In Teil 2 seines Textes „DDR 2.0?“ geht Andreas Peglau auf die Suche nach einer Vision, die seiner Meinung nach eine künftige Friedensbewegung bitter nötig hat.
In den 80er Jahren marschierten – trotz damals schon massivem Hubschraubereinsatz und Kriminalisierungsversuchen – politisch bewegte Eltern mit ihren Kindern an Ostern gegen den Krieg. Es ging um Frieden und Abrüstung, nicht um Sicherheit und Verteidigung.
Die Kölschrockband BAP – sicher kein linksradikaler Underground, sondern weithin anerkannter, populärer Teil des westdeutschen Mainstream – konnte nicht nur ungestraft, sondern unter dem Jubel ihrer Fan-Massen singen: „Plant uns bloß nicht bei euch ein!“
Im Songtext heißt es (eingedeuscht aus dem Kölschen):
„Ich hab mit eurer Logik nichts am Hut,
Wieso ihr was wo getan habt und noch vorhabt,
Weshalb (ihr) über Leichen geht.
Denn was ihr logisch nennt, das nenn ich pervers,
Eure ganze Wertigkeit auch.
Die Art stirbt aus, die marionettengleich ihr
Als Minenhunde vorschickt.
Eure Schachfiguren haben denken gelernt
Und springen einfach vom Brett,
Bis zum Kadaver wird jetzt nicht mehr pariert…
… Plant uns bloß nicht bei euch ein,
Seit wir euch durchschaut haben,
Wissen wir, dass wir nicht auf dem allerfalschsten Dampfer sind.
Wir haben mit euren Lügen nichts am Hut,
Mit dem, was ihr mal gelogen (habt), (noch) lügen wollt
Und dem, was ihr jetzt schon alles lügt.“
Peglau kommentiert: „Versuchen Sie das mal heute. Es drohen Ihnen als Lumpen-Pazifisten nicht nur massive Verleumdung und Ausgrenzung, sondern möglicherweise auch Kontoschließungen, Reiseverbote oder gar juristische Verfolgung als Putin-Versteher.“
Schauen wir uns an dieser Stelle kurz einen Begriff aus dem Feld des komplexen Bezichtigungs-Systems näher an: was genau sind „Lumpenpazifisten“, welche Sorte Geschmeiß meint der Benutzer eines solchen Neologismus damit?
Lumpenpazifisten werden häufig in einem Atemzug genannt mit „Friedensschwurblern“, „Putinfotzen“ oder als „hässlichste Fratze Deutschlands“ tituliert. Ironisch-lustig scheint mir das nicht zu sein. Eher voller Hass, der sich hinter pseudo-woker Polit-Klugscheißerei verbirgt.
Der Begriff geht scheinbar auf eine Spiegelkolumne von Sascha Lobo (‚Der deutsche Lumpen-Pazifismus‘) zurück. Darin behauptet der Blogger, Lumpenpazifismus sei eine zutiefst egozentrische Ideologie, die den Befindlichkeitsstolz über das Leid anderer Menschen stelle.
Verblüffend, aber nicht wegzuleugnen: Es gibt doch mehr Autoren, als man meinen möchte, die all jene zutiefst verachten, denen es nicht gelingt, sich selbst in den Mittelpunkt all ihres Strebens zu setzen – und deswegen mit einer klassischen Volte sozial gestörter Persönlichkeiten den vermeintlichen Verlierern im großen Ego-Spiel genau das vorwerfen, was sie selbst am meisten ausmacht.
Dies ist sicher auch ein nie versiegender Quell jener verdrehten Ansicht, dass Protest eine niedere Ausdrucksform von Neid auf die Bessergestellten sei. Dabei bedient man sich frei aller Spielarten trumpistischen Machismos.
Der Erfinder des Unwortes jedenfalls ist Internetunternehmer, arbeitet(e) lange als Aushängeschild für Vodafone und versteht sich selbst und seine popliterarische Entourage als „digitale Bohème“ (siehe sein Buch, natürlich ein Bestseller „Wir nennen es Arbeit…“). Der Experte für Egoismus ist stolz darauf, „Inhaber einer gutgehenden Frisur“ zu sein – die ich als einen Fall von kultureller Aneignung bezeichnen möchte, es sei denn, er hat sie mit direktem Bezug auf die Kriegs-Rasur amerikanischer Fallschirmjäger geschnitten.
Wie auch immer, kommt es nicht in Fragen von Krieg und Frieden wesentlich darauf an, was unter der Frisur los ist? Schließlich beginnt die Militarisierung im Kopf.
Ganz unüberhörbar hat Lobo seinen Diffamierungsbegriff vom Lumpenproletariat abgeleitet, mit dem Karl Marx jene Vielfalt an Menschen mit unterschiedlicher Klassenherkunft bezeichnet, die adas unterste Ende der Gesellschaft hinabgestiegen sind oder aus ihm stammen und keiner typischen Lohnarbeit nachgehen („Wir nennen es Arbeit…“???).
Die Lumpenpazifisten marschieren also an Ostern und führen dabei mißbräuchlich ihre Kinder mit. Was sollten diese Ignoranten und Menschenfeinde auch sonst tun, da sie ja nichts auf Tasche und den Kleinen daher kein anderes Abenteuer zu bieten haben als anti-etatistische Panikmache. Echte Gesinnungslumpen sind nämlich immer pleite – und daher Staatsfeinde. Während diese geistigen Proletarier also ihr selbstsüchtiges Ziel des Werbens für den Frieden verfolgen und dabei das Leid anderer Menschen mißachten, indem sie einen Krieg beenden wollen, versammeln sich die honorablen Mitglieder der woken Bohème am stets sonnigen Berliner Südsternmarkt. Es gelingt ihnen dabei eine geostrategische Akkumulation von mehreren 100.000 € in Form von Elektromotor-getriebenen Lastenrädern. Sie erleben zusammen mit ihren Babycinos „die kleinen Momente, die groß werden“, eben wahre und untadelige Abenteuer, als da wären: rein bioorganisch erzeugte Lammwürstchen von der Größe eines ausgewachsenen kleinen Fingers für 18 € das Stück, dazu ein handgepflücktes Wildblumensträußchen für den Preis eines halben lumpenpazifistischen Mindestlohns.
Das gilt natürlich nur für jene Teile der Bohème, die nicht gerade ihren Tesla mit dem Schutz-Aufkleber versehen: „Den habe ich gekauft, bevor Elon verrückt wurde.“
Die „Bitte mein Auto nicht anzünden, ihr linken Schweine“-Botschaftenaufrubbler vergessen dabei, dass ihr Tesla lange nach der Zeit produziert und an sie – die digitale Avantgarde – verkauft wurde, als Neuralink und Starlink und raketengetriebene Wochenendausflüge und Marskolonisationsprojekte längst auf dem Weg waren.
Klammheimliche Bewunderung für Männer mit Eiern und für ihre transhumanistischen, hyperwirtschaftslibertären technologischen Irrsinnsprojekte kann man nämlich in der Welt der Elektro-Bohème voll super mit Klebefolie kaschieren.
Nun gut, ausreichend Klischees sind auf dem Tisch.
Die Debatte gewinnen werden wie immer diejenigen, die mehr auf Tasche haben und den anderen daher ausdauernder vormachen können, dass ihre Logik nicht pervertiert ist.
Jetzt zurück zu BAP und der Frage:
Warum war es 1982 ungefährlicher, sich im Westen für den Frieden zu engagieren? Peglau meint: „Weil es tatsächlich demokratischer zuging.“
Lesen Sie in DIE AKTION: DDR 2.0? Braucht die Friedensbewegung eine Zukunftsvision?
