Ein Vorschlag, so schnell wie möglich alle sozialen Netzwerke zu verlassen*
Seit der Übernahme durch Elon Musk im Jahr 2022 wurde die digitale Plattform Twitter – im folgenden Jahr in X umbenannt – schnell zu einer Propagandamaschine im Dienste ihres neuen Eigentümers und von Donald Trump sowie einer offenen, brutalen, hasserfüllten rechtsextremen Ideologie entwickelt, einem Gemisch aus Fremdenfeindlichkeit, weißem Vorherrschaftsstreben, Verherrlichung von durch Waffen und Technologie verliehener Stärke, Männlichkeitskult und Libertarismus, Eugenik und Transhumanismus.
Bereits zum Zeitpunkt der Übernahme gab es einige Aufrufe, dieses »soziale Netzwerk« zu verlassen, doch mit der Wiederwahl Trumps im November 2024 nahmen sie zu und lösten weltweit Debatten aus, vom äußersten linken bis ins mittlere politische Spektrum. Einfache Bürger, bekannte Aktivisten und Intellektuelle, Kollektive und sogar große europäische Medien (The Guardian, Mediapart…) haben »X verlassen« und andere dazu aufgerufen, es ihnen gleichzutun, um ihre Ablehnung der ideologischen Präferenzen des Eigentümers zum Ausdruck zu bringen und so dazu beizutragen, den Einfluss eines Musk, der sich eindeutig im Zentrum der politischen Macht der USA festgesetzt hat, zu begrenzen.
Doch selbst im Rahmen der (Online-) Kampagne »HelloQuitteX« zur konzertierten Abwanderung ist keine umfassende Debatte über die generelle Relevanz der Nutzung sozialer Netzwerke entstanden. Wir schreiben diesen Text, weil uns sowohl die Begründungen der Weigerungen, X zu verlassen, als auch die mehr oder weniger zufriedenen Abwanderungen zu anderen Plattformen, wo der Himmel blauer sein soll, erstaunt haben.
So sind wir sehr enttäuscht über die Haltung eines Mediums wie Reporterre, wo man sich zunächst nicht vorstellen konnte, weiterhin über die Zerstörung der natürlichen Umwelt und der sozialen Beziehungen zu berichten – ohne regelmäßige Tweets.i Als der damals noch die Redaktion leitende Hervé Kempf – obwohl Autor treffender Analysen des transhumanistischen Kapitalismus – erst nach dem Start der kollektiven Initiative »HelloQuitteX« eine Kehrtwende vollzogii und die Bildung von »Netzwerken als öffentliche Dienstleistung« forderte und eine »digitale Selbstverteidigung des Volkes« – unserer Meinung nach reine Schimären. Wir sind jedoch ebenfalls schockiert über die Erklärung von Soulèvements de la Terre, in der sie ihre politischen Gründe für das Verlassen von X darlegen und dabei so tun, als würde ihre »Präsenz« auf Facebook nicht dieselben Probleme aufwerfen, angesichts der jüngsten ideologischen Entwicklung von Mark Zuckerberg und des Beitrags seiner Plattform zum Zustand der Welt seit zwanzig Jahren. Scheinbar unterschiedliche Optionen also, aber mit einem gemeinsamen Ziel: weiterhin in das Internet zu investieren, um dort eine »linke Sphäre (…) zu schaffen, die stärker als die Faschosphäreiii ist«.
Als 2011 alle Medien und die gesamte Aktivistenszene die »Facebook-Revolutionen« in der arabischen Welt feierten, gehörten wir zu den Skeptikern. Die damals weit verbreitete Idee, dass soziale Netzwerke an sich das Entstehen neuer demokratischer Bestrebungen und einer kollektiven Intelligenz begünstigten, die es leichter machen würde, die alten Diktatoren „zu vertreiben“, erschien uns unbegründet.iv Allerdings konnten wir uns auch nicht vorstellen, dass diese Netzwerke beim »weltweiten Aufstieg autoritärer, nationalistischer und religiös-fundamentalistischer Bewegungen (oder Regime)« eine entscheidende Rolle spielen würden.v
Ist es nicht an der Zeit, eine ernsthafte und konsequente – politische, ökologische, menschliche – Bilanz dieser digitalen Systeme zu ziehen? Was haben sie – wem und zu welchem Preis – gebracht? Was haben sie uns genommen, was zerstört? Was haben sie verändert? Selbst angesichts katastrophaler gesundheitlicher und ökologischer Befundevi, selbst angesichts der offensichtlichen Rolle sozialer Netzwerke bei der Förderung rechtsextremer Ideen und Verhaltensweisen, weigert sich die Linke hartnäckig, die sich aufdrängenden Konsequenzen zu ziehen. Angefangen bei der grundlegendsten: anzuerkennen, dass diese Netzwerke allein aufgrund der Tatsache, dass Milliarden von Menschen sie regelmäßig nutzen, eine außerordentliche Konzentration von Kapital und Macht mit sich bringen.
Der Triumph der Zahl
Die Funktionsweise sozialer Netzwerke ist natürlich nicht erst seit der Übernahme von X durch Elon Musk bekannt. Wie der Mathematiker David Chavalarias betont, »basieren soziale Netzwerke – sei es Twitter, Facebook oder andere – konstruktionsbedingt auf ›Engagement‹, d. h. sie versuchen, die Zahl der geteilten Inhalte oder der likes usw. zu maximieren.«vii Hier erkennen wir ein wesentliches Merkmal der kapitalistischen Produktionsweise wieder, auf das Marx schon hinwies: Ob es nun um die Herstellung von Spielzeug oder von Bomben geht, wird Arbeit hier, wenn sie für die Massenproduktion bestimmt ist, zu einer abstrakten Quantität, einer Anzahl von Stunden, die einem Geldbetrag entspricht. Auf gleiche Weise zählt bei einer Nachricht in den sozialen Netzwerken nicht ihre Qualität, sondern die Quantität der »Reaktionen«, die sie hervorruft. Es spielt keine Rolle, ob diese Reaktionen überschwänglich oder hasserfüllt sind, lapidar oder argumentativ, ob sie auf einer aufmerksamen Lektüre beruhen oder nicht… Was zählt, ist die Zahl dieser digitalen Äußerungen, nicht ihr Inhalt.viii
Diese abstrakte Quantität wird durch eine algorithmische Sortierung optimiert: Wenn deine Nachricht nicht schnell eine Massenreaktion hervorruft, wird sie aussortiert. Automatisch ersetzen Nachrichten, die (negative) Emotionen hervorrufen, tendenziell diejenigen, die Zeit erfordern. Das Prinzip der Fernsehquoten, nun durch die Rechenleistung von Computern unterstützt. So breitet sich die Herrschaft der quantitativen Logik aus, die Verstärkung einer »von Zahlen dominierten Welt«, wie Georges Bernanos bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb.
Zu diesem Prinzip der Mengen-Steuerung ihres Datenverkehrs fügen die größten sozialen Netzwerke unfaire, undurchsichtige und rückwirkende Regeln hinzu: das Unsichtbarmachen bestimmter Äußerungen nach ideologischen Kriterien, die Überwachung des Online-Verhaltens, die Erfassung von Internetnutzern. Regeln, die bei einem physischen Nachrichtendienst mehr Widerstand hervorrufen würden… Wie Chavalarias zusammenfasst, ist es, als würde »die Post Ihnen sagen: ›Ich kann Ihre Post lesen, ich kann sie öffnen, ich kann sie ändern, ich kann entscheiden, ob ich sie zustelle oder nicht, und ich habe das ausschließliche Recht, den gesamten Inhalt der Briefe, die Sie erhalten oder versenden, nach Belieben zu verwenden‹«. Wie könnten unter solchen Bedingungen in diesen »Räumen« kritische Ideen und Strömungen hegemonial werden? Wie kann man hoffen, in den Netzwerken einen Kapitalismus zu untergraben, der von den Digitalgiganten dominiert wird?
Das erniedrigte Wort
Das Problem reicht jedoch noch tiefer. Die massive Nutzung von Plattformen, die nach den oben genannten Prinzipien funktionieren, verändert unsere Beziehung zur Welt, zu anderen und zu uns selbst. Vom durchschnittlichen Internetnutzer, der im Netz präsent sein möchte, bis hin zu professionellen Kommunikatoren (einschließlich Journalisten), die nach den neuesten algorithmischen Entwicklungen Ausschau halten, um ihre Reichweite und ihren Einfluss im Internet zu steigern, ist jeder zu einem »Produzenten von Inhalten« in einer Ökonomie geworden, die sich die »digitale Aufmerksamkeit« zunutze macht – in diesem Fall wäre es zutreffender, von einer Ökonomie der Unaufmerksamkeit zu sprechen, da diese Abhängigkeit von Netzwerken zu einem raschen Schwinden der Fähigkeit führt, sich selbst aufs einfachste Thema zu konzentrieren. Die Konkurrenz um die Gehirnzeit der Zu-Beeinflussenden ist hart und führt unweigerlich zu einer Überproduktion von Nachrichten. Es muss mehr und es muss schneller publiziert werden. Das heißt: publizieren, egal was, um den Cyberspace zu füllen.
Auf den Bildschirmen verdrängen die Bilder den Text endgültig. Doch auch wenn ein Bilderstrom Teil unseres animalischen Geistes ist, verkörpert sich unser menschliches Denken vor allem im Wort. Mit zunehmender Beschleunigung des Produktions-Publikations-Rhythmus’ werden die Nachrichten immer kürzer, die Bilder selbst immer dynamischer, »multimedialer«, synthetischer. Infolge dieser Verflachung werden die kollektiven Vorstellungen immer schematischer.
In diesem ohnehin schon sehr problematischen Zusammenhang ist das jüngste Aufkommen der automatischen Generierung von Texten, Bildern und Tönen weder eine Zäsur noch eine Abweichung. Chatbots wie ChatGPT und Co. stehen in der Kontinuität von Suchmaschinen, „Expertensystemen” von Unternehmen und Chatbots zahlreicher Websites, die es bereits seit mehreren Jahren gibt. Sie sind ein Ergebnis des oben beschriebenen Informations-Produktivismus und können diesen nur noch weiter anheizen. Dadurch werden sie die psychischen, sozialen und politischen Logiken, die bereits in den sozialen Netzwerken am Werk sind, noch verstärken, d. h. die Weiterentwicklung einer Gesellschaft der Abwesenheitix, in der den Menschen die Welt zunehmend ins Haus geliefert wirdx und die triebhafte Dimension unserer Existenz beispiellosen Raum erhält.
Nachdem sich Ende der 2000er Jahre ein Großteil der Bevölkerung auf soziale Netzwerke und Smartphones gestürzt hatte, beschäftigt sich nun ein bedeutender Teil der Bevölkerung mit »künstlicher Intelligenz«. Fast 12 Millionen Franzosen nutzen bereits Chatbots vom Typ ChatGPT, um Antworten auf die verschiedensten Alltagsprobleme zu finden.xi Mehr denn je sehen wir uns mit dem spontanen Erfolg von Technologien konfrontiert, die auf Kosten eines absurden Verbrauchs von Strom und seltenen Metallenxii die Kluft zwischen der Realität und unseren Projektionen, zwischen unseren elementaren Bedürfnissen (oder Wünschen) und den Mitteln zu ihrer Verwirklichung verringern wollen. Aus dieser Kluft entsteht jedoch für jeden Einzelnen die Notwendigkeit und der Wille, seine Situation und die Welt zu verändern. So erweisen sich die gespenstischen Stimmen von Chatbots und anderen Sprachassistenten als gefährliche Waffe im Dienste der Faulheit, der Bewegungsarmut und der Schwächung der Lebensfreude – aber auch der Kampfeslust. Als Teil dessen, was das Internet seit seinen Anfängen bietet, gehen sie in Richtung einer schrittweisen Aufgabe des Selbst zugunsten einer universellen und anonymen Maschinerie, die Herdenverhalten und eine erhöhte Empfänglichkeit für autoritäre Diskurse erzeugt.
Die Prämie auf Brutalität
Es ist höchste Zeit zu begreifen, dass die extremen Rechten in den sogenannten sozialen Netzwerken zu Hause sind. Das Problem ist nicht, dass die »progressiven Kräfte« nicht genug in das Internet und die Plattformen investiert haben; ganz im Gegenteil, sie haben es als Erste getan, in der Annahme, dass das universelle Netzwerk den Triumph ihrer Ideen ermöglichen würde. Doch sobald die Mehrheit der Bevölkerung online war, traten andere Akteure auf den Plan und nutzten geschickt die algorithmischen Funktionsregeln der Plattformen aus, Regeln, die die Simplifizierung von Fragen, die Brutalität von Äußerungen und das Herdenverhalten begünstigen. Das haben insbesondere die russischen Geheimdienste und Einflussagenturen, die Terrorunternehmer des Islamischen Staates, die hinduistischen Nationalisten und außerdem eine wachsende Zahl von Ideologen der europäischen wie amerikanischen extremen Rechten begriffen.
Die erbaulichen Ergebnisse dieser Entwicklung finden sich beispielsweise in einem Bericht von Le Monde diplomatique über das Leben auf dem Land und in Kleinstädten Ostdeutschlands, in dem der Autor die Veralltäglichung einer maskulinistischen Subkultur mit Bildern von Körperstärke und offenen Verweisen auf das Naziregime und dessen Ideal der rassischen Reinheit feststellt.
Zu diesem militanten Netzwerk kommt das digitale Netzwerk hinzu: Sehr früh (sic) hat die extreme Rechte massiv in eine Kommunikation investiert, die auf die von Jugendlichen am häufigsten genutzten sozialen Netzwerke zugeschnitten ist, insbesondere TikTok, aber auch Instagram, Snapchat, WhatsApp und YouTube. Die Junge Alternative jongliert geschickt mit dem Algorithmus von TikTok, um eine maximale Viralität zu erzielen, unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Nachrichten – man weiß, dass die polarisierendsten Nachrichten oft die meisten Klicks erzielen, insbesondere diejenigen, die sich mit der Migrationsfrage befassen. (…) Das Ergebnis lässt sich in Bezug auf die Sichtbarkeit, aber auch die Zentralität messen: Isoliert im institutionellen politischen Spiel, verkörpert die AfD in den Augen ihrer jungen Sympathisanten nicht mehr jene extremistische und marginale Partei, der man misstraut. Man versteckt sich nicht mehr, wenn man ihr beitritt (…). Jugendliche und junge Erwachsene sind nicht unbedingt von ihren Thesen überzeugt; viele wollen einfach nur »dazugehören«, Teil einer attraktiven Gruppe junger Leute sein, die ihre Gewohnheiten, ihren Dresscode, ihre Sprache, ihre Witze, ihre charismatischen Anführer, ihren Ruf, ihre blonden Mädchen mit selbstbewusstem blauen Blick und ihre Jungs mit Kurzhaarschnitt hat. »Heute ist es total cool oder ganz normal, rechtsextreme Slogans in seiner Garage oder seinem Zimmer zu zeigen«, sagt Ocean Hale Meißner, ein junger Anti-AfD-Aktivist aus der sächsischen Kleinstadt Döbeln.xiii
Ähnliche Feststellungen gelten für den Fall Andrew Tate, einen skrupellosen Angloamerikaner, der in mehreren Ländern wegen Menschenhandels, Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs angeklagt ist und öffentlich erklärt: »Ich bin ein Mann, der Frauen schlägt, also passt auf, denn ihr seid die Nächste« “, und für dessen Freilassung sich Donald Trump persönlich eingesetzt hat:
In Großbritannien findet Andrew Tate bei Teenagern großen Anklang: 84 % der 13- bis 15-Jährigen haben bereits von ihm gehört. Studien haben gezeigt, dass der Anstieg der Gewalt gegen Frauen im Land mit der Radikalisierung junger Menschen im Internet unter dem Einfluss von Personen wie Andrew Tate zusammenhängt. Die Vergewaltigungsvorwürfe haben die Popularität dieser Maskulinisten nicht geschmälert, im Gegenteil: Die Community von Andrew Tate steht weiterhin geschlossen hinter ihm und (…) spricht von einer Verschwörung. Es wurden sogar Kundgebungen organisiert, insbesondere in Athen, um die Freilassung von »Top G« [einer seiner Spitznamen] zu fordern. Auf internationaler Ebene war Andrew Tate 2022 der meistgegoogelte Mann der Welt.xiv
Schrumpfende gemeinsame Welt, Rückzug auf sich selbst
Angesichts solch gravierender Regressionen muss man sich zunächst fragen, wie es dazu kommen konnte, um zu erkennen, was zu tun ist. Weder das Fortbestehen rassistischer und patriarchalischer Denkmuster in Gesellschaften weltweit, noch das Geschick einer Reihe von Kommunikatoren und Intellektuellen der extremen Rechten sind unserer Meinung nach ausreichende Erklärungen. Um zu verstehen, was mit uns geschieht, muss man sich zwangsläufig mit der Großen digitalen Transformation befassen, die seit etwa zwanzig Jahren die Psyche, die menschlichen Beziehungen und die Art und Weise, wie wir in der Welt leben, tiefgreifend (und immer schneller) verändert. Unsere Genossen von der Zeitung Le Postillon bezeichnen dies als »die große technologische Abkühlung«, deren Tragweite sie mit derjenigen der globalen Erwärmung vergleichen: »Die Tatsache, dass die Welt mit dem Einzug der Technologien immer ›kälter‹, distanzierter, roboterhafter und körperloser wird, was nur dazu führen kann, dass man sich noch mehr in sich selbst zurückzieht, der Individualismus zunimmt, die Spannungen wachsen und damit letztlich auch die rechtsextremen Parteien.«xv
Wie vor einem Jahrhundert kann der Erfolg von Bewegungen, die sich zu Autoritarismus und Gewalttätigkeit bekennen, nicht losgelöst von einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet werden, von den Auswirkungen des industriellen Kapitalismus auf die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung, aber auch auf die Mentalität und die Struktur der Lebenswelt. Was Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft als förderlich für die Entwicklung totalitärer Verhaltensweisen beschrieben hat – die Vereinzelung am Arbeitsplatz und im Alltag, der Verlust der gemeinsamen Welt in einer Massengesellschaft, die Verfälschung der Tatsachen im Propagandakrieg –, all das findet sich in verschärfter Form in der kontaktlosen Gesellschaft wieder, in der ein Großteil der Leute online arbeitet, sich online informiert, online konsumiert und bezahlt, online staatliche Dienstleistungen in Anspruch nimmt usw. Die kollektive Internet-, Soziale-Netzwerk- und Videospiel-Sucht ist sowohl ein Produkt als auch ein Verstärkungsfaktor der tiefgreifenden Isolation von Millionen von Personen, ob arm oder nicht, der Verödung der Innenstädte, des Verschwindens von Schaltern für öffentliche Dienstleistungen sowie von Kneipen und Lebensmittelgeschäften.
Deshalb lässt sich laut Boris Grésillon, dem Reporter von Le Monde diplomatique in Ostdeutschland, die Popularität der AfD bei Jugendlichen auch nicht allein mit ihrer geschickten Strategie in den sozialen Netzwerken erklären. Am Ende des oben zitierten Abschnitts fügt er hinzu: »Der Einfluss rechtsextremer Bewegungen wurde durch die Schließung von Kultur- und Begegnungsstätten sowie durch das Verschwinden zahlreicher Vereine und Jugendhäuser erleichtert, also von Mikrostrukturen, die eine Alternative zur Alternative bieten könnten.«xvi
In Anlehnung an die Einsichten von Pier Paolo Pasolini aus den 1970er Jahren muss die Wiederaufleben des Faschismus als Ergebnis der produktivistischen und konsumistischen Muster der Industriegesellschaften verstanden werden. Kurzfristig betrachten wir es als Ergebnis der durchgreifenden Kommerzialisierung und Digitalisierung der beiden zurückliegenden Jahrzehnte, die eine Welt hervorgebracht haben, in der die Menschen sich hochgradig isoliert in ihren Wohnungen vor ihren leuchtenden Bildschirmen wiederfinden und sowohl was ihre Sozialkontakte als auch was ihre Informationen anbelangt von Algorithmen abhängig sind. Eine Welt, in der die Subjektivitäten, die Wünsche und die kollektiven Gefühle serienmäßig vom Marketing und von der Kulturindustrie hergestellt werden.
Es führt wahrscheinlich in die Irre, wenn man die Ideen der extremen Rechten als »schlechte Lösungen« bekämpfen will, die es zu diskreditieren gilt. Viele auf der Linken glauben immer noch, dass man diese Ideen daran hindern kann, sich in den Köpfen der Menschen festzusetzen, so wie man eine Schar bösartiger Vögel verscheuchen würde. Die aktuelle politische Lage ist jedoch nicht nur das Ergebnis einer ideologischen Offensive. Sie ist auch und vor allem das Ergebnis einer sozialen Desintegration, einer Neugestaltung der menschlichen Beziehungen durch Geld und Technologie, die die negativsten Gefühle für einen Menschen hervorrufen, wie Pacôme Thiellement treffend beschrieben hatxvii: Unsicherheit, Abhängigkeit, Ohnmacht, Wut und Selbstverachtung, Zynismus, Voyeurismus.
Aber was tun?
Man sagt uns: »Eure Kritik an der Digitalisierung ist (im Großen und Ganzen, teilweise oder vollständig) richtig, aber man muss die ernste politische Lage berücksichtigen. Wir können ein Terrain nicht aufgeben, nämlich das der sozialen Netzwerke und des Internets, wo die extreme Rechte in der Offensive ist und dabei ist, eine Vormachtstellung zu erringen. Man muss präsent sein und zurückschlagen.«
Nein: Die extremen Rechten werden nicht zurückweichen, ohne dass sich die Welt verändert, ohne dass die Gesellschaften (wieder) eine andere Struktur annehmen; Hassreden, Intoleranz, Aufrufe zu Gewalt und zum Bürgerkrieg werden nicht unterdrückt werden, ohne dass die digitale Blase platzt, die immer mehr Menschen einschließt. Anzunehmen, diese identitären Phänomene seien mit Kurzformaten, Online-Auseinandersetzungen und adrenalingeladenen Videos zu bekämpfen, ist eine Illusion und kann sogar die Spaltung der Gesellschaft, wie wir sie kennen, noch verschlimmern.
Uns ist klar, dass unser Aufruf, alle sozialen Netzwerke so schnell wie möglich zu verlassen, angesichts der Gewohnheiten, die viele angenommen haben, nur Verlegenheit und Erstaunen hervorrufen kann. Aber wir können nur erneut warnen: Wenn heute kein entsprechendes Bewusstsein geschaffen wird, wenn wir jetzt nicht aus dem Zug aussteigen, wird es in zwei, fünf oder zehn Jahren noch nötiger und noch schwieriger sein…
Wir haben kein Patentrezept, um diese dringende politische und kulturelle Aufgabe der digitalen Entgiftung für alle zu erleichtern. Was bleibt uns anderes übrig, als ehrlich, individuell und gemeinsam, darüber nachzudenken? So weit wie möglich aus der digitalen Sphäre auszusteigen – so weit, wie es die (unter anderem finanziellen) Zwänge, denen Personen, Vereine oder Unternehmen unterliegen, zulassen. Dies zu einer existenziellen und politischen Priorität zu machen. Und parallel dazu in alle Initiativen zu investieren, die dazu beitragen können, die reale Welt wieder zu verknüpfen, zusammenzuflicken und ihr wieder eine Konsistenz zu verleihen, die es ermöglicht, den digitalen Schraubstock zu lockern, in dem sich so viele Leute gefangen – oder wohl fühlen. Wieder zu lernen, Ideen in der realen Welt zu verbreiten, so beschädigt und verödet sie auch sein mag: die jungen (und die weniger jungen) Leute auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, an Kreisverkehren, vor den Gymnasien, den Stadien und den Einkaufszentren anzusprechen… Sich den bestehenden Widerständen gegen die Digitalisierung öffentlicher Dienste, Schulen und Universitäten anzuschließen.xviii
Und schließlich das industrielle und politische Projekt, mit dem wir es zu tun haben, beim Namen zu nennen: den Transhumanismus.
Seit wann ist Elon verrückt?
Genauso wie wir uns an den Aufrufen, (nur) X zu verlassen, stoßen, behagt uns die plötzliche Fokussierung auf die Person Elon Musks nicht. Denn schließlich ist diese Person nicht im Jahr 2024 in der Öffentlichkeit und den Medien urplötzlich aufgetaucht: Sie ist seit mindestens fünfzehn Jahren ein führender Industrieller, dessen Bekenntnis zu einer libertären und transhumanistischen Ideologie durchgängig und nicht zu überhören war.
Natürlich sind Musks Äußerungen und Handlungen in den letzten Monaten abscheulich und ohne Wenn und Aber zu verurteilen: Anstiftung zu rassistischen Unruhen in England im Sommer 2024; uneingeschränkte Unterstützung für Trumps Kreuzzug gegen Einwanderung und den »Woke-Virus«; Unterstützung der AfD bei den deutschen Wahlen; Eingreifen zugunsten der Weißen in Südafrika, seinem Herkunftsland, gegen ein Gesetz zur Umverteilung von Agrarland; Unterstützung von Andrew Tate und seinem Bruder angesichts der schweren Vorwürfe, die gegen sie erhoben werden; Hitlergruß im Fernsehen, im Januar 2025… Aber wer kann auf die Idee kommen, dass Musks Äußerungen und sein Verhalten erst seit einigen Monaten schockierend sind? Musste man wirklich bis Ende 2024 warten, bis der größte Industrielle der Welt die Missbilligung eines Großteils der Weltöffentlichkeit auf sich zog? Wie können Anti-Trump-Wähler, selbst wenn man zugesteht, dass es sich um eine gewisse Portion Humor handelt, Aufkleber für Tesla-Besitzer drucken, auf denen steht: »Sorry, ich habe dieses Auto gekauft, bevor ich wusste, dass Elon verrückt ist«?
Die industriellen Projekte von Elon sind von Anfang an offensichtlich monströs. Es ist Wahnsinn, vollautomatische Fahrzeuge bauen zu wollen und gigantische Tunnel durch Berge zu bohren, um dort Boliden mit Hunderten von Kilometern pro Stunde (Hyperloop-Züge oder Autos) fahren zu lassen. Es ist Wahnsinn, Zehntausende von Satelliten in die niedrige Umlaufbahn zu schicken, damit kein Winkel der Erde von der Verbreitung des Internets ausgeschlossen bleibt. Es ist Wahnsinn, an einem Projekt für eine Reise zum Mars zu arbeiten, deren Ziel es wäre, einen Heimathafen für die Menschheit außerhalb ihres Heimatplaneten zu schaffen. All dies ist bereits ein Zeichen von Hybris, des obsessiven Willens, Macht und Stärke zu konzentrieren, der Rücksichtslosigkeit gegenüber ökologischen und sozialen Belangen.
Aber da ist noch mehr: Eines von Musks Unternehmen, Neuralink, arbeitet seit langem daran, das menschliche Gehirn mit Computern zu verbinden. Neben vagen Rechtfertigungen wie der Hoffnung, die Funktionsweise des Gehirns besser zu verstehen und bei Unfallopfern oder Personen mit neurodegenerativen Erkrankungen verlorengegangene Funktionen zu ersetzen, ist das erklärte Ziel, die menschlichen Fähigkeiten zu erweitern: Es soll möglich werden, allein durch die Kraft der Gedanken – ohne die Hände zu benutzen – sein Smartphone zu steuern, ein Videospiel zu spielen und Informationsmengen aufzunehmen, die die menschlichen Fähigkeiten übersteigen. Kurz gesagt, bestimmte Personen mit den Speicher- und Rechenkapazitäten eines Computers auszustatten; und vielleicht im Gegenzug die Übernahme der Kontrolle über die Nervenzentren und Handlungen einer Person durch einen Computer zu ermöglichen.
Die grundlegende Praxis von Neuralink besteht darin, Elektroden in das Gehirn von Tieren, manchmal auch von Menschen, zu implantieren und diese Elektroden über elektromagnetische Wellen mit Computerterminals zu verbinden. Angesichts der technischen Schwierigkeiten und anderer bedauerlicher Effekte, die dabei auftreten, erfahren wir Folgendes:
(…) Neuralink hat beispielsweise ein Netzwerk von Elektroden entwickelt, um die neuronale Aktivität zu stimulieren oder aufzuzeichnen, [ein Netzwerk], das über mehrere flexible Polymerfäden verteilt ist, die mit Mikroelektroden ausgestattet sind. (…) Jeder Faden ist mit einem elektronischen Chip verbunden, der dazu dient, die neuronale Aktivität aufzuzeichnen oder elektrische Impulse für die Stimulation zu erzeugen. Darüber hinaus entwickelt das Unternehmen einen autonomen Roboter, der alle Schritte der Implantationschirurgie ausführen kann, von der Trepanation bis zum Einsetzen der Implantate. (…)
Was die Lebensdauer der Implantate angeht, muss noch etwas abgewartet werden, um zu sehen, ob die Strategie wirksam ist und über mehrere Jahre hinweg eine stabile Schnittstelle ermöglicht. Sobald diese Grenze überschritten ist, muss sicherlich die Erfassung einer noch größeren Anzahl von Signalen in Angriff genommen werden.
Derzeit kann man davon ausgehen, dass die Neuralink-Technologie mit ihren 1024 Elektroden bis zu etwa 3000 Neuronen aufzeichnen kann: Das ist aus Sicht des Stands der Technik beeindruckend, aber bei weitem nicht ausreichend, um die Unermesslichkeit der Gehirnsignale zu erfassen.
Konzeptionell wird es trotz einer sehr guten Miniaturisierung sehr schwierig sein, mit dieser Technologie Millionen einzelner Neuronen aufzuzeichnen, ohne dass das Implantat und die dazugehörigen Anschlüsse einen zu großen Platz im Gehirn einnehmen.xix
Ist es Wahnsinn oder nicht, Millionen von Dollar für ein solches Programm auszugeben? Nehmen wir einmal an, dass Elon Musk weiß, was er tut, dann versucht er, eine neue Art von Macht über seine Mitmenschen zu schaffen und zu erlangen. Er will die Konturen des Menschseins verändern, indem er »Übermenschen« schafft. Warum haben diese aufeinanderfolgenden Ankündigungen – zuerst über einen Affen, der mit seinen Gedanken das Videospiel Pong spielt (2021), dann über die Implantation seiner neurochips in Menschen im Jahr 2024 – nicht ebenso viel Empörung ausgelöst wie seine beklagenswerten Äußerungen zu Fragen der Moral und zu Wahlkampfthemen? Wie ist es möglich, dass Wissenschaft und Technologie in unserer Zeit weitgehend außerhalb des Bereichs kritischer politischer Reflexion bleiben, obwohl ihre Rolle bei wirtschaftlichen und kulturellen Ungleichheiten, bei der Herrschaft der Staaten über die Gesellschaften und bei der ökologischen Zerstörung so offensichtlich ist?
Elon Musk hätte zweifellos nicht das Maß an Stärke und Einfluss erreichen können, das er heute hat, wenn vor zehn oder fünfzehn Jahren so viele Leute über seine Projekte und seine Ideologie alarmiert gewesen wären. Denn lange Zeit positionierte er sich nicht eindeutig auf der traditionellen politischen Rechts-Links-Achse. Oder er positionierte sich auf der »richtigen Seite«, vielleicht gerade, damit seine großen Pläne nicht allzu negativ wahrgenommen wurden: Er wählte die Demokraten und konnte erklären: »Ich bin sozial sehr liberal. Und wirtschaftlich gesehen bin ich vielleicht rechts von der Mitte oder in der Mitte. Ich weiß es nicht.«xx Kurz: dieselben Optionen wie Macron 2017; dasselbe Profil wie Xavier Niel, ein libertärer Oligarch der Linken, der sich so fast vollständig dem Zorn der militanten oder antifaschistischen Kreise in Frankreich entzieht, die sich auf die Figur Bolloré und seinen Kreuzzug zur Verteidigung der christlichen Zivilisation konzentrieren.
Seine frühere Positionierung machte Musk salonfähig, und 2020 bei der Vereidigung von Joe Biden, die aufgrund von Covid-Beschränkungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, war Musk einer von zwanzig handverlesenen Gästen – einer der wenigen Personen weltweit, die dabei sein durften, was ihn bereits zu einem hochrangigen Mitglied der amerikanischen Oligarchie machte. Dass er vier Jahre später Gegenstand eines solchen Entsetzens ist, könnte einen zum Schmunzeln bringen, wäre der Rest der Angelegenheit witzig. Endlich sind die extreme Mitte, die extreme Linke und die Linke in Aufregung, weil Musk sich nun ganz offen und demonstrativ am rechten Rand des klassischen politisch-ideologischen Spektrums aufstellt. Aber die Aufregung hängt vor allem, wenn nicht sogar ausschließlich, mit den Angriffen auf Minderheiten zusammen: Es ist nach wie vor nichts von Ekel oder von Zorn angesichts seines industriellen und transhumanistischen Programms zu hören. Das Wort »Transhumanismus« wird im Übrigen einfach nicht ausgesprochen. Man hört von Faschismus, von Rassismus, aber fast nie von Transhumanismus.
Ein fataler Fehler, der sich vielleicht noch korrigieren lässt. Musk, der aus Südafrika stammt, ist tatsächlich rassistisch: Mehr noch als diese oder jene bestimmte Gruppe hasst er die Menschheit als Ganzes, die Spezies der sprechenden und an die Erde gebundenen Tiere. Natürlich wird er gegenüber Schwachen oder Ausgegrenzten gewalttätig und gnadenlos sein: Seine gesamte Arbeit und seine Investitionen zielen darauf ab, eine »erweiterte«/ »verbesserte« Menschheit oder Cyborgs zu schaffen, die über das Fußvolk der Schimpansen der Zukunftxxi herrschen würden. Eine Ausweitung der fantastischen Klassenungleichheiten der Gegenwart auf eine Ungleichheit der Arten.
Es ist offenbar schwer zu glauben, aber mit Musk und der Galaxie von Unternehmern, Finanziers, »Intellektuellen« (Peter Thiel, Marc Andreessen, Larry Ellison, Nick Land, Curtis Yarvin …), die die Einsetzung des Duos Trump-Vance an der Spitze des amerikanischen Staates begleiten, haben wir es zum ersten Mal seit Jahrzehnten mit einer bedeutenden ideologischen Bewegung zu tun, die klar bekräftigt, dass die Menschen nicht alle gleich sind, auch nicht im Prinzip. Es handelt sich um bekennende Verfechter der Ungleichheit, die einen Bruch in der jüngeren Geschichte des Westens herbeiführen – auch wenn sich verschiedene politische und intellektuelle Strömungen finden lassen, die dieses Prinzip der Ungleichheit seit dem 18. Jahrhundert bis heute am Leben erhalten haben.
Und dieses Mal ist es die fantastische kollektive Abhängigkeit von digitalen Technologien, die den Extremisten der Industrie eine außergewöhnliche Macht und die Fähigkeit verleiht, ihre Ideen umzusetzen.
»Die Tyrannen sind nur deshalb groß, weil wir auf den Knien liegen«, soll Etienne de La Boétie geschrieben haben. Im Zeitalter des Technofaschismus lässt sich die Maxime unserer freiwilligen Knechtschaft jetzt so formulieren: »Sie sind nur deshalb so mächtig, weil wir an unseren Bildschirmen kleben.« Das ist ganz offensichtlich, aber es bewegt sich – bisher jedenfalls – nichts. Im Grunde läuft alles so, als hätte die Linke nach wie vor kein grundsätzliches Problem mit der Digitalisierung der Welt und dem transhumanistischen Programm.
Den Stiefel, der in das Gesicht tritt – Metapher des Totalitarismus bei George Orwellxxii –, sieht sie nur in fremdenfeindlichen Kampagnen, willkürlichen Verhaftungen, Abschiebungen und mehr oder weniger demütigenden Äußerungen über diese oder jene Minderheit, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts ins Visier genommen wird. Gewiss, das ist nicht wenig, und wir wissen sehr wohl, dass solche Formen von politischem Druck nicht einfach durch Bürgerpetitionen oder parlamentarische Proteste gestoppt werden können. Aber der Stiefel im Gesicht – das sind in unserer Zeit mehr denn je auch Starlink, Neuralink oder Tesla als solche; das ist auch die Digitalisierung der öffentlichen Dienste und die Einführung der digitalen Identität als solche; es ist auch die Förderung der künstlichen Intelligenz als solche, zusammen mit den damit unvermeidlich verbundenen Projekten zum Abbau von Rohstoffen und zum Bau von Rechenzentren. Der Autoritarismus und die identitären Macken können nicht wirklich bekämpft werden, ohne den umfassenderen Prozessen der Entmenschlichung Einhalt zu gebieten, die das Gewebe von Gesellschaften und des Alltagslebens verändern.
Abschließend zitieren wir den schmerzlich vermissten Sebastián Cortès:
Anzunehmen, dass der Faschismus die Menschen verführt oder zwingt, bedeutet, ihn als eine außeralltägliche Ideologie zu betrachten, der man sich aufgrund einer bewussten Entscheidung anschließt: Das bedeutet, zu leugnen, dass seine Struktur, im Keim, in der industriellen Lebensweise, die unser Dasein prägt, vorhanden ist. Die Rolle, die der Industrialismus spielt, erscheint uns daher für die Bekämpfung des Faschismus von größter Bedeutung. Das Ertrinken des Individuums in der Masse, um die Worte des Philosophen Günther Anders aufzugreifen, wird aus antifaschistischer Sicht fast nicht analysiert.
Und doch nährt sich der Faschismus aus der Tatsache (und wächst dank ihr), dass, um das Individuum standardisiert und konform zu machen, damit es massenhaft produzieren, konsumieren und Gewinne machen kann, es keinen Halt in sich selbst und keinen Einfluss auf die Welt um sich herum haben darf (und zugleich das Gegenteil davon glauben muss).
Dieser Zustand ist charakteristisch für das industrielle Produktionssystem, da dem Menschen dort eine von anderen festgelegte Aufgabe zugewiesen wird, über die er keine Macht hat und deren Zweck er nicht beurteilen kann. Das heißt, er wird als moralisch und sozial unverantwortliche Spielfigur betrachtet, nur dazu brauchbar, mechanisch sozioökonomische Pseudobedürfnisse zu befriedigen, indem er das konsumiert, was er oder andere ihr Leben lang produzieren, und dabei nebenbei die Aktionäre bereichert. Reichlich zu essen und anständige Lebensbedingungen zu haben, reicht nicht, wird nicht ausreichen, um den Faschismus zurückzudrängen, geschweige denn zu vernichten; wieder lernen, seinen eigenen Kopf zu gebrauchen, sein Handeln mit seinem Denken in Einklang zu bringen – was uns der Industrialismus genommen hat –, um zu erkennen, was man hier tut, und unsere Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, das ist es! Genau das fehlt dem Antifaschismus heute.xxiii
Diese Zeilen wurden vor genau zehn Jahren geschrieben. Warten wir nicht weitere zehn Jahre, um die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Übersetzung aus dem Französischen: Harald Wolf.
* »Technofascisme. Une proposition de quitter au plus vite tous les réseaux sociaux« ist zuerst im Juni 2025 im Verlag La Lenteur als Broschüre erschienen.
i Siehe den Text »Pourquoi Reporterre ne quitte pas X« vom 3. Dezember 2024.
ii »Reporterre quitte X« vom 17. Januar 2025.
iii Nach dem Ausdruck von Pierre Plotz und Maxence Macé, den Autoren von Pop fascisme. Comment l’extrême droite a gagné la bataille culturelle sur Internet (Divergences, 2024).
iv Siehe Groupe Marcuse, La Liberté dans le coma. Essai sur l’identification électronique et les motifs de s’y opposer, La Lenteur, 2019 (zuerst 2012), S. 44.
v Matthieu Amiech, L’Industrie du complotisme. Réseaux sociaux, mensonges d’État et destruction du vivant, La Lenteur, 2023, S. 32.
vi Siehe Guillaume Pitron, L’Enfer numérique. Voyage au bout d’un like, Les Liens qui libèrent, 2021, und Jonathan Haidt, Generation Angst. Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2024.
vii David Chavalarias in einem Interview auf dem Kanal YouTube Limit, 21. April 2024.
viii Siehe Giuliano da Empoli, Die Ingenieure des Chaos, Blessing, München, 2020, S. 84.
ix Diesen Ausdruck benutzt die äußerst gemäßigte Fondation Jean-Jaurès in ihrem Bericht „Réhumaniser la société de l’absence“ (Dezember 2024), dessen Lektüre wir empfehlen.
x Nach einer Formulierung von Günther Anders, die sich auf die Veränderungen durch das Radio und das Fernsehen bezieht: »Die Welt als Phantom und Matrize«, in: ders., Die Antiquiertheit des Menschen. Band 1, 6. Aufl., C.H.Beck, München, 1983, S. 97-211.
xi Quelle: Médiamétrie, »L’année Internet 2024«, Pressemitteilung vom 13. Februar 2025. [Vergleichbare Nutzungsstatistiken weisen für Deutschland bereits höhere Zahlen aus; siehe z.B. Florian Zandt, »Welche GenAI-Tools werden in Deutschland genutzt?«, <de.statista.com>, 20.11.2024. A.d.Ü.]
xii Siehe Célia Izoard, »L’esprit qui dévorait la matière. L’IA, une technologie insatiable«, Écologie & politique, No. 69, 2024, S. 73-84.
xiii Boris Grésillons, »Quand l’extrême droite cible la jeunesse«, Le Monde diplomatique, No. 850, Januar 2025.
xiv »Andrew Tate, Donald Trump et les autres: le masculinisme comme projet politique«, <contre-attaque.net>, 11. März 2025.
xv »L’éléphant (du déferlement technologique) dans la pièce (de l’anti-fascisme)«: dieser Text der Redaktion des Postillon (in der No. 75, Winter 2024-2025) kann ergänzend zum hier vorliegenden gelesen werden.
xvi Boris Grésillon, a.a.O. (Fn. 13).
xvii Pacôme Thiellement, Infernet, Massot/Blast, 2023.
xviii Siehe Écran total, Manifeste contre la gestion et la numérisation de nos vies, 2025. [Kontakt: Écran total, BP 8, 3 et 5, rue Jean-et-Robert-Judet, F-23260 Crocq]
xix Clément Hébert, Blaise Yvert, »Comment fonctionnent l’implant Neuralink et les autres interfaces cerveau-machine«, <theconversation.com>, 11. Dezember 2022 (aktualisiert 2024).
xx Zitiert in dem Artikel von Valentine Faure, »La prise de pouvoir de la droite tech américaine«, Le Monde, 16. November 2024.
xxi Ausdruck des Informatikers Bill Joy für Menschen, die sich weigern oder nicht die Mittel haben, sich technologisch zu »erweitern«. Dieser Ausdruck inspirierte den Titel des Manifeste des chimpanzés du futur contre le transhumanisme der Gruppe Pièces et main d’oeuvre (éditions Service compris, 2023).
xxii Siehe den Dialog zwischen Winston und seinem Kerkermeister gegen Ende des Romans Neunzehnhundertvierundachtzig (Ullstein, 1982 [1949], S. 246).
xxiii Sebastián Cortés, Antifascisme radical? Sur la nature industrielle du fascisme, Éditions CNT-RP, 2015, S. 8 f.
