als ein Innen (unsere Gedanken, Gefühle, Emotionen) und ein Außen (Körper, Aussehen, Äußerungen) verstehen, ist dieses Bauwerk auch nicht viel mehr als eine Haut, eine durchlässige Membran. Das Innen ist dem Garten zugewandt.

Das Außen ist unsere Repräsentation. Das Bauwerk ist die Differenz, ist unser Selbstbild. Wir sind quasi ein Reihenhaus. Unsere Fassade ist durchbrochen von einigen Fenstern, Türen und Toren. Gartenseitig sieht man, dass das Bauwerk eine Kulisse ist. Von außen jedoch ist jeder Meter Ausdruck von höchster Individualität. Wir nutzen die Fassaden zur Selbstdarstellung, wir bauen uns vor unserem Werk auf und halten Türen und Fenster meist geschlossen. In einer Mischung aus Stolz, Verletzlichkeit und Angst sind diese Fassaden unsere Selbstbehauptung. Wir gestalten diese Kulissen, um gesehen zu werden, um Kontrolle über unser Bild zu gewinnen, zur Selbstvergewisserung. Die meiste Zeit des Tages tigern wir vor unserem Haus herum – einerseits, um die Aufmerksamkeit anderer zu heischen, andererseits aus Angst, jemand anderes, jemand Fremdes könnte durch die Fenster schauen oder durch die Türen spazieren, in den Garten, der uns vereint. Doch keine:r kommt. Alle stehen vor ihrer eigenen Fassade rum. Oder sind im Garten.
Solange wir selbst das Innen nur von außen betrachten, sind wir Gefangene unserer selbst, unserer Fassaden, unserer Häuser, unserer Bilder. Wir verteidigen und beschützen unsere eigene kleine Welt, unsere Ansprüche und Erwartungen und verpassen dabei Tag für Tag, in den Garten zu gehen. Dorthin, wo Lebendigkeit ist, wo das Leben stattfindet, wo wir zusammenkommen.

Wohlstand

Der Wohlstandsbegriff der westlichen Welt war für einige Jahrzehnte der Zielkorridor für ein gelungenes Leben. Aus der Perspektive der 50er-Jahre war die Definition eines besseren Lebens ganz einfach über materielle Parameter zu beschreiben. Versorgungssicherheit, Privatsphäre, (individuelle) Mobilität, gesellschaftliche Teilhabe durch Arbeit, Einkommen und Marktzugang. Der Zeitpunkt, an dem diese Qualitäten für breite Bevölkerungsschichten erreicht waren, lässt sich nicht einfach bestimmen. Die Koordinaten, mit denen wir Wohlstand markieren, verschieben sich permanent. In der gefühlten Realität ist Wohlstand über die Differenz zwischen ganz oben und ganz unten definiert. Solange eine Differenz unsere Position bestimmt, finden wir kein rechtes Maß für ein gelungenes Leben.
Mit großem Schrecken schauen wir in eine Zukunft, in der die gesamte Menschheit unseren Wohlstandsbegriff für sich beansprucht. Wir wissen, dass wenige Millionen Menschen durch ihren Weltverbrauch die planetaren Grenzen in einer Weise überstrapazieren, dass es uns innerhalb weniger Jahre die Lebensgrundlage entzieht. Wir gehören zu diesen wenigen Millionen. Wir beanspruchen den Planeten in einer Weise, die alle anderen in Mithaftung nimmt. Unser Wohlstandsbegriff steht nicht zur Diskussion, er hat sich einfach erledigt. Bei genauer Betrachtung schon seit einigen Jahrzehnten.

Die materiellen Versorgungssicherheiten und individuellen Bedürfnisse nach Teilhabe und Selbstverwirklichung könnten schon seit vielen Jahren global gewährleistet sein. Doch anstelle von Chancengleichheit und einer gerechten Wohlstandsverteilung – oder besser: Weltteilhabe – verbrennen einige wenige das, was reichlich vorhanden ist. Unser Wohlstand zeigt sich in Deponien, Müllverbrennungsanlagen, in überfischten und verschmutzten Meeren, verbrannter Luft, abgeholzten Wäldern und Monokulturen. Die Verhinderung einer suffizienten Kreislaufwirtschaft zugunsten von Wachstum, Profiten und der materiellen Selbstbehauptung ist eine aktive Verhinderungsstrategie von Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit.

All die Krisen, Kriege, Pandemien, alle Depressionen, Burn-outs und Zivilisationskrankheiten sind mehr als deutliche Hinweise, dass wir uns selbst erheblichen Schaden zufügen. Die Verdichtung der katastrophalen Folgen des Klimawandels zeigt unmissverständlich, dass wir unser Selbstverständnis, unsere Ansprüche und unser Dasein hinterfragen müssen. Uns wird die Fragilität von Gewissheiten vor Augen geführt. Die Fragilität meines eigenen Selbstverständnisses. Der Putz bröckelt, die Fassaden müssen ständig saniert werden. Schicht um Schicht trage ich neue Farbe auf und kämpfe damit gegen die fragile Substanz. Es wird mühsam da draußen, vor meinem Haus. Wo geht es hier noch mal in den Garten?

All die Katastrophen, die sich im Moment vor uns auftürmen, sind nicht das Ende der Geschichte, sondern können als ein Sichtbarwerden von transformativen Prozessen gelesen werden. Wenn man die Ereignisse nicht aus der unmittelbaren Betroffenheit betrachtet, sondern in den Kontexten der Industrialisierung, der Moderne und der Erzählung vom großen Vulkanausbruch liest, werden sie zu Meilensteinen in einem Erkenntnisprozess, zu einer Transformation unseres Daseins und des Bewusstseins.

Der materielle Wohlstand und das wissensbasierte Potenzial, das in den letzten 200 Jahren entstanden ist, stellt eine Basis da, mit der wir uns auf den Weg in eine ganzheitliche Zukunft machen können. Wir können Wohlstand in Wohlwollen verwandeln und Wissen in Erkenntnis. Alles ist in eine große Bewegung eingeschrieben. Transformation findet statt. Bäume wachsen nicht nur dann, wenn jemand dabei zuschaut oder es misst. Das Dilemma ist, dass wir meistens durch ein sehr kleines Fenster schauen und nicht realisieren, dass neben dem Fenster eine offene Tür ist. Wir können einfach in den Garten gehen. Das Leben ist ein Durchgang.

Selbstverständnis

Die Fragilität meines Selbstverständnisses wird mir durch die Krisen der Gegenwart relativ plump vorgeführt. Ich verstehe mich so sehr als Konsument, als Verbraucher, dass nur ein querliegendes Containerschiff den Suezkanal blockieren muss, um meine Gewissheiten durcheinanderzubringen. Zeitweilig geschlossene Geschäfte, die »Nicht jederzeit und allerorts«-Verfügbarkeit von Dingen ist eine große Irritation; kein Klopapier im Supermarkt, die Dystopie nimmt ihren Lauf. Unser Wirtschaftssystem und unser Sozialstaat sind darauf aufgebaut, dass wir immer mehr verbrauchen. Unser wichtigster Beitrag im sozialen Gefüge ist, dass wir Güter durch uns und unsere Haushalte hindurchschleusen. Verbrauchen anstelle von gebrauchen. Die Taktung der Warenverfügbarkeit wird immer absurder. Es ist selbstverständlich geworden, dass man einen gestern gefangenen Atlantikfisch heute auf dem Teller hat, eine Mango zwischen Ernte und Verzehr in 24 Stunden 3000 Kilometer zurückgelegt hat und jedes beliebige Buch, Medikament oder Ersatzteil noch am Tag der Bestellung geliefert werden kann. Die neuste Entwicklung: Lieferdienste, die mir innerhalb von zehn Minuten meinen Einkauf vor die Tür stellen. Vorfreude war gestern. Der Gipfel des Möglichen ist erreicht und ein Wendepunkt mehr als naheliegend.

Wenn ich nicht wie gewohnt meiner Arbeit nachgehen kann, sei es durch Krankheit oder einen Lockdown, wenn ich zur Untätigkeit gezwungen werde oder mich selbst um meine Kinder kümmern muss, wenn ich meine Wohnung als Gefängnis erlebe, wenn ich mit unserem Auto langsamer vorankomme als die Fußgänger:innen, wenn ich im Urlaub das Gleiche sehe wie zuhause, weil mein Smartphone mich nicht loslässt, wenn ich feststelle, dass ich wie alle den gleichen Empfehlungen vom gleichen Blog folge, wenn ich erkenne, dass wir alle gleich individuell sind, dann habe ich eine gute Ausgangssituation, um meine Gewissheiten und Gewohnheiten kritisch zu hinterfragen, mich selbst infrage zu stellen.
Wer ist es eigentlich, der auf mich schaut und sagt: Ich bin schön, ich bin schlau, ich bin ein cooler Typ, ein toller Vater, ein super Gestalter, oder dasselbe in negativ? Wer sagt: Ich bin, ich habe, ich kann, ich will? Mit wem spreche ich da? Mit mir selbst? Mit dem Bild, das ich von mir habe? Bin ich schizophren? Wenn ich mich mit anderen austausche, benötige ich gewisse Codes, um mich zu verständigen. Mit jeder Selbstbeschreibung erzeuge ich Bilder. Auf einer professionellen Ebene oder in einer ersten flüchtigen Begegnung kann ich damit wunderbar Räume eröffnen und so zusammenkommen. Doch ich benutze diese Codes auch, um mit mir selbst zu sprechen. Um mich meiner selbst zu vergewissern.

Mein Denken ist äußerst fragil und viel stärker von Launen, Stimmungen und äußeren Einflüssen abhängig als meine reelle Existenz. Und doch glaube ich, dass ich mich im Denken, im Gedachten definiere. »Ich denke, also bin ich«, ist eine sehr fragile Konstruktion, ein sehr dürftiges Fundament für eine einigermaßen bodenständige Existenz.

Ich definiere mich über Bildung, Wissen, Kleidung, Autos, Lifestyle, Hobbys, Jobs, Reisen, über meinen Geschmack. All diese Dinge unterliegen einem rasanten Wandel. Es sind Moden, Produkte und Statussymbole, deren inhaltliche Aufladung durch den Markt erzeugt wird. Die Gestaltung des Baukastens meines Selbstbildes trete ich an die Industrie und ein paar Marketingagenturen ab. Ich bin jenseits materieller Not und doch immer getrieben, etwas haben zu wollen. Damit bin ich, damit ist meine Daseinsweise in erheblichem Maße und ganz grundsätzlich Verursacherin für den rasanten Raubbau an unseren Lebensgrundlagen.
Vielleicht kann ich ein Selbst jenseits meiner materiellen Selbstgewissheit finden. Vielleicht finde ich Schönheit in den Dingen, die da sind. Vielleicht könnte jeder einzelne Moment mich durch die Welt tragen. Vielleicht finde ich in den fantastischen Bedingungen der banalen Existenz zu einer Lebendigkeit, Dankbarkeit, Genügsamkeit, Zufriedenheit.

Tätigkeit und Teilhabe

Unser Alltag ist oft von großer Dringlichkeit gezeichnet. Ich bin ständig in Eile, zu spät, wollte doch eigentlich noch viel mehr schaffen, machen, erleben, sehen. Ich wache morgens auf und schon bin ich mit dem Kopf bei den Dingen, die erledigt sein wollen, müssen, könnten. Kaum beginne ich meine Arbeit, soll sie schon erledigt sein.
Ich suche nicht nach der besten Performance, sondern nach dem schnellen Ende. 80 Prozent ist genug, sagen die Unternehmensberater:innen. Fertigmachen, Rechnung schreiben und weiter. Und zwischendurch: zack, zack zum Yoga.
Wenn die Woche beginnt, sehne ich mich schon nach dem Wochenende. Kaum bin ich losgefahren, plane ich die Rückreise. Der Weg ist nie unser Ziel. Wie lange dauert das noch? Und was machen wir danach? In all der Eile verpasse ich den eigentlichen Moment des Tätigseins. Dabei ist es der Moment, in dem das Leben stattfindet. Ich bin ausschließlich dort wirksam, wo ich mit meiner vollen Aufmerksamkeit bin. Jeder Versuch, die Zeit zu verkürzen oder durch eine Doppelbelegung auszutricksen, führt zu mittelmäßigen Ergebnissen und Stress. Multitasking ist bis zu einem gewissen Grad erlernbar. Jedoch ist die Fähigkeit nur dann effizient, wenn eine Teilaufgabe automatisiert ausgeführt wird. Wenn ich also gar nicht wirklich teilnehme. Effizienz und eine hohe Prozessgeschwindigkeit erzielt man am ehesten, wenn man sich voll auf seine Tätigkeit, auf den Moment einlässt. Nur dort, wo ich mit ungeteilter Aufmerksamkeit bin, bin ich auch selbst wirklich präsent. Jede gute Performance setzt eine hohe Konzentration, eine Einlassung auf die Aufgabe voraus. Dabei macht es eigentlich keinen Unterschied, ob man einen Text schreibt, ein Haus entwirft, Kinder betreut, mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt, ein Instrument spielt, die Fenster oder seine Zähne putzt. Alles Tun verbindet mich unmittelbar mit dem Ort, der Zeit und meinem Gegenüber. Im Tun bin ich gegenwärtig.

Flow

Architekt:innen planen. Sie adressieren mit ihrer alltäglichen Arbeit die Zukunft. Planer:innen sind im Hier und Jetzt fast ausschließlich damit beschäftigt, was, wann und wie etwas zukünftig getan werden wird und sein soll. In diesem Kontext sprach ein Kollege von der »Schönheit des Prozesses« – »beauty of the process«. Dieser Slogan hat mich seitdem nicht mehr losgelassen und ist zu einem Kristallisationspunkt in meinem Denken geworden. Auch im Kontext des Planens und Projektierens gibt es eine Gegenwart, den Moment, in dem ich die Planung mache. Entscheidend ist nicht nur das Ergebnis, das Projekt, das Bauwerk, sondern auch der Weg, wie ich da hinkomme.
Wir als Gestalter:innen, Planer:innen und Ausführende sind selbst dafür verantwortlich, wie wir unseren Arbeitsalltag, unser Leben gestalten. Es wird oft angenommen und ist doch nicht erwiesen, dass ein gutes Ergebnis auf einem Leidensweg entsteht. Es ist aber viel naheliegender, dass sich die Prozessqualität auf das Ergebnis niederschlägt. Aus meiner Tätigkeit als Handwerker weiß ich umso mehr um die Bedeutung des Prozesses. Während ein:e Planer:in die eigene Leistung an die Zukunft adressiert, ist ein:e Handwerker:in mit dem Tun sehr unmittelbar in der Gegenwart verhaftet. Die Dinge entstehen im Moment des Tätigseins.
Der Schönheitsbegriff wandelt sich permanent und ist ganz individuell an Geschmack und Sozialisation gebunden. Über Schönheit lässt sich streiten, Schönheit steht unter Kitschverdacht und wird gerne als eine oberflächliche Kategorie gewertet. Bei der Prozessschönheit geht es nicht um Oberflächen oder objektive Kategorien. Es geht darum, dass man sich voll und ganz auf das Tun einlässt, dass man sich mit seinem Handeln verbindet, eins wird mit dem Tätigsein. Wenn das gelingt, spricht man von einem Flowzustand. Dieser Zustand erfordert, dass die Tätigkeit mit einer gewissen Souveränität ausgeübt wird, dass wir das, was wir tun, können. Der Flow stellt sich zwischen Langeweile und Überforderung ein. Wer im Flow ist, ist weder Burn- noch Bore-out.

Es ist ausgeschlossen, als Konsument:in, als Verbraucher:in in den Flow zu kommen. Der Flow ist kein Erlebnis, sondern ein Zustand, resultierend aus einer Fähigkeit, einer Tätigkeit, einer Selbstwirksamkeit. Auch wenn darin ein Glücksversprechen liegt, der Flow als ein Rausch oder als eine meditative Vertiefung beschrieben wird, geht es dabei nicht in erster Linie um das Erleben eines Rausches oder um die Abwendung von äußeren Einflüssen. Es geht um die Art und Weise, um die Qualität, mit der jemand sein:ihr Tagewerk verrichtet und wie sich im (notwendigen) Tätigsein ein genügsames, erfüllendes und suffizientes Dasein finden lässt. Wer sich auf den Flow einlässt, erlebt intuitive Entscheidungen und Kreativität als eine totale Verbindung mit der Gegenwart. Die Dinge werden und sind – im Moment – durch mich.
In der täglichen Praxis finden die meisten Tätigkeiten weit entfernt von einem flowähnlichen Zustand statt. Viele Jobs sind dadurch gekennzeichnet, dass sie ermüdend, aber nicht anstrengend sind. Einige Tätigkeiten sind so langweilig, dass sie permanent mit sekundären Aktivitäten, Gesprächen, Musik oder anderen Formen der Unterhaltung überlagert werden müssen, andere sind so herausfordernd, dass sie von einem permanenten Gefühl der Überforderung, des Stresses und von Versagensängsten begleitet sind.

Bullshitjobs

Eine Sonderstellung nehmen die von dem Kulturanthropologen David Graeber als »Bullshitjobs« bezeichneten Tätigkeiten ein. Das sind solche, die keine sinnstiftende Verbindung zwischen dem:der Tätigen und der Umwelt herstellen. Wenn man in seinem Tun das Gefühl hat, keine wie auch immer geartete Wirksamkeit zu erzeugen, besteht die Gefahr, dass das Tätigsein sich in Frust und (Auto-)Aggression verwandelt. Während man einen sinnvollen Job als einen versteht, mit dem man einen Beitrag zum Gelingen eines guten Lebens leistet, sind Bullshitjobs wenn nicht direkt schädlich, dann doch mindestens destruktiv.
Es gibt durchaus Jobs, die keinen Spaß machen oder lästig sind und doch eine Notwendigkeit darstellen. Solche Tätigkeiten würde ich in diesem Kontext als »Shitjobs« bezeichnen. Sie können durchaus als befriedigend erlebt werden. Voraussetzung dafür ist, dass sie dem:der Akteur:in einen Platz in der Gesellschaft einräumen, dass ihre Relevanz gesehen und gewürdigt wird und dadurch eine Form von Teilhabe entsteht.

Die Gefährlichkeit der Bullshitjobs liegt nicht in ihrer Nutzlosigkeit, das Problem von stress- und druckgetriebenen Tätigkeiten liegt nicht an erster Stelle in der Gefahr von gesundheitlichen Schäden, sondern darin, dass damit scheinbar ein Anspruch und ganz reell die Notwendigkeit von Kompensation entsteht.
Wer viel arbeitet und/oder viel verdient, hat oft das Gefühl, sich entschädigen oder belohnen zu müssen. Wenn in der Tätigkeit kein Sinn gefunden oder permanent das Gefühl einer Überlastung hervorgerufen wird, werden zwangsläufig Ersatzhandlungen zum Begleiter. Kompensation kann zum Beispiel durch Sport aktiv gestaltet werden. Doch häufiger werden Entschädigung und Belohnung in Form von Konsum bewältigt. Wenn ich bewusst etwas Ungesundes esse, legitimiere ich das damit, dass ich es mir verdient habe. Drogenkonsum kann eine Ventilfunktion haben; Shopping erzeugt diese kleinen, sehr kurzweiligen Glücksmomente, die eigentlich durch eine selbstwirksame Tätigkeit erfahren werden könnten. Reisen, vor allem die kurzen, sind oft mehr Ausflüchte denn Ausflüge.
Ich kann Arbeit als Teilhabe verstehen und mich damit in den großen Organismus Welt, Gesellschaft und Nachbarschaft einfügen. Mein Tätigsein kann eine Kraftquelle sein. Ich kann damit anderen dienen und mich in Zusammenhängen erleben. Ein wichtiger Baustein für eine nachhaltige, ganzheitliche Lebensweise ist gute, wirksame, erfüllende und sinnstiftende Arbeit. Die Verheißung der Zukunft ist nicht das Ende der Arbeit, sondern weniger und gute Arbeit. Damit ist keine utopische Idee skizziert. Es gibt bereits viele Menschen, die in dieser Weise agieren, und es gibt viel zu tun. Alles ist schon da!

Verzehren

In einer Gesellschaft, in der sich die Teilnehmer:innen in erster Linie als Konsument:innen verstehen, sind die meisten Interaktionen Einbahnstraßen. Zwischen Produzent:in und Konsument:in findet kein Austausch statt. Die erfolgreichsten Produkte sind solche, die wie Aliens auf die Welt kommen. Dinge, die nicht individualisierbar sind, die immer gleich massenhaft auftauchen, die immer wieder durch einen Klon austauschbar sind. Sie haben keine Herkunft, keine Geschichte und keine Zukunft.

Das können Plastiktüten und Pappkartons sein, genauso aber Mobiltelefone, Drucker, Autos, Kleidung, industriell erzeugte Nahrungsmittel … Je verschlüsselter die Herkunft der Produkte ist, desto schwieriger ist es, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Umso schneller verlieren sie unsere Beachtung, ihren Wert, landen sie im Müll. Ich kann zu sehr banalen Dingen eine verantwortungsvolle Beziehung eingehen, wenn ich den:die Hersteller:in kenne, wenn ich das Produkt als ein Ergebnis von individuellem Bemühen verstehe oder es durch Nutzung mit einer »Biografie« aufgeladen ist. Je größer der Anteil an industriellen Produkten in der Dingwelt ist und je weniger Menschen unmittelbar mit der Herstellung von Lebensmitteln und Lebensräumen beschäftigt sind, umso unwahrscheinlicher ist es, dass die Dinge zu einem Verhältnis zwischen den Menschen führen.

Wo Menschen sind, ist auch ein Markt. Jede:r tritt mit Bedürfnissen in den Raum, und jede:r kann mit seinen:ihren Fähigkeiten den Markt bespielen. Der Markt ist der Ort, an dem Menschen zusammenkommen, ohne in einem persönlichen Verhältnis zueinander zu stehen. Was sie verbindet, sind Angebot und Nachfrage, Bedürftigkeit und Fähigkeit, die Möglichkeit des Austausches und der Anteilnahme. Je mehr Menschen zusammenkommen, je sichtbarer wir füreinander sind, umso größer sind die Notwendigkeit, der Wunsch und die Dringlichkeit, am Markt teilzunehmen.

Wenn es aber auf dem Markt nur noch eine Handvoll Anbieter:innen gibt und alle anderen Marktteilnehmer:innen außer Geld nichts mehr zu bieten haben, verliert der Markt seine Funktion als Ort der Teilhabe und Begegnung. Der Markt ist nicht mehr Ort des Austausches, sondern wird zum Ort für Wettbewerb, Konkurrenz und Verdrängung. Dinge zu erwerben ist für die meisten Teilnehmer:innen die einzige Möglichkeit, am Geschehen teilzuhaben, tätig zu sein. Je mehr man hat, desto exponierter ist die Stellung in der Gesellschaft. Je mehr unsere Welt so funktioniert, umso schneller verzehren wir sie.