Nummer 59 Franz Jung Die Zeit geht rückwärts

Die Entfernung, von der aus die berufsmäßigen Kritiker dieser Zeit die Geschehnisse bemessen, ist zu weit. Man kann die Dinge auch aus der Fliegenperspektive betrachten. Vor ein paar Monaten hat ein deutscher Parteiführer in einer flammenden Ansprache an die Jugend die Belange der jeweils herrschenden Generation erörtert und dabei ein Geheimnis verraten, dass die jüngere Kriegsgeneration, die heute am Ruder ist, sozusagen verhindert ist, Opfer zu bringen für irgend etwas Neues, Bewegliches, Zukünftiges; Opfer werden verlangt, eine Jugend wird gesucht, die sich in den Abgrund stürzt. Warum bloß so aufgeregt? Der Mann im Beruf, will sagen in Stellung, der Mensch in der Front einer Idee, mit Weltanschauung, kämpft für diese Front (und auch für die Idee, wird behauptet). Die Generationen folgen einander – – seitdem es in der Welt Geschichtsschreiber gibt. Alle anerkannten Revolutionen, soweit sie in den Schulbüchern gebührend verzeichnet sind, und alle weniger anerkannten, soweit sie das Weltbild von innen und außen entscheidend geändert haben, alle Aufstände und Putsche, alle Massenbewegungen mit bedeutsamen und gleichgültigen Inhalten, alle haben sich immer wieder sofort beeilt zu verkünden: es geht um das Schicksal der Kinder und Kindeskinder: die Zukunft. Das hat der Nazarener mit Thomas Münzer, mit dem Verfasser der Deklaration der Menschenrechte und Lenin gemein. dass die Kinder sich zusammenrotten und die Ungeborenen, um für das Schicksal der Alten zu streiten, ist immerhin neu, im übrigen nicht allein auf die Seite Hugenbergs beschränkt. Die Dynamik im Ideen-Verschleiß hat sich nur geändert. Anzumerken ist als erste und wichtigste Feststellung: die Flucht aus der Zukunft, die Romantik eines Wechsels, der nicht eingelöst wird, bevor er noch ausgestellt ist. Darum voran! Rin in den Dreck! – einer muss ja schließlich reden, denn die Sprache der Ungeborenen ist nur einem Kreis auserwählter Dichter verständlich. Aber kommen Sie mir nicht mit geschäftlichen Sachen, ach –.

Die Geschichtsschreiber werden eben umlernen müssen. Die wundervolle Romantik wird Ihnen geboten mit dem Blick zum Ur-Sein hin. Die Biologen sind gerade dabei, den Tod lebendig zu machen, die große Wandlung hebt an. Erkenne dich selbst aus der Wesenheit der Vergangenheit – – in allem Ernst, wenn auch begreiflicherweise die Chinesen schon dabei sind, diese Dynamik in gute Dollars umzuwechseln. Aber warum sollen wir nicht veröstlichen, wir mit der gequälten europäischen Seele? Der wundervolle Tod weist uns den Weg. Ja, ja, die Dynamik des Weltgeschehens startet auch geistige Bewegung. Noch niemals aber, und das ist wahr, ist eine geistige Bewegung, die von der Gegenwart kommt, und daher, mit Verlaub zu sagen, Erkenntnis ist, gegen die Weltachse angerannt. Die wieder anhebende Erörterung über den Tod deutet darin eine Wandlung an. Ist es Mut oder Feigheit – die Gegenwart ist allerdings beschissen. Abgesehen von den Politikern, die dafür bestellt sind, scheint niemand die Ansicht zu haben, daran etwas zu ändern. Vielleicht sollte jemand ernstlich den Vorschlag machen, Thomas Mann hat es ja unlängst schon in der diesem Dichter eigenen – (wozu?) Weise angedeutet, die Stellung des Politiker- Berufes etwas zu heben, geistig und gesellschaftlich und unabhängig von etwaigen Diäten auch materiell – der bezahlte Mann ist mir sicher. Horoskopie und Graphologie, Selbstzeugnisse und alles was mit der uns noch gelehrten Oberflächen-Psychologie zusammenhängt, sind mehr als unsicher. Man sollte es eben gar nicht soweit kommen lassen, dass der Politiker erst hingehen muss, um zuerst mal den Apparat aufzubauen. Das heißt doch schon von Anfang an gezwungen sein, Geld zu verdienen.

Sehen Sie, wenn der Große Hitler sein Drittes Reich aufzieht, was spielt da schon die Gegenwart für eine Rolle. Die Zukunft, die gewesen ist, vergisst man schnell. Und wer kann schon die Inhalte kaufen?, das frage ich Sie. An der Börse ist diese Ware nicht handelsfähig. Unter Konsumware stellt man sich eine Ware mit bestimmten Eigenschaften vor, zum wenigsten als Voraussetzung. Sie kann verderben und überhaupt faul sein, dafür ist die Versicherung da und eine aufregende Gewinnspanne, aber so geht das nicht. Was ist denn nun mit der Persönlichkeit?

Ausgezeichnete Sache. Über den Verdienst wollen wir noch gar nicht reden. Der Wettlauf um das Persönlichkeits-Programm in der politischen Weltanschauung steht auf totes Rennen. Aber die Parteien, die es mit der Diktatur halten, sind einige Längen nach vorn, die Persönlichkeit des von Apparat und Ideen und bestimmten Idealen Beherrschten, warum auch nicht? Um der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn man es nicht so laut zu sagen fertig bringt, schließlich baut sich auch die Demokratie auf der Persönlichkeit auf. Schließlich aber ist das Ziel jeder Diktatur die Demokratie, nicht? So hört man wenigstens hier und da. Und die Demokratie hat alle Federn eingespannt, dass zur Verteidigung der Menschenrechte und der übrigen Grundlagen eines wahren Volksstaates kein Gesetz scharf genug sein kann, den Gegner zu beseitigen. Kunststück, weil längst der ganze Schwindel aufgeflogen wäre. Der Zauber dieser romantischen Vorstellung liegt eben darin, dass wir das Gehör verloren haben oder noch nicht gefunden für die Sprache der Ungeborenen, Kunststück.

Aber warum ackern die Leute eigentlich nicht auf dem neuen Rohstoff. Die Nachrichten aus Russland lauten spärlich, und werden vorerst von Interessenten zerknautscht. Interessant wäre doch eine Erhebung darüber zu lesen, zu welchem Erfolg die kommunistische Gewissenerforschung, die für jeden Funktionär wie für jeden Parteimann gilt, geführt hat und auf welchem Gebiete. Die Berufe sind zu erfassen, die Auswirkungen in der Familie, auf der Straße, in der Massenversammlung, die Beine, die Genitalien, das Herz und das Hirn. Die Auswirkungen auf die Funktion dieser mit Recht so gerühmten körperlichen Organe, das Sehen und Hören und der Geschmack und so weiter – Statistik her! Haben die Mathematiker vor bestellten Lustspieldichtern das Feld geräumt? Der deutsche Parteikommunismus hat sich gescheut, diese so zielbewusste Methode der Beherrschung der Persönlichkeit zu importieren. Darin sind ihnen die Peges von den S.A.’s zuvorgekommen. Die Erneuerung, die nationale Revolution vollzieht sich kalt und unerbittlich in der präzisen Abrechnung der aufgewandten Spesen. Versteht sich: geistiger und idealer, und nicht zu vermeiden, auch materieller Art. Oberster Grundsatz: Die Zukunft berechnet keine Spesen, die Vergangenheit doppelte, und die Gegenwart wird angeschrieben.

Ach mein Großer, warum beackert denn niemand das Feld der Persönlichkeit? Wenn man einen Rohstoff marktgerecht umsetzen will, muss man sich auf die Kenntnis von Vorkommen und Produktionsbedingungen stützen und nicht zuletzt muss man natürlich auch Vorsorge dafür getroffen haben, dass Händler und Verbraucher irgendwie zumindestens am gleichen Strick ziehen. Wie man dann im einzelnen damit fertig wird, das steht ja auf einem ganz anderen Blatt. Es sieht augenblicklich nur so aus, als ob sich niemand richtig rantraut. Der Kampf nach innen, das ist Vorbedingung einer Entwicklung der Persönlichkeit; nicht so stürmisch. Da steht schon wieder die verdammte Generation dazwischen. Sowjetrussland frisst schon, wenn man die 1905er als erste Generation rechnet, an der dritten. Da reden nicht Moralgrundsätze mit, sondern dynamische Berechnungen, und wer sich darüber ereifert, redet Unsinn. Italien ist eben dabei, die Generationsgrundlagen rauszuschälen, um das Reservoir eines Kraftwerks benutzbar zu machen. In Deutschland haben wir die Nachkriegsgeneration spazieren geschickt, und man kann sich nicht wundern, wenn sie plötzlich so greisenhaft erscheint. Ängstlich und im Flüstertone wird hier und da von Krieg gesprochen. Ich meine nicht die angedrehten Marktschreier und die Ungeborenen.

Was soll denn weiter sein –? Wer mit Weltanschauungen umgeht und wer den Weltanschauungen einen gegenwärtigen materiellen Inhalt geben will, der – hat man gelesen – setzt sich gewissen Gegenwirkungen aus. Es soll ja Leute geben, die nur mit dem Gebetbuch bewaffnet im Dschungel jagen gehen. Aber das können nur wenige und vor allem verlangt das ein raffiniertes Training; da muss die Zukunft schon verdammt weit in die Vergangenheit gerutscht sein. Das kann ja auch nicht das Ziel sein. Die Persönlichkeit, die entwickelt werden soll, wird ja – unter uns gesagt – nur für einen allgemeinen Durchschnitt an Ideen und Idealen, Kenntnissen und Sicherheiten im Lebens-Ziel und -Auffassung bewusst gemacht. Oder: Disziplin muss geölt werden, sagt irgendwer. Außerdem muss man auch angreifen lernen, oder etwa nicht? Und dabei muss man aufpassen, nicht gegen Windmühlen zu rennen. Besser ist schon, immer gleich gegen den Nebenmann vorzugehen. Schon allein zum Training und so. Und dann findet sich schon das weitere. Erstaunlicherweise, und Wunder aller Romantik, die Front verbreitert sich. Es ist doch nun einmal so, machen wir uns doch nichts vor, die Zeit der Außenseiter ist wieder über uns. Die Leute flüchten, weil kein Gegner vorhanden ist, ich meine die Intelligenzen. Der Schwindel in dieser so beschissenen Zeit geht nämlich zum Schluss darauf hinaus, dass man wieder einsam sein muss, damit man nicht in die Gefahr gerät, alle Welt umarmen zu müssen. Die Misanthropen und Weltschmerzler und alle die Leute, die Sie in einem gedruckten Katalog finden, sind ja so museumsreif.

Damit darf ich schließen. Nach dem Vorbilde ausgezeichneter Wissenschaftler fasse ich zusammen.

Ich fordere:

Erschrecken Sie nicht wegen eines Wortes, das Sie möglicherweise in Onkel Toms Hütte gelesen haben. Der Aufbau einer neuen wirtschaftsgebundenen Welt, die nach Erzeugung und Verbrauch reguliert werden soll, ist unter den von dieser Generation gegebenen Voraussetzungen nur möglich in einer Umstellung der Gütererzeugung von ganz phantastischem Ausmaß. (Die Rationalisierung der heutigen amerikanischen und europäischen Klamotten-Industrie vergleichsweise in dem Ausmaße der oben angedeuteten gegenüber, als ob die Bleistifte im Büro plötzlich von rechts statt von links angespitzt werden, hat schon einige Milliarden verschlungen, wofür die nächsten Generationen noch ganz hübsch zahlen werden, Spesen wie alte und neue Kriege mit einbegriffen.) Also, Geld ist notwendig. Es sei denn, man erzeugt das Geld, das man sonst dem Besitzer im Weltmaßstabe wegnehmen muss, dieses Geld auf chemischen Wege, synthetisches Geld, etwas, woran man glaubt, wie an gemünztes Gold, Geldeswert. Dieser Geldeswert, so sagen einige Leute, und nicht die Schlechtesten, ist die Arbeitskraft und Produktion des Menschen, die menschliche Leistung, der Mensch schlechthin. Mit dieser Ware, jetzt Geldeswert geworden, soll man vorsichtig umgehen. Oder glauben Sie, dass Geld, Lohn und die dreckige Bezahlung heute noch das allein Ausschlaggebende ist, um beispielsweise für einen Betrieb die Belegschaft zusammenzuhalten? Und haben wir eigentlich ein Interesse daran, den paar Schwachköpfen, die auf ihren Geldsäcken sitzen, die Verantwortung abzunehmen? Vorläufig hat noch jeder seine bestimmte Weltanschauung und seinen religiösen Kult, unter denen er sich von innen und von außen wäscht. Daher weg mit der Freizügigkeit, und zwar in jeder Beziehung, der geistigen und der materiellen, der privaten und gesellschaftlichen. Der Völkerbund soll ein Preisausschreiben erlassen, ein gangbares Wort für das obenerwähnte, so schamhaft Verhüllte zu finden.

Daraus ergibt sich zwangsläufig auch die zweite Forderung:

Weiter nichts, als dass das Passwesen erweitert wird. Die Gedankenfreiheit ist doch nichts als überalterter Humbug – ich will schon gar nicht darüber sprechen, dass es heute zur guten Erziehung gehört, dem andern die Gedanken abzulesen, mehr noch, dem andern erst Gedanken zu entwickeln, die dann der Nebenmann ruhig ablesen soll, noch mehr sogar, den andern in das geistige Vacuum zu setzen, mit Gedanken, mit Idealen und Genie zu füttern, wenn es die Dynamik für irgendeinen beliebigen Zweck, in den ja doch irgendwie jeder Mensch eingespannt ist, verlangt. Na also. Die Persönlichkeit, überspitzter Individualbegriff, wird registriert, durchleuchtet, ausgewalkt und geknetet und geformt, wie es das Gesetz vorschreibt. Denn mit dem heutigen Paragraphen-Wald kann doch kein vernünftiger Mensch mehr etwas anfangen. Jeder Paragraph wird von jedem Menschen jeden Tag hundertmal übertreten, im Traum, in einer phantasiebegabten Assoziation, im Wunsch, den zu entfesseln sich nur ein x-beliebiger hinzusetzen braucht, der mit Denken loslegt. Die Gesetzmaschine wird man also anders fassen müssen, wenn man denselben Zweck erreichen will, oder sind Sie nicht auch der Meinung, dass nur der Lebensuntüchtige und der ausgesprochene Schwächling mit der heutigen Gesetzesmaschine aneckt? Deswegen also vereinfache man das Ganze durch einen Pass, in dem die Gedanken und Gefühle, der Willen und alles Zwischenstufige, mit dem sich andere Leute noch befassen mögen, in ihrem dem Träger zugeschriebenem Umfange vorher niedergeschrieben sind – ein Blick darauf genügt und erspart ganze Bibliotheken, Kulturen und den Beamtenapparat seit der Sintflut. Die dritte Forderung habe ich für ihre endgültige Formulierung noch nicht gestreift, ich kann sie nur andeuten, um auch etwas Praktisches anzubringen. Ich fordere:

Das Brot muss vom Tisch verschwinden. Es muss aus dem Hirn des Menschen in der geistigen wie in der materiellen Bedeutung ausgelöscht sein. Bilder, die flimmern, stören die Sicht. Aber es wäre auch sonst ganz gut, wenn man es aus der in der Gegenwart so aufgeblähten Ernährungsfrage herauslösen würde. Schließlich ist das ein Prozess, der sich von selbst entwickelt, im Augenblick bauen ja die Vitamin-Fritzen schon ab. Die Landwirte werden zur Drei-Felder-Wirtschaft zurückkehren müssen, nachdem die chemische Industrie und die Düngemittelwirtschaft die Erdkruste jetzt für Generationen verdorben hat. Im Dahlemer Entomologischen Institut werden schon die Regenwürmer gezüchtet, die den versäuerten und verbrannten Boden, der die Pflanzen vergiftet, beackern sollen. Das wird eine lange Geschichte werden, und man wird aufschreiben müssen, dass nach einigen hundert Jahren darüber nachgefragt werden soll. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Gesellschaftsbildner, dass die Ernährung immer als Mittel hingestellt wird, wo sie, aber ich bitte das nicht wortwörtlich zu nehmen, Ausgang und Ursprung ist. Na und wenn schon. Die Biologen werden sich nur etwas beeilen müssen, einen anderen Menschen-Bau hinzustellen. Diesen Menschen nur wird der Begriff „Brot“ unbekannt bleiben müssen. Vorher werden einige hundert Millionen in diesen Zwischenstufengenerationen noch verhungern und zugleich vergiftet werden. Für heute genug. Die Zeit geht rückwärts, und auf später –.

(1930)