Zur Kritik der Politischen Ökonomie der Kriege
Die Politische Ökonomie untersucht die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen ökonomischen Produktionsverhältnissen und politischer Macht. Sie analysiert im Anschluss an die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx1 die krisenhaften Auswirkungen der kapitalistischen Ökonomie, und dass diese aus Sicht des Kapitals – und gegen die Interessen der Bevölkerung – ein staatliches Handeln erforderlich machen, das in letzter Konsequenz Krieg bedeutet.
Das krisenbedingte staatliche Handeln zeigt sich zunächst im Rahmen der Militarisierung der Gesellschaft, ferner im Übergang der Wirtschaft zur Kriegsökonomie, sowie in der allmählichen Transformation des Staates zum Polizei- und Militärstaat – von Olaf Scholz zur Zeit seiner Kanzlerschaft als „Zeitenwende“ apostrophiert. Kriegswirtschaft und Militärstaat enden im Kriegsgeschehen, das kriegerische Zerstörungen und unmenschliche Konsequenzen zur Folge hat: Tote, Verletzte und Traumatisierte, Vertriebene und Flüchtlinge.
Als strukturelle, systembedingte Kriegsursachen benennt die Kritik der Politischen Ökonomie die realökonomischen und Finanzkrisen der kapitalistischen Profit- und Spekulationswirtschaft. Der folgende Beitrag analysiert das Ursachenbündel der Kriege aus unterschiedlicher Sicht.
Erstens wird auf das Herrschaftswissen und die propagandapsychologisch konstruierten Feindbild-Narrative Bezug genommen. Sie sind in den Bündnisstaaten der Nato von kriegsideologischer Bedeutung. Zweitens wird auf den Zusammenhang der Kriege mit den Wirtschafts- und Finanzkrisen in Ländern mit kapitalistischen Produktionsverhältnissen verwiesen. Als das eigentliche Grundproblem des westlichen Wirtschaftssystems werden drittens die Stagnation und der Fall der Profitrate benannt. Die Folge sind viertens Militarisierung und Kriegsvorbereitung sowie fünftens die Hinwendung zu kriegswirtschaftlichen Produktionsverhältnissen.
Als theoretische Erklärung folgt sechstens sowohl die Darstellung der verschiedenen Arten und Erfordernisse der Mehrwertproduktion als Profitquelle, als auch Erläuterungen zur Subsumtion von Mensch und Produktion unter das Kapital und seine Verwertungsgesetze. Anschließend werden siebtens beispielhaft die empirischen Entsprechungen der theoretischen Begründung von Kriegen geschildert. Achtens wird darauf aufmerksam gemacht, dass das kriegswirtschaftliche Regime einhergeht mit der militärstaatlichen Verschärfung politischer, polizeilicher, juristischer, digitaler und gesellschaftlicher Repression.
- Herrschaftswissen und Feindbild-Narrative
Im Verbund mit den Medien machen sowohl die Regierungen als auch die in den Nato-Ländern vorherrschenden Sozial- und Wirtschaftswissenschaften die Bevölkerung glauben, dass es Kriege deshalb zwangsläufig geben muss, weil es Feinde gibt. Um die Feinde („Putin“, „Hamas“, „die Mullahs“ usw.) abzuschrecken, müssten die Gesellschaften „kriegstüchtig“ und die Staaten bzw. das transatlantische Staatenbündnis militärisch hochgerüstet sein. Offensiv angreifen müsse man den Feind dann, wenn davon auszugehen sei, dass Abschreckung nicht genügt und (Kriegs-)Gefahr im Verzug ist.
Kriege erscheinen für diese Art von Politik, Wissenschaft und Medien wie ein Wettkampf-Spiel, bei dem die eine Seite – „die Guten“ – zu Recht gewinnt und die andere – „die Bösen“ – zu Recht verliert. Das „Böse“ ist immer der Feind. Um Kriege als vernünftig, notwendig und unvermeidbar zu begründen, werden im Sinn des Gut/Böse-Dualismus Feindbilder geschaffen, die von den Regierungen und den Medien mit sowohl moralischen als auch psycho-pathetischen und legalistischen Kategorien ausgestattet sind. Auch weitere Ideologie-Anstalten wie die Kirchen und selbst die Gewerkschaften beteiligen sich an der Feindbild-Propaganda.
Die Kategorien der Feindbild-Narrative werden durch die Einseitigkeit der herrschaftswissenschaftlichen Disziplinen untermauert und der Bevölkerung eingetrichtert – nicht zuletzt auch mit Hilfe der Justiz, des Erziehungs- und Bildungswesens (Kindergärten, Schulen und Hochschulen), der Forschung, der Interessenverbände und Standesorganisationen, der kulturellen Institutionen und vieler NGOs, von Stiftungen und Think Tanks. Feindbild-Propaganda, Militarisierung und Kriege erscheinen als „Die neue Normalität“2.
- Wirtschafts- und Finanzkrisen im Kapitalismus
Die Kritik der Politischen Ökonomie der Kriege argumentiert anders. Sie stellt fest, dass die Häufung und Verschärfung von wirtschaftlichen und Finanzkrisen zu politischen Verhältnissen führt, in denen es – im Interesse des Kapitals – zum Kriegsfall kommt. Wirtschaftliche Krisen zeigen sich an der Oberfläche des ökonomischen Geschehens in Gestalt von Insolvenzen, Werkschließungen und Arbeitslosigkeit, ferner u. a. durch inflationäre Geldentwertung, durch steigende Mieten usw., sowie nicht zuletzt anhand des Grades staatlicher Verschuldung.
Fabio Vighi, der an der britischen Universität Cardiff lehrt, weist darauf hin, dass „die Verschuldungsspirale … nicht nur das Problem einer einzelnen Volkswirtschaft (ist). Es ist ein globales Phänomen, es zieht die ganze Welt in Mitleidenschaft. Die komplette Weltwirtschaft hängt davon ab, dass sie billig an Kredite kommt, um ihre Schulden zu tilgen. Und das ist im Übrigen die eigentliche Kraft, die uns in den Krieg treibt.“3
Cinzia Della Porta, die dem Vorstand der italienischen Gewerkschaft Unione Sindicale di Base angehört, hat in einem Interview mit German-foreign-policy.com erläutert, Krieg sei „die einzige Art und Weise, wie das kapitalistische System in einer schweren Krise weiterbestehen kann.“4 Ökonomische Krisen sind sowohl ein typisches Zeichen als auch eine notwendige Folge der Krise der kapitalistischen Profitwirtschaft. Sie gehen den eigentlichen Kriegshandlungen voraus. Das kann historisch belegt werden.
Im Ersten Weltkrieg etwa hatte die Nachfrage nach Kriegsgütern einen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge. Die Kriegsökonomie eröffnete laut der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistorikerin Andrea Komlosy „aufgrund der militärischen Sachzwänge die Gelegenheit, Management- und Kontrollregime einzuführen, die auch in Friedenszeiten anwendbar waren“.5 „Für die USA leitete der Kriegseintritt, ohne selbst durch Kriegshandlungen in Mitleidenschaft gezogen zu werden, den Aufstieg zur weltwirtschaftlichen Führungsmacht ein.“6
Nach dem Ersten Weltkrieg bewirkte der Wiederaufbau in den 1920er Jahren ein kurzfristiges Wachstum. Der Zusammenbruch der New Yorker Börse führte 1929 zum Ausbruch der bis 1931 andauernden Weltwirtschaftskrise. Die Antwort darauf „war erneut Aufrüstung, gefolgt vom Zweiten Weltkrieg.“7 „Eine Erholung der Wirtschaft zeichnete sich erst mit der Rüstungskonjunktur im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs ab.“8
Mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg stellte der Politikwissenschaftler Eike Hennig fest, dass sich „die faschistische Aufrüstung und Kriegsvorbereitung ökonomisch als staatsinterventionistischer Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise und politisch wie sozialpsychologisch als Überspielung innenpolitischer Konflikte durch außenpolitische Krisen (begreifen lassen)“.9 Auch der Wirtschaftswissenschaftler und Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel, so die Feststellung Hennigs, habe (bereits 1973, Anm. d. Hrsg.) „den Faschismus und die faschistische Rüstungskonjunktur als notwendiges Ergebnis einer spezifisch krisenhaften und historischen Situation des deutschen Kapitalismus (ausgewiesen)“10.
Der Marburger Politikwissenschaftler Reinhard Kühnl kam im Rahmen seiner Forschungen gleichfalls zu dem Ergebnis, dass im Faschismus „die Überwindung der Krise auf dem Wege einer gewaltigen Steigerung der Rüstungsausgaben gesucht wurde und nicht auf irgendeinem anderen.“11 Ebenso vertritt der Soziologe Manfred Clemenz die „These, dass in Deutschland die ökonomischen Komponenten der Entstehung des Faschismus in der Akkumulierung ökonomischen Krisenpotenzials durch Kriegswirtschaft, Inflation, Expropriation des Mittelstandes, Reparationsleistungen, Rationalisierungsbewegung, Weltwirtschaftskrise und Verengung der imperialistischen Expansionsmöglichkeiten zu suchen sind.“12
Für die Zeit unmittelbar nach 1945 spricht der Politik-Analyst Michael Hollister vom „gleiche(n) Muster“: „Europas Städte, Infrastruktur und Industrie waren weitgehend zerstört. Genau diese Zerstörung ermöglichte das ‚Wirtschaftswunder‘ – jahrzehntelanges Wachstum durch Wiederaufbau. Neue Fabriken, neue Wohnungen, neue Infrastruktur. Der Marshallplan finanzierte die Rekonstruktion, die Nachfrage war unbegrenzt, die Arbeitskraft verfügbar.“13
Vergleichbare Entwicklungsverläufe lassen auch nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 ff. erkennen: Der Zweite Golfkrieg 1990/91 diente dem militärischen Zugriff auf die Ölreserven Kuweits. Die neokolonialistischen Kriege der USA und Israels waren und sind wirtschafts- und geopolitisch motiviert. Ebenso waren es die Jugoslawienkriege 1991 bis 2001 und die Kriege in der Zeit danach bis in die Gegenwart. Dazu bemerkt Komlosy: „Auch die Kriege gegen den Irak (2003) und gegen die Taliban (2001-2021) in Afghanistan und Pakistan sowie die militärischen Interventionen in die Bürgerkriege in Libyen, im Tschad und in Syrien, in die die USA ihre Bündnispartner hineingezogen haben, können aufgrund der die Nachfrage belebenden Wirkung der Kriegswirtschaft als Faktoren des Hinauszögerns eines großen Krachs interpretiert werden.“14
„Die Weltwirtschaft war durch die Maßnahmen, die im Anschluss an die globale Finanzkrise 2008 in Angriff genommen wurden, nicht stabilisiert, sondern in andauernde Turbulenzen versetzt worden. Die Rettung der Großbanken durch Staatsgelder sowie die hohe in- und ausländische Nachfrage nach US-Staatsanleihen durch Banken und Investmentfonds im Gefolge der Finanzkrise blähte den Finanzsektor auf Kosten der Realwirtschaft zu einer gewaltigen Blase auf.“15
- Das eigentliche Grundproblem
Ausgehend von einem strukturtheoretischen Erklärungsansatz, lassen sich Militarisierung und Kriege nur begreifen – und entsprechend auch bekämpfen! – als notwendige Begleiterscheinungen und systemkonforme Überwindungsmechanismen der Krisen der kapitalistischen Ökonomie, sowohl in der Real- als auch in der Finanzwirtschaft.16
„Das eigentliche Grundproblem“ beschreibt der Politik-Analyst Michael Hollister wie folgt: „Das westliche Wirtschaftssystem basiert auf permanentem Wachstum. Ohne Expansion kollabiert es – Schulden, Rentenversprechen, Sozialsysteme lassen sich ohne Wachstum nicht halten. Die gesamte Architektur des Systems – Kreditvergabe, Kapitalmärkte, Staatsfinanzen – ist auf kontinuierliche Expansion ausgelegt. Doch dieses Wachstum stößt an fundamentale Grenzen: Ressourcen sind endlich, Märkte gesättigt, demografische Entwicklungen ungünstig. Wenn klassische Wachstumsmotoren versagen – Produktivitätssteigerung, technologische Innovation, Markterschließung – bleibt dem System nur eine historisch erprobte Lösung: die große Zerstörung, gefolgt vom großen Wiederaufbau.“17
Ähnlich urteilt Fabio Vighi, wenn er feststellt: „Rüstungsausgaben sollen Wachstum ermöglichen und aus der Stagnation helfen“. Sie seien ein militärisches Konjunkturprogramm zur Belebung der Wirtschaft.18
Mit anderen Worten: Schwere Wirtschaftskrisen sind in Ländern mit kapitalistischer Produktionsweise das Ergebnis von Überkapazitäten und Überproduktion („Überakkumulationskrisen“19) bzw. – damit einhergehend – von Unterkonsumtion. Ökonomische Krisen entspringen dem Scheitern der Profitlogik des Kapitals, dessen Handeln vom Ziel maximaler Mehrwertsteigerung angetrieben ist. Wie der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Wolfram Elsner ausführte, „produzierte der ‚Neoliberalismus‘, nach einer gewissen ökonomischen Euphoriephase, vorrangig einen beschleunigten systematischen Niedergang der Realökonomie und einen langfristigen Verfall der Profitraten“20.
Die Stagnation bzw. der Fall der Profitrate21 stellen das eigentliche Grundproblem der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung dar. So ist zu erklären, dass die Unternehmer „auf Kosten der Realinvestitionen riesige Geldkapitale bilden und eher andere Firmen aufkaufen, als die Gewinne zum Ausbau bestehender Unternehmen zu verwenden, wobei sie … lediglich an den Marktanteilen der aufgekauften Unternehmen interessiert sind“22.
Eine weitere systemkonforme Lösungsmöglichkeit innerhalb der Grenzen des kapitalistischen Systems ist „die Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts“23. Wenn auch diese an ihre Grenzen stößt, bleiben als kapitalistische Auswege nur noch die militärische Rüstung, die Militarisierung im Inneren, sowie nach außen neokolonialistische Raubzüge und kriegerische Zerstörungen samt nachfolgendem Wiederaufbau.
- Militarisierung und Kriegsvorbereitung
Wenn die maximale Mehrwertsteigerung stagniert, gerät die kapitalistische Wirtschaft in die Krise. Die Profite tendieren dahin, nicht mehr zu wachsen, sondern tendenziell zu schrumpfen. Die marxistische Theorie spricht vom tendenziellen Fall der Profitrate. Die systemkonformen Kommentare vermeiden solche Diagnosen. Sie sprechen lieber von „abgeschwächter Konjunktur“, beschuldigen „den Feind“, beschwören eine „Pandemie“ oder versprechen den „Kampf gegen die Armut“.
Das Kapital findet in der Profitkrise zunächst einen Ausweg durch die Flucht in das finanzkapitalistische Casino, um dort Spekulationsgewinne abzuschöpfen. Dadurch werden die Krisen im Bereich der realwirtschaftlichen Produktion jedoch nur auf das Feld der Zirkulation verlagert, nicht aber gelöst. Bekanntlich häuften sich auch in den Jahren 2008 und 2009 Finanz-, Immobilien- und Bankenkrisen.
Auch in der Folgezeit bewirkten laut Fabio Vighi die immer stärkere Automatisierung und die abnehmende Profitrate in der realen Wirtschaft die Flucht des Kapitals in den Finanz-, Investitions- und Immobiliensektor. Dort entstanden aufgrund riesiger Spekulationsblasen jedoch erneut krisenhafte Phänomene.24
Zeitgleich wurde die Corona-‚Pandemie‘ ausgerufen: „In den Monaten vor Covid stand die Weltwirtschaft am Rande eines weiteren gigantischen Zusammenbruchs.“25 Vighi beschreibt die finanzwirtschaftliche Dramatik in der Zeit zwischen Juni und September 201926. Er charakterisiert die mit dem Virus begründeten politischen Unterdrückungs-Maßnahmen zutreffend als Krieg nach Innen.
Vorübergehend erhöhte das innenpolitische Corona-Panik- und Repressions-Regime – wohlgemerkt: mit militärischer Unterstützung (siehe hierzu weitere Details in der höchst lesenswerten Fußnote27; Anm. d. Hrsg.) – mittels drakonischer Maßnahmen die Gewinnchancen eines Teils der Wirtschaft. Es profitierten vor allem der Medizinisch-Digital-Industrielle Komplex, insbesondere die Pharmaindustrie („Big Pharma“) und die Digitalökonomie28 („Big Data“). Zusätzliche Gewinne wurden erzielt im Anzeigengeschäft der Medien, im Transportwesen sowie bei den mittel- und kleingewerblichen Betreibern von Impfzentren, ferner bei den Herstellern von Test- und Spritzenmaterial, von Schutzanzügen und Schutzmasken usw.
Die antidemokratischen, totalitär inszenierten Corona-Interventionen konnten die wirtschaftliche Krise jedoch nicht beheben. Dazu beigetragen hat ein erheblicher Widerstand bei einer Minderheit in der Bevölkerung und bei einzelnen Vertretern von Berufsgruppen wie den Ärzten29, Anwälten, Künstlern und Soldaten. Der maßnahmenkritische Widerstand zeigte sich in der Öffentlichkeit als polizeistaatlich reglementierte und mancherorts niedergeknüppelte Protestbewegung auf Straßen und Plätzen sowie in Gestalt neuer alternativer Medien.
- Krisenbedingte Hinwendung zur Kriegswirtschaft
Bei geringer Kapazitätsauslastung der unter Produktionszwang stehenden Unternehmen erscheint die Hinwendung zur rüstungswirtschaftlichen Produktion als politische Lösung30. Wie Manfred G. Schmidt feststellt, bieten Kriege den einzigen, den allerletzten Ausweg aus der Profitkrise: „Wenn keine Nachfrage echter Art, d. h. nach reproduktiven Werten vorhanden ist, so muss eine andere Nachfrage, also eine nach nicht-reproduktiven Werten geschaffen werden.“31
Die Gewinne der Rüstungswirtschaft und Kriegsindustrie sind exorbitant. Die Profite sind „verhältnismäßig 3-4 mal höher als bei Zivilindustrien gleicher technischer Leistung. In diesem … Umstand liegt der stärkste Antrieb für die Rüstungsindustrie, kriegsschürend auf die Politik der Staaten einzuwirken.“32 „So wird offensichtlich, dass Gewinne von Unternehmen eine Kriegsursache sind. Die Privatisierung des Militärs, d. h. der Einsatz von privaten ‚Sicherheitsfirmen‘ und anderen Unternehmen, macht das Geschäft mit dem Krieg deutlich.“33
Solange Kriege andauern, ist in der Rüstungsindustrie auch keine Überproduktion zu befürchten; die produzierten Waffen, Raketen, Panzer, Flugzeuge, Kriegsschiffe, U-Boote (heute insbesondere: Drohnen; Anm. d. Hrsg.) usw. kommen im Krieg zum Einsatz, werden dabei unbrauchbar oder zerstört und müssen immer wieder neu beschafft und produziert werden.
Die Konsumtion der rüstungsindustriell produzierten Waren ist gesichert; der kriegführende Staat (oder das kriegführende Staatenbündnis) bzw. die verbündeten, Waffen liefernden Regierungen sind Garant dafür, dass der Umsatz garantiert ist und die Mehrwert-Produktion nicht zum Erliegen kommt. Der Verschleiß an Waffen und Kriegsgerät sorgt für ständig weitere Nachfrage.
Mit den Worten von Fabio Vighi: „Gerade weil die Militärproduktion weitgehend von Rentabilitätsprüfungen am Markt abgeschirmt ist, dient sie als idealer Kanal für schuldenfinanzierte Ausgaben. Die Aufrüstung lockert die Kreditbedingungen und legitimiert die Geldmengenausweitung zum Vorteil des Finanzsektors. Sie fungiert somit als paradigmatische Form der ‚falschen Akkumulation‘: Geld wird in Umlauf gebracht, ohne neue reale Wirtschaftssubstanz zu schaffen.“34
Durch rasende Zerstörung ist der Fortbestand der auf Ausbeutung, Unterdrückung und Mehrwertproduktion basierenden Wirtschaftsordnung garantiert. Denn selbstverständlich wird auch in der Rüstungsproduktion Mehrwert geschaffen, und dies in nicht geringem Umfang; die Entlohnung der menschlichen Arbeitskraft ist in der boomenden Rüstungsindustrie um ein Vielfaches geringer als derjenige Wert, der auf dem Markt der Kriegswirtschaft für die produzierte Ware gezahlt wird.
Ich fasse zusammen: Auf die Höhe des Profits wirkt sich die Generierung des Mehrwerts in doppelter Weise aus: Zum einen werden Preise kalkuliert, die erheblich über den Lohnkosten liegen und Höchstgewinne garantieren. Das ist der Fall, weil im Krieg auf die Rüstungsgüter nicht verzichtet werden kann. Zum anderen aber wirken sich auch bei der Rüstungsproduktion die beiden Arten der Mehrwertgenerierung profitsteigernd aus.
- Mehrwertproduktion und Subsumtion
Mehrwert entsteht bei der Produktion von Waren auf doppelte Weise: sowohl in absoluter als auch in relativer Hinsicht. In beiden Fällen spielt die menschliche Arbeitskraft die entscheidende Rolle. Entweder sie bzw. ihr Einsatz wird ausgedehnt, wird länger vernutzt (Extensivierung der Arbeit), oder sie wird gestärkt, verdichtet, ihre Qualität wird verbessert (Intensivierung der Arbeit). In beiden Fällen ist die menschliche Arbeit den Kapitalverhältnissen untergeordnet: durch ihre formale Subsumtion im Rahmen der absoluten Mehrwertproduktion, durch die reale Subsumtion im Rahmen der Erzeugung von relativem Mehrwert.
„Unterordnung (Subsumtion) der Arbeit unter das Kapital, demzufolge des Arbeiters unter den Kapitalisten“ ist ein „ganz wesentliches Charakteristikum des Kapitalismus …, denn es sind die Anweisungen des letzteren, denen der erstere zu folgen und unter dessen Kontrolle und Kommando er zu arbeiten hat“35.
Als Subsumtion unter das Kapital beschreibt Marx im Nachlass der Vorarbeiten zur Kritik der Politischen Ökonomie seines Hauptwerks „Das Kapital“ jene Prozesse, welche die menschliche Arbeitskraft der kapitalistischen Produktionsweise unterordnen. Die Subsumtionsvorgänge sind Voraussetzungen der Mehrwerterzeugung, die in Gestalt der damit verbundenen Profite entscheidender Entwicklungsantrieb kapitalistischer Gesellschaften ist.
Die absolute Mehrwerterzeugung setzt voraus, dass die Beschäftigten innerhalb einer bestimmten Arbeitszeit mehr Wert erzeugen, als ihnen durch den Lohn entgolten wird. Arbeitszeit und Lohn sind die beiden Maßstäbe, deren Veränderung auch die absolute Mehrwertproduktion beeinflusst: entweder indem bei gleicher Arbeitsdauer weniger Lohn bezahlt wird (Lohnkürzung) bzw. trotz verlängerter Arbeitszeit (Mehrarbeit) kein zusätzlicher Lohn.
Die Arbeitskraft ist formal – bei Marx heißt es: „formell“ – dem Kapital unterworfen. Formelle Subsumtion meint, dass der Erwerbstätige seine Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit und einen festgelegten Lohn per Arbeitsvertrag und tarifgemäß zur Verfügung stellt und sein Arbeitsvermögen dem Kapital förmlich übereignet. Eine Mehrwertsteigerung ist unter diesen Voraussetzungen in absoluter (Geld- oder Zeit-)Menge möglich und quantitativ messbar: in Form von Lohnabzügen und/oder durch unbezahlte Mehrarbeit, wenn z. B. Freiwilligen- oder Zwangsarbeit bzw. Überstunden geleistet werden. Auch das Verbot von Arbeitskämpfen unter den Bedingungen des Kriegsrechts wirkt sich auf die Mehrwertproduktion zu Lasten der Werktätigen aus.
Bei der relativen Mehrwerterzeugung stehen Arbeitszeit und Arbeitslohn fest. Den Hebel zur Mehrwertsteigerung bildet hier das jeweilige Arbeitsvermögen selbst, indem dessen Produktivität qualitativ verbessert, d. h. noch produktiver ist. Eine qualifiziertere und in diesem Sinn produktivere Arbeitskraft erzeugt in einer bestimmten Zeitdauer und für den dafür festgelegten Lohn mehr Wert als eine weniger qualifizierte unter denselben Bedingungen.
Um die Leistungskraft der Arbeit zu erhöhen und somit die Mehrwerterzeugung zu steigern, ist es erforderlich, die Produktivität durch entsprechende Methoden, Techniken oder Technologien zu steigern. Dies geschieht, wie Marx zusammenfasst, „durch die Kooperation, die Teilung der Arbeit innerhalb des Ateliers, die Anwendung von Maschinerie und überhaupt die Verwandlung des Produktionsprozesses in bewusste Anwendung der Naturwissenschaft, Mechanik, Chemie etc., für bestimmte Zwecke, Technologie usw. ebenso wie das allem diesen entsprechende Arbeiten auf großer Stufenleiter usw.“36
Voraussetzung für die relative Mehrwertproduktion auf der Basis verschärfter Arbeitsintensivierung und -verdichtung ist also die qualitative Anpassung der menschlichen Arbeitskraft an den Produktionsprozess. Erforderlich ist dafür sowohl eine qualitativ veränderte, spezialisierte Ausbildung, als auch der Einsatz von technologischen Innovationen, z. B. durch das Fließband, Roboter, Computer, Smartphone, Künstliche Intelligenz usw.
Von relativer Mehrwerterzeugung ist hier deshalb die Rede, weil es sich bei der Intensivierung und Verdichtung der Arbeit um einen Vorgang handelt, dessen Resultat relativ ist; je qualifizierter die berufliche (Spezial-)Ausbildung und je höher die Motivation, desto besser das Arbeitsergebnis und der damit erzielbare Gewinn. Bei dieser Form einer Unterordnung der Arbeitskraft und ihrer Produktivität unter das Kapital spricht Marx von realer („reeler“) Subsumtion. „Der Begriff der reellen Subsumtion der Arbeit unter des Kapital … bezeichnet zunächst ganz allgemein die Ein- und Unterordnung der lebendigen Arbeitskraft unter den kapitalistischen Produktionsprozess, sobald mit der Entstehung der großen Industrie die Produktion des relativen Mehrwerts durch ständige Produktivitätssteigerung die vorherrschende Produktionsweise geworden ist.“37
Der lohnabhängig Erwerbstätige ist nicht nur formal dem Kapital untergeordnet, sondern seine Arbeitskraft selbst wird zum Bestandteil der kapitalistischen Produktion des Mehrwerts. Bei der relativen Mehrwertproduktion werden die Beschäftigten im Rahmen der Mensch-Maschine-Interaktion zum Bestandteil komplexer Technologien. Weil „Information – die bislang immer an menschliches Wissen, und sei es Herrschaftswissen, gebunden war – nun technisierbar“38 ist, werden die Lohnabhängigen in zunehmendem Umfang den Bedingungen der Produktion real unterworfen und faktisch eingebunden. Die Rede ist deshalb zu Recht von ihrer wirklichen, ihrer „reellen Subsumtion unter das Kapital“.39
Marx bestimmt das Verhältnis von absolutem und relativem Mehrwert dahingehend, dass sie „zwei getrennte Formen der Subsumtion der Arbeit unter das Kapital (sind) und zwei getrennte Formen der kapitalistischen Produktion, von denen die erste immer den Vorläufer der anderen bildet, obgleich die weiter entwickelte, die zweite, wieder die Basis für die Einführung der ersten in neuen Produktionszweigen bilden kann“40. So war das Maschinensystem Vorläufer der Fließbandarbeit, das Fließband Vorläufer des Einsatzes von Automaten und Robotern, und letztere bilden die Basis für den Einsatz der Künstlichen Intelligenz.
Die im 18., 19. und 20. Jahrhundert jeweils dominierenden produktionstechnischen Fortschritte haben „die technologischen Voraussetzungen geschaffen, dass der Kapitalismus allmählich in allen damals bedeutsamen Produktionszweigen von der formellen in die reelle Subsumtion übergehen konnte“41. Letztere erfolgte dank technologischer Innovationen auf immer neuer Stufenleiter, weshalb Roth und Kanzow42 mehrere Phasen der reellen Subsumtion unterscheiden.
Noch nicht berücksichtigt ist bei der Analyse der Mehrwertproduktion, dass auch die Produktionskosten – für Werkzeuge, Maschinen, Energie, Rohstoffe, Transport, Fabrikanlagen, Labore, Versicherungen, Kreditzinsen usw. – einen Faktor darstellen, der sowohl bei der Mehrwertproduktion und dem Fallen der Profitrate ins Gewicht fällt, als auch bei der Frage nach den Ursachen der Kriege. Denn Kriege bezwecken nicht nur die Produktion von Waffen und Kriegsgütern bzw. die Zerstörung und den Wiederaufbau. Sie dienen immer auch der räuberischen Aneignung sowohl fremder Territorien und Rohstoffe als auch der Eroberung neuer Märkte. Kriegs-Flüchtlinge und -Vertriebene dienen anderenorts als billige Arbeitskräfte beim Arbeitseinsatz in der kapitalistischen Mehrwertproduktion.
- Empirische Entsprechung
Laut Michael Hollister befindet sich die kapitalistische Ökonomie heute wieder „vor dem gleichen systemischen Dilemma“ wie vor den beiden Weltkriegen: „Die Wachstumsquellen sind erschöpft“43, sprich: die Profitgewinnung bzw. -steigerung ist an ihre Grenzen und weitgehend zum Erliegen gekommen. „Deutschland deindustrialisiert, Europa stagniert, die Schuldenberge sind historisch hoch. Negative Realzinsen, aufgeblähte Immobilienmärkte, unfinanzierbare Sozialsysteme – das System steht unter massivem Druck. Und genau in dieser Situation wird massiv aufgerüstet“44, d. h. in die Produktion von Rüstungsgütern investiert.
Die verschiedenen industriellen Zweige der militärischen Aufrüstung und Kriegswirtschaft sind zentrale Quellen einer maßlos erhöhten Mehrwertproduktion. Die Löhne der dort Beschäftigten ermöglichen infolge der exorbitanten und kaum überprüfbaren Kostenkalkulation der Rüstungsunternehmen eine unermesslich maximale Steigerung der Profite.
Hollister stellt die Frage: „Ist das Zufall? Oder folgt diese Entwicklung einer systemischen Logik, die schon zweimal im 20. Jahrhundert funktioniert hat? Die verstörende Hypothese lautet: Ein großer, Europa zerstörender Krieg mit Russland könnte aus Sicht der Systemlogik nicht das Problem sein – sondern die Lösung.“45
Sein Fazit: „Die Zerstörung würde Wachstumspotential für Jahrzehnte freisetzen. Wiederaufbau der Infrastruktur, Neubau von Städten, Modernisierung der Industrie – finanziert durch internationale Kredite und Wiederaufbauprogramme. Diese Logik ist zynisch, menschenverachtend – aber sie ist nicht neu. Sie ist die historisch dokumentierte Funktionsweise eines Systems, das auf permanentes Wachstum angewiesen ist und dabei an seine Grenzen stößt. Wenn das System nicht reformiert werden kann oder soll, bleibt nur der Reset durch Zerstörung.“46
Alles, was zerstört wird, muss nach dem Krieg wieder aufgebaut werden: Häuser, Fabrikanlagen, Bürogebäude, Labore, Schulen, Krankenhäuser, Verkehrsinfrastruktur wie Straßen, Airports, Häfen, Bahnanlagen, usw. Ein Beispiel: Laut der systematischen Auswertung von Satellitendaten durch die Analysefirma Vertical52 wurden in den Jahren 2023 und 2024 „78 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen zerstört oder beschädigt“47.
In folgenden vier Bereichen müssen in Gaza zunächst auch die unmittelbaren Folgen der Zerstörungen behoben werden: im Rahmen der Schuttbeseitigung (53 Millionen Tonnen Trümmer allein bis Oktober 2025), aufgrund von Blindgängern (mindestens 4.000, nicht mit eingerechnet Panzer- oder Artilleriegranaten und andere Munitionstypen), bei der Wasserversorgung (in den ersten sechs Monaten des Krieges wurden 60 Prozent aller Wasserpumpen, Entsalzungs- und Kläranlagen zerstört), sowie bei der Befestigung von instabilem Untergrund (infolge der gesprengten Tunnelanlagen).48 „Laut Schätzungen der Uno könnte ein Wiederaufbau bis zu achtzig Jahre dauern … Klar ist, dass die Kosten enorm wären. Schätzungen veranschlagen zwischen 53 und 133 Milliarden Dollar.“49
Die Mehrwertproduktion durch lohnabhängige Arbeiter erfolgt im Rahmen des Wiederaufbaus der kriegszerstörten Länder zusätzlich in den Werkanlagen für die Gewinnung von Baumaterial (Sand, Zement, Stahl, usw.), im Hoch- und Tiefbau sowie in den Fabriken für Werkzeuge, Maschinen, Transportfahrzeuge, Bagger, Kräne usw. Die Aufrüstung Europas sei in diesem Kontext keine Vorbereitung auf Verteidigung, „sondern möglicherweise die Vorbereitung auf den nächsten Zyklus: Krieg – Zerstörung – Wiederaufbau – Wachstum. Dass dieser Krieg Millionen Menschenleben kosten würde, scheint in dieser Kalkulation keine Rolle zu spielen.“50 Die Kriegstoten sind der menschliche „Kollateralschaden“ der Folgen des Kapitalismus in der Krise, um diese im Interesse der Profitökonomie zu überwinden.
VII. Gesellschaftliche Repression im Militärstaat
Die formelle und die reelle Subsumtion der erwerbstätig-lohnabhängigen Menschen unter die ausbeuterischen Bedingungen der kapitalistischen Mehrwertproduktion gelingen nur dann, wenn die gesamte werktätige Bevölkerung – auch die Bauernschaft – sich unterordnet und keinen politischen Widerstand leistet. Deshalb verschärft sich in Zeiten der Kriegsökonomie der autoritäre Charakter des Staates als Polizei- und Militärstaat bis hin zur Ausübung des totalitären Kriegsrechts.
Hinzu kommt: Die Rüstungsproduktion ist eine mehrwertschaffende Produktion von nicht-reproduktiven Waren. D. h., es handelt sich um die Produktion von Waren, „die weder direkt noch indirekt in die Erhaltung und Erneuerung menschlicher Arbeitskraft oder materieller Produktionsmittel eingehen“51.
Zu den nicht-reproduktiven Waren gehören in erster Linie die Rüstungsgüter. Ebenso der Unternehmenssektor der Weltraumforschung und ein Großteil derjenigen Produkte, die im Rahmen der Energiewende dem sog. Klimawandel abhelfen sollen („Grüne Industrie“), ferner die mRNA-Spritzenstoffe, welche bei der Covid-19-Kampagne eingesetzt und aufgezwungen wurden.52
„Dadurch, dass das Finanzsystem die Bedingungen der Produktion und der politischen Situation zugunsten … der Rüstungs- und Kriegsfinanzierung ausnutzen und verändern muss, verändert und entwickelt es auch das gesamte Herrschaftssystem. Aufrüstung und Krieg bieten dazu die größten Möglichkeiten, weil nur zu ihren Gunsten die Befriedigung der Bedürfnisse des gesamten Volkes in solchem Ausmaß unterdrückt werden kann.“53
Der Politikwissenschaftler Manfred G. Schmidt hat erkannt: „Um Nachfrage dieser Art effektiv zu machen, bedarf es einer Staatsmacht, welche die Bezahlung für solche Produkte der Bevölkerung aufzwingt“54
Da die Milliarden-Kosten für die Kriegswirtschaft aus den Mitteln des Steuerhaushalts finanziert werden, stellt sich die Frage, bis zu welchem Grad der Manipulation und Irreleitung die Bevölkerung bereit ist, dabei Folge zu leisten. Gegen die drohende Gefahr einer Rebellion von unten organisiert sich der Polizei- und Militärstaat durch Überwachung, Zensur, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Geldstrafen, Sanktionen, Debanking, Gefängnis und Tötung.
Angelika Komlosy beschreibt diesen Prozess wie folgt: „Die Erosion der Machtgrundlagen kann dazu führen, dass – mangels Alternativen – allseits akzeptierte Hegemonie in allen Machtdimensionen immer stärkerer politisch-autoritärer, polizeilicher bzw. militärischer Machtmittel bedarf.“55
Der Polizei- und Militärstaat bilden zusammen mit der Kriegswirtschaft, der Rüstungsindustrie und dem gesamtenmilitärisch-industriellen Komplex ein schwer durchschaubares Wirkungsgemenge. Mit Hilfe der kriegerischen Zerstörungen, durch staatliche Repression, auf Kosten von Menschenleben und körperlicher Unversehrtheit, sowie unter Inkaufnahme massiver sozialer Verwerfungen wird für die Dauer des Krieges von der ökonomischen Krise abgelenkt und ein Ausweg aus derselben versprochen – vorübergehend scheinbar auch geleistet – um schließlich erneut wieder bei ökonomischen Krisen aufgrund fallender Profitraten zu landen.
Der Kreislauf Krieg – Zerstörung – Wiederaufbau – Wachstum – Krise – Krieg schließt sich, da die kapitalistische Profitgier keinen anderen Ausweg findet, als den, das Profitsystem durch materielle Zerstörung und die Vernichtung von Menschenleben zu erhalten.
1 Siehe Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster bis Dritter Band. Leipzig: Dietz Verlag 196512 (= MEW 23), Berlin 1963 (MEW 24), Berlin 1964 (MEW 25).
2 Siehe Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel, Benjamin Lemke, Conny Stahmer-Weinandy: Die Neue Normalität. Wien: Promedia Verlag 2024.
3 Vighi, Fabio: „Der Wahnsinn, den wir für Vernunft halten“; in: https://navigator.gmx.net/mail?sid=a37c3a3bc706453f13a00c87bab5bf232d35c4ce0a5de359f8f933c665f72be8d7e5498c0c4d15dfb53e7400fc4e03ca (19.02.2026).
4 https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/10292 (06.02.2026).
5 Andrea Komlosy: Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft. Wien: Promedia 2022: 26.
6 A. a. O.: 25.
7 Michael Hollister: „Aufrüstung im Niedergang. Warum Deutschland und die EU in den Krieg investieren“; in: Globalbridge vom 04.03.2026. Erstveröffentlicht bei: https://overton-magazin.de/hintergrund/wirtschaft/aufruestung-im-niedergang-warum-deutschland-und-die-eu-in-den-krieg-investieren/ (04.03.2026).
8 Komlosy 2022 (Anm. 5): 27.
9 Eike Hennig: „Industrie, Aufrüstung und Kriegsvorbereitung im deutschen Faschismus (1933-1939). Anmerkungen zum Stand ‚der‘ neueren Faschismusdiskussion“; in: H. G. Backhaus u. a., Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975: 83.
10 A. a. O.: 90.
11 Kühnl, Reinhard (1971). Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus – Faschismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1971: 124.
12 Manfred Clemenz: Gesellschaftliche Ursprünge des Faschismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972: 192.
13 Hollister 2026 (Anm. 7).
14 Komlosy 2022 (Anm. 5): 36.
15 A. a. O.: 111.
16 Andere Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Kriege sind handlungstheoretisch begründet und beschränken sich v. a. auf soziologische, politikwissenschaftliche, individual- und sozialpsychologische Erklärungsansätze. Ohne die politisch-ökonomischen Zusammenhänge in Rechnung zu stellen, bleiben diese Analyse-Versuche dem Trugbild der Freund/Feind-Dichotomie verhaftet. Die Schimäre des Feindbild-Narrativs ist jedoch irreführend und wirkt kriegsertüchtigend.
17 Hollister 2026 (Anm. 7).
18 Vgl. Vighi 2026 (Anm. 3).
19 Siehe Klaus Peter Kisker, „Strukturelle Überakkumulation und Krise der Erwerbsarbeit“; in: Z, Nr. 31, 1997 – http://www.wiwiss.fu-berlin.de/institute/wirtschaftspolitik-geschichte/kisker/texte/StrukUeAkk.pdf.
20 Wolfram Elsner: Die Menschheit in der Falle einer „unmöglichen“ Profitrate. Oder: „Neoliberaler“ Finanzkapitalismus vs. Demokratie und weitere menschliche Entwicklung. Bergkamen: pad-Verlag 2013: 10 (Hervorhebung im Original).
21 Siehe Klaus Müller, „Schranke für die Entwicklung der Produktivkräfte“; in: junge Welt Nr. 294 vom 18.12.2019: 7.
22 Klaus Peter Kisker, „Plädoyer für eine gesellschaftliche Profitorientierung“; in: Utopie kreativ, Heft 198, April 2007: 336.
23 Karl-Heinz Roth und Eckard Kanzow: Unwissen als Ohnmacht. Zum Wechselverhältnis von Kapital und Wissenschaft. Berlin: Edition Voltaire 1971: 9.
24 Siehe Fabio Vighi: Notfallkapitalismus. Texte zur politischen Ökonomie des in Agonie befindlichen „senilen Kapitalismus“. Bergkamen 2024.
25 Fabio Vighi: A Self-Fulfilling Prophecy. Systematic Collaps and Pandemic Simulation; in: https://thephilosophicalsalon.com/a-self-fulfilling-prophecy-systematic-collaps-and-pandemic-simulation (18.09.2021).
26 Siehe Bauer, Rudolph: The Great Reset – der große Rückfall. Hygienegemeinschaft, Softtotalitarismus und Überwachungskapitalismus. Bergkamen 2021: 21.
27 Die Karriere von Carsten Breuer (Jahrgang 1964) lässt erkennen, dass die drakonischen Corona-Maßnahmen ein wichtiger, von der alten Friedensbewegung nicht wahrgenommener Teil der gesellschaftlichen Militarisierung gewesen sind. Der General des Heeres wurde im März 2020 zum Verantwortlichen für die „Amtshilfe der Bundeswehr“ bei der Covid-19-„Pandemie“ berufen. Im November 2021 wurde er Leiter des Krisenstabs im Bundeskanzleramt zur Koordinierung der staatlichen Corona-„Bekämpfung“. Seit März 2023 ist er Generalinspekteur der Bundeswehr, d. h. „ranghöchster Soldat“, truppendienstlicher Vorgesetzter aller Angehörigen der Streitkräfte, ihr höchster militärischer Repräsentant und militärischer Berater des Kriegsministers Pistorius. Dieser ließ Mitte Februar 2026 verlautbaren, Breuer werde als Kandidat für den Posten des Vorsitzenden des Militärausschusses der Nato vorgeschlagen.
28 Siehe Sabine Pfeiffer: Digitalisierung als Distributivkraft. Über das Neue am digitalen Kapitalismus. Bielefeld: transcript 2021.
29 Siehe Gerburg Weiß: Nach bestem Wissen und Gewissen. Ärzte in den Fängen der Corona-Justiz. Rheinbreitbach: Sound of Truth Publishing 2026.
30 Siehe zur Rolle der Rüstungswirtschaft Michael Kidron: Rüstung und wirtschaftliches Wachstum. Ein Essay über den westlichen Kapitalismus nach 1945. Frankfurt am Main 1971: 57 ff.
31 Manfred G. Schmidt: „Staatliche Ausgabenpolitik und Akkumulationsentwicklung im Rüstungssektor der Bundesrepublik“; in: H. G. Backhaus, u. a., Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 5. Frankfurt am Main 1975: 91 f.
32 Otto Lehmann-Russbüldt: Der Krieg als Geschäft. Berlin: Nebelhorn 1927: 7.
33 Wolfram Beyer: Pazifismus und Antimilitarismus. Stuttgart: Schmetterling. 2012: 209.
34 ESCLUSIVO. Il prof. Fabio Vighi: „Il Green Deal ha cambiato pelle“ – BGS News – Buongiorno Südtirol – Professor Fabio Vighi: „Der Green Deal hat sein Gesicht verändert.“ – Francesco Servadio sprach für „Buongiorno Südtirol“ mit Fabio Vighi; in:https://www.buongiornosuedtirol.it/de/2026/02/01/esclusivo-il-prof-fabio-vighi-il-green-deal-ha-cambiato-pelle-3/ (27.04.2026)
35 Thomas Kuczynski, „Kommandierte Arbeit“; in: junge Welt Nr. 210 vom 9./10.09.2017: 12.
36 Karl Marx: Die Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik 1969: 50.
37 Rudi Schmiede: „Reelle Subsumtion als gesellschaftstheoretische Kategorie“; in: Wilhelm Schumm (Hrsg.), Zur Entwicklungsdynamik des modernen Kapitalismus. Beiträge zur Gesellschaftstheorie, Industriesoziologie und Gewerkschaftsforschung. Symposium für Gerhard Brandt. Frankfurt/New York: Campus Verlag 1988: 21. –https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/25427/25427_1.pdf;jsessionid=B67B3F8E05ADDCB5BB0317AF19DD23A2?sequence=1 (26.04.2026)
38 A. a. O.: 31.
39 Dieser Subsumtionsprozess ist in allen Industrien zu beobachten, nicht zuletzt auch in der Rüstungsindustrie, in der Chemie- und der Pharmaindustrie. In Dienstleistungsberufen wie der Altenpflege und im Gesundheitswesen nähern sich die Tätigkeitsprofile im Zuge der Kommerzialisierung, Kommodifizierung und Ökonomisierung dem Muster der Arbeit im Rahmen der relativen Mehrwertproduktion an. Siehe Rudolph Bauer: „Soziale Dienste in Gegenwart und Zukunft“; in: Hubert Oppl und Arnold Tomaschek, Soziale Arbeit 2000. Band 2: Modernisierungskrise und soziale Dienste. Freiburg im Breisgau: Lambertus Verlag 1986: 43-70. – Ders.: „Verbesserung durch Laien? Zur Kritik der Privatisierung Sozialer Dienstleistungen“; in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 4/1988: 488-500. – „Hier geht es um Menschen, dort um Gegenstände. Über Dienstleistungen, Qualität und Qualitätssicherung“; in: Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Heft 61, September 1996: 11-49.
40 Marx 1969 (Anm. 36): 51.
41 Karl Heinz Roth und Eckard Kanzow: Unwissen als Ohnmacht. Zum Wechselverhältnis von Kapital und Wissenschaft. Berlin: Edition Voltaire 1971: 104.
42 Siehe a. a. O.
43 Hollister 2026 (Anm. 7).
44 Ebd.
45 A. a. O.
46 A. a. O.
47Jonas Roth, u. a.: „Ist der Gazastreifen wieder aufbaubar?“; in: Neue Zürcher Zeitung, Internationale Ausgabe vom 11. 10. 2025: 2.
48 Vgl. ebd.
49 Ebd.
50 Hollister 2026 (Anm. 7).
51 Manfred G. Schmidt: „Staatliche Ausgabenpolitik und Akkumulationsentwicklung im Rüstungssektor der Bundesrepublik“; in: H. G. Backhaus u. a., Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975: 92.
52 Der Hinweis, dass es sich bei diesen Produkten, genauso wie bei denen der Rüstungsindustrie, um nicht-reproduktive Waren handelt bedarf einer theoretischen und empirischen Vertiefung, die an dieser Stelle nicht geleistet werden kann.
53 Ruth Andexel: Staatsfinanzen, Rüstung, Krieg. Berlin: Akademie Verlag 1968, S. 177.
54 Schmidt 1975 (Anm. 51): 92.
55 Komlosy 2022 (Anm. 5): 58.
