Die ideologische Infektion

Heute veröffentlichen wir in DIE AKTION – als Teil unserer neuen Reihe “Enquete – analytische Präparate für die post-pandemische Gesellschaft” – einen hellsichtigen, dreissig Jahre alten Text des französischen Mediziners und in Deutschland weitgehend unbekannten Essayisten Michel Bounan, der Guy Debord und den Situationisten nahe stand.

Direkter Link zum Text hier.

Der Text ist ein Ausschnitt aus Bounans Buch “La Vie innomable” (in dt.: “Das unsägliche Leben”), das er 1993 im Alter von 51 Jahren veröffentlichte.

In seinem wohl bekanntesten Essay, “Le temps du sida” (in dt.: ‘In Zeiten von AIDS’) stellt Bounan drei Jahre zuvor die These auf, der Ausbruch der Krankheit AIDS, die er “eine ideologische Infektion” nennt, stehe in enger Verbindung zu den durch die moderne Warenwirtschaft geschaffenen sozialen Bedingungen und der daraus resultierenden Umweltzerstörung.

Seiner Meinung nach würden die ständigen physischen und psychischen Angriffe durch allgegenwärtige chemische Verschmutzungen und medizinische Produkte, sowie die Impfungen in den Ländern der Dritten Welt die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers beeinträchtigen.

Bounan, dies sei an dem Punkt angemerkt, praktizierte als Homöopath. Seine AIDS-Theorie knüpft an frühere Theorien an, die bestreiten, dass HIV der (alleinige) Auslöser der Krankheit sei.

Oder, wie es Bernd Volkert in seinem Beitrag zu Bounan im Berliner Magazin “Der Erreger” Nr.1 formulierte:

“Michel Bounan war sich sicher: Die Welt, wie wir sie kennen, die Welt der Waren, wird unaufhaltsam zugrunde gehen. Das fortschreitende Desaster zeigt sich für Bounan in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens, ob in der Ökologie, der Medizin, der Ernährung, der Psychologie, der Erfahrung der Zeit, der Sprache. Alle Versuche, dagegen mit den vorliegenden Mitteln und Methoden …vorzugehen, sind für ihn zum Scheitern verurteilt. Im Gegenteil: Sie tragen unweigerlich noch zur Beschleunigung der Katastrophe bei.”

Debord erhob aufgrund des vorliegenden Textes Bounan zum “wichtigsten Kenner des totalen Desasters […], das bereits im gesamten Gesundheitswesen feststellbar ist.” (S.325 Ausgewählte Briefe 1957-1994, Berlin, 2011)

Bounan war Debords Hausarzt.

Noch einmal Volkert: “Michel Bounan ist am 11. November 2019 im Alter von 77 Jahren gestorben, gerade noch rechtzeitig – welch böse Ironie der Geschichte –, damit er keine Gelegenheit mehr erhielt, sich zur ‘Zeit von Corona’ zu äußern. Immerhin können seine vorhandenen Texte helfen, ein wenig diese dunkle Zeit durch Einsicht zu erhellen.”

Der durchtriebene Staat

Was der Enthüllung des wahren Gesichtes unseres “durchtriebenen Staates” (Bounan, L‘État retors, dt. hier) vorangeht, welche Illusionen wir aufgeben müssten, formuliert Bounan wie folgt:

“Genauso ist es mit jeder Ware, die sich rühmt, ihrem Besitzer seine Kraft, seine Freiheit, sein verlorenes Leben wiederzugeben, deren Gebrauch und schneller Verschleiß aber zu neuer schwerer Qual führt. In Zukunft muß man jede Ware, die mit solchen Behauptungen prahlt, als Gift betrachten, das heißt: fast alle modernen Waren.

Und noch eine andere Illusion muß aufgegeben werden: Man kann sich heute in keiner einzigen bezahlten Tätigkeit ‘verwirklichen’. Die Tätigkeit wird nur entlohnt, weil sie für das Funktionieren dieses perversen Apparates nützlich ist und deshalb im Gegensatz zu den lebendigen Wünschen steht, die in ihr in den Dienst genommen werden. Sie zerstört die Arbeiter immer. Es wird schließlich auch notwendig sein, jeden als Feind zu betrachten, der vorgibt, im Namen von anderen zu handeln, die keine Gelegenheit haben, ihn sofort der Lüge zu bezichtigen.”

Le Temps du sida, Paris 1990 (in dt. “In Zeiten von AIDS”), S.165, dt. von Bernd Volkert für “Der Erreger”

Die letzten Zeilen klingen vertraut in Zeiten von SARS-CoV2, in der unsere medizinische Behandlung von “Autoritäten” eingefordert wird: zum Schutz der Verletzlichen. Die Vergiftung ist durchaus nicht freiwillig – sie wird durch angsteinflössende Drohung angeordnet, mit quasi-psychologischem Zwang durchgeführt. Die Ware hat – so scheint es – ihre Verführungskraft eingebüßt. So muss nachgeholfen werden, damit der Umsatz stimmt.

Sollte sich die in den “Chimären” veröffentlichten Behauptungen eines Tages als wahr erweisen und die Krankheit tatsächlich das Ergebnis einer aus dem Ruder gelaufenen Waffenforschung sein, so hat auch hierauf Bounan schon eine Antwort parat.

In seinem Buch Logique du terrorisme (2003, in dt.: “Logik des Terrorismus”, engl. Textfassung hier) beschreibt er das Mafia-System im Italien des 19. Jahrhunderts, das Terrorismus gegen Ziele praktizierte, die sich nicht unterwerfen wollten, und ihnen gleichzeitig Schutzdienste gegen diesen Terrorismus anbot.

Er weitet diese Analyse auf Regierungen aus, die, um ihre Existenz gegen ihre kritische Bevölkerung zu verteidigen, den Terrorismus instrumentalisieren und unter dem Deckmantel des Schutzes vor diesem Terrorismus repressive Gesetze gegen ihre Bevölkerung einführen.

Bounan, der Experte für das das Undenkbare, Unsagbare, das Unbenennbare, hat Vieles vorweggenommen und früh als unausweichlich erkannt, dessen Einlösung wir erst heute in voller Härte erfahren. Denn täglich wird deutlicher sichtbar: “Wenn Sie nicht glauben oder sich nicht zwingen, zu glauben, sind Sie krankenhausreif. Der Normalzustand besteht darin, verrückt zu sein.

Die Chimären

Wurde SARS-CoV2 synthetisch erzeugt, um als Waffe zu dienen? Eine aktuelle Analyse.

In der griechischen Mythologie sind die Chimären vielköpfige Ungeheuer, brandgefährliche Mischwesen, die mal aus einer Ziege und einer Bestie zusammengefügt sind, mal aus Schlangen und Drachen. Hydra, das im Wasser lebende Scheusal mit dem tödlichen Hauch, zählt ebenso zu den Chimären, wie der Höllenhund Zerberus, der “Dämon aus der Grube”. Echidna, die “Mutter aller Monster”, gründete die Sippe, indem sie mit Typhon, dem Sohn der Gaia, eine Tochter namens Chimaira erzeugte. So entstand der Sammelname für all die Satansbraten von Geschwistern.

Derlei Tierwesen stehen am Anfang der mythischen Schöpfung – aber sie wecken keine angenehmen Gefühle.

Umso verwunderlicher, dass in der modernen Genetik ein derart negativ konnotierter Begriff wie “Chimäre” einen Organismus bezeichnet, der aus genetisch unterschiedlichen Zellen besteht, aber dennoch ein einheitliches Individuum bildet. Ist das Gen-Material zudem synthetisch erzeugt, haben wir es mit einer Art Cyborg zu tun, einem “kybernetischen” Körper, in den dauerhaft neben natürlichen auch künstliche Elemente eingeschraubt sind.

Mit SARS-CoV-2 als einem “chimärischen Virus” befassen sich nun zwei jüngst veröffentlichte Papiere. Beide werfen auf radikal unterschiedliche Weise die Frage auf, ob künstlich veränderte Viren Waffen sein können.

Quelle Papier 1: Project Defuse, Autoren Peter Daszak & EcoHealth Alliance

Quelle Papier 2: Endonuclease fingerprint indicates a synthetic origin of SARS-CoV-2; Valentin Bruttel (Uniklinik Würzburg), Alex Washburne (Selva Analytics, Bozeman, Montana/USA), Antonius VanDongen (Duke University, Durham, North Carolina/USA)

Ich fürchte, nicht einmal der größte Kenner aller dystopischen Projekte, Mike Davis, hat sich, als er 2005 sein Buch “The Monster at Our Door – The Global Threat of Avian Flu” veröffentlichte, vorstellen können, auf welche Weise sich “die Pandemieuhr Mitternacht nähert”. Er resümiert fünfzehn Jahre später, kurz vor seinem Tod: “Die kapitalistische Globalisierung ist biologisch untragbar geworden.” In jenem späten Text von 2020 geht es, gemessen an den jüngsten Einsichten, noch vergleichsweise harmlos um “Seuche und Profit”.

Nun ist eine nächste Runde in der Diskussion um die Herkunft des Virus eingeläutet. In ihr geht es um Seuche und Mord. Hat die Mutter aller Monster – diesmal zusammen mit Mars, dem Kriegsgott – ein neues Kind geboren?

Gen-Scherereien

Wenn solche Erfindungen zu Waffen werden, verschiebt sich das Schlachtfeld.
Die französische Toxikologin Chantal Bismuth hat versucht, der Entwicklung mit einer neuen Klassifikation näher zu rücken. Sie spricht von „Angriffsmedikamenten”,
von Technologien der „vierten Generation”.
Sie meint damit, daß das Spektrum konventioneller Waffen … nunmehr dank Nano- und Biotechnologie fast beliebig erweiterbar ist. Während die (konventionellen und die nicht-tödlichen) Waffen mit dem Körper und dem Nervensystem interagieren und die gewünschten (Verhaltens-)Effekte durch die Anwendung mehr oder minder brachialer Gewaltanwendung erzielen, operieren die „biologischen Agenten” der nächsten Generation erheblich sublimer. Indem sie sich – einmal abgeschossen – oft unbemerkt in den Körper einschleichen oder – wie bei vielen Psychopharmaka und modifizierten Nahrungsmitteln – sogar freiwillig eingenommen werden, erreichen sie ihren Kontrolleffekt oder ihre militärische Wirkung auf erheblich „feinere” Weise.
Olaf Arndt, Demonen, Hamburg 2005

In den letzten Tagen sind mir die zwei oben erwähnten Papiere zugegangen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben scheinen.

Sie handeln zwar beide von Scherereien, mit denen wir alle, die Bewohner dieses Planeten, zu kämpfen haben, weil einige Wenige “von uns” mit der Genschere an Viren herumschnippeln, die sie durch Analabstriche aus dem Darmausgang von Fledermäusen extrahiert haben.

Doch das eine, schon zwei Jahre vor Ausbruch der Pandemie verfasste, aber erst jetzt in vollem Umfang geleakte Papier mit dem Titel “Project Defuse” befürwortet das Experimentieren mit Viren und bemüht sich dazu um militärische Unterstützung.

Während das andere, Ende Oktober 2022 erschienene Papier über den vermutlich synthetischen Ursprung von SARS-CoV-2 die Folgen der Experimente analysiert.

Es heisst bekanntlich, man könne den Geist einer Gesellschaft recht gut an den Instrumenten erkennen, die sie zu ihrer Instandhaltung für geeignet oder unverzichtbar hält.

Was sagt es über den Zustand unserer gegenwärtigen Kultur aus, dass wir wesentliche Erkenntnisse zu ihrer Fortführung aus der Scheiße beziehen, die wir Fledermäusen aus dem Arsch popeln?

Entschuldigen Sie bitte die vulgäre Ausdrucksweise. Ich möchte damit lediglich erreichen, dass Sie sich so plastisch wie möglich vorstellen, aus genau welcher handwerklichen Tätigkeit mit zunehmender Wahrscheinlichkeit die Pandemie entsprungen ist.

Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung

Hier nun einige Details zu beiden Studien.

Der Grad der Komplexität der Elemente, die ich benötige, um diese für einen Laien hoch verwirrenden Projekte darzustellen, erfordert Ihre ganze Konzentration. Bitte lassen Sie sich nicht entmutigen durch den etwas schwer lesbaren ersten Teil. Ich bemühe mich um eine allgemeinverständliche Auswertung.

Dabei geht es mir zwar um eine Übersetzung des Inhaltes der Papiere in verständliche Alltagssprache.

Mich interessiert aber dabei stets die generelle Frage, welche Haltung sich für kritische Beobachter aus der Gemengelage von Fakten und politischen Finten notwendig ergibt?

Welche Erkennisse ziehen wir aus der Analyse solcher Papiere: über unsere Regierungen, unsere Wissenschaft und unsere Wirtschaft, ein apokalyptisches Trio, das unverdrossen fröhlich kooperiert, um endlich den Deckel von der Büchse der Pandora zu reissen?

Welche gesellschaftliche Grundkonstellation verhilft Projekten wie dem zur Herstellung von gefährlichen Chimären aus den Viren der Fledermaus-Fäzes zum glücklichen Abschluß? Wie interveniert ein heutiger Aktivist, um diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen? Welche Mittel und Methoden benötigen wir künftig, wenn wir das hemmungslose Hantieren mit dem tödlichen Geschmeiß unterbinden wollen?

Grundvoraussetzung zur Mobilisierung der Widerstände gegen solchen Irrwitz ist Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung.

Weltuntergangsschalter

Bei “Project Defuse” handelt es sich um die Beschreibung eines seit August 2019 abgeschlossenen Vorhabens der (angeblichen) NGO EcoHealth Alliance , Coronaviren umzuformen, um “unsere” Streitkräfte zu schützen.

Das Papier ist bunt illustriert mit Soldaten und Fledermäusen und ursprünglich als Antrag an die militärische Avantgarde-Forschungseinrichtung des Pentagon, DARPA, verfasst worden. DARPA hat eine Förderung abgelehnt, weil EcoHealth zu enge Verbindungen zum Wuhan Institute of Virology unterhält. Dennoch ist das Projekt offensichtlich durchgeführt worden. Eine Timeline findet sich hier.

Das Project-Defuse-Papier beweist angeblich laut der Forschergruppe D.R.A.S.T.I.C. (Decentralized Radical Autonomous Search Team Investigating COVID-19), dass EcoHeath Alliance in der Lage waren, 180 “Virenstämme” zu züchten und sie unter Kontrolle der chinesischen Regierung zu stellen.

D.R.A.S.T.I.C. sammeln geleakte Informationen zur Covid19-Pandemie und lassen sie von renommierten Wissenschaftlern auf ihre Plausibilität untersuchen.

Einer von diesen Experten ist Simon Wain-Hobson, ein britisch-französischer Mikrobiologe und Professor für Molekulare Retrovirologie am Pasteur Institute in Paris, sowie Direktor des französischen HPV Reference Laboratory, und Board Chair der Foundation for Vaccine Research in Washington DC.

Zum Project Defuse sagt Wain-Hobson , dass ihm nicht deutlich wird, inwieweit der Projektvorschlag von EcoHealth verhindert, dass “bedenkliche Forschung mit doppeltem Verwendungszweck (DURC) oder Gain of Function (GOF)-Forschung vorliegt”.

Er meint mit “DURC”, dass durch die Art, wie EcoHealth das Projekt aufstellt, wahrlich nciht annähernd ausgeschlossen ist, dass eine doppelte, also auch eine militärische (für die Enwicklung von Biowaffen geeignete) Nutzung möglicht sei, neben der zivilen Nutzung der Forschungsergebnisse zum Schutz der Menschen. GOF hingegen bedeutet so etwas wie Funktionsgewinn-Zuwachs. GOF ist ein Bereich der medizinischen Forschung, der sich auf die serielle Passage von z.B. Viren in vitro konzentriert, sowie Mutationsprozesse beschleunigt. Für GOF-Projekte werden die Gene der Viren verändert. Dadurch erhalten sie eine höhere Pathogenität, Verbreitung oder größere Übertragbarkeit. Dies soll dem Schutz der Menschen dienen, ist aber höchst riskant.

Wain-Hobson geht in seiner Analyse des Defuse-Papiers noch einen Schritt weiter. Er stellt fest, dass aus virologischer Sicht mit diesem Vorhaben sicher kein Schutz der Menschen erreichbar ist, ganz im Gegenteil.

Im Wortlaut heisst es:

“Die Autoren behaupten, dass ihre Arbeit nicht DURC/GOF ist. Zweifellos entspräche dies einer sehr strengen Definition der Kriterien. Ich würde aber aus den folgenden Gründen nicht zustimmen, dass dem so ist:

Sie arbeiten mit Fledermaus-CoVs, die auf menschlichen Zellen wachsen können oder Spike-Proteine besitzen, die eine Infektion menschlicher Zellen mit viralen Pseudotypen ermöglichen. Sie suchen sich von Anfang an pleotrope Viren aus, also solche, die sich in Zellen von mehr als einer Tierart vermehren. Vielleicht gibt es keine anschließende Mensch-zu-Mensch-Übertragung dieser Viren. Aber das wissen sie nicht.

Die Behauptung, dass die Herstellung von Fledermaus-Chimären nicht DURC/GOF ist, weil die Ursprünge der einzelnen Segmente aus einer Fledermaus stammen, ist unaufrichtig oder bestenfalls vereinfachend.

Nicht die Herkunft der Fragmente ist wichtig, sondern der Phänotyp des Virus. Es geht nur um den Phänotyp. Sonst würde es nicht DURC heißen. Es würde kein C (für Concern/Bedenken) geben.

Ich bin sehr dafür, natürliche Viren zu untersuchen, aber die Herstellung von Chimären führt uns in den Bereich des Unnatürlichen. Während sicher einige Phänotypen abgeschwächt werden, könnten andere verstärkt werden. Die Autoren können das nicht wissen, bevor sie ihre Experimente durchführen. Das ist ihnen auch bewusst.

Aber da sie wissen, dass sie mit pleotropen Viren oder pleotropen Spike-Proteinen arbeiten, ist Vorsicht die oberste Pflicht bei der Forschung. Hinzu kommt, dass sie mit Mutationsmaschinen in Umgebungen arbeiten, in denen die Selektion aktiv ist.

Angesichts der Grundvoraussetzung, dass die Vorhersage eines (nächsten) pandemischen Virus nach aktuellem Forschungsstand vollständig unmöglich ist, warum wollen sie dann diese DURC/GOF-Arbeit durchführen?”

Wain-Hobson impliziert mit diesem letzten Satz, dass sich aus den von EcoHealth durchgeführten Experimenten sicher keinerlei Nutzen zur Abwendung künftiger Pandemien ziehen lässt, so dass das Vorhaben virologisch nur plausibel sei, wenn man eine genetische modifizierte Waffe aus dem Virus machen wolle.

Er sagt konkret:

“Es besteht bei solchen Experimenten eine tödliche Anziehungskraft. Es wird alles unternommen, um hochpathogene Fledermaus-CoVs (BatCoVs) zu identifizieren. Soweit so gut. … Warum aber will man das Spike-Protein so verändern, dass es besser für die Infektion menschlicher Zellen geeignet ist? Proteaseschnittstellen, N-Glykosylierungs- und Rezeptorbindungsstellen – an allem wird herumgespielt.”

Wain-Hobson zieht folgenden Schluß:

“Chimären-Viren, wie sie im Rahmen des “Project Defuse”-Vorschlags hergestellt werden sollen, werden nicht natürlich sein, so dass jede Messung der Pathogenese in humanisierten Mäusen wenig Aussagekraft für den Effekt beim Menschen besitzt. Der Mäuseversuch ist diesbezüglich rein manipulativer Art. Mehr nicht.”

Wain-Hobson meint damit, dass das Experiment, also: die Herstellung einer viralen Chimäre, suggerieren solle, es nütze dem Menschen. Aber er hält dies aus fachlicher Sicht für grob fahrlässig.

Er schließt seine Bewertung mit einem Zitat:

“Terry Pratchett hat die Schatten von Prometheus oder Ikarus in zeitgenössischer Sprache eingefangen: Manche Menschen würden alles tun, um zu sehen, ob es möglich ist, es zu tun. Wenn man irgendwo in einer Höhle einen großen Schalter anbringen würde, auf dem ein Schild mit mit der Aufschrift “Weltuntergangsschalter. BITTE NICHT BERÜHREN” klebt, hätte die Farbe nicht einmal Zeit zum Trocknen.

Wain-Hobson bemerkt zudem, dass er der Meinung sei, wir wären nicht hier, um die Welt in einen noch gefährlicheren Ort zu verwandeln.

Infektiöse Klone

Das zweite Papier kommt erheblich trockener und unaufgeregter daher. Es fasst die Analyse des für die Pandemie verantwortlichen Virus durch deutsche und amerikanische Forscher zusammen. es erschien am 20. Oktober 2022 und trägt den vielsagenden Titel:

Endonuklease -Fingerprint deutet auf synthetischen Ursprung von SARS-CoV-2 hin”.

Die Frage nach einem möglicherweise künstlichen Ursprung des Virus beschäftigt in jüngster Zeit vermehrt die Forscher. Hier nur zwei Beispiele: The Intercept und ein weiteres Dokument von Drasticresearch.

In der Zusammenfassung eingangs des deutsch-amerikanischen Forschungs-Papiers heisst es bereits unmißverständlich:

“Um künftige Pandemien zu verhindern, ist es wichtig, dass wir verstehen, ob SARS-CoV-2 direkt von Tieren auf Menschen übergegangen ist oder indirekt durch einen Laborunfall. Das Genom von SARS-CoV-2 enthält ein eigenartiges Muster einzigartiger Restriktionsendonuklease-Erkennungsstellen, die einen effizienten Abbau und Wiederzusammenbau des viralen Genoms ermöglichen, wie er für synthetische Viren charakteristisch ist.  Hier berichten wir über die Wahrscheinlichkeit, ein solches Muster bei Coronaviren zu beobachten, bei denen kein Bio-Engineering stattgefunden hat. Wir stellen fest, dass SARS-CoV-2 eine Anomalie darstellt und eher ein Produkt der synthetischen Genom-Assemblierung als der natürlichen Evolution ist. Die Restriktionskarte von SARS-CoV-2 stimmt mit vielen zuvor gemeldeten synthetischen Coronavirus-Genomen überein, erfüllt alle Kriterien, die für ein effizientes reverses genetisches System erforderlich sind, unterscheidet sich von seinen nächsten Verwandten durch eine deutlich höhere Rate an synonymen Mutationen in diesen synthetisch aussehenden Erkennungsstellen und hat einen synthetischen Fingerabdruck, der sich wahrscheinlich nicht aus seinen nahen Verwandten entwickelt hat. Wir stellen fest, dass SARS-CoV-2 mit hoher Wahrscheinlichkeit als infektiöser Klon entstanden ist, der in vitro zusammengesetzt wurde.“

Bitte lesen Sie den vorletzten Satz sehr genau: er bedeutet meines Erachtens – insbesondere wenn man es mit Projekt Defuse im Hinterkopf liest – dass die synthetisch eingefügten Elemente für die Mutation verantwortlich sind, so dass man eine Art Cyborg-Virus erhält, dessen natürlicher Teil extrem tödlich sein könnte, wenn man dafür zB. die RNA der chinesischen Höhlen-Fledermäuse nähme, während die künstlichen erzeugten Abschnitte verhindern, dass dagegen erfolgreich geimpft werden kann. 

Das deutsch-amerikanische Forscherteam schließt die Studie mit der Einsicht:

“Das Verständnis des Ursprungs von SARS-CoV-2 kann die Politik und die Forschungsfinanzierung zur Verhinderung der nächsten Pandemie beeinflussen. Der wahrscheinliche Laborursprung, auf den unsere Ergebnisse hindeuten, motiviert zu Verbesserungen in der globalen Biosicherheit. Angesichts der Fortschritte in der Biotechnologie und der geringen Kosten für die Herstellung infektiöser Klone besteht ein dringender Bedarf an Transparenz bei der Coronavirus-Forschung vor COVID-19 und an einer weltweiten Koordinierung der biologischen Sicherheit, um die Risiken einer unbeabsichtigten Entweichung infektiöser Klone aus dem Labor zu verringern.”

Wozu Cyborg-Viren?

Schritt für Schritt wird uns deutlicher: es gibt keine Nische mehr. Kein Entrinnen. Der Griff aus dem Dunkeln hält uns bereits fest am Kragen. Wie gehen wir damit um?

Um das beantworten zu können, sollten wir zunächst einmal die Motive der Entwickler verstehen. Wozu könnte trotz bekannter Gefahren die Entwicklung eines Cyborg-Virus dienen?

Wenn wir BatCoVs wie beschrieben als Waffe verstehen, hängt von der Geheimhaltung ihrer Zusammensetzung ihre Effizienz ab.

Vielleicht ist es wie bei einem Lizenz-Geschäft? Der Entwickler der synthetischen Anteile hätte als einziger die Formel in der Hand, um das Cyborg-Virus als Waffe einzusetzen, ohne dadurch die eigenen Soldaten zu gefährden. Dieses Wissen wird er unter keinen Umständen freiwillig teilen wollen, jedenfalls nicht, solange der Cyborg eine militärische Effizienz besitzt.

Das wäre hoch problematisch.

Wir erinnern die Einleitung eines (damals, Oktober 2002) unbekannten Gases in das von tschetschenischen Selbstmordattentätern besetzte Moskauer Musical-Theater “Dubrovka”. Die russischen Geheimdienstkräfte, die den Einsatz zur Beendigung der Geiselnahme durchführten, waren mit einem Gegenmittel und Gasmasken gegen die Wirkung des Giftes geschützt. Erst als sie alle Tschetschenen erschossen hatten, ging es an den Abtransport der mehr als 700 Geiseln. Draußen warteten bereits hunderte von Krankenwagen. Aber die vom Gas schwer verletzten Theaterbesucher hätten sich nur retten oder überhaupt behandeln lassen, wenn die Zusammensetzung des Gases und Gegenmittel bekannt gewesen wären. Die Einsatzleitung aber weigerte sich, den Krankenhäusern und Ärzten die Formel herauszugeben. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB fürchtete, dass wenn die Zusamensetzung dieses Kampfstoffes einmal bekannt wäre, er nie wieder effizient eingesetzt werden könne.

Viele hundert Tote hätten vermieden werden können. Viele Überlebende fielen ins Koma, bleiben lebenslang geschädigt durch schwere Hirnläsionen.

Womöglich befinden wir uns heute in einer ähnlichen Patt-Situation.

Unsere Impfstoffe helfen nicht, denn die Formel der artifiziellen Strangabschnitte und wie man aus ihrer genauen Kenntnis ein wirksames Gegenmittel destilliert, könnte ein militärisches Geheimnis sein? Wenn aber SARS-CoV-2 gebaut und eigenmächtig entfleucht wäre, warum haben wir dann nicht mehr über seine Wirkung und eine erfolgreiche Methode der Bekämpfung in der Hand? Vielleicht, weil dieses Staats-Geheimnis hochgradig geschützt ist?

Warum, wenn all das “Spökenkrams” wäre, gibt es “ein eigenartiges Muster einzigartiger Restriktionsendonuklease-Erkennungsstellen“, ohne dass an der RNA des Virus herumgeschraubt bzw. ge-Crispr-t worden wäre – eine Einsicht, aus der ich ableite, dass die Autoren damit meinen, es sei äußerst ungewöhnlich, solche Erkennungsstellen “bei Coronaviren zu finden, an denen kein Bio-Engineering stattgefunden hat.“ 

Mir fällt an dieser Stelle ein Witz ein, der ganz zu Anfang der Corona-Zeit mein Nachdenken über den Ursprung der Pandemie und vor allem über den Hintergrund der global konzertierten Maßnahmen am stärksten befeuert hat.

Die Frage lautete: Wer profitiert von der Pandemie?

Gentaxi

Als wir am 15. März 2020 mit Motorschaden kurz vor der flugs entlang des Rheins eingerichteten Zonengrenze mit Blick auf das deutsche Ufer, an dem Bundespolizei patrouillierte, hängen blieben, sagte der französische Abschleppwagen-Fahrer mit Bezug auf das am nächsten Tag beginnende erste Confinement (Ausgangssperre): “Das haben die da oben doch im Labor entwickeln lassen, damit alle Alten sterben und sie weniger Pensionen bezahlen müssen.”

Wir lachten und luden unser havariertes Fahrzeug auf.

Die absurde Idee jedoch steckte in meinem Gehirn fest, so daß ich, nachdem das Auto wieder flott und wir zu Hause angekommen waren, im Juni 2020 Boris Fehse, Forscher am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, einem bundesweit beachteten Leuchtturm der Forschung, interviewte.

Prof. Dr. Fehse ist wissenschaftlicher Laborleiter im Zentrum für Onkologie in der Interdisziplinären Klinik und Poliklinik für Stammzelltransplantation.

In dem Gespräch ging es um den Einsatz von (Lenti-)Viren als “Vektoren” in der genetischen Medizin, also um technische Verfahren des Gentransfers in menschliche Zellen hinein, mit dem Ziel, hier durch indivuell zugeschnittene “Gaben” sehr seltene Krankheiten behandeln zu können, gegen die es bislang keine Remedien gibt. Zum Einschleusen des genetischen Wirkstoffs in den Patientenkörper werden Viren zu sogenannten Gen-Taxis umgebaut, also zu Transportern des “Medikamentes” in die menschliche Zelle.

Wir haben im Verlauf des Interviews auch über die Möglichkeit gesprochen, Corona als einen solchen Transporter zu nutzen. Fehse schloss dies 2020 kategorisch aus: wegen der kurzen Zerfallszeit von Coronaviren. Das Basteln an Gentransfer-Vektoren für die genetische Medizin schien also die Pandemie nicht ausgelöst zu haben.

Trotzdem quälte mich die Frage:

Wenn unsere Regierungen wirklich nichts über das Virus wüssten, was sie uns lieber verheimlichen möchten, und das Ding in Wahrheit total harmlos ist: wozu dann der ganze Aufriss mit Lockdown, Confinement, Kontaktsperre?

Nur um die Wirtschaft in unübersehbarem Ausmass zu schädigen, damit sie auf Null kommt und danach wieder fantastische Zuwachsraten verzeichnet?

Das wäre doch ganz eigentlich eine Verschwörungstheorie, viel hanebüchener als die recht begründete Annahme, dass mal was schiefgehen kann, wenn man an Viren rumfummelt, um sie zu Transportern für Heilmittel umzubauen oder als Waffen einzusetzen.

Wenn die Regierungen aber wussten, wie gefährlich das umgebaute Virus ist und wie schnell es sich ausbreitet, dann macht die globale Orchestrierung wieder Sinn.

Wie ließen sich diese Fragen beantworten, wenn das Virus “natürlichen” Usprungs wäre?

Nun, dann wäre die Erfolglosigkeit, Schutz vor Infektion durch eine internationale Impfkampagne zu gewährleisten, ebenso eine Bankrott-Erklärung für die moderne Medizin, wie es beunruhigen müsste, dass die geballte Hi-Tech gestütze Intelligenz der Epidemiologen uns in zwei langen Jahren noch kaum einen Schritt voran gebracht hat in Sachen Eindämmung der nächsten Welle der Virus-Verbreitung.

Sie sehen: der Abschleppwagenfahrer hatte mir erfolgreich einen Ohrwurm ins Gehirn geblasen. Immer rotierte in mir das Wort Labor Labor Labor. Immer wenn ich hörte, die Sache sei vom niedlichen Pangolin oder einer flatternden Fledermaus direkt auf den Menschen übergesprungen, musste ich unwillkürlich lachen. Nur das Labor erklärte mir, warum alle Regierungen gleichzeitig auf die gleiche drastische Art reagierten. Ich dachte: wenn die Sache so gefährlich ist, dass wir alle wirklich Angst haben müssen, dann ist sie sicher einem Labor entsprungen.

Glaubwürdigkeitsprüfung

Wenden wir uns nach all den Spekulationen kurz einer Bewertung der Dokumente hinsichtlich ihrer vermutlichen “Echtheit” zu. Denn nur, wenn wir darüber am Ende sicher sind, hat sich der Aufwand der Beschäftigung gelohnt.

Die Papiere tragen beide ausführliche Autorenangaben und benennen die Forschungsinstitute an denen die Arbeit ausgeführt wurde. Sie sind auf bekannten Seiten im weltweiten Netz veröffentlicht – und nicht nur im Darknet zugänglich. Die Experten, die ich zitiere, haben sich mit dem Stoff sorgfältig befasst.

Es handelt sich daher meines Erachtens um Dokumente, an deren Echtheit zu zweifeln ich erst einmal keinen Anlass habe.

Darüberhinaus zweifele ich nicht etwa deswegen die Echtheit nicht an, weil ich über ausreichend Sachkenntnis in Biotechnologie oder Virologie verfüge, um zu beurteilen, ob das, was darin steht, unanfechtbar ist.

Sondern aufgrund einer einfachen Verhältnismäßigkeitsüberlegung zweifle ich nicht an, was ich darin lese:

warum sollten sämtliche Dokumente, die “beweisen”, dass der Staat die virologische Situation im Griff hat, echt sein, während alle Autoren, die daran zweifeln und dafür sogar Nachweise anführen, angeblich mit gefälschten Nachweisen arbeiten?

Welcher paranoide Grafik-Designer, der für den Text-Teil einen Freund bemüht hat, der hochrangiger Mikrobiologe oder Gen-Ingenieur ist, sollte sich die Mühe machen, 75 Seiten Projektpapiere zu fälschen und zu welchem Zweck?

Solche Annahmen würden – ihrer Struktur nach selbst Verschwörungstheorie – meines Erachtens auf einer völligen Überschätzung der Leistungsfähigkeit verschwörungstheoretisch veranlagter Spinner basieren.

Nun gut, der rechtsradikale Killer Anders Behring Breivik, der im Juli 2011 in Norwegen einen Bombenanschlag vor einem Osloer Regierungsgebäude und einen Massenmord an linken Jugendlichen und ihren Betreuern auf der Insel Utøja verübte und sich laut deutschem Verfassungsschutzbericht 2016 dafür “nahezu isoliert selbst radikalisierte”, hat 1500 Seiten publiziert, die sich exakt lesen wir ein Papier, das man dem DARPA zur Förderung vorlegt. Auch diese lesen sich oft wie rassistische Pamphlete, wenn es zum Beispiel um das “schwule Gen” oder ethnienspezifische Waffen geht.

Breiviks Manifest “2083 – A European Declaration of Independence” ist auch kein wissenschaftlicher Projekt-Aufriss, sondern ein Pamphlet voll überbordender Meinungen von krankhaftem Charakter. Dennoch sind die angehängten “Beweise” (wissenschaftliche Studien, die er anführt als Beleg dafür, warum Europa Islam-frei gemacht werden müsse) nicht an einer Stelle gefälscht, sondern schlicht und ergreifend vom Autor missbraucht worden. Echt ist dieses Manifest im doppelten Sinn: als Abbild einer kranken Phantasie (hierin den EcoHealth-Autoren recht ähnlich) und dadurch, dass Breivik seinen Vernichtungsfeldzug sofort nach der Veröffentlichung angetreten hat (so wie sich EcoHealth chinesische Partner gesucht haben, um loszulegen, auch wenn das DARPA zunächst nicht mitziehen mochte).

Ich benutze diesen vielleicht für manchen Leser unzulässig klingenden Vergleich zwischen Forscher und Terrorist, um den Grad der Kriminalität der Vorhaben zu zeigen.

Atmen wir aus – Puls runterbringen!

Nun gut, Anfang der nuller Jahre herrschte die Meinung, die in schneller Folge auf dem Markt kommenden, immer abenteuerlicheren DARPA-Projektpapiere über neuartige biotechnologische Waffen zur gezielten Ausschaltung bestimmter Ethnien oder Bevölkerungsgruppen dienten einzig und allein dazu, die gesamte intellektuelle Energie der kritischen Intelligenz zu binden: durch nervöse Lektüre.

Man beabsichtige in Wirklichkeit seitens des Pentagon in keiner Form, auch nur irgendetwas davon durchzuführen. Das DARPA sei mehr eine Propaganda- als eine Forschungseinrichtung. Ihre Papiere sollten Angst von den “globalen Bedrohungen” schüren und dadurch jede beliebige Gegenmaßnahme akzeptabel erscheinen lassen.

Warum, wenn das alles nur wissenschaftliche Poesie ohne Nutzwert und Anwendungsfall ist, fährt dann im Herbst 2019 eine Gruppe Mitarbeiter des Pentagon-Biowaffen-Forschungszentrums Fort Detrick zu den “Military World Games” nach Wuhan, genau zum Zeitpunkt der Schließung ihrer Einrichtung durch den Center for Disease Control and Prevention (CDC) und exakt im Monat der Beendigung des “project defuse” und wenige Tage vor Event 201, der Pandemiesimulation?

Sind alle gesund zurück gekommen? War damals nicht von einem der Militär-Athleten die Rede als “Patient 0”?

Wie man es auch dreht und wendet, es bleibt Klärungsbedarf für die vorliegenden Widersprüche.

Störung der Harmonie

Interessant liest sich in diesem Zusammenhang die im englischen Wikipedia publizierte Diskussion um die Labor-Leck-Hypothese.

Ich fasse zusammen:

Laut Paul Thacker (der für das British Medical Journal schreibt) sagen einige Wissenschaftler und Reporter, dass “eine objektive Betrachtung des Ursprungs von COVID-19 schon früh in der Pandemie fehl lief, als Forscher, die für die Untersuchung von Viren mit Pandemiepotenzial finanziert wurden, eine Kampagne starteten, in der die Labor-Leck-Hypothese als ‘Verschwörungstheorie’ bezeichnet wurde”

Im Februar 2020 wurde in The Lancet ein Brief veröffentlicht, der von einer Gruppe aus 27 Wissenschaftlern verfasst wurde – unter der Leitung von Peter Daszak (Forschungsleiter EcoHealth Alliance und Verfasser des Defuse-Papiers). Der Brief brandmarkt wiederum die Verfechter der Labor-Leck-Hypothese als Verschwörungstheoretiker.

Kurze Zeit später zeigte sich, dass Peter Daszak seine Verbindungen zum Wuhan Institute of Virology nicht offengelegt hatte. In der Folge veröffentlichte The Lancet daher einen Nachtrag, in dem Daszak seine Zusammenarbeit mit chinesischen Forschern im Detail auflistete.

Die norwegische Sozialwissenschaftlerin Filippa Lentzos schreibt, einige Wissenschaftler hätten aufgrund der Lancet-Veröffentlichung “die Reihen geschlossen”, da sie um ihre Karrieren und Stipendien fürchteten. Der Autor, Investor und US-Regierungsberater Jamie Metzl kritisierte den Brief als “wissenschaftliche Propaganda und Schlägerei” und die investigative Journalistin Katherine Eban spricht von “abschreckender Wirkung” auf die wissenschaftliche Forschung und die wissenschaftliche Gemeinschaft, da er impliziere, dass Wissenschaftler, die “die Labor-Leck-Hypothese zur Sprache bringen, … die Arbeit von Verschwörungstheoretikern verrichten”.

Anfang 2020 schickten Wissenschaftler wie der Direktor des Wellcome Trust, Jeremy Farrar, der Immunologe Kristian G. Andersen und der Virologe Robert F. Garry diverse E-Mails an den “amerikanischen Drosten”, Anthony Fauci – in seiner Funktion als Chief Medical Advisor to the President – in denen sie Fragen zur Labor-Leck-Theorie stellten und den Verdacht äußerten, dass einige Beweise dafür sprächen.

Faucis Antworten warfen weitere Fragen auf: unter anderem berichtete einer der Wissenschaftler gegenüber The Intercept, er wäre vom US-National-Health-Institute aufgefordert worden, die Herkunft von SARS-CoV2 aus einem Labor nicht zu erwähnen, da dies “die Verschwörungstheoretiker nur weiter anheizen würde”.

In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass Fauci im Oktober 2021 zugegeben hat, riskante Virusforschung in Wuhan finanziell zu unterstützen.

National Institute of Health-Direktor Francis Collins war damals sehr besorgt darum, dass die Diskussion um die Labor-Leck-Hypothesedie “internationale Harmonie” beschädigen könne.

Man sieht, wie so ein Stoff, eine ernste existenzielle Frage, gouvernmental bearbeitet wird, bis er vom Tisch ist – oder uns alle überwältigt.

Letzteres legt Alina Chan nahe, eine am “Broad Institute of MIT and Harvard” tätige Molekularbiologin und Mitautorin des demnächst erscheinenden Buches “Viral: Die Suche nach dem Ursprung von Covid-19, wenn sie sagt:

„Die Schwelle ist überschritten”

Auch Martin Wikelski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz und Radolfzell, dessen Arbeit zu Fledermäusen und anderen Tieren ohne sein Wissen in dem Defuse-Antrag erwähnt wurde, sagt nun ebenfalls, dass er seit der Lektüre des Papiers offener für die Idee sei, dass die Pandemie ihre Wurzeln in einem Labor haben könnte. “Die Informationen in dem Antrag haben meine Meinung über einen möglichen Ursprung von SARS-CoV-2 sicherlich geändert”, sagte Wikelski gegenüber The Intercept. “In der Tat ist eine mögliche Übertragungskette jetzt logisch konsistent – was sie nicht war, bevor ich den Vorschlag las.”

Konformitätsprüfung

Wenn wir nun davon ausgehen, dass die Papiere echt sind, in dem Sinne, dass die Autoren, die im Kopf des Papieres erwähnt sind, für die dort angegebenen Institutionen arbeiten und diesen Text geschrieben haben, können wir dennoch ins Zweifeln kommen, weil wir nach zwei Jahren medialem Dauerfeuer schon hören, wie “Correktiv” und all die anderen Faktenchecker dies bewerten würden.

Sie würden sagen: Na klar sind die Papiere echt, aber das ist ja gerade das Gefährliche daran, denn es steht nur Unsinn drin.

Guckt mal genau hin, würden die Faktenchecker sagen, das Project Defuse ist ja gar gar nicht durchgeführt worden, zumindest fehlt eine belastbare Quelle, denn es ist ja nur ein Projekt-Vorschlag von EcoHealth.

Und das andere Papier über den synthetischen Ursprung des Virus, so würden es die Faktenchecker sehen, ist nur teilweise richtig, denn es behauptet bestimmte Dinge ganz anders, als die von uns, den Faktencheckern, bevorzugten staatlich abgesegneten Quellen, die eine Zoonose als gesichert annehmen.

So wird ja heutzutage “belegt”, was richtig ist: durch massives Verbreiten von Gegenstimmen – und durch gut bezahlte Konformitätsprüfung.

Tja, ist das nun eine Meinung oder ein Beweis, was die Faktenchecker anführen?

Warum ist es überhaupt wichtig, sich darüber klar zu werden?

Weil wir nur dann verstehen, welche Ungeheuerlichkeit sich auf gesellschaftlicher Ebene mit den Chimären verbindet: sie vernichten nicht nur Millionen Infizierter. Sie zerstören auch Wahrheit, Solidarität, Vertrauen und den gesunden Menschenverstand. Sie unterminieren das Fundament der Zivilisation.

Und das ist uns egal?

Möchten wir die Zoonose und die Sache mit Pangolin und Fledermaus vielleicht nur deswegen gern glauben, weil wir etwas anderes nicht wahrhaben wollen – weil es gar zu erschreckend ist?

Oder anders gesagt: wenn wir zwei wissenschaftliche Meinungen gegeneinander stehen sehen und nicht über genügend eigenen Sachverstand verfügen, eine Plausibilitätseinschätzung vorzunehmen, können wir trotzdem fragen: warum sollte es wahrscheinlich sein, dass ein exotisches Tierchen vom Wildtiermarkt aus Wuhan Millarden Menschen infiziert, wenn direkt neben dem Wildtiermarkt die zentrale Einrichtung Chinas für Virologie steht und drum herum angelagert rundum einige Dutzend kleinere Labore, in die internationale Risikokapitalanleger hunderte Millionen investieren, um unter den bekannten, halbwegs katastrophalen Sicherheitsvorkehrungen eine Art gentechnisches Roulette zu spielen?

Wissen, was wirklich los ist, werden wir erst, wenn die Chimären längst den Laden übernommen haben.

Die Apokalypse der Apokalypse

Heute ist der passende Tag für dieses Zitat aus meinem Roman “Unterdeutschland” (erschienen Januar 2020):

“Am Morgen des 25. Oktober 2022 erreichte uns die Nachricht vom Tod der Autorengruppe BBM/VD. Inmitten von elektronischen Bauteilen, abisolierten Kabeln, Lötkolben, Inkrementalgebern, EPH-Reglern, Planet-Getrieben, frisch abgefüllten Sprühflaschen, Petrischälchen mit unbekannten Substanzen, Batterien, Laptops und Funkgeräten wurde die Gruppe, die allen derzeitigen Erkenntnissen nach bereits am Abend zuvor verstarb, vom Facility Manager des Blocks, in dem sie ihre letzte Zuflucht genommen hatte, aufgefunden.

Zunächst sah es nach einem Massenselbstmord aus. Der einzige Zeuge: leider stockbesoffen. Nur er hat den Tatort gesehen, bevor ihn die Kriminaltechnik unter strenger Aufsicht des VS gründlich für die Nachwelt bearbeitet hat.”

Wer wissen will, wie es weitergeht:

Ich lese am Montag, 31. Oktober 2022, 19 Uhr in der 
Schankwirtschaft Laidak
Boddinstr. 42/43, 12053 Berlin-Neukölln
aus meinen Büchern:
Unterdeutschland und Demonen.
Danach Palaver & Bier.

Wer nicht warten und jetzt schon wissen will, um was es geht, kann hier nachlesen: Die Apokalypse der Apokalypse

Müllhaufen der Geschichte

Der Schriftsteller, Schauspieler und Künstler Christof Wackernagel hat sich mit seinem neuen Text, der heute als deutsche Erstveröffentlichung in „Die Aktion“ erscheint, für ein schwieriges Experiment entschieden.

Um mit einem Werkzeug von hinreichender Schärfe die Weltlage zu sezieren, weitet er einen bestehenden Begriff auf: Nationalsozialismus.
Nationalsozialismus ist die Selbstbezeichnung einer Partei, die damit ihren zutiefst rassistischen, faschistischen, rechtsradikalen Charakter verstecken, ihn als „sozialistisch“ tarnen wollte.

Vergleiche haben es meist schwer. Man behauptet, sie hinken. Insbesondere, wenn die Art der Vergleiche einem nicht ins Weltbild passt. Mit einer Fortbewegungseinschränkung aber kommt man in der Regel nur sehr langsam, mit Mühsal zum Ziel. Der Hinweis auf den hinkenden Vergleich will sagen: „Gib auf! Wir wollen das nicht hören.“

„Es gibt viele Möglichkeiten, der Wahrheit den Rücken zu kehren.“, konstatiert der Schriftsteller Robert Merle in seinem Buch über den Kommandanten des Vernichtungslagers Auschwitz, Rudolf Höß (1952). Wenige Zeilen weiter heisst es: „Die wirksamsten Tabus sind jene, die ihren Namen verschweigen.“

Worte, Sprache, Benennung sind ein äußerst wirksame Mittel der Herrschaft. Wer die Definitionsmacht besitzt, regiert.

Wie aber könnte jemand forsch, im flotten Schritt auf das Neue, noch Unbekannte, das uns derzeit widerfährt, zugehen, wie dessen außerordentliche Dimension klar machen – ohne jeden Vergleich? Woher hätte er Begriffe, ein ganzes neues Vokabular nehmen sollen, um zu beschreiben, was jüngst mit unserer Gesellschaft passiert?

Wackernagel beruft sich deswegen auf eine Terminologie, die er über mehr als vier Jahrzehnte, eine Lebenszeit entwickelt hat. Nichts liegt ihm ferner, als das, was er den „Führerfaschismus“ nennt, durch einen Vergleich mit der Gegenwart zu verharmlosen. Doch er verschweigt auch nicht, dass er die „Unsichtbarkeit des neuen Faschismus“, dessen weltweite Ausdehnung unter der „Diktatur des Profits“ für genauso bedrohlich, wenn nicht für „noch monströser“ hält (Brief an die Herausgeber).

Die Neologismen, mit denen uns die Regierungen seit zwei Jahren versorgen, taugen zu wenig mehr als zur Bemäntelung. Ihren wahren Kern verhüllen sie. Deswegen greift Wackernagel sie an: als Irreführung.
Er versteht die von den Regierungen verkündeten Maßnahmen ganz im Stil des zuvor erwähnten Begriffs Nationalsozialismus, den er mit einem vorgeschalteten „Inter-„ zu einem globalen Phänomen erklärt.

Aufklärung, die den Namen verdient, funktioniert nicht mit Propagandamitteln, die ihr eigentliches Ziel, die Herstellung von Zustimmung, die Erzeugung von Fügsamkeit, offen erkennen lassen.

Aufklärung will Widerspruch erzeugen, will zum Abwägen und Überlegen einladen, zu einer menschlichen Entscheidung führen, nicht zu einer wirtschaftlichen. Man kann, man muss streiten, ob „Diktatur des Profits“ eine Übertreibung ist, ob nicht „Diktat“ gereicht hätte. Genau in diesem Sinn ist der Text von Wackernagel, der sich auf den ersten Blick als pure Provokation gibt, Aufklärung im besten Sinn: als kraftvolle, mit der notwendigen Portion Zorn verfasste und Widerspruch auslösende Anregung zur Auseinandersetzung.

Für Wackernagel ist – schon aus biografischen Gründen, als „Mitglied“ der RAF – das Jahr 1977 mit der Verfolgung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer das Jahr der Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik.
Der Corps-Student, SS-Mann und “Wirtschaftsführer” (Wackernagel) der Nachkriegsrepublik Schleyer war das Symbol der moralisch diskreditierten Elterngeneration, die ihre Mitschuld an den nationalsozialistischen Verbrechen leugnete.
Erst nach dem historischen Einschnitt 1977 wurden allmählich Begriffe wie Volk, Nation und Identität wieder salonfähig.
Diese Termini hatten, wie Wackernagel in „Und Ödipus tötete Kain“, einem Text über das „Gründungsverbrechen der Bundesrepublik Deutschland“ 1998 schrieb, „in der Schmuddelecke des Rechtsextremismus überwintert.“ Er konzediert, in verblüffender Parallelität zur Gegenwart: Einordnungen wie »links« und »rechts« seien „auf den Müllhaufen der Geschichte gelandet“ und „ein gesellschaftliches Klima von Angst, Denunziation und Distanzierung“ entstanden. Die Überwindung der Nazizeit war gründlich schief gegangen: nun gab es, spätestens seit 1989, „anstatt Weltbürgertum Deutschtum, anstatt Befreiung Regression, anstatt Bewusstsein Bewusstlosigkeit.“

Aus dieser Sicht der Dinge heraus erklärt sich Wackernagels im August 2022 verfasstes Pamphlet.

Der AKTION-Autor, Sozial- und Politikwissenschaftler Rudolph Bauer versteht es als „überzeugenden Versuch“, „aufzuzeigen, dass es sich beim inter-nationalsozialistischen Biofaschismus um eine veränderte Form des klassischen Führerfaschismus handelt – um einen Krypto-Faschismus, der seinen wahren Kern tarnt, indem er sich gegen den überlieferten und verkommenen Retrofaschismus positioniert und dabei den Eindruck erweckt, demokratisch und antifaschistisch zu sein.
Indem er sich – wie schon Umberto Eco mahnend prophezeite – internationalistisch, multikulturell, ökologisch, individualistisch, hygienisch und divers verkleidet, ist der wahre Kern des Biofaschismus für die meisten Menschen nur schwer erkenn- und durchschaubar.“

Was genau ist das Problem mit dem selbständigen Denken? Warum erkennen und durchschauen wir an sich klar erkennbare Zusammenhänge plötzlich nur noch mit so großer Mühe? Was hat uns derart gelähmt, dass wir auf Zuspitzung, die wir früher diskursanregend fanden, heute so empfindlich, derart gereizt, vorbeugend abwehrend und grundsätzlich intolerant reagieren?

Das von Wackernagel benutzte Stilmittel der Hyperbel dient selbstredend nicht als Instrument der Analyse von sattsam bekannten Zuständen, sondern der Katalyse des kritischen Denkens, das durch die konzertierte Indoktrination über zwei Jahre, vom verbalen Bombardement  mit Denkverboten und schwer auflösbaren Widersprüchen, arg angeschossen ist.  

Wackernagel hilft uns, vom “Müllhaufen der Geschichte” wieder herunterzuklettern und die Schäden zu kartieren – mit einem einzigem Ziel: sie zu beheben. 

Gründlich ruiniert

Warum wir keinen Mut mehr schöpfen sollen

Seit einigen Wochen kleben an den Zufahrten zu deutschen Supermärkten Billboards des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die uns anraten, gezielt zu preppern. Nach dem Rat, mit dem Waschlappen zu arbeiten, statt zu duschen oder die Heizung herunterzudrehen, damit der Krieg in der Ukraine nicht diplomatisch beendet werden muss, nun noch ein neuer Tipp?

Durch das „Notfallthema Bevorratung“ soll das deutsche Volk begreifen, dass die Lage ernst ist – und dass es „das richtige Handeln in der Notsituation“ sei, sich selbst zu helfen.

Will der Staat uns im Stich lassen? Oder befinden wir uns bereits in Phase 2 der konzertierten Einschüchterung? Erst alle krank. Jetzt nichts mehr zu fressen? Mehr kann man kaum auf die Tube drücken.

Will die Regierung uns weiß machen, wir seien gründlich ruiniert? Damit wir endgültig die Klappe halten?

Mit Teil 3 der Aasgeier-Reihe folgt auf die „Vergeudung“ ein Lehrstück über das anti-emanzipatorische Projekt der grünroten Politik.

Sicherheitsrisiko

Im September 2022 mussten wir – neben Tonnen anderer Dinge aus drei Jahrzehnten – die Projekt-Bibliothek im Atelier unserer Künstlergruppe einpacken, weil die Stadt Hannover mit ihrer Räumungsklage vom Landgericht bestätigt wurde und wir folglich Insolvenz anzumelden hatten. Die Lage war alternativlos.

Wir zahlten unsere Miete an die Stadt über 23 Jahre stets pünktlich. Doch laut Kündigung stellten wir nach all der Zeit ein “Sicherheitsrisiko” dar. Welches genau, wurde uns nie mitgeteilt.

Der Stil der Kommunikation, eine Mischung aus bewusster Täuschung und juristischer Rigorosität, sollte uns den Ernst der Lage bewusst machen, ohne dass die Beteiligten sich trauen mussten, uns die Wahrheit offen ins Gesicht zu sagen. Am Widerspruch zwischen den beiden Verhaltensmodi sollten wir erkennen, dass unsere einzige Chance sei aufzugeben.

Die Wahrheit war: es gab keinen Kündigungsgrund. Es war die Strafe für ein Versäumnis, das wir nicht verschuldet hatten. Die Stadt war in einem Verwaltungskonflikt mit dem Land unter Druck geraten und gab ihn ans schwächste Glied der Kette weiter: an uns Mieter.

Die Beamten hatten von der Bundesregierung gelernt: mit dem Sicherheitsrisiko als Totschlagargument bewaffnet, würde man ohne Widerspruch durchkommen.

Dabei war der grüne Bürgermeister Belit Onay erst 2019 mit dem Wahlkampfversprechen angetreten, die prekäre freie Musik- und Kunstszene Hannovers, insbesondere die kleinkulturellen Nachbarschaften des ehemaligen Arbeiterviertels Linden zu retten – ein Konzept, mit dem sich die Stadt um die Ausrichtung der Kulturhauptstadt beworben hatte, siehe “Meine Ziele” , Stichpunkt: “Kultur hält eine Stadt zusammen”.

Nun vernichtete er nonchalant eine grosse Charge genau jener fragilen Partie von Existenzen, die er vor seinem Wahlsieg zu stützen gelobt hatte.

Nach dem Sieg war das sich-Kümmern um die Schwachen nicht mehr opportun. Er saß nun fest im Sattel und konnte frei durchregieren. Wie seit kurzem üblich bei den Grünen: ohne Rücksicht auf die Wähler.

Wir waren nach dem Scheitern der imageträchtigen Bewerbung der Stadt noch überflüssiger als ein Kropf. Lästige Zecken im Pelz, taugten wir allein dazu, abserviert zu werden.

Mit der Kündigung unseres fraglos riesigen Ateliers haben dreissig Musiker und Künstler aus Linden ihren Arbeitsplatz verloren. Wir selbst haben unsere Existenzgrundlage eingebüsst. Wenn ich unser Ende so lakonisch berichte, will ich kein Mitleid erheischen. Mich interessieren die Bedingungen für strukturelle Gewalt. Am eigenen Leib konnte ich sie wie im Labor beobachten.

Corona reichte Onay nicht. Er musste uns noch gründlicher ruinieren. Noch nachhaltiger:

In seiner Antwort auf unseren Bittbrief sprach er die Empfehlung an seine Amtskollegen aus, mit unerbittlicher Härte gegen uns durchzugreifen.

Solche erbarmungslosen Empfehlungen versendet ein farbenwendischer Grüner, der zuvor Mitglied der SPD und des CDU-Jugendbundes RCDS war und dessen vorgeblich höchstes Ziel es ist, “eine Stadt (zu schaffen), die zusammenhält und denen unter die Arme greift, die in Not geraten sind.”

Zeitgleich mit unserer Kündigung wurde von der Stadt Hannover, ebenfalls bereits unter Onays Ägide, ein Modellprojekt zur Unterbringung obdachloser Menschen trotz des bevorstehenden Winters und der COVID-19-Pandemie beendet.

Man versteht sofort, was so ein Politiker mit “Hilfe für in Not geratene Menschen” meint. Von Gewissen keine Spur: eine unabdingbare Kondition, um als Politiker “handlungsfähig” zu bleiben.

Der eigentliche Zweck der Übung

Beim Aufräumen der Bibliothek im gekündigten Atelier fand ich ein lange vergessenes Buch von Herbert Gruhl. Und in einer unscheinbaren Kiste im untersten Fach ein paar leicht angerostete Rollschuhe zum Unterschnallen.

Am 25. November 1973, ich war gerade zwölf Jahre alt geworden, ging ich das erste Mal auf der Autobahn spazieren. Ein guter Geist von Anarchie umwehte mich. Etwas Illegaleres, Subversiveres als dort zu laufen, wo sonst nur Autos fahren durften, war mir Knirps kaum vorstellbar. Und doch war der Marsch auf dem Asphalt von der Bundesregierung angeordnet: es war der erste autofreie Sonntag, eine Reaktion auf die mißverständlich “Ölkrise” genannte Ölpreiskrise.

Stolz, aber noch ein wenig ungelenk schurrte ich auf den vier klobigen, paarig stehenden Rädern meiner nagelneuen Rollschuhe Richtung Kiesteiche und schaute von auf der Brücke zu den im Wasser stehenden Pfeilern hinunter, in deren Schatten ich im Sommer Flusskrebse fing.

Wozu diente der verordnete Spaziergang?

Helmut Schmidt hat uns das erklärt: “Damit das deutsche Volk begreifen sollte, was passiert war, haben wir damals diese autofreien Sonntage auf der Autobahn verordnet. Nicht um Öl zu sparen, das war ein Nebeneffekt. Der eigentliche Zweck dieser Übung war, den Menschen klar zu machen: Dies ist eine ernste Situation.

Mein Blick von der Brücke und zurück auf die leere Piste, über die nur ein paar Nachbarn pilgerten, klärte mich schlagartig über das Ende einer Ära auf, über deren innere Antriebskräfte ich mir bis dahin keine Gedanken gemacht hatte.

Dass die Ölknappheit das Ergebnis von politischen (damals auch: kriegsbedingten) Entscheidungen war (Jom Kippur Krieg), begriff ich erst zwei Jahre später, als bei uns zu Haus Herbert Gruhls “Ein Planet wird geplündert” auf dem Tisch lag.

Schmidt münzte seine eigene politische Entscheidung zu einer ernsten Situation für Millionen Menschen um. Ob “das deutsche Volk” begriffen hatte, wer wirklich der Verursacher der Preissteigerung war, bleibt fraglich. Aber die Debatte um das Ende der Ressourcen war eröffnet. Der europäische Industriekapitalismus hing an einer dünnen Ader – vom Durchmesser eine Ölpipeline.

Die Plünderung

Mein Vater hatte das Buch wahrlich nicht aus Sympathie für Gruhl erworben, der damals noch für die CDU im Bundestag sass – auch wenn bei der Kaufentscheidung sicher eine Rolle spielte, dass Gruhl damals in Barsinghausen am Deister lebte, wo der mütterliche Zweig meiner väterlichen Familie herstammte.

Mein Vater liegäugelte mit den Ideen der kommunistischen Partei, die damals schon DKP hieß. Insbesondere zog ihn deren Widerstand gegen die Wiedereinführung der Bundeswehr an. Aber er war Beamter und die Staatsräson, hauptsächlich repräsentiert durch das hauswirtschaftliche Regiment meiner Mutter, hielten seine linksextremen Vorlieben im Schach. Diese Geschichte habe ich ausführlich in “Kaisergabel” erzählt, so dass ich sie hier kurz halten kann: ganz auf ihren umweltschützerischen Aspekt hin getrimmt.

Es wurde in meiner Familie niemals ein Hehl daraus gemacht, dass Gruhl wertkonservativ war, zwar kein “strammer Rechter”, aber wahrscheinlich doch ein Antikommunist.

Aber was heisst schon wertkonservativ? Wer könnte denn Umwelt schützen und zugleich den Wert der Natur relativ sehen, als ein billiges Gut für hemmungslosen Extraktivismus?

Gruhls Einsichten in die Notwendigkeit einer “planetarischen Wende” waren für einen führerscheinlosen Radfahrer, Subsistenzgärtner mit Kochkiste und 250 Einweckgläsern wie meinen Vater ein vollständig einleuchtender Gedanke.

Zudem war Gruhl sicher unter den Ersten in der Politik, die Wirtschaft von ihren Grenzen her zu denken wagten. Die nicht fragten: was wollen wir erreichen? Sondern: was dürfen wir noch hoffen zu können, damit alle noch etwas abkriegen? Das war meinem Vater äußerst sympathisch. Denn gegen die korrupten, bereicherungsgeilen Wirtschaftskapitäne der Wiederaufbauzeit führte mein Vater stets den Geist des Gemeinwohls an. Obwohl ihm mehr als klar war, dass er persönlich dabei schlechter abschnitt.

Doch seine Überzeugung war: es ginge nicht um ihn, sondern um das Auskommen aller.

Zweifel über den Erfolg solcher Ansichten schwangen immer mit, wenn er wütend darauf zu sprechen kam, was “in der Wirtschaft”, mit der er täglichen beruflichen Kontakt pflegte, wirklich los war. Die Firmen, mit denen er von Amts wegen gezwungen war zu arbeiten, weil sie eine Ausschreibung gewonnen hatten, verklappten nach Feierabend fröhlich Giftmüll in ihren Kiesgruben und strichen am Ende des Tages Mutterboden über die Fläche, die sie wenig später jungen Familien als Bauland anboten.

Solche “Ungezogenheiten” brachten ihn derart in Rage, dass ihm die Säure aufstieg.

Wenn einmal jemand bei dem frevelhaften Treiben erwischt wurde, ging der Lastwagenfahrer in den Knast, nicht der Unternehmer. Das hatte man vorher finanziell geregelt. Und die Politik stimmte zu, indem sie die Strafen mäßig hielt.

Seit Anschaffung des Gruhl-Textes, der meinen Vater in seinem gerechten Zorn tausendfach bestätigte, frühstückte er Magentabletten.

Denn Georg Picht, den das Geleitwort zitiert, hatte sich schwer getäuscht, als er schrieb: “Politik kann heute nur noch als die Kunst verstanden werden, die Existenz der Menschen in einer gefährdeten Welt zu sichern.”

Der eigentliche Zweck der Übung war es, Asche zu machen und auf die Natur zu kacken.

Schreckensbilanz

Mit effektvoller Brachialität hatte der Gestalter Gunter Rambow das Buchcover von Gruhls Plünderungs-Text auf unser aller Ende hin collagiert. Aus dem rot bemalten Schnitt troff das Blut des siechen Planeten. Flächendeckend in seine Oberfläche gepflanzte Atomreaktoren, diese Leuchtürme des menschlichen Fortschritts, ließen alle Wälder verdorren. Die Botschaft war klar: Das Spiel ist aus. Und: die Schuldigen sind bekannt.

“Der Wettlauf der Systeme ist ein Wettlauf zum Abgrund. Es ist ein blindwütiger Krieg gegen die Erde und die natürliche Umwelt.” Rambow hat diesen Satz auf den Umschlag gepackt – zwischen zwei Baumleichen. Man verstand sofort: Unsere Wirtschaft und der Kalte Krieg gegen Russland haben uns gründlich ruiniert.

Das ist wie gesagt fünfzig Jahre her. Gruhl hatte in seiner “Schreckensbilanz unserer Politik” 1975 das Jahr 2020 für den Untergang festgelegt (S. 220): dann wäre dank der “Wachstumsfanatiker”, die seit dem zweiten Weltkrieg herrschten, die ganze Welt endlich dort angekommen, “wo Hitler 1945 endete.”

Was passierte noch gleich Anfang 2020?

Fast drei Jahre hat Gruhl für sein opus magnum geforscht, an ihm ohne Unterlass weiter geschrieben und dabei eine geradezu erdrückende Beweislast zusammengetragen.

Er betrachtete die ökologische Weltlage aus der Perspektive eines Politikers, der sich in einer schizophrenen Situation befindet.

„Von neun bis fünf kämpft er für Wachstum, Ausbreitung, Rationalisierung, Einsparung von Arbeitskräften und vieles andere mehr. Alles mit dem Zweck und in der Erwartung, damit Wohlstand, Behagen und Glück zu fördern. Nach Feierabend jedoch wird er mit dringenden Prophezeiungen bestürmt, die ihn vor dem Zusammenbruch der Zivilisation, vor Umweltkatastrophen, Erschöpfung der Bodenschätze und ähnlichen Gefahren warnen. Von neun bis fünf verfolgt er jede nur denkbare Methode, um den Gang der Entwicklung zu beschleunigen, während er abends kaum vermeiden kann, … einer allgemeinen Verlangsamung zu begegnen.“(E.F. Schuhmacher, 1972 zit. n. Gruhl)

Gruhl spricht aus der Sicht eines Politikers, der nicht nur persönlich mit der Widersprüchlichkeit seines Handelns konfrontiert ist, sondern einem Bürger gegenübersteht, der angesichts der erschlagenden Beweise für die Unausweichlichkeit des Untergangs der Welt wie wir sie bisher kannten schon aus Selbstschutzgründen abschaltet, anzweifelt, verweigert, insbesondere weil jedes erfolgreiche Tätigwerden gegen solche Übermacht aussichtslos scheint.

Gruhl macht klar, dass es ganz und gar nicht aussichtslos ist, weil der Feind nicht eine übermächtige Natur ist und ihr Schaden von Menschenhand gemacht – mithin politisch “reparabel” sein müsste.

Seine simple Botschaft lautet: Wir waren es selber und wir können es ändern.

Wenn wir nur wollen.

Aber wir erkennen nun 50 Jahre später: wir wollten nicht.

Anspritzbegrünung

Trotz der bis hierhin schon erschlagenden Deutlichkeit der Parallelen zur gegenwärtigen Situation möchte ich noch ein paar Worte zu Gruhls politischer Karriere und vor allem zu seiner Ächtung sagen.

Der erfolgreiche CDU-Politiker gründete am 20. Juli 1975 zusammen mit 21 Umweltschützern den BUND „Bund Natur und Umweltschutz Deutschland e. V.“

Unter den Mitgründern befanden sich so illustre Namen wie Horst Stern, Bernhard Grzimek oder Georg Enoch Robert Prosper Philipp Franz Karl Theodor Maria Heinrich Johannes Luitpold Hartmann Gundeloh Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg: mehrheitlich sicher keine Linken.

So trug Grzimek als Referent im Reichsnährstand die NSDAP-Mitgliedsnummer 5.919.786 und wirkte als Veterinär in der Wehrmacht, geriet aber dennoch mit der Gestapo in Konflikt, weil er versteckte Juden mit Lebensmitteln versorgt hatte. So voller Widersprüche war “unsere” Geschichte. Im übrigen hat sich die Linke noch nie im Naturschutz hervorgetan.

Gruhl jedenfalls war Vorsitzender des BUND bis 1977. Er blieb fraglos konservativ, wohin sein Engagement für die Umwelt ihn auch verschlug in den folgenden Jahren.

1978 trat er wegen unauflösbarer Differenzen in Fragen der Umweltpolitik aus der CDU aus und gründete tags drauf mit der Grüne Aktion Zukunft (GAZ), die erste Ökopartei Deutschlands. 1980 war die GAZ Mitgründerin der Grünen. Mit Gruhl und der international renommierten Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Petra Kelly als Spitzenkandidaten erreichten die Grünen 1979 mit immerhin 3,2% einen sogenannten “Achtungserfolg” in der Europawahl.

Auch Ex-Maoisten wie Ralf Fücks, spiritus rector des staatsalimentierten Think Tanks Zentrum Liberale Moderne, begrünten die junge Parteilandschaft. Man versteht unmittelbar, die holzschnitthafte links/rechts Aufteilung taugte schon länger nicht mehr.

Von den Grünen wurden nicht nur „Schwerter zu Pflugscharen“ umgeschmiedet. Sie verwandelten zwar Generalmajore in Friedensaktivisten , aber auch autonome Strassenkämpfer in Freunde des Investmentbanking und kehrten bei Anthroposophen das autoritäre Führerprinzip hervor. Die meisten von ihnen haben begleitend zum Gesinnungswandel puffig dicke Gesichter bekommen.

Das alles hat weniger mit der Farbe Grün zu tun, als allgemein mit dem Beruf des Politikers. Chancen, die sich bieten, ergreift man gern, die Diäten sind einkömmlich und Überzeugungen können sich ändern, wenn man in der Verantwortung steht.

Für die Grünen entwickelte Gruhl den – wie wir heute wissen ­– goldrichtigen Slogan „Weder links, noch rechts, sondern vorn“. Ebenso goldrichtig befand Gruhl bereits 1980 und unter Zitierung von Erich Fromm, der jüngste Kurs der Grünen sei „bestimmt […] vom Modus des Habens“.

Damals ahnten erst wenige, welch adipöse Formen dies annehmen sollte.

In ihrer “Karawane der Blinden” wollten die Grünen keinen wertkonservativen Einäugigen mitführen. So blieb Gruhl nichts anderes übrig, als 1981 – immerhin zusammen mit einem Drittel der Mitglieder – aus einer Partei auszutreten, die er als schwarzen Felsen mit Anspritzbegrünung empfand.

Die Liaison mit den Grünen war schnell beendet, das Ergebnis einer ersten Säuberung durch den “linken Flügel”. Doch sie war nicht ganz erfolgreich: Als die Grünen 1983 in den Bundestag einzogen, wäre normalerweise der Parteigenosse Werner Vogel Alterpräsident geworden. Der trat jedoch sein Mandat wegen Pädophilievorwürfen und – nicht zuletzt – wegen seiner früheren Mitgliedschaften in NSDAP und SA nicht an.

Rechtsoffen?

Die Ur-Grünen: ein “rechtsoffener” Sumpf, bevölkert von den “Querdenkern” der 80er. Die heutige Hetzjagd: ein Fall von Selbsthass?

Wer solche Entstehungsgeschichte erinnert, den wundert nicht, dass unsere Aussenministerin dazu aufruft, Russland zu ruinieren und zwar so gründlich, dass es volkswirtschaftlich jahrelang nicht wieder auf die Beine kommt.

Es würde uns nicht verwundern, wenn die grüne Schlachtministerin, im Rahmen ihrer radebrechenden Reden Ernst Jünger zitierte. Sie nimmt offenbar keinen Anstoß daran, dass sie mit solchem Rachewunsch, wenn er denn wahr würde, Leben und Landschaft vieler Millionen Russen verwüstet – alles nur, um die Lobbyarbeit ihres Ehegatten in der Ukraine zu befördern?

Es ist unausweichlich, an dieser Stelle mit Martin Kippenberger laut auszurufen: “Ich kann beim besten Willen keinen Interessenskonflikt entdecken.

Ihre ganz und gar unverhohlene Vettelnwirtschaft bezeichnet sie – auf perverse Weise schlussrichtig – als “feministisch ausgerichtete Aussenpolitik“.

Denn feministische Außenpolitik bedeute letztlich, alle Menschen auf dem Schirm zu haben – egal ob Kinder, ältere Menschen oder auch Frauen, die sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Womit sie letztlich klar stellt, dass sie Russen nicht für (schützenswerte) Menschen hält.

Der Waschlappen

Solch bodenlose Perfidie lässt Winfried Kretschmanns legendären Waschlappen geradezu als sarrazinsches Gurkenwitzchen erscheinen.

Wenn schon bei Schmidt Energieersparnis nicht der Zweck der Übung war, was will uns dann der Rat mit dem Waschlappen sagen? Dass nichts dumm genug ist, wenn es um Phase 2 der Einübung bedingsloser Unterwerfung geht?

Wie abartig auch immer die kreuzblöden Vorschläge dieser Leute sind, die in ihrer Besserverdienenden-Blase jeden Bodenkontakt verloren haben – ich schulde noch einen letzten Kommentar zu Gruhl: den über seine Ächtung.

Doch der Zorn über die grüne Impertinenz hat mich beim Schreiben übermannt. Ich bitte es mir nachzusehen. Eigentlich interessiert mich Politik nur hinsichtlich der Ergebnisse, nicht hinsichtlich einzelner Personen.

Gruhls Ächtung begann mit dem Erfolg seines Buches. Seine Kandidatur hatte nicht unwesentlich zum Ergebnis der CDU in der Bundestagswahl 1976 beigetragen (CDU/CSU 48,9 %), indem er in geradezu historischer Dimension überdurchschnittlich viele Stimmen in seinem niedersächsischen Wahlkreis hinzugewinnen konnte. Dennoch entzog die Partei ihm die Aufgaben des Sprechers für Umweltfragen in Fraktion und Partei. Einen Kritiker der Kernenergie konnte die CDU als Partei der Wirtschaft in ihren Reihen nicht dulden. Gruhl trat aus der CDU aus, begründete dies aber nicht mit seiner Entflichtung, sondern unter anderem damit, dass die CDU eine “Ehrenerklärung” für Filbingers Aktivitäten während des Faschismus abgegeben hatte und sich für die Entwicklung einer Neutronenwaffe einsetzte. Auch war Gruhl kein großer Freund der strafbaren Spendenaktivitäten von Helmut Kohl.

Aber bei den Grünen erging es ihm kaum besser. Die folgende Hetzjagd auf ihn kristallisiert in den Folgejahren an dem Konflikt um den Grundsatzbeschluß zur Abgrenzung seiner neuen Partei ödp von den Rechtsparteien (damals NPD, DVU und Republikaner). Gruhl befürchtete eine Zersplitterung der Naturschutzbewegung. Der Zusamenhalt unter der Idee der Rettung war für ihn – in dem einzig wesentlichen planetarischen Maßstab gedacht – zu existenziell, um sich ständig mit der “Suche von Differenzpunkten unter uns” zu befassen. Denn während der gesamten Zeit solchen Geplänkels lief nach Gruhls Verständnis die Uhr ab und der Planet wurde von der Politik weiter geplündert.

Gruhl driftete am Ende seiner Karriere immer weiter in merkwürdige Richtungen ab, wurde Eurogegner, weil er das “künstliche Einheitsgeld” für eine Währungs-Attrappe hielt, aber die ökologischen Tatsachen, die er benannt hatte, waren fürderhin “nicht mehr völlig aus dem politischen Gesichtsfeld zu schielen.

Bei allem, was man Gruhl an falscher Gesinnung andichten oder nachsagen kann – und das wird nicht viel sein, wenn er gegen Filbinger und Kohl eingestellt war – so muss man ihm doch wissenschaftlich genaues Arbeiten attestieren beim Versuch, uns allen klar zu machen, wo wir ökologisch stehen. Dabei befand er sich fraglos am anderen Ende der Skala, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass die gegenwärtigen Kühlerfiguren der deutschen Ökologiebewegung Studienabbrecher sind oder sich mal zur Promotion angemeldet haben wollen, sich dann aber doch lieber für ein Leben als Politikerin entschieden haben.

Dick und Doof” waren früher einmal zwei Personen. Heute sind es Hunderte.

Sicher hielte bis heute jedes Faktum seines Hauptwerkes dem Faktencheck statt. An Einsichten wie der, dass Kernenergie auch bei friedlicher Nutzung “für jede Art von Leben vernichtend” sei, ist ebensowenig auszusetzen, wie jener, dass den Menschen gerade von ihren “Erfolgen” die größte Gefahr drohe: “Der totale Sieg endet in der totalen Selbstvernichtung.” (S. 218).

Selbst wer nun Gruhl eine gewisse goebbelsche Freude am Begriff des Totalen unterstellt, kann kaum bestreiten, dass der Gedanke schlüssig ist, denn im “Totalen” ist schon wortgeschichtlich die Ruinierung inbegriffen.

Doch die Grünen in ihrem seit 40 Jahre immer feister anschwellenden Habens-Modus studieren die Schriften ihrer eigenen Gründungsväter nicht – und das, obwohl sie das Umweltminsterium inzwischen mit einem ausgeschlafenen “Philosophen” und “Schriftsteller” besetzt haben.

Ich kann mir nicht verkneifen zu bemerken, dass das Wiener Schnitzel in der “Kantine der Republik”, Borchardt Berlin, wirklich exzellent ist und wir an der täglichen Entwicklung des Speckhalses sehen können, wie sich unser oberster Klimaschützer auf den kalten Winter vorbereitet.

Wir werden wieder einmal – wie schon 1973 – wegen einer politisch gewollten (“kriegsbedingten”) Energiepreiskrise zum Sparen angehalten, während Das Land in ihm das Kalbfleisch ausschwitzt, das unser Klima gründlich runiert.

Statt zu hamstern, sollten wir, mit einem kalten Waschlappen bewaffnet, hingehen und ihm einen besseren Weg in den Sommer weisen.

Die Flußkrebse

Im frühen September 2022 haben wir unsere Zelte, selbst die allerletzten Zeltstangen, in der Heimat der Flusskrebse abgebrochen, die in meinen ersten zwölf Jahren den Ablauf der Jahreszeiten bestimmten.

Ich habe sie unter der Stadtring-Brücke, auf der ich meinen ersten autofreien Sonntag verbrachte, gefangen, in einem Terrarium beobachtet und gefüttert und am Ende des Jahres – gesund und fett – wieder freigelassen, wenn der winterliche Frost drohte, mein improvisiertes Biosphärenreservat im Garten zu vernichten.

Da ich in Taxonomie damals vollständig unbewandert war, nehme ich nach heutiger Recherche an, dass es sich entweder um Edelkrebse oder um Steinkrebse gehandelt haben muss, eine besonders empfindliche Art, die stark unter organischer Belastung und kommunalen Abwässern leidet und heftig auf chemische Verschmutzung reagiert, besonders auf Insektizide und andere Schwemmstoffe, wenn angrenzende landwirtschaftlich genutzte Flächen diese ins Wasser spülen. Die europäischen Krebse sind also eine Art Umweltspäher, die gesundheitsschädigende Einträge melden: leider durch ihrem Tod.

Auf der letzten Rückfahrt haben wir kurz unter der Brücke gestoppt. Um Abschied zu nehmen.

Dort, wo früher Seerosen, Froschbissgewächse (die sogenannte Kanadische Wasserpest und das bestachelte Nixenkraut), die niederliegend wuchernde, kriechend sich ausbreitende Sumpfquendel, eine unterseeische Verwandte des Blutweiderich, üppig gediehen, dümpeln heute über das Geländer geworfene Burgerking-Tüten in gräulichem Gewässer.

Der von mir geliebte Krebs ist durch die naturfernen Maßnahmen der Politik und die wirtschaftlich induzierte Schadstoffbelastung in Niedersachsen mehr als erheblich zurückgedrängt. Die stärkste Bedrohung stellt jedoch die Krebspest dar. Die Krebspest wurde durch die Ansiedlung amerikanischer Flusskrebsarten eingeschleppt. Diese Krebsarten sind Wirte für den Erreger. Im Gegensatz zum Europäischen Edelkrebs sterben die Amerikaner jedoch nur in Ausnahmefällen daran.

Die Konkurrenzüberlegenheit dieser neuen Arten hat die Situation zusätzlich verschärft und den Edelkrebs in fast allen europäischen Ländern so extrem dezimiert, dass er in Mitteleuropa nur noch in wenigen Inselbiotopen zu finden ist.

Die Gefährdungssituation wird in den Roten Listen gefährdeter Tierarten ausgewiesen. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN stellt den Edelkrebs in Europa als “vulnerable Gruppe” (sic!) dar.

In Deutschland wird der Edelkrebs in der nationalen Roten Liste als vom Aussterben bedroht (Kat. 1) beurteilt.

Ich muss kaum anfügen, das wir niemanden unter Wasser im Rückwärtsgang unterwegs sehen konnten. Nirgends, solange wir auch starrten, war der freundliche “Kollege” meiner Jugend zu entdecken, der blitzschnell mit dem Schwanz voran ins Dunkel schoss und dabei Staub aufwirbelte, so wie ich es bis heute klar vor meinem inneren Auge habe.

Der Abschied fiel mir somit leicht, aber er stimmte mich existenziell traurig.

Das “alternative Luftschloß” (Gruhls Bonmot über die Grünen) ist eine eine zweifache Ruine.

Die Herbert Gruhl Gesellschaft wird inzwischen von AfD-Politikern weitergeführt, die das „Selbstbestimmungsrecht der Deutschen“ diskutieren und damit sicher nicht die Überfremdung durch den amerikanischen Flusskrebs meinen.

Das ist bitter, aber nicht zu ändern.

Denn es sind die fatalen Folgen der verlogenen Selbstreinigung der Grünen. Die AfD kostet die Vorzüge der Opposition aus und beackert immer mehr Felder, die von den Grünen aufgegeben wurden.

Zum 100. Geburtstag von Gruhl hat 2021 ein unbekannter Bewunderer – wer weiß, vielleicht sogar mit Billigung oder sogar mit den Mitteln der “Alternative”? – eine Todesanzeige in der Süddeutschen Zeitung geschaltet , die die Unterzeile trägt:

“Ja, es ist leider zu spät.

Die von Gruhl mitgegründeten Grünen sind heute exakt jener Typ von Vereinigung, wie sie das “Konspirationistische Manifest” beschreibt: “Gruppen sind nur dazu gut, das zu verraten, wofür sie gebildet wurden.

Der Irrtum

Der Drang zum Feisten bestimmt ihr Handeln – nicht nur der Grünen, sondern aller Parteien, die so neoliberal denken wie sie. Die zugunsten ihrer persönlichen Privilegien denken und entscheiden. Denen das Wohlergehen nicht ein salus publica bedeutet, sondern für die es eine Frage des Gemeinwohl-Managements ist, die letztlich egoistisch entschieden wird.

Atmen wir dieselbe Luft wie sie?

Ja. Aber wer arm ist, stirbt früher.

Der eigentliche Zweck der Übung ist, genau das zu begreifen. Und genau dann eine Entscheidung für sein Leben zu treffen. Angesichts der Lage.

In voller Anerkenntnis des Irrtums, die Welt sei unendlich,

des Irrtums, unsere Wirtschaft beruhe auf Kapital allein,

des Irrtums, über allem menschlichen Wirtschaften walte eine “unsichtbare Hand”,

des Irrtums, die größere Zahl und Menge sei stets besser als die kleinere,

des Irrtums, materieller Wohlstand mache die Menschen glücklich,

des Irrtums, der Mensch verfüge über unbegrenzte Möglichkeiten,

des Irrtums, Wissenschaft und Technik dienten immer dem Fortschritt,

des Irrtums, die Nahrungsproduktion könne immer weiter gesteigert werden,

des Irrtums, die Freiheit nehme unaufhörlich zu.

(alle aus “Planet”, S. 14)

Wäre ich Herbert Gruhl, würde ich jetzt noch aus Jüngers “Marmorklippen” zitieren:

“Es ließen sich noch viele Zeichen nennen, in denen der Niedergang sich äußerte. Sie glichen dem Ausschlag, der erscheint, verschwindet und wieder kehrt. Dazwischen waren auch heitere Tage eingesprengt, in denen alles wie früher schien.”

Aber ich bin nicht Gruhl und Jünger bleibt für mich unerträglicher Schwulst, ein Denken auf tönernen Füßen, von denen er uns weismachen will, sie seien die Säulen, auf denen das Abendland ruht. Trotzdem schließt das nicht aus, dass auch ein “Rechter” mal recht hat.

Unerschütterlich fest steht jedoch: Es gibt ein Denken jenseits der jüngerschen Kriegerlogik, und sicher, ganz sicher auch ein Denken jenseits von McKinsey & Black Rock.

Doch die Frage des Weiterlebens, etwas, das weit jenseits des Rechthabens liegt, entscheidet sich an anderen Kriterien – und an unserer Kraft, uns von der eigenen Regierung zu emanzipieren.

Das sehen die Politiker natürlich als die größte Gefahr.

Deswegen setzen sie bei ihren fortlaufenden Einschüchterungskampagnen auf den Erfolg einer ausgeklügelten Strategie der bewussten Täuschung.

Die Strategie dient zunächst der Verschleierung der Ursachen der Krise.

Wir sollen nicht begreifen, dass der Notfall hausgemacht ist.

Dass er Teil eines letzten Aufbäumens eines totkranken Systems ist, das sich überfressen hat, zuviel Energie braucht und uns allen inzwischen mehr schadet als nutzt. Da es sich bewusst gegen die Ökologie stellt, vernichtet das System, wie Gruhl vor 50 Jahren messerscharf nachgewiesen hat, unsere Lebensgrundlage. Es sind die Erfolge unserer Wirtschaft, die uns töten.

Die Strategie der bewussten Täuschung hat viele Gründe, aber vor allem ein Ziel: zu verhindern, dass wir alle Mut fassen und die Sache selber in die Hand nehmen, die die Politiker so gründlich verdorben haben. Denn dann gäbe es nur ein vorstellbares Ergebnis: nämlich dass dieser Wahnsinn ein Ende haben muss.

Rache?

In ihrem Kommentar zum Beitrag “Vergeudung” hat DIE AKTION-Autorin Hanna Mittelstädt die Frage nach der Rache aufgeworfen und damit die Debatte über das “Konspirationistische Manifest” auf diesem Blog eröffnet.

Hanna schreibt: “Ich glaube übrigens, dass Rache trotz allem kein guter Ansatz ist. Leider ist das ein Relikt der „Kriegerkultur“. Ich glaube, die Richtung wäre Versöhnung, im Sinne einer Konsenskultur, Entwurf von Möglichkeitsräumen, sich Zuhören etc. Ich möchte mich nicht auf den Rachefeldzug begeben und ich glaube auch nicht, dass er „zielführend“ ist. Ich verurteile keine Gewalt im Sinne der herrschenden Gesellschaft, aber ich denke, dass wesentlicher, gerade für uns, die wir so viel wissen und so „privilegiert” sind, die Arbeit an einer Konsenskultur ist, auf allen Ebenen … in aller Klarheit … mit aller Entschiedenheit …
Vielleicht könnten wir über die Rache debattieren?”

Janneke, Herausgeberin der AKTION, antwortet ihr:

“wir sollten zuallererst fragen, was genau mit “rache” gemeint ist. es geht doch wohl nicht um das blindwütige abschlachten im zorn!

ich verstehe die autoren des „konspirationistischen manifestes“ folgendermassen: diejenigen politiker und unternehmen, deren erklärtes ziel es ist, uns auszubeuten und die dafür bereit sind, alle möglichen brutalitäten zu begehen, fordern die unterdrückten und ausgebeuteten im namen der christlichen metaphern dazu auf, versöhnlich zu sein und verzicht zu üben (sic!)

das heisst: sich alles gefallen zu lassen, statt eine gerechte rache zu üben. sie sollen sich also gegen die ungerechten verhältnisse nicht auflehnen.
genau die leute, die solche forderungen aufstellen, verhalten sich selbst allerdings absolut unchristlich und nehmen auf nichts rücksicht: weder auf menschen, noch auf natur oder moral.

das findet sich derzeit besonders deutlich wieder in der aktuellen umkehrung aller tatsachen.
die verkehrte welt, die wir gerade durchleben, zeigt täglich diesen widerspruch:
wir sollen auf wasser verzichten, sollen uns für andere impfen lassen, sollen sparen, frieren, hungern, und – übrigens im namen des krieges und der rache an russland – mehr geld für gas bezahlen, damit die konzerne es leichter haben in dieser schwierigen weltsituation.

zurück zur rache. der wille zu rächen entsteht ja nicht ohne eine vorgeschichte.
eigentlich sollten wir – allein schon, um überleben zu können – beginnen, rache zu üben für all die zumutungen, mit denen wir in unserem leben ununterbrochen traktiert werden.

stattdessen werden wir in der tradition unserer angeblich christlichen gesellschaft und von eben jenen „herrschaften“, die eine besonders blutige form von rache in der geschichte definiert und etabliert haben mit ihren kreuzzügen und imperialistischen angriffskriegen, ständig dazu aufgefordert, den frieden zu bewahren und versöhnung zu üben.

wie aber könnte eine solche rache nun aussehen, ohne eine kopie der christlichen blutrünstigen rache zu sein?
wie könnte eine kompensation geschehen, die nicht einem almosen gleicht?

dabei könnte eine nicht an den massstäben, an der pseudo-ethik der gewalttäter orientierte (unblutige) rache etwas durchaus fruchtbares sein, weil sie einen inneren stau auflösen würde, der uns bislang weiter an die kette der vernichtung angeschmiedet sein lässt.

diese interpretation gibt übrigens das wort „rache“ bereits sprachgeschichtlich her.

in Grimms wörterbuch heisst es: „im subst. wie in dem verbum „rächen“ ist ein alter gemeingermanischer rechtsbegriff beschlossen, das setzen auszerhalb des landrechts und die austreibung aus dem lande in folge angriffs auf den landfrieden, eine mildere und nicht entehrende art derjenigen strafe, als deren höchste und zugleich vogelfrei machende stufe die verurtheilung zum wargus angesehen werden musz.“
lt. Grimm sei auch ein Zusammenhang mit „to reject, refuse,“ nachweisbar, ebenso zum „urverwandtem sanskrit. vṛǵ = abwenden“.

die auslegung der rache als „vertreiben“ wird im „manifest“ mit dem satz aufgenommen, in dem es heisst, dass man sich der „missetäter“ entledigen müsse.

ist es denn nicht so, wie unser freund Jason W. Moore es in seinen „four cheaps“ mustergültig formuliert hat? eigentlich „gehört“ die welt, die natur, ihre ressourcen uns allen. den wirtschaftlichen nutzen ziehen aber nur wenige aus alldem, denen es gelingt, für arbeitskraft, essen, energie und rohstoffe nichts oder nicht genug zu bezahlen.
hier ist, lt. Moore, bereits eine rechnung seit anfang des ‘long sixteenth century’ offen.

nebenbei bemerkt, denken auch die autoren von “genug ist genug” (“c/o Jacobin/Brumaire”) gerade in eine ähnliche richtung, wenn sie sagen “Es ist Zeit, wütend zu sein. Und aus der Wut etwas zu machen.” wut ist nicht rache. aber es brodelt überall und es ist nur eine frage der zeit, dass wir “etwas daraus machen”.

ich verstehe daher den begriff der rache im „manifest“ nicht als teil einer eigenen „kriegerkultur“ (wie Hanna), sondern als eine metapher, als aufforderung, nichts, insbesondere den feldzug der reichen und politiker gegen uns, nichts mehr unwidersprochen hinzunehmen und gerade jener blutdrünstigkeit die gefolgschaft zu verweigern.

das wird nicht einfach werden.

im letzten kapitel des manifestes ist deswegen von einer „aporie“ die rede:

„Angesichts dessen reicht es nicht aus, zu desertieren. Es handelt sich um einen Krieg. Ein Krieg erfordert Strategien, eine Rollenverteilung und den Einsatz materieller und subjektiver Ressourcen. Nun besteht das allen tätigen und strategischen Aufgabenstellungen eigene Paradox gerade darin, dass ihre öffentliche Formulierung ihrer praktischen Umsetzung entgegensteht.“

diesen widerspruch gesehen und durchdacht zu haben, bedeutet leider noch nicht, mit einer fertigen handlungsanweisung da zu stehen.

aber von tag zu tag wird deutlicher: wir dürfen nicht locker lassen!”

Soweit Janneke.

Wir haben weiterhin probiert, die Herkunft des Begriffs Rache bei Walter Benjamin nachvollziehen. Seine “Thesen zum Begriff der Geschichte” werden im Manifest explizit zitiert.

In der Geschichtsthese 12 wird mit Verweis auf Marx die „rächende Klasse“ benannt (ohne genauere Quelle).
Benjamin unterscheidet hier uE wenig zwischen Rache und Haß, wenn er sagt, mit der „Rolle der Erlöserin künftiger Generationen“ habe die Sozialdemokratie die beste Sehne der Kraft der Arbeiterklasse durchschnitten.
Daher rührt Benjamins Bild vom sich „nähren“ am Bild der geknechteten Vorfahren, das das Manifest benutzt.

Wenn man schaut, wo Marx von der Klasse im Zusammenhang mit Rache gesprochen hat, findet man den Text „18. Brumaire“ und einen spannenden Artikel über die „Revanche der Peripherie” (i.e. Landwirtschaft) dazu bei Telepolis, wo sich die Sache noch einmal ganz anders liest:

“In seinem “Achtzehnten Brumaire” von 1869 analysiert Marx, dass die halbhörigen Bauern Frankreichs durch ihren wahren Kaiser Napoleon I. zwar vom Eigentum ihrer Grundherren zu Eigentümern ihrer Grundparzellen, zu Teilnehmern an der freien Konkurrenz untereinander und zu Teilnehmern an der aufstrebenden Industrialisierung der Städte mit ihrem Lebensmittelbedarf befreit worden sind. Als isolierte Einzelproduzenten und überwiegend Selbstversorger waren sie aber nicht in der Lage, ihre Produktivität ausreichend zu steigern. Deshalb wurden sie auch innerhalb von nur von zwei Generationen zum Ausbeutungsobjekt von Hypothekenverschuldung und Hypothenkenwucher, von Abgabenerhöhung und Steuereintreibung und zudem nicht selten zum Opfer von fallenden Getreidepreisen oder von schlimmen Missernten.

In der Wahl Louis Bonapartes im Jahr nach seinem 1848er Putsch dann zum Präsidenten und damit in der Öffnung der Treppe zum Kaiserthron sieht Marx die Rache der Bauernklasse an den übrigen Klassen der Nation, sieht er eine “Reaktion des Landes gegen die Stadt” . Allerdings verbesserte die Machtergreifung Louis Bonapartes die ökonomische Lage und die politische Situation der Bauernklasse Frankreichs mitnichten.”

Die Frage, ob angesichts der aktuellen politischen Weltlage Rache zu einer Form des Handelns der Machtlosen werden könnte und wie diese Rache genau aussehen, wohin sie uns führen könnte, lässt sich mit wenigen Zeilen nicht beantworten.

Aber die Debatte darüber ist hiermit eröffnet.

Vergeudung

(oben:) Vergeudete Erinnerung: Alte Wrietzener Oder am 5. Juli 2022, 17.16 Uhr

Über die aktuelle Kreislaufkollapswirtschaft, über die Rache, die wir an ihr üben müssen und über die Konspiration, das Zusammen-Atmen, den Kniff, in verpesteter Luft „einen gemeinsamen Geist zu teilen

Genehmigte Einleitung

Zunächst eine aktuelle Meldung vom 31.08.2022, 4:50 Uhr morgens. Die deutsch-polnische Untersuchungskommission hat festgestellt, das eigentlich nicht Besonderes festzustellen ist.
Die Oder-Katastrophe scheint sich also zu klären: es gab kein Chemieunglück, keine illegale Verklappung im großen Stil, kein aktuell einmaliges besonderes Verbrechen.

Es gibt etwas viel Schlimmeres: die behördlich sanktionierte Normalität; den Terror der bis an die Obergrenze ausgeschöpften Grenzwerte.

Der Fluss ist auf 500 Kilometer Länge gestorben, weil zu den zahlreichen „genehmigten Einleitungen“ nun eine mörderische Hitze und Wasserknappheit hinzu kam. „Permanent und legal“ wird hartes Gift in den Fluss gekippt. Eine „menschengemachte Verschmutzung“.

Wir müssen, wie der Biologe Mark Benecke in „Time is up!“ sehr richtig sagt, nicht darüber streiten, ob es Kipppunkte wirklich gibt. Es ist nur ganz einfach über Jahre und Jahre viel zu viel gewesen.
Und dann war die Oder „plötzlich“ im Eimer.

Tote pro Politiker

Das Klimakarussell dreht weiter, schneller, tödlicher.
Die Debatte um den „Lobpreis der Aasgeier“ hat ergeben: die deutschen Energiehersteller müssen Co2-intensiv produzierten Strom nach Frankreich liefern, weil dort die Atomkraftwerke wegen Überhitzung runtergefahren werden.

Ein Leser schreibt: „Die niederländische Agrarindustrie ist verantwortlich ist für 60% des Ausstosses an Ammoniak und Nitrat. Dennoch wollen die EU-subventionierten Agrarmilionäre nicht umrüsten. Die Niederländer leben unterm Dampf der in die Atmosphäre sich verflüchtigenden Tierpisse. Warum? Neben 3,5 Millionen Kühen (Gewicht einer Milchkuh 650 Kilo = so viel wie 8 Menschen) gibt es in den Niederlanden etwa dreimal so viele Schweine: mehr als 11 Millionen – bei 17.591.394 Einwohnern. Die Niederlande sind der größte Fleischexporteur der EU. Das am dichtesten besiedelte Land der EU exportiert 3,6 Milliarden Kilo Fleisch, das mehr als 10 Milliarden einbringt. Also etwas von 3 € das Kilo. Hier gibt es auch 100 Millionen Hühner. Plus 850.000 Schafe und 500.000 Ziegen. Endergebnis: Biodiversität in NL <15 %
Ein anderer Leser schreibt mir: „Wenn wir nicht wollen, dass unsere Generation auch nur der Anfang einer verschwindenden Biomasse ist, muss jeder seinen Fußabdruck halbieren: Komfortverzicht, Konsumverzicht, massive Änderung von Lebensgewohnheiten. Und wie schwer das ist! Aber das ist in der Masse wirksamer, als immer nur auf die Lobbyisten zu schimpfen. Das eigentliche Übel sind die billigen (Junk-) Lebensmittel; die können wir uns nicht mehr leisten.

Ein dritter: „Es gibt einen Index, der die verschiedenen Energieerzeugungstechnologien anhand ihres Kollateralschadens auf den Menschen berechnet. Die Masseinheit ist „Tote pro Terawattstunde Energieleistung“. Kohlekraftwerke, die die Grünen jetzt zu Kriegszwecken wieder anwerfen, schneiden da ganz schlecht ab, viel schlechter als z.B. Gas.
Eine Regierung tötet ihr eigenes Volk. Man sollte mal eine Rechnung aufmachen mit der Gleichung Tote pro Politike
r.“

Wir wissen alles. Jedenfalls alles Notwendige.
Aber was tun wir?
Verzichten oder vergeuden?
Die Antwort ist existenziell.

Kreislaufkollapswirtschaft

Was der Aasgeier frisst, habe ich im „Lobpreis“-Beitrag an einigen Anekdoten aus den letzten elf Jahren illustriert.

Anekdoten haben den großen Vorteil, dass sie das große Ganze im Großen und Ganzen hinreichend genau am Einzelbeispiel klar machen. Um das Einzelbeispiel zu verstehen, muss man keine theoretisch-wissenschaftliche Vorbildung haben, muss kein Ausnahmegehirn besitzen, dass sich die neuesten Statistiken merken kann. Man muss kein ideologischer Triebtäter sein.

Man muss sich nur treiben lassen und alle Einzelbeispiele, die einem nicht passen, weg-trollen. Denn angeblich beweisen Einzelbeispiele nichts. Sie könnten ja Ausnahmen sein.

Na gut, wer nicht kapiert, dass es bei diesem Thema um ihn selbst geht, kann gern weitertrollen.

Troll-Argument No.1: Aasgeier dienen dem natürlichen Kreislauf. Klar, der Vogelschützer hasst natürlich Vermenschlichung von Tiergruppenverhalten. Schon Konrad Lorenz hat davor gewarnt – und sein Buch „Das sogenannte Böse“ seiner Ehefrau gewidmet. Diese Ratte!
Entschuldigung.
Nein, ernsthaft.

Gegen Naturschützer trollen ist so etwas wie Selbsthaß.

Eine Art Scientology-Strategie, bei der man immer kurz bevor man entdeckt wird als typischer „Schädling“, den anderen vorwirft, schlimme Schädlinge und Ignoranten zu sein. Oder eben „framing“, ein absichtsvoll erzeugter Prozess, der mittels verbaler struktureller Gewalt dem Opfer ein Bedeutungssystem überstülpt, das ihn mundtot macht.

Schädling benutze ich übrigens hier in genauer Umkehrung der Normaldefinition (Kollektivbezeichnung für Organismen, die den wirtschaftlichen Erfolg des Menschen schmälern) im Sinne von „Menschen, die den natürlichen Erfolg der Organismen schmälern.“
Ich spreche von Kreislauf-Killern.

Im Aasgeier-Text habe ich, ohne das Wort zu benutzen, bereits von einer Kreislaufkollapswirtschaft gesprochen. Weil es im heutigen Text öfter darum gehen wird, ersetzen wir das entsetzliche Bandwurmwort durch eine hübsche Abkürzung: KKW. Aber nicht KKW wie KKW , sondern wie Kreislaufstillstand.

Um die Kreislaufkollapswirtschaft, meine KKW zu beschreiben, könnte ich jetzt weitere Anekdoten erzählen: „olle Kamellen“ (denn die Klimakrise ging nicht erst gestern los) von dem westfriesischen Großbauern Harry Van Gennip, der über den Kerosin-Seen des russischen Flugplatzes in Cobbel, Sachsen-Anhalt, eine Schweinefarm mit über 100.000 Tieren anlegen wollte, quasi ergänzend zu seinem Betrieb im benachbarten Sandbeiendorf, wo bereits 65.000 Tiere standen: in geschlossenen Betonwannen. So ist alles versiegelt. Mit Bio-Gütesiegel. Das anhaltische Land ist billig zu kaufen. Und der Bundesstaat spart sich die sündhaft teure Bodenreinigung.

Mir fiele dazu noch eine schöne Anekdote über einen damit zusammenhängenden kommerziellen Kreislauf ein; die Anekdote von den westfriesischen Großbauern in der Magdeburger Börde, die ab 1990 den guten 100er Boden aus der Elb-Aue auf dem LKW ins Polderland geschafft haben, bis sie auf Sand gestoßen sind. Wir reden hier über etwas mehr als dreißig Kilometer entlang der Elbe. Den darunter zutage getretenen Sand haben sie an die A2-Baustelle geschafft: auf naturgegeben kürzestem Weg, wofür sie einen Öko-Preis erhielten.
Als sie bei drei Metern in der Tiefe waren, haben sie langsam wieder verfüllt: mit Schweinescheiße. Stimmt nicht: Pisse war auch dabei. Die konnte man flussabwärts noch vor Hamburg messen.

Die meisten Menschen seien von den Megaschweinefarmen schockiert, „dabei handelt es sich einfach nur um eine Fabrik.“, sagt der Unternehmer Van Genugten, der sich zu Recht dagegen verwahrt, als Bauer betrachtet zu werden.
Auch sein Kollege Kees Klaassen ist glücklich in der ex-DDR, wie alle seine Landsleute: „Zu Hause wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders.“

Wie tief unter der Erde endet das Privateigentum?
Ich spreche hier von einem ethischen Problem, nicht von juristischen Spitzfindigkeiten.

Noch eine olle Kamelle: Firmen, die mit den Westfriesen in Ostdeutschland Geschäfte machen, fahren die Kadaver aus den Jerichower Schweinemetropolen nach Westfriesland. Täglich. Mit hunderten von LKW.
Kreislaufwirtschaft?
Oder KKW?

Die Rohware (tote Tiere) wird mittels Grob- oder Feinbrechern in ca. 50 g bzw. 20 g schwere Stücke zerkleinert und der Fleischbrei wird auf ebenderselben A2 on the road entfettet (heisst: läuft als rosé-farbener Stinkschaum hinten aus den offenen LKWs raus; in Tonnen; verteilt sich alles auf der Strecke).
Das ist exakt, was man früher Schinden nannte. Der Abdecker zog mit dem zu beseitigenden Tierkörper lange Strecken über Land. Alles ganz normal. Schon immer so gewesen.
Der Kadaverbrei hat den Hautgout von gammeliger Leberwurst.
Wenn ihr das nächste mal über die Schinderpiste gen Berlin fahrt, haltet mal zwischen Barleben und Burg die Nase in den Wind.
Seit der Recherche über die westfriesischen Schweinegroßbetriebe in meinem Nachbarbundesland kann ich Leberwurst nicht mal mehr von ferne riechen. Das ist ein guter Anfang!

Nichts nichts nichts ist besser geworden in den dreissig Jahren seit der Wende. Mit 50 Millionen Schlachttieren pro Jahr ist Deutschland immer noch weltweit die Nummer 3.

Ja, schöne Anekdoten könnte ich noch etliche erzählen.
Könnte.
Aber es reicht.
Denn im Großen und Ganzen sind wir uns doch im Klaren über das Futter der Aasgeier: Das sind wir.
Die Aasgeier fressen uns arm.

Armut

Deswegen möchte ich mich jetzt einer höchst erstaunlichen Recherche von Danilo Dolci über die westsizilianischen Bauern zuwenden.
Der aus Dolcis Feldforschung über Armut und Rückständigkeit entstandene Text (entstanden 1959) heisst schlicht und heute treffender denn je: „Vergeudung“.

„Vergeuden“ steht in Grimms Wörterbuch gleich vor „Vergewalten“. Der Etymologe Wolfgang Pfeifer (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen) weiß zu berichten, dass die Bedeutung „verschwenden, nutzlos, sinnlos vertun“ auf das untergegangene mittelhochdeutsche Wort „geuden“ zurückgeht, das einmal „prahlen, großtun, Verschwendung treiben“ bedeutete, aber mit einer festlich-fröhlichen Konnotation (wie Genuss, Jubel, Freude).
Das Präfix „ver-„ hat ihm dann aber den Rest gegeben (und nur der ist aufschlussreicherweise erhalten): „ver-„ bezeichnet das Beseitigen, Wegschaffen, endgültige Aufbrauchen, das Zugrundegehen wie in „verbluten“ und „vertilgen“.
Wir wissen nun, woran wir sind.

Vergeudung ist präzis derjenige Begriff, der unsere jetzige Lage am allerbesten beschreibt.
Wir könnten. Wir müssten. Wir sollten.
Aber anstelle dessen vergeuden wir.

In Kapiteln, die Titel tragen wie „Vergeudung an Land“, „Vergeudung an Hilfsmitteln“, „Vergeudung an menschlichen Leben“, identifizieren Dolci und die Mitstreiter seiner selbstbeauftragten Enquete-Kommission mangelnde Bildung und Aberglauben als die Hauptquellen der Rückständigkeit, sowie das in Sizilien typische Mafia-Problem, das von vielen Mitgliedern der armen Dorfgemeinschaften mitgetragen wird, obwohl es genau diesen Leuten schadet.

Die mangelnde Bildung resultiert nicht nur aus dem engen Horizont der Bewohner des bergigen Westsizilien. Sie ist auch ein Ergebnis des Analphabetismus.
Der Aberglaube hat seine Wurzeln im kirchlichen System, das ergänzt wird von fehlender medizinischer Versorgung, so dass ganz einfache Probleme wie Würmerbefall von den Heilkundigen im Dorf als Besessenheit, als von Dämonen erzeugt gedeutet werden und der Priester zustimmt. Ein geschlossenes System, in dem fließend Wasser, tägliche Hygiene und die notwendige Sauberkeit bei der Nahrungserzeugung keine Rolle spielen.

Die Mafia ist gut angesehen oder wird unwidersprochen hingenommen, weil sie Probleme regelt, die wegen fehlender Selbstorganisation der Dorfbewohner oder durch den Staat nicht gelöst werden.

Als ich den Text las, fühlte ich mich auf ungute Weise an die elf letzten Jahre erinnert.

In Fragen der Ökologie, in Sachen der Landwirtschaft sind wir modernen Städter alle Analphabeten. Methodische Analphabeten, die systematisch ihr Wissen verdunkeln.

Wir hören auf die Gesundheitsapostel der Pharmaindustrie, die den Dämon an die Wand zaubern; wir sehen die Gala der Superreichen und Konzerne und bewundern sie, wie einst die Bauern den Kardinal und seinen Prunk. Wir fürchten uns auszuscheren und selber zu denken. Wir schließen die Augen und verleugnen. Denn unser Wissen macht uns Angst.

Wir leben nach dem Prinzip der Vereinzelung: jedermann auf sich gestellt, obwohl wir wissen könnten, dass es zusammen viel besser ginge. Wir haben uns den Aberglauben einreden lassen, dass Selbstorganisierung gefährlich sei und die Gemeinsamkeit in Selbstermächtigung ein Terror.

Wir folgen mafiösen Politikern und medialen Intendanten, die nur auf ihre Bereicherung achten und damit den masochistischen Charakter all derer bedienen, in denen autoritäres Auftreten nicht Widerspruch, sondern Unterwerfung erzeugt. Wir sind wie die rückständigen Dörfler im letzten Winkel Europas vor sechzig Jahren. Wir bewundern den Mann, der Eier hat und sich gegen alle durchsetzt. Und über alles hinweg.

Das sind alles schlechte Voraussetzungen, um die Natur zu retten.

Der Plan

Gibt es für die mafiöse Landwirtschafts-, Gesundheits- und Energiepolitik der Regierungen einen gemeinsamen Plan?

Das „Konspirationistische Manifest“ hat hierzu einige Grundlagenforschung betrieben:

„In den 1950er Jahren ist der Klimawandel ein eigener Forschungsbereich, der die Schlagzeilen der Zeitungen beherrscht. Man ist sich weitgehend einig, dass die Zukunft des Krieges im „Umweltkrieg“ besteht, da eine nukleare Konfrontation das Ende der Menschheit bedeuten würde. Es ist eine für die damalige Periode alltägliche Aussage, wenn Irving Langmuir, Chemieingenieur bei General Electric und Nobelpreisträger, feststellt: „Die Kontrolle des Klimas kann eine Kriegswaffe sein, die so mächtig ist wie eine Atomwaffe.“ Er arbeitet im Übrigen an Bomben, die in den Wolken gezündet werden können, um Regen oder Dürre zu erzeugen und so den Feind auszuhungern, ohne dass man dafür beschuldigt werden kann.

Anstatt sich zu fragen, warum „man“ jahrzehntelang nichts unternommen hat, obwohl „man“ es wusste, sollte man sich die Dokumente der CIA aus den 1980er Jahren anschauen. Damals sah die CIA die globale Erwärmung als eine gute Sache an, da sie die Russen kräftig ärgern würde. Die Archive der Ölkonzerne hingegen sehen in der Katastrophe eine heilsame Dynamik, die zur „Anpassung“ drängt. Es gibt nichts Besseres als Katastrophen, um Knappheit, also neue Märkte und neue wirtschaftliche Güter zu schaffen. Zur selben Zeit, als die Pariser Klimakonferenz mit ihrem 1,5°C-Ziel tagte, teilte der Chef von Total bei einem Vortrag in der französischen Eliteuniversität Sciences Po gelassen mit, dass er bis 2050 mit einem Anstieg der globalen Temperatur um 3,5°C rechne.
Die Katastrophe ist Teil des Plans.
Der apokalyptische Blickwinkel, aus dem die Klimafrage heute betrachtet wird, ist nur deshalb vorherrschend, weil man seit den 1960er Jahren weiß, dass man sie damit neutralisieren kann und dass die Öffentlichkeit darauf mehrheitlich mit neuem Zynismus und Gleichgültigkeit reagiert.
Es geht nicht darum, sich des Klimaproblems wieder anzunehmen, sondern darum, diejenigen loszuwerden, die dafür gesorgt haben, dass es existiert.
Es geht darum, unsere Waffen gegen diejenigen zu richten, die aus dem Klimaproblem eine Waffe machen wollten.“

Soweit das „Manifest“.

Die Frage, ob die Regierung heute tatsächlich einen Klimakrieg gegen die eigene Bevölkerung führt und Tote per Terrawatt produziert, müssen wir genausowenig beantworten wie die Frage, ob es Kipppunkte gibt.
Denn es reicht aus, den Plan zu sehen. Und die Toten zu zählen, die an Dürre, Überschwemmung, Missernte und anderen klimainduzierten Dilemmata jährlich sterben. Die an Junk-Food und Massentierfleisch aus der industriellen Landwirtschaft sterben (obesity).

Neben dieser gezielten, methodischen, wirtschaftsfördernden Vergeudung von Menschenleben gibt es nur einen Begriff, der genauso aufschlussreich ist: Reichtum.

Reichtum

Der Plan der Reichen heisst Agenda. Agenda ist eines von vielen spindoctor-Worten, mit denen der Plan sich als Rettung der Welt zu bemänteln versucht. Jede Agenda ist eine tödliche Lüge.
Denn Agenda bedeutet, die Regierung will es später oder niemals tun, aber zeigen, dass man sich mit der „laut Agenda“ anstehenden Frage befasst.

Mit der Agenda illustriert die Regierung ihre Achtsamkeit. Unter der Bedingung negativer Inversion durch spin-doctoring bedeutet Achtsamkeit besondere Rücksichtsloskeit. Die achtsame Regierung beherrscht die große Kunst des Darauf-Scheißens. Sie will aber als sensibel gelten, damit ihr das wahre Verhalten nicht angekreidet wird.
Jeder Linguist lernt im ersten Semester: Sprachlösungen definieren ist Machtpolitik. Wer über die Definitionsmacht verfügt, herrscht.

Die achtsame Regierung hat den Öko-Check eingeführt und allgemein jede Menge Komposita mit Öko- produziert (wie -Bilanz, – Effizienz, -DAX, -Zertifizierung und -Trend)
Alle diese Begriffe sind nicht von ungefähr finanzsprachlich.
Ökocheck ist ursprünglich ein Begriff aus der Neurolinguistischen Programmierung, also: aus einer Lehre zur Beeinflussung psychischer Abläufe im Menschen.
Heute wird Ökocheck allgemeiner gebraucht, stets flankiert von den Begriffsschwestern Nachhaltigkeit und Resilienz und soll der Sicherstellung einer „lebenswerten Zukunft“ dienen.
„Lebenswerte Zukunft“ heisst:
Man muss nichts tun, nur alles glauben, was angeordnet wird.

Öko ist bloß die politisierte Fassung von Bio. In Berlin rangiert gleich hing B-IG und B-OY das B-IO an dritter Stelle der beliebtesten Wunschkennzeichen. Voll öko, ich mach mal eben meinen Elektro-TESLA Model S Performance mit 600 kW (815 PS) voll. Wenn ich den sehe, bin ich immer voll geladen.

Zurück zu den Big Boys. Sie bevölkern folgerichtig die Biomärkte wie kein zweites Klientel. DINKies (Double income no Kids) können sich besonders leicht die teure Gewissensberuhigung erlauben. Der kinderreiche Rest verdient genug an seinen natürlich vollständig stromlos laufenden Serverfarmen und Onlinedienstleistungsgeschäften. Voll fair-stärkt, wir telefonieren sogar grün: mit we-tell („klimaneutraler Mobilfunk“ ), die ihre Einnahmen aus den Tarifen, statt sie selber zu verdienen, schon jetzt in mehr als 1.000 Solarzellen investiert haben! So einfach ist das, grün zu werden! Das muss man sich mal konkret vorstellen: ein Telefonprodivder hat mehr als 1.000 Zellen gekauft, das ist mehr als auf drei Einfamilienhaus-Dächer passen. Wenn das keinen „Bock auf nachhaltigen Mobilfunk“ macht! Wenn das nicht locker den Stromverbrauch des abendlichen Netflix-Streaming einer glücklich fair-stärkten Familie abdeckt, also sagen wir mal, … locker mindestens 7 Minuten in Lo-Res.

Schön, dass die Leute sich das alles selber glauben!
Das erhöht die tägliche Zufriedenheit. Und zufriedene Leute unternehmen nichts, um den status quo zu ändern.
So einfach ist das!

Dinkies und ihre Brüder und Schwestern, die LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability), bezeichnen weniger eine umweltverträgliche Einstellung, als ein Geschäftsmodell.
Sie sind das Zentrum der Zielgruppenfahndung von Marketingexperten, die an der Preisschraube drehen, die üblen Tricks wie Teuerungszulagen ersinnen und die Wahrscheinlichkeit, dass sie klaglos geschluckt werden, modellieren.
In diesem Wirtschaftssegment ist Armut – wie Danilo Dolci sie untersucht – ein Fremdwort.
Arme sind Verlierer. Sie stehen nicht auf dem Zettel der Menschengruppen, für die der Aufwand sich lohnt.

Durch den Dunst der Wortnebelmaschinen sehen wir dennoch die realen Zustände:
Ausbeutung statt Achtsamkeit,
Bereicherung statt Bio,
Verordnung statt Verbesserung.

Das Hauptproblem am Reichtum: dass reiche Leute, die mit den alltäglichen Folgen ihrer Verordnungen keinerlei Berührung haben, die Ausbeutung ganz und gar unsentimental weiter vorantreiben, weil ihre Erfahrung ist, dass Wachstum ebenso unendlich ist wie ihr Geld.

Sie betrachten die Erde wie einen Lappen, den man auswringen kann und wenn er trocken ist, taucht man ihn in neues Wasser und weiter geht es. Sie leben wie die Hände, die wringen, nicht wie der Lappen. Das ist der ganze Unterschied und erklärt, warum sie keine Angst haben.

Die Koordinatoren des konzertierten Kreislaufwirtschaftskollaps, diejenigen, die am Zusammenbruch am meisten verdienen, sind die Politiker. Sie sind selbst reich, viele haben keinerlei abgeschlossene Berufsausbildung, keine Berufserfahrung jenseits der Politik und mit Dreistigkeit treffen sie politische Entscheidungen, die nur ihnen nützen und die Reichen superreich machen.
„An diesem Punkt wäre es absurd zu fragen, ob sie sich verschwören, dieses eine Prozent, das 48 Prozent des weltweiten Reichtums besitzt … Natürlich atmen sie die gleiche Luft.“
Wie wir alle.
„Wir müssen uns ihrer einfach entledigen.“
Wir müssen
„uns rächen für die ruinierte Erde und die sterbenden Ozeane. Für die prächtigen Wesen, die von der Fortschrittsmaschine zermalmt wurden, und die Heiligen, die in der Anstalt landeten. Für die ermordeten Städte und das versiegelte Land. Für die Beleidigung dieser Welt und aller nie entstandenen Welten. Für all die Besiegten der Geschichte, deren Namen man nie feiert.
Uns rächen für die Arroganz der Mächtigen und die abgrundtiefe Dummheit der Manager. Für die Gewissheit, dass es ihr gutes Recht wäre, die anderen zu zerquetschen. Für die Unverschämtheit, mit der sie nach der Fortsetzung ihres räuberischen Kurs streben. Dafür, dass sie es vermochten, uns in den Zustand der Verwirrung, des Zweifels und der Hilflosigkeit zu setzen.“

Werden wir siegen?

Ein Bericht zur ersten Lesung der deutschen Übersetzung des „Manifeste Conspirationniste“ in der Schankwirtschaft Laidak in Neukölln.

Der Weg

Zunächst ein Wort zum Ort und seiner Lage im Berliner Stadtraum. Um zur „Schankwirtschaft Laidak, Bar.Bier.Buch.Bild.“ zu gelangen, muss man die Hermannstrasse entlang gehen. Je nachdem, von wo man kommt, quert man die Sonnenallee und die Karl-Marx Strasse. Die drei Strassen sind die grossen Achsen von Neukölln, einem Viertel, das aufgrund einer rassistischen Verdrängungspolitik in den 70er Jahren (Zuzugssperre für Gastarbeiter/Migranten aus muslimischen Ländern im benachbarten Kreuzberg) vorwiegend von Türken und Arabern bewohnt wird. Heute herrschen hier die großen Clans.
In Neukölln laufen die Sirenen von Polizei und Krankenwagen fast durchgehend.

An der Hermannstrasse stehen tausend Tempel der Junk-Food-Kultur. Dies fiel uns insbesondere auf, weil im Manifest folgendes Zitat zu finden ist:
Die Kontrolle des Klimas kann eine Kriegswaffe sein, die so mächtig ist wie eine Atomwaffe.

Überall am Weg wird Billig-Fleisch aus Massentierhaltung verkauft – nach unserem jüngstem Erkenntnisstand einer der Hauptverursacher der Klimaschädigung .
Der Spaziergänger hat das Gefühl, auf einem Fußmarsch von 15 Minuten Länge an Tonnen brutzelnder Kebabspieße vorbeizukommen. Kein Haus, das nicht unten einen „Döner“- oder Burger-Grill drin hätte. Alle Läden sind entsprechend der aktuellen Mode in schwarz gestaltet und mit kaltem LED-Licht beleuchtet. Überall werden Shishapfeifen geraucht. Es riecht nach Bratenfett und Erdbeer-Vanille-Parfüm.

Plötzlich öffnet sich, nur wenige Meter entfernt vom brausenden Großstadtverkehr, eine Oase: ein ruhiger baumbestandener Platz, an dem das Laidak liegt. Das Laidak ist die Berliner Version eines heruntergekommenen Grand Café. Es atmet das Air des vergangenen Jahrhunderts, Gründerzeit, hohe Decken, große Räume, eine lange Bar, auf jeder Wand ein langes Regal mit Büchern. Es herrscht eine spontan angenehme, friedliche, sympathische Atmosphäre.
An der Wand eine große schwarze Tafel, auf ihr steht ein Zitat von Rainald Götz: „Ich brauche keinen Frieden, denn ich habe den Krieg in mir.“
Götz hat einmal sinngemäß gesagt: „Jedes Buch, das ohne Zorn geschrieben ist, lohnt die Lektüre nicht.“

Wie viel Zorn steckt im Manifest? Wie viel kühle Recherche? Wie viel Liebe und Lust auf eine lebenswerte Zukunft?

Die Freunde

Die Menschen, die neugierig auf das Konspirationistische Manifest ins Laidak kamen, waren zu zwei Drittel (Aussage der Bar-Betreiber) keine Stammgäste.

Sie sind (entschuldigt die Pauschalisierung, die nötig schien, um ein Stimmungsbild zu schaffen):

  • notorische Nikotinkonsumenten (von 80 Gästen etwa 75 Kettenraucher)
  • kräftige Biertrinker (nur große Biere wurden gereicht)
  • zu 75% männlich
  • von den Männern niemand unter 35 Jahre
  • von den 25% Frauen waren nur einige wenige über 30
  • Intellektuelle, Marxisten und ex-Marxisten, Künstler …?

Es war etliche Prominenz anwesend: eine im Moment euphorisch gefeierte und von anderen Leuten ebenso stark verachtete Corona-Maßnahmen-kritische Aktivistin, einige der Filmemacher von „Alles auf den Tisch“, Mitstreiter von „Basis Kreuzberg“, dem parteipolitischen Arm von „Querdenken“, die Herausgeber des Corona-kritischen Magazins „Der Erreger“: alles Leute, die man früher als „links“ bezeichnet hätte und die jetzt aufgrund ihrer Haltung zu den Corona-Maßregeln der Regierung als „rechts“ verunglimpft werden.

Teile der Gruppe, auf deren Plattform das Manifest digital erschienen ist, zählt(e) zu den sogenannten „Antideutschen“, eine Linken-Fraktion, die bedingungslose Solidarität mit der Politik Israels fordert; der Text selbst steht auf einem .tk-Server: tk ist das Kürzel für Tokelau. Nach Wikipedia eine „der gefährlichsten Top-Level-Domains“ der Welt.
Die Antifa Neukölln diffamiert das Laidak als „Heimat notorischer Falschabbieger“ und als „rechtsoffene Location (no place to be)“.
Eine typische Biographie dieser Gruppe könnte sein: Eltern in der DKP, die Kinder von Guy Debord begeistert, kurzzeitig autonome Antiimperialisten und libertäre Linke mit Hang zum Anarchismus. Einer aus dieser Gruppe kennzeichnete einmal seine politische Biografie als „Irrungen, Wirrungen, Spaltungen.“

Der Tresen im Laidak macht unmissverständlich klar: hier wird täglich ein gehöriger Schluck Situationismus getrunken. Unwillkürlich (und schmunzelnd) fallen einem die Zeilen Debords ein (Brief an Juvénal Quillet vom Donnerstag, den 11. November 1971): “Ich bin selbst nicht sicher, ob ich „ein Revolutionär“ bin, bzw. kann ich nur deshalb so bezeichnet werden, weil ich sozial gesehen niemals etwas anderes gemacht habe. Ich denke, dass mich auf persönlicher Ebene auch noch zahlreiche andere Merkmale charakterisieren (ich bin auch ein „Anti-Künstler“, ein Säufer, ein Spieler, ein fauler Sack etc.)“

All diese Grüppchen, die zuvor das Laidak gemeinsam bevölkerten, waren mit einem Schlag in feindlicher Konfrontation, als COVID begann. Jetzt war plötzlich nicht mehr die Zugehörigkeit zu einer linken Splittergruppe maßgeblich, sondern die Haltung zu den Verhaltensregeln der Regierung.
Das Laidak war während des „Lockdown/confinement“ einer der wenigen Orte in Berlin, wo die Betreiber nicht Polizei spielten und die Besucher frei sitzen und diskutieren konnten. Im Laidak war die gewaltsame Entsolidarisierung des „Bleibt alle zuhause und haltet die Schnauze“ aufgebrochen.

Wir hatten erwartet, dass Abordnungen des Verfassungsschutzes anwesend sind. Doch die beiden, die wir dafür hielten, entpuppten sich dann als Freunde des Hauses. Manchmal stimmt beides: der Verdacht und seine vermeintliche Entkräftung.

Vor diesem bunten, vielfältigen, spannenden und vor allem höchst sympathischen gesellschaftlichen Hintergrund fand die Lesung statt.

Der Text

Es wurde 1,5 Stunden lang vorgelesen. Die Auswahl war sehr gut. Sie gab einen perfekten Überblick über die Themen und die Qualität des Textes. Es wurde eine gebundene Papierkopie zum Selbstkostenpreis verkauft.
Der Moderator des Abends war eloquent, schlagfertig und humorvoll und seine Einführung auf den Punkt.

Das Palaver

Nach einer Pause zum Atemschöpfen begann das, was die Veranstalter in ihrer selbstironischen Terminologie als „Palaver“ bezeichneten. Offenbar kennen sie ihre Pappenheimer.

Wir hatten uns ein wenig vor dieser Diskussion gefürchtet, beziehungsweise vor dem Publikum, das teilweise grimmig wirkte. Doch das Palaver war überraschend gut, durchaus strukturiert und nahm eine unerwartete Wendung.

Von den gut 1,5 Stunden Diskussion wurde weitaus am längsten über „die Seele“ gesprochen. Das zweitwichtigste Thema des Abends war der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich.

Was bedeutete „Seele“ in der Diskussion?

Der Textbezug ist zunächst einmal das Zitat im Manifest Die Wirtschaft ist die Methode; das Ziel ist es, die Seele zu ändern.(Margaret Thatcher). Ebendort heisst es einige Zeilen weiter: “Im Lateinischen, Griechischen, Hebräischen und in so vielen anderen Sprachen verweist der Begriff der Seele – anima, psyché, rouakh – auf den Atem, den Wind, das Atmen.”

Das Manifest versteht den Begriff „Konspiration“ als „gemeinsames Atmen“, als Zusammenschluss von verwandten Seelen. So steht der titelgebende Konspirationismus dem älteren Modell vom Aufbau revolutionärer Kampfgruppen oder Kader gegenüber.

Dies wurde von den Zuhörern insgesamt als erfreuliche Idee empfunden, weil in den vergangenen zwei Jahren die staatlichen Organe des „Infektionsschutzes“ das Atmen, und ganz generell das Gemeinsam-Sein, zu etwas besonders Gefährlichem erklärten.
Im Grunde, so einer der Wortbeiträge, sei der Konspirationismus eine Strategie, die zumindest in Berlin aus der Zeit der Hausbesetzungen (1980er) noch bekannt ist unter dem Slogan „Bildet Banden!”

Die deutsche Linke sei nicht gerade berühmt für ihre Nähe zur Poesie. Verständnisschwierigkeiten würden möglicherweise auch daher rühren, dass es sich beim Manifest in erster Linie um ein Stück Literatur handele, nicht um eine Theorie im klassischen deutschen Verständnis.

Es sei „typisch deutsch“, dass in dem Moment, wo es nicht mehr um reine Fakten oder Zitate aus anderen ideologischen Texten des Marxismus ginge, sondern um Gefühle, Stimmungen, Freundschaften, (allen voran die älteren, ideologisch geschulten) Leute aussteigen, als hätten sie Angst – vielleicht vor der “Sphäre einer reinen Seelenwirklichkeit, in der der Mensch als Mensch – und nicht als Gesellschaftswesen” existiert (Zitat Manifest).

Sie werden sogar wütend. Ein junger Mann verließ unter lautstarkem Protest den Raum („Ich könnte kotzen, wenn ich diese Seelen-Debatte höre“), weil er falsch verstehen wollte, dass es bei „Seele“ immer um eine christliche Metapher ginge.
Ein anderer Zuhörer veralberte ihn und sagte, er würde jetzt auch gleich den Raum verlassen, wenn er noch einmal pauschal als „Linker“ bezeichnet würde.

Obwohl ein großes Manko vieler Redebeiträge mangelnder Humor war, rissen einzelne Leute die Debatte immer wieder herum.
Es gab auffällig wenig „Selbstdarsteller“, die nur das Wort ergreifen, weil sie sich produzieren, sich selbst reden hören wollen.

Sehr viele Diskutanten hatten den Text in Gänze vor der Veranstaltung gelesen. Das „Manifest“ wurde immer wieder mit dem Text „Der kommende Aufstand“ verglichen. Einige Zuhörer stellten fest, dass es kein einziges literarisches oder theoretisches Werk in Deutschland gäbe, dass qualitativ und inhaltlich an das Manifest heranreiche.

Ein wichtiger Punkt in der Diskussion war die Frage, ob man erwarten dürfe, dass der Text eine Art Handlungsanweisung gäbe oder ob es eher seine Stärke wäre, dies nicht zu versuchen.

Die Absage des Manifestes an die Organisations-Form der (verfestigten) Gruppe wurde allgemein begrüßt, was sicher mit der oben geschilderten Erfahrung und politischen Sozialisation der Anwesenden zu tun hatte.

Viele waren sich darüber einig, dass es keine schnelle Antwort auf die Frage „Wie weiter?“ gibt und dass die starke Ermutigung, die das Manifest darstellt und die Idee, sich informell zu vernetzen und ohne konkrete Erwartungen zu schauen, wohin es sich unter den neuen Bedingungen entwickelt, das einzig Mögliche sei. Die deutschen Freunde des Manifestes beklagten durchweg, sie fühlten sich vereinzelt (mit ihrer Meinung allein dastehend), deswegen desillusioniert und gelähmt.

Viele Leser haben aus dem Text verstanden, dass es künftig mehr um private und persönliche Verbindungen gehen muss, als um Zugehörigkeit zu politischen Gruppen.
Es wurde zum besseren Verständnis der Bedeutung von „verwandten Seelen, die miteinander atmen“ noch bemerkt (und aus dem Manifest zitiert), dass in der Weltgeschichte viele entscheidende Wendungen passierten, die ihren Ursprung in zwischenmenschlichen Sympathien und Verbindungen haben (von wenigen Personen). In solchen Verhältnissen herrsche der Natur der Sache nach weniger Konkurrenz als in einer Partei.

Zum Unterschied Deutschland – Frankreich war die Ansicht, dass in Deutschland – aus Angst vor Diffamierung und immer weiter voranschreitender Isolation – eigentlich fast niemand etwas unternimmt (was so nicht ganz stimmt, siehe hier) und dass hingegen der Text in Frankreich auf einen fruchtbareren Boden fallen müsse, weil die Franzosen keine Furcht vor Skandal und Aufruhr hätten und von der Last historischer Schuld befreit handeln können.

Ein Zuhörer stellte die Theorie auf, dass der aus dem Faschismus herrührende, über nunmehr drei Generationen vererbte „Gefühlsstau“ der Deutschen sie zu ängstlichen, nur verhalten opponierenden Menschen gemacht habe, während im Selbstbild der Franzosen weniger das Thema „Mitschuld am Faschismus“ vorkäme und sie deswegen freier agieren könnten.
So erkläre sich der große „Erfolg“ der konzertierten Vereinzelungs- und Entsolidarisierungs-Kampagne in Deutschland.

Es wurde ferner festgestellt, dass „Querdenken“ sich von vornherein als „Bewegung“ oder Organisation verstanden habe und sich deswegen viele Leute ausgeschlossen gefühlt hätten, während im Gegensatz dazu die „gilets jaunes“ es geschafft hätten, breit und offen zu bleiben und nicht vor jedem ersten Gespräch abzuklären, zu welcher Fraktion man gehört.

Das Publikum war sich weitgehend einig, dass das Abklären der Fraktionen in Deutschland viele Energien, die „von links“ kommen könnten, vernichte.

Immer wieder wurde begrüsst, dass das Buch eine sehr sauber recherchierte Bestandsaufnahme sei zu Fragen der Geschichte der Verhaltenskontrolle und -steuerung und es einleuchtend sei, eine Linie von Stalins Interesse an der „Gestaltung der Seelen“ über CIA/MK Ultra bis zu den Maßnahmen im Zusammenhang mit der Pandemie zu ziehen, um zu begreifen, warum das „project fear“ solche Wirkungsmacht entfalten konnte.

Es wurde auch verstanden und als herausragend empfunden, dass das Manifest dafür Rache fordert, statt wie alle jetzt in der Erstarrung des (Er-)Leidens zu verharren.

Gegen Ende wurde noch über den Schlusssatz „Wir werden siegen…“ und die Bedeutung der „Tiefgründigkeit“ gesprochen.
Ist die Behauptung der Tiefgründigkeit arrogant oder ist sie ermutigend?
Bis auf einige wenige notorische Zweifler fanden die meisten Anwesenden das Schlussmotto wichtig und schön.

Nachtrag

„Wir haben manchmal die Gesundheit über die Menschlichkeit gestellt.“

Jean-François Delfraissy, ehemaliger Vorsitzender des jüngst aufgelösten „Conseil scientifique“ (französischer nationaler wissenschaftlicher Rat für die Notstandsregeln), sagte kürzlich, er bedauere „Vieles“. Er sagte wörtlich: „Wir haben manchmal die Gesundheit über die Menschlichkeit gestellt.“ So hätten einige Menschen (insbesondere in Seniorenheimen) den „Lebenswillen verloren“.

Es zeigt sich u.E. daran, dass der Widerstand der „gilets jaunes“, des „Konvoi für die Freiheit“, der Proteste der Angestellten im Gesundheitswesen und anderer vergleichbarer Aktionen, nicht ganz ohne Folgen blieben.
Insofern hat der beharrliche französische Corona-Maßnahmen-Widerstand bereits ein Stück weit gesiegt.

Das „Klappe halten und Kuschen“ der Deutschen hat hingegen zur Folge, dass die Minister Lauterbach und Buschmann bereits jetzt den nächsten Corona-Winter mit Verboten, Testungen und Maskenpflicht vorbereiten und dafür eine „gesetzliche Grundlage für den Herbst“ vorbereiten.

Lobpreis der Aasgeier

Der Wald brennt. Die Oder stirbt. Die Felder um Berlin stinken. Windhosen legen gesunde Baumriesen nieder. “Klima-depressive” Experten geben uns fünf, maximal zehn “gute Jahre”. Trotzdem setzt die Bundesregierung ihre ohnehin lächerlichen Klimaziele aus, um Krieg zu führen und den Waffenkonzernen 100 Milliarden € in den Allerwertesten zu blasen: Koks für unsere endgültig übergeschnappte Kultur. Die Aasgeier mit den Teuerungszulagen haben ganz klar gewonnen.

Elf Jahre

Abends, wenn nach Einbruch der Dunkelheit die Hitze langsam unter 30 Grad fällt, gehe ich zum Briefkasten. Hier auf dem Land sind das gute 500 Meter, denn die Kästen stehen nicht am Haus, sondern an der Bundesstrasse. Auf dem Weg durchquere ich das Vogelschutzgebiet, das bis an die Grenze der Wohnbebauung geht.

2011 bin ich ins UNESCO Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe gezogen, weil ich die Großstadt nach über dreissig Jahren im Zentrum von Berlin unerträglich fand. Der Umzug brachte Erleichterung, denn es war hier schön abgeschieden vom Wahnsinn der Metropole, schön ruhig – außer wenn gerade mal wieder ein Starfighter von Rostock her in 50 Meter Höhe über das Vogelschutzgebiet flog, um vor Monatsende das Kerosin zu verballern. Die Piloten, denen wir vom Hof aus ins Gesicht schauen können, wenden dazu ihre Maschinen über den im Kiefernwald auf der anderen Flußseite stehenden Atommüllbehältern von Gorleben und jagen zurück an die Ostseeküste. Zum Glück fallen die Dinger nicht mehr ständig vom Himmel, wie noch zu Franz-Josef Strauß´ Zeiten.

Bei uns am ehemaligen Todesstreifen, hinterm ehemaligen antifaschistischen Schutzwall jedenfalls sieht es oberflächlich betrachtet – derzeit noch – einigermaßen prima aus. Aber wer etwas genauer hinsieht, erkennt: nichts ist in Ordnung.

Traurige Tropen?

Ein Nachbar, aus Ostpreußen 1947 in die fast menschenleere Prignitz gekommen, sagte einmal über die Jahre vor der Wende: “Früher lebten wir am Arsch der Welt. Heute liegen wir im Herzen Europas.” Es war 2011 kein besonderes Privileg, weitab der Hauptstadt ins äußerste West-Brandenburg zu ziehen, sondern die Entscheidung für den mit Abstand günstigsten Wohnort in Deutschland – vielleicht einmal von einem verschlafenen Tal in Thüringen abgesehen, in dem sich Massen von 88er Spassvögeln an der gleichnamigen (und somit “national befreiten”) Bundesstrasse zusammengerottet und damit heftig zum Preisverfall der Wohnimmobilien beigetragen hatten.

2011 sprangen mir auf dem Weg zum Briefkasten Frösche aller Größen vor den Füßen herum.

Bei einer nachbarschaftlich organisierten Hilfsaktion (Frösche über die Bundesstrasse tragen, damit sie nicht überfahren werden) wurden einmal 14.000 Tiere an einem langen Abend gezählt. Hunderte von schwarzen 10-Liter-Baueimern voll. Es gab hier sogar Laubfrösche, die bellend auf den Bäumen hockten und unser Lachen zu imitieren schienen, wenn wir draußen noch ein Bier tranken.

Zu den Fröschen kamen Teichmolche, Schwärzlinge der Ringelnatter, Kreuzottern. In Sichtweite gab es einen Seeadlerhorst. Überall lag Obst auf der Wiese, sogenanntes Streuobst und Insekten schwirrten, Vögel pickten, Nagetiere schmatzten in der Dämmerung. Der Besitzer von Ostmost, der in unserer Region die Zutaten für seine Säfte erntet, sagte einmal: “Streuobstwiesen sind der deutsche Regenwald”. Kein Wunder, dass sieben Bundesländer entschieden, die bevorzugte Lage zum Nationalen Naturmonument zu erheben, um es auf Generationen zu schützen.

Aber vor wem? Wer würde ernsthaft den nördlichsten Regenwald mit seinem Artenreichtum zerstören wollen?

Dürre

Nach drei feuchten Jahren und einem Jahrhunderthochwasser kam die Dürre. Mit der Dürre kamen Stürme. Zeitgleich oder im Zusammenhang damit – die Natur ist komplex und schwer durchschaubar – Eichenprozessionsspinner. Was nicht kahl gefressen wurde und abstarb, wurde vom Wind umgelegt.

Im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner wurde massiv das Biozid Dipel ES gespritzt, das bedeutet, es wurden toxische Organismen mit dem schönen Namen “Bacillus thuringiensis”, Thüringer Bazillen, in den Kreislauf eingebracht. Da Eichen auch am Deich stehen, wurden die vorgeschriebenen Abstandswerte unterschritten, die zu Gewässern eingehalten werden müssen. Trotz anderslautender Behauptungen in den Broschüren war eindeutig zu sehen: Insekten aller Art verschwanden, Bienenvölker mickerten plötzlich. Die Laubfrösche verschwanden. Sie sind sicher nicht direkt an der thüringer Bazille gestorben, aber ihr Futter war tot. Dürre förderte zudem Pilzerkrankungen. Tödlich für Frösche mit ihrer sensiblen Haut.

An dieser Stelle könnte man zynisch sagen: Etcetera pp. Wir sollten, wir könnten die Geschichte kennen.

Nicht nur kennen. Man kann den Wandel sehen und fühlen. Noch eine Hitzewelle, noch zwei Windhosen wie die in der vergangenen Woche, vielleicht noch fünf – und hier ist alles kahl, öde, staubig, leer.

Es ist die Realität hinter dem, was man oft nur abstrakt und daher noch schwer vorstellbar “Komplexität” nennt: Folgen des industriellen Eingriffs in die Natur. Auf UNESCO-geschützten Flächen, wo der Naturschutzbehörde auf ihre Anzeige hin richterlich beschieden wird, der Einsatz von Glyphosat, mit dem der Bauer einige Maschinenstunden spart, weil sich toter Acker leichter pflügen lässt, sei “gute landwirtschaftliche Praxis”. Ein entsprechende Prozeß wurde “wegen Nichtigkeit” niedergeschlagen. Auf UNESCO-geschützten Flächen wird auch mit Neonictinoiden gebeiztes Mais-Saatgut gepflanzt, weil die Forderung der Naturschutzbehörde, keine Gaskanonen zum Vergrämen der Vögel einzusetzen, im Ergebnis dazu führte, dass jetzt alle Mais pflanzen, weil die Vögel da nicht rangehen und weil man es hinterher schön in die Biogasanlage stecken kann, der mit Abstand ineffizientesten Maschine zum Herstellen von Energie.

Gift

Mehrere Tage lang interviewte ich im Jahr 2017 Randolf Menzel, einen der weltweit führenden Experten zum Thema Bienengehirn, denn ich wollte verstehen, woran die Bienen sterben. Auch hier war das Ergebnis: die Broschürenbehauptung, Neonicotinoid töte direkt keine Bienen, ist eingeschränkt richtig. Die Bienen erhalten beim Aufnehmen des Giftstaubes, von dem der Bauer Parkinson bekommt, einen Nervenschaden und finden ihren Weg nicht mehr. Sie sterben nicht an der Vergiftung, sondern verhungern wegen Desorientierung.

Die Parkison-Hirnschaden-Kombi stecken wir uns dann in den Tank, wodurch die Reichweite unserer – zumindest meines Autos um genau 5% abnimmt (E10 zu E5).

Erschreckender jedoch am Menzel-Interview war eine Anekdote, die ich heute, mit Blick auf die Oder-Katastrophe, noch einmal anders höre: als junger Mann hatte Menzel bei BASF hospitiert. Er bekam mit, dass die zuständigen Mitarbeiter der Wassergütemessstelle die “Kollegen” beim Konzern anriefen, bevor das Boot ausfuhr. Dann wurden die Kanäle, durch die in den Rhein eingeleitet wurde, dicht gemacht. Alles floß in große Auffangbehälter für einige Tage. Die Werte im Fluß waren dann gut – bis das Boot vorbei war.

Menzel war entsetzt, dass alle das wußten, keiner etwas dagegen unternahm.

Zurück zur Dürre. Vor unseren Augen findet der Klimawandel statt. Aber das ist kein “Naturgesetz”.

Die Anzahl von Allee- und Auenwaldbäumen, die vor meiner Tür in den letzten acht Jahren verloren gegangen ist, benötigt ein massives Aufforstungsprogramm und 100 Jahre Zeit, um den Zustand von 2011 wieder zu erreichen. Unnötig zu sagen: ein Aufforstungsprogramm, das es natürlich nicht gibt.

Der Eindruck drängt sich mir auf, dass, je mehr kahlgefegte Flächen entstehen, der Sturm an Heftigkeit zunimmt.

Menzel sagte eine Zahl, die ich mir heute erst plastisch vorstellen kann: seit 1980 haben wir 80% der Biomasse verloren. Wo – um eine fiktive Zahl zu nennen – früher 1000 Kilo Grashüpfer, Hummeln, Schmetterlinge, Käfer, Schwebfliegen, Mücken auf einen Quadratkilometer vorkamen, sind es heute noch 200 Kilo. Das Beispiel mit der verklebten Winschutzscheibe in den 80ern ist bekannt. Heute ist alles schön sauber selbst nach langer Fahrt. Bald wird das Land insektenfrei sein.

Wen kratzt das? Können wir nicht künstlich bestäuben? Honig, wie Jean-Marc Reiser schon in den 80ern in einem seiner legendären Comics vorschlug, aus pürierten Nacktschnecken und Zucker herstellen? Die Kleinen, die keinen echten Honig kennen, schlabbern es weg!

Können sich die Bestände erholen, habe ich Menzel vor fünf Jahren gefragt. Ja, sagte er, das ist theoretisch denkbar, aber nicht für alle Arten. Viele sind zu schwer geschädigt, um wieder eine vitale Population aufbauen zu können. Und wer bitteschön, fragte nun Menzel zurück, würde denn ein sofortiges und vollständiges Verbot für alle Produkte mit Glyphosat- und Neonictonoid-ähnlicher Wirkung durchsetzen? Wollen wir dem Bauern seine Schadinsekten-bedingten Ausfälle bezahlen?

Also nein, keine Erholung möglich? Nein, antwortete Menzel.

Wir haben diese Bestände endgültig verloren.

UFO

Als ich gestern wieder einmal im Dunkeln zum Briefkasten wanderte, war ein UFO gelandet: taghell leuchtete es von der anderen Seite der Bundesstrasse. Mitten im Vogelschutzgebiet ist es gelandet. 200 Meter Kantenlänge, rundum in schneeweiße Folie gekleidet, wohl 10 oder 12 Meter hoch, mitten in der Nacht taghell beleuchtet, so dass man es vom Orbit aus lokalisieren könnte. Das UFO ist der neue Stall des lokalen Energiebauern. Energiebauern pflanzen Energiepflanzen auf Flächen, die besser der Herstellung von Nahrungsmitteln dienen sollten. Energiebauern nennt man Unternehmer, die ihre Kühe im Wesentlichen zum Scheißen benötigen. Um mit dem Kot eine (politisch wie funktional) aufgeblähte Energieanlage zu füttern. Deren Energie zu 60% im Prozeß verloren geht.

60%? Ist das nicht mehr als die Hälfte? Ich muss mal meinen alten Mathematiklehrer anrufen. Der kann noch Kopfrechnen.

Weil das Ganze so wahnsinnig wenig lohnt, schüttet die Regierung dafür Fördermittel in Quantitäten aus und behauptet (wo bleibt der Fakten-Check?), die Sache sei so grün wie die geschwollenen Dächer der Gärbehälter. Dunkelgrün. Die Farbe der Stunde. Fast schon schwarz.

Das UFO zumindest leuchtet schön knallhell. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die mühselig erzeugte Energie, die ohnehin verlustfrei nur ein paar Kilometer weit zu transportieren ist, hier gleich an Ort und Stelle komplett vernichtet wird, bevor sie ganz verloren geht.

Meine Beschreibung hört sich so an, als wäre ich “pro” Kernenergie. Nein. Aber deswegen ist Maisvergärung trotzdem kein Ausweg aus der Klimakrise. Es ist eben etwas komplexer.

Übrigens: die Störche kommen nicht mehr. Hier, in Deutschlands “Storchenland” waren sie mal ein bedeutender “Tourismusfaktor”.

Warum kommen die Adebare nicht? Wissen die etwa, dass die Frösche tot sind?

Nein. Auch das ist etwas komplexer.

Der Energiebauer hat – sagen wir – 1000 Tiere im Stall stehen. Sogenannte Großvieheinheiten. Es gibt auch größere Anlagen. Drum herum hat er tausende Hektar Land, die er als Nachweisfläche benötigt gegenüber Ministerium und EU. Tiere dürfen da nicht frei drauf laufen. Sie stehen im UFO. Ein autonomer Roboter schiebt ihre Kacke zusammen. Dann kommt sie entweder in den Gärbehälter oder direkt raus aufs Feld. “Mama es stinkt, wir sind zu Hause” war mal ein erfolgreicher, viral gehender Film, der diesen Zusammenhang treffend-ironisch erläuterte.

Die Gärreste werden im Feld ausgebracht und untergeackert. Nicht immer sofort, wie es der Gesetzgeber gern sähe. Da ist dem Energiebauern, der übrigens rein aus Kostengründen hauptsächlich Bulgaren beschäftigt, wohl etwas anderes dazwischengekommen. Gärreste stinken besonders stark. Am meisten stinken sie, wenn sie das ganze Wochenende lang in der glühenden Sonne gelegen haben.

Stört das etwa die Störche und bleiben sie deswegen weg? Weil sie sich bei der Futtersuche nicht die Füße schmutzig machen wollen?
Nein, nicht ganz genau. Aber so ähnlich.

Seuchen

1000 Tiere in einem Stall – da gibt es erhebliche Infektionslast. Erhebliche Ansteckungsgefahr. Erhebliche Krankheiten.

Irgendwo hat doch jeder von uns schon mal gelesen, dass in gewissen ländlichen Regionen in den Arztpraxen die Bauern und Bauernkinder in einem von den übrigen Bewohnern getrennten Warteraum sitzen müssen? Oder? Nie gehört? Nie gefragt, warum wohl?

In der Massentierhaltung jedenfalls werden wegen der ganzen Seuchen alle Tiere prophylaktisch medikamentiert. Immer rein mit dem Gift. Wurmkur.

Würmer sind Parasiten und woran sie sterben, sterben auch Insekten.

Wenn ihre Scheiße, die man Gülle nennt, wenn sie mit Wasser versetzt zum Sprühen aufbereitet ist, aufs Feld rausbringt, ist sie pharmakologisch verseucht.

Früher waren große Rinderherden die bevorzugten Verweilplätze für Storche. Wenn die Kuh auf die Wiese kackte, kamen Fliegen und legten ihre Eier, Käfer kamen und zersetzen die Fladen und die Wiese wurde gedüngt und wuchs prächtig und die Storche hatten unendlich viel Futter (Biomasse) für die Aufzucht der Brut. Die “Grützköpfe” (Jungstörche) essen nämlich zunächst gar keine Frösche.

Heute tötet die Gülle alle Insekten und unter dem Giftbrühe verbrennt das Gras, denn der verdünnte Kot wird nun nicht mehr biologisch abgebaut und erstickt die Wiese.

Wenn ich hier auf dem Land das Wort “Gülle” öffentlich in den Mund nehme, ruft mich die zuständige Vertreterin der Bauernschaft auf meinem Handy an und sagt mir, ich solle mal die Füsse stillhalten. Sie fragt allen Ernstes, warum wir Städter eigentlich aufs Land ziehen? Um uns zu beschweren, dass es dort stinkt? Die gute Frau scheint den Unterschied zwischen dem Geruch von Mist und Gülle nicht zu kennen.

Im Gegenzug wäre eher zu fragen, warum eigentlich Menschen, die ihr Einkommen aus und mit der Natur verdienen, mit solcher Todesverachtung gegen alles Lebendige vorgehen? Mit solcher Ignoranz. Wer einmal einige Stunden, ja Tage lang Traktoren beoabachtet, die mit Vollgas von der Strasse aus ins Feld brettern und in hohem Bogen Jauche versprühen, der versteht, was ich mit “Haß auf die Scholle” meine.

Aber vielleicht ist der Energiebauer in der klimatisierten, schallisolierten, vollvernetzten Kabine seines Traktors, die er den ganzen Tag nicht verlässt, dermaßen von seiner Umwelt entkoppelt, dass ihm alles “da draußen” wie eine Videolandschaft vorkommt, die es einkommensgerecht zu verändern, letztlich zu besiegen gilt. So wäre der bäuerliche Krieg gegen die Natur eine mit Chemiewaffen geführte Folge seiner Depravation, eine Art Kabinen-Koller.

Soll ich noch weitererzählen?

Na gut, einen noch.

Drone

Viel Geld verdient der Bauer mit Flächennachweisen. Mit Subventionen für Flächen. Die Flächen werden von einer staatlichen Drone ausgemessen. Kurz bevor die Drone fliegt und die Zuwendungen errechnet werden, fährt der Bauer mit dem Gestrüppmähbalken und häckselt den ohnehin kärglichen Feldrain-Bewuchs ab. Metzelt alle Vogelnester nieder. Wohlgemerkt: im Vogelschutzgebiet des UNESCO-Biosphärenreservates.

Der Bauer ist ein “rechtlich privelegierter” Unternehmer, mit Sonderbaurechten in Schutzzonen, Sonderweiderechten und der Erlaubnis, die Wiese mit den Bodenbrütern Ende Mai, also während der Nistzeit, abzusemmeln und hinterher mit einem Riesensauger, der passenderweise “Gama Super Claas Jaguar Feldhäcksler” heisst, die zerhackten Tierchen zusammen mit der Wiese einzusaugen. Eigentlich darf er erst nach der Lerchenbrutzeit mähen, aber, Sie wissen schon, da ist das Wetter schlechter oder etwas anderes liegt an und wenn einer herginge und sich beschwerte, weil er Lerchenschützer ist, greift wieder die Nichtigkeit.

Überhaupt, fahren Sie in ihrem Auto etwa Sprit, der zu 10% mit Lerchen versetzt ist?

Man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen.

Und der Jaguar fährt.

Millionen Tote?

Na gut, einen letzten noch. Aber der hat nichts, rein gar nichts mit Industrieller Landwirtschaft zu tun. Deswegen hat den Zusammenhang seit Simone Weils Zeiten auch niemand untersucht.

Im Jahr Null ante Corona gab es einen kurzzeitig vielbeachteten und heute wahrscheinlich schon wieder vergessenen Artikel, den ich aus diesem Grund gern in Erinnerung rufen möchte.

Der Autor des Artikels heisst Rob Wallace. Es gibt auf deutsch ein höchst interessantes Interview unter dem Titel “Coronavirus: Die Agrarindustrie würde Millionen Tote riskieren.” In dem Interview stellt Wallace einen Zusammenhang her zwischen industrieller Landwirtschaft, fehlendem Bremseffekt für die Viren-Ausbreitung durch mangelnde Artenvielfalt und rasanter Zunahme von Infekt-Krankheiten. In seinem Buch “Big Farms Make Big Flu: Dispatches on Infectious Disease, Agribusiness, and the Nature of Science” belegt er umfangreich, wie Epidemien zustandekommen: durch die Art, wie wir unsere Nahrung erzeugen.

All das habe ich schon einmal in “Der Brunner-Affekt” geschrieben. Immerhin wurde der Text 140 mal kommentiert und mir zum Schluß ein Toast ausgebracht: “Ein desinfizierendes Mittagsschnäpschen auf Sie und Ihren hervorragenden Appell.

Aber der gute Nachgeschmack verging schnell und so musste ich es heute noch einmal erzählen und zwar:

Angesichts der Oder-Katastrophe.

Angesichts zunehmender Waldbrände.

Angesichts steigender Zahlen von multiplen Infektionkrankheiten.

Angesichts der Diffamierung von Naturschützern als “Extremisten“.

Angesichts der Wiederzulassung von Glyphosat unter anderem Markennamen.

Angesichts der signifikanten Störungen der Darmflora durch viszeralem Botulismus in glyhosatverseuchten Gebieten, sprich überall auf dem Lande, wo sich im Brunnenwasser eine Gülle-induzierte Keimlast von 10 hoch n über dem Grenzwert nachweisen lässt.

Angesichts der Neubestimmung der letalen Dosen für Honigbiene und Mensch.

Weitermachen

Eigentlich müsste – erstmals seit 50 Jahren – ein Dichter wegen unhaltbarer Behauptungen ein Gedicht zurücknehmen. Wenn er noch leben würde, sollte Rolf Dieter Brinkmann zumindest teilweise widerrufen, was er in “Westwärts” schrieb.

Richtig ist: Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Preise machen weiter.

Falsch aber ist Brinkmanns Zeile: die Tiere und Bäume machen weiter.

Sie machen nicht weiter.

Doch die Aasgeier des Kapitals setzen darauf, dass wir nichts unternehmen.

Richtung Auswilderung

Als Hanna Mittelstädts neuer Text für DIE AKTION bei mir ankam, las ich gerade in den “Cahiers” der klugen, ich bin versucht zu sagen: der geradezu erschreckend weitsichtigen (zu dem Zeitpunkt 24-jährigen) Simone Weil.

Deswegen schien mir Hannas Titel “Polyfone Gefüge” wie auf den Geist der Weilschen Notate zugeschnitten, weswegen ich dieses vielstimmige, kenntnisreiche Werk hier erwähne. Selten habe ich einen so universellen, so umfassend interessiert geschriebenen Text gelesen. Selten so wenig verstanden, trotz wiederholtem Lesen. Simone Weil ist um Potenzen intelligenter, komplexer, zweifelnder, suchender, als die meisten vergleichbaren philosophisch-politischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Aber die Parallelen zum polyfonen Gefüge von Hanna Mittelstädt gehen weit über den Titel hinaus.

Weil schreibt (ca. 1933): “Unbedingt notwendig: Studium (besonders historisches) der landwirtschaftlichen Technik (ist das Ersetzen der Pferde durch Traktoren etwas anderes als Politik? Düngemittel, Geräte…) Herausfinden, ob die ultramoderne landwirtschaftliche Technik nicht den Boden auslaugt? Auch die Frage der Kunstdünger untersuchen.” (Cahiers Bd. 1, S. 130)

Bei Mittelstädt heisst es in der Passage über die Reise nach Aragon: “Auch hier soziale Konflikte, ausgelöst durch die EU-normierten Fortschrittsideen (Energieproduktion von Konzernen, Warenversorgung durch die globalen Ketten, Fleischindustrie, industrielle Landwirtschaft). … Der Osten Aragons war in den Jahren 1936/37 Schauplatz eines großartigen Experiments. Hunderte Dörfer nahmen nach dem Putsch des Militärs gegen die Republik ihre Geschicke selbst in die Hand. Über nahezu anderthalb Jahre organisierte sich die Landbevölkerung kollektiv und föderativ, schaffte vielerorts das Geld ab.”

Bei Weil, die 1936 in der Brigade Durrutis am Ebro (an den Osten Aragoniens anschließend) kämpfte, schlägt sich die Frage des Geldes unter dem lebhaften Eindruck des spanischen Bürgerkrieges in folgenden Zeilen nieder:

“Die Ablösung des Industriezeitalters durch das Finanzzeitalter besteht hauptsächlich darin, dass der entscheidende Faktor für das Wachstum des Unternehmens nicht mehr die Kapitalisierung des Profits ist, sondern der Zugriff auf neues Kapital – daher die Zerstörung all dessen, was im Kapitalismus eine gut organisierte Produktion begünstigte. Das hat den Parasitismus entwickelt welcher seinerseits…

Zu erledigen: Liste der Unternehmen aufstellen. Indochinesische Broschüren. …

Zu untersuchen: Geschichte des Austausches zwischen Stadt und Land im technischen Sinne,… (im Manuskript folgen drei Seiten mit mathematischen Notizen: Kombinationen und Permutationen).”

Fast hundert Jahre alt, diese Gedanken – und noch so frisch, richtig und unbearbeitet, als wären sie nach der Finanz-, Staatschulden und Wirtschaftskrise des frühen 21. Jahrhunderts gedacht worden.

Offenbar sind mehr Analysen nötig, genauere Untersuchungen.

Vor allem: Unnachgiebigkeit. Festhalten am einmal Erkannten.

Wir müssen nicht fordern. Wir müssen handeln.

Beim Lesen von Hannas Text denke ich an die katalanische Organisation CIC, Cooperativa Integral Catalana : an ihre Programme zur Neuaneignung von Technologien für einen libertären Kommunalismus = XCTIT (Xarxa de Ciencia, Tècnica i Tecnologia), an ihre Bemühungen um Selbstverwaltung, Selbstversorgung, Selbstbefreiung, an ihren gelebten Ausstieg aus dem kapitalistischen Markt und ich denke daran, dass ihr Mitgründer Enric Duran als Terrorist verfolgt wurde von der spanischen Justiz unter dem Regime der Partida Popular, die sich als Christdemokraten verstanden wissen wollen, aber die unmittelbare Nachfolge der ultrarechten Falange sind, deren Geschichte und Rolle im spanischen Bürgerkrieg per Gesetz bis heute nicht aufgearbeitet werden darf.

Kreise, die sich schließen. 1929. 1936. 2008. 2020.

Wo stehen wir Westeuröpäer heute, 2022?

Wir alle haben knapp zwei Jahre lang unerwartet, unfreiwillig und die meisten von uns in jeder Hinsicht schuldlos, unter der Einwirkung einer neuen Qualität von Repression leben müssen. Diese Phase ist längst nicht abgeschlossen.

Cliquen, die davon profitieren, haben Kernenergie zur ökologischen Technologie für Europa erklärt. Minireaktoren sind die allfällige Lösung für unseren Energiebedarf und unser Klimaproblem, sagen uns Cliquen, die davon profitieren.

Vorausschauend arbeitende Cliquen, die davon profitieren, beständig ihr Ohr an den Arsch der Weltforen für Zukunftspolitik zu pressen und die lustvoll auf der dem “peak of inflated expectations” des Gartner Hype Cycle surfen, haben in Europa seit 2019 – Corona war bei den Meisten von uns nicht einmal “am Horizont” – zwanzig neue Rechenzentren errichtet, jedes mit einem Energieverbrauch des Metropolraumes von Paris, sprich so viel, wie 12,5 Millionen Menschen in einer durchweg beleuchteten Großstadtzone benötigen. All das weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit.

Die Rechenzentren wurden und werden gebraucht, um uns onlineversorgt zu Hause zu halten. Fressen auf Rädern. Distanzschule. Enthirnte Medien auf seelischem Entwurzelungskurs. Staatliche Brigaden des gleichgeschalteten Denkens. Der New Screen Deal. Turboschneller Finanzkapitalismus mit spekulativem Wohnungsmarkt. Digitalisierte Landwirtschaft. Mobilität mit 5G. KI-mässige Sichtung und Vergatterung der gesamten Bevölkerung.

Potenzen auch hier: unser Alltag heute liegt weit jenseits all dessen, was David Cronenberg 1983 am zynischen Beispiel der Kathodenstrahlmission (Videodrome) für maximale Dystopie hielt.

Wir haben – einige kurze Jahre erst – unter dem körperlichen Einfluss struktureller Gewalt gelebt. Wir sind aus dieser Phase längst nicht heraus, denn ein Zurück zur schon damals grundverkehrten Normalität von zuvor wird es nicht geben. Und vorn voraus sind die Weiselzellen des Kapitals, die wir versorgen sollen, schon fertig gebaut. Wir willige Arbeitsbienen füttern, wir züchten die Königin.

Die Gewalt des uns übergestülpten Zusammenhangs ist uns ins Blut übergegangen und hat sich dort bis zur Unkenntlichkeit verdünnt.

Wir leben unser kleines Glück als schäbige Abbilder eines Plattformreichtums und seiner Ideale, die sich in Recheneinheiten ausdrücken, deren kleinste vorstellbare Größe neun Nullen hinter der Wertzahl aufweist. 2022 gibt es weltweit 2.668 Milliardäre. Wir fahren in Elektroautos von einem davon. Wir kaufen alles ein in dem Onlineunternehmen eines Weiteren. Wir benutzen die Rechner eines Dritten. Alle sie sind Wortführer in der zuvor erwähnten Repressionsphase gewesen, haben Impfstoffe hergestellt, gigantische Automobilwerke errichtet, noch gigantischere Rechenzentren gebaut. Sie haben, während Millonen Menschen Pleite gingen (in Deutschland derzeit 13,8 Millionen an und unter der Armutsgrenze), hunderte Millarden zugelegt. Wir saßen zuhause und haben uns in die Welt gezoomt. Einen digitalen Apero zusammen getrunken und ansonsten ziemlich viele Beziehungen abgebrochen.

Denn der Gefühlsstau, den wir erlebten, weil unsere (sozialen) Grundbedürfnisse so lange unbefriedigt blieben, hat sich in Polarisierung und Haß ein Ventil geschaffen. Der Haß hat unsergleichen getroffen. Nicht die Cliquen, die davon profitieren. Eigenartige Unterwerfung unter den Sieger. Perverse Algebra der Gewinner.

Wir rechnen ständig mit Unbekannten. Doch die Mehrzahl der Zeitgenossen hat vergessen, dass “Algebra” „das Zusammenfügen gebrochener Teile“ bedeutet. Weil wir angstvoll mit Unbekannten rechnen, haben wir uns das Zerbrechen zu unserer Eigenart gemacht.

Wie heilsam, wie klug liest sich in dieser Zeit der Auflösung, angesichts der gefühlten Kapitulation der Mehrheit, ein widerständiger Text wie “Polyfones Gefüge”. Wie vielversprechend die Routenangabe klingt: “Richtung Auswilderung”.

Ich wünsche viel Freude bei der Lektüre.

Mensch und Supermensch

Der Text auf dem Beitragsbild bedeutet: 1. Knopf: “Meine dritte Dosis nehmen” 2. Knopf “Erkennen, dass man mich für bescheuert hält”; darunter “Aufwachen/nicht aufwachen”

Heute erscheint in DIE AKTION Teil 2 des Textes „Die Entfremder“ von Rudolph Bauer. Seine in Teil 1 bei Karl Marx begonnene Untersuchung der diversen Industriellen Revolutionen der vergangenen knapp zwei Jahrhunderte kommt damit beim Transhumanismus an.

Der Begriff ist seit Kurzem wieder im Schwang, nachdem er bereits Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Renaissance erlebt hatte.

Er geht auf den britischen Verhaltensforscher, Biologen und Eugeniker Julian Huxley zurück: „Die menschliche Spezies kann, wenn sie es möchte, über sich selbst hinauswachsen – nicht nur sporadisch, ein Einzelner mal so, ein anderer mal so, sondern als Ganzes, als Menschheit.“

Ich muss bekennen, dass ich anfangs, als ich etwa 1995 das erste Mal von dieser neuen „philosophischen“ Richtung Kenntnis erhielt, das Ganze für einen schlechten Science-Fiction-Witz hielt.

Das mag auch daran gelegen haben, dass die technischen Möglichkeiten, die seither entstanden sind, insbesondere die genetische Therapie, damals noch so weit außerhalb des mir vorstellbar Möglichen lagen, dass ich es für reine Spinnerei hielt, für einen feuchten Traum alternder weißer Männer, die sich verewigen wollten.

Ich will das am Beispiel von „Silicon Man“, eines für kurze Zeit recht erfolgreichen Romans von Charles Platt, deutlich machen.
Platt hatte etwas später als Philip K. Dick in den frühen 60er Jahren begonnen, Texte zu veröffentlichen, die sich lasen, als sei Dick auf einem seiner zahllosen, autodestruktiven Drogentrips endgültig hängen geblieben. Platts dystopische Schundliteratur schreckte auch vor Porno nicht zurück. Man bekam den Einruck, ihm sei alles recht, wenn es darum ginge, Tabus zu brechen.
Ich brauchte eine Weile, um zu kapieren, wie ernst Platt all dieses Zeug meinte. Ich hatte bis dato noch nie das Wort „Cryonics“ gehört , nichts von der gemeinnützigen Gesellschaft Alcor Life Extension Foundation oder dem Cryonics Institute. Aber als ich verstand, dass es darum ging, lebende Menschen in Edelstahltuben tiefzukühlen, um sie eines Tages in einer Zukunft, in der Gentherapie möglich sei, wieder aufzutauen und unsterblich zu machen, trug dies nicht gerade dazu bei, den Ersteindruck des schlechten Witzes zu mildern.
Platt ist ein Kryoniker, der mit “Silicon Man” 1991 eine Art Neues Testament des Transhumanismus verfasste.

Heute, nur drei Jahrzehnte später, hat sich etwa die Hälfte der Menschheit bereits freiwillig einer Gen-Therapie unterzogen. 11,4 Millarden Dosen wurden verspritzt.

Aus der quasireligiösen Idee einer an sich selbst angewendeten Biopolitik mit Life-Extension-Garantie ist jetzt ein weltwirtschaftliches Modell geworden: der pharmakologische Transhumanismus (siehe meinen Text über das zwiegesichtige Pharmakon), der den Umbau der Körper notwendig macht, weil dem Besitz an den Produktionsmitteln (durch Ausbeutung des Körperäusseren der entfremdet Arbeitenden) jetzt die Ausbeutung des Körperinnern nachfolgt, inklusive der Patentrechte an den genetischen Veränderungen im Körper des Kunden. Denn Kunden, willige Klientel für die Investitionen der großen „Entfremder“, sollen wir alle werden.

Wie gesagt: Eine fixe Idee von weißen Elitemenschen für weiße Elitemenschen.

Dieses traurige Kapitel kapitalistischer Selbstverwirklichung ist leider sehr ernst zu nehmen – und geht einher mit einer Verteufelung aller anderen Formen von Leben, Ansichten, Naturbezügen, Heilung.

Selbst das eigentlich zu Neutralität und Objektivität verpflichtete Wikipedia wirbt unverhohlen (und von keinerlei Mediatoren zensiert) für die Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase und den „Neustart des Lebens“ durch Hochtechnologie, so wie es der (nicht anders als wahnsinnig zu nennende) Vater der „Aussicht auf Unsterblichkeit“, Robert Ettinger, einmal formulierte.

Neustart? Wem kommt das bekannt vor?

Ettinger hat die ganze Angelegenheit auf die kürzeste denkbare Formel gebracht: „Man Into Superman“ (so der Titel seines Buches von 1972)

Wo stehen wir also angesichts solch delirierender Gedanken?

„Am Abgrund“, wie es der Schriftsteller Jaime Semprun in seinem gleichnamigen Buch bereits 1997 befürchtete:
„Um uns zu beruhigen, erklärt man uns, dass der Mensch erst dank der Technologie menschlich geworden ist und dass er mit seinen Kernkraftwerken, seinen Rechnern, seinen genetischen Manipulationen einfach das Projekt seiner Vermenschlichung fortsetzt.“
Der „Diskurs der Apologeten der unendlichen technischen Entwicklung“ (Semprun) treibt uns sukzessive über den Rand hinaus. Alle wesentlichen, das humanistische Projekt kennzeichnenden Trennungen, Ideale und Einsichten werden dabei aufgehoben.

Die anonymen kollektiven Autoren von Sunzibingfa bringen dies auf den Punkt:

“Wenn es ein Wort gibt, das die laufenden technologischen Veränderungen beschreibt, dann ist es zweifellos das Adjektiv dual. Die Unterscheidung zwischen zivil und militärisch ist nicht neu. Neu ist allenfalls die Tatsache, dass sie nun für alles gilt. Die Digital- und Gentechnologien sind in dieser Hinsicht am sinnbildlichsten. Es ist nur allzu gut bekannt, dass jede auf den Markt gebrachte Telematik-Innovation – Internet, virtuelle und erweiterte Realität, GPS, 5G, Drohnen, Quantencomputer, Kryptografie usw. – in Militärlabors geboren und auf Kriegsschauplätzen getestet wurde.

Wenn aber die Wirtschaft, angetrieben von immer größeren und unkontrollierbareren technisch-industriellen Mitteln beginnt, einen Krieg gegen den Menschen als solchen (und gegen alles Lebendige) zu führen, hat ihre totale Mobilisierung zwei Begleiterscheinungen: Immer mehr Menschen werden in den Keller getrieben, und: die ‘unterirdischen Methoden’ dringen an die Oberfläche.
Die gemütliche Stube wird dabei immer wichtiger, nimmt eine immer größere Bedeutung an. Aber je höher der Turm der Übermenschen wächst, desto mehr dehnen sich auch seine Fundamente und Keller aus.
Die Verhältnisse dort oben und hier unten repräsentieren Welten, die nicht einmal zeitgenössisch zu sein scheinen; die oberen Postmenschen der techno-finanziellen Herrschaft, die sich buchstäblich als Teil einer anderen Spezies fühlen, entwickeln aus ihrem Klassenbewusstsein immer allmächtigere Pläne zur Manipulation der Welt, der Natur, der hier unten Lebenden, über die sie herrschen.“

Lesen Sie heute in DIE AKTION, wie Rudolph Bauer diese Ideologie ganz aktuell bei Klaus Schwab und dem WEF wieder findet – und sie mit dem begrifflichen und theoretischen Inventar von Karl Marx analysiert.

Rudolph Bauer präzisiert seinen Marx-Bezug in einer Email zum Erscheinen seines Essays heute noch einmal wie folgt:

“Keine Sorge: Die Wiederentdeckung des “Unvollendeten” (Jürgen Neffe über Marx) beschränkt sich nicht auf das Abspulen von linkem Vokabular. Sie beinhaltet eine Kritik an überlebten sozialistischen Dogmen. Sie zeigt auf, dass Entfremdung heute im Rahmen der Pandemie-Maßnahmen auf neuer Stufenleiter eingeübt wird und gesamtgesellschaftliche Dimensionen angenommen hat. Sie interpretiert die Gegenwart – einschließlich des Krieges in der Ukraine – als Folge des kapitalistischen Verwertungs- und Krisenzyklus. Sie verbindet den handlungstheoretischen mit dem strukturtheoretischen Erklärungsansatz und zeigt auf, dass es zum angemessenen Verständnis der Verhältnisse keiner verschwörungstheoretischen Interpretationen bedarf. Angesichts der Verschlafenheit der Vermeintlichlinken und der Staatsbesoffenheit Lockdown-süchtiger Zero-Covid-Renegaten reaktiviert der Text Marx als Vordenker eines Weges der Rebellion, als Alternative zum transhumanen Abgrund.”

Die Reparaturkolonnen

Nachdem Phase I des Umbaus hinter uns liegt, die weiße Weltbevölkerung mehrheitlich mit Biotech-Produkten durchgeimpft ist und Gen-Modifikation nur noch bei Gurken und Tomaten kritisch gesehen wird, seit die KI dank Zoom in Gesichts- und Spracherkennung einen Sprung nach vorn geschafft hat, seit die Kontaktverfolgungs-App tracking als allgemein wünschenswert erscheinen lässt, seit die ins Bewusstsein gestanzte Infektionsgefahr das kontaklose Bezahlen als ersten Schritt zum Verschwinden des Bargeldes (schmutzig! verseucht!) etabliert hat, lesen sich die Pamphlete der großen Think-Tanker noch einmal ganz anders als vor COVID.

Dieser Entdeckung geht Rudolph Bauer in seinem Text „Die Entfremder“ nach. Er betrachtet die Gegenwart durch die Augen von Karl Marx, dessen zentrale Begriffe er im ersten Teil seines Essays, der heute in DIE AKTION erscheint, in Erinnerung ruft. Der zweite Teil erscheint in Kürze.

Dabei zielt der Soziologe Bauer auf die Frage, wie die Welt von morgen aussehen wird? Werden wir „im Erdzeitalter des Kapitals“ unter einer dunklen Sonne leben?

Elmar Altvater ging schon 2014 dieser Frage nach: „Die gesellschaftliche Gestaltung des Naturverhältnisses erfordert … Eingriffe in planetarischer Größenordnung. Damit schlägt die Stunde des Geoengineering. Nun muss die westliche Zivilisation Reparaturkolonnen und Taskforces zusammenstellen und an allen möglichen Fronten einsetzen: im Kampf gegen den Klimawandel, den Verlust der Artenvielfalt, die Verunreinigung von Biotopen; gegen die Unwirtlichkeit der Städte, gegen die Auswirkungen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise oder auch zum systematischen Abfangen von Daten, mit deren Kontrolle das globale Herrschaftssystem stabilisiert werden soll.
Und mit Bezug auf einen Begriff, den Jason W. Moore in die Debatte eingebracht hat, konzediert er:
Im Kapitalozän sind die wichtigsten Gestaltungskräfte große Konzerne, Medienmogule, global operierende Finanzinstitute und Geheimdienste, die reguliert, kontrolliert und gegebenenfalls neutralisiert werden müssen, um die negativen Wirkungen der völlig rationalen Externalisierung auf die Erdsysteme zu unterbinden. Das verlangt nach Politik, und zwar auf globaler Ebene, gegen die Bewegungsgesetze, die Sachzwänge des Kapitals.

Aber eine globale Task Force, wie auch ein Klaus Schwab sie schon vor Corona vorschlug, macht wenig Mut.

Denn „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, so Albert Einstein.

Aber wo kämen die von Altvater geforderten Politiker her, die es wagen würden, gegen die Sachzwänge des Kapitals zu verstoßen?

Während deswegen zur Desertion aus dem falschen System aufgefordert wird (siehe Franco Bifo Berardi ) und schon seit einer Weile rundum tödliche Psychosen zum Ausbruch kommen (Mann tötet Frau und 3 Kinder, weil sein Geschäft mit gefälschten Impfpässen aufflog ) und obwohl man sich in der kritischen Linken allgemein einig ist, dass man etwas unternehmen muss gegen das „tödliche Kollektiv von Nationalismus, Krieg und Kapitalismus“ (Charles Reeve ), wagt sich dennoch kaum jemand an die Frage: wer wird denn den Alltag von morgen gestalten?
Die Risikokapitalanleger, die auf den Schaumkronen des Gardner Hype Cycle surfen? Die Ranking-Agenturen, die das Barometer für das kapitale Wetter einstellen? Die uns versprechen, mit der Missachtung des Einsteinschen Diktums jedes Problem zu „fixen“?

Wollen wir wortlos, tatenlos warten, bis Phase IV beginnt?
Oder kommen neue tragfähige Ideen „von unten“, von uns allen, die wir nicht zum Objekt spekulativer Begierden werden wollen? Und – wenn wir hierauf hoffentlich „ja“ antworten: wie machen wir das?
Die Debatte hierzu wollen wir mit den kommenden Beiträgen in DIE AKTION weiter führen.

Einen Einstieg in die Diskussion liefert der zweiteilige Beitrag von Rudolph Bauer. Es folgen dann die zuvor erwähnten Beiträge von Reeve und Berardi – alle als deutschsprachige Erstveröffentlichungen.

Die Kinder des Spektakels

Heute veröffentlichen wir in DIE AKTION, Abteilung “Es lebe die Poesie”, den Text des Songs “Und was Cum-Ex? Sex?” von Mario Mentrup. Die Musik dazu gibt es hier.

Mentrups Stegreim-Extasen sind das beste Mittel gegen die – im Sinne des gefährlichen “creep” – weiter sich einschleichende Agonie, die zwei Jahre lang die Gangart bestimmte. Mancher mag das geschmacklos finden. Humor ist eben keine Frage des Geschmacks. Sondern eine der Haltung. Mentrup fackelt nicht lange. Er springt einen gleich an: eine Technik, die er sich wohl bei Herbert Achternbuschs Meisterwerk “Bierkampf” abgeschaut hat.

Mentrup, Mann der klaren Worte, hatte schon einige Tage vor seinem Song über die “Kinder des Spektakels” ein Email herumgesendet, das den schönen Titel trug “Warum haben sich so viele die FFP2 Masken ins Gesicht tackern lassen?, ja- ich weiss, es sind vermehrt GRÜNNINEN und andere BeklopptInnen, aber”.

In der Mail empfahl er wärmstens Gabriel Azaïs Text “Die Erfindung eines dystopischen Momentums“, der auf dem immer unverzichtbarer werdenden noBlog der klugen anonymen autonomen kollektiven Autoren von sunzibingfa erschienen war. Der Empfehlung möchten wir uns anschließen.

Denn es lohnt, sich in Gedanken wie die folgenden hineinzudenken, um sich künftig aus der Agonie herausdenken zu können:

Die Fiktion ist im Grunde nicht a priori das Problem (der Mensch trinkt ständig von ihr). Sie wird zu einem Problem, wenn sie zu einer Form der allgemeinen Verfälschung neigt (eine Umkehrung, die Debord bereits in den 1960er Jahren mit seinem Konzept des Spektakels theoretisiert hatte).

Sie ist es umso mehr, wenn sie dazu neigt, Angst und Bedrohung zu vermitteln. Das ist die Sicherheitsfiktion, von der wir uns heute so schwer trennen können (die man hier auch als Dystopie bezeichnen könnte).

Diese Fiktion begünstigt die Lüge, oder besser gesagt – als ob sie keine eigene Geschichte mehr hätte – sie verschleiert ihre Gründe, ihre tiefere Logik. Sie verschleiert ihren Ursprung. So scheinen die Lügen aus dem Nichts zu kommen, sie sprudeln förmlich aus ihm heraus, ohne Worte zu benutzen.

Die logischen Verkettungen im Spektakel – und noch mehr in der Sicherheitsfiktion, die wir erleben – scheinen zerbrochen.

Lügen untermauern nicht mehr die klassischen Muster der Unterdrückung. Es erscheint daher komplexer, sich ihnen zu widersetzen. Wir spüren jedoch, dass etwas nicht stimmt, dass etwas ins Wanken geraten ist, ohne es in Worte fassen zu können. Diese neue Welt verlangt von uns sogar eine subtile, schmerzlose Kooperation, und das ist das Besondere an ihr: Die Lüge ist die Bequemlichkeit und Sicherheit, die uns als Endwerte auf Kosten aller anderen Werte angeboten werden.

Aber was bedeutet diese Sicherheit, für die wir bereit sind, alles zu opfern?

Wenn sie zunächst eine unerfüllbare Fantasie ist, wenn sie vor allem eine Illusion ist, dann ist sie zweifellos auch ein Ideal der Sicherheit.

Sie haben die Wahl: ein Paradies, panoptisch, schmerzlos, oder die virtuelle Hölle dieser Sicherheitsfiktion.

Endloses Vergnügen

Das “Buch der Lüste”, ein Hauptwerk des großen Theoretikers und maßgeblichen Mitgliedes der Situationistischen Internationale, Raoul Vaneigem erscheint nach 40 Jahren im April 2022 wieder: bei Verlag Edition AV – eine Botschaft des Lebens aus der vom Kapitalismus wohl klimatisierten Vorhalle des Todes.

Wir veröffentlichen dazu heute in DIE AKTION Vaneigems engagiertes Vorwort vom Januar 2022, “Zurück zum Leben“, sowie einen einleitenden Text von Hanna Mittelstädt aus dem Februar dieses Jahres.

Bei jeder Gelegenheit wird von uns verlangt, unterwürfig zu sein und einer mechanistischen Wirtschaft zu gehorchen, die durch die Ware regiert. Wir stimmen zu, uns an manipulierte Objekte zu gewöhnen, daran, am Arbeitsmarkt verkauft zu werden, entsprechend den Kriterien von Verkaufbarkeit, Wettbewerb, Wettbewerbsfähigkeit, Austausch, Preis, spektakulärer Verpackung. Gegen dieses ökonomisierte Leben, das uns zugleich physisch und psychisch konditioniert, versuche ich, die Langeweile der Routine, und die Wahlmöglichkeiten, vor die ich jede Minute gestellt werde, zu durchbrechen – in einem Labyrinth der Möglichkeiten, das sich entsprechend meiner eigenen Disposition und den Gesetzen der dominanten Welt öffnet oder schliesst.

R.V. im Interview mit Le Monde 2003

Hanna Mittelstädt. Von einem Glück zum anderen

Plaisir: Vergnügen, Freude, Spaß, Lust, Genuss, Begierde, Lebenslust, Liebeslust, Lustbarkeit, Fest, Tafelfreuden, Belieben. Und zwar im Plural. Le Livre des plaisirs haben wir 1984 mit “Das Buch der Lüste” übersetzt. Das schien uns dem Wunsch des Autors am nächsten zu kommen. Das Buch wurde im französischen Original 1979 veröffentlicht. Es atmet noch den großen Aufstand von 1968 aus, die Lust auf das Ende der Arbeit, des Zwangs, des Tausches, der Intellektualität, des Schuldgefühls, des Willens zur Macht. Die Zivilisation des Todes soll beendet werden mit ihrer allgegenwärtigen Diktatur der Ware, der alle Lebensbereiche umfassenden Ökonomisierung.

Das Leben geht verloren, wenn es nicht erschaffen wird.

Vaneigem verteidigt die Subjektivität, eine Subjektivität voller heiterer und quälender Ungeheuer, eine Subjektivität, die die Begierden aus der Macht des Todes befreien will und sich dazu ermächtigt. Eine Subjektivität, die sich in einer Welt der Kostenlosigkeit mit anderen Subjektivitäten verbündet, Partisanen des Genusses, Poeten der Autonomie, ohne Kategorien wie männlich, weiblich, sächlich, sondern wesensmäßig divers und grenzüberschreitend, maß-los. Eher mütterlich als väterlich, eher gebärend als tötend.

Jeder Genuss ist schöpferisch.

Vaneigems Handbuch der Lebenskunft für die jungen Generationen (Traité de savoir-vivre á l´ usage des jeunes générations) erschien im französischen Original 1967. Es war neben Die Gesellschaft des Spektakels von Guy Debord das wichtigste Buch der situationistischen Tendenz, die wiederum eine bedeutsame, innovative, grundlegend radikale Tendenz der Aufstandsbewegungen von 1968 zum Ausdruck und ins Spiel brachte. Zehn Jahre nach der Niederschlagung dieser Bewegungen fasst Raoul Vaneigem einmal wieder zusammen, was seine Basis war und ist (und in den folgenden Büchern bleiben wird): unsere Träume, unsere Abenteuer, unsere Lüste, unsere Musik, unser Umherschweifen …

Die individuelle Kreativität als Grundlage der Versammlungen der generalisierten Selbstverwaltung.

Darauf läuft es hinaus. Auf ein kollektives Projekt ohne Zwang. Ohne Tausch, ohne Konkurrenz, ohne Rechthaberei. Auf der Basis des individuellen Genusses.

Ohne Schuld. Ohne Gegenleistung.

Das große Gelächter gegenüber dem Pathos der Politiker und Agitatoren jedweden Geschlechts.

Gegenüber der Bürokratie, den Institutionen, Abstraktionen jeder Art, die den Individuen die menschliche Substanz aussaugen, sie zu Schatten der Ware machen.

Gegenüber dem Staat, dem schon wesensmäßig vom Lebendigen getrennten Denken und Handeln, ohne von dessen Korruption und Deformation zu sprechen.

Lächerliches Gerippe!

Und die Intellektualisierung als letzte Entwicklungsstufe der Warenexpansion. Verbales Herumfuchteln des Prestiges.

Die intellektuelle Partei als Reservearmee der Bürokratie, ihre Sprache eine auf die Körper angewandte ökonomische Reduzierung.

Dagegen: der Atem des Glücks.

Die Spontaneität der Begierden, die auf der Suche nach ihrer Befreiung sind.

Keine kleinmütige Angst vor dem Leben und einer kostenlosen Existenz.

Keine Traurigkeit wie die des Kleinen Mannes, welchen Geschlechts auch immer, Anhängsel des Willens zur Macht.

In der lebendigen Gegenwart unerwartet die Vergangenheit verbessern.

Kein Verzicht.

Eine neue Unschuld.

Die Gewalt eines Lebens, das auf nichts verzichtet.

Eine praktische Unschuld.

Ein unschuldiger Wind, der uns einschmeichelnd ins Ohr raunt, aus Faulheit Schluss mit der Arbeit zu machen.

Die Wiedergeburt des in allen Menschen verdrängten Kindes. Der straflosen Lüste.

Die Umkehrung der Perspektive.

Die Überfülle, der Überschwang.

Die mit Intensität erlebte Begierde, die auf den Flügeln der Zeit herbeischwebt und sich verwirklicht, sobald sich ihr Denken in einer spontanen Handlung auflöst. Wenn es beschlossen hat, für sich zu leben, lebt nichts von dem, was lebt, allein.

Eine Föderation von nach Autonomie verlangenden Individuen.

Tastende Versuche.

Impulse zum Genuss.

So lese ich das Buch. Als Impuls. Als Schritt, als Versuch, ein Essay. Ein Versuch, der noch die Maskeraden bekämpft, die Rudimente der “alten Welt”, aus denen er sich gerade befreit. Die Trümmer der Macht und der Ökonomie, des Faschismus, Kolonialismus, Stalinismus, Militantismus. Die Strukturen des eigenen politischen Milieus, das mit dem Betreiben einer Situationistischen Internationale die Ansprüche an das “Revolutionäre Individuum” sehr hoch gehängt hatte. So hoch es vorstellbar war. Und diese Gruppierung, die mit so vielem und vielen gebrochen hatte, ging doch in die Falle der intellektuellen Rechthaberei, der vergiftenden Intellektualität. Sie hatte sich von der bestehenden Moral der strafenden Autoritäten und den vergitterten Vorstellungen gelöst und gerieten in den Sog, selbst so eine Instanz zu werden.

Man erlebt beim Lesen, wie die Masken abgerissen werden, in der Sprache, in den Gesten. In der Wut und Heftigkeit. Wie die Perspektive umgekehrt wird, als Manifest für die Befreiung der Menschen aus allen Rollenzuweisungen, Einschließungen und Ausschließungen, Enteignungen, Unterdrückungen, und wie wie die Gewaltverhältnisse in ein Potenzial übergehen, in eine Potenz, eine Möglichkeit und eine Stärke.

Wie das Imaginäre und die Befreiung zusammenhängen. Wie Freiheit nur ohne repräsentierte Identität möglich ist. Das “Unrepräsentierbare bildet eine Gemeinschaft ohne Voraussetzungen und ohne Bedingungen der Zugehörigkeit”, hat Giorgio Agamben formuliert, und dass weder Souveränität noch Recht “auf das befriedigende und absolut profane Leben, das die Vollkommenheit der eigenen Potenz und der eigenen Mitteilbarkeit erreicht hat”, Zugriff haben. Auf das “nackte Leben”. Und dass ein wahres politisches Leben erst “ausgehend von der unwiderruflichen Abwendung von jeder Souveränität denkbar” ist. So bezeichnet Agamben die Lebens-Form, den Akt bewusster Inbesitznahme der eigenen “politischen” Existenz. Die “reine Praxis”.

Walter Benjamin sprach von der “Idee des Glücks”, an der sich die “Ordnung des Profanen” aufzurichten habe.

Und Vaneigem vom Lebensmechanismus, der die ökonomische Maschine ersetzt.

Ist das zu viel, zu wenig? Geht das zu weit? Nicht weit genug?

Die Idee des Glücks, der Kostenlosigkeit, der Subjektivität, der Schöpfung, der Lüste – seine Formulierung und praktische Durchsetzung, darum geht es, damals wie heute.

Angaben zur deutschen Erstausgabe: Das Buch der Lüste, aus dem Französischen übersetzt von Pierre Gallissaires und Frank Witzel, Edition Nautilus, Hamburg 1984

Das pharmakonische Patt

Wir alle sind während der vergangenen zwei Jahre in einen existenziellen Widerspruch geraten. Er lässt sich ziemlich präzise mit dem Wort „Pharmakon“ beschreiben.

Keine Angst: dies ist kein akademischer Text auf den Spuren von Jacques Derrida und Bernard Stiegler. Vergleichsweise stehe ich näher an Samia Henni, ihren Gedanken über Kriegs-Zonen, toxische Atmosphären, näher an ihrer “PHARMACOLOGIE DU LOGEMENT” (“Pharmakologie der Behausung”) und der Frage, wie in einem ungesunden Quartier ein gesundes Leben möglich ist. Von dieser Warte aus betrachtet, ist das kehrseitenreiche Bild vom Pharmakon allzu reizvoll, um es ungenutzt zu lassen zur Klärung der etwas verwirrenden Lage im Übergang, in dem wir uns befinden.

Bericht von einer ganz und gar nicht frühlingshaften Reise durch die Hinterlassenschaften autoritärer Politik. Zum Schluss ein schöner Ausblick: Frankreich tanzt.
Kehrseiten

Im Altgriechischen bedeutet Pharmakon sowohl Gift, Droge, wie auch Arznei und Medikament. Das geschlechtsneutrale Pharmakon liegt sprachgeschichtlich nah am “pharmakos”, dem Menschenopfer, das dargebracht wurde, um einen Stadt zu reinigen, wenn “Seuchen, Hungersnot, Krieg oder sonstige Krisen und Gefahren befürchtet wurden oder eingetreten waren“. Die gemeinsame Wurzel beider Worte ist φάρμα, was „Zauber, Blendwerk“ bedeutet. Hier befinden wir uns bereits ganz nah an Isabelle Stengers und ihrer “La Sorcellerie capitaliste” (2005, Auszug in dt. in Supramarkt): der Hexerei, dem kapitalstischen Budenzauber.

Die Heilmittel des Kapitalismus sind unsere Krankheit. Keine ganz überraschende Einsicht. Denn schon lange kennen wir die auslösenden Faktoren für diese fundamentale Opposition, haben Gewissheit über die Kehrseite. Könnten sie zumindest kennen, wenn wir sie nicht verdrängen würden. Und doch lassen wir uns auf jedes noch so dumme Angebot des pharmakologischen Kapitalismus ein: wir riskieren uns, um uns zu verändern. Leben im Zwiespalt.

Jede Einnahme des Pharmakon, ob freiwillig oder gezwungenermaßen, ist mit Freuden und Leiden zugleich verbunden, mit Entlastung von Krankheit und mit Nebenwirkungen: Vergiftungserscheinungen. Mit unerwünschten Folgen. Die Dosis ist entscheidend – aber oft unbekannt.
Lasen wir nicht gerade jüngst von dem Verdacht, einige Impfstoff-Tranchen seien womöglich aus Versehen und unerkanntermaßen extrem stark waren? Das ließe sich zumindest aus der Frage ableiten, dass es derzeit offenbar keine regelmässig angewandte Methode zur Sicherstellung der Dosis gibt.

Der Anfang von jedem nächsten menschlichen Zustand ist durch Nichtwissen gekennzeichnet. Von den Schmerzen des Übergangs bestimmt.

Eingeklemmt in der scheinbar unauflösbaren Dualität, des für und wider, des noch-nicht und des nicht-mehr, hocken wir in einer Spalte zwischen Rettung und Verlust.

Nur eins steht unerschütterlich fest: durch die Werkzeuge, die wir uns erfunden haben, insbesondere durch die genetische Modifikation und die Technik der binären Existenz, die schlagartige Cyborgisierung unserer gesamten Gesellschaft, sind wir bereits Andere geworden. Unwiderruflich.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir das von außen betrachten und verstehen können.

Zum Glück weiß jeder Wanderer: aus Spalten, in die wir stürzen, finden wir den Ausweg immer nur nach oben. Das ist erfreulich und fatal zugleich.

Denn wir wollen, wir können nicht im Patt stehen bleiben. Das Jetzt ist keine Endposition, in der alle beteiligten Spieler keinen gültigen Zug mehr machen können. Leben geht niemals Remis aus.
Aber wo ist der Rettungsanker, mit dem wir uns aus dem Unentschieden ziehen?

Distanz

In dem irritierenden und daher höchst spannenden, prä-Corona verfassten Text „Ein paar Zeilen über das Ende der Welt“ (2018) heisst es eingangs:

„Andere haben es vorausgesehen, aber wir erleben es gerade: Das Ende der Welt ist nur ein weiteres Spektakel. Jede Woche fallen Plagen biblischen Ausmaßes über uns herein (Massensterben allmöglicher Tierarten, schmelzendes Packeis, Brände, Hitzewellen, Überschwemmungen, Erdbeben und Tsunamis) und doch wird diese unter allen anderen am wenigsten abstreitbare Tatsache auf Distanz gehalten, von sich gewiesen und nur aus der Entfernung betrachtet. …Niemals drängte sich eine Verwandlung der Realität mehr auf, während ebendiese Realität zugleich so sehr zugunsten ihres spektakulären, kybernetisch gewordenen Spiegelbilds vernachlässigt wurde. Die Nachrichten über die Apokalypse sättigen zwar die sozialen Medien, reißen aber niemanden aus seiner Erstarrung.“

Doch wie kommen wir aus diesem Erdulden, dem Schweigen, dem Hinnehmen, dem Ausharren wieder ins Handeln? In Freude am Leben?

Die Autoren der Zeilen setzen fort:
„Einige komfortabel etablierte Avantgardisten sagen, dass es bereits zu spät sei und dass selbst eine Revolution nichts am unvermeidlichen Zusammenbruch ändern würde. Doch wir müssen ihr Argument umkehren, um darauf zu antworten. Im Gegensatz zu dem, was diese Resignierten glauben, bedeutet ihr als ausgemacht geltender Zusammenbruch der Gesellschaft nicht unbedingt das Ende des Kapitalismus und unseres Elends.

Der Zusammenbruch könnte sich in einer schrecklichen Vertiefung der kapitalistischen Logik äußern: Die letzten Tropfen Trinkwasser würden zu einem äußerst hohen Preis verkauft, ebenso wie die letzten Parzellen Land ohne Radioaktivität. Man sieht bereits chinesische Bauern, die die Arbeit der Bienen übernehmen und Apfelbäume von Hand bestäuben. Man verteidigt bereits die extreme Ausbeutung von Fahrradkurieren mit der Begründung, dass sie die Umwelt nicht verschmutzen. Es wird vorgeschlagen, Mauern zu bauen, um das Schmelzen der Gletscher zu stoppen.

Eine Revolution würde vielleicht nicht ausreichend sein. Aber sie ist auf jeden Fall notwendig. Sie allein würde es ermöglichen, den Produktionsapparat umzugestalten … gemeinsam eine materielle Reproduktion zu entwickeln, die die Welt nicht gefährdet und aufhört, die Menschen zu vergiften. Und um es nicht dabei zu belassen: die Revolution muss auch schön sein und die Zeit befreien.“

Aufhebung

Viele der Aspekte dieses vier Jahre alten Textes kommen uns in den Sinn, als wir diese Woche durch den Saharastaub vom Saarland aus über die französische Grenze nach Lothringen fahren.

Saharastaub auf Schloß und Autos in Lunéville, Lothringen


Um uns herum wieder Tausende von hustenden Rentnern in ihren Premiumlinern, die wir genau vor zwei Jahren zusammen mit uns vor dem „confinement“ (Ausgangssperre) in die andere Richtung flüchten sahen. Nur sind sie diesmal nicht schokoladenbraun wie damals, sondern käsebleich von zwei Jahren Quarantäne. Zu bleichem Fleisch gewordener Vitamin-D-Mangel.

Lothringen ist rot: auf der Autobahn, auf jedem Fahrzeug, jeder Fensterscheibe eine dicke Schicht strahlender Sand, radioaktiv von den Oberflächen der Wüste, in der die Kolonialmacht ihre Atombombenoberflächentests durchführte.
Die gleiche Endzeitparty wie vor zwei Jahren, nur diesmal ohne Romy Haag. Unser Leben im 21. Jahrhundert: ein Stafettenlauf der Plagen.

Genau 62 Jahre nach dem ersten Test mit einer 70 Kilotonnen-Bombe (16 weitere „Versuche“ folgten) reist der Staub aus dem fernen Reggane in Algerien immer noch durch die Lüfte und senkt sich auf die Lungen. 3500 Kilometer weiter nördlich, in Lunéville, ist die Luft so dicht, dass die Menschen Masken tragen, obwohl Frankreich – auf den Tag genau zwei Jahre nach der ersten Ausgangssperre –gerade an diesem Tag (am 15. März) alle „Maßnahmen“ aufgehoben hat. Der Himmel ist gelb. …und ewig glüht die Wüste.
Sogar in Berlin kommt der giftige Dreck noch an.

Rot eingestaubtes Haus in Lunéville
Psychokeime

Es scheint, es gibt keine Zuflucht mehr vor den Heilmitteln des Kapitalismus, weder den politischen (Bomben), noch den gesundheitlichen (mRNA). Das Pharmakon will die Macht übernehmen. Das Pharmakon herrscht bereits in der Ukraine: überall mit Apokalypse gesättigte Polarisierung. Wir leben oben auf dem Müllberg des ideologischen 20. Jahrhunderts. Unsere Schutzhütten sind kontaminiert.

Die Psycho-Keime gehen auf wie Giftpilze, wenn wir von Biowaffen-Laboren westlicher Nationen auf kleinrussischem Gebiet hören. Mussten wir alle mit Gensträngen geimpft werden, um die Antidotes für das befürchtete „lab leak“ (undichte Stelle in einem Labor) eines synthetischen Virus zu erhalten?

Nur um Verwirrung vorzubeugen: mich interessiert nur wenig, ob das Coronavirus vom Pangolin oder von Fledermäusen stammt oder ob es gar aus der biotechnologischen Forschung entfleucht sein könnte. Mir reicht aus, dass nichts ausgeschlossen, alles denkbar ist. Aber was mich brennend interessiert, ist die kollektive psychische Wirkkraft solcher Fragen. Weil sie auf den Kern von ökonomischen Projekten weist, die wir wiederum uns nicht trauen, grundlegend in Frage zu stellen, noch zu beenden.
Ist (Gesundheits-)Forschung ein einziges potentielles „lab leak“, ein Pharmakon, das ständig neue Heilmittel notwendig macht?

Wie will man diese Fragen entscheiden? Wir können ja nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob Macron unter dem zunehmenden Druck der Öffentlichkeit (Konvoi der Freiheit, wiedererstarkende Gelbwestenbewegung), wegen der zurückgehenden Infektionszahlen (also aus medizinischen Gründen) oder aus einem anderen längst beschlossenen Kalkül im Kontext der anstehenden Präsidentschaftswahl an jenem symbolischen Jahrestag voranpreschte und allen Franzosen (und ihre sofort massenhaft einreisenden Gästen) eine gewisse Erleichterung verschaffte?

Das Misstrauen sitzt tief. Wir sehen nur: Maske runter. Maske rauf. Wir fürchten sofort: die aktuelle „leichte Erfrischung am Halse“ (Guillotines berühmtes Wort über die Wirkung seiner Erfindung) könnte uns am Ende des Tages den Kopf kosten. Ob wir am verseuchten Fernstaub sterben oder an der Überdosis mRNA: wen schert das noch? Paranoia sitzt tiefer als das Misstrauen.

Elementarteilchen

Die Franzosen haben im Gegensatz zu den Deutschen ganz offenkundig nicht vergessen, was die Worte bedeuten: Solidarität, gegenseitige Hilfe, Gemeinschaftsgefühl, die Erkenntnis, nicht nur ein wehrloses formbares Molekül des Staate zu sein, sondern sein Elementarteilchen.
Brauchen wir nicht Trost in völlig aussichtsloser Lage?
Die Franzosen gehen es an. Gefühlt jedes zweite Dorf, das wir durchqueren, hat schnell mit Hand ein Schild gemalt, auf dem noch für diese Woche ein „repas dansant“, ein gemeinsames Essen mit Tanz, anberaumt wird. Frankreich feiert das Ende der Pandemie. Sie wollen tanzen.

Wir fürchten, die Deutschen werden sich stickum aus den Beschränkungen mogeln und weiter zetern und geifern. Die Lebensfreude hat scheint´s ihren Wohnsitz bei uns abgemeldet.

Es wäre den Schweiß der Gerechten wert, zu untersuchen, woher dieser Mentalitätsunterschied stammt und wie man die Deutschen etwas französischer machen könnte, positiver – statt immer nur „positiv“.

Ich schließe deswegen mit einem letzten Zitat aus den „Zeilen“:
„Trotz der biblischen Ausmaße der Katastrophe weiß jeder, dass sie von Menschenhand verursacht wurde. Diese Katastrophe … offenbart selbst den borniertesten Menschen, dass die Menschheit allein über ihr Schicksal bestimmt. … Dass das Leben nicht länger warten kann und dass es sich lohnt.“

Zitate aus “Ein paar Zeilen über das Ende der Welt” übersetzt von Gianfranco Pipistrello, @desertions_

Der Roadtrip/3

Der letzte Teil der Reisetagebücher über die französische Protest-Sternfahrt “Konvoi der Freiheit” berichtet aus Paris und brüssel.

Kein Abenteuer ohne Pannen: Der “Roadtrip” schliesst mit einer Selbstkritik – & der Erkenntnis, dass wir nach zwei Jahren der Erstarrung langsam wieder in Bewegung kommen (müssen).

Teil 1 findet ihr HIER. Teil 2 HIER.

SAMSTAG, PARIS. Das Wiedersehen

Nachdem unser Konvoi das Nachtlager in Orléans verlassen und die Straßensperren, die den Zugang zur Hauptstadt kontrollierten, durchquert hatte, schlossen wir uns am Morgen der Demo der Gelbwesten am Place d’Italie an. Kurz darauf geht ein Gerücht auf dem Verkehrskreisel um: Die Champs sind eingenommen! Der Platz ist jedoch von Polizisten umstellt, sodass es unmöglich ist, in einem gemeinsamen Demonstrationszug loszuziehen. Wir nehmen die Metro.
Als wir um 14 Uhr auf den Champs ankommen, gehen wir sie Richtung Place de l’Étoile hinauf, wo wir die ersten Fahrzeuge sehen, die in der Mitte der Avenue parken. Die Aufregung, uns an diesen (legendären) Orten wiederzutreffen, ist spürbar. Die Sonne brennt uns auf die Schädel und wir halten unter den Passanten Ausschau nach unseren Freunden, während wir die Gesänge der Gelbwesten anstimmen.
Ich unterhalte mich mit einigen Autofahrern. Es sind die ersten Ankömmlinge aus St. Nazaire, dem Konvoi aus dem Westen. Obwohl wir von Polizeikräften umgeben sind, scheinen sie so glücklich und gelassen zu sein, dass wir es kaum glauben können. Es scheint, als ob sie sich des Risikos nicht bewusst wären, das sie bezüglich ihrer Führerscheine und ihrer Autos eingehen, noch sich vor eventuell zu bezahlenden Bußgeldern fürchten. Vielleicht pfeifen sie einfach drauf und stehen über den Dingen. Andere kommen aus Alpes-de-Haute-Provence, aus dem Dorf Manosque (oberhalb von Marseille und Aix-en-Provence, also ganz unten im Süden; Anm. d.Hrsg.). Es sind Fahrzeuge aus allen Konvois hier. Überall wird gehupt, ohne dass man entscheiden könnte, ob es sich um verzweifelte Pariser oder wütende Konvoifahrer:innen handelt. Die Präfektur hatte wahrscheinlich entschieden, durch ein fast beispielloses Aufgebot an Polizei den Verkehr aufrecht zu halten und die Geschäfte offen zu lassen, wohl mit dem Ziel, die Anwesenheit der Konvois zu verschleiern – eine Strategie, die teils auch aufgeht.

Was für seltsame Szenen, bei denen die Ordnungskräfte unterschiedslos Demonstranten und Touristen von den Champs zurückdrängen, auch auf die Gefahr hin, einige schicke Geländewagen mit Tränengas einzunebeln, um anschließend die Menge wieder die Avenue hochgehen zu lassen, ihnen zu gewähren, kurzzeitig Blockaden zu errichten und befreundete Fahrzeuge zu suchen, um sie dann erneut zu zerstreuen.
So geht das über Stunden. Bis die Brutalität der Ordnungskräfte schließlich die letzten Träger von Vuitton-Taschen bei Einbruch der Dunkelheit vertreibt.


Die Brav-M und die neue CRS 8-Einheit, die auf die Aufrechterhaltung der Ordnung bei Demonstrationen spezialisiert sind, besetzten massiv die Champs – und das angesichts einer relativ geringen Anzahl von Demonstranten, auch wenn es einem Teil der verschiedenen Demonstrationszüge am Ende des Tages doch noch gelungen war, zu uns zu stoßen. Einige Fensterscheiben werden zertrümmert und die Polizei beschlagnahmt einige Autos aus dem Konvoi. Jemand schreit „Freiheit” und wird bewaffnet angegriffen; ein sehr junger Mann wird gewaltsam zu Boden gerissen und festgenommen. Insgesamt gab es nach Angaben der Präfektur 97 Festnahmen und 513 ausgestellte Strafzettel.
In dieser Atmosphäre bedarf es starker Nerven, an Ort und Stelle zu bleiben, weiter die Avenue hinauf und hinunter zu ziehen und den Verkehr zu stören. Die Entschlossenheit war groß und wir spielten stundenlang Katz und Maus, ohne dass die Menschen aus den Konvois bestrebt gewesen wären, die Polizei oder Luxusgeschäfte direkt anzugreifen.

(eindrucksvolles Video HIER)

Trotz ihrer Brutalität gelang es der Polizei erst um 21 Uhr, nachdem die Luxusgeschäfte geschlossen hatten und der Anteil der Polizeikräfte die Anzahl der Demonstranten und Touristen erreicht hatte, die Champs zu räumen.
Aus taktischer Sicht bleibt die Erkenntnis, dass die bloße Androhung einer durch Autos erzwungenen Blockade die Machthaber erzittern lässt und sie sich mittels einer intensiven Kommunikation am Vortag, etlichen Straßensperren und Umleitungen große Mühe gaben, eine vollständige Lähmung von Paris zu verhindern.
Um die Blockierer zu blockieren musste die Präfektur die Stadt selbst blockieren, denn es war sehr schwierig für sie, zwischen Demonstranten und eigentlich Unbeteiligten zu unterscheiden. Und nichtsdestotrotz gelangten einige mit ihren Autos auf die Champs.
Wir merken uns also das Potential von solchen Straßenblockaden, auch wenn sie weitaus effektiver sein könnten.

BRÜSSEL: Überstürzte Flucht

Sonntag
Nach einem etwas durchwachsenen Tag in Paris kommen viele Menschen bei „Einheimischen“ unter und verbringen dort die Nacht. Am nächsten Tag setzt der Konvoi seine Reise fort. Er bewegt sich fortan nur noch über Nationalstraßen (nicht auf Autobahnen, die von den Franzosen als “Gefängnisse” betrachtet werden, da man alle Nutzer am einzigen Ausgang, der Mautstelle, leicht abfangen kann; Anm. d.Hrsg.). Wir treffen in einem Vorort von Lille, in Faches-Thumesnil, auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums wieder auf den Konvoi.
Die Stimmung ist die gleiche wie bei den anderen Stopps des Konvois: Pyros, Feuerwerk, Menschenspaliere für die eintreffenden Autos, Kleintransporter, Lastwagen und Wohnmobile, Gesänge, Fahnen und ausreichend Verpflegung für alle.
Über das Mikrofon hören wir, dass der Gemeindebürgermeister, ein Mitglied der als “radikal links” eingeordneten) Partei France Insoumise anbietet, einen Saal (der Gemeinde) zu öffnen, um die Konvoi-Mitfahrer:innen über Nacht zu beherbergen.

Es ist die Rede davon, eine Versammlung abzuhalten, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Doch anstelle einer Vollversammlung schließt ein „ziviler Mediator“ ein Mikrofon an einen Lautsprecher an und organisiert die Wortmeldungen: Zunächst einige Berichte über das Geschehene, dann eine Scheindiskussion über das weitere Vorgehen. Soll man nach Brüssel fahren oder nicht und wenn ja, wann?
Einige Personen, darunter insbesondere zwei von Convoy France, schlagen vor, nach Straßburg zu fahren, da dort in der kommenden Woche die Abgeordneten tagen. Sie berichten von einem Treffen mit den Abgeordneten am nächsten Dienstag. Man erfährt von ihnen auch, dass die Konvois aus anderen Ländern nicht ankommen würden und der erhoffte Zusammenschluß wahrscheinlich ein Flop wird. Aber so kurz vor Belgien und nachdem sie einen Großteil Frankreichs durchquert haben, will die große Mehrheit nichts davon wissen und skandiert „Brüssel, Brüssel, Brüssel!”, sowie „Diese Nacht, diese Nacht!”. Die Option „Straßburg” findet keine Mehrheit und die Entscheidung, die Grenze zu überqueren und sich der belgischen Hauptstadt zu nähern, scheint gefallen.
Convoy France veröffentlicht dennoch eine Bekanntmachung, in der dazu aufgerufen wird, sich in Straßburg zusammenzufinden und in der es gleichzeitig heisst, dass „die Freiheit eines jeden Einzelnen” respektiert wird.

Wir machen uns also völlig unorganisiert auf den Weg zum letzten Pausen- und
Versorgungspunkt, diesmal in Belgien, am Rand der Autobahn. Als wir in Faches-Thumesnil losfahren, verteilen zwei französische Polizisten an der Ausfahrt des Parkplatzes Flugblätter, die von der belgischen Polizei an diese geschickt wurden. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass wir ein Flugblatt von der Polizei erhalten.

Sie „raten” uns davon ab, an der Demonstration und der Blockade am nächsten Tag teilzunehmen, verweisen aber auf einen Parkplatz sieben Kilometer vom Brüsseler Zentrum entfernt, wo wir „geduldet” werden würden.
Obwohl wir uns der schicksalhaften Stunde einer angeblichen „Grenzschließung” nähern, begegnen wir auf dem Weg dorthin keinem einzigen weiteren Polizisten. Ein neuer Parkplatz, Feuertonnen- und Paletten-Atmosphäre, Pfefferminztee und angeregte Diskussionen. Ein Polizeihubschrauber fliegt über uns hinweg. Wir wissen immer noch nicht, was am nächsten Tag passieren wird, aber wir sind glücklich, zusammen zu sein.
Montag – der bittere Beigeschmack
Wir schalten (die CB-Funk-App) „Zello” ein. Die Informationen sprudeln nur so heraus, aber nichts ist klar. Schließlich folgen wir einem vagen Aufruf und treffen uns auf dem Parlamentsplatz, in einem Viertel, in dem mehrere europäische Institutionen ihren Sitz haben. Bei unserer Ankunft ist der Platz fast leer, nur ein paar Polizeiwagen sind zu sehen. Auf den Gehwegen treffen wir auf Gesichter, die wir schon einmal gesehen haben. Ein paar hundert Menschen schaffen es irgendwie sich zusammenzuschließen, aber die Menge ist eindeutig unmotiviert. Nach mehreren vergeblichen und von frustrierten Seufzern begleiteten Versuchen, den Platz als Gruppe zu verlassen, beschließen wir, wie viele andere auch, die Sache hier zu beenden.

Der Tag hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Wir alle sind mehrere Tage lang durch Frankreich gereist, um am Ziel festzustellen, dass wir im entscheidenden Moment unfähig waren, uns zu versammeln.

Wie kann man dieses Scheitern erklären? Gab es letztlich kein wirkliches Ziel? Brüssel blockieren, die europäischen Institutionen blockieren? Haben die Vorschläge von Convoy France die Bewegung desorganisiert? War die Fülle der Diskussionen in den Netzwerken schädlich? Hat das Polizeiaufgebot die Beteiligten in den Griff bekommen?

Bevor man sich auf zweifelhafte Erklärungen stürzt (wie die, dass Rémi Monde ein Freimaurer sei): Vielleicht war das auch der Preis für eine derart schnelle Organisation über Netzwerke, an der mehrere Gruppen beteiligt waren?

Fazit

Beeindruckende Logistik, interessante Taktiken, die von besserer Koordination profitiert hätten. Die relative Verwirrung um die Ziele war zweifellos auf Meinungsverschiedenheiten und eine mangelnde Koordination auf der Zielgeraden zurückzuführen.
Zurück in unseren jeweiligen Heimatregionen fragen wir uns, ob die Blitzaktion eine Fortsetzung haben wird. Wir können nicht glauben, dass das alles gewesen ist: Die Entschlossenheit ist ungebrochen, ebenso wie der Wille, die über zwei schwierige Jahre eingesteckten Schläge zurückzuzahlen. Es bleibt festzuhalten, dass uns diese Bewegung im wahrsten Sinne des Wortes aus einer gewissen Erstarrung herausgeholt hat. Was die Medien oft als eine irrationale und verschwörungstheoretische Opposition gegen die Gesundheitspolitik anprangern, lässt sich nicht einfach auf eine Summe von mehr oder weniger zweifelhaften Meinungen und Überzeugungen reduzieren. An diesem Punkt aufhören weiterzudenken, hieße, bei Argumenten stecken zu bleiben wie “die Schuldigen sind die sozialen Medien”; bei einer Politik mit Bildschirm und Tastatur, bei “Fake News” und den dazugehörigen professionellen Faktencheckern und Aufklärern.
Was übrigens die politischen Ansichten, die hier vertreten waren, betrifft, so scheinen uns Faschisten und Rechtsextreme (wie angeblich in Deutschland oder Kanada) in den französischen Konvois in der Minderheit, was nicht heisst, dass sie nicht vorhanden wären oder man sich mit ihnen abfinden müsste.

Man kann die Analyse noch endlos vertiefen, doch der Konvoi hat trotz seiner inhärenten Grenzen schon jetzt etwas anderes auf den Weg gebracht: Er hat Bewegung erzeugt, Begegnungen, Diskussionen und eine gemeinsame Aktion von Menschen aus relativ unterschiedlichen sozialen Bereichen in einer Situation ermöglicht, in der alle seit zwei Jahren wie eingefroren gelebt haben.
Kurzum, wir haben eindrücklich erfahren, was genau wir verstärken und ausbauen müssen, um künftig über die ewige Katerstimmung nach Wahlen hinauszuwachsen.

Nachweise

Übersetzung aus dem Französischen von Gianfranco Pipistrello, @desertions_ , Einleitung von Janneke Schönenbach und Olaf Arndt.

Text, Titelbild und Fotos teils aus Lundimatin und teils aus einem Video von Julien Rouge/Remi Monde

Der Roadtrip/2

Grüne & blaue Route – unterwegs von Toulouse und aus der Bretagne Richtung Paris. Der “Konvoi der Freiheit” – zwischen New Age, Völkermord-Verdacht und Telegram? Wer fährt denn da mit? Ein Klärungsversuch.

Teil 2 eines insgesamt 3-teiligen, vielstimmigen Berichts über ein einzigartiges Protest-Abenteuer im 21. Jahrhundert.

Teil 1 erschien gestern (siehe genau hier unter diesem Beitrag – dort findet ihr auch die Streckenkarte!) und Teil 3 erscheint morgen, Donnerstag: Bleibt hinter dem Steuer!

DONNERSTAG UND FREITAG, GRÜNE STRECKE (TOULOUSER KONVOI)

Am Donnerstagmorgen brechen einige von uns auf, um die Fahrer:innen des Toulouser Konvois zu treffen. Es erinnert stark an einen von den Gelbwesten besetzten Verkehrskreisel: fast alle hupen und singen, während ein Team unter der Umgehungsstraße Sandwiches am laufenden Band zubereitet. Die Logistik ist beeindruckend und die Spenden stapeln sich in Plastiktüten. Schon bald fragt uns jemand, wie wir nach Paris kommen wollen, denn es gibt noch Plätze in einem eigens gecharterten Bus, der für bescheidene 30 Euro von Toulouse nach Brüssel und zurück fährt. Das ist unwiderstehlich und innerhalb einer Stunde haben alle, die es sich leisten können, ihren Alltag hinter sich gelassen, um sich dem Konvoi anzuschließen.

Das erste, was uns beeindruckt, ist der ausgeprägte Organisationsgrad. Ausgehend von einer großen Facebook-Gruppe und den „Anti-Pass“- und „Anti-Impf“-Netzwerken bildeten sich Dutzende von Telegram-Gruppen, die sich um sämtliche logistischen Aspekte kümmern. Vorne im Bus diskutiert eine 50-jährige Frau von „RéInfo Covid Toulouse” mit den anderen Organisator:innen von „Convoy France” den Streckenverlauf. In diesem Moment wird uns klar, dass diese Gruppen seit Monaten miteinander diskutieren, gemeinsam demonstrieren, in Schulen Flyer verteilen und stetig mehr Leute werden (es gibt mittlerweile allein in Toulouse vier Réinfo-Gruppen).

Die erste Pause des Konvois ist in Cahors, wo wir mit fast tausend Menschen auf einem Parkplatz einen Imbiss teilen.

Am Abend halten wir in Limoges, wo uns ein Sympathisant sein Tanzlokal am Straßenrand für die Nacht öffnet.

Alle sind überwältigt von soviel Solidarität: Einige lachen, andere weinen vor Rührung. Viele sind davon überzeugt, dass sie die Reise ihres Lebens machen. Mit jeder weiteren Pause wird uns immer bewusster, wie groß die Bewegung ist. Bis wir anfangen, selbst daran zu glauben: Was wäre, wenn wir den Élysée-Palast [4] erobern würden?

Der Weg ist lang und der Konvoi langsam, sodass wir reichlich Zeit zum Diskutieren haben. Viele Menschen sind in erster Linie über die Impfpflicht besorgt. Wir waren allerdings überrascht und verwirrt darüber, wie viele Menschen davon überzeugt sind, dass der Impfstoff ein Werkzeug für einen „Völkermord” sei, mit dem vier Fünftel der Bevölkerung ausgerottet werden sollen.

Wenn wir Fragen stellten, wurden wir auf ein Universum von Quellen verwiesen, das wir kaum oder gar nicht kannten: der Corona-Ausschuss von Reiner Fuellmich, Rémi Monde [5], Bonsens.org, die Human Alliance [6] und mehr.

Wir lehnen die Impfpflicht ab, die sich hinter dem Gesundheitspass verbirgt, ebenso wie das uns beherrschende medizinische System. Wir alle teilen auch das Bauchgefühl, dass es falsch ist, dass der Staat Gesetze erlässt, die über das Schicksal unserer Körper und Seelen bestimmen.

Dennoch halten wir es für völlig abwegig, zu behaupten, dass der Impfstoff das Instrument für einen Völkermord sei. Zum einen, weil das Wort Völkermord eine präzise Bedeutung und eine Geschichte hat, die man die man nicht unterschlagen darf und zum anderen, weil es schwer vorstellbar ist, warum die westlichen Mächte zuerst ihre eigene Bevölkerung massakrieren sollten. Darüberhinaus haben wir nicht gesehen, dass geimpfte Menschen um uns herum „wie die Fliegen umfallen”. Unsere Argumente wurden von unseren Gesprächspartner:innen meist milde belächelt. Sie erwiderten uns dann: „Pass auf, denn du bist einfach schlecht informiert”. Das ist entwaffnend und ärgerlich, denn den staatlichen Manipulationen und Lügen werden Zahlen und Behauptungen gegenübergestellt, die genauso fragwürdig sind. In diesem Weltbild gibt es nur „Aufgeweckte” und „Schlafende”. Diese Rhetorik hat uns zutiefst missfallen. Sie reduziert die Politik auf das sektiererische Teilen eines Glaubens, in dem man für oder gegen den Impfstoff ist. Dabei vertritt diese Bewegung trotz solcher Ansichten und Orientierungen auch noch eine andere Idee von Politik: dass wir alle die gleichen miesen Lebensbedingungen teilen, aber entschlossen sind, sie zu verändern.

Wir führten auch andere Diskussionen, die eher klassisch „politisch” waren. Es ging dabei um das Verhältnis zu Polizei und Gewalt: viele Fahrer:innen winkten den Gendarmen zu, während andere, stärker von der Gelbwesten-Bewegung geprägte Leute, mehr auf Krawall gebürstet waren. Die Allgegenwärtigkeit der französischen Flagge, dem wichtigsten Erkennungszeichen für die Zugehörigkeit zum Konvoi, brachte auch die Fragen auf, die bereits während der Gelbwestenbewegung gestellt wurden:

Sollen wir uns das nationale Symbol wirklich wieder aneignen?

Unsere Anarchistenherzen pochten alarmiert, als unsere Fahrerin über CB-Funk fragte, ob es nicht pensionierte Soldaten gäbe, die bereit wären, dem Konvoi mit ihren logistischen Fähigkeiten zu helfen. Wir diskutierten lange, sprachen über die arabischen Revolutionen und den in einem Wochenmagazin veröffentlichten, offenen Brief, in dem rechtsextrem gesinnte Generäle zum Putsch aufriefen. Unsere Diskrepanzen waren deutlich und die Diskussionen manchmal hitzig, aber möglich: wir saßen im selben Bus.

Ansonsten herrschte große Unklarheit. Zweifel steckten stets in unseren Köpfen: Wo hielten sich Rechtsextreme und Faschisten versteckt? Die meisten Menschen zuckten mit den Schultern, wenn man ihnen von Louis Fouchés’ (ein öffenlichkeitssüchtiger „Antiimpf“-Arzt) nachgewiesenen Verbindungen zur Anti-Abtreibungs-Bewegung erzählte. Sie waren skeptisch oder nicht auf dem Laufenden.

Andere sprachen davon, sich der Protestdemo des (souveränistischen; Anm. d.Ü.) Präsidentschaftskandidaten Florian Philippot am Pariser Denfert-Rochereau-Platz anzuschließen.

Der Islam oder die Einwanderung waren kein Thema – im Gegenteil, für manche waren die Anschläge der letzten Jahre offenbar eine Inszenierung der Regierung – und auch über Antisemitismus wurde nicht geredet. Es ist unabweisbar notwendig, über die sich in den Vordergrund drängenden Gesichter von Convoy France oder La Meute vermehrt Nachforschungen anzustellen. Aber immer wenn wir uns dazu unter den Mitreisenden umhörten, war es unmöglich, eine einheitliche politische Tendenz zu erkennen.

Es gab Unterstützer des UPR-Politikers François Asselineau (der konspirative Theorien und Komplottvermutungen verbreitet; Anm. d.Ü), es gab Leute mit antikapitalistischen T-Shirts und es gab viele Menschen, die weder an die Rechte noch an die Linke glaubten.

Für viele war es die erste politische Bewegung, an der sie teilnahmen und sie waren anwesend, weil sie an Naturmedizin glauben oder sich weigern, den Befehlen der Regierung zu gehorchen. Die Menschenmassen, die die Empfangskomitees bildeten, waren hauptsächlich weiß, recht alt, hatten unterschiedliche Berufe (darunter Landwirte, Feuerwehrleute, Lehrer:innen, Elektriker, Schauspieler:innen, ehemalige Soldaten, Angestellte, Köche und auch viele Arbeitslose, suspendierte Arbeitnehmer usw.) und ihre Körper wirkten oft (von Arbeit) verbraucht.

Unsere politischen Reflexe reichen nicht aus, um diese Bewegung verstehen zu können. Sie lässt sich nicht in eine Genealogie von Kämpfen einordnen, außer in die der Gelbwesten. Dennoch klingen viele Ideen in uns nach: die Ablehnung von Parteien, von Zwangsimpfungen und Kontrolltechnologien, die Kritik an den Medien, das Gefühl von Prekarität und Marginalität, der Wunsch nach Horizontalität etc.

Zum ersten Mal nach drei Jahren teilten wir mit Unbekannten unseren Schlafplatz, unser Essen und einen überschwänglichen Enthusiasmus, um diejenigen anzugreifen, die uns regieren.

FREITAG, BLAUE ROUTE (WESTLICHER KONVOI)
Der ultralange Schneckenzug

Der westliche Konvoi hat seine eigene Dynamik, die jeden scheitern lassen würde, der versucht, ihn zu skizzieren, zu erfassen oder als Modell darzustellen. Sein herausragendstes Merkmal ist, dass er mit jeder Etappe wächst, um sich dann, immer länger werdend, durch eine schier endlose Nacht zu schlängeln. Manchmal bietet ein eigentlich unbedeutender Hügel den kaum fassbaren Anblick einer unendlichen Parade von Warnblinkerlichtern. Manchmal verlängert ein unglücklicher Fehler beim Abbiegen die Route um mindestens eine Stunde; bis die lange Schlange wieder umgekehrt ist. In jedem Dorf, jedem Weiler und an jedem Verkehrskreisel, den wir durchqueren, werden wir von Einheimischen angefeuert, die den Konvoi auf ihre Weise unterstützen, auch wenn sie sicherlich schon seit Stunden in der Kälte auf den ungewöhnlichen Schneckenzug warten. Die Müdigkeit, die sich langsam bemerkbar macht, ist plötzlich verflogen und wir erleben wieder aufgemuntert unser erstaunliches Abenteuer. Mit dem Soundtrack des Films „Convoy” aus dem Jahr 1978 als Geräuschkulisse und den hin- und herfliegenden CB-Funksprüchen (über die Fernfahrer-App „Zello”) könnte man bis an das Ende der Welt reisen!

Auf der Landstraße D923 zwischen Le Mans und Chartres stellt sich jeder mit einer Portion Fantasie vor, wie eine Ankunft in Paris aussehen könnte – denn wir folgen den Spuren eines der historischen “Wege zur Freiheit”, wie die Kilometersteine uns zeigen (Welch ein Schicksal!).

Es ist 22:30 Uhr, als wir in Chartres ankommen. Von Rennes aus haben wir 13 Stunden gebraucht, im Gegensatz zu den sonst üblichen 3 Stunden. Auch wenn es eine echte Tortur war, gerät sie durch den herzlichen Empfang dort schnell in Vergessenheit.

Jedes Fahrzeug in unserem 35 Kilometer langen Konvoi wird von einem Spalier von Menschen begrüßt, die pfeifen, singen, Feuerwerkskörper zünden, sich gegenseitig anfeuern und beglückwünschen.

Was sollte jetzt getan werden? Welche Entscheidung sollte man um 23 Uhr treffen, angesichts der offensichtlichen Planlosigkeit und Verspätung des Konvois? Einige schlagen mutig eine Versammlung vor, trotz des Risikos, das es mit sich bringt, um diese Uhrzeit, bei diesem Grad an Aufregung und Müdigkeit eine Hauptversammlung zu beginnen. Wider Erwarten gelingt nicht nur die Versammlung, sondern scheint die Wahrnehmung der Situation weitgehend die gleiche zu sein. Die große Mehrheit möchte nach Paris fahren. Um es zeitig dorthin zu schaffen, einigt man sich darauf, um 5 Uhr morgens loszufahren. Wir versuchen also, Paris zu blockieren? – Ja, klar! Mit dem Auto wäre das am Sinnvollsten, denn zu Fuß wären wir nicht viel mehr als ein paar Tausend, die sich bei mindestens vier geplanten Demonstrationen und gegenüber eingespielten Ordnungskräften in der Hauptstadt verlieren würden.

Lasst uns also die Stadtautobahn blockieren!

Drehen wir auf ihr ein paar Runden, während wir auf die anderen Konvois warten. Die groß angelegte, einen Tag vor Ankunft des Konvois gestartete Medienkampagne der Regierung über patrouillierende Räumpanzer, die Ankündigung der Mobilisierung von 7200 Ordnungskräften, Abschleppwagen usw. scheint die Entschlossenheit der Konvoifahrer:innen nicht im Geringsten zu beeinträchtigen. Das ist erstaunlich. Ebenso erstaunlich ist die Tatsache, dass niemand in der Versammlung vorschlägt, sich der einen oder anderen Demonstration aufgrund ihrer politischen Ausrichtung anzuschließen. Diese Versammlung hat gezeigt , dass es möglich ist, eine gemeinsame Entscheidung zu treffen, und das obwohl die Organisatoren von Convoy France ursprünglich beschlossen hatten, Paris zu umgehen und direkt nach Brüssel zu fahren – wobei natürlich „jeder frei sei, das zu tun, was er wolle”.

Am nächsten Tag bricht der Konvoi in die eisige Nacht auf und fährt in Richtung Paris.

Unsere Ankunft auf der Stadtautobahn ist aufsehenerregend und wird sehr schnell von den Brav-M-Motorradpolizeieinheiten gestoppt (Brav-M heisst Brigades de répression des actions violentes motorisées = motorisierte Brigade zur Unterdrückung von Gewaltakten; Anm.d.Hrsg).

An dieser Stelle gelingt uns letztlich die einzige erfolgreiche Blockadeaktion neben der über zwei Stunden dauernden Blockade der Porte de Saint Cloud. Leider wurde unser Konvoi aus dem Westen von den anderen Konvois nicht eingeholt und so löste sich dieser mit seinen Tausenden von Fahrzeugen in der Hauptstadt in Luft auf.

Mit den bereits über Nacht am Stadtrand von Paris stationierten Konvois konnte keine taktische Koordination für eine konzertierte Aktion aufgebaut werden. Die Péripherie verschluckt die Fahrzeuge, die sich in der überwältigenden Normalität ihres Stroms verloren haben.

Dabei waren wir wenige Minuten zuvor noch Tausende!

Was bleibt uns noch zu tun?

Die Mutigsten schlagen es wagemutig vor: die Avenue der Champs Élysées hochfahren!

Fußnoten

[4] Die Bewegung scheiterte teilweise an ihren taktischen Zielen: einerseits weil die Konvois ihre Ankunft nicht koordinieren konnten und so ihre vielen tausend Fahrzeuge von der Hauptstadt verschluckt wurden und zweifellos andererseits, weil die beiden wichtigsten Organisationsstrukturen, La Meute und Convoy France, sich über das Ziel der Operation nicht einig waren: La Meute sowie die meisten Konvoiteilnehmer wollten Paris blockieren, Convoy France machten südlich vor Paris einen Picknickstopp in Fontainebleau, um anschließend nach Brüssel weiterzufahren. Schließlich machte dieser Konvoi eine Kehrtwende Richtung Straßburg, nachdem er erfuhr, dass es keine weiteren großen europäischen Konvois in Brüssel geben würde. Unsere Gruppe reiste hauptsächlich mit Leuten von Convoy France.

[5] Im Stil von den vor Jahren selbsternannten Gelbwestenanführer Éric Drouet, Priscilla Ludowsky oder FlyRider ist Rémi Monde, der bereits eines der medienwirksamsten Gesichter der Anti-Gesundheitspass-Bewegung war, in den letzten Wochen zu einem der wichtigsten virtuellen Influencer des Freiheitskonvois geworden.

[6] Human Alliance sind eindeutig mit QAnon verbunden, deren Goodies wir auf Wohnmobilen, Kappen und Drohnen mehrmals gesehen haben.

Übersetzung aus dem Französischen von Gianfranco Pipistrello, @desertions_ , Einleitung von Janneke Schönenbach und Olaf Arndt

Titelbild und Fotos teils aus einem Video von Julien Rouge/Remi Monde (Achtung: gefährlich pathetischer Soundtrack!) und von Lundimatin.

Der Roadtrip/1

Zurück aus Paris – die Reisetagebücher des “Konvoi für die Freiheit”

Teil 1 eines insgesamt 3-teiligen, vielstimmigen Berichts über ein einzigartiges Protest-Abenteuer im 21. Jahrhundert.

Teil 2 und Teil 3 erscheinen morgen, Mittwoch und übermorgen, Donnerstag: Bleibt dran!

Titelbild: Südwest-Konvoi, auf offenem Feld gestoppt

Intro

Der Konvoi der Konspirateure gehört zu den aktuell meist gelesenen und diskutierten Beiträgen auf diesem Blog. Wir haben uns daher entschieden, hier einen längeren Bericht der Teilnehmer:innen der Fahrt zu veröffentlichen, der am 21. Februar 2022 auf der französischen Webseite Lundimatin erschien.

Einige Freund:innen von lundimatin hatten sich am vergangenen Donnerstag, 17. Februar 2022, spontan dem „Konvoi der Freiheit” angeschlossen, der bis zum 21. Februar dauerte. Dabei haben 3.600 Fahrzeuge aus Protest Frankreich komplett durchquert, um in Paris für ihre Meinung und ihre Rechte einzutreten. Immerhin 700 Autos aus dem Konvoi sind bis auf den Pariser Stadtring gelangt, und haben dort versucht, die Aorta der Metropole zu verstopfen.

Die Polizei griff hart durch, um den Verkehr aufrechtzuerhalten. Es gibt Fotos, auf denen es aussieht, als hätten die neuen Spezial-Einsatzkräfte halb Paris unter Tränengas gesetzt – wobei die Manifestanten und ihre Unterstützer mit ihren Bengalos viel dazu beigetragen haben.

In ihren Reisetagebüchern schildern die Demonstranten ihre Eindrücke der Fahrt von Toulouse nach Brüssel, von Rennes nach Paris. Insgesamt wurden Paris und Brüssel auf fünf Routen sternförmig angesteuert – auf jeder Route gab es jeweils Unterverzweigungen (siehe Karte).

Mit anderen Worten: der Konvoi setzte sich in allen Regionen des Landes in Bewegung.

Übersichtskarte über die einzelnen Routen des “roadtrip” – Konvoi der Freiheit

Der Konvoi knüpfte dabei an die erfolgreichen Strategien der Gelbwesten an: Besetzung des öffentlichen Raumes, praktizierte Solidarität und verblüffende Zielstrebigkeit bei der Durchsetzung der Vorhaben. Der Konvoi richtete sich explizit gegen den Impfpass, gegen die galoppierende Inflation und gegen den Kurs der französischen Regierung im Allgemeinen.

Die Reisetagebücher illustrieren eine ganz erstaunliche Dynamik und Leidenschaft, die sich während der Fahrt entwickelte – einige Teilnehmer glaubten gar, sie könnten ganz Paris mehrere Tage lang blockieren. Die Notizen zeigen gleichzeitig aber auch, wo der Konvoi an seine Grenzen gestoßen ist.

Die Konvoisten – wo stehen sie? (Statement von Lundimatin)

Die Reise nach Paris – und für einige sogar weiter bis Brüssel – erfüllte uns sowohl mit Zweifeln als auch mit Begeisterung. Mehrere intensive Tage auf den Straßen, stundenlange, teils verwirrende Gespräche, Einheimische, die ihre Häuser öffnen – oder ganze Tanzlokale zum Übernachten zur verfügung stellen – und den Konvoi mit einem “Einkaufstüten-Bankett” auf Parkplätzen begrüßen, um schließlich an einem Samstagnachmittag durch die Tränengasschwaden die Champs-Elysées rauf und runter zu fahren und sich am Ende der Reise in Brüssel zu verlieren.

All das erinnert stark an die Anfangszeit der Gelbwesten, doch nach zwei Jahren Pandemie steht die politische Landschaft auf dem Kopf, wie uns diese wenigen Tage bildhaft vor Augen führten.

Eingetaucht in die Notwendigkeit, etwas hoch Komplexes zu organisieren, waren wir nicht nur völlig überfordert. Sondern der Konvoi erschütterte insbesondere auch unsere bisherigen Orientierungspunkte: die vertrauten politischen Schemata von Rechts und Links.

Wir hätten niemals erwartet, dass solche nebulösen Facebook-Gruppen, Influencer und lokalen Kollektive der Anti-COVID-Pass-Bewegung in der Lage wären, innerhalb einer Woche die Mobilisierung, Versorgung und Unterbringung von acht motorisierten Konvois zu organisieren, die versuchen, die Hauptstädte Paris und Brüssel zu stürmen.

Seit dem Spätsommer waren wir nicht mehr auf Demos gegangen, einige aus Überdruss, weil die Manifestationen nichts mehr erreichten, andere aus Unsicherheit und wegen der mehr oder weniger versteckten Präsenz der extremen Rechten.

Wir schlossen uns also teils mit großem Misstrauen einer mehrheitlich weißen Bewegung an, die in Kanada von Trump und Elon Musk unterstützt wird und in einigen Fällen offen faschistische Symbole zeigt. So hielten wir nach feindlichen Symbolen und Bezeichnungen Ausschau.

So hatten die Organisatoren des Konvois die irritierende Entscheidung getroffen , den Namen eines islamfeindlichen kanadischen Kollektivs, La Meute [1], zu übernehmen. Und doch handelt es sich hierbei nicht um eine rechtsextreme “Unterwanderung” [2], sondern vielmehr um eine Neukonfiguration der Koordinaten des politischen Konflikts.

Es gibt ein offensichtlich ein gemeinsames Ziel mit den anderen Beteiligten des Konvois, die Überzeugung, dass im Augenblick etwas Wichtiges passiert – wie jedes Mal, wenn diejenigen, die man mit konzertierter Kommunikation und Schlagstöcken steuert, es schaffen, sich dennoch zu versammeln, um zurückzuschlagen. Es ist leicht zu verstehen, warum wir glücklich darüber waren, müde zu sein und über Kilometer hinweg einfach nur gemeinsam Sandwiches zu essen.

Denn keineswegs dienen die Gesundheitsmaßnahmen vorrangig unserer Gesundheit und ein würdiges Leben beschränkt sich nicht auf eine eindimensionale Kurve. Vielmehr wollen wir die Mächtigen daran hindern, ihre Kontroll- und Ausbeutungsinstrumente im Namen einer Erpressung zur Solidarität, die ihnen scheißegal ist, weiter auszubauen [3].

Doch plötzlich tat sich auch ein Abgrund auf, als jemand vom „geronnenen Blut der Geimpften” sprach und eine andere Person vom „Völkermord”, der im Gange sei.

Unsere Ansichten überschnitten sich nur partiell und manchmal hatten wir das Gefühl mit unserer wirtschaftlichen Analyse der aktuellen Lage noch Teile des 20. Jahrhundert auf unseren Schultern zu tragen, während wir mit Menschen konfrontiert waren, von denen viele in erster Linie nur aus Protest gegen die Impfung da waren.

Es wäre absurd, die Forderungen in gute (antikapitalistische) und in schlechte (verschwörungstheoretische) aufteilen zu wollen, wobei das Fragwürdigste der Glaube dieser Bewegung ist, im Besitz der Wahrheit zu sein, eine Wahrheit, die ebenso „wissenschaftlich” und unbestreitbar zu sein behauptet, wie jene der Regierung.

Hier nun also sechs kurze Berichte über diese beeindruckenden Tage. Die Reise war insgesamt viel verrückter als ihre paar öffentlichen Kristallisationspunkte, ihr medial verwerteten Momente. Aber es tat jedem Teilnehmer sichtbar gut, drei Jahre nach den Gelbwesten wieder einmal zu sehen, wie Fahrer in schrottreifen Kleinwagen die Räumpanzer auf den Champs-Élysées verspotteten.

Wir sind noch nicht am Ende unserer Überlegungen angelangt und behaupten weder, dass wir verstanden hätten, was sich da abspielte, noch dass wir aufgrunddessen irgendeinen Weg bestimmen könnten. Aber es ist erwiesen, dass sich gerade etwas ereignet, und jeder, der wichtig findet, den realen Bewegungen, die auf den Körper einwirken und die Regierenden herausfordern, Aufmerksamkeit zu schenken, sollte dabei sein.

I. DONNERSTAG, RENNES. Die Abreise.

Seit einer Woche beobachte ich, wie die Facebook-Gruppe „Le Convoi de la liberté” zusehends größer wird. Die Beiträge sind berührend und erinnern mich an die besten Zeiten der Gelbwesten. Viele bieten an, die Türen ihrer Häuser zu öffnen, um die Teilnehmer der Konvois zu beherbergen, man grüßt, ermutigt und bedankt sich. Das Gefühl, dass etwas Wichtiges im Gange ist, bestätigt sich, als wir am Donnerstagabend auf die beiden bretonischen Konvois am Sammelpunkt in der Nähe von Rennes treffen. In alle Himmelsrichtungen parken Hunderte von Fahrzeugen und man kann darunter alle möglichen Modelle von Wohnmobilen und verschieden ausgestattete Lastwagen finden. Die Leute sind überwiegend guter Dinge und voll aufrechter Freude darüber, zusammen zu sein und sich wieder zu finden. Das Kommuniqué des Kollektivs „Grand Ouest”, das den Konvoi organisiert, wird am Mikrofon verlesen. Obwohl für uns nicht eindeutig ist, welche Positionen die Verfasser der Bekanntmachung vertreten, werden darin Positionen und Einsichten dargelegt, die wir größtenteils teilen.

Hier ein Auszug:

„(…) Zwei Jahre lang habt ihr gelogen. Ihr, die Politiker, die Medien, die Fernsehstudioärzte, die Pseudo-Experten. Ihr habt ständig und absichtlich gelogen.
Über die Wirksamkeit der Masken habt ihr gelogen.
Über die Gründe der Ausgangsbeschränkungen habt ihr gelogen.
Über die Gefährlichkeit des Virus habt ihr gelogen.
Über den Zustand unserer Krankenhäuser habt ihr gelogen.
Über die Gründe für den Impfpass habt ihr gelogen.
Über die Wirksamkeit des Impfstoffs habt ihr gelogen.
Über seine Nebenwirkungen habt ihr gelogen.
Über die Gründe für die Impfpflicht habt ihr gelogen.
Was die Impfung den Kindern antut, auch darüber habt ihr gelogen.
Worüber habt ihr noch gelogen und worüber werdet ihr zukünftig noch lügen?

Nach zwei Jahren haben wir jetzt Daten, haben wir Zahlen, nicht die von Verschwörungswebseiten, nein, die von euch, die von den offiziellen Seiten. Wir haben Berichte, analysierbare Statistiken. Wir haben jetzt einen Überblick.
Jetzt, nach zwei Jahren, können wir ohne Nachsicht das katastrophale Management sehen, das von unseren sogenannten Eliten stur weiter betrieben wird.
Wir sind uns heute über die außerordentliche Manipulation im Klaren, über die kollektive Hypnose, die ihr gegen uns eingesetzt habt, um eure Irrwege, eure Inkompetenz und eure Bestechlichkeit zu kaschieren.
Jetzt sehen wir, welche Gesellschaft ihr für eure kommende Welt aufbauen wollt.

Wir sind hier, um euch klar zu sagen: NEIN!
Wir wollen eure Neue Welt nicht.
Wir wollen keine ständige Bespitzelung.
Wir wollen kein Krankenhaus, das mit Unterversorgung kämpft.
Wir wollen keinen QR-Code, der unser Leben bestimmt.
Wir wollen keine Welt, in der Pflichten wichtiger sind als die Rechte.
Wir wollen keine Welt, die aus Misstrauen, Argwohn und Hass besteht.
Wir wollen auch nicht zurück zur Welt von vorher, in ebenjene Welt, die all dies ermöglicht hat. (…).”

Wer wäre angesichts der zahlreichen Kursänderungen der Gesundheitspolitik, die wir in den letzten zwei Jahren hinzunehmen hatten, nicht damit einverstanden, den Charakter der Regierung als krankhaft verlogen zu bezeichnen?

Die Gesundheitspolitik ist gekennzeichnet von von einer ultra-affirmativen Übereilung, die sich bis heute dadurch auszeichnet, dass die Regierung Einschränkungen so schnell aufhebt, wie sie sie verhängt. Wir alle teilen das Gefühl der Verunsicherung, das Unbehagen und die Machtlosigkeit, die wir seit zwei Jahren empfinden. Wer hatte sich nicht gewundert, dass die Gelbwesten nicht schon früher wieder aufgetaucht sind – angesichts von dem rasanten Anstieg der Inflation und der Energiepreise? Wenn eine größere Protestbewegung entstehen soll, muss sie zwangsläufig über den engen Rahmen der Proteste gegen den Gesundheitspass hinausgehen. Sie muss vielmehr alle Themen, wie Inflation, sinkende Kaufkraft, steigender Ölpreis, die Einschränkungen der Freiheiten, die Sprache der Regierung, die mit uns redet, als seien wir Babys oder Idioten usw. – all das muss eine neue, breit aufgestellte Bewegung in den Fokus bekommen.

Was die Menschen in den Konvois vereint, ist einerseits ihr Überdruss an der Regierungspolitik – egal ob man für oder gegen den Impfstoff ist – und andererseits der tiefe Wunsch, aus der Isolation auszubrechen. Zwei Jahre Pandemiemanagement haben eine beträchtliche Politisierung zur Folge, die weitgehend durch die sozialen Medien strukturiert wurde. Heute offenbart die Bewegung, dass ihre Verbindungen bei weitem nicht nur virtuell sind.

Natürlich ist es nicht immer leicht zu verstehen, welche Anspielungen in den geäußerten Ansichten stecken und es ist keine leichte Aufgabe, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Wenn zum Beispiel einige Leute „Gerechtigkeit für unsere Toten” fordern – welche Toten sind dann gemeint? Sind es die Toten, die am Virus, oder am die, die am Impfstoff gestorben sind oder durch die massive Komorbidität als Folge schlechter Lebensbedingungen und ungesunder Ernährung, verursacht durch den Kapitalismus der letzten 50 Jahren?

Trotz allem, als wir auf diesen Konvoi treffen, beschließen wir, uns auf das Abenteuer einzulassen. Was gibt es Besseres als einen spontanen Roadtrip, um sich auf Augenhöhe zu begegnen? Und was für ein Abenteuer!

(Morgen geht es weiter mit den Reisetagebüchern des Toulouser Konvoi, sowie der BLAUEN ROUTE (WESTLICHER KONVOI). Im dritten teil am Donnerstag lest ihr Szenen-Berichte aus Paris und Brüssel, sowie ein abschließendes Statement der Konvoisten)

Fussnoten

(1) La Meute OBT waren neben Convoy France die Hauptorganisatoren der Bewegung, die die Blockade der Hauptstadt unterstützen. Ihr fragwürdiges Logo (ein in die Höhe springender Wolf in den Farben Frankreichs) hat uns nachdenklich gestimmt, aber sie verteidigen sich auf Telegram gegen jegliche Zugehörigkeit zu kanadischen Rassisten. Es handelt sich dabei um die um Rémi Monde organisierte Gruppe, die beispielsweise eine versuchte Vereinnahmung durch den Berufspolitiker Philippot im Namen ihrer “politischen Neutralität” zurückgewiesen hat.

(2) Wir haben keine Flagge, kein Logo, keine virtuelle oder reale Gruppe gesehen, die sich explizit zu einer identitären Ideologie bekennt (nach unseren Recherchen ist selbst der „Bloc Lorrain”, dem wir in Paris begegnet sind, trotz des unglücklichen Namens in Wirklichkeit eine anarchistische und antikapitalistische Gruppe). Hingegen stießen wir auf eine Vielzahl von Bezugnahmen, Einzelpersonen oder Medien, die der sogenannten „Verschwörungssphäre” angehören, worauf wir zu einem späteren Zeitpunkt noch eingehen werden.

(3) Siehe hierzu die Forderungen im offenen Briefes von Convoy France an Emmanuel Macron, die wir für durchaus sinnvoll, wenn auch nicht für ausreichend halten: Ende des Ausnahmezustands, Ende der berufsspezifischen Impfpflicht und unabhängige Untersuchungen über den Umgang der Regierung mit der Pandemie, Wiederanstellung von Pflegekräften, Aufhebung des “nationalen Sicherheitsgesetzes” und die demokratische Kontrolle der digitalen Identität.

Übersetzung aus dem Französischen von Ginafranco Pipistrello, @desertions_ , Einleitung von Janneke Schönenbach und Olaf Arndt

Bis morgen!

Gegen die Perspektivlosigkeit!

Heute erscheint der Beitrag von Neil Vallelly über die existenzielle Perspektivlosigkeit als dominierenden Erfahrung im neoliberalen Alltag in DIE AKTION. Zum Text geht es hier!

Der Text ist die erste deutsche Publikation des Autors und ein Auszug aus seinem aktuellen Buch bei MIT Press/Goldsmith Press Futilitarianism: Neoliberalism and the Production of Uselessness (2021).

Vallelly arbeitet an der Universität von Otago, Neuseeland – im Center for Global Migrations – über Grenzmanagement unter Corona-Bedingungen und über gewaltsame Deportation. Sein zweiter Arbeitsschwerpunkt ist Neoliberalismus.

Die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown sagt über sein jüngstes Buch:
„Neil Vallelly bietet einen umfassenden Überblick über das, was er die futilitaristische Bedingung nennt. Diese systemische und allgegenwärtige Bedingung beraubt uns eines sinnvollen Lebens und raubt der Welt ihre Zukunft. Mit eleganter Feder, leserfreundlicher philosophischer Nachdenklichkeit und einer Fülle von Beispielen erklärt Vallelly dieses nagende Gefühl: Ist das, was ich tue – in meinem Job, in meinem ökologischen Handeln, in meinem ethischen Konsumverhalten – nicht eigentlich völlig sinnlos?
Gemeinsam dagegen anzugehen sei der einzige Ausweg, so Vallelys Schlussfolgerung.“

Die „gelebte Erfahrung der Perspektivlosigkeit“ in einer Zeit epochaler Katastrophen, vom Klima bis hin zu tödlichen Pandemien, sei für den „Aufbau einer egalitären, nachhaltigen und hoffnungsvollen Zukunft unerlässlich, der Nichtigkeit der neoliberalen Existenz vehement entgegenzutreten.“
Vallelly sieht hierin die Voraussetzung für einen neuen Sozialismus gekommen.

Als Übersetzer möchten wir zur Vielzahl der Wortspiele im englischen Original noch kurz etwas erläutern. Der Autor setzt, um sein Anliegen zu verdeutlichen, dem ökonomischen Begriff des Utilitarismus ein „F“ vornan. So entsteht das titelgebende Kunstwort „Futilitarismus“ – ein Prinzip, das er durch das ganze Buch variiert: so wird aus dem Prekariat das Futilitariat, aus dem „homo oeconmicus“ der “homo futilitus“, aus der Semiotik die “Semio-Futilität“.

Wir haben uns mit dem Autor darüber abgestimmt, wie dies ins Deutsche übertragen werden kann, damit der Sinn der Neologismen nicht leer bleibt.
Doch das ist kein simples Unterfangen. Das englische Stammwort futile bietet schon im Lexikon eine schier unüberschaubare Menge von Varianten.
Laut Oxford Advanced bedeutet futile “kein Ziel zu haben“, weil das eigene Handeln keine Aussicht auf Erfolg bietet. Doch alle machen weiter, denn es treibt sie die (nie einlösbare) Verheißung, dass es eines Tages besser wird.

Wie der berühmte Schlittenhund jagen wir einer Wurst nach, die von einer Stange im fixen Abstand vor unserem Mund gehalten wird, in dem uns das Wasser zusammenläuft, ohne wir uns je am Geschmack der Wurst erfreuen könnten. Im Gegensatz zum Hund, der sicher schon nach einer Tour merkt, dass er betrogen wurde, wird dem unter futilitaristischen Bedingungen Beschäftigten jedes Jahr ein neues Wurst-Produkt vors Maul gehängt. Doch näher kommt er ihm nie, wie auch immer er es anstellt. Die ganze Zeit über zieht er jedoch den Schlitten weiter.

Die resultierende futtilitas (lat.) ist eine existenzielle Nichtigkeit und Zerfahrenheit.

Laut des Latein-Lexikons von Stowasser bedeutet das Stammwort fundere: sich ergießen, aber auch (Vermögen) vergeuden, (im feindlichen Sinne) jemanden niederwerfen, zu Boden strecken.

Wir haben daher gleich eingangs mit dem Autor versucht zu klären, wo seine Gewichtung bei der Wortbenutzung liegt.

Ob er bei futile mehr an die Sozialschädlichkeit, an die Produktion von überflüssigen Gegenständen (Umweltverschmutzung) oder die Konditionierung des Menschen denkt, die Zurichtung durch ein Wirtschaftssystem, das nur Dinge anbietet, die für ein sozial und persönlich befriedigendes Leben vollkommen nutzlos sind?

Er hat sich eindeutig für die letztere Variante entschieden und gesagt, das bei seiner Untersuchung des Futilitarismus die Auswirkung auf das Leben der Einzelnen im Zentrum stehe.
Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden, überall wo futile/futility steht, es mit (existenzieller/wirtschaftlicher) Perspektivlosigkeit zu übertragen – und sein Kunstwort zu belassen, wo es auf -ismus endet.

Überall wo Vallelly futility mit meaninglessness variiert, haben wir uns für Sinnlosigkeit entschieden.

Zum Text geht es hier!

Konvoi der Konspirateure

Zwei kluge Beiträge zu einer Theorie der Inanität

Seit Tagen verfolgen mich die Bilder des kanadischen Konvois. Was sehen wir dort? Ist es die Erhebung der seit zwei Jahren Entmündigten und Beleidigten, an den Rand der Existenzvernichtung Gebrachten, mit der sie auf die Unerträglichkeit und Zumutung reagieren, auf krankhafte Phantasmen darüber, wie man eine Pandmie einfängt, auf die grotesken, doch tief einschneidenden Reglementierungen von Arbeit, Leben, Alltag? Oder sehen wir verbohrte, rückwärtsgewandte Holzköpfe – so wie eine gut geschmierte (Verleumdungs-?)Kampagne uns glauben machen will? Wie vielfältig im Kopf sind die Menschen, die sich hier – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – aus Protest auf die Straße begeben und sich zuvor über ihre eigene politische Linie keine (ausreichenden) Gedanken gemacht haben und dies womöglich zu Recht, denn es geht ja um etwas viel Tiefgreifenderes, Grundsätzlichers als die Selbstverortung in einer klischee-isierten politischen Landschaft: es geht um die Bedrohung unserer demokratischen Lebensordnung durch wildgewordene, freidrehende Politiker, die die Profilierungschance ihres Lebens riechen, um Wirtschaftsförderung für Konzerne, um Plattform-Kapitalisten und ihre eigennützigen, rein profitorientierten Weltentwürfe. Oder ist das etwa konspirativer Irrsinn, den ich hier wiedergebe? Völlig ausgeschlossen? Geht es etwa bei den Milliarden verspritzer Dosen eines nicht wirklich zugelassenen Schutzmittels um unser aller Gesundheit und wäre es daher asozial, die Goldgrube zu sehen?

Können wir aus all den Widersprüchen und Fragen noch Sinn erzeugen? Oder leben wir in einer Kultur des immer Sinnloseren?

Mit welcher Schablone im Kopf vermessen wir die Motive der Akteure? Ist es die Schablone „Wem soll es gut gehen?“ Sehen wir Widersprüche, wenn wir darauf gleichzeitig „der Wirtschaft“ und „den Menschen“ antworten? Sehen wir bevorzugte Kandidaten und aus dem Betrieb ausgeschiedene, überflüssige Protagonisten? Zur Belanglosigkeit, Nichtigkeit, zur Marginalität Bestimmte? Steht der Inanität dieser Menschen die Bonität der Wenigen gegenüber und was macht das aus uns? Sehen wir ihr zahlenmäßiges Verhältnis und was fühlen wir dabei? Wie viel von dem, was wir für unsere Gefühle halten, sind von den bevorzugten Kandidaten gestanzte Worthülsen?

Ich frage mich das in erster Linie, um besser einschätzen zu können, auf welche Art Zukunft ich mich einzustellen habe, Seite an Seite mit Menschen, deren Motive zum Handeln, deren Denken, deren (vermeintliche) Argumente mir immer schwerer zugänglich werden.

Ich frage mich dies auch im Bezug auf die schützenswerteste Gruppe der Mitmenschen: die heute ganz jungen Leute. Was von unseren zivilisatorischen, von unseren gesellschaftlichen Errungenschaften wird augenblicklich im Vorbeigehen demoliert und wie lange werden wir benötigen, um uns davon zu erholen?

Können wir sicher sagen: nichts! ? Alles im grünen Bereich?

Sehen wir – mit anderen Worten – einen “Konvoi der Freiheit” (wie ihn einige nennen) oder sehen wir eine dumpfe Horde von “Sozialschmarotzern”, die sich aus mangelnder Solidarität mit den vulnerablen Gruppen oder sonstigen mittelalterlichen Gründen nicht impfen lassen wollen – wie uns dies in Deutschland zumindest Grün, Rot und “Links” unisono einbläuen? Sehen wir mithin eine von den Maßnahmen schwer geschädigte, oft diffamierte Gruppe, die zu den letzten gehört, die noch nicht bedingungslos auf Linie sind? Oder sehen wir deviante Irre?

Die negative Ethik des bewusst Schädlichen

Um die Frage beantworten zu können, möchte ich auf zwei Texte verweisen: ein höchst emotionales, anonym verfasstes Manifest aus dem weiteren Umfeld der französischen Gelbwesten. Und einen soziologisch-analytischen Essay, in dem der Autor, der regelmässig bei Rethinking Marxism und Roar-Magazine veröffentlicht, der Frage nachgeht, ob die “Coronvirus-Dekade ein postkapitalistischer Alptraum” sei oder das Erwachen eines neuen Sozialismus ankündige?

Zunächst zu letzterem Text, der zu Beginn der Pandemie veröffentlicht wurde. Der neuseeländische Theoretiker Neil Vallelly fragt in ihm bereits im Mai 2020: Wie sieht unsere Welt eigentlich in zehn Jahren aus, wenn das so weiter geht?

“Im Kielwasser der Pandemie navigieren uns Tech-Giganten in die nächste Dystopie. Sozialismus bietet eine hoffnungsvolle Alternative. Welche post-kapitalistische Welt wird sich herausbilden? …
Wenn die gegenwärtigen Machtstrukturen so bleiben, wie sie sind, oder sich sogar noch weiter in Richtung Konzerne und Tech-Giganten entwickeln, wird der Postkapitalismus in noch mehr Ausbeutung und Verelendung münden. …
Wenn wir das Jahr 2030 unversehrt und hoffnungsvoll erreichen wollen, dann ist es die Entfesselung eines erneuerten sozialen Bewusstseins, des Internationalismus, der Arbeiterbewegung, der ökologischen Nachhaltigkeit und des Klassenbewusstseins des Prekariats durch die Pandemie, die uns dorthin bringen kann, und nicht weiter fortschreitende Automatisierung, noch Informationsaustausch und Datensammlung.
Mit anderen Worten: Ein massenhaftes sozialistisches Erwachen ist das Einzige, was uns vor einem postkapitalistischen Albtraum bewahren kann.”

Inzwischen hat Vallelly der Frage eine ganze Theorie des vorsätzlich Vergeblichen nachgeliefert: des Neoliberalismus als Wirtschaftsform des sozial Schädlichen, Nichtigen, Zwecklosen, dabei sinnlos Aufwändigen. Er nennt das – in Anlehnung an den UtilitarismusFutilitarismus (von engl. futility). Es geht Vallelly bei der “Produktion des Überflüssigen” (so der Untertitel seines gleichnamigen Buches) “um die subjektiven Auswirkungen unseres Wirtschaftssystems.” (zit. Gespräch mit dem Autor)

Soweit die soziologische Perspektivierung unserer aktuellen Weltlage.

Wie betrifft dies den Konvoi?
Die Menschen an den Lenkrädern der Fahrzeuge haben die fragilen Lieferketten bislang selbst unter stärkstem Druck aufrechterhalten, aber die rote Linie war offenbar der Eingriff in ihren eigenen Körper.

Auch wenn die FahrerInnen sicher wenig Zugang zu postkapitalistischer Theoriebildung haben, so ist ihnen ganz offenbar der eklatante Widersinn bewusst, der sich aus einer negativen Ethik des bewusst Schädlichen ergibt, derzufolge ohne Rücksicht auf die Integrität der Angestellten mit Gewalt in die Selbstbestimmung über den intimsten Bereich (das eigene Innere) hineinregiert wird, nur um einen Konsum in voller Bandbreite aufrechtzuerhalten, der ohnehin zu großen Teilen einem ökologisch ruinösen und daher zynischen Prinzip der Verschwendung gehorcht.

Protestpraxis des verhassten Objekts

Nun kommen die Bilder des Konvois in Europa an. Mitten in Paris sind sie zu sehen. Und wiederum sofort verbunden mit der Frage: wen sehen wir hier?

Ich zitiere ein längeres Stück einer Einschätzung eines anonym in der online-Zeitschrift “Entêtement” (zu deutsch: Eigensinn) publizierten Textes aus dem Umfeld der Konspirationisten, Gelbwesten und der Parti Imaginaire/Tiqqun:

In den letzten Tagen (Anfang Februar 2022, Anm. d. Hrsg.) hat sich eine Trendwende abgezeichnet. Das Auto, Symbol der kapitalistischen Moderne, in dem der Körper mit der Maschine verschmilzt und das den Körper isoliert und in die Warensphäre integriert, findet endlich eine revolutionäre Verwendung! Es verkehrt seine Funktion im kapitalistischen Apparat ins Gegenteil, um ihn besser zu lähmen. Die Spannung zwischen dem Auto als Sinnbild kontrollierter Mobilität und dem Auto als Bild der Freiheit scheint nun ihre dialektischen Auflösung zu finden im Wiederaufflammen einer Protestpraxis des verhassten Objekts.

Von Kanada ausgehend, überschreitet diese Protestform nun Grenzen und gelangt in einer Zeit erlahmender gouvernementaler und medialer Feinsteuerung auch nach Frankreich.

Im Auto kommt alles Entwürdigende zusammen: der überteuerte umweltschädliche Treibstoff; der obligatorische, täglich zu fahrende immergleiche Weg zum versklavenden Job und später dann zum Einkaufen in den Abgrund hässlicher Gewerbegebiete; das Auto steht für (auf der franz. Mautautobahn; Anm. d. Hrsg.) nicht vorhandene Wahlmöglichkeiten in den Kanälen der von Leitplanken begrenzten Autobahnen, aus denen es kein Ausbrechen und Entdecken gibt.

Diesem alles erstickenden Automobil müssen wir die Freude am gemeinsamen Reisen entgegensetzen; ein Rausch der Stärke, politisch zu handeln unter Nutzung der Effizienz von Technologie ; das Glück, das Unbekannte und Ungewisse zu entdecken. Umherschweifend müssen wir wieder nomadische Erfahrungen machen!

Frankreichs Straßen werden jüngst von einer unbekannten „sozialen Nicht-Bewegung“ bevölkert, die sofort weithin verpönt ist. Dieser Nicht-Bewegung wohnt das Antipolitische inne, so wie einer gewissen anderen Nicht-Bewegung von 2018. Das Erscheinen von Antipolitik mitten im Präsidentschaftswahlkampf zeigt den Wunsch, ohne die professionellen Pfuscher der Politik leben zu wollen.

Schon vor dem letztem Freitag wurden die ersten kritischen Stimmen gegen den Konvoi der Freiheit laut. Die extreme Linke schimpft herum und empört sich auf ihren Smartphones und bestreitet einmal mehr die Einzigartigkeit des Geschehens auf den Straßen. Sie verunglimpfen die Nicht-Bewegung und finden es offenkundig passend, sie als Faschisten, „ungeimpfte Eugeniker“ und Verschwörungstheoretiker zu beschimpfen.

Ja! Es stimmt, es gibt dort rechtsextreme Gruppen. Aber sie bleiben ziemlich isoliert von den anderen Menschen dieser Nicht-Bewegung. Und nein! Es stimmt nicht, dass sich diese neue kraftvolle Bewegung gegen die Idee einer vielfältigen Gemeinschaft richtet. Im Gegenteil, die Nicht-Bewegung verbreitet eine ungeheure Freude am Zusammenleben, daran, eine gemeinsame Welt zu schaffen, aus der Isolation des Alltags auszubrechen, um das Erlebte zu teilen. All diese Bilder des Jubels bei der Durchfahrt der Konvois an den Rastplätzen, die gegenseitige Hilfe unter den Menschen charakterisieren den Tonfall einer neu errungenen Stärke, einer Gemeinschaft, die pulsiert. Man muss sich die metaphysische Leere des hässlichen Stadtrandgebiete Frankreichs vergegenwärtigen, um das Gefühl der Erleichterung zu verstehen, das mit diesem Ausbruch einhergeht. Den Wutschnaubenden, die permanent über die verlorene Reinheit (gemeint vermutlich: in den Reihen der linken Ideologie; Anm. d. Hrsg) plärren, raten wir, Linien in das Nichts ihrer erbärmlichen Existenz zu ziehen.

Das wagemutige Ziel, das sich der Freiheitskonvoi steckt, lautet Brüssel mit Hilfe anderer europäischer Konvois lahmzulegen. Dies erinnert an einen kinematographischen Konvoi, in dem sich Kris Kristofferson (durch Zusammenschluß mit anderen Truckern, Anm. d. Hrsg.) polizeilicher Verfolgung entzieht.

Zuvor war es jedoch notwendig, das Symbol der Verachtung, die „Metropole“ anzugreifen, auf Paris loszugehen. Wenn auch der kühne Versuch des Freiheitskonvois, Paris und seine Ringautobahn zu blockieren, eine hoch komplexe Schlacht bedeutete, so war die Eroberung der Champs-Élysees für mehr als acht Stunden doch ein voller Erfolg. Es war eine Riesenfreude, auf dieses berühmte Feld (im Orig.: champs, Wortspiel mit Schlachtfeld/champs de bataille und dem Strassennamen, Anm. d. Hrsg.) zurückzukehren; diese verkörperte Warenwelt wieder einmal zu blockieren; sich an die Geschichte der Kämpfe zu erinnern, die hier stattfanden; wieder einmal zu spüren, in welchem Ausmaß die Polizei überhaupt niemanden mag, und insbesondere das Gefühl von Gemeinschaft hasst. Der Polizei gelang es mit ihren Einschüchterungen und ihren Waffen nicht, den gemeinsamen Willen zur Blockade des Champs zu zerstören. Was man auch sagen mag, es war ein ethischer Sieg, nach Paris zu gehen und eines seiner Symbole zu besetzen. Der Weg ist zwar noch lang. Doch es wird künftig noch ausreichend Gelegenheit geben, der Macht Tiefschläge zu verpassen. Es gibt eine Vielzahl von Zielen und Abläufen, die es zu stören lohnt. Nicht nur institutionelle, auch industrielle.

Denn eines hat der Konvoi gemeinsam mit den “Gelbwesten” klar gezeigt: dass unsere Welt auf Logistik fußt.

Es steht nun aus, bei diesem Konvoi der Freiheit geknüpfte Verbindungen zu vertiefen, sich weiter zu organisieren, um noch eindrucksvoller einzugreifen. Denn wie wir am Samstagabend an den Wänden der Häuser am Champs-Élysees lesen konnten: „Die Konspirateure werden triumphieren“!

(Text aus dem Französischen übertragen von Gianfranco Pipistrello / twitter @desertions_)

Nicht alle können so beherzt formulieren, so mutig denken und agieren wie die Autoren des Manifestes zur Eroberung der Champs-Élysees durch den Konvoi der Freiheit. In Deutschland bestimmen – neben einer erstaunlich breiten Zustimmung zu den Maßnahmen der Regierung – Resignation, stummes Entsetzen und Rückzug das Klima – selbst unter solchen Menschen, die wir sonst als Aktivisten sehen.

Wenn wir uns all den eingangs gestellten Fragen nicht mehr stellen mögen, uns zurückziehen, dann sind wir weder dumm noch feige. Sondern – wahrscheinlich – von der Dimension notwendigen Umdenkens überfordert. Verdrängung, Diskursverweigerung und sich nicht mehr dem Zwängen aussetzen kann eine effiziente Strategie sein, das falsche System zum Abdanken zu zwingen: so hat es Franco “Bifo” Berardi jüngst in seinen Texten zur methodischen resignation (erschienen Teil 1 hier, Teil 2 hier und Teil 3 hier) beschrieben.

Dadurch, dass wir nur über Sprache und feste Begriffe Gedanken entwickeln und Welt verstehen können (und wenig Anderes gelernt haben), fehlt uns jetzt das „Handwerkszeug”, um zu sortieren, zu verstehen und zu reagieren – angesichts dieser wahnwitzigen Verdrehung aller Worte in ihr genaues Gegenteil, durch diese massive, handwerklich fast perfekt gemachte Gehirnwäsche-artige Kommunikationskampagne (man kann es kaum anders nennen: diese nachhaltige Zerstörung jeder Glaubwürdigkeit von Aussagen und Zahlen, diese nun wahrhaft mittelalterliche, quasi Kirchen-hafte Austreibung unerwünschter Gedanken, das freiwillige inquisitorische Mitwirken großer Teile der Bevölkerung hieran).

Aber das wird nicht immer so bleiben.

Es beginnt offenbar schon etwas anderes. Der Konvoi (als Idee der gesellschaftlichen Antwort auf das Unerträgliche) scheint mir ein Vorzeichen zu sein. Wir können die Apparate unserer Gängelung zu Werkzeugen der Erkenntnis machen. Wir werden den Sinn zurück erobern.

Fluten

Heute erscheint der Text “Das Wortmonopol” von Hanna Mittelstädt in DIE AKTION. Dazu einige kurze Vorbemerkungen. In unserer Diskussion um den aktuellen gesellschaftliche Zustand war uns schon vor zwei Jahren eine massive Kampagne zur Schaffung neuer Worte durch regierungsnahe Agenturen aufgefallen. Wir haben versucht, dem Phänomen mit einem Projekt – dem “Wörterbuch des Unrates” – Rechnung zu tragen. Aufgrund der dicht aufeinander folgenden Wellen – nicht eines Virus – sondern machtstrategischer Eingriffe in unseren Alltag, ist das Projekt bislang nicht über erste Schritte hinausgekommen. Aber wir verfolgen es weiter.

Inzwischen sind neue Worte entstanden. Wahre Fluten. Wortfluten aus gesellschaftlichen Deichbrüchen. Sie überschwemmen uns. Sie ertränken unser Denken.

Ich nenne nur zwei: Impfdurchbruch und Verdachtsfall. Beide kaschieren Tatsachen. Der zur Naturgewalt hochstilisierte Impfdurchbruch will das Versagen der Impfung wegreden. Der Verdachtsfall soll die Nebenwirkung zur unbeweisbaren Einbildung des Kranken herunterskalieren. In beiden Fällen soll Haftung der Verantwortlichen vermieden werden. Siehe hierzu auch unsere Diskussion unter dem Artikel “Die rote Linie“.

Wahre Genies in den Agenturen der Regierung denken sich solche Worte aus; als Waffen gegen die eigene Bevölkerung. Was setzen wir dagegen?

Warum sind uns Worte so wichtig?

Worte waren schon immer die wichtigsten Werkzeuge in der Auseinandersetzung mit der Obrigkeit. Wenn diese Werkzeuge stumpf werden, entgleitet nicht nur den kritischen Intellektuellen eines Landes, sondern allen Mitbürgern die Kontrolle über das Handeln ihrer Regierung.
George Orwell formulierte es einmal so:

Ich möchte … darauf hinweisen, dass es zum Teil von dem herrschenden intellektuellen Klima abhängt, welcher Art der Staat ist, der uns reagiert, d.h. in diesem Zusammenhang von der Haltung der Schriftsteller und Künstler selber und von ihrer Entschlossenheit, den Geist das Liberalismus lebendig zu erhalten.

in “Rache ist sauer” (S.171), 1948

Er hat vollkommen recht: wir könnten nicht nur, wir müssten mehr tun.

Fraglos war die Corona-Kommunikations-Strategie der Bundesregierung von Anfang an hinsichtlich ihrer psychologischen Wirkung pfiffig ausgedacht, handwerklich brilliant umgesetzt und mit viel Geld flächendeckend platziert.
Aber genau das müsste den Anreiz für unsere Dichter, Denker, Philosophen eher noch erhöhen, sich ihr wichtigstes Werkzeug nicht einfach aus der Hand nehmen zu lassen.
Hier scheint mir ein anderes Problem zu greifen, dass aktuell fatale Folgen zeitigt. Die Intellektuellen im deutschen Sprachraum waren (und sind – laut Selbsteinschätzung) mehrheitlich links. Links im politischen Sinne, als damit noch ein Bündel von Ideen gemeint war, die für eine menschenwürdige, gerechtere Gesellschaft standen.
Dass nun ausgerechnet jene linken Intellektuellen, denen früher die Kritik am staatlichen Handeln das Zentrum ihres Denkens war, mehrheitlich zur bedingungslosen Befürwortern staatlicher Anordnungen geworden sind, führt dazu, dass keinerlei relevante kritische Theorie über das aktuelle Geschehen entsteht.

Damit ist das Feld offen für (krypto)rechte Autoren, die sich höchst erfolgreich einer wohlfeilen Staatskritik befleißigen – die, weil augenblicklich konkurrenzlos, viel Zuspruch geniesst, aber herzlich wenig zur Überwindung der geistigen Krise beiträgt.

Meine geschätzte Professorin Elisabeth Lenk hat ihren Lehrer Theodor W. Adorno gern mit einem Wort zitiert, das zwar auf den ersten Blick etwas überheblich klingen mag, aber unser jetziges Problem auf den Punkt bringt: “Wer nicht klar sprechen kann (nicht die richtigen Begriffe benutzt), kann auch nicht klar denken.” (aus der Erinnerung an die Vorlesungen vor 40 Jahren zitiert).

Was aber tun, wenn es “die richtigen Begriffe” nicht mehr gibt?

Je mehr uns unsere schärfsten Werkzeuge, die Worte, stumpf werden und uns zum Schluss gänzlich entgleiten, zum geistigen Eigentum jener Personen werden, die mit Worten nur Befehle erteilen und uns damit ihren Willen aufzwingen, desto weniger Handhabe besitzen wir, um uns erfolgreich wieder aus dem Dilemma herauszuarbeiten.

Es gibt viel zu tun. Arbeiten und nicht verzweifeln!

Erfolgskontrolle

Heute erscheint in DIE AKTION ein kurzer Beitrag von Thomas Immanuel Steinberg. Der Autor war zwölf Jahre lang Controller in der Privatwirtschaft und achtzehn Jahre im Hamburger Öffentlichen Dienst. Er geht der Frage nach, inwiefern die seit Beginn der Pandemie verhängten Maßnahmen einer Prüfung hinsichtlich möglicher Erfolge unterzogen wurden.

Mit diesem Beitrag und einem weiteren, der kommenden Samstag erscheint – Neil Vallellys Text über den “Nutzlosigkeitismus” – gehen wir der Frage nach :

Wo stehen wir zu Beginn des dritten Pandemiejahres? Was hat sich verändert auf persönliche Ebene, in gesellschaftlicher Dimension und was wird am Ende herauskommen – zu welcher Art von neuer Gesellschaft wird es sich höchstwahrscheinlich hinentwickeln?
Wir fragen uns dies mit besonderem Interesse angesichts des Umstandes, dass in unserem Land eine beträchtliche, leider auch zunehmende Anzahl von Menschen “das Positive an der Pandemie” erkennt und einige es wagen, offen über die “Pandemie als lang erwarteten Innovations-Booster” zu sprechen. Ich habe das in meinem Artikel über Alena Buyx bereits thematisiert, der nun in einer gegenüber dem Blogbeitrag eingeschärften Fassung auch in der NRhZ erschienen ist.

In welchem Wirtschaftsbetrieb hätte man so verfahren dürfen, wie unsere Regierung mit ihrem gesamten Land? Oder hat man sich so wenig um den Erfolg der Maßnahmen geschert, dass wir – rückblickend auf die letzten zwei Jahre – zu Einsichten kommen müssen, wie sie das oben stehende Plakat nahelegt ?

In Frankreich wurden die Verben “reden” und “lügen” an einem Ort zusammengefasst: dem Parlament. Die Leute, die dort Gesetze erlassen, um die Menschen zum “Schweigen” zu bringen, heißen “Parlamentarier“.

(Übersetzung des obigen Bild-Textes, Umhängeplakat, gesehen auf einer Demo in Frankreich)

Empörung?

Heute erscheint in DIE AKTION Teil 3 des Essays “Resigniert massenhaft!”. Der Autor Franco “Bifo” Berardi konstatiert gleich eingangs:

Empörung ist schlecht für die Gesundheit!

Was aber sollen wir tun? Uns passiv verhalten, rät Berardi.

Wie kommt er zu solchen Überlegungen? Lesen Sie nach in Teil 1 und Teil 2.

In Teil 3 zitiert der Autor Horckheimer/Adorno. Sein Zitat bricht ab an einer höchst aktuellen Stelle, die ich hier gern ergänzen möchte. Der nächste Satz danach lautet:

An der rätselhaften Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen, in den Bann eines jeglichen Despotismus zu geraten, an ihrer selbstzerstörerischen Affinität zur völkischen Paranoia, an all dem unbegriffenen Widersinn wird die Schwäche des gegenwärtigen theoretischen Verständnisses offenbar.

aus der Vorrede zu: “Dialektik der Aufklärung

Berardis Texte sind ein gelungener Beitrag dazu, diesen Mißstand zu beheben.

Kollaps

Heute erscheint in DIE AKTION der zweite von insgesamt vier Teilen des Textes „Resigniert massenhaft!“. Teil 1 findet sich hier.

Teil 2 handelt von der Notwendigkeit, gemeinsam den Kollaps des aktuellen Systems zu beschleunigen, damit wir wieder zu einer lebenswerten Gemeinschaft zurückfinden können.

Nach Erscheinen des ersten Teils haben einige Leser mir geschrieben, es handele sich um eine „gute Bestandsaufnahme“. Der Text enthalte zwar radikale, aber „interessante, durchaus gangbare Perspektiven.“ Andere wiederum haben scharfe Kritik geübt – Berardi sei Pessimist, geradezu nihilistisch, die Lektüre deprimierend.

Ich möchte darauf zweierlei antworten.

Wer angesichts der aktuellen Lage voller Optimismus ist, muss naiv sein. Aber das legitimiert natürlich noch keinen negativen Verstärker.
Berardi jedoch propagiert keine Weltsicht des Nichts. Er benutzt lediglich eine höchst präzise, geist- und humorvolle Technik der Demaskierung unserer gesellschaftlichen Antriebskräfte. Er hält dem allgemein als alternativlos bezeichneten Handeln unserer Wirtschaft solange den Spiegel vor, bis sie sich als das entblößt, was sie sonst geflissentlich verbirgt: als natur- und menschenverachtend. Offenbar können wir erst dann, wenn jemand so erbarmungslos bis zum Ende durchformuliert, erkennen, dass wir ein totes Pferd reiten, von dem wir absteigen sollten, bevor es uns beim Sturz erschlägt.
Das möchten aber die Wenigsten gerne und suchen daher im Überbringer der schlechten Botschaft den Schuldigen.

Ohne sich dem Verdacht auszusetzen, Apokalyptiker zu sein, lässt sich festhalten, dass diverse Szenarien (Klima, Energie, Ernährung) in den letzten 200 Jahren gründlich so eingestellt wurden, dass es kein Zurück mehr gibt.

Das Wasser wird steigen.

Berardi bleibt – schon aus philosophischer Verantwortung gegenüber den Mitmenschen – nicht viel anderes übrig, als das mehr als deutlich festzustellen. Denn er will es abwenden. Nicht umsonst schlägt er eine „eine autonome Gemeinschaft für das Überleben“ vor.
Nihilisten würden das nicht tun.

Aber es ist auch klar: wir weißen Westler können nicht auf Dauer am Rand der Klippe leben und wenn sie abgängig ist, ein Mittel hervorzaubern, das alles wieder befestigt, auf das es immer so weitergehen kann wie schon zuvor.
Der Booster-Junkie ist kein role model für den Menschen der Zukunft. Noch rettet uns das Boostern vor der nächsten Pandemie, weil es deren Gründe nicht heilt. Denn, wie die Ökofeministin Starhawk in ihrem hellsichtigen Roman „Das Fünfte Geheimnis“ schon 1993 schrieb, ist Booster eine „stark süchtig machende Droge“, die uns gegen die viralen Kollateralschäden der Konzernkriege schützen soll.
Halten wir fest: Selbst wenn unser Wunsch sehr stark ist, noch ein wenig im Sattel zu bleiben, wird der tote Gaul nicht mehr weiter galoppieren.

Der zweite Hinweis, wie man Berardi als durchaus aufbauend lesen könnte, hat mit Sozialisation und Jugendkultur zu tun. Der Ton, den viele ältere oder wesentlich jüngere Leser für pessimistisch halten mögen, ist in Wahrheit nur Provokation – eine methodisch angewandte Konfliktzuspitzung. Oder vielmehr eine Herausforderung der Wahrheit.

Wer – wie ich in den 80er Jahren als Punk – mit dem Idiom der Zukunftslosigkeit liebäugelte, versteht unmittelbar, welche befreiende Wirkung es hat, nicht mehr an das Morgen zu glauben, das nur eine Verlängerung der Qualen des Heute bedeutet.
Gegen die Beschwerden hilft die donnernde Musik, das laute gemeinsame Heraus-Schreien, übertriebener Lärm, um das falsche Alte zu vertreiben.

Wir waren damals hauptsächlich deswegen „no future“, um einer überversorgenden, auf ewiges Wachstum und Sicherheit getrimmten Kultur ins Gesicht zu spucken, deren natürliches Ende jedem nicht vollständig ignoranten Menschen schon lange sichtbar war: 1973 erste weltweite „Ölkrise“ und dann noch einmal 1979/1980, 1986 Reaktorexplosion in Tschernobyl mit fall-out rund um den Globus; nicht zu vergessen die nukleare Wettrüsten mit Stationierung von Pershingraketen in Deutschland Mitte der 70er.
Jeder, der das einmal durchdacht und durchlebt hat, dem ist klar, warum Berardi immer wieder mit musikalischen Metaphern arbeitet und seine Texte wie Songs komponiert. Es geht dabei nicht nur um eine Variation des Bonmot, man müsse den Verhältnissen solange ihre Musik vorspielen, bis sie ins Tanzen kommen.
Es ist vor allem die Lust am gemeinsamen Singen, die Berardi anzutreiben scheint, als einem einfachen Akt, der Gemeinsamkeit schafft, kraftvoll ist, uns motiviert. Punk als gesellschaftliche Befreiungsbewegung war deswegen gut, weil das gemeinsam Singen funktionierte, selbst wenn nicht jeder im Chor die Fähigkeit zum Solisten hatte.
So steckt in den Musik-Metaphern die wesentliche Kraft, die wir heute wieder erringen müssen: die der Solidarität.

Franco Berardi setzt tatsächlich seine Worte wie Noten. Er komponiert sie in unerwarteter Weise zur einer Symphonie des Endes (siehe „Phänomenologie des Endes“)
Er verfügt über eine große Kraft des zu Ende Denkens. Ich bin versucht, ein Wort des Soziologen Immanuel Wallerstein zu variieren: Berardi denkt das herrschende Wirtschaftssystem kaputt.

Seine Liebe zur kollektiv erzeugter Musik hört man schon im ersten Satz des zweiten Teils von „Resigniert massenhaft“:
Wie ein Schlachtgesang klingt es, wenn er sagt: „Es ist an der Zeit, den Kollaps zu beschleunigen, mit unseren Instrumenten mitzuspielen im Orchester des Chaos. Denn Widerstand kann die Katastrophe zwar verlangsamen, sie aber nicht aufhalten.“

Das ist kein Belcanto, zu dem wir hier geladen sind. Es ist eher die Oper der Operaisten, vom Charakter her eher eine aggressive Rockproduktion.

Ich möchte hier auf den von Berardis Verlag zusammengestellten Omicron-Megamix hinweisen, jenen aktuellen Soundtrack zum Untergang.

Dabei denke ich an das in der Einleitung für Teil 1 benutzte Bild vom Gong. Damit klar ist, welche Art Gong ich meine: ich denke nicht an asiatische Mönche oder meditative akustische Rufe – eher an John Cage („Construction in Metal“ aus dem ersten Weltkriegsjahr 1939) oder an FM Einheit, der mit dem Fäustel auf der Bühne eine Blechplatte bearbeitet.

Auch Berardi beherrscht virtuos die Technik, das Objekt seiner Betrachtung so lange verbal anzuschlagen, bis es zum Instrument wird, das durch den Ton seiner Eigenschwingung, mit dem es auf den Impuls des Schlegels antwortet, sich selbst entäußert und über die elementaren Kräfte und nackten Materialien spricht, aus denen es gefertigt ist.
Das ist kurz gesagt die Technik einer poetischen Wissenschaft, die Gewalt in Worte fassen kann und sie dadurch fühlbar und erfahrbar werden lässt.

Das mag aufgeblasen und pompös kling, doch was ich sagen möchte, ist ganz einfach: Nur Autoren, die ausreichend Humor, poetische Begabung und unkonventionelle Intelligenz besitzen, verfügen über die Fähigkeit, vor unserem inneren Auge die Zukunft wie einen Film ablaufen zu lassen.

Wer die Augen vor dem Offenkundigen nicht verschließt, weiß, wo wir stehen.
Die Fakten sind hinlänglich bekannt, „die Messen gesungen“, wie es in Teil 1 schon hieß.

Jetzt sind es wir alle, die aus der gegenwärtigen „mechantery“ (Boshaftigkeit gegen das Leben) etwas machen müssen.

Die rote Linie

Eben gerade erhielt ich von unserer Freundin Hanna einen Bericht von der Demo gegen Impfpflicht in Hamburg gestern, Samstag, 8. Januar 2022. Ich möchte ihn gern einem breiteren Publikum zum Lesen zur Verfügung stellen und die Autorin ist damit einverstanden:

“Ihr Lieben,
ich habe mir gestern die Demo „Gegen Impfpflicht” in Hamburg angeguckt: die Polizei sprach von 16.000 Menschen, also waren es in etwa 20.000.
Demoroute: Treffpunkt Kunsthalle, Lombardsbrücke, Musikhalle, zum Gänsemarkt runter, Jungfernstieg, zurück zum Hauptbahnhof. Als die Demospitze vom Jungfernstieg abbog, sah man die Polizei auf der Lombardsbrücke den Demozug abschließen.
Rechte habe ich keine gesehen, weder im Outfit noch an Parolen noch an Plakaten oder Transparenten. Es waren „ganz normale Leute“, sehr viele Frauen, auch Pflegekräfte als Block, junge Leute, ältere Leute, Familien, sehr gemischt.
Keine Szene. Ich kannte niemanden.
Souveräne Demoleitung. Auf die Massen drei Lautsprecherwagen. Musikgeschmack leider etwas gruftig, aber wohl den Demonstrierenden entsprechend.
Auffällig wenig Plakate und Transparente, Flugblätter gar keine.
Ich konnte keine „politische“ Grundierung erkennen, nur den Bezug zum Grundgesetz. Parteipolitisch war nichts zu identifizieren.
Auch den Sprecher im 1. Wagen, dem ich folgte und lauschte, konnte ich nicht politisch einordnen. Es ging von der stets freundlichen Ansprache an die Polizei: wir danken Euch für den Einsatz, der es uns ermöglicht, hier zu demonstrieren, bis zur Forderung nach Rücktritt von Bürgermeister Tschentscher. Auch die Denunzierung als „Rechte“ und „Schwurbler“ wurde zurückgewiesen, namentlich die Kritik der Partei Die Linke (Hosemann) und der taz. Das aber berechtigt. Denn eins ist ziemlich klar: da in Hamburg demonstrieren keine Rechten und Schwurbler. Das ist eine ganz andere soziale Strömung.
Ich bitte Euch sehr, das zur Kenntnis zu nehmen.

Interessanterweise demonstrieren hier anscheinend Leute, die keine Gesellschaftskritik im Gepäck haben. Sie werden Impfgegner sein, Waldorf-Schüler-innen, Verteidiger des Rechts auf den eigenen Körper, homöopathische Ärzte und Patienten, alternative Mediziner und solche, die alternative Medizin nutzen und Menschen, denen der immer weiter verengte Diskurs der politische Klasse gegen den Strich geht, deren Existenz auf dem Spiel steht, wenn die Impfpflicht kommt. Die sich jetzt schon jeden Tag testen lassen müssen, dann aber gar nicht mehr arbeiten können
„Die Rote Linie sind wir, Olaf“ war eine der Parolen.

Eine Frau hatte einen großen gelben Stern auf dem Mantel mit dem Wort „ungeimpft“, das werde, erfuhr ich aus der Presse, strafrechtlich verfolgt. Wenige Menschen trugen keine Maske, sie wurden zunächst alle durch kleine Polizeitrupps aufgesucht und mussten ihren Ausweis und Attest zeigen. Aber so gut wie alle Demonstrierenden trugen Maske und hielten Abstand.

Das Verschweigen der Impfschäden (es gibt bei dieser Impfung nach weltweiten Studien {LINK vom Hrsg. ergänzt, ebenso Sicherheitsbericht des Paul Ehrlich Instituts} erheblich mehr gravierende Schäden als bei jeder anderen bisherigen Impfung, bis hin zu Todesfällen), das manipulative Jonglieren mit den Zahlen (immer noch werden die Inzidenzzahlen als Angsterzeuger eingesetzt, obwohl schon lange klar ist, dass die Inzidenzzahlen nur ein sehr schwaches Grundrauschen darstellen, und dass die eigentlich wichtige Zahl diejenige der schweren Erkrankungen / Hospitalisierungen ist), war Thema der drei oder vier Ansprachen auf der Demoroute, ebenso:
der Abbau von 4.000 Intensivbetten seit Ausbruch des Corona-Virus wie die unveränderte schlechte Bezahlung der Pflegekräfte und der Mangel an politischem Willen, ihre Arbeitssituation zu verbessern.
Der Bezug zu den täglichen Hungertoten weltweit, zu der 300 %igen Steigerung von Suizidversuchen bei Kindern hier, zur den galoppierenden Milliardengewinnen der Pandemie-Gewinner und den Existenzvernichtungen andererseits, eine Neuorganisation des Gesundheitssystems.
Die politische Forderung war ein Runder Tisch und die Diskussion der Situation auf Augenhöhe, eine basisdemokratische Minimalforderung, der man sich ja nur anschließen kann.
Der Bezug auf Hamburg war stark, die Forderung nach Abtreten der politischen herrschenden Klasse, die diese teilweise strengsten Maßnahmen Deutschlands durchdrückt, offen ausgesprochen.

Am Rand der Demo standen einmal fünf Antifas mit einem Transparent: Kein Bündnis mit Rechts. Sie wurden von der Polizei geschützt, aber die Massen gingen sowieso einfach an ihnen vorbei.
Und aus dem Gängeviertel stürzten sich ebenfalls etwa fünf Antifas, um sich der Demo, die genau hier vorbeikam, mit dem straßenbreiten Transparent „Zero Covid“ entgegenzustellen. Die Demonstrierenden gingen außen am Transpi vorbei, die Polizei musste die Antifas abräumen, sie ließen sich wegtragen. Das war schon extrem verpeilt. Auch als Antifa muss man akzeptieren, dass 20.000 Menschen für ihre Meinung auf die Straße gehen.

Ich habe das Gefühl, dass es bei den Demonstrierenden einen diffusen Einspruch gibt, von dem die Leute eigentlich nur wissen, dass die Impfpflicht nun echt die rote Linie ist. Und in diesem diffusen Einspruch sind sie ohne gesellschaftliche Kritik bzw. nur mit einem wachsenden Ungehagen ausgestattet. Wie gut wäre es, dieses Unbehagen in Richtung weitergehender Forderungen, einer breiteren gesellschaftlichen Kritik zu forcieren.

Wenn die Gelbwesten in Frankreich als Aufstand von Provinzlern an Kreisverkehren gegen die Erhöhung von Benzinpreisen begannen und sehr schnell, durch die Beteiligung (keineswegs Führung) von Menschen mit verschiedenen politischen Erfahrungs-hintergründen derartig radikalisiert werden konnten, wie es ja nun mal geschah, dann sollte man sich in den hiesigen Kreisen mit politischen Erfahrungen wirklich fragen, wieso diese Bewegung des Einspruchs als rechts und verschwurbelt bezeichnet/gebrandet wird. Das Label „rechts“ auf diese Menschen bedeutet in jedem Fall eine Denunzierung. Es bedeutet, sie zu isolieren.

Dass, zumindest in Hamburg, der Populismus und die Ressentiments noch nicht vorherrschend sind unter diesen Leuten, bedeutet für mich eine gewisse Reife. Vielleicht ist es eine persönliche Reife dieser Menschen, die sich mit dem Gesundheitsbegriff auseinandergesetzt haben. Das müsste man mehr in Erfahrung bringen.
Auf jeden Fall ist es eine politisch gewordene Stimme, die man nicht denunzieren sollte.
Ich denke, man sollte den Gedanken an eine Art Bündnis mit kritischen Geistern aus dieser Strömung, die basisdemokratischen Formaten aufgeschlossen sind, erwägen. Oder zumindest sollte man das, was da passiert, mit offenem Interesse beobachten!
Ist meine Meinung.
Einen schönen Sonntag wünschend grüße ich Euch herzlich
Hanna

Gebt auf!

Heute erscheint Teil 1 eines monumentalen Textes des italienischen Philosophen und Aktivisten Franco “Bifo” Berardi in DIE AKTION.

Nach Desertiert aus dieser Gesellschaft – sie mündet in Vernichtung! von Julien Coupat ist “Resigniert massenhaft!” von Berardi der zweite Schlag an den Gong. Sein idiophonetischer Ton verkündet: “Es ist vorbei!” Manchem mag das zu pessimistisch klingen. Berardi dient es als Aufruf zum Massendefätismus, als Mittel, eine radikal neue Gesellschaft zu begründen.

Fremd wie das Auftauchen eines längst ausgestorben geglaubten Büffels im Großstadtdschungel, erscheinen die Metaphern Berardis in unserem Denken.

Er präsentiert den Text als “paradoxe Strategie” und fordert dazu auf, die jetzige Gesellschaft ins Chaos zu führen, womit er auf sein eigenes älteres Konzept der autonomen Lebensgemeinschaften verweist: CAOS, das ist die Comunità Autonome Operative per la Sopravvivenza, die autonome Arbeiterkommune für das Überleben.

Der Originaltitel,“Rassegnatevi“, unter dem der Text am 1. Dezember 2021 bei Nero Edtions in ihrem online-Magazin “not” erschien, ist ein Wort, das man ins Deutsche schwer in dieser Härte und Kürze übertragen kann.

Es bedeutet, dass wir “zurücktreten” sollen, keinen Widerstand mehr leisten gegen ein falsches Regime. Denn Widerstand würde dessen Laufzeit bloß verlängern. Aber “zurücktreten” können wir eigentlich nur aus einer offiziellen Bestallung. Als Mensch kann man höchstens aus Protest die Arbeit niederlegen (Streik?) oder resignieren. Aber das klingt uns wiederum, obwohl Berardi unseres Erachtens alle diese Facetten anspielt mit der Wahl dieses Titels, zu depressiv.

So daß “rassegnatevi” vielleicht mit “Verweigert euch!” gut übersetzt wäre. Doch tönt das gar zu bieder – angesichts eines solch gewaltigen Gedankens, endgültig Schluß zu machen mit dem Festhalten am irreparablen System. Es ist nicht reformierbar.

Auch “Steigt aus!” ließe fälschlicherweise an romatisches Aussteigertum denken, wie es mit Bezug auf Thoreaus “Walden” als Flucht aufs Land bekannt ist. Da es aber keine Zufluchten mehr gibt in unserer “nazi-liberalen” (Berardi), mit rund 450.000 erdnahen Satelliten lückenlos die Erdoberfläche ausleuchtenden, wirtschaftsgeleiten Kultur, geht auch diese Übersetzung fehl. Auf dem Globus bleibt fast kein Ort für einen Rückzug, fast keine alternative Umgebung. So sucht Berardi innen in uns nach der geeigneten Haltung angesichts des Wahnsinns unserer Umwelt.

Eher passt daher schon der Verweis auf Kafkas brilliante Miniatur “Gibs auf“. Damit wären die angemessene Klarheit und Härte und Unumkehrbarkeit in der Übersetzung des Titels. Doch schien uns das schon wieder zu weit entfernt von Berardis intendiertem Wortspiel mit Resignation, Re-Signifikation und dem doppeldeutigen des englischen Bezugswortes, wo es auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch verweist (great depression). So dass wir uns am Ende für “Resigniert massenhaft!” entschieden haben, weil darin der zentral wichtige Aspekt des Streiks am stärksten hervortritt.

Teil 2, “Die nukleare Option” (in italienisch publiziert am 21. Dezember 2021, als Teil von Berardis “Nachrichten über die Psychodeflation“) erscheint in Kürze ebenfalls in DIE AKTION als deutsche Erstveröffentlichung.

Teil 3 und 4 sind derzeit in Vorbereitung und werden in den kommenden Wochen zunächst in Italienisch veröffentlicht: eine neue “Phänomenologie des Endes“, wie der Verlag Nero sie 2020 am Anfang von COVID publizierte.

Wir werden nicht aufgeben und diesen Prozeß mit den entsprechenden deutschen Übertragungen begleiten!

Der Umbau

Deutsche Ethik angesichts des Endes der “Geschichte der ehemaligen menschlichen Rasse” – ein Neujahrsgruß!

Die mutagene Prothese

Am 1. April 2021 – und das war kein Aprilscherz! – veröffentlichte der italienische Philosoph Franco “Bifo” Berardi unter dem Titel „Das Unvorstellbare“ einen Text als Teil seiner “Chronik der Psychodeflation“.

Darin heisst es mit Bezug auf COVID, den “Angriff der Natur”:

“Zunächst fühlten wir uns als ein bedrohter Körper vereint.

Dann griff die Technik ein … und brachte die chemisch-algorithmische Formel eines Impfstoffs hervor, der eigentlich kein Impfstoff ist, sondern eine mutagene Prothese, die in unser Immunsystem eingesetzt wird. Innerhalb weniger Monate folgte die Herstellung von Ampullen, Seren, Behältern – kurzum, die gesamte industrielle Kette, die Schutz und Immunität verfügbar macht.

Wir sind also in die zweite Phase des viralen Zeitalters eingetreten. Die Haltung der Menschen gegenüber den Menschen hat sich geändert. Sie leiden nun nicht mehr gemeinsam unter dem Angriff der Natur, sondern konkurrieren um die Macht über die Impfstofftechnik.

Das Regime des Mangels an lebensrettenden Verteidigungsmitteln stellt den Zustand des Krieges wieder her, der ausgesetzt war, solange wir in unserer Wehrlosigkeit vereint waren.

Der Umprogrammierungsimpfstoff wird zum Terrain, auf dem die symbolischen Spiele von Wirtschaft, Geopolitik und Krieg neu definiert werden.

Auch Immunität wird zu einer Ware. Als Produkt der technisch-wissenschaftlichen Arbeit von Virologen, Biologen und Ingenieuren, als Objekt der unternehmerischen Aneignung, die es der Herrschaft des Profits unterwirft, stellt die Immunität die neue Grenze der menschlichen Sklaverei dar.

Wenn der Besiegte vor dem Sieger kniet und verlangt, dass er und seine Kinder verschont werden, wird der Besiegte zum Sklaven, und seine Kinder werden mit ihm versklavt. Leben, einfach Leben, egal welches Leben.

Sklave ist derjenige, dem das Überleben gewährt wurde. …

Von diesem Moment an ist die Geschichte der ehemaligen menschlichen Rasse vorbei. Die Geschichte der Herde beginnt. Es ist eine Geschichte der Unterwerfung unter die höhere Macht der Immun-Reprogrammierung, die entscheidet, wer es verdient, als Sklave zu überleben und wer es verdient, ausrangiert zu werden.”

„Das Unvorstellbare“ war, wie ich heute weiß, nur die Overtüre für einen phänomenalen Wurf, den Berardi in zwei Teilen Anfang Dezember und wenige Tage vor Weihnachten 2021 veröffentlichte und dessen deutsche Übersetzung wir in den nächsten Tagen in der AKTION herausbringen wollen.

Bis ich diesen neuen Text las, hatte ich nicht erwartet, dass noch einmal ein Autor unsere sich blitzschnell wandelnde Welt so schonungslos zeigen und dies so beeindruckend formulieren könnte, wie es im vergangenen Jahr Julien Coupat im vergangenen Jahr mit “Wir haben gesehen” gelungen ist.

Berardis großer Coup heisst im Original “Rassegnatevi” und erscheint nun – nur wenige Tage nach der Originalpublikation in Italienisch – in DIE AKTION erstmals auf Deutsch.

Der Ernstfall

Ich hatte jene komplexen und radikalen Gedanken von Berardi im Kopf, als mir die Kulturstiftung des Bundes (das ist der Geld-spendende Arm des Beauftragen des Großkanzlers Scholz für Kultur und Medien, BKM) die neueste Ausgabe ihres namen- und bodenlosen Magazins wie immer unaufgefordert zusendete.

In Nr. 37 wird ab Seite 10 die Ärztin Alena Buyx interviewt. Sie ist Expertin für “experimentelle Medizin” (ehemalige Co-Direktorin des gleichnamigen Instituts in Kiel) und Professorin für “Ethik und Medizin der Gesundheitstechnologien” an der TU München. Buyx berät die Bundesregierung “zum Krisenmanagment der Corona-Pandemie” und ist seit Mai 2020 Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Bei der WHO ist sie in einer Arbeitsgruppe für “genome editing” zuständig.

Der Interviewer ist nicht etwa ein Künstler, denn die Kulturstiftung des Bundes ist offenkundig nur noch nominell mit Kunst und Kultur befasst. Sie hat bereits seit vielen Jahren eine eigene Kultur der sog. Initiativprojekte entwickelt, mit denen sie dem Staat genehme Themen als unabdingbare Fördervoraussetzungen für Kunstprojekte etabliert. Mit der Nummer 37 ihres Hausmagazins wird nun ihre neue Rolle als kulturell getarnter Arm der Bundeszentrale für politische Bildung offenkundig.

Um die Ziele der Corona-Kommunikation der Bundesregierung maßgenau einzuhalten, hat man vom Risiko der Wahl eines womöglich unabhängig denkenden Künstlers als Fragensteller abgesehen und Frau Buyx mit einem Ökonom sprechen lassen. Ökonomie ist ja ohnehin unsere stärkste Kultur.

Der Fragensteller Robert Lepenies ist ausweislich der Kurzbiographie des Kulturstiftung Professor für “heterodoxe und plurale Ökonomik” an der Karlshochschule in Karlsruhe. Drei Worte, drei Fragezeichen.

Mir fällt der Witz ein, dass am Hauptbahnhof Berlin für eilige Kunden auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch ein Visitenkartendrucker stehe, der unter der Namenszeile ein Feld für eine obligatorisch dreiteilige, englischsprachige Berufsbezeichnung bietet: “junior webdesign consultant” – die pompöse Null.

Um was geht es nun in dem Gespräch?

Das umfängliche Transkript ist kein Interview im engeren Sinn. Der Fragesteller assistiert der Befragten durchweg, ist hilfreicher Stichwortgeber. In einigen Fällen, in dem ihm die Gesprächspartnerin nicht scharf genug ist, radikalisiert er sie sogar.

Das Ganze steht im Zeichen der “Sollbruchstellen kommender Krisen”. Bereits die Anmoderation ventiliert die “Chancen institutioneller Veränderungen im Krisenmodus”: was könnten geeignete Maßnahmen sein zur notwendigen “Anpassung gesellschaftlichen Verhaltens” und unseren “Umbau für den Ernstfall”?

Wer sich von dem an sich schon hinlänglich eingetrichterten dystopischen Diskurs (“kommende Krisen” = es kommen gewiss noch viele – ohne zu fragen, wer sie macht; “Umbau” = du musst dich verändern, sonst wirst du verschwinden; “Sollbruchstelle” = alles wird kaputt gehen, weil es so vorgesehen ist) nicht abschrecken lässt, wird allerdings schwer verschreckt, wenn er liest, was im Kopf einer hauptberuflichen, regierungsnahen Ethikerin vorgeht.

Die “liebe Frau Buyx” (Lepenies) – um es gleich vorwegzunehmen – denkt, laut Selbsteinschätzug, “realethisch” (S. 13).

Was mag das bedeuten?

Wenn bei der klassischen Ethik das moralische Handeln im Zentrum steht, muss wohl analog bei der “Realethik” der Frau Buyx das Amoralische zulässig sein, wenn es denn nützt. So sagt sie schlussrichtig im Interview gegen Ende auch, das sittliche Verständnis (so etwa die direkte Übersetzung des Wortes Ethik) sei stets im (nationalen) Kontext zu betrachten sei: “Im Staatswesen geht die eigene Bevölkerung ganz klar vor den distant others.”

Dazu kommt mir ein Bild aus Berardis “Gibs auf!” in den Sinn: er sieht den sprichwörtlichen alten weißen Mann, der sich “Injektionen, Injektionen, Injektionen”, eine nach der anderen reinjagt, ein hässlicher bleicher Junkie, dem der globale Süden schnuppe ist.

Solche Gedanken darf man also haben und äußern, wenn man Mitglied des Etikrates ist. Damit keine Mißverständnisse entstehen, sagt Frau Buyx auch klipp und klar: die Betonung läge auf “Deutscher Ethikrat”.

Bis hier hin habe ich durchgehalten. Aber an dieser Stelle muss ich erwähnen, rein informativ: Frau Buyx ist knallblond und stinkreich.

Zur Ermittlung der Haarfarbe diente mir das Internet (Bildersuche). Den Beweis für ihre Gehaltsklasse liefert sie selbst. Auf die Frage “Zu welchen gesellschaftlichen Gruppen und zu welchen Ängsten haben sie denn einen besonderen Zugang?” antwortet sie keck:

“Ich war im positiven Sinne von vielen Angstkulissen isoliert. Unsere Wohnung war nicht winzig klein.”

Ja, das muss man wohl bestätigen: in der Ausgangssperre ist eine weitläufige Wohnung äußerst “positiv”! Auch junge erfolgreiche Frauen können alte weiße Männer sein.

Ich will nicht zu viel verraten von dem, was im übrigen Gespräch gesagt wird. Es lohnt, es einmal selbst zu lesen, um zu wissen, wohin “unser Zug” fährt.

Doch zwei Dinge liegen mir sehr am Herzen. Ich kann nicht schließen, ohne auf sie zu verweisen.

Frau Buyx ist eine ausgeschlafene Formulierungskünstlerin und beherrscht die Rhetorik des “project fear” wie kaum jemand sonst. Das Gespräch ist von Angst-Metaphern gerahmt, alle zentralen Kampagnen-Stichworte fallen gleich eingangs (Bergamo, Triage, “eigene Angst hat die Funktion, auf den Ausnahmezustand zu verweisen”, nicht zu vergessen die brandgefährlichen Narrative der Corona-Leugner etc.).

Zum Schluß zieht sie noch einmal alle Register ihre Redekunst. Sie benutzt die Figur der Verneinung, um Angst zu schüren.

Sie sagt: “Ich bin niemand, die sagt: Uns stehen jetzt Krisen ins Haus, die noch viel schlimmer werden als das hier. Das wäre Katastrophisieren. … Aber ja, so etwas wird wieder passieren, das war nicht die letzte Pandemie.”

Das ist schon sehr pfiffig, wie sie das macht. Sie streicht dabei gleich noch den Vorzug der “Krise” heraus: Pandemie, das sei ein gewaltiger “Innovationsschub”. Wir profitieren von der Katastrophe. Diesmal waren die “weltbesten Logistiker” aus Deutschalnd noch nicht federführend bei der Bewältigung der Krise beteiligt, aber diese “absoluten Spitzenunternehmen” werden eine “Art Task Force” aufstellen und sollten damit “jenseits von Legislaturperioden” künftig über ausreichende “Durchgriffsmöglichkeiten verfügen”, um die “Quadratur des Kreises” zu bewirken.

Womit wir beim zweiten Thema wären: dem Umbau unserer Gesellschaft nach der buyxschen Fasson, die im Kern die “Ethik” in den Rahmen der “Ökonomik” stellt.

Sie leitet das Motiv auf Seite 12 mit einem Zitat von David Rockefeller ein, ohne es als Zitat auszuweisen. Sie sagt: “Wir haben jetzt ein günstiges Gelegenheitsfenster, um uns neue Strukturen zu schaffen. Das muss man nutzen.”

Rockefeller sagte in seiner umstrittenen und oft als “deep fake” bezeichneten Rede vor dem Business Council der United Nations am 14. September 1994: “We are on the verge of a global transformation. All we need is the right major crisis and the nations will accept the New World Order. But this present window of opportunity… will not be open for long.”

Nun gut, selbst wenn das oft zitierte Wort eine Fälschung ist, so klingt doch “günstiges Gelegenheitsfenster” ziemlich exakt wie eine holprige google-translate-Übersetzung von “window of opportunity” und “Das muss man nutzen.” scheint mir doch recht ähnlich zu “will not be open for long.”

Warum Buyx ausgerechnet dieses Zitat benutzt, obwohl es in der Literatur als beständiger Beleg für das “Narrativ” der Verschwörungstheorethiker (“new world order”) gilt, oder ob sie diesen Gedanken genau in dieser Form selbst gedacht hat, ist mir nicht recht klar. Aber angesichts der zuvor aufgezeigten Gerissenheit der übergreifenden Konzeption ihrer Antworten mag ich nicht an Zufall glauben. Es ist eher ein offenes Kokettieren mit autoritärem (Berardi würde sagen “nazi-liberalem”) Gedankengut.

Dieser Eindruck bestätigt sich nur zwei Zeilen später. Frau Buyx möchte das Bundesgesundheitsamt wieder einführen. Sie hält diese Idee für einen “absoluten no brainer” (im Original kursiv, soll heißen: Zaudert nicht! Denn darüber gibt es kein Nachdenken!).

Das Bundesgesundheitsamt ist – wie schon zu vermuten war – tatsächlich die Nachfolgeorganisation des Reichsgesundheitsamtes und wurde von keinem Geringeren als Dr. Helmuth Kohl wegen schwerwiegender Fehler aufgelöst. Das ist offenbar der Typus von Historie, der Frau Buyx gefällt.

Nicht etwa, dass sie vorschlägt, etwas radikal Neues, ein Anti-COVID-Amt oder eine Pandemie-Präventionsinstitution, zu erfinden. Nein, es muss gleich die einzige Behörde sein, die je wegen Inkompetenz aufgelöst wurde.

Buyx sagt: “Es ist nun offensichtlich geworden, dass wir sie (die Institution Bundesgesundheitsamt) gebraucht hätten…”

Wen? Das Amt, das am 30. Juni 1994 nach fast 600 Toten infolge HIV-verseuchter Blutpräparate seinen Dienst beenden musste? Ein Amt, das schon wankte, weil es just zuvor einen Skandal hinter sich gebracht hatte, da Warnungen vor gesundheitsschädlichen Holzschutzmitteln unterblieben, die in seinen Zuständigkeitsbereich gefallen wären? Ein Amt, dessen Vorgängerorganisation zwischen 1933 und 1945 die Rassenpolitik der Nationalsozialisten umsetzte, indem es Zwangssterilisationen anordnete?

Was steht uns da – selbstredend nach deutsch-gründlicher Reformation des Amtes durch den Wirtschafts-“Liberalismus” und unter den Auspizien des Deutschen Ethikrates – ins Haus?

Ein ganz besonders effizientes Zwangsanordnungsorgan – eine pandemic response force?

“Liebe Frau Buyx”, sind Sie wirklich sicher, dass “nun offensichtlich geworden” ist, dass wir genau dieses Amt jetzt wieder brauchen?

Liebe Kulturstiftung des Bundes, liebe Hortensia Völckers, sind Sie in Ihrem Amt wirklich so geschichtsvergessen, dass Sie jemandem wie Frau Buyx ein Forum bieten, ihre Visionen über die “Anpassung (unseres) gesellschaftlichen Verhaltens” zu verbreiten? Einer Frau, die auf ihre luxuröse Wohnung stolz ist und als einzigen konkreten Vorschlag für den angeblich höchst notwendig anstehenden “Umbau unserer Institutionen für den Ernstfall” die Wiedereinführung eines Amtes vorschlägt, das wie kein zweites die Würde und Unversehrtheit der Menschen angetastet hat in den vergangenen Epochen?

“Liebe” Kulturstiftung, “lieber” Ethikrat!

Sie haben aus meiner Sicht mit der Verbreitung solchen Gedankengutes Ihre Berechtigung verwirkt, die Begriffe “Kultur” und “Ethik” im Namen zu führen.

Ich spreche Ihnen für die Veröffentlichung meine tiefe Verachtung aus.

Ich streiche Sie aus dem Kreis der von mir geachteten Kulturverwalter, Mediziner und Philosophen.

Treten Sie zurück!

Und wir?

Was sollen wir tun?

Wir müssen einem Land, in dem solche Gedanken unwidersprochen verbreitet werden, die Gefolgsamkeit aufkündigen!

Rassegnatevi!

Kaisergabel

Heute ist die erste Lieferung meines neuen Buches aus der Druckerei gekommen und ab morgen versandbereit! Es ist wie Unterdeutschland bei mox& maritz Bremen erschienen.

Eine Freundin schrieb mir heute dazu: “Beim Lesen der Ankündigung Deines neuen Romans musste ich unweigerlich daran denken, wie es uns mit unseren pubertären, sich gegen alles auflehnenden Kindern gegangen ist, wo schon ein „Guten Morgen“ die erste Lüge des Tages war. Weihnachten saßen wir dann auch nicht unter dem Tannenbaum – Weihnachten war als Kommerz-Veranstaltung verachtet und geächtet – sondern im Gorki-Theater und haben uns „Kommunismus für Wahnsinnige“ angesehen. Nun bin ich gespannt, wie es Deiner Romanfamilie ergangen ist.”

Die Diktatorin

Leseprobe: Auszug aus Olaf Arndts neuem Roman “KAISERGABEL”

Foto: Peter Hiltmann Hannover 2021

Am 16. Dezember 2021 beginnt die Auslieferung meines neuen Romans “KAISERGABEL”. Er erscheint – wie schon “Unterdeutschland” – bei mox&maritz Bremen und kann ab dem 10. Januar 2022 in jedem guten Buchladen bestellt werden. Wer unbedingt gern schon ein Exemplar vorab oder ein signiertes Exemplar haben möchte, schreibt mir eine Mail über diese Website.

1975. Wir haben schulfrei, meine Schwester und ich. Mutter hatte schon zum Frühstück gesagt, das sei kein Grund, morgens um 9:00 Uhr Schallplatten zu hören. Dabei tat sie wieder einmal so, als wenn sie nur mit mir redete. Meine Schwester behandelte sie wie Luft.

Von meinem Platz vor dem Fenster konnte ich über das kiesbedeckte Flachdach unseres Anbaus gucken, und über die Garage vom Telefunken-Direktor, deren Dach ebenfalls eingeteert und mit Kies bedeckt ist. Scheelhaases machen uns immer alles nach. Das nervt Mutter. Hinter der Garage die leere Straße. Wie üblich.

Über mir hängen zwei Poster. Der Mond, erdabgewandte Seite. Daneben T. Rex in schwarz-weiß, die seltene Beilage zur Erstauflage von Electric Warrior 1971.

Zwei Fotos, zwei Ziele. Erstens. Möglichst weit weg kommen von hier, auf die erdabgewandte Seite. Dabei zweitens möglichst lässig aussehen, so wie Marc Bolan. Er sitzt auf einem zerknautschten Sessel. Sein linker Arm liegt auf einem Stück weißer Spitze. Ich vermute, die Stickerei verdeckt eine Schadstelle an der Lehne. Während die rechte Hand komponiert, reibt die linke eifrig den Stoff runter. Ein blanker Fleck auf seiner Seele. Den will er natürlich nicht zeigen. Genies sind nicht nervös beim Komponieren.

Genies sind völlig entspannt.

Wie gesagt, der Sessel ist oll. Aber fett wie ein Thron. Vor dem Thron schwebt ein Glas Weißwein auf einem Glastisch. In seinem Rücken, klein wie Spatzen auf seiner Schulter, Mickey Finn und die anderen Musiker. Alles ist mit Orientteppichen ausgelegt. Nicht so mein Stil. Aber ich verstehe schon. So eine Teppichhöhle, das ginge bei Eltern gar nicht. Außerdem hat Bolan ein Bein untergeklappt. Der Stiefel steht auf dem Sitzkissen. Das ist pure Provokation. Mitten im Wohnzimmer. Die Schuhe auf dem Möbel.

Vater hat meinen Mond auf eine Pressspanplatte aufgezogen. Mit Leim. Weil Pressspan selbst hauptsächlich aus Leim besteht, hat er auch die Rückseite beklebt. Neutral, einfach mit einem Bogen Papier. Vater kennt sich aus. Er ist nicht umsonst Ingenieur. Techniker wissen, wie das geht. Wenn er sich schon die Mühe macht, soll die Platte sich nicht krummziehen.

T. Rex habe ich mit Tesa zwischen die lichtgrauen Regalböden von Dieter Rams geklebt. Nicht ideal. Dafür ging es schnell.

Vater hat für den Mond den ganzen Samstag Vormittag gebraucht. Blasen waren das Hauptproblem. Blasen mitten im Bild, da wo eigentlich Krater liegen.

Wir wohnen Nummer 1. Am Ende vom Sack. Oder ganz vorn, wie man’s nimmt. Jedenfalls direkt am Wendehammer. In der Nische vor Nummer 5, hinter den Scheelhaases, parkt der Mercury Cougar von Herrn Amiri.

Herr Amiri ist Perser. Seine Firma ist gerade pleitegegangen. Am Ihme-Zentrum. Den Cougar durfte er behalten. Beziehungsweise gehört der jetzt seiner Frau. Der Cougar ist kobaltblau metallic. Ein echter Lichtblick. Wenn es in Hannover ausnahmsweise mal nicht regnet, glitzert der Lack in der Sonne wie die Schah-Moschee.

Ölkrise hin oder her. Mit dem Cougar kommst du sehr schnell sehr weit weg von hier. Über die Fähre nach London zum Beispiel, T. Rex besuchen. In London regnet es auch dauernd. Nichts hat nur Vorteile. Vorläufig, solange der Führerschein noch in weiter Ferne liegt, bleibt mir wenigstens die Musik.

Marc grient mich an. Eine Locke hängt über seine Stirn an der Nase vorbei bis zum Kinn herunter. Er sagt, du schaffst es. Halte durch.

An der Anlage habe ich kürzlich viel verbessert. Die innen vergoldeten Lautsprecherkabel wurden neu verlegt. Schräg, ohne scharfe Knicke. Das optimiert den Sound, weil weniger Ohm entsteht. Habe ich mir sagen lassen. Ohm will man nicht haben. Der brummt.

Ich habe kalte Füße. Kein Sessel zum Hochstellen, wie in Bolans Wohnzimmer. Socken auf Teppichboden, das wärmt nicht richtig.

Wenn es stimmt, dass der ganze Bau aus massivem Kalksandstein bestehts, zwei Schichten gegeneinander gemauert, und mit den angeblich vollkommen ausreichenden sechs Zentimetern Coloroc zusätzlich gedämmt, dann musste das Konstrukt an dieser Stelle ein Loch haben, genau dort, wo ich saß, um Schularbeiten zu erledigen. Coloroc – die hinterlüftete Steinfassade aus Schweden hatte zweifelsohne von dort oben kalten Zugwind mitgebracht. Im Vertikalschnitt ohne Abstandsleisten kann man gut sehen, wieviel Platz für den eisigen Atem des Nordens da bleibt. Und überhaupt haben Vorhangfassaden nur einen einzigen Vorteil: Man kann die angeblichen Steine, in Wahrheit aufgeschäumte Rauhputzplatten, die mit echtem Stein soviel zu tun haben wie eine echt fotografierte Holztapete mit einem Brett, jederzeit von ihren säurefesten Bügeln an den Montageleisten herunternehmen und Ersatzschlüssel dahinterschieben. Oder Geheimbotschaften. Dabei kannst du aber für sicher davon ausgehen, dass du dir die Haut der Handrücken zerkratzt, weil die Kanten von dem Zeug messerscharf sind: Das Ergebnis von jahrelanger Forschung und Entwicklung. Solche kleinen Schrammen und Hautabschürfungen sind verräterisch. Immer beide Hände zugleich. Mutter wusste daher, wann wir wieder an der Fassade rumgefummelt und etwas dahinter versteckt hatten. Im Haus war wenig Chance, etwas unbemerkt zu tun.

Ich schaute auf die leere Gummimatte vom Plattenspieler und beschloss: Heute ist der Tag der Abrechnung:

Sippenpanorama I. Ich stamme aus einer ganz normalen Familie. Meine Mutter wäre, wenn es zu ihrer Zeit schon freie Berufswahl für Frauen gegeben hätte, sicherlich Diktatorin geworden.

Punkt. Das sitzt. Da kann ich direkt Teil zwei hinterherschieben.

Eingezäunt

Wohin uns Einzäunung führt, ist auf wunderbare Weise klar und erschreckend zugleich in Olivier Razacs kleinem Text Politische Geschichte des Stacheldrahts – Prärie Schützengraben Lager nachlesbar. Die Lektüre stellt eine sinnvolle Ergänzung zu den Beobachtungen von Hanna Mittelstädt dar, die heute in DIE AKTION erscheinen.

Die Pflicht, die gesamte Weltbevölkerung einer Gentherapie zu unterwerfen mit Mitteln, die bei ihrer Zulassung sämtlich noch nicht auf systematische Nebenwirkungen getestet, für deren Anwendung wir also Probanden waren, ist nicht nur medizinisch nach hinten offen, wie dieser Bericht zeigt, denn es wurden “bei BNT162b2-Empfängern (Biontech/Pfizer) vier schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen festgestellt: Schulterverletzung im Zusammenhang mit der Verabreichung des Impfstoffs, Lymphadenopathie in der rechten Achselhöhle, paroxysmale ventrikuläre Arrhythmie und Parästhesie im rechten Bein.”

Die Impfpflicht ist auch rechtlich interessant.

Die Bundesregierung zieht sich bigotterweise im Moment noch aus der Affäre, weil die Impfempfehlung ja “beim Kunden” in einer freiwilligen Annahme des Angebotes resultierte.
Sollte die gesetzliche Impfpflicht nun – wie es aussieht – kommen und somit die mRNA-Gentherapie auch rechtlich mit Impfstoff gleichbehandelt werden, hätte man bei Nebenwirkungen wohl prinzipiell einen Entschädigungsanspruch gegen den Staat.

In jedem Fall zeigt Hanna Mittelstädts Beobachtung ein Muster: Versuchskaninchen muss man einsperren, damit sie nicht weglaufen.

Kinderkarussell

Ein Gedankenpotpourri zum Thema Ausgangssperre für Ungeimpfte und 3B (das Berliner Nachimpfkonzept: alle gehen zum Boostern bei Beerenwein und Bratwurst ins Seniorenheim nebenan). Dazu einige philisophische Überlegungen von Giorgio Agamben über Sprache und Freundschaft, vorgeschlagen von unserer Freundin und AKTION-Autorin Hanna Mittelstädt.
Hocken wir – sinnbildlich gefragt – strampelnd auf einem Mini-Fahrrad im Kinderkarussell, das sich ohne unser Zutun immer schneller dreht? Oder sitzen wir schon auf dem rasenden Teufelsrad ?
Bevor es mit der Beantwortung dieser Frage losgeht, hier noch eine wichtige Information zum Thema Einfallsreichtum: der Playboy wählt zum zweiten Mal in Folge Herrn Drosten zum „Mann des Jahres“.

Du gehorchst, damit es aufhört. Aber solange du gehorchst, wird es nie aufhören.

Transparent auf einer Demo gegen den europäischen Impfpass in Italien

Rummelplatz

Fahrgeschäfte auf Jahrmärkten haben mich schon immer magisch angezogen. Ich bin aber selber nie eingestiegen. Andere zu beobachten hat mir gereicht. Vielleicht hatte ich Angst, nicht mehr rechtzeitig aussteigen zu können? Oder es gab ein traumatisches Erlebnis auf dem Kinderkarussell? Ich sass auf einem Karussellfahrrad und strampelte. Wie jedes Kind glaubte ich, das Tempo des Karussells hinge davon ab, wie stark ich in die Pedale trete. Als es mir zu schnell wurde, hörte ich auf. Das Tempo nahm trotzdem zu. Ich trat rückwärts. Bremste. Trotzdem: Schneller schneller! Ich schrie, zappelte, wollte absteigen, aber alle brüllten mich an: bleib im Sattel!

Ein Albtraum, für den meine Eltern Geld bezahlt hatten.

Fünfzig Jahre später. Ein Freund hat mir ein Klapprad geschenkt. Meine Knie passen nur unter den Lenker, wenn ich die Sattelstütze so hoch ausfahre, dass ich mir wieder wie auf dem Kinderkarussell vorkomme. Ich quäle mich gegen den Wind einen Damm entlang. Nach einer Stunde gebe ich auf und wende. Mit Rückenwind muss ich nicht einmal mehr treten. Die Fahrt geht immer zügiger voran. Der Kanal neben mir nimmt ebenfalls Fahrt auf. Schäumt über. Es kommen Böen mit Orkanstärke. Ich fliege voran, kriege wieder die alte Angst. Zum Glück, schießt es mir durch den Kopf, während ich fast schwerelos auf dem Klapprad dahinfliege, sind Rausch, Rummel und Volksbelustigung heutzutage eh verboten. Jedenfalls für Leute ohne Impfpass, Green Pass, Pass Sanitaire. Booster, Booster und noch ein Booster. Hohe Viruslast und Du bist schuld! Ich? Nein! Wer? Du? Doch ich. Ja, ich selbst. Aber was habe ich denn gemacht? Ist doch kein Karussell. Das ist ja eine Geisterbahn.

Achtung: veränderte politische Rahmensetzung!

Eingermaßen unbeschadet zu Haus angelangt, erhalte ich eine Email, die sich liest, als stamme sie direkt aus dem Antriebszentrum des Kinderkarussells.

Ich zitiere aus der Email und ihrem PDF Anhang (“Pressemitteilung des brandenburgischen Regierungssprechers Florian Engels zu Ergebnissen der Kabinettssitzung vom 23.11.2021”) nur die auffälligen Keywords – neben den Fragezeichen und assoziierten Worten, die beim Lesen in meinem Kopf entstanden.

Liebe Unternehmerinnen und Unternehmer in Brandenburg, Betreff: Informationen zur Corona-Landesverordnung Datum: 24. November 2021 13:18:40 MEZ, von der Potsdamer Industrie- und Handelskammer, dem “IHK-POT Corona”: Ausgangsperre für Ungeimpfte, Auswirkung auf den UNTERNEHMERISCHEN ALLTAG!? Viruslast, härtere Strafen, strengere Auflagen. Zwangsimpfung. Alle geimpft. Trotzdem: Volksfeste? Nein. Weihnachtsmarkt? Nein. Disko, Club, Festival? Nein. Bist du schon mal auf einem “Spezialmarkt” gewesen? Nein? Egal. Geht sowieso nicht mehr. Personenobergrenze. Einschränkung. Auslastung. Absage. Lohnfortzahlung? Nein. Kündigung. Ja! Körpernahe Dienstleistung? Nein! Aber was ist das denn nun wieder? Egal, sowieso kein Zutritt zu den jeweiligen Angeboten. Verordnung, Verordnung zur Eindämmung, Verordnung. Nur ungeimpfte Jäger sind ausgeschlossen von der Beschränkung. Ehrlich? Ja, so steht es dort! Ich schwöre. 3G, 2G, 2G-Plus-Regel, nein 3 G! 3G-Nachweise vor Betreten der Arbeitsstätte. Ausweitung, Ausweitung. Verpflichtet! Bei Nichtbefolgen Strafe. Vor dem ersten Luftholen: Berechtigung nachweisen! Erfasst, gültig, dokumentiert. Dynamische pandemische Entwicklung. Homeoffice, besser zu Hause bleiben, Rechte und Pflichten, Mut, verhindert, Hotline. Informieren Sie sich! Achtung: zeitweilig verzögert sich der Verbindungsaufbau aufgrund starker Frequentierung. Achtung: veränderte politische Rahmensetzung! Verschärft. Tägliche Überprüfung. Es drohen hohe Bußgelder.

Teststatus, Genesenenstatus, Sperre, Kontrolle, Absage, Konfliktmanagement, Verordnung.

Es saust nur so um uns herum: Überbrückungshilfe III Plus ist über Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und gelistete Rechtsanwälte zu beantragen. Ein Antrag auf Neustarthilfe Plus ist… am Ende, Enddatum, am Ende unnötig, denn das Ende ist da …ein Gelächter von fern, vom anderen Ende des Universums.

Trotz aller Einschränkungen möchte ich Ihnen auch mit Blick auf das kommende Jahr Mut zusprechen – die IHK Potsdam steht weiter an Ihrer Seite. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Peter Heydenbluth, Präsident Industrie- und Handelskammer Potsdam.

Meine Beine fangen an, wie lösgelöst von mir Radelbewegungen auszuführen, während ich den Text der Handelskammer lese. Aber rückwärts. Das ist fatal. Das geschenkte Klapprad hat dort, wo ich die Rücktrittbremse vermute, eine automatische Gangschaltung, die beim Rücktreten einen Gang höher schaltet.

Ich rase voran, wo ich bremsen wollte. Alles passiert scheints unabhängig von meinem Verhalten. Ich spüre: bald, unter der neuen “Fortschrittsregierung”, wird alles noch viel härter.

Nun kapiere ich endlich, was das Gefühl, wieder auf dem Kinderkarussell zu sitzen, mir sagen wollte:

ich komme “voran” ohne mein Zutun. Aber wohin?

Im Schnellverfahren verändere ich mich vom moderaten, demokratischen Kapitalismuskritiker zu einem angeblich radikalen Fortschrittsskeptiker, ohne dass ich das Geringste an meinem Verhalten geändert hätte.

Die Gegenwart wird mir zum Teufelsrad.

Auf dem Kinderkarussell “konsumierst” du positive und negative Erlebnisse: blitzhafte Eindrücke, schattenhäfte Sturz-Ängste, Fetzen eines größeren Zusammenhang, der schon vorüberhuscht, wenn du glaubst, ihn kurz als Schemen aufleuchten zu sehen. Eben war “die Logik” noch scharf, jetzt schon verwischt.

Die Fähigkeit zu sortieren, konsistente Gedanken zu formulieren, zusammenhängende Texte zu schreiben, die andere Leute als schlußrichtig verstehen können, vom Gedankenbruchstück zur Lösung zu gelangen, geht dir auf diesem “reality”-Kinderkarussell verloren.

Was tun?

Ich versuche dennoch, einige der Fetzen zum Bild zu fügen … es wird schwer, dem zu folgen, aber jeder Fetzen für sich enthält eine kleine Wahrheit, ist Teil des Puzzles, das ohne ihn nicht vollständig wird.

Der Übermut der Nachtwächter

Was mache ich nun mit diesem Dokument zur neuen Dimension des Zuhausebleibens?

Ich will mich ja gern an die Eindämmungsverordnung halten. Aber ich muss einfach zwischendurch mal raus. Mich bewegen. Im Namen meiner Gesundheit.

Ich bin verzweifelt. Der Übermut der Nachtwächter, die mich um 22 Uhr – solange ich keinen Jagdschein vorweisen kann – ins Bettchen schicken – er nutzt uns nichts.

Die ganze Impferei hat unsere Krankenhäuser mal wieder an ihre schon sagenumwoben niedrige Belastungsgrenze gebracht … ach, hätten wir doch nicht so viele Betten abgebaut, Intensivbetten. Nein, stimmt ja gar nicht, es sind die bösen Zwangsimpfungsverweigerer, die jetzt morgen früh vor dem Morgengrauen laut Herrn Spahn von der Bundespolizei abgeholt und im CSG (Club der sadistischen Genesenen) mal ordentlich durchgeimpft werden …

Jens Spahn im Wortlaut: „Ich habe das Bild schon vor Augen, wie wir Sahra Wagenknecht dann mit der Landespolizei zum Impfen schleppen.“

Wir schleppen, aber Spahn schleppt nicht mit. Denn: Er fände das absurd, ergänzt er nach dem Zitat. 

Körperlicher Zwang? Nein, nicht doch in einer Demokratie, die sich den lästigen Aufwand der körperlichen Peinigung durch strukturelle Gewalt (Ordnungsstrafen) ersparen kann.

Spahn versäumt aber auch nicht, das Bild schon mal an die Wand zu projizieren, für das dann Scholz, der Mann ohne „Beisshemmung“ gegenüber Kriminellen (=Impfverweigerern), die gesetzliche Grundlage schaffen wird.

Ist das gesponnen oder steht das vor der Tür?

Leider ist es ja so, dass man bei negativen Prognosen ungern recht behält, so dass ich darauf keinesweges stolz bin, aber.

Unser Freund, der mich Anfang 2020, als ich das alles kommen sah, belehrte, dass in einem Land, das Wildbrücken baut, niemals ein Impfzwang kommt, kann sich jetzt schon mal einen Presslufthammer beim Baugerätefachhandel ausleihen, um die Wildbrücken abzureißen – um damit den Widerspruch aufzulösen, den er mit seinem Gottvertrauen in „unsere” Politiker erzeugt hat.

Totale Soziale Tatsachen

Bald wird es so sein, wie auf diesem Bild:

Du gehorchst, damit es aufhört, aber solange du gehorchst, wird es nie aufhören.

Auf der Website il rovescio, von der auch das Foto stammt, heisst es weiter: “In Anlehnung an einen Begriff von Marcel Mauss können wir den Covid-19-Notstand als eine totale soziale Tatsache definieren. Sie brachte all das an die Oberfläche – sowohl in der Gesellschaft als auch in den “Bewegungen” -, was bereits vorhanden war, aber nicht gesehen werden konnte. Sich mit dieser totalen sozialen Tatsache nur bruchstückhaft auseinanderzusetzen, die sichereren und weniger problematischen theoretischen und praktischen Wege zu beschreiten, hat zu katastrophalen Folgen geführt und wird es auch weiterhin tun.”

Was war “unter” der Oberfläche los?

Das Liebesleben der Hyänen

Die Nachwendezeit (soll heißen: das globale Ende der großen ideologischen Widersprüche zwischen Kommunismus und Kapitalismus 1990) hat uns eine gewaltige Errungenschaft der Vorwendezeit urbar gemacht. Die (digitale) Technologie, die vor dem Kollaps des Kommunismus das “Gleichgewicht der Schrecken” gewährleisten sollte, war nun frei verfügbar für zwei ganz große Projekte, die seit dem Ende des 1. Weltkrieges unablässig verfolgte Wunschprojekte der „Fortschrittsregierungen“ waren:

– jede Person weltweit ist ins selbe System eingegliedert und somit persönlich haftbar zu machen. Dieses Projekt hat in Clintons “30 seconds”-Idee (jedermann weltweit innerhalb von 30 Sekunden aufspüren und wenn nötig neutralisieren) ihren Höhepunkt gefunden. Der Dronenkrieg hat dieser Vision die technische Machbarkeit nachgeliefert.

Erinnern Sie sich an die 3F-Strategie? find fix finish (finden fixieren den finalen Stoß verpassen)

Sie ist gut brauchbar heutzutage.

– jede Person weltweit soll mit demselben System einkaufen und bezahlen und zwar alles, was er zum Leben braucht.

Damit ist die nationale Identität von Geld (Währung) und jeder damit verbundene Spielraum endgültig aufgehoben. Was vorher Werte waren (Rücklagen, Besicherungen, vertrauenswürdigen Festlegungen) ist nun gegenstandslos. Geld kann jetzt jede physische Form aufgeben, da diese nichts Individuelles/Politisches mehr „transportiert“: man legt die dem Geldsystem Unterworfenen (=uns alle) damit auf eine einheitliche Inanspruchnahme durch den Gewinner im Ideologie-Wettbewerb (jetzt: Plattformkapitalismus = digitalen Finanzkapitalismus) fest.

Zu diesem Gedanken passt ein Text, den ich kürzlich zufällig wiedergelesen habe. Seinen Ekel vor der Heuchelei der Sieger des Kalten Krieges hat dereinst Heiner Müller in seiner Einleitung zu “Was von den Träumen blieb”, erschienen 1993 bei Wolf Jobst Siedler Verlag GmbH Berlin, auf den Punkt gebracht.

“Ein Kadaver kann dem Obduktionsbefund nicht widersprechen. Der historische Blick auf (den Kommunismus) ist von einer moralischen Sichtblende verstellt, die gebraucht wird, um Lücken in der eigenen moralischen Totalität zuschließen. Die Funktion der Medien in diesem Verdrängungsprozess bestimmt sich aus dem Systemzwang, die Probleme der Zentren an die Peripherie zu delegieren: der Rand wird “Zone”, das Problem wird eine “Nachricht”. …

(Mir) stellt sich die Frage, ob nicht alle Gesellschaftsentwürfe der Neuzeit mehr oder weniger gelungene Versuche sind, die Schrecken der Ausbeutung im Interesse einer Minderheit an eine Mehrheit zu delegieren oder im Namen einer Mehrheit an diverse Minderheiten, der Faschismus ein Laborversuch, der Stalinismus ein Vorauskommando auf dem Weg in die kapitalistische Zukunft. …

Auf den toten Gegner kann man jedes Feindbild projizieren, das vom Blick in den Spiegel abhält.”

Der Text mit dem schönen Titel “Das Liebesleben der Hyänen” (übrigens ein Zitat aus der ZEIT, die diesen Tiervergleich laut Müller nur benutzt, um den “Gegner in die Zone der Vernichtung” zu verweisen) liest sich doppelt hellsichtig, wenn man dieser Tage immer wieder vom ehemaligen “Osten” als der Hauptproblemzone im Eindämmungs-Krieg hört. Dresden, Thüringen etc., das ist quasi schon synonym mit Viruslast, Impfverweigerung, allgemein gesprochen identisch mit Verantwortungslosigkeit, AfD, PEGIDA, gleichbedeutend mit allem, was die Regierung nicht haben möchte.

K wie Kampagne, Kontrolle, Kapitalismus, Koronavirüs

Wir leben in interessanten Zeiten.

Wer hätte je gedacht, dass Plagen stärker sein würden als unsere für unfehlbar gehaltene Technologie der Gesundheit und des Sozialwesens? Oder war es gar nicht die Technologie der Gesundheit und des Sozialwesens, die fehl ging?

Giorgio Agamben sagte kürzlich auf der Website “Illwill” (Das Übelwollen):

“Es geht nicht um den Impfstoff, sondern um den politischen Gebrauch des Impfpasses.”

Er führt dazu weiter aus:

“Der Mensch kann nicht leben, wenn er sich keine Gründe und Rechtfertigungen für sein Leben gibt, die in jedem Zeitalter die Form von Religionen, Mythen, politischen Überzeugungen, Philosophien und Idealen aller Art angenommen haben. Es scheint, dass diese Rechtfertigungen heute zumindest für die reichsten und am stärksten technologisierten Teile der Menschheit verschwunden sind, so dass die Menschen vielleicht zum ersten Mal mit ihrem reinen biologischen Überleben konfrontiert werden, das sie offenbar nicht akzeptieren können.

Nur so lässt sich erklären, warum sie, anstatt sich auf das einfache und liebenswürdige Zusammenleben einzulassen, das Bedürfnis verspüren, einen unerbittlichen sanitären Terror zu errichten, in dem das Leben ohne jede ideale Rechtfertigung bedroht und in jedem Augenblick mit Krankheit und Tod bestraft wird. So wie es keinen Sinn macht, die Freiheit im Namen der Freiheit zu opfern, so ist es auch nicht möglich, im Namen des bloßen Lebens auf das zu verzichten, was das Leben lebenswert macht.”

Wer profitiert nun von dieser Reduktion auf das “nackte Leben”, das “rein biologische Überleben”?

In Drill, insbesondere im Abschnitt über kapitalistische Egoismuspflege, habe ich mich, wie ich es nun eine Woche später empfinde, nicht ausreichend genau ausgedrückt. Hier eine der vielen denkbaren und notwendigen Ergänzungen.

Es dürfte ja unbestritten sein, dass Kapitalismus heutzutage das global herrschende Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ist. Somit unterliegt die Mehrheit der Menschheit den Verkaufskampagnen dieses Systems.

Im Kapitalismus gibt es keinen Wechsel der Kampagne. Alle Kampagnen dienen einem einzigen Ziel: Reichtum.

Ein Kampagnenziel, das Volksgesundheit heisst, existiert nicht. Aber gegen das Reichwerden mit Gesundheitsanwendungen hat der Kapitalismus nichts einzuwenden.

Insbesondere dann nicht, wenn die staatlich moderierten Konditionen, unter denen die Gesundheitsanwendungen verkauft werden, gleichzeitig Verdienstoptionen auf allen der Gesundheit benachbarten Feldern, also der allgemeinen Versorgung der Bevölkerung eröffnen. Ich spreche von Bringdiensten und Onlinehandel.

Zum Verdienen benötigt dieses System keine individuellen Konsumenten mehr. Konsumenten sind jetzt die Staaten selber, die in unmittelbaren Kontakt mit den globalisierten Konzernen treten.

Dies ist kein Phänomen, das sich auf den Gesundheitsmarkt beschränkt. Das gleiche Phänomen lässt sich ebenso bei einer der größten Industrien weltweit, der Autoindustrie, beobachten. Nicht mehr der “enduser” soll den Wagen konsumieren, sprich kaufen. Das soll künftig der Staat tun, die Gemeinde, die Mobilität zur Verfügung stellen möchte. Mit dieser Vision hat Mercedes beispielsweise seinen autonomen Smart der Weltöffentlichkeit präsentiert.

Ähnliches auf dem noch gigantischeren Kommunikationsmarkt.

Kein Nutzer soll sein Telefon allein zum privaten Kommunizieren mit irgendwelchen für den Markt zunächst uninteressanten, für die großen Geschäfte und Plattformen des Kapitals nicht einträglichem privaten Bekannten verwenden.

Telefonieren, absolut genauso wie Strom verbrauchen, soll nachvollziehbaren, wirtschaftlich nachnutzbaren Traffic generieren. Nur damit lässt sich etwas verdienen. Deswegen ist das Telefon auch kein Gesprächsapparat für enduser, sondern ein Knoten im Netzwerk des online-Handels.

Unsere Kinder, um ein drittes Beispiel zu geben, sollen künftig nicht mehr in die Schule gehen, um sich mit Bildung aufzuladen, die womöglich noch ein kritisches Abwehrpotenzial generiert. Kinder sollen in der Schule mit dem kritikfreien Gebrauch von digitalen Zugangs- und Endstellen vertraut gemacht werden, die später wirtschaftlich ausgeschlachtet werden. Ihre Stimmen und Gesichter sollen über entsprechende Kommunikation-Softwaresysteme wie Zoom die künstliche Intelligenz trainieren – dies in einer bislang unvorstellbare Dimension und Geschwindigkeit. Diese Systeme werden dann wiederum eingesetzt, um den Umsatz zu verbessern.

Deswegen benötigt der Einzelne im Prinzip künftig keine Barschaft mehr. Mit Barschaft wäre er freier in seiner Konsumentscheidung. Auch könnte er auf den fatalen Gedanken kommen, die Barschaft zu horten, etwas anzusammeln, dass ihm eine gewisse Macht und Freiheit gibt. Dies kann durch die Abschaffung von Bargeld mühelos ausgeschlossen werden. Denn für ein zentralisiertes durchkapitalisiertes digitales System wäre es besser, er würde numerische Zuteilungen in Form von digitalem Geldersatz erhalten, dessen Einsatzzweck klar definiert ist: in seiner Verwendung festgelegt durch den Staat und die in stützenden wirtschaftlichen Einheiten.

Wir sind bereits auf dem besten Weg. Mit den Gutscheinen vom Amt kann man auch nur bestimmte Dinge einkaufen. Und damit nicht gemogelt wird, beobachten alle genau ihren Vordermann in der Schlange und halten ihn mit den Sozialpunkten im Schach.

Damit der Staat genau solche Operationen auf allen Feldern durchführen kann, muss er allerdings seine Erscheinungsformen wechseln. Als Demokratie kann er das nicht tun. Jedenfalls nicht ohne über sich selbst zu lügen.

Wie komme ich zu dieser Überzeugung? Warum erzähle ich angesichts von COVID19 etwas über Kinder und Bildung, über Autoproduktion, über Telekommunikation und was hat das alles mit Gesundheit zu tun?

Um es ganz unmissverständlich und auf die aktuelle Lage bezogen zu sagen:

Die Pharmaindustrie des konzernkapitalistischen Zeitalters wendet sich mit ihren Produkten nicht an individuelle Einzelpersonen als schutzbedürftige Konsumenten. Der Kunde der Impfung ist nicht der Bürger, der seine Gesundheit schützen will. Der Kunde ist der Staat.

Um eine der größten Errungenschaften der Menschheit, die Erfindung der Impfung, als konzernkapitalistisches Umsatzziel durchzusetzen, zerstört die aktuelle Politik eine noch wesentlich größere Erfindung der Menschheit: die Demokratie.

Wie kann nun ein einzelner Bürger, der so eine Strukturveränderung der Demokratie nicht hinnehmen möchte, aktiv werden?

Sichtbar machen

Vielleicht ist unsere Arbeit die, die Il Roviesco so beschreibt: Sichtbar machen, was nicht sichtbar ist.

Das, was nicht sichtbar ist, ist “der Schattenbereich des Gesagten, die Gewalt hinter der Entwicklung, die Kontrolle hinter der Sicherheit, die Disziplin hinter der Erziehung, die Sklaverei hinter dem Smartphone, die Einsamkeit hinter der Verbindung, der blutbefleckte Keller unter dem demokratischen Salon, die Gesten der Rebellion, die nie erzählt wurden, die Unzufriedenheit hinter dem falschen Lächeln, das dringende Bedürfnis nach Liebe hinter der Wut, die verschiedenen Klassen hinter der Gemeinschaft, der Staat hinter dem Gemeinwohl.”

Ich hätte ja von mir selbst nie gedacht, dass ich dereinst mal einen blog schreiben und “Sachen sichtbar machen” würde, so ein mistiges Stück selbstgefälliger Veröffentlichung von bloß persönlichen Ansichten – so sah ich das vor Corona.

Dann ergab sich das blogschreiben durch meine Rückfahrt letztes Jahr im ersten Totallockdown am 16.3.2020. 

Ich erinnere noch ganz genau die Situation, in der der Entschluss entstand.

Meine Freundin Janneke und ich sassen an der deutsch-französischen Grenze fest, am Rhein bei Mülhausen.

Die Brücke war zu und drüben auf der deutschen Uferstrasse patroullierte Bundespolizei – im Einsatz gegen etwas Unsichtbares, das durch Singen, Blasen und gemeinsam Essen übertragen würde. Es lauere auch auf Türklinken, Toilettendeckeln und Handybildschirmen.

Wir hatten – zum ersten Mal in unserem Leben – „kontaktlos“ eingecheckt. Jemand hatte uns einen Schlüssel hingelegt in einem desinfizierten Briefumschlag. Hohes Gruselllevel. 

Ich zog mir die Vinylhandschuhe an, denn ich musste noch mal zum Auto runter – es stand vor dem Hotel auf dem Parkplatz  – und irgendetwas für die Nacht rausholen. Ich drehte mich um und sah auf die Fassade des Hotels zwanzig erleuchtete Zimmer, alle Zimmer in der gleichen Ecke den Fernseher, auf allen Fernsehern Macrons Gesicht in Nahaufnahme, ein lautlos sich bewegender Mund unter zu allem entschlossenen Augenbrauen. Er verkündete den Krieg gegen das Virus. Orwell wäre mit meiner Beobachtung zufrieden gewesen.

Das Bild muss ich für alle aufbewahren, die nächstes Jahr vergessen haben, wie es Anfang 2020 war, dachte ich. Wie alle glaubte ich, der Spuk sei in wenigen Monaten vorbei. Ich sendete den Text zur Telepolis und – nach den gängigen statistischen Ermittlungsverfahren – lasen mehr als eine halbe Million Leser den Text, der eigentlich nur eine läppische Beobachtung beinhaltete – in einer, wie ich später allerdings merkte, bedeutenden Situation.

Der große Hebel war umgelegt worden. 

Vielleicht spürten das all diese Leser auch.

Nun publizierte ich plötzlich dauernd irgendeine Kleinigkeit, ohne tieferen Plan und höheres Ziel, alltägliche Beobachtungen.

Vielleicht am allermeisten, um meinen Nichten, die immer wieder in den Beobachtungen vorkommen, das Entstehen einer neuen Gesellschaft ab ovo zu zeigen – denn das so etwas Einschneidendes auf dem Weg sei, das fürchtete ich gleich, nach all den Jahren der Beschäftigung mit den Strategien der Anwendung struktureller und direkter Gewalt durch Systeme (Staaten).

Heute stelle ich fest, ich schrieb diese fast zwei Jahre eigentlich nur über zwei Dinge: 

Freundschaften, die an der Strukturumstellung kaputt gehen und Sprache, die kaputt geht, weil sie nur noch dazu dient, in Verordnungen Informationen über die Unterwerfungspläne ihrer Verfasser zu verbreiten. 

Dadurch entstand das, was allgemein eine Lüge genannt wird von Kritikern der Maßnahmen. Sprache dient nicht mehr der Aufklärung, nicht der Findung der Wahrheit.

Ich plante sogar, dies in einem “Wörterbuch des Unrates” kenntlich zu machen. Der Titel war natürlich an Sternbergers Wörtbuch des Unmenschen über die Sprache des Nationalsozialismus angelehnt.

Darüber habe ich nun zwei Jahre lang veröffentlicht: Sprache und Freundschaft.

Dann sehe ich beglückt: ich war nicht ganz allein damit.

Meine Freundin, die ehemalige Nautilus Verlegerin und AKTION-Autorin Hanna Mittelstädt, schreibt mir:

“In Hamburg ist jetzt alles dicht für Ungeimpfte, nur noch der Supermarkt (und die Apotheke) steht offen. Allüberall Einlass nur noch für Geimpfte (und Genesene). 

Keine Kultur, kein Lokal (nicht mal draußen, nicht mal to go), keine Bibliothek, keine Ausstellung, kein Laden. Test für jede Bus- oder Bahnfahrt. 

“Wir werden sie austrocknen, die Luft muss ganz dünn werden, die müssen´s so richtig spüren, dass es nur eine Lösung gibt.”

Und das, während die Lösung bereits offenbar keine Lösung ist. Die Impfung gibt Schutz für maximal 6 Monate, danach bitte nachspritzen. Die Geimpften können sich infizieren wie die Ungeimpften, sie übertragen das Virus ebenfalls. Die Hospitalisierungsrate unter den Geimpften ist in etwa gleich wie die der Ungeimpften.

50 % der Inzidenzen sind Kinder bis 14 Jahre, die sich regelmäßig in der Schule testen müssen, und die die Krankenhäuser nicht belasten.

4000 Intensivbetten wurden seit Ausbruch der Corona-Krise wg. Personalmangel geschlossen. Gäbe es die noch, gäbe es überhaupt kein „Hospitalisierungsproblem“.

Die Lohnerhöhung des Verdi-Abschlusses für Pflegekräfte liegt unter der Inflationsrate, Verbesserungen der Arbeitssituation werden nicht umgesetzt.

Warum diese Ausgrenzung, dieser absurde Diskurs, diese heißgelaufene Rechthaberei? Dieser enggeführte Tunnelblick?

Ich kann nur sagen: „I would prefer not to“ und meine abgrundtiefe Verachtung für diesen Staat und seine Verteidiger*Innen bestätigen.”

Zum Schluß Ihres Briefes zitiert sie aus einer aktuellen Rede von Giorgio Agamben:

“Was ist also in einer solchen Situation zu tun?

Auf individueller Ebene sollte man natürlich zunächst einmal das, was man immer versucht hat, gut zu machen, auch wenn es keinen Grund dafür zu geben scheint, umso mehr tun.

Aber das ist natürlich nicht genug. Ich habe an die Überlegungen gedacht, die Hannah Arendt 1943 angestellt hat, denken Sie an das, was sie durchgemacht hat, noch schlimmer als das, was wir durchmachen: Sie sagte, sie frage sich, inwieweit wir der Welt verpflichtet sind, auch wenn diese Welt – wie in ihrem Fall, da sie Jüdin war – uns ausschließt; oder auch wenn wir selbst gezwungen sind, uns zurückzuziehen – und sie bezog sich auf diejenigen, die während des Nationalsozialismus in einem Zustand lebten, den man innere Emigration nannte – unter anderem kann es sein, dass wir gezwungen sein werden, in einem Zustand der inneren Emigration oder des Klosters zu leben. Aber hier sagte sie: Vielleicht sind wir noch etwas schuldig, wir sind noch etwas schuldig, und deshalb hat Hannah Arendt in diesem Text merkwürdigerweise – aber ich denke, das ist wichtig – die Freundschaft als ein mögliches Prinzip der Wiederherstellung einer Gesellschaft in der Gesellschaft, einer Gemeinschaft im Staat genannt.

Ich glaube, dass es angesichts der zunehmenden Entpolitisierung der Individuen – denn wir sind heute Zeugen eines Prozesses der Entpolitisierung des individuellen Lebens, das ist offensichtlich – wichtig wäre, in der Freundschaft das Prinzip einer neuen Politik, einer neuen Politisierung zu finden.

Bevor die Menschen in einem Land oder in einem Staat lebten, hatten sie ihre Lebensgrundlage in einer Sprache, und ich glaube, nur wenn wir in der Lage sind zu untersuchen und zu verstehen, wie diese Lebensgrundlage manipuliert und umgewandelt wurde, werden wir in der Lage sein zu verstehen, wie die politischen und juristischen Veränderungen, von denen wir gesprochen haben, stattfinden könnten. Das heißt, die Hypothese, die ich vorschlagen möchte, ist, dass die Transformation der Beziehung zur Sprache die Bedingung für alle anderen Transformationen der Gesellschaft ist.

Wir sind uns dessen nicht bewusst, denn wenn man darüber nachdenkt, ist die Sprache dieses seltsame Ding, das in dem verborgen bleibt, was wir benennen, um es zu verstehen; tatsächlich können wir nur sprechen, wenn wir dieser Sprache Aufmerksamkeit schenken.

Ich glaube jedoch, dass es kein Zufall ist, dass der große Wandel, der sich mit der industriellen Revolution in England und der politischen Revolution in Frankreich vollzog, in gewisser Weise von einer Reflexion über die Problematisierung der Vernunft, d.h. dessen, was den Menschen als sprechendes Tier definiert, begleitet wurde, wenn nicht sogar vorausging. Ratio kommt von dem Verb reor, das zählen, rechnen bedeutet, aber auch sprechen, aber verstanden im Sinne von redde rationem, Rechenschaft ablegen, und daher fällt dieser Traum von der modernen Vernunft mit einer Art Rationalisierung der Beziehung zur Sprache zusammen, einer Umwandlung der Sprache, die es ermöglicht, Rechenschaft abzulegen und nicht nur die Natur, sondern vor allem das Leben der Menschen ganzheitlich zu regeln.

Und was ist das, was wir Wissenschaft nennen, wenn nicht eine Praxis der Sprache, die dazu tendiert, im Sprecher jede ethische, poetische und philosophische Erfahrung des Wortes zu eliminieren, um die Sprache in ein Instrument des Informationsaustausches zu verwandeln und, an der Grenze, etwas, auf das man verzichten kann – es ist klar, dass das Ideal der Wissenschaft darin bestünde, auf die Sprache verzichten zu können, sie durch Zahlen, Algorithmen zu ersetzen.

Warum kann uns die Wissenschaft niemals glücklich machen? Weil die Wissenschaft im Grunde davon ausgeht, dass der Mensch ein biologischer Körper ist, der dazu neigt, dumm zu sein: Das Wort ist in Klammern gesetzt. Hier ist die Frage, die ich stellen wollte: Welche Veränderung müssen wir uns in der Beziehung zur Sprache vorstellen, damit das, was geschieht, stattfinden kann? Das Außergewöhnlichste an dem, was wir erleben, ist, dass eine Lüge heute offensichtlich ist, die Lüge ist offenkundig, das heißt, wir müssen nicht nachdenken, um zu verstehen, alles, was geschieht, ist offensichtlich, und doch scheinen die Menschen die Fähigkeit verloren zu haben, in ihrem Denken, in ihrem Sprechen Wahrheit von Lüge zu unterscheiden.

Wenn heute Ärzte, Juristen, Wissenschaftler einen Diskurs akzeptieren, der völlig auf die Idee einer Frage nach der Wahrheit verzichtet (natürlich sind viele dafür bezahlt worden, das ist in Ordnung, aber wenn wir nicht diejenigen meinen, die dafür bezahlt wurden) – dann haben sie offensichtlich in ihrer Sprache die Fähigkeit zu denken verloren, das heißt, in der Schwebe zu halten (Sie wissen, das Denken von pendere, in der Schwebe halten, kommt), sie können nur noch rechnen oder wiederholen.

In dem Meisterwerk der Ethik des 20. Jahrhunderts, Hannah Arendts Buch über Eichmann, stellte Arendt fest, falls Sie es gelesen haben, dass Eichmann ein vollkommen rationaler, rationalisierender Mensch war, nicht einmal ein schlechter, sondern ein vollkommen rationaler Mensch, und dass er daher in der Lage war, durch seine Vernunft die komplexe Operation des Transports der Juden in die Lager zu organisieren. Aber was fehlte diesem Mann dann? Ihm fehlte die Fähigkeit zu denken, aber nicht im Sinne von Theorien aufstellen, nein, Denken ist in erster Linie die Fähigkeit, den Fluss des Diskurses zu unterbrechen. Eichmann konnte den Fluss des Diskurses, der Befehle nicht unterbrechen, also hatte er etwas im Kopf, das er nur befolgen konnte, das er niemals in der Schwebe halten konnte, denken. Die erste Aufgabe, vor der wir stehen, besteht also darin, ein federndes, d.h. ein poetisches und denkendes Verhältnis zu unserer Sprache zu finden. Nur so können wir aus dieser Sackgasse herauskommen, die meiner Meinung nach wahrscheinlich zum Aussterben – wenn nicht physisch, so doch zumindest ethisch und politisch – der Menschheit führen könnte.”

Soweit das Zitat von Agamben. Was helfen uns seine Worte?

Die Regierenden informieren uns unablässig über ihre täglich “veränderte politische Rahmensetzung”: heute dicht, morgen zu, übermorgen nicht mehr nachts rausgegehen.

Es ist ein Dauerfeuer, auf das wir alle mit Angst reagieren.

Dreht das Kinderkarussell etwa nicht weiter… rast nicht die Wirklichkeit, unbeeindruckt von einem philosophischen Wort, um uns herum – an uns vorbei?

Wir müssten die Notbremse ziehen. Aber die Regierung hat sie vorsorglich demontiert.

Abspringen?

Geht leider nur bei voller Fahrt.

Es ist aber alternativlos.

Verlasst das Karussel, bevor es zu spät ist. Ehe es zu schnell dreht, um noch ohne den größten Schaden abzukommen.

Der größte denkbare Schaden: Verlust von Sprache und Freundschaft.

Handelt jetzt!

Desertiert aus der falschen Gesellschaft.

Lassen wir uns nicht von der Angst regieren.

Drill

Über den Zusammenhang zwischen Booster-Impfung, Schweinefleisch und Kadavergehorsam

Die artige Bürgerin

Eine Freundin, zweimal geimpft, “alles richtig gemacht, so wie es soll”, schreibt mir aus Berlin: “Die Zahlen steigen wieder. Alle reden davon, dass die Ungeimpften schuld sind. Ich habe keine Lust auf eine dritte Impfung. Oder noch schlimmer: jährlich mindestens eine.”

Sie fragt sich: Wo soll das alles enden? Und: Wem nutzt das?

Sie sagt, sie sei eine “artige Bürgerin”. Sie habe den digitalen Impfnachweis, weil der andere ja leichter fälschbar sei. Sie sei für Sicherheit. Aber sie wollte auch mal wieder ins Theater.

Sie hätte sich nie vorstellen können, dass das Reinkommen ins Berliner Ensemble je so anstrengend wäre: “mit Kontrolle von Impf-App + Ausweis(!)”. Wer nichts zu verbergen hat, macht sich nackt. Woher all das Misstrauen, der ganze Verdacht auf Betrug?

Dann drei Stunden Nibelungen mit Maske und Sitzabstand.

In der Pause durfte meine Freundin an der Bar zwar einen Wein bestellen, sich aber mit dem Glas nicht im Haus bewegen.

Die Seuchenschutzregeln als eine komplette theatralische Inszenierung zum Thema Gehorsamkeit und Selbstunterwerfung: ein Drill, wie einst in der Inszenierung “The brig” von The Living Theatre : eine weiße Linie als Züchtigung und Strafe. Alles dreht sich darum, dass niemand die Linie überschreiten darf.

Der Staat verlangt von uns in Sachen Corona-Maßnahmen bedingungsloses Vertrauen: die Nibelungentreue. Doch womit hat er sich das Vertrauen verdient? Oder ist der Drill die Einübung eines Gehorsams, der die Voraussetzung bildet für die möglichst widerstandslose Einführung einer neuen Wirtschaftsordnung?

Der folgende Text ist meine (öffentliche) Antwort an die Freundin.

I. Nibelungenfront

Liebe …, mit höchstem Interesse habe ich deinen Bericht von der Nibelungenfront im Berliner Ensemble gelesen. Vielleicht ist es das ideale Stück zur Zeit. Vielleicht erkennen wir erst bei einer Aufführung unter solchen Bedingungen, was Nibelungentreue bedeutet.

Ein Stück, das man schon immer hätte vor einem maskiertem, bis zur Willenlosigkeit reduzierten Publikum spielen müssen. Auch lese ich mit dem gehörigen Entsetzen, das einem feuchtkalt in die Knochen kriecht, was deine Schwester erlebt: als Ungeimpfte, die von ihrer (selbstverständlich geimpften) Geschäftspartnerin, “zu ihrem eigenen Schutz” in ihrem eigenen Büro Hausverbot erteilt bekommt.

So hart schlagen die Genesenen zu. So weit haben wir die Verhältnisse schon auf den Kopf gestellt.

Deine Schwester soll zu Hause bleiben, um nicht mit artigen Bürgern, die sich mit dem von ihnen erwarteten Gehorsam zur rechten Zeit haben ihre Dosis verpassen lassen, in ein Ansteckungsverhältnis zu geraten. Warum sagt der offenbar sehr ängstlichen Geschäftspartnerin niemand, dass sie lügt? Dass sie unverschämt ist? Dass sie keine Berufsausübungsverbote für Ungeimpfte verhängen kann? Dass ihre Vakzinierung sie nicht zu exekutivem Verhalten berechtigt?

Klar ist: “Einmal impfen und dann gut” – das (womit wir gerechnet hatten) gibts nicht. Wir sollen immer wieder unter die Nadel. Uns in immer kürzeren Zyklen “boostern” lassen. Nur wenn die Angst vor Durchbruch, Mutant und nächster Welle permanent akut bleibt, lässt sich weiter so regieren wie zur Zeit. Noch zwei, drei Jahre und die alte Wirtschaftsordnung ist endgültig kaputt. So effizient zerstört, wie das bislang nur ein Krieg geschafft hat.

Liebe …, ich kann diese weltgeschichtliche Volte, diese Dressurnummer, bei der wir immer wieder im selben Kreis laufen, zwar als solche wahrnehmen, sie Dir aber nicht konsistent erklären.

Lass mich anstelle dessen ein paar verstreute Gedanken aus den Lese-Erlebnissen und Begegnungen der letzten Wochen zusammentragen.

II. Die Toten können uns retten

Wir waren kürzlich für ein längeres Interview in Hamburg bei Klaus Püschel. Es ging bei dem Treffen überhaupt nicht um Corona. Es ging um Forschungsmaterial zu einem Gattenmord: eine Köpfung, die Gegenstand meines nächsten Buches sein soll.

Aber wir kamen natürlich nicht umhin, das Thema Corona anzusprechen, insbesondere weil wir eingangs vollmaskifiziert versucht haben, gemeinsam Kaffee zu trinken.

Püschel hat dabei etwas Hochinteressantes erzählt, das in groben Zügen auch in seinem neuen Buch “Die Toten können uns retten. Wie die Rechtsmedizin hilft, Krankheiten zu erforschen und das Sterben zu verhindern.” nachzulesen ist.

Es ging dabei um seine Kritik am Lockdown. Püschel stellt die simple Frage, warum Deutschland im internationalen Vergleich so gut abgeschnitten hat, was die Zahl der Toten durch Corona anbelangt? Natürlich, weil Deutschland ein so gutes Gesundheitssystem hat. Warum hat Deutschland ein so gutes Gesundheitssystem? Natürlich weil es eine so solide und gut funktionierende Wirtschaft hat, die gewaltige Mengen Steuern aufbringt, die zu gutem Teil in das Gesundheitssystem einfließen. Was passiert mit dieser Wirtschaft, wenn die Politik Lockdown anordnet? Sie macht natürlich weniger Umsatz. Der Staat erhält entsprechend geringere Einnahmen. Darunter leidet das Gesundheitssystem.

Mit ein wenig Zynismus könnte man an dieser Stelle, Püschel auf die Spitze treibend, sagen: Lockdown macht krank.

Ein wenig ist es mit dem Lockdown so, wie früher mit dem Krieg: grosse Bereiche der Wirtschaft gehen in die Knie, einige wenige ausgewählte Industrien verdienen enorm. Es ist ein brutaler Prozess der Aussiebung, der in einer gewaltigen Umschichtung von Reichtum, in einer Neuaufstellung der Wirtschaftsordnung mündet, bei dem die kleineren Mitspieler wie immer den Kürzeren ziehen.

III. Schweinefleisch

Das erinnert mich ein wenig an eine Stelle aus “Freund und Feind. Zwei Erinnerungen” , von John Maynard Keynes.

Keynes beschreibt eine Szene im Wirtschaftsrat, die am 12. Januar 1919 nach Ende des I.Weltkriegs spielt: ein Treffen, bei dem es um die Frage der Aufrechterhaltung des Embargos gegen Deutschland geht. Präsident Wilson ist zu tiefst entschlossen: “Solange der Hunger weiter nagt, werden die Fundamente der Regierung weiter bröckeln.”

Gleichzeitig sollte, so notiert Keynes, das Embargo für Fette aufgehoben werden: unabhängig von der Klärung der Frage, wie Deutschland die Versorgung mit Nahrungsmitteln bezahlt, während – nach Auffassung vieler anwesender Politiker – vorrangig zunächst Entschädigungszahlungen für den Krieg zu leisten wären.

Hintergrund der Freigabe der Fette war, “dass Mr. Hoover auf riesigen Lagerbeständen geringwertiger Schweineprodukte zu hohen Preisen sitzt, die er um jeden Preis an irgend jemanden loswerden muss, auch an die Feinde, wenn es nicht bei den Verbündeten geht.”

Der minderwertige Speck musste weg, damit Herr Hoover wieder ruhig schlafen kann, resümiert Keynes.

Die Siegermächte verkauften also dem besiegten Deutschland das schlechte Fett und liessen sie es mit dem Geld bezahlen, dass man ihnen ohnehin im Rahmen der Reparation wegnehmen wollte. So würde durch das miese Geschäft die Begleichung der Kriegsschulden menschlicher aussehen.

Die Treffen weiss Keynes wie einen Krimi zu erzählen, auch wenn sie zunächst für lange Zeit ergebnislos bleiben. Dass die Versorgung der vom Krieg ohnehin schwer geschwächten deutschen Bevölkerung keine gesundheitlichen Ziele hat, wird überdeutlich: die “Verpflichtung aus Gründen der Humanität” (die Lebensmittellieferung in den Worten der Propaganda) soll vor allem die Gefahr einer revolutionären Neuorientierung des besiegten Landes abwenden helfen, da man allgemein fürchtete, dass Deutschland unter zu viel Druck “in den Bolschewismus abgleiten könnte”, (Keynes).

Mit anderen Worten: nach den sich über Monate hinziehenden diplomatischen Verhandlungen zeichnete sich zunehmend ein Bild ab von einem unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch, “wenn die körperliche Entbehrung (der Deutschen) sich nicht bald mildern liesse.” Die Freigabe der Fette aber blieb streng an die gewünschte Gegenleistung (“Gold!”) geknüpft, sprich an eine bedeutende Summe, die man sonst gewiß nur unter großen Schwierigkeiten aus den Deutschen hätte herausleiern können.

Das Fettgeschäft stand all die Verhandlungszeit über aus rein finanziellem Kalkül grundsätzlich außer Frage. Es ging nur um den richtigen Zeitpunkt der Freigabe der Lebensmittellieferung. Verkaufte man zu früh, bekämen die deutschen Oberwasser und wollten den Friedensplan mitbestimmen. Verpasste man den geeigneten Moment, spielte man den Russen in die Hände und der Schaden wäre unermeßlich, mit Gold nicht aufzuwiegen.

Schweinefleisch und Ruhe. Kapitalismus statt Bolschewismus.

Ich kenne keine Passage in der jüngeren (Wirtschafts-)Geschichtsschreibung, in der so plastisch deutlich wird, welchen Wert der einzelne Mensch, “das Volk” in solchen Verhandlungen besitzt im Vergleich zum Wert des Wirtschafts-Systems.

Dieser tiefe Eindruck verdankt sich natürlich dem erzählerischen Talent von Keynes.

Da konferierten also 1919 – nicht unähnlich wie heute – hunderte von hochgebildeten Menschen über die politische Zukunft unserer Welt: Politiker und Militärs, die im Namen ihres Volkes und im Namen der Menschlichkeit zu handeln vorgeben.

Unter dem Strich ging es jedoch nur darum, einen guten Schnitt mit einem ohnehin zum Abstoßen bestimmten Lagerbestand von schlechtem Schweinespeck zu machen. Falls man den Deal am Ende noch als humanitäre Leistung verkaufen kann, umso besser.

IV. Die Diffamierung des Dagegenseins

Es leuchtet ein, dass erfolgreiche (Wirtschafts-)Politik vornehmlich darin besteht, der grossen Masse Schaden zuzufügen, um das Prinzip des permanenten Größenwachstums aufrecht zu erhalten – als Prinzip der individuellen Bereicherung einzelner “Kriegsgewinnler”. Wo alles über Jahre, Jahrzehnte stabil bleibt, lässt sich kein Gewinnzuwachs erzielen. Deswegen ist Destabilisierung die Voraussetzung einer nachfolgenden Steigerung. Grundlage erfolgreichen Wirtschaftens.

Das galt nicht nur 1919. Das gilt ungebrochen auch 100 Jahre danach, heute.

Ein weiterer Weltkrieg, ein globaler Systemzusammenbruch 1990, Dutzende von Wirtschafts- und Finanz-Krisen, sowie Staatsbankrotte und ein heraufdräuender planetarer Öko-Kollaps haben das System, das mit seiner Wachstumsideologie all die zuvor beschriebenen Katastrophen ausgelöst hat, eher befestigt als geschädigt.

Natürlich profitieren dennoch viele von uns von einer Wirtschaft mit ständigen Zuwachsraten. Irgendwer fällt zwar immer hinten vom Tisch herunter, aber im Großen und Ganzen läuft der Laden – trotz oder gerade wegen der andauernden Katastrophen. Was kaputt geht, muss repariert werden und das spielt Geld in die Kasse.

Auch wenn es sich widersprüchlich anhört, so gilt doch, dass immer mehr Menschen im Prinzip davon profitieren, dass immer weniger Menschen immer mehr gehört. Dass die vermeintlichen Lösungen der Probleme aus dem gleichen Geist entstehen, der das Problem erzeugt hat. Denn das schafft ständig neue Arbeitsplätze.

Solche vermeintlichen Lösungen heißen heute Geoengineering oder Digitalisierung als wundersame Geldvermehrung jenseits jeder Besicherung durch das, was einmal Werte waren. Morgen heißen sie vielleicht Weltraumkolonisierung – durch private Superunternehmen.

All das birgt nur eine einzige Gefahr: je stärker diese Polarisierung voranschreitet, desto mehr sind alle der Willkür der Wenigen ausgeliefert. Die Wenigen könnten morgen beispielsweise das demokratische, für alle gleichermassen zugängliche Bildungssystem abschalten, weil solide Bildung für alle zu viele kritische Fragen produziert und für den Konsum sowieso überflüssig ist.

Sie könnten übermorgen entscheiden, dass Freiheit ein überbewertetes Privileg sei, nicht geeignet, allgemein verfügbar zu sein. Mit anderen Worten: ein Irrtum des ideologischen 20. Jahrhunderts, das sich wirtschaftlich nicht rechnet. Was wir Bürger in der Denktradition der antifeudalen Revolutionen einmal mit Freiheit meinten, sollte nun wiederum nur den Wenigen “dort Oben” zustehen. Der Rest der Menschheit hat künftig die “leichte” Aufgabe, Knöpfchen zu drücken und über Bildschirmscheiben zu wischen. Sie werden stillgestellt mit der Wahlfreiheit zwischen den im Angebot befindlichen Produkten. Die Masse soll zuhause sitzen bleiben und keinen Ärger machen. Und die Klappe halten.

Um das zu erreichen, diskreditiert die gegenwärtige Politik jeden kritischen Impuls als gemeingefährlich. Wir sind in einer Phase der Demokratie angekommen, die das Dagegensein diffamiert, mit anderen Worten: das Demokratische an ihr ablehnt.

Damit kommen wir zur Frage des Vertrauens in die Politik.

V. Vertrauen

Der Staat verlangt von uns seit zwei Jahren, in denen unsere Rechte eingeschränkt sind, dass wir seiner Kompetenz in Sachen Gesundheit vertrauen.

Was ist die historische Voraussetzung für die Annahme, dass der Staat das Richtige für seine Bürger entscheidet? War es nicht zuvor ein Privileg der westlichen Nationen, dass der Bürger für sich selbst entscheidet?

Man lese hierzu noch einmal in “Ego” von Frank Schirrmacher nach: hieß es nicht immer, dass der Kommunismus seine Bürger bevormunde, indem er wisse und befehle, was gut für sie sei?

Ein kurzer Blick auf die Geschichte der Entscheidung des Staates in Sachen Gesundheit, wohlgemerkt: der “westlichen” Staaten, lehrt uns etwas anderes.

Als die westlichen Staaten sich für die Atomkraft entschieden, wer kümmerte sich da um die Gesundheit der Bürger? Wurde an Krebs gedacht, und abgewogen, ob Strom ohne Ende oder die Gesundheit der Bürger wichtiger sei?

Das gleiche gilt für die Atombombenversuche auf der Erdoberfläche: die Sorge um die gesundheitliche Unversehrtheit war dabei nicht sehr präsent.

Wie war es, als der Staat die Energiesparlampe und darauf das LED-Licht zwangseinführte? Wurde dem Bürger da gesagt, dass er unter Schlafstörungen leiden würde aufgrund der falschen Farbtemperatur? Augenleiden zu gewärtigen hätte? Dass er hochgiftiges Quecksilber ins Grundwasser eintrage, wenn er die Leuchtmittel in den Hausmüll wirft? Wo war bei dieser wirtschaftlichen Entscheidung der Fokus? Auf der Gesundheit der Bürger?

Wie ist es mit der Abwrackprämie für Autos gewesen? Wurde die Gesundheit des Bürgers bedacht, als man ihn mit der Prämie köderte, einen Neuwagen zu erwerben? Oder ging es um den Umsatz der Konzerne?

Wie ist es mit der staatlich angeordneten Energiesparverordnung? Wurde dem Bürger das Risiko für seine Gesundheit klargemacht, als man ihn aufforderte, jedes Haus außen 30 cm dick mit chemischen Produkten einzupacken, von denen die Feuerwehr bis heute nicht weiß, wie sie sie löschen soll? Vom Desaster einer ungeklärten Entsorgung von abertausend Tonnen von Schaum einmal ganz abgesehen.

Wurden dem Bürger bei der Einführung einer umfassenden Digitalisierung die Gefahren klar gemacht, die ihm gesundheitlich drohen, wenn er einen Großteil seiner Lebenszeit krummbucklig vor LED-Bildschirmen sitzt und sich im Kreuzungspunkt von Strahlung befindet?

Ja, wer zwingt ihn, krumm zu sitzen? Er könnte ja auch gerade sitzen, auf einen wirbelsäulenmotivierenden Sitzball, er könnte die neueste chinesische Sprach-KI nutzen, statt sich die Finger an der Tastatur zu ruinieren und mit dem Gerät ins Gespräch kommen! Jedermann könnte es auch radikal einschränken: nicht den ganzen Tag mit dem Drehen von Clips für Tiktok verbringen, nicht sein Privatleben auf Instagram hochladen, nicht tindern, facebooken oder tweeten.

Es einfach lassen. So simpel geht das, süchtig machende Medien los zu werden. Wir sind doch freie Menschen, oder? Es ist doch ganz einfach, sich zu entziehen, oder?

Genug Sarkasmus!

Es wurde jedenfalls bestimmt staatlicherseits nichts vorgesehen, als es beim “new screen deal” (Naomi Klein) um die seelische Gesundheit der Bürger hätte gehen müssen.

Oder erinnert jemand dass unser Seelenheil gegen den Umsatzanstieg des Onlinehandel abgewogen wurde , als man die Bürger dazu brachte, einen Großteil ihrer Persönlichkeit nur noch im Netz zu entfalten?

Wurde die seelische Gesundheit der Schüler beachtet, die ihre Jugend jetzt in Zoom-Konferenzen und hinter Masken verbringen müssen?

Geht es bei der Sorge, dass sich alle die dritte Dosis Impfstoff abholen, wirklich um unser aller Gesundheit?

Woher kommt der Druck, dass wir alle das entsprechende Zertifikat auf unser Mobiltelefon laden?

Haben sich die Minister Europas, die sich hauptberuflich mit Landwirtschaft und Energie befassen, Gedanken gemacht, als sie die Bioökonomie-Richtlinien einführten, ob die Umnutzung von Flächen, die früher zur Nahrungsmittelerzeugung dienten und nun die verblüffend wenig effiziente Biomasse produzieren und dafür Millarden von Tonnen genetisch manipulierter Organismen nutzen, gut für die Gesundheit der Bürger ist?

Die Fragen lassen sich von jedermann, der sich nicht vollständig der unkritischen Hörigkeit oder anderen Formen von Stumpfsinn verschrieben hat, relativ leicht beantworten, so dass ich dies hier nicht stellvertretend tun muss. Es lassen sich sicher auch einige “gute Gründe” benennen für die zuvor zitierten Entscheidungen. Aber die Annahme, dass das Gute, die Gesundheit von Mensch und Natur, gewollt war, dass es das Leitmotiv aller Entscheidungen gewesen sei, liegt nicht sehr nahe. Das Gute war vielleicht – ähnlich wie 1919 beim Verkauf des schlechten Schweinespecks – ein brauchbares Verkaufargument und ein sicherer Schutz vor der Entwicklung einer breiten kritischen Front.

Worauf also stützt sich das im Fall von Corona geforderte Vertrauen in die Entscheidungen und Maßnahmen der Regierung ?

Geben wir wirklich so voller Überzeugung, dass es richtig und alternativlos sei, unser Leben, unsere Gesundheit in die Hände von Regierungen, die uns in den letzten fünfzig Jahren mit Atomkraft, fragwürdigen Konzepten zur Erreichung von Energiesparzielen und einer hochgradig gesundheitsschädlichen Digitalisierung beglückt haben?

Sehen wir nicht das wirtschaftliche Kalkül hinter jeder einzelnen dieser Maßnahmen? Zahlen wir nicht gerade einen recht hohen Preis für unsere Nibelungentreue?

VI. Die Zügelung der Freiheit

Die Auswahl der Textstellen, liebe B, die ich dir heute sende, sind von keinerlei Stringenz gekennzeichnet. Ich habe sie zufällig gefunden, aber sie reihen sich schlüssig aneinander und verstärken das Gefühl, dass man nur bei sehr alten Texten auf Stellen trifft, die noch von einer gewissen Pluralität des Denkens zeugen.

Ich stolpere über einen sehr sperrigen Text, den ich schon lange auf dem Tisch liegen habe, bei dem ich nie über die ersten Seiten hinausgekommen bin. Ein Text – aus einem anderen Jahrtausend. “Die Einübung des Ungehorsams” von Ulrich Sonnemann. Das Un- vor dem Gehorsam liest sich heute wie ein Druckfehler.

In dem Text von 1964 geht es um eine Mentalitätsgeschichte der Deutschen, die gefühlt “gerade eben” das Dritte Reich hinter sich gebracht haben und dessen Exponenten noch weitgehend in der Macht stehen.

Der jüdische Philosoph Sonnemann war Häftling im KZ in Gurs. Er hatte Anfang der Sechziger bei seinem Wiedergutmachungsverfahren in der BRD, in die er Mitte der Fünfziger Jahre zurückgekehrt war, um nicht “die endgültige Bestimmung meines Verhältnisses zu meinem Geburtsland den Nazis anheimzustellen“, entsprechende Richter kennengelernt.

Es geht aber auch – und daher stammen meine im Abschnitt zuvor benutzen Worte – um die völlig “Verstumpften”, die bereit sind, alles zu schlucken, denn was “dort oben” entschieden wurde, muss ja richtig sein. 

Es geht um die “Hassbereitschaft” der Masse der Mitläufer (ein Wort, das mir angesichts der Stigmatisierung der Ungeimpften höchst aktuell scheint) und um die von der Regierung verhängte “Zügelung” der Freiheit (Berufsverbote, Notstandsgesetze).

Sonnemann sagt, die Freiheit sei ja wohl kein Pferd.

Liebe …, ich bin nun weit von deinen ursprünglichen Fragen zur Gegenwart abgekommen. Aber es gibt ein paar markante Gedanken, die nicht alt werden, die mir helfen, mit der Gegenwart zurecht zu kommen und ich fand verblüffend viele davon bei Sonnemann.

In Sonnemanns Texten liest Du Sätze wie: “Schon damals wusste man ja, dass der Staat keine von oben eingesetzte Ordnung und gerade in Ordnung also nur dort ist, wo er die Prüfungen der Vernunft besteht.” 

Denkt heute niemand mehr so etwas?

Oder schweigt er still, weil er denkt, so wie Du sagst: “leider darf man ja überhaupt nichts mehr sagen (und denken), was nicht pc ist. aber grundsätzlich müssen doch verschiedene ideen / gedanken / gegensätze / meinungen möglich sein, ohne gleich eine terroristin zu sein oder schlimmeres…”

Die (auch das ein Zitat von Sonnemann) “Diffamierung des Dagegenseins” ist eine deutsche Spezialität – mit langer Tradition.

Wenn man das jenseits des historischen Kontextes liest, fällt einem auf, dass all das, was wir gerade erleben, wirklich und wahrlich nicht zum ersten Mal passiert. Aber was haben wir daraus gelernt?

Die Deutschen, gemeinhin von außen, aus der Perspektive fremder Nationen betrachtet, als das “Land der Dichter und Denker” angesehen, hatten selbst ja schon immer einen klammheimlichen Hass gegen eigenständiges Denken. 

In den Sechzigern ging es noch ganz gut. Da hatte unsere Gesellschaft ein vielköpfiges Gegenüber von unbequemen Geistern, Peter Brückner, Carl Amery, die ganze Frankfurter Schule und ihre Kritische Theorie. Insgesamt sicher einige Hundert. Heute ist die Zahl solcher widerständiger Köpfe gefühlt unter fünf gefallen.

Wenn also 2020 ein Hans Ulrich Gumbrecht – wohl gemerkt im Zusammenhang mit der sogenannten “Coronakrise” – von den Intellektuellen als den “Claqueuren der Mehrheitsmeinung” spricht, wird eine Hetzjagd veranstaltet, wie zu Zeiten von McCarthy.

Wie kommt unter solchen Bedingungen nun die notwendige kritische Relativierung der Regierungsposition, der angeordneten Verhaltensweisen zustande?

VII. Die gesunde Wirklichkeit

Der Zufall spielt uns im Moment viele interessante Gesprächspartner zu. Kürzlich haben wir beim Wandern zwei Briten getroffen, reiche Leute, wie sich am Ende der Route zeigte, als sie in ihr Boxter-Cabriolet einstiegen. Beide in der Pharmaindustrie tätig, wo sie ein Berufsleben mit Ärzten und Konzernen verbracht haben. Mit den Spitzen der Impfstoff-Forschung von Astra Zeneca sind sie privat befreundet. Beide schon lange geimpft.

An der frischen Luft und fern jeder Maskierung lag das Thema Corona nicht nahe. Dann brach es durch: die trotz zweier Impfung steigenden Zahlen würden benötigt, weil die Verteilung des Boosters vor der Tür stehe. Wir kriegen keine einzige überprüfbare Zahl dafür geliefert, sagen die beiden. Ob der Booster sinnvoll ist, kann ich nicht beurteilen. Aber eins ist unübersehbar: ohne das “verblüffend erfolgreiche Projekt Angst” (so nannten es unsere britischen Gesprächspartner) wird keine einzige Dosis Booster verkauft. Insofern, resümierten sie, könne man es als gesicherte Erkenntnis ansehen, dass, wenn alle Ärzte, alle Politiker, alle Vertreter der Pharmaindustrie einer Meinung seien, man es nicht mit einem gesundheitlichen Problem, sondern mit Propaganda zu tun habe.

Mit der „gesunden Wirklichkeit“ jedenfalls sei es vorbei!

Was genau mochten sie meinen mit Propaganda? Wir fragten nach. Ich fasse, was ich verstanden habe nachstehend zusammen.

Propaganda lebt von Verhetzung. Die Beweisbarkeit ihrer Argumente nimmt sie nicht besonders ernst. Eine Formel, der sich die aktuelle Propaganda bedient, lautet daher die “Pandemie der Ungeimpften”. Ob medizinisch etwas dran ist oder ob die verbliebenen paar Prozent Ungeimpfter überhaupt auch nur die kleinste Kräuselwelle im aktuellen Gesundheits-Geschehen auslösen könnten, bleibt dabei gegenstandslos. Hauptgegenstand der propagandistischen Verlautbarungen ist die Durchsetzung der autoritären Linie.

Das ist nach meinem Verständnis, was die beiden Briten meinten, als sie davon sprachen wenn alle Mediziner offiziell einer Meinung wären, dann…

Diese Form der Hemmungslosigkeit, die sich in Rechtsaussetzungen, Gesetzesverschärfungen, Straferhöhungen und Einschränkungen aller Art äußert, ist die politische Kehrseite der zuvor beschriebenen wirtschaftlichen Polarisierung, der Umverteilung von Arm zu Reich.

Der emotionale Aspekt dieser Hemmungslosigkeit, auf kollektiver Ebene, ist die Verachtung, zumindest Geringschätzung aller, die sich nicht dem Diktat des Gleichmachens unterwerfen. Die Verfemung Andersdenkender.

Sie markiert einen sehr alten Konflikt zwischen der Masse derer, die gleich sind (“flexibel”) und den wenigen, die (“stur”) anders bleiben. Damit keine Unsicherheit aufkommt, dass das, was man entschieden hat, richtig war, müssen alle, die es anders sehen, aus der Gesellschaft ausgeschieden werden. Nur unter Gleichen ist man sicher.

VIII. Das Unbehagen

Wie, liebe …, lassen sich all diese disparaten Aspekte, diese Versatzstücke aus Texten und Gedanken, zu einer Summe bringen?

Vielleicht so:

Der Staat hat sich mit Einmischung ins Privatleben seiner Bürger aus gutem Grund schon immer verdächtig gemacht. Den aktuellen Empfehlungen zur Eindämmung der Pandemie zu vertrauen, ist zudem eine schwierige Angelegenheit, wenn er – wie wir zuvor gesehen haben ­– den Bürgern keine nachvollziehbaren, keine belastbaren Daten liefert, er auf Einschüchterung und Angst, statt auf Einsicht und Kooperation setzt, wenn er im Verdacht steht, mit den Maßnahmen nur das von seiner Regierungsspitze zugrunde gesparte Krankenhaussystem vor dem Kollaps bewahren zu wollen, eben damit nicht auffällt, welcher Schaden zuvor schon angerichtet wurde, wenn er sich urplötzlich mit solch einschüchterndem Elan bis an die Grenze zum Zorn um unsere gesundheit kümmert, ein verhalten, das nahezulegen scheint, dass etwas Anderes, ungleich Schlimmeres verborgen werden soll – könnte dies eine aus Gewinnsucht bereits vollzogene Ruinierung der Fürsorgeeinrichtungen sein, von denen wir bislang dachten, dass ihr Erhalt unverbrüchlich zu den Aufgaben des Staates gehört?

Ich meine, die Summe der Erfahrungen unseres Lebens erlaubt uns nicht, vorbehaltlos anzunehmen, dass der Staat das Beste für seine Bürger will und dies verlässlich und prioritär organisiert.

Daraus erwächst für uns die Pflicht, seinen Anordnungen kritisch zu begegnen, um herauszufinden, in welche Zwangslage wir angesichts von Corona wirklich geraten (sind).

Wo so viel Profit im Spiel ist, wie wir jetzt nach zwei Jahren erkennen können, wo so viele Menschen mit kleinen Geschäften in Bereichen wie Kultur, Dienstleistung oder Einzelhandel, von denen sie zuvor zwar nicht luxuriös, aber doch recht anständig leben konnten, nun ruiniert sind, wo so viel schwer nachvollziehbare oder oft völlig an den Haaren herbeigezogene Kostensteigerungen (zB. bei Baumaterialien, Papier etc. pp.) “der Pandemie” wie einer Ausrede zugerechnet werden, ist tiefe Skepsis wohl das Mindeste.

Insbesondere aber dort, wo der Staat unmittelbar in unseren Körper hineinregiert und ihn mit streng ausgeübter Befehlsgewalt pharmakologisch versorgt.

Dass aus dieser Lage ein “Unbehagen in Permanenz” (Sonnemann, Einübung des Ungehorsams, S.12) entspringt, leuchtet ein.

Wie ist dieses Unbehagen zu verstehen? Die Menschen wollen nicht opponieren, ahnen jedoch zugleich, dass sie damit womöglich das Falsche bestätigen. Sie entschließen sich, alles mitzumachen, auch wenn es einer kritischen Überprüfung nicht standhielte, eben weil sie Angst haben. Sie treiben sich mithin selbst die konzertiert geschürte Angst aus, indem sie gutheißen, was ihnen abverlangt wird, ohne es zu überprüfen. Sie profitieren, indem sie sich sicherer fühlen. Das Unbehagen aber schwindet nicht.

Es würde zum Ausbruch kommen, wenn man skeptisch bliebe. Aber alle wollen das Unbehagen los sein. Skepsis gilt daher nicht mehr als überlebensnotwendig, sondern im Gegenteil: bedrohlich.

Keiner soll die Empfehlungen hinterfragen: “Ich habe nichts falsch gemacht, wenn ich das tue, was der Staat mir rät.”

Dass dieser psychische Mechanismus bei uns so reibungslos funktioniert, lässt sich nur so erklären, dass die Deutschen – mit ihrer vielfach gebrochenen Obrigkeitstreue von geradezu mythischer Dimension (Sonnemann erwähnt in diesem Zusammenhang den “sagenhaften Siegfried und den abermals sagenhaften Biedermann”) – sich mit aller Kraft über die “Beunruhigungen des Abgrundes hinweghelfen” wollen.

Scheinrot

Ogott, jetzt auch noch ein Wahlkommentar – nach all den Corona-Artikeln, die der Leser kaum noch lesen mag, geschweige denn möchte der Autor freiwillig weitere schreiben.
In solchen Zeiten ist es manchmal besser, sich wie beim spätsommerlichen Fahrradfahren in der Abendsonne zu verhalten: Maul zu und durch. Die Fliegen prallen ab und fallen tot zu Boden. Besser, als wenn man sie runterschluckt.

Denunziation

Die SPD ist – wie viele autoritäre Parteien – nur ganz äußerlich rot. Das sagen schon die Plakate. In Berlin plakatiert die SPD eine Kandidatin, die rothaarig ist: angeblich „rot bis in die Haarspitzen“. Abgesehen, davon, dass man schon platt ist, wie chauvinistisch dieses Plakat daherkommt, zeigt es deutlich, welches Rot gemeint ist: das Scheinrot.

Der Kanzlerkandidat Scholz – freigestellt auf monochrom rotem Hintergrund: ein freundlicher Führer, dem allerorten der fehlende Bart angemalt wurde – ist entsprechend der Farbe ein Scheinriese. Geht man näher heran, schrumpft er zum Zwerg, wenn auch zum Giftzwerg. Viele werden ihn wählen, weil sie Laschet nicht mögen, der sich nicht einmal zur Größe eines Scheinsöder hat aufschwingen können.

Aber wer ist dieser Scholz eigentlich? Ist er nicht eiserner als die „Eiserne Lady“, unsere „Mutti“?

Wir, die wir vor Corona noch zu Demos gingen, erinnern:

“In Hamburg ist nach dem G20-Gipfel vom Regierenden Bürgermeister Olaf Scholz die Behauptung aufgestellt worden, es habe keine Polizeigewalt gegeben. Scholz ergänzte: “Das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise.” … Die Hamburger Härte sei die angemessene Reaktion auf die von den Demonstranten vorgetragene Gewaltbereitschaft.

Scholz hat abgelehnt, dass es eine institutionell vorgegebene Gewalt wäre. Er wollte die institutionelle Gewalt, die die Polizei als Institution hat, als friedliche Institution, die wollte er retten und nur eingestehen, dass es Überreaktionen gegeben hat. Den Begriff der “Polizeigewalt” könne man eigentlich nur verwenden in Bezug auf Ausrutscher, auf individuelle Übergriffe.“

Soweit meine damalige Anmoderation in der Telepolis.

Keine Beißhemmung

Dann kam ein heute noch interessanter persönlicher Kommentar des Kriminologen Fritz Sack, den wir im selben Beitrag zu G20 interviewt hatten.
Sack, selbst 50 Jahre SPD Mitglied, sagte über seinen Parteigenossen:
„Ich habe den Scholz mal erlebt, genau vor dieser Schill-Wahl. Da hat die SPD Wochen vorher noch versucht, einen Personalwechsel einzuleiten. Damals war ich Mitglied in der Polizeikommission, und die Polizeikommission hatte eingeladen zum Tag der Offenen Tür auf dem Polizeigelände. Das war irgendwo in Winterhude. Der neue Innensenator Scholz stellte sich mit den Worten vor: “Ich habe keine Beißhemmung gegenüber Kriminellen.” Das war der Begriff, den er dort verwendet hat. Wie er jetzt agiert hat – ungeschickt agiert, wie ich finde -, das erinnerte mich daran. Keine Beißhemmung. Dass er eigentlich die G20-Gelegenheit benutzte, instrumentalisierte, um einen Schandfleck von Hamburg zu bereinigen.“

Scheinheiligengipfel

Ja, gut, wer keinen autoritären Kanzler will: wen wählt er dann?
Die grüne Scheinmutti mit der kleinen Steuerhinterziehung, über deren Bekanntwerden sie selber „sich am meisten ärgert“?
Sie ist scheinfürsorglich, aber fraglos und nachgewiesenermaßen selbstbegünstigend.
Eine vorgebliche Klimaschützerin, die schon jetzt schokoladenbraun ist von ihrer eigenen, sicher noch kommenden „Operation Abendsonne“.
Haben sich nicht gerade gestern schnell noch vor der Wahl all die scheinheiligen Scheuers und anderen Schurken 71 (sic!) gutdotierte Stellen um die 10.000,00 € geschaffen – auf Kosten des Steuerzahlers?

Solche Schlawiner sollen wir wählen?

Eher stelle ich mich scheintot.

Generation Korrektiv

Das Bild über diesem Artikel trägt die Unterschrift: “Schon genesen oder noch gesund?”

(Die Genesenen, Teil II)

Unter den Blumen des Bösen aus der Sprach-Zucht der autoritären Demokraten treiben die Regelungen und Erlässe der Ministerien besonders schöne Blüten. Heute stelle ich die SchAusnahmV vor, einen Turbobrüter für die Ängste von Impfzwang-Paranoikern. Wer wissen will, ab wann und wielange er zum Beispiel ein Genesener ist, muß sich mit der frisch geschärften Machete höchster Aufmerksamkeit durch einen Urwald tautologischer Sätze den Weg zur Antwort bahnen.
Dabei wird er feststellen, dass G3 eine reine Marketingformel ist, die den Anschein freiheitlicher Wahl erwecken soll. Wer das dauernde Testen leid ist, kann sich ja impfen lassen. Faktisch herrscht schon G1: Nur Geimpfte dürfen uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Wie man dieses “Faktum” am besten als akzeptabel und alternativlos verkauft, erkläre ich im selben Beitrag. Ein wenig verrate ich schon vorab: durch solide Korrektur der falschen Einstellung!

Warnung: Lesen Sie nur weiter, wenn Sie nichts gegen Glossen über ernste Themen haben und es kaum abwarten können zu erfahren, wie man verkehrte Ansichten richtig stellt.

Faktencheck
Sprache findet nicht im leeren Raum statt. Sie bildet gesellschaftliche Entwicklungen ab, in düsteren, wie in aufgeklärten Zeiten. Die Romane “LTI” von Victor Klemperer, “PLN” von Werner Krauss und das “Wörterbuch des Unmenschen” von Sternberger et al. legen beredetes Zeugnis darüber ab, wie sich Verwerfungen sozialer Art in verworfener Sprache Ausdruck verleihen.

Die offizielle Sprache, die Sprache der Verlautbarungen, ist immer ein Machtinstrument. Deshalb lohnt die Beobachtung ihres Wandels. Wir können aus ihm rückschließen auf die Wandlungen in den Gehirnen, auf den “herrschenden” kollektiven Geist. Wer einen Ausdruck definiert, besitzt die Macht über das mit ihm Bezeichnete.

Seit etwas mehr als zehn Jahren geistert ein Hybridwort durch die politische Landschaft. Es bringt in denglischer Unform auf den Begriff, was Gegenstand dieses Artikels sein soll: Faktencheck.
Seit Beginn der neuen Zeitrechnung namens “Corona” ist der Faktencheck zum Gradmesser der Loyalität geworden: wer den Check nicht besteht, ist Staatsfeind. “Fakten” sind so zu “Lesarten” verkommen. Der nachweisbare Sachverhalt biegt sich ährendünn im Wind der Staatsräson, der scharf aus der Richtung Wirtschaft bläst, die neue Felder zum Bestellen sucht.

Die Reichsverweser des Faktencheck sind Agenturen, mit allverfügbarem Stiftungs- oder Wagniskapital gegründet von jungen Leuten, die ich im Sinne dieser Reihe als “vollständig Genesene” bezeichnen möchte: alerte Doppelverdiener um die Dreissig, die freiwillig ins Home-Office gehen, das gern über 100 qm groß ist und über ultraschnelles Netz verfügt, die ihr Essen online beim Bringdienst bestellen, die einen Prime Account haben, die ohne zu Zaudern den Lehrer ihrer Kinder anscheißen, wenn er keine Maske trägt, die Lastenrad mit Kinderkoffer aus Sperrholz fahren, weil sie ernsthaft glauben, damit das Klima zu retten, denn das Sperrholz stammt aus zertifizierter nachhaltiger Forstwirtschaft und was zertifiziert ist, muss gut sein. Dabei führen sie die ganze Zeit das Gendersternchen stolz im Mund, mit anderen Worten, Leute, die sich ohne jede Hemmung auf alles einlassen, weil es gerade angesagt ist. Nicht zu vergessen: alle Faktenchecker und Faktencheckgläubigen sind, wenn sie sich nicht schon vorher eines Dosis erschlichen haben, spätestens seit Frühjahr 2021 Mitglieder der G1-Community und spätestens seitdem aggressive Verteidiger der Alternativlosigkeit.
Ihr Motto in allen Lebenslagen: Klar können wir das!
Eine ganze, seit Corona aus dem Boden pilzende Generation von Besserwissenden, Bessermachenden, Besserlebenden. Die wissen, wie es geht. Die dir sagen, dass du ein faules Ei bist. Und die sich das selbst glauben.

Eine von Leuten dieser Klasse gegründete Faktencheck-Agentur heisst, wie sie alle heißen müssten, damit klar ist, was sie wollen: Correctiv.

Wir korrigieren deine falschen Ansichten!

Correctiv behauptet, “Recherchen für die Gesellschaft” zu leisten und hat dies gleich zum eingetragenen Namen einer “gemeinnützigen GmbH” erhoben. Die Firma ist Wikipedia einen opulenten Beitrag wert. Ihr Gründer David Schraven hat beides, was zur Ausstattung des vollständig Genesenen gehört, so wie der “Sansibar”-Aufkleber auf den “Touareg”: einen Vollbart und eine große Brille.
Wie Schraven, ex-Mitarbeiter des Rechercheteams des Medien-Konzerns Funke arbeitet, zeigt sich am besten an dem Artikel “EXKLUSIV: Spitzenfrau der AfD in Nordrhein-Westfalen arbeitete als Prostituierte“, der einer AfD-Kandidatin für die damals unmittelbar bevorstehende Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2017 Hobby-Prostitution im Internet unterstellte.

Ich will damit nicht andeuten, dass ich Mitglieder der AfD für Teil einer schützenswerten Spezie halte. Aber Gemeinnnützigkeit spiegelt sich nicht gerade in solch steuerbegünstigter erzeugter “investigativer” Tätigkeit, zumal wenn man die Arbeit des gemeinnützigen Flügels in einer haftungsbeschränkten Tochtergesellschaft, der Correctiv – Verlag und Vertrieb für die Gesellschaft UG vermarktet.

Für Facebook leistet dieser Teil von Correctiv gewerbliche Faktencheckdienste. Solche Firmenbündnisse, bei denen die gemeinnützige Abteilung der Zugmotor für ein Geschäftsmodell der gleichnamigen Tochtergesellschaft ist, gehen beim Finanzamt ohne Beanstandungen durch. Es handelt sich ja schließlich um zwei getrennte juristische Personen.
Man hat von den philanthropen Wagniskapitalisten gelernt, wie es geht.

Schraven ist zudem Mitbegründer der Reporterfabrik, die – wahrscheinlich aus Dank für die Reinwaschungsdienste der UG – von Facebook mitfinanziert wird.
In der Reporterfabrik kann man sich von Sascha Lobo oder Doris Dörrie ab 5,00 € online-Kursgebühr das 1×1 des “Bürgerjournalismus” beibringen lassen. Den günstigen Preis gewährleistet neben den Zuwendungen des social-media-Giganten die Robert-Bosch-Stiftung.

Der gemeinnützige Teil von Correctiv hat eine illustre Liste von Zuwendern aufzuweisen. Hierzu gehören außer der Funke-nahen Brost Stiftung auch Förderer wie Google , die Stiftung des ex-Ebay Aufsichtsratsvorsitzenden Pierre Omidyar, die Open Society Foundation des ungarischen Multimillardärs George Soros, die deutsche Telekom AG und – last but not least – die ehemalige “Bundeszentrale für Heimatdienst” und “Umerziehung”, heute allgemein bekannt als Bundeszentrale für politische Bildung, also diejenige Behörde des BMI, deren Aufgabe es ist, beginnend an den Schulen das “Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern (und) das demokratische Bewusstsein zu festigen”.

Die IG-Metall Stiftung jubelte die Arbeit von Correctiv bereits mehrfach zum auszeichnungswürdigen “kritischen Journalismus” hoch. Der Namensgeber Otto Brenner müsste eigentlich im Grab rotieren. Denn es war Brenner, der sagte: „Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit.“
Aber selbst diesen Satz würden Correctiv wohl abstandslos auf sich beziehen.
Die Zeiten ändern sich eben. Heute findet man die Wahrheit mit dem Spendengeld der Plattformmilliardäre. Tatsachen, aus Almosen geschaffen.

Startseite Correctiv 20. September 2021

Wir wissen also, woran wir sind, wenn wir nun auf die besondere Bedeutung von Correctiv im Zusammenhang mit der Hetzjagd auf abweichende Meinungen im Zusammenhang mit der Diskussion um die Covid19-Politik der Bundesregierung schauen.

Ich wähle hierfür (rein willkürlich und um dem Artikel nicht ausufern zu lassen) die Kontroverse um eine “Impfpflicht durch die Hintertür”.

Im Mai 2020 hatte Ken Jebsen dieses Bonmot per Video in Umlauf gesetzt und Correctiv hatten sofort reagiert:

“Im „Entwurf eines Zweiten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ wird laut Correctiv “eine Änderung vorgeschlagen, in der es hieß, es könne geprüft werden, ob bei der Anordnung und Durchführung von Schutzmaßnahmen Personen davon ausgenommen werden könnten, die einen „Impfschutz“ oder eine „bestehende Immunität“ nachweisen können. Diese müsse dann durch eine „Impf- oder Immunitätsdokumentation“ oder ein ärztliches Zeugnis nachgewiesen werden (Seite 2 und  Seite 21). 
Der Begriff „Impfpflicht“ oder „Impfzwang“ kommt nicht in dem Gesetzentwurf vor.”

So dumm ist die Regierung also nicht! Damit wir das auch wirklich schnallen, hat Correctiv dem Bundesgesundheitsministerium ein Email geschrieben.
Darin die Anfrage, ob der Entwurf eine Impfpflicht vorsehe oder bei Verabschiedung eine Möglichkeit schaffe, eine solche einzuführen. “Die Sprecherin” (des Bundesgesundheitsministeriums?) antwortet per E-Mail:

„Nein.“ 

Absatz.

Da sind wir nachhaltig beruhigt! Nein. Ein klares Nein! Ohne wenn und aber. Und ohne weitere überflüssige Erläuterung der Sprecherin (ohne Namensangabe). Ein einfaches “Nein” muss reichen.

Aber halt! Da ist noch ein Screenshot eines Abschnittes der Email der Sprecherin ohne Namen angeheftet! Man kann ihn hier anschauen.
Für Leute, die nicht endlos lesen und gern schnell auf den Punkt kommen wollen, hat Correctiv alles sauber in einem Satz zusammengefasst:
“Eine Impfpflicht war also laut Bundesgesundheitsministerium nie geplant – und ein angedachter Immunitätsausweis sei jetzt (8. Mai 2020) vom Tisch.”
Also ehrlich! Nicht mal geplant?
Na, dann ist der Fall ja klar!
Ken Jebsen hatte gelogen!

Schutzhaft
Kaum mehr als ein Jahr später und schon fast 70 % der Bundesbevölkerung im impfbaren Alter sind durchgeimpft. Da kommt Baden-Württemberg mit der Idee für die Einführung einer Art Straf- und Impferzwingungs-Lockdown um die Ecke, die allen Beine machen soll, die noch nicht zur Gruppe G1 zählen. Marsch, los! Richtung Impfzentrum. Müde gemacht von allerlei Restriktion, kann man sich jetzt auch im Vorbeigehen, in der Warteschlange vor dem Fußballstadion oder vor der Tür zum Toilettentrakt in der Disko impfen lassen. Es sind noch Millionen Dosen unverkauft. Die müssen jetzt weg! Also alles ärztliche Gedöns vom Tisch. Das baut nur überflüssige Hemmschwellen auf. Rein mit der Nadel, damit der Weg wieder frei wird zum alltäglichen Spaß.

Der Satz mit der Hintertür fällt einem wieder ein.

Ein expliziter Impfzwang wäre meines Erachtens nicht im Einklang mit der Resolution 2361/2021 der Parlamentarischen Versammlung des Europarates vom 27.01.2021, in der es unter 7.3 heisst: “7.3 with respect to ensuring a high vaccine uptake: 7.3.1 ensure that citizens are informed that the vaccination is not mandatory and that no one is under political, social or other pressure to be vaccinated if they do not wish to do so.
(Im Hinblick darauf, eine hohe Akzeptanz der Impfung zu realisieren, ist sicherzustellen, dass die Bürger darüber informiert werden, dass die Impfung nicht verpflichtend ist, und dass niemand politisch, gesellschaftlich oder anderweitig unter Druck gesetzt wird, sich impfen zu lassen, wenn er dies nicht selbst möchte.)

Was bedeutet dies konkret?

Um die Frage beantworten zu können, zunächst eine knappe Aufklärung über die Rolle des Europarates: Der Europarat ist ein Forum für Debatten über allgemeine europäische Fragen – aus seinen Resolutionen entspringt keinerlei gesetzliche Bindekraft für die Mitglieder. Der Europarat ist institutionell nicht mit der EU verbunden. Seine zentrale Zuständigkeit ist der Schutz der Menschenrechte.

Sind also seine Resolutionen nicht das Papier wert, auf dem sie stehen?
Praktisch: nein, sind sie nicht.

Diese ernüchternde Einschätzung gilt vor allem dann, wenn die Menschenrechte, die Bedeutung des Schutzes vor Diskriminierung und die Achtung vor Empfehlungen, die von der Regierungslinie abweichenden Charakter besitzen, in ihrem Wert dramatisch sinken.
Genau so eine politische Einstellung drückt der Lockdown für Ungeimpfte aus.

Schon gleich nach Erscheinen der Resolution Anfang 2021 sprang Correctiv los und titelte mit fanfarenlangem Trompetenstoß: Nein, mit einer Resolution des Europarates ist ein „Impfzwang“ nicht rechtswidrig.

Heisst das, das sich Correctiv für Impfzwang ausspricht?
Wohl ja!?

Schlagzeile und Argumentation des aufschlußreichen Artikels stammen von der stellvertretenden Leiterin der Abteilung (?) “Faktencheck” bei Correctiv, die sich damit rühmt, “für eine Reportage über ihren Heimat-Stadtteil in Bremen 2019 mit dem Dritten Preis des Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet” worden zu sein.

Des Preis? Genitiv scheint in der Welt der Faktenchecker ein Stiefmütterchen zu sein. Oder ist ein anderer Preis gemeint? Der, mit dem ich die Fakten preise? Oder mein Preis, für den ich schreibe, was von mir erwartet wird?
Armer Ralf Gustav Baron Dahrendorf, du ehrenwertes Mitglied der FDP! Mitglied des Most Excellent Order of the British Empire: jetzt musst du dich mit solchen kasusfreien Orden schmücken! Der Zeugefall ist tot!
Gut, ich gebe es zu: Genitiv ist voll Achtziger. Nur weil man keinen Genitiv benutzt, wird der Faktencheck nicht schlechter. Genitiv ist einfach der Preis des Besserwissens.

Aber zurück zur Checkerin selbst. Dritter Preis in Regionaljournalismus – das ist das ausgewiesene Profil, mit dem die Nation ihre Fakten korrigiert.

Bevor ich den ganzen Artikel lesen kann, poppt die digitale Spendensammelbüchse für Correctiv auf: “Machen Sie verborgene Einflüsse auf unsere Demokratie sichtbar. Je mehr unabhängige Recherchen hinter die Kulissen schauen, desto weniger Spielraum gibt es für Verschwörungsmythen, korrupte Einflussnahme und dreckige Kampagnen. Ihre Spende ermöglicht investigative Recherchen, die Transparenz schaffen.”

Immerhin enthält der “Nein!”-Artikel (Nein, mit einer Resolution des Europarates ist ein „Impfzwang“ nicht rechtswidrig) eine wertvolle Information zur Vorstellung der Regierung vom Impfzwang:

“Update, 12. Februar 2021: Inzwischen hat das Bundesgesundheitsministerium auf unsere Presseanfrage geantwortet. Per E-Mail teilte eine Sprecherin mit: Zum Aspekt verpflichtende Impfung kann ich Sie darauf hinweisen, dass die Coronavirus-Schutzimpfung in Deutschland freiwillig ist. Darauf hat Bundesgesundheitsminister Spahn mehrfach versichert.”

Fehlt im letzten Satz nicht ein “sich”? Sich versichert? Um Schadenersatzklagen wegen unwahrer Behauptungen vorzubeugen? Ja, eine echte Falle für Correctiv: auch dumme Zitate darf man nicht korrigieren. Allerdings wäre nach allen Regeln der Kunst des Redigierens von den unter dem Artikel als verantwortlich für die Redigaturen ausgewiesenen Sarah Thust und Tania Röttger doch zu erwarten gewesen, dass sie eindeutige Fehlleistungen richtig stellen. Da sie es nicht tun, drängt sich die Frage auf, ob sie das BMG blamieren wollten?
Oder war einfach nur Fusch am Werk – auf beiden Seiten? Ist Grammatik kein Gegenstand der Corrigatur?

Warum widme ich so viel Raum einer so durchschaubaren Machenschaft wie der von Correctiv?
Ganz einfach: Es geht hier ja nicht um Nichts.
Es geht um unser aller Gesellschaftsleben.
Um unsere Zukunft.
Die möchte ich nicht in die Hände von Faktencheckern geben.
Ich finde es entsetzlich zu sehen, dass immer mehr Menschen solchen Geschäftsideen auf den Leim gehen.
Und glauben, glauben, glauben.

Die “mehrfache Versicherung” eines Herrn Spahn ist ja “rechtlich”(im Sinne der Rechtswidrigkeit aus dem Correctiv-Titel) weniger wert als eine Resolution des Europarates. Was also ist ein Faktencheck wert, der in den Satz mündet: “In Deutschland hat die Bundesregierung mehrfach betont, die Impfung gegen Covid-19 sei freiwillig.”?

Ich will es nicht vertiefen.
Es ist schon so eine Farce.

Die Erleichterung
Wussten Sie, dass es eine “Verordnung der Bundesregierung zur Regelung von Erleichterungen und Ausnahmen von Schutzmaßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19” gibt? Kurz COVID-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmenverordnung genannt. Noch kürzer SchAusnahmV.
Die SchAusnahmV regelt den Impfzwang. Nein, Entschuldigung! Was für ein peinlicher Versprecher.

Erleichterung: auch so ein Wort, das Dolf Sternberg sicher gern auseinandergenommen hätte. Aber ernsthaft: ich wäre gern einmal erleichtert. Der Alltag war schwer genug seit Beginn der Pandemie.
Welche Erleichterungen verspricht mir denn nun die SchAusnahmV? Und um welchen (womöglich genitivlosen und faktenchecksicheren) (dritten) Preis?

Ich will es in dem im Internet herunterladbaren “nicht barrierefreien” Dokument nachlesen, gerate dabei auf die Seite des “Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz” und verstehe zum ersten Mal, was Barriere im Digitalen bedeutet.

Haben Sie schon jemal versucht, ein Dokument zu öffnen, das folgende Endung hat? “;jsessionid=EE09A4BFCEA86C33805B241D8679F28F.1_cid297”
Gut, dass ich Augen habe! Weiter vorn war ein “.pdf” versteckt. Nachdem ich diese Barriere überwunden hatte, konnte ich nachlesen: Ziel dieser Verordnung sei, dass ich wieder in den Zoo oder zur Fußpflege gehen kann. Die beiden Beispiele stammen nicht von mir. Sie stammen von der Justizministerin, die offenbar sehr tierlieb ist, aber unter starkem Nagelwachstum leidet.

Ich suche in dem Dokument, wie dereinst Krauss und Klemperer in den Verlautbarungen des Reiches stöberten, nach einer Definition für Genesenheit, denn geimpft bin ich noch nicht. Aber auch schon (zu) lange nicht mehr krank.

Unter § 2 finde ich die gesuchten “Begriffsbestimmungen”.

Im Sinne dieser Verordnung ist eine genesene Person eine asymptomatische Person, die im Besitz eines auf sie ausgestellten Genesenennachweises ist.

Das ist ja schon mal was! Ich darf also nicht den Genesenennachweis meiner Oma vorlegen. Er muß schon auf meinen Namen lauten.

Gut. Doch die Formulierung ist etwas tautologisch: „ein Genesener ist ein Genesener, der genesen ist und über ein entsprechendes Genesenheitszeugnis verfügt.“ Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Unsere Regelung ist nicht faul. Sie sieht die Rückfrage voraus und regelt deswegen unter Punkt 5 weiter:
Ein Genesenennachweis ist ein Nachweis hinsichtlich des Vorliegens einer vorherigen Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 in deutscher, englischer, französischer, italienischer oder spanischer Sprache in verkörperter oder digitaler Form, wenn die zugrundeliegende Testung durch eine Labordiagnostik mittels Nukleinsäurenachweis (PCR, PoC-PCR oder weitere Methoden der Nukleinsäureamplifikationstechnik) erfolgt ist und mindestens 28 Tage, sowie maximal 6 Monate zurückliegt.

Gut, ich also asymptomatisch und mit dem richtigen Papier ausgestattet, kann also losziehen und Erleichterungen erwarten.
Die sind in Abschnitt 2 geregelt.

Ich fasse stichwortartig zusammen:

§3
Geimpfte und Genesene werden mit Getesteten gleichgestellt.

Kommentar: ??? Ich dachte, testen gildet nicht mehr? Wahrscheinlich wird das Gesundheitsministerium jetzt einige hundert Gleichstellungsbeauftragte einstellen müssen, um alle Gleichgestellten erleichtern zu können.

§ 4
Privat zusammenkommen dürfen nur noch Geimpfte und Genesene. Für sie sind alle
Beschränkungen nach § 28b Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 des Infektionsschutzgesetzes aufgehoben.

Heisst umgekehrt: alle nicht Geimpften und nicht zertifiziert Genesenen bleiben beschränkt und dürfen nicht zusammenkommen. Das klingt nach einer Zweiklassengesellschaft.
Aber nicht nach Zwang, nein, nicht die Spur!
Man kann sich ja freiwillig impfen lassen, wie das Frau Merkel schon wiederholt nahegelegt hat.
Somit ist §4 ist nur eine kleine Erinnerung an die Vorzüge der Freiwilligkeit.

§5
Aufenthaltsbeschränkungen außerhalb der Wohnung und im „befriedeten Besitztum“ drumherum gelten nicht für Geimpfte.
Kommentar: wie §4 zu verstehen. Drinnen wie draußen dürfen nur Geimpfte wieder alles.

§ 6
Nur geimpfte Kinder über 14 Jahren dürfen in unbeschränkter Zahl Sport zusammen treiben.
Kommentar: Verstehe wer das will – aber das scheint mir keine Erleichterung, sondern eine Ungerechtigkeit, die zur Gleichstellung des § 3 im Widerspruch steht und eine Diskriminierung im Sinne der Resolution des Europarates bedeutet.
War denn Kinderimpfung überhaupt schon beschlossene Sache?

So jedenfalls geht es bis zum Ende weiter.
Ausnahmen von Absonderungen: nur G2.
Einreise in die geschützte Heimat aus einem (schau, schon wieder ein schöner Neologismus!) „Virusvariantengebiet“: nur G2.

Zum Schluß einige Ermächtigungen für die Landesregierungen, Erleichterungen und Ausnahmen der vorgeschriebenen Art zu erlassen.

Zur SchAusnahmV gibt es ein FAQ.
Wie weise ich nach, dass ich genesen bin?
Dazu die erschütternde Antwort: “Es gibt bislang keinen speziellen Genesenen-Ausweis“.
Doch ist dem Gesetzgeber andererseits schon klar: “NICHT als Nachweisdokument anerkannt werden Antikörpernachweise.
Das enttäuscht mich nun vollkommen. Ich dachte: erkrankt, gesundet, auf Antikörper getestet und der Test ergab, es waren welche nachweisbar – dazu müsste man zunächst erkrankt gewesen, dann genesen und zugleich gegen Infektionen der gleichen Virusvariantengruppe geschützt sein? Aber nein, wieder alles falsch verstanden.
Also geht es tatsächlich nur um den „Besitz eines Genesennachweises“, also ein Stück Papier, das nicht auf meine Oma ausgestellt ist und das es bislang noch gar nicht in einheitlicher Form gibt!?
Na ja. Schwierig alles.

Zum Schluß die zentrale Frage zum Nachweis meiner künftigen Bewegungsberechtigung: Muss ich den Nachweis, dass ich geimpft oder genesen bin, ständig mitführen?

Die SchAusnahmV des Bundes hat dies laut FAQ “zum Zeitpunkt heute noch nicht abschließend geregelt“.

Es wird diskutiert, bei der Impfung eine unmerkliche Unterhauttätowierung vorzunehmen, damit künftig die Ausrede, man habe seinen Nachweis verloren, nicht mehr zieht.

Nein, ´schuldigung, das war ein schlechter Scherz.
Tut mir leid.

Druck, Eingriffe, Restriktionen
Gut, aber das Wort “Impfzwang” kann ich beim besten Willen nirgends finden. Da haben Correctiv vollkommen recht.
Doch was mache ich eigentlich jetzt, wo der „Teil-Lockdown für Ungeimpfte“ näher rückt? Der Grüne Kretschmann hat ja eindeutig klargestellt: “Die Nicht-Geimpften sind jetzt natürlich die Träger der Pandemie.” Auch und gerade die gesunden Umgeimpften, soll das heißen. Auf die stürzt sich das Virus mit Heißhunger.

Kretschmann weist den Vorwurf zurück, man übe zu viel Druck auf Ungeimpfte aus. “Der Druck kommt vom Virus, nicht von uns.”
Den Druck vom Virus spürt man auch ganz stark, wo Baden-Württemberg „Eingriffe für Ungeimpfte“ vorsieht. Die Landesregierung bereitet für den Eingriffs-Fall bereits seit August eine entsprechende Corona-Verordnung vor, die unmittelbar in Kraft treten kann. Ein Sprecher des Sozialministeriums erklärte: “Diese wird insbesondere Restriktionen für Ungeimpfte beinhalten.“

Seit einigen Tagen nun, wird diskutiert, ob Kretschmanns Idee nicht auch bundesweit umgesetzt werden kann. Dass man Impfunwillige bestraft, indem sie keine Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall erhalten. Im Geldbeutel schmerzt es am meisten.

Doch wie stellt man sicher, dass die so schon gestraften Ungeimpften nicht ausbüchsen?

Der Schnüffeltest
Die Niedersachsen hat dagegen die Geheimwaffe Cordula an den Start gebracht.
Im Labor haben Hunde wie Cordula ihren Geruchssinn bereits unter Beweis gestellt. Nun sollen sie bei Konzerten Corona-Infizierte erkennen. Zwar gibt das Virus keinen Geruch ab, verändert aber den Stoffwechsel befallener menschlicher Zellen – und das können die Hunde riechen und die Umgeimpften zur mobilen Impftstation zerren.
Wenn das hinhaut, werden bald Tausende von Cordulas durch die Gassen gehetzt und der Umgeimpfte kann nur noch mit bissfester Hose aus dem Haus.

Aber Impfzwang?
Wenn ich jetzt denke: “Keine Spur.”, bin ich endlich glückliches Mitglied der Generation Korrektiv.

Die Genesenen

An unserem Wesen soll die Welt genesen.

Motto des europäischen Interessenverbandes der Lieferdienstleister (frei nach Emanuel Geibel)

Mit dem heutigen Beitrag beginnen wir eine locker über die nächsten Wochen verteilte Reihe zur Geschichte und Zukunft der Genesenen.

Als “Genesene” bezeichen wir nicht so sehr Menschen mit einem bestimmten Gesundheitszustand, sondern eine mit dem Etikett der angeblichen “Gesundung” zusammenhängende Geisteshaltung.

In der Reihe “Die Genesenen” verhandeln wir einige der sichtbarsten Phänomene, an denen sich der aktuell vollziehende Wandel ablesen lässt. Wenn das Virus wirklich ein “Brandbeschleuniger” (Volker Heise) war – was sind dann die Grillkohlen, auf denen wir unsere Zukunft rösten?

Haben die Phänomene, mit denen wir heute als neuem Alltag konfrontiert sind, eventuell schon vor Corona begonnen? Was war schon längst auf dem Weg und kann jetzt umstandslos (ohne Widerstand) umgesetzt werden? Wie wird sich die Gesellschaft in nächster Zeit entwickeln? Wird sie noch weiter als schon jetzt auseinandertreiben? Zugerichtet und in ein System eingepasst, von dem sie selbst am wenigsten, einige Wenige aber erheblich profitieren. Wer sind diese “Wenigen” und wann haben sie die Zeichen der Zeit deuten gelernt?

Unser erster Beitrag geht der Frage nach, was für eine Art von Zufall es ist, dass wir genau zu dem Zeitpunkt, als Kontakt- und Bewegungsbeschränkungen eine neue Form der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln notwendig machen, ein kürzlich eingeführtes System von Bringdiensten zur Verfügung haben, um die zu Hause unter Arrest Gestellten zu füttern?

Ein letzter kleiner Hinweis an die Leser: die Beiträge werden den Charakter von Glossen besitzen. Die Absurdität der Situation scheint uns dies zu fordern. Der Ernst der Lage bleibt davon unberührt.

Teil1: Die Bringdienstler

Über die “Homogenisierung unserer Wertesets” durch Onlinehandel, Lieferdienste und staatliche Gesundheits-Empfehlungen

Die Impfkampagne der Bundesregierung hat, zusammen mit einer Vielzahl von beständig novellierten Auflagen und Beschränkungen, in Windeseile eine neue Bevölkerungsschicht hervorgebracht.

Wir sind nicht mehr ein Volk. Wir sind in zwei Teile zerfallen: Gefährder und Genesene.

Die Genesenen sind genau genommen: Geimpfte, Getestete oder Genesene, kurz – und mit der neuerdings entstandenen Wut alles abzukürzen, um damit Hemmschwellen herabzusetzen und zu anonymisieren – wird diese neue Bevölkerungsgruppe G3 genannt.

G3, das kapiert jeder Volltrottel, G3 das sind die Guten!

Die Etablierung der drei Guten – gegen die Gefährder (Impfunwillige) gesetzt: das ist institutionaliserte Diskriminierung.

Der Europarat hatte am 27.01.2021 in seiner Resolution 2361/2021 beschlossen, dass niemand gegen seinen Willen, unter Druck geimpft werden darf.

Die 47 Mitgliedsstaaten werden in der Resolution aufgefordert, vor der Impfung darauf hinzuweisen, dass die Impfung nicht verpflichtend ist und dem Nichtgeimpften keine Diskriminierung entstehen darf. Ausdrücklich wird die Diskriminierung untersagt, weil jemand sich schlicht und ohne Angabe von Gründen nicht impfen lassen möchte. Mit der Resolution sollte Diskriminierung am Arbeitsplatz oder Verbot von Reisen für Nichtgeimpfte ausgeschlossen werden.

Die Stimmung nur sieben Monate später jedoch ist gänzlich anders.

Die große Notfallration

Die Genesenen kaufen ihr Essen nicht mehr gern im Supermarkt. Dort ist die Gefahr, sich an Ungimpften oder womöglich Infizierten anzustecken, zu groß. Die Genesenen könnte man für ängstlich halten. Dabei sind sie nur uninformiert. Auch Geimpfte mit Pass können an einem Impfdurchbruch leiden und allerlei virales Material aus der Impfwunde schwappen lassen.

In Wirklichkeit aber – ob ängstlich oder nicht – sind Genesene frohe Nutzer der plattformkapitalistischen Demokratie. Sie kaufen ihr Essen bei einem Lieferdienst.

Schauen wir uns einen besonders schönen Fall von Corona-Trittbrettfahrerei genauer an: den Versandgasthof und Fleischprodukte-Onlinehandel Diem, der für seine Produkte auffällig bei Spiegel-online wirbt.

Der weit vorausschauende Genesene bestellt sich vorsorglich, für den Fall, dass einmal eines fernen Tages alle Bringdienstmitarbeiter noch nicht gegen die aktuellen Welle zweimal geimpft oder noch nicht vollständig immun sein sollten, per Internet garantiert kontaktlos das “Quarantäne-Paket” vom bayrischen Metzger Karl Diem.

Das “Quarantäne-Paket” hieß interessanterweise vor Corona “Silvesterpaket” – die Quarantäne: ein ewiges Neujahr?

Dass vorausschauende Genesene Fleischesser sind, setzt Diem stillschweigend voraus. Selbst das Suppenpaket ist tierisch – frische Zwiebelwürfel mit einer kräftigen Rinderkraftbrühe. Kraft mit Kraft sozusagen, und was braucht man nötiger als Kraft, um den nächsten Hausarrest zu überstehen? Schauen wir weiter: die Kartoffelsuppe mit frischen Kartoffeln und hausgemachtem Speck vom Billenhauser Landschwein! Nicht zu vergessen die im Paket inbegriffene Gulaschsuppe: sie wird “aus der Wade geschnitten”. Es ist nicht nur praktisch für den fußlahmen Onlinekunden, wenn der sportliche Bringdienstler, auf der Treppe flink wie eine Gazelle, das bis oben ins Haus liefert. Diese Dosen sind “gleichzeitig wahre Sattmacher.” Aber Karl Diem ahnt schon, was das Problem sein könnte, denn es heisst in den “Zutaten” unter dem Suppenpaket: was “für ein Geschmackserlebnis, bei dem das schlechte Gewissen auf der Strecke bleibt.

Bayern hatte schon immer ein Herz für Prepper: der zukunftsängstliche Genesene mit seinem auf der Strecke gebliebenen schlechten Gewissen kann sich im Diem-Onlineshop gleich das “Notfallrationspaket Mittel” für 8 Tage kann, das dem Wording nach ein “Ernstfallpaket groß” erwarten lässt – was aber im Programmsegment “Feinkost-Pakete” mit seinen drei Internetseiten füllenden Fleisch-Festival-Angeboten momentan noch fehlt. Man konnte sich im Kulinarimperium in Krumbach wohl noch nicht dazu durchringen, für den hemmungslosen Fleischkäufer den Großen Schweinebraten- und Innereienkorb zusammenzustellen: zum Verzehr geeignet während des totalen, sprich zeitlich absolut unbegrenzten Lockdown.

Die G4-Gichtpräventionskommission

Das wäre dann schließlich auch eine Art lukratives Lebenszeit-Abo, für den das Geschäftsmodell erst noch ausgehandelt wird, jenseits der Eindosung von ausreichenden Mengen Schwein, die dann im Amazon-Prime-Tempo an deutsche Haushalte gehen. Beim großen Lockdownpaket ist sicher auch die Krankenkasse im Boot: mit ihrer G4-Gichtpräventionskommission (Gichtige Genesene mit Großem Gulaschappetit) .

Das Verlockende (“Wer 6 Ernstfallpakete kauft spart 18%”) steht wie immer im Leben in krasser Konkurrenz zum Bedrohlichen (Gichtfuß).

Hier noch ein Tipp auf die Schnelle, bevor das akute Fußleiden einsetzt. Die noch nicht Geimpften sollten schnellst möglich nach draußen traben und danach trachten, sich zu infizieren. Nur so steigen sie in den höhren gesellschaftlichen Rang der Genesenen auf. Nachteil: dieser Status ist noch kürzer, als der Geimpftenstatus. Nichts mehr hat Dauer in der neuen Gesundheitswelt. Denn solange das griechische Alphabet Buchstaben hergibt, werden wir wohl mit Wellen überrollt werden.

Die Omegawelle dürfte beim derzeitigen Tempo schon 2025 über uns hinwegbranden (beta, gamma und epsilon im Handstreich übersprungen – oder werden die noch nachgelegt? Was ist mit den elegant klingenden zeta eta theta iota kappa? Etwa keine Welle wert?

Jetzt schon lambda – nur noch 13 Buchstaben frei!) Und? Bei Omega ist das schöne Versandhausmodell schon wieder vorbei? Aber es besteht Hoffnung: die chinesische Schrift kennt 100.000 Schriftzeichen

Wenn allerdings die hochkonzentrierte Journaille weiterhin das Impfen nur deswegen lobt, weil es “schwere Verläufe mit Krankenhausverläufen” (Meldung Tagespiegel 7. August 2021) verhindert, wird vielleicht das Versandgasthofmodell schon vor 2025 wegen volksverbreiteter Unlust storniert.

Wohl kaum!

Liefern am Limit

Doch zurück zu den Bringdiensten. Es ist schon ein gewaltiger, allein aus Sicht der Investoren äußerst glücklicher historischer Zufall, dass in den vergangenen Jahren eine organisch gewachsene Struktur von Kleinbetrieben aus den Berliner Hinterhöfen entmietet wurde, um Platz zu schaffen für start up-Geschäfte in einem neu entstehenden Segment der Nahrungsmittelversorgung: durch greenwashing entstandene “Öko”-Lieferanten.

Da saßen nun zwei junge Menschen im 1600 qm Industrieloft mit ihren Laptops an einem upcycling-table, sprich ehemaligen Packtisch, an dem vorher 16 Personen ihr Einkommen verdient haben. Überraschenderweise waren die zwei Figuren mit ihren Risikokapital im Rücken in der Lage, mehr als die doppelte Miete zu zahlen.

Damals hatte die verkehrte Welt schon begonnen.

Anfangs haben wir uns immer gewundert, wer so viel Geld in eine Geschäftsidee investiert, die an Idiotie kaum zu unterbieten ist.

Dass dahinter die großen Player des Plattform-Kapitalismus steckten, dass Coca-Cola ebenso wie Zalando versuchten, in einen Markt hineinzukommen, der bislang in den Händen von einigen wenigen Privatinitiativen (Ökokoops), Öko-Supermärkten und regional organisierten Distributionsketten lag, war verständlich. Auch wenn Öko und Internet, Öko und Ausbeutung, Öko und Bringdienst auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen: hier gab es eine als Investitionsziel interessante junge Mittelschicht, zahlungskräftig, neuen Formaten gegenüber aufgeschlossen, aber beruflich vollkommen von traditionellen Strukturen entkoppelt. Mit anderen Worten eine leichte formbare, pekuniär durchaus solide Masse.

Dennoch: anfangs schienen uns die Verkaufsideen erschreckend simpel, zu stumpf, um erfolgreich sein zu können.

Da gab es beispielsweise eine Box mit Zutaten für ein Mittagessen und eine Bedienungsanleitung, wie man die Zutaten zu etwas Schmackhaftem zusammenrührt. Die Box selber mit der üblichen Graphidesign-Paste aufgehübscht.

Aber noch dümmer: in einer Stadt wie Berlin, in der sich quasi in jedem Haus unten ein Schnellimbiss befindet, einen Bringdienst zu organisieren, damit die Kunden auch die Pausen im Büro verbringen können – oder Abends die Wohnung nicht verlassen müssen.

Der Vorteil für die Kunden war uns damals – zwei Jahre vor Corona – nicht einleuchtend.

Auch auf der Seite der Arbeitnehmer der Lieferanten-Unternehmen sahen wir viele Widersprüche. Vor unserem inneren Auge marschierte die Armee der Ausgebeuteten, die im Würgegriff der Kapitalverwertung unter Nutzung ihrer privaten Haftpflichtversicherung mit ihren privaten Fahrrädern, ihren privaten Kleinwagen, ihrem privaten Roller ohne Krankenversicherung, ohne gewerkschaftliche Organisation, sprich ohne jeden Arbeitsschutz unterwegs waren, die scheinbare Fußfaulheit der Bevölkerung zu bedienen.

Eine Heerschar von Söldnern, die bereit sind, ihre Fahrzeuge auf eigene Kosten zu pflegen und gänzlich unabgesichert für einen Konzern gewaltige Mengen von Kleingeld einzutreiben.

Ein neues 19. Jahrhundert, so als hätte es keine Arbeiterbewegung gegeben. Eine Kultur von Dienern und Unterdienern.

Noch vor kurzem (Mai 2021) starteten zwar einige wenige Lieferando-Mitarbeiter unter dem Slogan “Liefern am Limit” Aktionen zur Sensibilisierung der Nutzer für die prekären Arbeitsbedingungen. Auch einige “Gorillas” (Slogan “Lebensmittel in 10 Minuten!”) streikten oder verklebten Schlösser ihrer Arbeitgeber.

Aber im zweiten Coronahochsommer sind wir gegen all diese Phänomene bereits vollständig immun. Wir sehen nicht einmal mehr, was genau sich um uns herum verändert.

An jeder Ecke parken verschwitzte Menschen in Funktionskleidung, einen gewaltigen eckigen Rucksack voll erkaltetender Pizza mit verrutschtem Belag auf dem Rücken, die wir dabei beobachten können, wie sie total getrennt von ihrer Umgebung auf ihr privates Smartphone starren, um ihr nächstes Ziel per Liefer-App zu finden: sozial und physisch isolierte Personen, die anderen Einsamen ihre Nahrung in die Zelle bringen.

Das ist der erste Vorschein der ganz großen Entsolidarisierung, die mit Corona auf ihren Höhepunkt zusteuert.

Die neue Bequemlichkeit

Wo stehen wir heute?

Ein Video (“India-Express. Lieferung in 30 Minuten oder Geld zurück.” von Gorrealtalk – über deren politische Ziele ich rein gar nichts weiß!) hat sich im Februar 2021 über die multiplen Kontrollmöglichkeiten lustig gemacht, die mittels der bringdienstlichen Kundendatenerfassung, Cloud-Vernetzung und grassierender Mißachtung des Datenschutzes möglich sind.

Adressen, Kontostand, andere Anschaffungen über das Konto, von dem auch der Bringdienst abbucht, Liquiditätsprobleme des Anrufers, seine Gesundheitsdaten, abgeleitet aus dem Ernährungsverhalten: all das hatte der für ein fiktives indisches Restaurant tätige Mitarbeiter von seinem Kunden, der eigentlich nur ein Curry bestellen wollte, auf Knopfdruck verfügbar: ein gläserner Mensch dank “Bio-Link-Id mit DNA-Check”. Nackt steht er da, nur weil er schnell mal eben was essen wollte. Am Ende wird er mit dem Verweis auf sein Sozialpunktekonto in die Enge getrieben und ändert seine Bestellung ab.

Da haben wir alles in einem kurzen humorvollen Clip beisammen: zu Hause bleiben und allein essen, Onlineplattformen und Smartphones bedienen, dabei alle Personendaten rausgeben und sich dem Social Ranking unterwerfen, das Essen per autonomer Flugmaschine (“Drone-Express”) erhalten, städtische Zonierung (“Lieferung in Gefahrenzone kostet Aufpreis”) – aber auch die ökologische und gesundheitliche Frage von Billigfleisch-Abusus (potentielle Adipositas durch täglich “zwei Portionen mit doppelt Huhn”), und all das formatiert durch ein Bewertungssystem, das ursprünglich von Finanzdienstleistungagenturen ersonnen wurde.

Alle rufen: bring mir was! Keiner fragt: was bringt mir das?

Nur das Bundesministeriums für Bildung und Forschung, BMBF, weiß schon Bescheid. Dank eigener Zukunfstforschung.

Die 226 Seiten starke Studie “Zukunft der Wertevorstellungen von Menschen in unserem Land” ist im Rahmen eines Dienstleistungsauftrags des BMBF, Referat – Strategische Vorausschau, Partizipation und Bürgerforschung im August 2020 vom „Zukunftsbüro des Foresight-Prozesses (Foresight III)“ der Prognos AG und der Z_punkt GmbH Köln vorgelegt worden.

Sie enthält unter anderem sechs “Szenarien”, von denen eines (Nr. 5, ab S. 123) ein Sozialpunkte-Bonus-System nach chinesischem Muster zum Gegenstand hat, allerdings “partizipativ ausgehandelt”.

Wer da an was partizipiert, bleibt weitgehend offen.

Doch auch dort geht es – wohlgemerkt im Kontext von digital belohntem Wohlverhalten! – unter anderem auch um Fleischkonsum.

Unter der Rubrik: “Signale (in der Gegenwart) für ein mögliches Eintreten des Szenarios” (gemeint ist: die Einführung des Sozialpunktesystems in Deutschland im Jahr 2030) heisst es:

“In Deutschland gibt es bereits seit längerem grüne Hausnummern, etwa im Landkreis Lüneburg. Eine solche wird dort verliehen, wenn Gebäude bestimmte Kriterien erfüllen. Vilshofen ging einen Schritt weiter und plante für 2020 grüne Hausnummern, die man bekomme, wenn man ein nachhaltiges Leben führe – beurteilt werde dies anhand von 51 Kriterien, wie etwa dem Fleischkonsum, dem Stromverbrauch und der Nutzung von ÖPNV.”

Grüne Nummern sieht man also dort, wo die Genesenen leben, die glücklich angepasst sind an das als ohnehin unvermeidlich Gesetzte.

Ebendort lesen wir:

“Einer These von Ivan Krastev (Sieben Schlüsse aus der Coronavirus-Krise, in: DIE ZEIT) zufolge könnte die COVID-19-Krise die Attraktivität von auf Big Data basierendem Autoritarismus, wie ihn die chinesische Regierung pflegt, steigern, da man hier die Effizienz der Antwort und die Fähigkeit des chinesischen Staates gesehen hat, die Bewegungen und Verhaltensweisen seiner Bevölkerung zu kontrollieren.”

Das Institut für Demoskopie Allensbach will schon 2019 durch Befragung repräsentativer Gruppen herausgefunden haben: “Der Staat sollte das Verhalten stärker lenken, z. B. durch Anreize.“

In der Zusammenfassung zum aktuellen Wertegefühl wird eine andere Studie (Hannes Fernow et al. (2017): Values & Visions 2030 – Was uns morgen wichtig ist, GIM Gesellschaft für Innovative Marktforschung) mit durchweg erschreckenden Ergebnissen zitiert:

“(In der Values-Studie) wird der Gruppe der ichbezogenen Menschen eine eher positive Interpretation zugeordnet, für die der Sinn von Arbeit darin besteht, engagiert Höchstleistungen zu erzielen“. (S. 55) und etwas später “So schätzen die Befragten der Studie Values & Visions 2030 die Relevanz der Werte Solidarität und Grosszügigkeit heute und morgen relativ gering ein…”(S.76)

Unter der Rubrik “Umfeld der Wertelandschaft und Wertevermittlung” (BMBF-Studie S.126), bei der (absichtsvoll?) unklar bleibt, wer dort spricht und ob wir uns noch im Szenario oder in der soziologischen Bewertung aus heutiger Sicht befinden, heisst es höchst suggestiv:

“Gegnerinnen und Gegner des Systems sind mehr denn je soziale Aussenseiterinnen und Aussenseiter und haben mit Stigmatisierungen und Ablehnung zu kämpfen.” Und gleich daneben, in einem Layoutkasten, der sich “Expertinnen- und Experteninterview 13” nennt, wird ein/e ungenannt bleibende/r Experte/in mit dem Satz zitiert: “Die Bereitschaft, Aufgaben und Entscheidungen an Algorithmen abzugeben, ist bereits vorhanden und wird weiter wachsen. Der Mensch passt sich an.“

Zum Glück eindeutig wieder im fiktionalen Teil des Scenarios heisst es auf Seite 127: “Vor diesem Hintergrund kommt es einerseits zu einer weitgehenden Homogenisierung der Wertesets unter den am Punktesystem aktiv Teilnehmenden, andererseits aber auch zu einer Verschärfung der Wertediskrepanz zwischen Befürworterinnen und Befürwortern, sowie Gegnerinnen und Gegnern des digitalen Punktesystems.”

Homogenisierung der Wertesets” – so schön hätte das nicht einmal George Orwell ausdrücken können.

Man möchte das eingangs erwähnte Spassvideo in dieser Studie zitiert sehen mit: “Profitieren Sie von der neuen Bequemlichkeit” – geben Sie ab! Und zwar nicht nur ihren Hut …

Die Empfehlung

Was ist falsch an der Empfehlung des Staates, sich impfen zu lassen? Sich nicht vor die Tür zu begegeben? Abstand zu halten und Kontakt zu meiden? Das Reisen besser zu unterlassen? Nicht mit Bargeld zu bezahlen, sondern “kontaktfrei”? Warum soll es falsch sein, zu Haus vor dem Fernseher zu futtern, statt sich unter Menschen zu begeben, wo wir doch tatsächlich Gefahr laufen, vom Nebentisch angehustet zu werden?

Dient das Vermeiden nicht unserer Sicherheit? Bergen Infektion, Berührung, Bewegung, bare Bezahlung und beliebige Vermischung mit Unbekannten nicht lauter Risken?

Die “Empfehlungen” der Ministerien, bei Nichtbefolgung mit drastischen Konsequenzen bewehrt, sind nicht allein eine ungeheuerliche Einmischung in das Privatleben der Menschen. Viel entscheidener ist: Wir mussten in den vergangenen Jahren lernen, staatlichen Empfehlungen zu misstrauen, weil uns die wahren Beweggründe stets absichtsvoll verborgen wurden.

Als der Staat anordnete: Werft eure alten Glühlampen weg, sie sind nicht mehr ökologisch. Kauft statt dessen die viel haltbareren Energiesparlampen, da wurde uns verborgen (oder zumindest nicht mit der gebotenen Transparenz deutlich gemacht), dass Osram-Mitarbeiter der Kommission, die sich mit der Einführung der neuen Technologie befasste, präsidierten. Es ging schlicht um Wirtschaftsförderung. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Energiesparlampen nicht nur kürzer halten als Glühlampen, sondern voller Gifte stecken, die jetzt ungehindert in  die Umwelt geraten.

Als die Regierung mit einer Prämie Anreiz schuf, sein altes Auto wegzuwerfen, weil alte Autos angeblich unökologisch wären, da wurde uns verheimlicht, dass es eigentlich nur um ein Programm zur Förderung der Autoindustrie ging. Mit Ökologie hatte das nichts zu tun. Die Herstellung eines Neuwagens ist für die Umwelt viel belastender, als ein älteres Fahrzeug bis zu seinem Ende zu benutzen.

Denselben Prozess durchleben wir gerade noch einmal mit den Elektroautos. Elektroautos werden uns als umweltneutral verkauft. In Wirklichkeit sind die Fragen zur Gewinnung der Rohmaterialien und Herstellung der Batterien, sowie das Recycling noch nicht einmal ansatzweise geklärt – bzw. eine ökologische Katastrophe. Bei Umbau der gesamten Automobilität (LKW und PKW) auf batteriebetriebene Fahrzeuge bauen wir uns ein zweites Desaster von der Größenordnung des Atommülls. Doch unsere Regierungen behaupten stur, das sei unser Weg in eine grüne Zukunft. Der einzig gangbare Weg.

Warum sollten also ausgerechnet diese Regierungen und ihre Ministerien uns nun ausgerechnet über das Impfen und ihre Beweggründe dafür die Wahrheit sagen?

Die Impfwilligkeit aber gerät nun zum Lackmustest für die allgemeine Bereitwilligkeit zur Unterwerfung unter die Empfehlung, die dabei zur Anordnung gerinnt. Daran erkennen wir einen für Behörden und Politik typischen Prozeß der Verschärfung, den wir derzeit in vielen Bereichen der gesellschaftlichen Durchorganisation erleben. So werden, um nur kurz zwei Beispiele zu nennen, verschärfte Regelungen und größere Auslegungsspielräume beim Demonstrationsrecht, ebenso wie bei den Maßnahmen angeblich zur Sicherung unserer Gesundheit – bei gleichzeitiger Entregelung der Kontrolle von Konzerntätigkeit – zum weitgehend universellen Instrument politischer Steuerung aufgebohrt.

Die Bringdienste haben in diesem Universum die Rolle der Verführer. Sie sollen dem Bürger erleichtern, vom mündigen kritischen Mitgestalter zum Konsumenten zu mutieren und sich dabei glücklich zu fühlen. Insoweit beschränkt sich die Vorstellung von Bürgerbeteiligung all jener Regierungseinrichtungen, die die Partizipation im Titel führen, auf das Drücken der richtigen Knöpfe.

Bleib online – dann sind wir beruhigt. Denn wir wissen was du (b)isst!

Die Zurichtung der Bürger

Im Herzen der Zielscheibe

In Teil 1 des Textes, “Vorzimmer zum Terrorismus”, haben wir gestern lesen können, wie sich die vereinigten geheimen und öffentlichen Dienste der EU, INTCEN, Europol und die Arbeitsgruppe Terrorabwehr, auf den kommenden Kampf gegen die Gefahr von links vorbereiten.

Ihr Anarchisten-Papier vom 7. Juli 2021 hat das Zielschießen auf die kritische Masse, so klein sie auch sein mag, eröffnet. Die Hatz auf die “Linke” ist nach der Logik der Schockwellen platziert, die einander übergangslos ablösen.

Erst Corona. Dann die “Commies“. Eine noch größere Bedrohung als die Krankheit: die Corona-App-Verweigerer, die im Fahrwasser der Corona-Proteste ihr Unwesen treiben und sich “hemmungslos” (VfS) dem Staat und seinen Weisungen widersetzen.

“Die Linken” respektieren den Staat nicht. Sie sind angeblich schuld, dass ein weiterer “kalter Krieg” notwendig wird, ganz nach dem bekannten 50er Jahre-Muster: “Help, Help, The Commies Are Coming”.

In der Echokammer der Superbehörde ist der Schall nun einmal um den Raum gelaufen und exakt dort wieder angekommen, wo er – nach 45 Jahren Umlaufzeit – 1990 verebbte.

Die Kommunisten sind an allem schuld. Und die schlimmsten Kommunisten, das sind diejenigen, die – wie ihr Name schon sagt – nicht an Herrschaft glauben: An-Archisten.

Aber wird ein solcher Angriff nicht zurückschlagen? Läuft das nicht auf eine hausgemachte Krise hinaus? Gestern publizierten wir statt einer Antwort ein Foto – ein “terroristisches” Graffitto mit dem Text:

“Wer Elend säht, erntet Wut”.

Die Debatte ist eröffnet – nehmt teil, solange INTCEN den Draht noch nicht durchgeknipst hat.

VI. Die staatlichen Dienste

Am 27. Juli 2021 wurde bekannt, was zur Bekämpfung des grassierenden Anarchismus in Europa getan werden soll.

Auf einem Treffen, bei dem neben Europol Vertreter aus Italien, Griechenland, Deutschland, der europäischen Kommission, des europäischen Gesamtgeheimdienstes und Fusion-Centers INTCEN und die EU Koordinatorsgruppe für Terrorismusabwehr anwesend waren, sollten konzertierte Maßnahmen auf europäischem Niveau gegen eine Szene diskutiert werden, die wie gesagt mit einem Kryptogramm als VLWAE bezeichnet wird: Violent Left Wing and Anarchist Extremism.

Die Existenz eines Kürzels vermittelt den Eindruck, dass es sich um eine Organisation handelt. Dem entgegen steht die von Europol selbst vorgetragene Behauptung, es handele sich um eine “unstrukturierte Gruppe”, die “im kleinen Maßstab … Attacken gegen öffentliches und privates Eigentum” unternimmt und sich an “Kundgebungen und Protesten beteiligt, die teils in gewalttätigen Akten resultieren.”

Im Zusammenhang mit dem VLWAE werden folgende Aktivitäten als signifikant bezeichnet:

“1. Brandanschläge oder in einigen Fällen Brandstiftungskampagnen unter Verwendung einfacher sogenannter improvisierter Brandsätze

2. Einfache, rudimentäre improvisierte Sprengsätze einsetzen (I IDS)

3. Stumpfe Waffen oder sogar körperliche Gewalt bei Zusammenstößen mit der Polizei oder mit Mitgliedern oder Sympathisanten rechtsextremer Gruppen einsetzen

4. Vandalismus in Form von Sachbeschädigung oder Graffiti”

Die Powerpoint-Präsentation von Europol, die zur Schaffung einer speziellen Arbeitsgruppe auf europäischen Level gegen die neue linksextrem-anarchistische Bedrohung führen soll, endete mit der Frage:

“Ist gewalttätiger Extremismus das Vorzimmer zum Terrorismus? In dem Sinne, dass er einen fruchtbaren Boden bietet für Radikalisierung und Rekrutierung neuer Mitglieder?”

VII. Das Gewaltmonopol

Staatliches Durchherrschen der bürgerlichen Lebenssphäre, insbesondere die Anwendung von körperlichem Zwang, legitimiert sich aus dem Gewaltmonopol. Selbst in freiheitlich-demokratischen Staaten ist die Bewertung der Reaktion auf Ausnahmezustände ebenfalls diesem Monopol unterworfen.

Die Ausnahme gilt einseitig.

Der Staat darf tun, was der Bürger nicht darf. Und das ist prinzipiell auch gut so. Denn es schützt uns vor Selbstjustiz.

Die Frage der Angemessenheit allerdings steht auf einem anderen Blatt.

So verwundert, dass Unmutsbekundungen, die nicht annähernd dem Level des ausgeübten Drucks entsprechen, als Terror gewertet werden.

Damit attestieren sich die Regierenden im Prinzip nur, mit welcher Massivität sie selbst etwas getan haben.

Wenn Demonstrationen von Querdenkern und anderen Aktions-Bündnissen bereits als “Vorzimmer zum Terror” gelten, welche adäquate Bezeichnung verdienten dann die staatlichen Maßnahmen, die sie ausgelöst haben?

Ganz offensichtlich erwarten die zuvor erwähnten EU-Arbeitsgruppen und Kontrollbehörden eine dem Maß der von den europäischen Staaten verhängten Beschränkungen entsprechende Reaktion seitens der Bevölkerung.

Auf Repression erfolgt notwendig der Befreiungsschlag. In seiner Stärke bemisst er sich am Grad der erlittenen Unterdrückung.

Diese Logik ist nicht meine Logik. Sie ergibt sich aus den aktuellen Planungen. Die Kriminalisierung der Bewegung, die den Corona-Maßnahmen kritisch gegenüber steht, ist eine Konsequenz der Beschränkungen. Sie ist nicht schön, aber schlussrichtig.

Auch dies spiegelt die Legitimität staatlichen Handelns.

Die fraglichen EU-Instanzen befürchten, nicht ganz zu unrecht: “Jetzt sammeln sie die Kräfte. Dann knallt es gewaltig. Darauf müssen wir vorbereitet sein. Lieber zu früh einschreiten, als zu spät.”

Mit dem Gewaltmonopol verbindet sich der Anspruch, jede Form von Ausnahme als gerechtfertigt zu erklären. Dies gilt ganz eindeutig nicht für die Regierten.

Daher ist das Handeln der Regierten in Vorbereitung weiterer Maßnahmen zu dessen effizienter Eindämmung notwendigerweise so zu klassifizieren, dass es unmissverständlich für jedermann weit außerhalb zulässiger demokratischer Prinzipien stattfindet.

Am weitesten außerhalb dieser Prinzipien steht nach wie vor der Anarchismus.

Anarchismus soll und muss im Keim erstickt werden, so die dem Programm zu Grunde liegende Denklinie. Die Verbindung mit dem Begriff “linksextrem” macht die Dimension der Bedrohung klar.

Soweit die Situation, wie sie sich durch die Brille von Europol, INTCEN und Vertretern einiger derzeit autoritärer werdender Demokratien betrachtet, darstellt.

Was aber bedeutet das für die Mehrheit der Bürger, die jenseits von jedem Terror-Verdacht schlicht ihrer Meinung zu den bestehenden Beschränkungen öffentlich Ausdruck verleihen möchten? Ist etwa zu erwarten, dass sie umstandslos mit Gewalttätern gemeinsame Sache machen werden?

VIII. Markierung und Neutralisierung

Wie kann der Bürger sich dazu verhalten?

Um sich sinnvoll verhalten zu können, muss der Brüger erst einmal wissen, was genau ihm vorgeworfen wird, bzw. an welchen Merkmalen er erkennbar wird als “Terrorverdächtiger”.

Wenn Geheimdienste, Polizeibehörden und Terrorabwehrbündnisse um einen Tisch sitzen, dürfte klar sein, dass es sich nicht um Frage einer Verbesserung der (politischen) Bildung, nicht um gesundheitliche oder soziale Vorhaben zur Lösung anstehender Probleme handelt.

Bei solchen Sitzung geht es, nach einem kurzen, zumeist stark konstruierten “analytischen” Teil, ausschließlich um Budgets und Strategien zur Verbesserung der technologischen Bedingungen, die ein effizientes Arbeiten dieser Dienste gewährleisten sollen.

Große Budgets aber, wie sie über den Kommissar für Binnenmarkt und Dienstleistungen. der ex-Sci-Fi Schriftsteller und Militärunternehmens-Eigentümer Thierry Breton, erhältlich sind oder über die Generaldirektion Forschung und Innovation sind immer auf Entwicklung und Einsatz von Hard- und Software bezogen. Auf Wirkmittel, Ausrüstung, Technologie.

In den letzten 20 Jahren, seitdem der Siegeszug des Internet als nicht mehr aufhaltbar gilt, ist zur polizeilichen Behandlung der Körper zunehmend die Behandlung der digitalen Kommunikation hinzugetreten.

Neben innovativen Methoden zur Neutralisierung der rebellischen Körper (etwa “weniger tödliche Waffen“) tritt nun – laut im gestrigen Text, Abschnitt IV. erwähnten CSIS-Papier – in der präventiven und strafverfolgenden Tätigkeit der Polizei und der Geheimdienste die digitale Markierung abweichender Kommunikation, solcher, die im Verdacht steht, aufrührerische, verletzende, Hass schürende oder Verschwörungstheorien und Desinformation verbreitende Meinungen in Umlauf zu setzen.

Technophobie sei ebenfalls ein deutliches Merkmal von Linksextremismus und Anarchie, sagt das oben zitierte Papier des Council of the European Union vom 28. Juni 2021 auf Seite 9.

Der Beleg lautet: “Linke und anarchistische gewalttätige Extremisten stehen den von Regierungen geförderten Corona-Apps sehr kritisch gegenüber und behaupten, dass ihr eigentlicher Zweck darin besteht, die Bevölkerung zu kontrollieren und nicht die Ausbreitung des Virus zu stoppen. … Viele Anarchisten sind sehr skeptisch gegenüber neuen Technologien und lehnen jede Form von technischer Innovation ab.”

Bei all der diagnostizierten Technikfeindlichkeit kommt Europol im Trend Report 2020 dennoch zu der Erkenntnis, dass die Hauptgefahr in der Vernetzung bestünde, denn man habe herausgefunden, “dass es Verbindungen zwischen französischen anarchistischen Aktivisten und der FAI bzw. der CCF in Italien und Griechenland gibt. Europol berichtet, dass gewalttätige linksextremistische Gruppen in Dänemark, Schweden und Norwegen mit gleichgesinnten Gruppen in anderen europäischen Ländern zusammenarbeiten.”

Nur wie machen die Linken/Anarchisten das ohne Technologie? Mit europaweit sichtbaren Rauchzeichen?

Ist mit “Technologieangst” vielleicht auch die Kritik an der Internetnutzung à la Eric Schmidt und Jeff Bezos gemeint, der Plattform-Mogule, die jetzt im Beraterstab des Pentagon sitzen und über postpandemische Formen der Kriegsführung nachdenken?

Währenddessen lesen die Verfassungschützer noblogs.org und basteln sich ein Feindbild zusammen, nach dem sie mit Stichwortsuche fahnden können.

Die Markierung geht notwendigerweise stets der Neutralisierung voraus.

Als kritische Bürger müssen wir daher sehr sensibel sein gegenüber den sogenannten “tags”, die uns angeheftet werden.

Statewatch kommentiert die Markierung, bzw. Stigmatisierung der Linken durch ein gesondert aufgelegtes Programm folgendermaßen:

“Die Bemerkung (des Counter-Terrorism Coordinator), dass Reibungen erzeugende und sogar schockierende Formen des Aktivismus, sowie laute Proteste Teil einer lebendigen Demokratie seien, dürfte kaum zur Beruhigung beitragen bei demjenigen, der die seit langem bestehende Tendenz der Polizeibehörden untersucht, sich auf die Aktionen linker Gruppen – ob gewalttätig oder nicht – zu fokussieren, während sie bei denen von Rassisten und Faschisten ein Auge zudrücken (wie z. B. der Spionageskandal in Großbritannien oder der NSU-Skandal in Deutschland zeigen).”

IX. Die Zurichtung der Bürger

Zurück zu den Methoden der Selbstverteidigung von Bürgern, die durch ihre Ansichten in den Fokus jener wildgewordenen Fusion von Polizei, Geheimdienst und Wirtschaftsförderung geraten.

In unserer Publikation TROIA – Lexikon zu den Technologien politischer Kontrolle haben wir 2005 versucht, den Stand des technologischen Angriffs im Überblick verfügbar zu machen. Gleichzeitig dokumentiert das Lexikon etliche Gegenmaßnahmen zum Schutz der Demonstranten vor dem Einsatz von Hi-Tech Waffen zur “crowd control” (Aufstandsbekämpfung). Seit 2005 ist technisch wenig Neues auf dem Markt der Werkzeuge zur physischen Zurichtung erschienen, aber die Einsatzerfahrungen haben sich stark verändert.

Zum einen haben Drohnen und autonome Waffensysteme erheblich an Bedeutung gewonnen: es ist laut aktueller IMI- Studie ein zunehmendes “Verschmelzen von Polizei, Militär, Rüstungs- und Sicherheitsindustrie in einem zunehmend uferlosen Sicherheits- und Überwachungs-Industriellen-Komplex zu beobachten.”

IMI zitieren in diesem Kontext die grundlegende Arbeit der Bremer Autoren-Gruppe Capulcu:

“Statt sicherer, werden die Menschen aber unsicherer. Sie vertrauen nicht mehr sich selbst, ihrem Wissen und Erfahrungen, sondern sollen den Empfehlungen ihrer Apps, den Nachrichten der Medien und den Vorschriften staatlicher Stellen gehorchen. Ihre Ängste werden nicht beruhigt, sie werden täglich, ja stündlich aktualisiert.”

Der Ort der Züchtigung hat sich von der Strasse auf den heimischen Rechner verlagert. Es verwundert daher nicht, dass die erwähnten Strategie-Papiere ihr Augenmerk im Jahr 2021 auf das Cyber-Schlachtfeld richten und massive Publikations-Beschränkungen vorschlagen.

In diesem Zusammenhang sei auf das Capulcu-Sonderheft (Mai 2020) zu Corona verwiesen, das den Titel “Diverge!” trägt. Nach einer gündlichen Analyse stellen Capulcu ab Seite 65 noch einmal ihre “Fünf Stränge”-Strategie vor, die sie bereits in den Vorgänger-Broschüren sukzessive entwickelt haben.

Um den Text an dieser Stelle nicht über Gebühr aufzublähen, mögen die interessierten Leser die Details der “Fünf Stränge”-Strategie selbst nachlesen. Im Wesentlichen geht es dabei um kollektives Lernen, Solidarität üben, die Teilnahme am kapitalistischen Zerstörungsprozeß verweigern.

Zwar gehe ich mit den meisten der in der Broschüre “dokumentierten Widerstände” nicht konform. Dennoch bin ich beeindruckt von der Klarheit der Analyse, die dem folgt.

So heisst es auf Seite 74:

“Die Digitalisierung des Alltags, die unter dem Kontaktverbot und der Ausgangssperre zwangsläufig um sich greift und die plötzlich keine analogen Alternativen mehr zu kennen scheint, sehen wir als eine digitale Zurichtung der Gesellschaft. Auf den ersten Blick ist es für die isolierten Menschen die einzige Möglichkeit, um miteinander in Kontakt zu bleiben.

Aber der Raum, in dem das stattfindet, ist kein neutraler Raum.

Er ist gesteuert und überwacht.

Die sozialen Subjekte, die Menschen, werden zu virtuellen Figuren, die der Algorithmus in

Datensätze zerlegt und anhand geheimer Kriterien beurteilt, Werbung steuert, Fehlverhalten markiert und meldet, Untertanentum belohnt.

Soziale Distanz oder Abstand ist Anstand sind Begriffe, als wären sie aus

Huxleys Schöne Neue Welt oder Orwells 1984 entlehnt. Es sind nackt besehen Kampfbegriffe, die uns ein Eintauchen in der virtuellen Welt als umfassende soziale

Handlung zuweist. Ein Wir wird vorgegaukelt und dem Wir wird das Netz als neuer Ort der sozialen Begegnung und der Arbeitswelt angeboten – dabei wird die bereits durch den technologischen Angriff laufende soziale Vereinzelung weiter zementiert. Hier formiert sich

die aktuelle und zukünftige Beherrschbarkeit ganzer Gesellschaften über das Netz.

Onlinehandel, digitaler Schulunterricht, Online-Seminare der Unis, Videokonferenzen, Homeoffice, elektronische Patientenakten, Amazon, Zalando, Netflix, Lieferando, Kartenzahlungen, Datingportale, Videostreams und Spiele usw. sind Voraussetzungen dafür.

Hier formiert sich Gesellschaft neu. Hier findet Gewöhnung statt, hier verändert sich Gesellschaft in einem Tempo, dessen Preis – die totale Manipulierbarkeit und damit Beherrschbarkeit – uns in allen Einzelheiten erst in den nächsten Jahren klar werden wird.

Derzeit wird ein neues, nämlich hygienisches (nationales) Wir konstruiert, um alle möglichen Massnahmen durchzusetzen, gegen die in der Vergangenheit Vorbehalte und Widerstände existierten, wie zum Beispiel bei der Digitalisierung in den Schulen, der gläsernen Krankenkassenkarten und Patientenakten oder der Online-Bezahlungen und dem Verschwinden des Bargeldes.”

Soweit die Analyse von Capulcu. Sicherlich gäbe es Einiges kritisch dazu anzumerken.

XI. Politisches Jiu-Jitsu

Durch unserer Zusammenarbeit mit dem kritischen EU-Gutachter und EU-Parlaments-Beauftragten zur Bewertung des menschenrechtsverletzenden Potentials, das EU-geförderte Vorhaben besitzen, Steve Wright, haben wir, weil seine Forschung ihrer Zeit weit voraus waren, vergleichbare Entwicklungen wie die zuvor beschriebene, früh kommen sehen.

Uns interessierten nicht allein die futuristischen Boutique-Waffen und die dazu passenden, auf uns apokalyptisch wirkendenden Strategien zur Zurichtung der Menschen für eine neue Welt-Ordnung. Uns interessiert schon vor fast zwei Jahrzehnten, wie wir, die “Weichen Ziele” solcher Operationen, darauf reagieren könnten.

Bei Wrights Überlegungen spielt sicher eine Rolle, dass es sich nicht um ein Einzelphänomen handelt, auf das mit neuen Formen staatlichen Handelns zu reagieren sei.

Die Erwartungen der Experten, die uns auf den allzweijährigen Konferenzen des Fraunhofer Instituts für Chemische Technologie in Ettlingen seit Beginn der Nuller Jahre begegneten und deren teils exotisch anmutenden Entwicklungen neuer Kampftechniken und -werkzeuge für die “asymmetrische Bedrohung”, basierten auf der Annahme, dass die Gemengelage von Klimawandel, daraus resultierender Migration, fortgesetzten Finanz-, Staats- und Schuldenkrise und daraus entstehender immer größerer Distanz zwischen Arm und Reich, sowie die herabwürdigende Dimension der verschiedenen Bollwerke (Mauer in mexiko, Palästina, Frontex-Pushbacks auf hoher See etc.) zu einem allgemeinen Legitimationsschwund staatlicher Autorität und zu gewaltigen Aufständen führen müsse.

In seinem bahnbrechenden Text, “Gegen-Schock” im Sammelband “Embedded Art” , der sich mit der “Technopolitik der Ausschließung” bestimmter Bevölkerungsgruppen aus der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben befasst, formuliert Wright bereits 2009 einige bis heute gültige Methoden, sich als unbescholtener Bürger zur Wehr zu setzen gegen die Anmaßungen, Zumutungen und Verbrechen des militärisch-geheimdienstlich-industriellen Komplexes:

Er sagt:

“Wenn dies auf einen Kampf zwischen David und Goliath hinausläuft, dann besteht unsere beste Chance darin, gemeinsam zu versuchen, die Einführung einiger der beängstigenderen Technologien zu verlangsamen, indem wir den bestehenden demokratischen Schutz und die Kontrollen nutzen, um die Legitimität solcher Systeme in Frage zu stellen. Dies sollte jedoch in dem Bewusstsein geschehen, dass die bloße Nutzung offizieller Kanäle wahrscheinlich nicht ausreichen wird. Wir sollten deswegen darüber nachdenken, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um die Menschen in die Lage zu versetzen, die bereits installierten technischen Kontrollsysteme zu überwinden.

Ich habe bereits formuliert, dass ich solche Gegenmaßnahmen im Kontext der Theorie des gewaltlosen Widerstands sehe. Ziel dabei ist, die Sache so anzugehen, dass ein Angriff auf gewaltlose Menschen auf die Angreifer selbst zurückschlägt.

Es existieren belastbare Erfahrungen, die dieses politische Jiu Jitsu (ein von Professor Brian Martin von der Wallongong University Australia geprägter Begriff) erleichtern.

Die fünf R’s des politischen Jiu Jitsu sind:

Reveal = Aufdecken: Die Ungerechtigkeit aufdecken, die Vertuschung anfechten.

Redeem = rehabilitieren: Die “Ziele” als wertvoll hervorheben, andere Bewertungen in Frage stellen.

Reframe = Umgestalten/neu kontextualisieren: Die Ungerechtigkeit hervorheben, Umdeutungen entgegenwirken.

Redirect = Umlenken: Mobilisieren Sie Unterstützung, seien Sie misstrauisch gegenüber offiziellen Kanälen.

Resist = Widerstand leisten. Wehren Sie sich gegen Einschüchterung und Bestechung.”

Das Vorzimmer zum Terrorismus

Teil 1

Wie die neue EU-Superbehörde, das “fusion center” aus EU-Geheimdienst (INTCEN), EU-Polizei (Europol) und Terrorabwehr, Antifaschisten und Anarchisten zu den gefährlichsten Staatsfeinden der Gegenwart erklärt.

(Der französische Text des Graffito auf dem Foto oben lautet in Deutsch etwa: “Wer Elend säht, erntet Wut“. Teil 2 erscheint morgen. Vorschau am Ende dieses Textes.)

I. Die Hemmungslosen

Wenn politische Systeme sich wandeln, wenn Nationen noch in ihrer alten Hülle stecken, die ihnen plötzlich eng und hinderlich vorkommt, wenn sie durch den großen Wandel, den Übergang zum Neuen notwendig in die Klemme geraten, weil nicht alles glatt läuft, dann – so lehrt uns die Geschichte – suchen sie nach einem Sündenbock: einem Schuldigen, dem sie ihre Probleme in die Schuhe schieben können.

So hat die EU mitten in der Pandemie einen gefährlichen, bisher zu wenig beachteten Feind im Innern entdeckt: den Anarchisten.

Expertenrunden auf höchstem Niveau konstatieren: Seit dem Sommer 2020 sei eine Bedrohung für die Demokratie entstanden. Sie heisse VLWAE (Violent Left Wing and Anarchist Extremism = gewalttätige Linksextreme und Anarchisten). VLWAEs verüben zwar laut einem aktuellen EU-Papier keine Anschläge – aber der Aufwand, mit dem der Feind kenntlich gemacht wird, soll uns denken lassen: “noch nicht – aber bald!“.

Ganz neu ist die Idee nicht – hatte Trump doch schon unentwegt behauptet, dass das Festhalten an anarchistischen und antifaschistischen Ideen selbst eine Art Verbrechen wäre, das mit Brandstiftung gleichzusetzen sei.

Dabei sprechen die deutschen Zahlen eine ganz andere Sprache.

Dem sog. “rechten Extremismus” ordnet der deutsche Verfassungsschutz (organisierte Neo-)Faschisten, Reichsbürger, “Selbstverwalter”, sowie Veranstalter von Rechtsrock-Festivals und deren Gewalttaten zu. Unklar bleibt in dieser Statistik, ob sie auch die Taten von selbsternannten “Heimatschutz”-Einheiten, KSK-Mitgliedern mit rassistischem Denken und Umsturz-Plänen für den “Tag X”, Querdenker mit faschistoidem Gedankengut, entsprechende Polizei-“Chatgruppen” und deren Behörden-nahe Unterstützer den vorgenannten Rechtsextremisten zurechnen.

Im aktuellen VfS-Bericht von 2021 heisst es, Faschisten seien auf dem Vormarsch:

unter den 33.300 insgesamt der Szene zugerechneten Personen gäbe es neuerdings 13.300 Gewalttäter: 5% mehr als im Vorjahr. Hinzu kämen 20.000 Reichsbürger und Selbstverwalter.

Ergibt in der Summe rund 53.000 Personen, die dem Kreis der vom VfS als “rechtsextrem” Bezeichneten zugerechnet wird.

Demgegenüber stehen auf der Seite der als antikapitalistischen oder imperialismus- und globalisierungsfeindlich eingestuften Linken laut BfV 9600 gewaltorientierte sog. “Linksextreme” (bei 34.000 zum Gesamtpersonenkreis zählenden Personen) – darunter 1.200 Anarchisten.

22.357 rechtsextremistische (also als rassistisch, faschistisch oder staatsfeindlich zu bewertende) Straf- und Gewalttaten stehen gegen 6.632 anitkapitalistisch motivierte Straftaten, die der VfS in seiner eigenen Diktion analog zu rechts als “linksextremistisch” ansieht. Die Analogie ist dem “Hufeisenmodell” geschuldet, einer staatlichen Doktrin, gemäß der die Extreme sich annähern an ihrem radikalen Ende, an dem die beiden Ideologien angeblich unterschiedslos würden.

Die schlagenden Zahlen halten Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) nicht davon ab zu behaupten: „Wir sehen aktuell, dass die (linke) Gewalt sich hemmungslos gegen die Staatsmacht, aber auch gegen politische Gegner richtet. Wir müssen im Blick behalten, ob diese Radikalisierung sich zu terroristischen Strukturen hin entwickelt.

Die ideologischen Antriebsstrukturen der Behördenmitarbeiter, so weit abweichend von den Zahlen zur einer besonderen Gefährdungseinschätzung der “Anarchisten” zu gelangen, sind damit noch nicht aufgeklärt – sie liegen aber deutlich auf der Linie des längst vergangenen “Kalten Krieges”.

In diesem Klima verblüfft nicht, dass aktuell die Wiedereinführung eines Radikalenerlasses diskutiert wird, mit dessen Hilfe – und in Reaktion auf den vergangenen Sommer 2020 – “Extremisten aus dem öffentlichen Dienst” entfernt werden sollen.

Die Logik der Kommunistenjagd lautet früher wie heute: wenn man die Antifaschisten und Anarchisten nicht mit der Wurzel ausrottet, wachsen sie beständig weiter. Ein gefährlich sich vermehrendes Unkraut, das Samen streut und sich in jeder Ritze des Systems verkrallt.

Doch wir können gleich wieder ausatmen!

Die europäische Supermacht, das “fusion center”, bestehend aus dem EU-Geheimdienst INTCEN, Europol und der EU-Arbeitsgruppe Terrorabwehr, sind bereits auf dem Plan, den Untergang des Abendlandes durch “unstrukturierte Gruppen” abzuwenden.

Aber woher kommen plötzlich all diese unstrukturierten Gruppen? Wer erinnert es noch? Was war eigentlich los im Sommer 2020?

II. Die Querulanten

Auf einem Treffen am 7. Juli 2021 hat die europäische Polizeibehörde Europol mit Sitz in Den Haag eine Aufforderung an alle europäischen Regierungen ergehen lassen, mehr Informationen zu sammeln über eine neue gewalttätige linksextreme Anarchisten-Bewegung, die im Sommer 2020 das erste Mal sichtbar geworden sei.

Bevor ich ins Detail gehe und Einzelheiten aus den nun bekannt gewordenen Papieren über die Sitzung näher untersuche, möchte ich mit einigen Gedanken zu den Ursachen für den allgemeinen verbreiteten Hass auf Anarchismus beginnen.

Angesichts der Tatsache, dass sich das 21. Jahrhundert bislang nicht gerade als Zeitalter eines neuen Anarchismus profiliert hat, wäre zunächst zu fragen: welches genaue Verständnis herrscht in der europäischen Polizeibehörde, wenn sie den Begriff “Anarchie” im Zusammenhang mit dem Wiedererstarken einer bekämpfenswerten Protestbewegung benutzt?

Woraus resultiert die Bedrohung für die europäische Demokratie, die so gefährlich scheint, dass man eine konzertierte Aktion aller Dienste und Staaten planen muss? Welche Indizien rechtfertigen die Bezeichnung des angeblichen neuen Anarchismus als Terrorismus?

Ein Hinweis könnte die Zeitangabe darstellen, mit der Europol selbst das Phänomen versucht, seinen historischen Wurzeln nach einzuordnen: Sommer 2020.

Was hat uns der Sommer 2020 Neues gebracht?

Das radikal Neue des Sommers 2020 ist hinlänglich bekannt. Ich zähle es deswegen nur schlagwortartig auf:

Ausnahmezustand, Hausarrest in sehr vielen europäischen Staaten, Einschränkung der Reisefreiheit, Kontaktverbote unter Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen, von Polizeikräften durchgeführte Isolierungen von Menschen in Wohnblocks, bei denen der Verdacht bestand, dass sich einer oder mehrere der Bewohner mit einer neuen, als höchst infektiös angesehenen Krankheit hätten infiziert haben können. Kurzum: Zwang auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Alltags – in einer neuen, historisch unbekannten Dimension.

Wer mehr dazu lesen möchte, dem empfehle ich den grundlegenden Text “Wir haben gesehen” von Julien Coupat.

Dass diese Einschränkungen, verordnet durch unsere Regierungen, auf Seiten der Bevölkerung nicht ohne Reaktion bleiben würden, ist verständlich. Es entstand quasi über Nacht eine ganze neue, breit angelegte, politisch schwer zu taxierende Bewegung, die den Regierungsauflagen kritisch gegenüber steht: angeblich ein Sammelbecken für Querulanten und gefährliche Chaoten. Aber sind das wirklich Anarchisten?

III. Die Polizisten

Versuchen wir diese Situation einmal durch die Brille der Polizei zu betrachten. Wenn sich aufgrund des ausgeübten Drucks Unmutsbekundungen öffentlich zeigen, wie ordnet man diese ein?

Denn nächst der Polizeiarbeit “an der Front” (beim Niederschlagen von Unruhen oder Zerstreuen von Kundgebungen) besteht wirkungsvolles, in die Zukunft gerichtetes, Konflikte vermeidendes Handeln der Polizei vor allem in statistischer Einordnung.

Würde man die Reaktion der Bevölkerung im Sommer 2020 nun, wie weithin in den Medien geschehen, als rein rechts (“Querdenker = Nazis”) einstufen, würde folgerichtig in der Statistik die Anzahl rechter Gewalttaten in die Höhe schnellen.

Würde man sie aber als links einstufen, wäre man mit dem Problem konfrontiert, dass eine linke Bewegung von bisher ungeahnter Dimensionen auf dem Weg wäre, Europa zu erschüttern.

Beides ist politisch sicher nicht gewollt.

So bleibt als goldene Mittelweg, die politisch schwer zuzuordnende Widerstandsbewegung gegen die Corona-Beschränkungen als “anarchistisch” zu bezeichnen, sind doch bei Rechten und Linken die Anarchisten gleichermaßen unbeliebt. Zudem ist das Unbekannte der Proteste (Wer sind die? – Staatsfeinde!) pauschal erfasst.

Nun liegt – historisch betrachtet – eine der letzten rein anarchistischen motivierten Gewalttaten, die tatsächlich weltgeschichtlichen Rang besassen, fast 100 Jahre zurück. Damals kämpften im spanischen Bürgerkrieg Anarchisten gegen den Franco-Faschismus und übernahmen – übrigens nach einer legal gewonnenen Wahl – für eine zeitlang Regierungsverantwortung in spanischen Metropolen, wie Barcelona. Sie versuchten, Europa vom Geschwür des Rechtsradikalismus zu befreien.

Die gängige, wenig reflektierte Reduzierung des Anarchismus auf Terror und Gewalt, auf bombende bärtige Russen und Verwaltungen niederbrennende Anarcho-Dichter, sowie an Baustellenzäunen oder in Innenstädten marodierende Chaoten, ist mit Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts zumindest äußerst fragwürdig.

Mit diesem Hinweis sollen zahllose Anschläge und Invektiven gegen gewerkschaftliche Arbeit, die wir den verschiedenen anarchistischen Gruppen weltweit zurechnen, nicht klein geredet werden. Aber nichts davon hat am Lauf der Geschichte etwas grundlegend geändert, noch wurde ein Staat von Anarchisten gestürzt, wie in Russland das Zaren-System vor 120 Jahren. In diesem Punkt schaut das Konto der Faschisten anders aus.

Wer also nicht in dumpfes Nachbeten von Klischees verfallen möchte, wie Ernest Hemingway sie mit “Wem die Stunde schlägt” auf alle Zeiten in die Weltliteratur eingeschrieben hat, in dem er an zentraler Stelle des Romans, an der es um die Verantwortung für Gewalttaten geht, sie den Anarchisten zuschreibt, die er als stets volltrunken, verblödet, apolitisch, blutdrünstig und gewissenlos beschreibt – wer also einen etwas differenzierteren Blick auf die historische Situation wagt, wird vielleicht doch zu der Erkenntnis gelangen, dass die Gleichsetzung von Anarchismus und sinnloser Gewalt auf einem politisch motivierten Ausgrenzungsversuch aller politischen Parteien beruht.

IV. Die Denkfabriken

Um dem Verdacht der Antiquiertheit des Anarchismusvorwurfs vorzubeugen, führt das Papier zur Vorbereitung einer Anti-Anarchie-Kampagne des Council of the European Union vom 28. Juni 2021, mit dem Titel “EU action to counter left-wing and anarchist violent extremism and terrorism: Discussion paper”, auf Seite 6 und 7 zahlreiche Beispiele anarchistischer Gewalttaten aus der jüngsten Vergangenheit an, wie die G20-Unruhen in Hamburg 2017, sowie weitere europäische Beispiele (“Solidaritäts-Anschläge” für politische Gefangene auf Geldautomaten in Spanien und Griechenland 2018 und 2019), die sämtlich (ohne jeden Beleg) der “anarchistischen Szene” zugerechnet werden.

Eine wiederholt genannte Quelle ist das Papier “The Right-wing Terrorism Threat in Europe” von Seth G. Jones, Catrina Doxsee, Nicholas Harrington, ein Bericht des Center for Strategic and International Studies CSIS, Washington, Transnational Threats Project (ein dem Homeland Security nahestehender Think Tank), in dem Parallelen aufgemacht werden zwischen rechstterroristischen Aktivitäten und “dezentral operierenden soziopolitischen Systemen wie Anarchismus”.

Ein längerer Abschnitt dieses amerikanischen Think-Tank-Papers, das angeblich Rechtsterrorismus verstehen helfen soll, widmet sich dem anarchistichen Linksterror und behauptet mit Bezug auf die Quelle Europol (so schließt sich der Kreis der Beweise – man belegt sich gegenseitig) und deren European Union Terrorism Situation and Trend Reports von 2018 und 2019:

“Die meisten linksterroristischen Netzwerke in Europa sind anarchistisch und haben ihren Sitz in Griechenland und Italien. Mit improvisierten Sprengsätzen und anderen Waffen haben sie es auf Beamte der Strafverfolgungsbehörden, Mitglieder der Justiz, rechtsgerichtete Netzwerke, Banken und andere Finanzinstitute, Unternehmen und Journalisten abgesehen. Wie die meisten Terrornetzwerke nutzen sie Internet und soziale Medienplattformen, um sich zu Anschlägen zu bekennen, Propaganda zu verbreiten, Spenden zu sammeln und Unterstützer zu rekrutieren.”

Machthaber aller politischer Couleur waren schon immer beunruhigt, wenn sogenannte “Unorganisierte”, solche, die keinerlei Hierarchien anerkennen wollten, die politische Tagesordnung mitbestimmten. Um die Bedrohung greifbar zu machen, listet man möglichst viele “Parteien” auf. Das verdeutlicht dann den Grad der Organisiertheit der Unorgansierten. Dass man gegen Anarchisten etwas unternehmen muss, dafür ließ sich schon immer quer über alle Fronten Einigkeit erzielen.

Angesichts der wilden Entschlossenheit, den Anarchismus endgültig kaputtzumachen, drängt sich der Verdacht auf, dass die Idee, alle Formen von Politik, die auf Hierarchie und Führerprinzip beruhen, seien widernatürlich und überflüssig, vielleicht doch so verführerisch sein könnte, dass – wenn sie sich erst einmal in den Köpfen der Bevölkerung festgesetzt hat – sie eine echte Bedrohung für das patriarchale System darstellt.

V. Die Heimatschützer

Schon die Tatsache, dass EU-Behörden für die Analyse der Lage in Europa ein amerikanisches Think-Tank-Papier heranziehen, legt nahe, dass die Hetzjagd auf Antifaschisten und Anarchisten nicht auf Europa beschränkt sein wird.

Ich zitierte aus einem Beitrag der Autorenkollektive It‘s Going Down und CrimethIncin der aktuellen Ausgabe der Roten Hilfe Zeitung 3-2021, S. 18 ff.

Unter dem Titel “Der Ratscheneffekt Wie Homeland Security rechte Gewalt herunterspielt” ist folgendes zu lesen:

“In einer Verlautbarung stellte der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden am 28. Juli (2020) Anarchisten mit Brandstiftern in eine Ecke und forderte, dass diese strafrechtlich verfolgt werden sollten. Damit stimmt er Trumps wiederholter Behauptung zu, dass das Festhalten an anarchistischen Ideen selbst eine Art Verbrechen sei, das mit Brandstiftung gleichzusetzen sei.”

Doch damit nicht genug:

“Laut der Beschwerde des Whistleblowers Brian Murphy haben der kommissarische DHS(Heimatschutz)-Sekretär Chad Wolf und sein Stellvertreter Ken Cuccinelli ihr Ministerium angewiesen, Berichte so zu ändern, dass sie Trumps Panikmache über linke Gewalt stützen. Im Beschwerdetext heißt es:

Während mehrerer Treffen zwischen Ende Mai 2020 und 31. Juli 2020 machte Murphy geschützte Angaben gegenüber Wolf und Cuccinelli in Bezug auf Amtsmissbrauch und unsachgemäße Verwaltung eines Geheimdienstprogramms in Bezug auf nachrichtendienstliche Informationen über ANTIFA [sic] und anarchistische [sic] Gruppen, die in den Vereinigten Staaten operieren. Bei jeder Gelegenheit wurde Murphy von Wolf und/oder Cuccinelli angewiesen, Einschätzungen zu ändern, um sicherzustellen,dass sie mit den öffentlichen Äußerungen von Präsident Trump zum Thema ANTIFA und anarchistische Gruppen übereinstimmen.

Außerdem wies Cuccinelli Murphy an, Berichte über die Organisierung von White Supremacists zu ändern, um die Bedrohung weniger schwerwiegend erscheinen zu lassen und Informationen über die Bedeutung gewalttätiger linker Gruppen“ hinzuzufügen.”

Lesen Sie morgen an dieser Stelle weiter über

Die Zurichtung der Bürger

Was hat es mit dem Gewaltmonopol auf sich? Warum ist Graffiti Terror? Warum sind Anarchisten angeblich “technophob”? Wie schreiten derweil die staatlichen Techniken zur Markierung und Neutralisierung voran? Welche Gegenmaßnahmen können unbescholtene Bürger ergreifen?

Ein Gratis-Kurs in politischem Jiu-Jitsu!

Die Humorbrigade

Ich kenne niemanden, der eine längere Signatur unter seinen Emails führt als Stellan Vinthagen. Der Humor, den Stellan und seine Kombattanten als Kampfmittel der Wahl in ihren gewaltlosen Gefechten gegen alle Ungerechtigkeit der Welt ins Feld führen, beginnt also schon mit dem Anschreiben.
Stellan lebt derzeit in der „Bergeinschnitt-Wohngemeinschaft als Besucher in der Heimat der amerikanischen Ureinwohner vom Stamm der Pocumtuck im Kwinitekw Tal auf der Schildkröteninsel (von Siedlern Amherst, Massachusetts, getauft und in den heutigen USA gelegen).“

Nun gut, wir verstehen, was ihm wichtig ist: er ist Gast, nicht Eroberer, freundlich aufgenommener Reisender, nicht Unterdrücker. Er hat die Geschichte im Blick. 

Als Beruf gibt Stellan an: „Stiftungsprofessor für die Studien zur gewaltfreien Direkten Aktion und des zivilen Ungehorsams.“ Das Erstaunlichste daran ist, dass der Lehrstuhl tatsächlich so heisst.

Man könnte also sagen: nach dem bedauerlich frühen Tod von David Graeber ist Stellan einer der letzten Anarchisten mit staatlicher Bestallung.

Des weiteren bekleidet Stellan eine Professur als Soziologe sowohl in Amherst als auch an der University of Gothenburg.
Er ist Mitherausgeber eine Buch-Serie im Bereich der sog. „Widerstandstudien“ bei Rowman & Littlefield, Ko-Herausgeber des gleichnamigen Magazins,  Direktor der „Nonviolence and Peace Movements Commission“, International Peace Research Association (IPRA) , Mitglied der „Nordic Nonviolence Study Group“ (Nornos).
Seine jüngste Publikation ist bei Routledge erschienen und befasst sich mit dem Entwurf eines Konzepts für „täglichen Widerstand“.
Wie nicht anders zu erwarten, schreibt er auch einen Blog über Widerstand und moderiert eine Resistance studies mailing list (RSN global).

All das steht unter jeder Email, in der manchmal nur wenige Worte zu finden sind wie “Ok great, Olaf!”

Ist so ein Erfolgsnachweis nicht angeberisch? Ich glaube, nein! Stellan versucht damit zu sagen: “Schaut, was möglich ist, wenn man sich vernetzt. Er gibt kein falsches Riesensystem, das “zu groß zum Scheitern” ist. Wir Kleinen können alles ändern, wenn wir nur wollen.”

Stellans Aussagen über die Herzlichkeit und den Grad der universellen Bildung der Mitglieder der schwedischen Irene-Community, insbesondere aber die jeden Vergleich spottende hohe Qualität der fünfschichtigen Waldbeerentorte betreffend, kann ich aus eigener Anschauung bestätigen. Nur Liva war bei unserem letzten Besuch noch friedlicher, als Stellan sie heute in der AKTION schildert in seinem Text über „das Forschungszentrum in den skandinavischen Wäldern, das den Widerstand fördert”.
Lang lebe die Humorbrigade vom Ufer des Stora Le !

Gesichtslos

Im Februar dieses Jahres zündete Hans Ulrich Gumbrecht eine geistige Bombe. Sein Sprengstoff: Giogio Agamben. Mit Aplomb startet sein Beitrag im Feuilleton der Neuen Züricher Zeitung: “Gesundheit sticht Freiheit, der Ausnahmezustand wird zum Normalfall, und das unmaskierte Antlitz wird zu einer Erinnerung aus einer fernen Zeit.”

Gumbrecht verhehlt seinen Antrieb, Agamben zu besprechen, nicht: “Noch im vergangenen Sommer schien die Aufhebung der mit Covid-19 begründeten Restriktionen nur eine impfstoffabhängige Frage von wenigen Monaten zu sein. Mittlerweile jedoch rechnen wir ohne konkretes Datum mit der Entstehung eines grundsätzlich veränderten, aber hinsichtlich seiner Formen kaum absehbaren Alltags.”

Solche Sätze hätten vor Corona kaum Wellen geschlagen. Jetzt tönen sie geradezu staatsfeindlich – und werden entsprechend aggressiv-unsachlich attackiert.

Hans Ulrich Gumbrecht, einer der prägenden Intellektuellen unserer Zeit, ist ebenso “unverdächtig”, wie Hanna Mittelstädt in ihrem aktuellen Beitrag für Die Aktion dies für Agamben zu Recht in Anspruch nimmt.

Doch das ist längst nicht allgemeiner Tenor. “Mit erstaunlicher Unverblümtheit bekenne” sich Gumbrecht zu Agamben, meint Thierry Chervel – oder wer auch immer für Perlentaucher diese Polemik verfasst hat, von der man vermuten darf, dass sie Teil der Corona-Kommunikation der Bundesregierung ist. Agambens Texte seien (ohne Quelle) “höchst umstritten” – verdächtig also, wenn statt einer kritischen Reszension eine “Hommage” verfasst wird. “Auch Gumbrecht spricht jetzt also von vorgeblich demokratischen Staaten, die ein totalitäres Regime errichteten.”

Auch du mein Freund, ein Verräter! Oder was tönt da zwischen den Zeilen?

Wenig später dann Klartext: “Die Frage, ob das verröchelnde Corona-Opfer selbst sein Leben als bloß biologisch ansieht”, bliebe unbeantwortet.

Das verröchelnde Opfer. Das ist die Perspektive, aus der wir Zeitgeschehen sehen sollen. Das ist in etwa die kürzeste Formulierung des Niveaus, auf dem im Moment öffentlich gedacht wird. Wobei ich mich für “Niveau” gleich entschuldigen möchte. Unterirdischer Rang wird eigentlich von anderen Begriffen abgedeckt.

Gegen solche sprachlich-emotionale Tricks stehen glasklare Sätze von Gumbrecht wie:

“Mittels durch Covid-19 geschürter Furcht vor ihrem eigenen Tod sind die meisten Bürger erstens zu jeder Art von Verzicht motivierbar. Und dies, obwohl zweitens die Flut der täglich publizierten Statistiken nun schon seit fast einem Jahr keine greifbare Vorstellung von der je individuellen Bedrohung hervorbringt. Stattdessen haben sich – drittens – die Medizin und ihre Aura von Wissenschaftlichkeit als eine neue Religion etabliert, die mit der Unterscheidung zwischen Krankheit und Schutz vor dem Virus alle Räume der Gesellschaft durchherrscht. Viertens werden unter diesem absolut gewordenen Gegensatz alle Modalitäten von direkter Kommunikation und menschlicher Begegnung durch elektronische Interaktionen – Interaktionen «auf Distanz» also – ersetzt.”

Nun kann und muss man darüber streiten, ob, wie Gumbrecht meint, der “denkbar schlimmste Fall” tatsächlich schon eingetreten ist.

Wir sind geradezu verpflichtet, Agambens Frage, an welchem Punkt wir stehen, uns ständig zu wiederholen, auch wenn wir – wie Gumbrecht – dafür absehbar mit dem immergleichen Dreck (Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Nazi) beworfen werden. Es ist Dreck, der nicht haften bleibt.

Wenn wir nicht für immer ein “gesichtsloses Land” bleiben wollen, das hinter seinen Masken röchelt, müssen wir die Frage nach dem Punkt, an dem wir jetzt stehen, furchtlos und ehrlich beantworten.

PS: Der maskierte Mann sitzt übrigens auf einer Bank zu Füßen des Diderot-Denkmals in Langres. Die Geburtsstadt der Enzyklopädie, die Wiege der Aufklärung war vergangene Woche auch Ort einer Demonstration der französischen Bewegung mit der Parole “Herunter mit der Maske!” Nach Auflösung der Demo spielte eine Straßentheatergruppe zwischen Rathaus und Museum Maison des Lumières Denis Diderot einige Szenen aus “Die Pest” von Albert Camus – Europa konnte in dieser Sekunde nirgends europäischer sein.

… mit Militärpolizei gegen Maskengegner

Die Ablösung der Haut

Die Krise des Körperkontaktes in der Pandemie und ihre psychischen Folgen – ein Plädoyer für die Wiederaufnahme der Berührung.

Die verlorenen Gesten

Die Pandemie hat die Gesten sozialer Kontakte europaweit nachhaltig verändert. Dabei trifft es, nach gängiger psychologischer Auffassung, die Altersgruppen unterschiedlich hart. Was für uns Erwachsene achtzehn Monate waren, ist für ein Kind unter zehn Jahren ein gefühltes Jahrzehnt. In einer so langen Zeit kann Manches unwiederbringlich verloren gehen, oder sich gar nicht erst entwickeln.

Eine herausragende Rolle bei der Veränderung dieser Gesten betrifft die Berührung der Haut.

Wie der Psychoanalytiker Didier Anzieu 1985 in seinem Buch “Das Haut-Ich” (deutsch 1991) eindrucksvoll vorführt, spielt die Haut eine herausragende Rolle bei der Kontaktaufnahme eines Säuglings mit der Umwelt. Neben den Sinnesreizen, aufgenommen über die “bekannteren” Sinnesorgane, dem Riechen und Schmecken mit Zunge und Nase, dem Blickkontakt über die Augen, der Modulierung der Stimme hat bei der Kommunikation die Haut eine elementare, wenn auch häufig übersehene Bedeutung.

Ihre Vernachlässigung kann zu mannigfaltigen, lang anhaltenden Störungen führen. Dies ist bereits dann der Fall, wenn unter ansonsten vergleichsweise normalen Bedingungen die Anzahl von Reizen zu gering ist. Wie aber muss sich diese Situation verschlimmern, wenn Hautkontakt negativ, als gefährlich angesehen wird?

Von der Begrüßung zur Übertragung

Im Februar vergangenen Jahres war das erste einschneidende Erlebnis, dass man sich nicht mehr die Hand gab. In Nordeuropa, wo ich die Hälfte meiner Lebenszeit verbringe, ist dies die primäre Geste freundschaftlicher Annäherung. In Südeuropa, wo ich mich die andere Hälfte meiner Lebenszeit aufhalte, entspricht dem Handschlag der mehrfach links und rechts hingehauchte Begrüßungskuss, der weniger mit den Lippen direkt auf die Gesichtsoberfläche, sondern gewissermaßen in die Luft geküsst wird, wobei die Wangen sich zart berühren.

Beide Gesten waren gewissermaßen über Nacht verschwunden. Sie blieben es auch bis zum heutigen Tag. Sie wurden abgelöst – durch andere, manchmal hilflose, manchmal höchst fragwürdige Gesten.

Manche Leute traten zur Begrüßung mit den Fuß-Innenseiten gegeneinander, eine fußballhafte Geste, die mich ein wenig an eine besonders brutale, Körper-verachtende Variante des Verprügelns mit nachträglichem Zusammentreten erinnerte, wenn der Besiegte bereits am Boden liegt. Kulturgeschichtlich also eine Kehrtwendung um 180°: ist doch das Händeschütteln ein ritualisiertes Vorzeigen, dass man dem Anderen unbewaffnet entgegen tritt.

Falsche Dosis

Eine weitere, neu entstandene Form der Begrüßung, das Aufeinanderstoßen der Knöchel mit der geballten Faust, hatte ebensowenig freundliche Aspekte, weil es an Boxen erinnerte. War es falsch dosiert, schmerzte es.

Schmerz, der über die Nozizeptoren der Haut vermittelt wird, hat aber eine der Begrüßung entgegengesetzte, tief in uns verankerte aggressive Bedeutung.

Boxen, auch wenn es nur ein zartes Gegeneinanderschlagen der Hände ist, signalisiert, dass wir uns im Gefecht befinden.

Das Berührungsverbot hat unsere Ellenbogengesellschaft um eine weitere, geradezu symbolische Geste bereichert. Statt sich zu umarmen, stösst man die empfindlichen Knöchel des Oberarm-Unterarm-Gelenkes gegeneinander.

So rücken wir uns nicht mehr rücksichtslos auf die Pelle, sondern vermeiden großflächigen Kontakt, indem wir ihn ihn auf einen winzigen Prellpunkt reduzieren.

Auch das Lächeln ist ein Ausdruck, der über die Haut kommuniziert wird. An den Schulen Berlins hängen Zettel, die besagen: “Wir geben uns nicht die Hand, sondern wir schenken uns ein Lächeln.”

Wie soll diese Geste den Adressaten erreichen, wenn beide Seiten Maske tragen?

Nur in der kontaktfreien Zone (Zoom), wo wir wischen statt streicheln, grüßen wir noch mit den Händen: mit dem animierten Winke-Händchen, das jetzt auch schon jenseits der virtuellen Begegnung fröhliche Urständ feiert. Die ineinandergefügten Handflächen sind abgelöst von gepixelten Bildchen.

Wenn wir uns so, in Zoom-Manier, aus nächster Nähe unberührt zuwinken, muss ich immer an P3 denken, den Roboter von Honda, der in seiner steifen Simulation humanoider Kontaktaufnahme zu den befremdlichsten Karikaturen zwischenmenschlicher Höflichkeit zählt.

Mißklang

Zu den gobal verstandenen Gesten der Freundschaft und Berührung zählt auch eine lang eingeübte, über Gegenstände, die wir vorsichtig aufeinander zu bewegen, vermittelte Form der Annäherung: wenn wir in Freundschaft zusammen sitzen und gemeinsam trinken, lassen wir eingangs die Gläser aneinander klingen. Dieses Geräusch ist das Versprechen eines friedlich verlaufenden Abends und der Ton unverbrüchlicher Gemeinsamkeit.

Gerade kürzlich, vor weniger als einer Woche noch, befand ich mich im Kreis von ausnahmslos geimpften Freunden, die nun die Gläser nur noch am Fuß gegeneinander bewegen wollen, um den Kontakt jener Flächen zu vermeiden, in denen möglicherweise noch in Speichelreste gebundenene Viren sich befinden.

Diese Geste ist nicht nur riskant, weil sie mit dem Verfehlen des Ziels fast unausweichlich verbunden ist. Sie ist auch die stillschweigende Erklärung, dass sich an meinen Lippen gemeingefährliche Erreger befinden. Zudem ist der Ton gegeneinander schlagender Gläserfüße bedrückend, dumpf, ohne jenes beglückende Versprechen von Freude, Licht und einer gewissen Transzendenz, das zuvor im hellen Klingen des geschwungenen oberen Teils des Trinkgefäßes verkörpert war.

Was aber resultiert aus solchen Veränderungen?

Die Dimension traumatischer Konsequenzen der Vernachlässigung der Haut werden, insbesondere in einer zunehmend technisierten Umwelt, die von sauberen, glatten, keimfrei anmutenden Bildschirmoberflächen bestimmt ist, oft unterschätzt. Haut, das ist mehr als “irgendetwas mal anfassen”. Die Haut, das sind 1,8 Quadratmeter voll multipler Sensoren. 18 % des Körpergewichts eines erwachsenen Menschen macht die Haut aus. Das ist mehr, als bei jedem anderen Sinnesorgan. Die Rezeptorendichte ist enorm (50 pro 100 Quadratmillimeter).

Haut und Gemeinsinn

Anzieu geht in seinen Annahmen sogar soweit zu sagen, dass der Gemeinsinn von der Haut abhängt: “Erst nach dem Erwerb seiner Grundorganisation als Haut-Ich kann das Ich zu einer neuen Struktur gelangen, indem es mit dem Primat der taktilen Erfahrung bricht und sich als intersensorischer Eintragungsraum konstituiert, als sensorium commune (Der Gemeinsinn)”

Aus Berührungsverboten ergeben sich daher laut Anzieu schwere Störungen.

Menschliche Artikulationsfähigkeit besteht in der Fähigkeit, verschiedene sensorische Daten zu verknüpfen. Einschränkungen der Fähigkeiten zu artikulierter Auseinandersetzung aber führen absehbar zu Formen von Gewalt, entweder autodestruktiver oder antisozialer Prägung.

Die schon rein quantitativ hohe Bedeutung der Haut, wie oben beschrieben, vorausgesetzt, und eingedenk der Beispiele (Kuss, Lächeln, Händeschütteln, Umarmung) lässt sich leicht ermessen, zu was nicht nur das Ausbleiben gesellschaftlich einstudierter Kontaktaufnahme über die Haut, sondern deren extrem negatives Besetzen, als Träger gefährlicher, leicht übertragbarer, höchst ansteckender Krankheiten auf kurzer Strecke führen wird.

Zwar ist es unnötig, an dieser Stelle zu sagen, dass dieser Text kein Aufruf zu hemmungsloser Schmierinfektion ist. Doch das Verbot der Vereinigung unserer Häute über lange Zeit fortzusetzen, wird vermutlich nicht weniger schlimme Folgen haben, als die Schmierinfektion. Die Folgen allerdings werden wohl nicht im gesundheitlichen, sondern im sozialen Bereich zu finden sein.

Was mag ein Kind fühlen oder denken, das von seinen maskierten Eltern desinfiziert – statt betätschelt – wird? Wie ergeht es einem oder einer Dementen, dem/der selbst einleuchtende Erklärungen sofort wieder verloren gehen: müssen sie alle nicht denken, dass man sie gar nicht mehr lieb hat? Nur wir Erwachsenen sublimieren es, drücken es beiseite. Aber die negative Wirkung neutralisieren wir damit nicht. Sie wird unter der Haut auf lange Zeit eingeschrieben bleiben.

Denken mit der Haut

Anzieu sieht die “neun Funktionen des Haut-Ichs” als Rahmen für das Denken, als wesentliche und unabdingbare Voraussetzung, die den Prozess des Denkens überhaupt initiieren.

Wenn also Reizschutz, Individuation, Intersensorialität, sexuelle Erregung oder Libido, um nur einige der neun Funktionen zu nennen, die er dem Haut-Ich zuordnet, von Störung oder Unterbrechung bedroht sind, können die Folgen für die Psyche gewaltig werden. Zumindest sind sie erheblich, unabsehbar.

Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, die Eltern allerdings doppelt, sind sie doch zuständig für die gesunde Entwicklung ihrer Kinder.

Aber es gilt, genau wie bei der Entscheidung über das Impfen, genauestens abzuwägen, wie weit man sich dem Kontaktverbot unterwirft und wie lange noch. Eine Schadensbegrenzung, die in einer verantwortlichen Gesellschaft stets das leitende Kriterium sein sollte, ist aber nicht immer durch Verbote erreichbar.

Im Fall der Haut bewirken Verbote, wie wir sehen konnten, sogar das Gegenteil.

Der Krempling

Impfen ist eine der wesentlichen Errungenschaften der Moderne. Doch wie erleben alte Menschen, zu deren Schutz wir uns alle impfen lassen sollen, diesen Aspekt des medizintechnischen Fortschrittes?

Heute erscheint in DIE AKTION der dritte und – vorerst – letzte Teil unserer Reihe mit Impferfahrungen von Menschen über 80 Jahren.

Hier geht es zum Text von Teil 3.

Bitte hier klicken, wenn Sie Teil 1 und Teil 2 lesen möchten.

Wer mehr über den Kahlen Krempling wissen möchte, einen Pilz, der dem Beitrag seinen Titel gegeben hat, weil unsere Gesprächspartnerin ihn als Vergleich benutzt zur “schnell entwickelten Impfe”, dem “Stoff”, dem sie mißtraut, der möge hier nachlesen: Der Kahle Krempling (Paxillus involutus) wird in älteren Pilzbüchern als wohlschmeckender Speisepilz gelobt. Allerdings müssen die Pilze gründlich gegart werden. Geschieht dies nicht, so erfolgt der Tod im Schock.

Kommentare können hier auf der Startseite zu allen drei Artikeln abgegeben werden.

Der Impfschaden

Die Beschränkungen unserer normalen Lebensführung und die von den Regierungen verordneten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie in den vergangenen sechzehn Monaten wurden uns stets mit dem Hinweis darauf als unumgänglich erklärt, dass wir durch unser Verhalten erheblich zur Gesundheit und Sicherheit bestimmter Risikogruppen beitragen können.

Unsere Selbstdisziplin rette anderen Menschen das Leben.

Als hauptsächlich gefährdete Gruppe wurden uns ältere Menschen, besonders Personen über 80 Jahre genannt: unsere Eltern. Daneben Menschen mit Vorerkrankungen, wie sie in jener Altergruppe besonders häufig vorkommen.
Die Schutzwürdigkeit war dabei nicht so sehr das Ergebnis der Forderung von Interessensgruppen der Betroffenen, sondern wurde von einem Expertenteam im Auftrag unserer Regierungen definiert.

Impfen – das sei so gut wie Gold. Ohne Impfung wäre unsere Zukunft trübe.
Erst wenn alle durchgeimpft wären, könnten die Alten wieder aufatmen.

Wir wollten deswegen gern wissen, wie sich die Situation aus der Sicht der Mitglieder der Risikogruppe darstellt und haben – um wenigstens innerhalb unserer willkürlichen Auswahl von Interviewpartnern eine gewisse Vergleichbarkeit zu finden – drei Frauen aus der Altergruppe über 80 Jahre befragt.
Es ist fraglos vollkommen klar, dass jede Auswahl subjektiv ist, und in keiner Form als repräsentativ für alle Betroffenen anzusehen ist.

Wir haben uns jedoch bemüht, drei völlig unterschiedliche Positionen zu finden.

Heute, im zweiten Interview, stellen wir mit Maria Schönenbach eine Freundin vor, die gerade 80 geworden ist, seit kurzem allein lebt, ihr Leben selbstständig und völlig unabhängig von jeder Hilfe organisiert und sich entschieden hat, sich – ebenso wie die Freundin im ersten Teil unserer Interviewreihe – impfen zu lassen.
Sie berichtet von ihren Erfahrungen mit der Wirkung des Impfstoffs (Interview vom 19. Juni 2021).

Bedingungslosen Befürwortern des Impfens teilen wir vorab mit, dass es sich bei dem Bericht um eine höchst negative persönliche Erfahrung handelt.

Der Kanarien-Käfig

Der Sommer steht vor der Tür und Europa geht baden – in Sichtweite des Muelle de Arguineguín auf Gran Canaria, der nun im Volksmund “muelle de la vergüenza” heisst: der “Pier der Schande”

In den vergangenen Wochen habe ich intensiv darüber nachgedacht, wie die seit April vergangenen Jahres auf diesem Blog verfolgte inhaltliche Linie kritischer Berichterstattung zur aktuellen Situation sinnvoll fortzusetzen ist.

Meine größte Sorge gilt dabei der Vermeidung von Eindimensionalität – bei gleichzeitig sinkende Aufmerksamkeit der Leserschaft wegen allgegenwärtiger Überstrapazierung mit dem Thema “COVID und die Folgen”.

Ich habe deswegen in dem Beitrag “Terrassengesellschaft” bereits versucht, auf gewissermaßen “liegengebliebene”, wegen der allgemeinen Fokussierung auf Corona nicht weiter bearbeitete oder zur Seite geschobene, für die Frage der Menschenrechte in Europa jedoch wesentliche Themen zurückzukommen.

Fast bin ich versucht zu sagen: die Zukunft der Menschenrechte in Europa, denn die Gegenwart zeigt eine bedrückende Missachtung.

Um Missverständnissen vorzubeugen, was ich meine, wenn ich von Menschenrechten spreche, verweise ich hier auf den brillanten und zutiefst erschütternden Beitrag “Der Kanarien-Käfig”von Samuel Allan.

Der Text dokumentiert drastisch, was ich damit sagen wollte, als ich in meinem vorherigen Blog-Beitrag von der Notwendigkeit sprach, den Blick trotz aller pandemiebedingten Anliegen offen zu halten für dramatische Veränderungen, die momentan fast unbemerkt in ganz Europa stattfinden.

Urlaub machen, wo andere Menschen wie Dreck behandelt werden.

Während sich die Tageszeitungen Deutschlands mit so dringenden Fragen beschäftigen wie, ob der Zugang zu Badeanstalten künftig nur noch mit Kreditkarte möglich ist, werden an den Außengrenzen Menschen unter Bedingungen festgesetzt, die für die allermeisten von uns unvorstellbar sind.
Dies noch dazu auf zwei der wichtigsten Badeinseln des europäischen Tourismus: Gran Canaria und Teneriffa. Wie dort jemand entspannt ins Wasser steigen und Badefreunden genießen kann, während auf dem heißen Asphalt des “Pier der Schande” tausend Menschen ungeschützt der brennenden Sonne ausgeliefert sind – ganz zu schweigen von mangelhafter Grundversorgung mit Wasser und Essen, fehlenden hygienischen Maßnahmen aller Art – ist mir ein Rätsel.

Die Szene erinnert ein wenig an die Brutalität, mit der Tierherden in Australien geschoren und verladen werden, wobei der Unterschied der ist, dass jemand, der einen Pullover bei Manufactum bestellt, sorgfältig darauf achtet, dass ein Mulesing-Zertifikat beiliegt, das beweist, dass die Tiere, aus deren Wolle der Hersteller den sündhaft teuren Pullover fabriziert, nicht gequält wurden.

Impferfahrung

Wen kratzen, angesichts solcher unvorstellbare Dimensionen von Gewalt, zugefügt von einer Agentur, die im Auftrag aller europäischen Länder die Außengrenzen schützen soll, unsere Problemchen rund um das gegenwärtige Impfgeschehen und seine gesundheitlichen Auswirkungen?

Zwei Formen von Schutz, zwei Formen von Leiden, doch gänzlich verschieden.

Wir sitzen hier in unserem persönlichen Kanarien-Käfig wie fette Drogen-Barone: hinter goldenen Stäben.

Im vollen Bewusstsein dieses Widerspruchs, zugleich wissend, dass ich ihn nicht auflösen kann, weil er zu den im ewigen Schmiedefeuer gehärteten Zentralwidersprüchen des Kapitalismus zählt, werde ich ab morgen an dieser Stelle einige sehr persönliche Eindrücke von mir befreundeten älteren Frauen (alle über 80 Jahre alt) wiedergeben, die ich auch und gerade deswegen für lesenswert halte, weil sie aus der Perspektive von Insassen im Luxus-Vogelkäfig gesprochen sind. Es sind Stimmen von Freundinnen, die allesamt von vergleichbar hoher sozialer Sicherheit geschützt, doch ganz extrem unterschiedlich klingen.

Effizienz

Zeitgleich zum Text “Der Kanarien-Käfig” publiziert das “Netzwerk zur Beobachtung der Gewalt an der europäischen Außengrenze”, Border Violence Monitoring Network (BVMN), Beweise über fortgesetzte, geradezu strukturell angelegte Gewalt in Nord-Mazedonien, ausgeübt durch Frontex-Mitarbeiter. Ebenfalls zeitgleich befindet The European Court of Auditors (ECA), Frontex sei ineffizient. Was bedeutet dies?

Nun, meine Vermutung ist, dass damit nicht gemeint ist, Frontex gehöre mangels Wirkung abgeschafft – oder: weil der Stil ihrer Arbeit gegen die herrschende Vorstellung eines freiheitlich demokratischen Europas verstoße, das jeden Menschen unabhängig von seiner Hautfarbe oder Religion achte.

Ich vermute, dass das Wort “Effizienz” – ähnlich wie “Digitalisierung” – nur dann und dort auftaucht, wo eine Lücke sichtbar wird, die Anlaß zu größeren Investitionen bietet.

Ich meine, dass die Feststellung mangelnder Effizienz bei Frontex das Einfalltor sein wird für eine Budgeterhöhung in gigantischem Maßstab, denn “wir” brauchen Frontex und sie müssen effizient arbeiten können, was nichts anderes heisst, als: “die Ausrüstung muss verbessert werden”. Wenn Frontex “vernünftig” – mit zeitgemäßer (digitalisierter) Bewaffnung – hochgerüstet sind, wird man sie auch nicht mehr bei händischer Quälerei erwischen. Und wenn die Ver-X-fachung des Budgets einst beschlossen ist und Thierry Breton endlich sein Ziel erreicht hat, dann wird vom momentanen “Alptraum” nur noch der zweite Wortbestandteil übrig sein (siehe Foto oben).

Hier geht es zu den neuen Beiträgen für “Die Aktion”, die im Text erwähnt sind:

Teil 1/3: Die Seniorengemeinschaft: Eindrücke aus sechzehn Monaten Pandemie in einer “gated community” in Sonoma, Kaliformien

Terrassengesellschaft

Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren.
„Emilia Galotti”, Gotthold Ephraim Lessing

Verhältnismäßigkeit ist ein gutes Wort. Es rückt uns zu Anderen in eine richtige Beziehung und fordert moderates Verhalten ein. Über Verhältnismäßigkeit sollte man täglich sprechen, kritisch. Unverhältnismäßigkeit verschlägt einem leider oft die Sprache. Angesichts von Unverhältnismäßigkeit scheinen angemessene Vergleiche plötzlich brüchig.
Jetzt, in der zweiten Phase der Pandemie, in der sich die Gesellschaft in Geimpfte und Umgeimpfte teilt, wie in einem 50er-Jahre Pulp-Fiction aus der Reihe Utopia, treten technische Begriffe des Gesundheitsregimes sukzessive in den Hintergrund und werden von moralischen Begriffen ersetzt. Mit ihnen bewaffnet, wird der Bürger des Bürgers Feind.
Dieser Bürgerkrieg aber blendet weitgehend alle relevanten Probleme aus.

Wildbrücken
Wir werden vergleichsweise gut davon kommen. Wildbrücken über den Autobahnen werden nicht abgerissen, wenn Leute wie Olaf Scholz an die Macht kommen und Annalena Baerbock zum Gärtner machen. Entschuldigung, Gärtner*in.

Solange aber die Wildbrücken stehen, werden die Menschenrechte im neuen Deutschland unter selbstgewisser Führung im Stil der Hamburger Härte nicht mit Füßen getreten. Darauf kann man sich verlassen.
Verlassen.
Auch so ein Wort.
Vielleicht müsste man Lessing heute umdichten.
Ich werde darüber nachdenken.

Unsere Probleme sind klein. Verglichen mit dem, was in den Newslettern von Statewatch berichtet wird, haben wir das kleinste Problem unter der Sonne.

Ich erinnere noch recht gut, dass ich etwa 2008 in einem Link von Statewatch zuerst den Begriff „virale Bombe“ gelesen habe. Statewatch zitierten mit Entrüstung aus einem Firmen-Pamphlet zur Begründung der Notwendigkeit einer „Festung Europa“.

Migranten seien virale Bomben. Selbstmordattentäter, gewissermaßen, die das friedliche und gesunde Leben der hinter den Festungsmauern Lebenden bedrohten.
Kranke, in jedem Fall. Die wie ein „Tsunami“ nach Europa hereinbrandeten.
Wollte man hier künftig von Kranken überschwemmt leben?

Da tauchte es also das erste Mal vor mir auf: das Argument der Gesundheit, das Angst und Ablehnung schüren sollte. Das den Bau des antiviralen Schutzwalles auf dem Perimeter von Schengen rechtfertigen sollte. Ich hatte 2020 beinahe vergessen, dass ich das Argument schon mehr als ein Jahrzehnt kannte.

Als ein Freund von mir kürzlich den eingangs zitierten Vergleich zwischen Menschenrecht und Wildbrücken vortrug, ging es um die Frage einer Impfpflicht. Er verneinte die Möglichkeit. Ein Land, das Wildbrücken baut, zwingt keine Bürger unter die Spritze. Undenkbar.
Aber die Umgespritzten? Vielleicht müssen sie künftig über Wildbrücken laufen?

Terrassengesellschaft
Letzte Woche in Berlin bei Sonnenschein. Die Terrassen sind voll. Überall, eng an eng sitzend, jüngst Genesene – mit amtlichem Beleg, frisch Getestete – mit Zertifikat, zwei Mal Geimpfte – mit Pass. Den Mund frei, dürfen sie wieder miteinander sprechen: die Stichworte, die ich aufschnappe, drehen sich um Herstellernamen und Impftermine ihrer Freunde.
Die dürfen hier jetzt nämlich noch nicht mit sitzen. Oder nur, wenn sie sich vorher in die Schlange der Test-Center eingereiht haben. Überall Schlangen – vor umgenutzten Läden, die Pandemie-bedingt dicht machen mussten. In Schlangen kann man sich offenbar überhaupt nicht anstecken.
Wie gut!
Wenigstens eine Freiheit.

Vor der Marheinekemarkthalle parkt ein Impfmobil, ein Lastfahrrad gleichen Typs wie das, das sonst als Techno-Mobil donnernd durch die Hasenheide fuhr. Die Deutschen sind einfach unschlagbar, was Geschäftstüchtigkeit anbelangt.

Unsere Terrassengesellschaft begegnet in dem wöchentlichen, gewissermaßen brachialen Überblick über die Geschehnisse in ganz Europa, den uns Statewatch serviert, einer Kultur des nackten Lebens, wie es sich an den Außengrenzen täglich abspielt.

Wir wissen – insbesondere nach den letzten Ereignissen in Ceuta –, dass wir in einer Zaungesellschaft leben, eine, die sich gut hält, indem sie ein Bollwerk baut, das nicht so dick und fest sein muss, aber genauso gut funktioniert wie ein mittelalterliches Schanzwerk. Diejenigen, die auf der Terrasse sitzen, entscheiden über das Leben derjenigen, die davor, am Rand der untersten Stufe betteln.

Es sind Entscheidungen, die keinen Vergleich kennen mit dem Schutz des Lebens der anderen, zu dem wir aufgefordert sind, Maske zu tragen und Abstand zu halten. Der Abstand, der uns die Leute vor der Terrasse morden lässt, wird heute gern übersehen. Insbesondere die Mitverantwortung all derer, die sich derzeit täglich echauffieren, wenn sich jemand nicht an „die Regeln“ hält.

Wir futtern uns Speck an auf der Terrasse. Endlich wieder. Wir zuerst, dann die anderen. Mit Speck auf der Seele lässt sich Ungerechtigkeit, an der wir sowieso nichts ändern können, besser ertragen.
Wir brauchen mehr Speck, um sicher zu sein.

Überwindung
Statewatch – das ist menschenrechtlich notwendige Erinnerungs-Kultur. Über die turbulenten Veränderungen unserer Lebenswelten in den letzten 18 Monaten vergessen wir noch leichter als schon zuvor, dass es auch jenseits der staatlich verordneten und medial propellierten Denkpfade berücksichtigenswerte Realitäten gibt, die bei Licht betrachtet viel beklemmender sind als das Pandemiegeschehen.

Die durchweg präzise recherchierten, meist umfänglichen Beiträge von Statewatch verbinden sich über ihr kompromissloses Engagement für die Menschenrechte zu einem Panorama eines weitgehend im Dunkeln liegenden Europa.

Die Texte zu lesen fällt mir – trotz ihrer hoch spannenden und von den meisten Medien wenig berücksichtigten Fragestellungen und den brillianten Lage-Analysen – oft deswegen schwer, weil die dort aufscheinende dystopische Realität bei mir ein Ausschalt-Ventil betätigt.

Der dort beschriebene europäische Alltag scheint jedes Maß des Erträglichen, das man bereit ist, als seine Gegenwart hinzunehmen, zu überschreiten.
Ich muss mich daher immer überwinden, mir diese unerfreulichen Aspekte unserer Zeitgeschichte vor Augen zu führen.

Die längeren Studien der letzten Jahre, NeoConOpticon und Market Forces – um nur zwei Beispiele aus der langen Liste bisheriger Publikationen zu nennen –, gehören allerdings zum Spannendsten, dass ich je im Bereich engagierter politischer Forschungsarbeit gelesen habe.

Mancher meiner Leser mag sich fragen: woher soll ich die Energie nehmen?

Wann – zwischen homeschooling, Schlange stehen vor dem Supermarkt, auf eine freie Zähl-Karre wartend (zu der der Einkaufswagen mutierte) – wann zwischen Arbeit, Familie, Arzt und Besorgungen soll ich mich mit diesen Forschungen beschäftigen?
Jetzt? Nachdem ich gerade alle meine (wenigen) frei einsetzbaren Energien eingebüßt habe und von einer infektiösen Psychose befallen wurde, als meine Tochter (Gendersternchen * Sohn) aus der Schule einen positiven Tagestest mitgebracht hat?
Ich spreche hier natürlich nicht von einer Klassenarbeit, sondern von der „engmaschigen“, dennoch offenbar wenig verlässlichen schulischen Gesundheits-Analyse, die jene globale Panik in das Heim der Familien trägt.

Wo soll angesichts solcher Schock-Erlebnisse, die jeder, der Kinder hat, einmal pro Monat mindestens erfährt, noch Rest-Energie herkommen, um sich mit Statewatch zu befassen und den Fragestellungen zum laufenden Umbau Europas – in was genau eigentlich?

Ein rasant sich wandelndes Europa bleibt so von kritischer Bürgermeinung unkorrigiert. Es kann sich ungebremst in jener Weise entwickeln, wie dies in Market Forces beschrieben wurde.
Würde man Market Forces lesen, wüsste man, wohin die Reise geht. Viel Phantasie ist nicht nötig, um von der Lektüre auf die Wirklichkeit zu extrapolieren.

Akupunkturpunkt
Die Spannungen, die sich aus dem emotional höchst wirksamen, um nicht zu sagen: toxischen Erfahrungen rund um die Pandemie ergeben, verstärken den Abwehrmechanismus, der uns schon unter normalen Bedingungen dazu bringt, unerfreuliche Dinge wenig gern wahrnehmen zu wollen.

Testen und Masken tragen und wieder testen führt auf relativ kurzer Strecke zu einer Löschung aller Ereignisse, die nicht unmittelbar mit der Bewältigung der nächsten Stunden zu tun haben.

Ein zynischer Freund, den ich hier gern und oft zitiere, hat die Theorie aufgestellt, dass die Elastik-Bänder der Masken einen Akupunkturpunkt hinter dem Ohr triggern, der sofortiges Vergessen auslöst.

Jeder von uns hat schon die Erfahrung machen können, dass das Tragen der Maske, obwohl sie die Augen überhaupt nicht bedeckt, das Gesichtsfeld einschränkt. Das muss tatsächlich Einfluss auf das Denkvermögen haben, anders ist es nicht vorstellbar. Man vertrottelt spontan.

Wohl gemerkt, das ist ironisch gemeint – vielleicht sollte man zur Kennzeichnung ein ganz unübersehbares Analogon zum Gendersternchen benutzen?
Ich verbreite hier keine neue Verschwörungstheorie, die innerhalb weniger Tage Millionen von Followern finden soll und dabei genau bei jenen Leuten auf fruchtbaren Boden fällt, die ohnehin unzufrieden sind, aber ihre Unzufriedenheit nicht anders konkret machen können als durch paranoiden Irrsinn.

Ganz im Gegenteil, ich versuche mit der Groteskheit solcher Ideen das kritische Wahrnehmungsvermögen anzureizen. Wir müssen unsere Akupunkturpunkte drücken, die sozialen, humanitären und die demokratischen. Sonst stehen wir ziemlich schnell trotz allem Speck ganz mager da.

Zynismus und Ironie sind vielleicht nicht immer die besten Berater. Aber ich bin offen für Vorschläge, damit ein neuer Lessing nicht eines nahen Tages dichten muss:

Wir haben über gewisse Dinge den Verstand verloren. Ein Wunder, denn hatten keinen zu verlieren.

Gefährderansprache

Ein Poem mit Einleitung

I. Vorrede

Spaltung
Ohne dass ich es geplant hätte, fügen sich die letzten drei Beiträge – vor dem heutigen – in eine Reihe sich fortsetzender und gegenseitig auslösender Gedanken zum Pandemie-bedingten Wandel des Stils im Umgang miteinander.

Beginnend mit dem Text vom 19. April „Der gründlich regierte Bürger“ , der die technologische Bedingung des Wandels aufgreift (und seine grassierende Bejahung durch die Bürger), über „Die Säuberung der Schädelkammern“ am 2. Mai, in dem ich mich mit der Geschichte des methodischen Einsatz von Begriffen beschäftige, die ein neues Denken lancieren sollen (und dabei das alte Denken restlos abwaschen), bis hin schließlich zum „Blinden Fleck“ vom 4. Mai., der den kometenhaften Aufstieg eines neuen Egoismus polemisch beschreibt, hat sich mein Thema, ohne dass ich es wollte, auf den Punkt zu bewegt, über eine tiefgreifende Spaltung in unserer Gesellschaft zu sprechen, die in nur einem Jahr entstanden ist.

Mir scheint, dass viele Menschen heute nur noch aus der sicheren Distanz einer selbst gewählten komfortablen Isolation – mit stabilem Internetanschluß und kontaktfreier Essenzustellung per Lieferdienst – heraus agieren. Sie schießen aus der Distanz auf vermeintlich Verantwortungslose, die ihre Zelle verlassen und draußen – unter zahmer Missachtung fragwürdiger Regeln – im Kontakt bleiben wollen.

Die bei sich da drinnen bleiben, nehmen mit der (geistigen und der aufgewärmten) Bringdienstnahrung aus dem Netz viele ungesunde Spurenelemente zu sich, die sich – wie bei allen kontaktlosen Erfahrungen – schnell zu Haß steigern.
Die da draußen stehen ständig neben falschen Fahnen und müssen sich pauschal von der Polizei als Gefährder ansprechen lassen.

Die Gesellschaft zerfällt in zwei Gruppen, die sich gegenseitig für unzuverlässige Zeitgenossen halten.

Eingeweidebruch
Ist die Spaltung umkehrbar?

Oder ist der Diskurs, die kritische Auseinandersetzung unter Menschen, die zur gleichen Zeit mit dem gleichen Problem konfrontiert sind, es aber unterschiedlich interpretieren, endgültig zerbrochen?
Oder können wir zu einer Variante der konstruktiven Auseinandersetzung zurückfinden und die derzeitigen Verwerfungen aufheben?

Wenn ich die Verschärfung meiner eigenen Sprache in diesen – mit dem heutigen – vier Texten rückblickend betrachte, fürchte ich mehr und mehr, es wird schwierig, wieder zusammen zu kommen mit den Teilen der Mitbürger, die keine Lösung suchen, sondern das Problem, das ihnen abweichende Auffassungen bereitet, endgültig erledigen möchten.

Doch ich fühle mich nicht an die Kette des Nicht-Vergessen-Könnens angeschmiedet. Ich halte das Gespräch offen. Aber es gibt dafür fraglos Bedingungen, hinter die wir nicht zurückgehen können.

Noch finde ich Freunde, Genossen, Leser, nicht gering an Zahl, die verstehen, worüber ich spreche und nicht so tun, als sei es ganz absurd und verworren. Noch finde ich Menschen mit dem gleichen Ziel – aber die Ausfallquote ist dennoch verheerend.

Der Eingeweidebruch unserer Gesellschaft macht keinen Sinn. Und ich hoffe, der Pilz der Spaltung kann trockengelegt werden.

Kontroverse macht Sinn. Denn fair ausgetragene Kontroversen führen zu Einsichten. Einsichten münden in Ergebnisse.

Ein „Mittel-Weg“ jedenfalls ist unmöglich.

II. Anrede

Zeitgenossen!
Bewohner dieses Landes!
Nachbarn nah und fern, die ihr zusammen mit mir ins 21. Jahrhundert geschritten seid! Bürger der freiheitlich-demokratischen Staaten Europas, die ihr Krieg und Faschismus, diverse Weltwirtschafts- Staatsschulden- und Finanzkrisen erlebt und überstanden habt! Mitmenschen, die ihr mit gerechter Verachtung die Anschläge auf andere Zeitgenossen in Manhattan, Barcelona, London, Paris, Madrid, Berlin, Nizza gesehen, vielleicht sogar miterlebt habt! Zählt die Namen aller Orte auf, an denen Attentate verübt worden sind im Namen vollkommen frei herbei fantasierter, eingebildeter, religiöser oder systemkritischer Motive. Wir alle sind die Opfer dieser Attentate und das eint uns. Dachte ich.

Zeitgenossen und Geschädigte, Beobachter und Begleiter der diversen Krisen, Ruinierte des Spätkapitalismus, ich habe euch eine Mitteilung zu machen über ein Missverständnis, das mir erst unter den Bedingungen der Pandemie aufgefallen ist.

Kurzum: ihr alle, die ihr zusammen die Öffentlichkeit stellt, ihr, die sogenannte Bevölkerung: ich muss euch einen gewaltigen Irrtum gestehen.

III. Irrtum

Ich habe immer gedacht, es seien Fehler unserer Regierungsform, unter denen wir, oder genauer: die meisten von uns leiden. Ich habe nun erkannt: ich habe mich geirrt. Ich habe mich in euch geirrt, in der die anonymen Masse, die mich umgibt.

Ich habe immer gedacht, wir hätten alle mehr oder weniger den gleichen Mut, wenn es hart auf hart kommt, wenn es ernst wird und zur Sache geht. Nennt den Mut meinethalben Zivilcourage. Am besten nennt ihn Überzeugung: eine Haltung jedenfalls, die es erfordert und dem Handelnden auch keine Alternative lässt, als an dem Punkt, an dem das Leben zunehmend unerträglich wird und die Zumutungen diesen Punkt überschreiten, Schulter an Schulter zu marschieren: wir alle, egal welcher Hautfarbe und fast egal welcher politischen Überzeugung. Gemeinsam.

Ich sah uns immer geschlossen gegen das Sozialschädliche, das Falsche, das Bedrohliche voranschreiten. Ich betrachtete die Fehler, die es zu bekämpfen galt, als wichtiger, als die Unterschiede zwischen uns.

Ich erkenne nun, dass ihr nicht mitmachen wollt.

Merkwürdigerweise verweigert ihr euch in dem Moment, in dem ihr am meisten geschädigt werdet – dazu noch mit der fadenscheinigsten Begründung.

Geprellte, Ausgezogene und Liegengelassene, Durchleuchtete, Kartierte und Abgeschobene: warum schluckt ihr das alles? Wohin ist euer gerechter Zorn verschwunden? Hat euch die Pandemie das Mark aus den Knochen gelutscht?

IV. Regression

Ich habe mich oft geirrt in den letzten fünfzehn Monaten. Erst habe ich gedacht, wir brauchen Geduld. Ich habe gedacht, eine Pandemie könnten wir aussitzen. So schlimm, habe ich mir gedacht, wird es schon nicht kommen. Dabei habe ich nicht über Zahlen von Toten und medizinische Probleme spekuliert – davon verstehe ich nichts! – , sondern über die Veränderung unserer Umwelt, unserer Beziehungen. Ich habe an ihre Festigkeit geglaubt, eine Festigkeit, die zunimmt, je höher der Druck von außen steigt.

Dann, etwas später, habe ich gedacht, wir brauchen jetzt sofort umfassende Gesundheit. Ich habe den Personen und den Gegenständen um mich herum nicht mehr getraut, denn da war diese unsichtbare Bedrohung. Kurz darauf habe ich erkannt, dass ich mich geirrt habe, weil ich spürte, dass ich Opfer einer Kampagne der Angst geworden war.

Danach, als ich diesen Irrtum eingesehen hatte, habe ich gedacht, wir brauchen mehr gesunden Menschenverstand. Aber zu dem Zeitpunkt war ich schon isoliert, stand mit meinem vermeintlich gesunden Menschenverstand irgendwie vom Hauptkörper unseres Landes abgetrennt.
Denn die Meisten um mich herum wollten lieber den Weisungen von oben folgen, als selber einzuschätzen, wie sie ihre Geschäfte und ihren Alltag zu führen und auf welche Art sie auf sich und andere und insbesondere auf die Gesundheit aller aufzupassen hätten.

Das alles tatet ihr, obwohl ihr niemals zuvor in existenziellen Weichenstellungen auf Die da oben zugekommen ward und ohne Ausnahme dafür sorgen musstet, eure Sache selber zu regeln. Doch jetzt – mit einem Mal – wolltet ihr wie Säuglinge umhegt sein.

An der kollektiven Regression habe ich erkannt, es wird noch lange dauern, bevor wir wieder leben können wie zuvor, wenn überhaupt je.

In dieser Zeit habe ich gar nichts gedacht. Ich war einfach schockiert.

Später dann, als ich wieder zu mir kam, habe ich gedacht, ich brauche verlässliche Leute um mich herum, um das alles durchzustehen, was gerade passiert.

V. Gefährderansprache

Ich habe mir manches Mal gewünscht, wir alle verfügten über etwas mehr Contenance, vielleicht mit einem Schuß Harthörigkeit und zur gleichen Zeit habe ich mir gewünscht, dass alle um mich herum etwas sensibler und hellhöriger wären.

Ich habe mich jedes einzelne Mal geirrt.

Ich habe mich geirrt, als ich dachte, wir bräuchten eine bessere Regierung. Ich habe mich geirrt, als ich glaubte, wir bräuchten bessere medizinische Berater, mehr verschiedene, besonnenere Meinungen zum unklaren Stand der Dinge, nicht nur Zahlen, von Tag zu Tag rätselhaftere und immer neu interpretierte Zahlen, die immer eine und dieselbe Meinung, die die Linie der Regierung stützten, wohin auch immer Regierung und Kurve lavierten. Wir waren auf hoher See und das Überraschende daran: der Sturm nahmen uns allen Wind aus den Segeln.

Wir trieben auf einem Floß aus Zivilisationsresten. Kurs unbekannt. Nur eins ist sicher: wo wir anlanden, werden wir kein gesundes Land vorfinden.

Ich habe mich auf ganzer Linie geirrt und allemale in vielen meiner Mitmenschen. Sie hatten mich zu Gunsten ihres eigenen Überlebens geopfert und den Gesellschaftsvertrag aufgekündigt, bevor ich es gemerkt hatte.

Ich war auf dem Floß und um mich herum waren Kannibalen.

Für so billig wollte ich den Gesellschaftsvertrag eigentlich nicht rückabwickeln. Aber wie konnte ich den Preis, den meine Mitmenschen zahlen bereit waren, unterbieten?

Das nackte Leben, ihr Leben, egal unter welchen Bedingungen, ist ihnen offenbar mehr wert, als die Beziehung zu mir. Weil sie mir das nicht ehrlich gestehen mochten, erklärten sie mich lieber zu einem gemeingefährlichen Irren.

Weil ich probiere, suchend wie je, selbständig weiter zu denken, verweigern sie mir das Gespräch. Statt dessen bin ich das Ziel einer heute alltäglichen, bis in den privaten Bereich hineinreichenden Gefährder-Ansprache geworden.

VI. Zugabe

Was – außer einer gleichnamigen Vorschrift – ist gemeint mit der Gefährderansprache? Welcher gesellschaftliche Umschwung drückt sich darin aus, dass Gefährderansprachen im Zusammenhang mit der Pandemie von einer polizeilichen Strategie der Abdrängung von Sympathisantentum in das Gespräch zwischen Personen eingewandert sind und dort die Rolle der symbolischen Unterscheidung zwischen richtig und falsch einnehmen – also statt rechtsförmig zu sein, moralisch geworden sind?

Solche eine Ansprache unterscheidet sich zunächst einmal vom Gespräch durch eine willkürliche Zuweisung: du bist Gefährder. Sie befleissigt sich dabei der Sprache der Übertreibung und klingt deswegen verdrückt, aus der angemessenen Mitte geraten. Sie ist der Moderatheit verlustig gegangen, ohne die jedoch keine Einsicht zu erwarten ist. Sie klingt, als stünde der Sprecher neben sich und zitiere ein Prinzip, ohne seine Rede an ein reaktionsfähiges Gegenüber zu richten.

Die in einer Gefährderansprache verkapselte, absichtsvolle Verkehrung der Tatsachen (als Teil einer strategisch beabsichtigten Kriminalisierung) ist so lächerlich, so abgedroschen, so altbekannt, dass ich nicht vorhabe, mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Das würde dem billigen Trick zu viel Gewicht geben.

Aber ich habe an der Gefährder-Ansprache zweierlei erkannt.

Erstens: die Gefährder-Ansprache ist ein Notnagel, der die Latten einer auseinanderfallenden Kiste befestigen soll. In der Kiste versteckt der Apparat, der unsere Regierungen vor Kritik schützt. Der Notnagel trümmert die Kiste durch, weil sie schon morsch ist.

Zweitens: In Gefahr und grosser Not bringt die Spaltung Dir den Tod.

Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, welche der beiden Einsichten ich beklemmender finde.

Der blinde Fleck

Eine Polemik über das Ende der Freundschaft und den neuen Egoismus

Ratet mal!

Am heutigen 4. Mai 2021 wird die neue AKTION ein Jahr alt.

Ein Säugling – mit den 110 Jahren seiner Eltern und Großeltern auf dem Buckel.

Um es mit dem Pseudonym des AKTION-Gründers Franz Pfemfert zu fragen: „U. Gaday?“ (abgeleitet vom Russischen: ugadai = „rate mal“):

Hat die neue AKTION Bestand? War sie im ersten Jahr interessant? Wurde sie gelesen? Konnte sie erfolgreich vom Papier ins Internet verpflanzt werden? Als Ausdruck welcher politischen Einstellung gilt sie , dort wo sie hinverpflanzt wurde?

20. Februar 1911

Die privaten Blogs im Internet gelten heute als weitgehend gefährliches Pflaster: kein Strand liegt unter den angeblichen Falschmeldungen.

Als am 20. Februar 1911 Pfemfert die Ur-AKTION als neues Organ der undogmatischen Linken aus der Taufe hob, war ganz sicher noch kein Internet am Horizont.
Zwar schrieb der AKTION-Autor und Berliner Sciencefictionist Paul Scheerbart schon damals von kompletten, radikal miniaturisierten und an einer Halskette zu tragenden Bibliotheken. Auch lagen erster Weltkrieg und die russische Revolution zum Gründungstag noch in der Zukunft, ebenso wie der europäische Faschismus, unter dessen Erstarken Pfemfert 1932 aufgab.

Niemand konnte damals ahnen, wie es einst weitergehen würde.

Fast fünfzig Jahre lag die Zeitung still.

11. September 1981

Als der Anarchist Lutz Schulenburg 1981 mit der AKTION (No. 1-7) weitermachte, lag vor ihm in noch relativ weiter Ferne der Zusammenbruch des damals die Weltordnung bestimmenden Systemwiderspruchs zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Über diese Wende hinaus bis zu seinem Tod 2013 hat Lutz die Zeitung weitergeführt.

Dann lag sie wiederum sieben Jahre still.

Als wir am 4. Mai 2020 unter dem Eindruck der ersten Monate der COVID-Epidemie die Stafette aufnahmen, weil wir es für bitter nötig hielten, den frappierenden medialen und politischen Ereignissen um uns herum eine Stimme entgegenzusetzen, eine Stimme der „radikalen Intelligenz“, wie wir sie zynisch nannten, da glaubten wir weder, dass ein Jahr später die Welt so derart „auf Null gefahren“ sein könnte, wie es nun tatsächlich der Fall ist, noch glaubten wir, die wir ein Organ mit 500 Abonnenten beerbten, dass wir derart viele neue Leser finden würden.

Und dennoch, gemessen an den benannten historischen Ereignissen: was gilt da als Erfolg?

Können wir heute mit „Internet-Statistik“ eine inhaltliche Bedeutung ermitteln?
Mit den 25.000 neuen Lesern des ersten Jahres protzen?
Wohl kaum.

1. Mai 2021

Schauen wir nüchtern – bitte ohne jede seelische Erschütterung oder ohne jeden Zorn – auf die Ereignisse der letzten Tage.

0,2 % der Deutschen sind am 1. Mai 2021 auf die Straße gegangen.

Rein rechnerisch bedeutet das, dass 98,8 % zu Hause geblieben sind und sich der Bundesnotbremse unterworfen haben oder maximal, an dem Tag, an dem sonst seit 140 Jahren, seit dem 1. Mai 1886, politisch öffentlich gehandelt wurde, zum Picknicken in den Park gegangen sind – allerdings auf Distanz.

„moving day“, wie der Internationale Kampftag der Arbeiterklasse heisst, das ist heute Stillstandstag.

Die Bewegung hat keine treibenden Kräfte mehr.
Alle sind fixiert: im Bann einer Regierungserklärung, angeblich zum Schutz der Gesundheit. Niemand hört mehr hin, niemand stösst sich daran, wenn der Gesundheitsminister sagt, in den Händen der Pharmakonzerne wäre das Programm zur Gestaltung einer gesunden Zukunft am besten aufgehoben – das würde zugleich auch Beamtengehälter sparen: so sieht er aus, der „moving day“ in Lobbyland.

Aber das Problem ist nicht allein politischer Natur, wenn wir hier unter Politik das verstehen wollen, was Berufspolitiker als republikanisch bezeichnen.

Das tiefere Problem liegt in der brutal schnellen Zerschlagung allen Vertrauens, aller Solidarität.

In nur einem Jahr haben wir nicht nur viele nette neue Leser kennengelernt – wir haben auch viele gute alte Freunde verloren. Der Moment, in dem die Bande zerbrachen, wirkt – schon aus der Distanz nur weniger Wochen betrachtet – wie fingiert. Wie künstlich aufgepeitscht. Als habe man nur auf die Gelegenheit zum Bruch gewartet.
In die persönlichen Bande hat sich das Virus am festesten eingenistet.

Die durch Reglementierungen bedingte Trennung alter Freundschaften hat einen fatalen Effekt: Abwesende, die mangels Anwesenheit und in ihr aktiv geführter Debatte nichts, insbesondere keine Vorwürfe, im direkten Gespräch relativieren können, sind vorbestimmt zum Opfer.

Wo Diskurs ausfällt, regiert Vorurteil, schlechte Laune, blinder Fleck. “In Zoom” war dieser Effekt anfangs noch teilweise abfangbar. Aber seit alle Tagesenergie unserer Freunde „in Zoom“ zu fliessen scheint, ist auch dieses Freundschaftsersatzbefriedigungs-Medium verbraucht, enthält keine Bindekräfte mehr.

Die Erfahrung ist nicht neu: die boomenden E-Commerce-Wirtschaft Anfang der nuller Jahre hat ausführlich Erfahrungen damit gesammelt, warum und auf welche Weise geschäftliche Absprachen über Videokonferenzen scheitern. Entscheidungen wurden stets in Kaffeepausenrunden, nicht am Konferenztisch getroffen. Die Lösungs-notwendige Chemie des „einander riechen Könnens“ ist nicht digitalisierbar.

Doch hier ging es nur um Abschlüsse, nicht um Freundschaft. Wie viel schlimmer muss es daher um zwischenmenschliche Gefühle stehen, die nicht wie wirtschaftliche Daten verhandelbar sind.

Wo Kontaktangst herrscht, ist Zusammenschluss undenkbar. Räumliche Entkoppelung zerstört Freundschaft, deren Kern Herzlichkeit, Umarmung, physische Nähe ist, die jede Form von ideologischer Differenz zu harmonisieren in der Lage ist.

Unter dem Eindruck der zahllosen, regierungsamtlich verordneten und inzwischen sogar strafbewehrten Denk- und Sprechverbote, die mit den Reglementierungen einhergehen, die zusammengefasst „4. Bevölkerungsschutzgesetz“ heißen, hat sich inzwischen auch bei kritisch denkenden Menschen der blinde Fleck soweit ausgedehnt, dass er Intellekt- und gefühlsbeherrschend geworden ist.

Zielfläche der Angriffe der unter starker Ausdehnung des blinden Flecks Leidenden ist jetzt nicht mehr das staatliche Handeln. Dies wird als identisch mit dem wünschenswerten Gesundheitsschutz betrachtet.

Die Zielfläche der Angriffe sind jetzt diejenigen, aus dem engeren Bekanntenkreis stammenden, früher als kritische Weggefährten Betrachteten, die sich trotz der Sprech- und Denk-Verbote noch mit eigenen abweichenden Ansichten hervorwagen.

Die konzertierte Verleumdungskampagne gegen jede Form von “Abweichlertum”, das früher als „erfrischend widerständig“, heute aber als „verantwortungslos lebensgefährdend“ bewertet wird, habe ich in meinem Text „Die Säuberung der Schädelkammern” vor drei Tagen etwas genauer dargestellt.

Ego-Monster

Nicht einmal mehr der von Albert Camus beschriebene Reflex einer “erklärten Freundschaft” ist möglich zwischen Leuten, die ihre Freundschaft 20 Jahre lang zuvor als unverbrüchlich gepflegt haben.
Die Selbstzuordnung der Freunde zu Risikogruppen, ihr freiwilliges Verzichten auf Kontakt hat eine überdeutliche Dimension von Egoismus, in dem Sinn, wie Frank Schirrmacher ihn als Monster des Kapitalismus in seinem Buch „Ego“ erkannt hat. Schirrmacher, der sich – wie glaubwürdig auch immer, mit diesem Buch vom Jünger-Fan zum Foucaultianer wandelte – prognostiziert in seinem Buch das Ende des freien Willens und den Wandel des Demokratiebegriffs in der heutigen Zeit, in der eine Ökonomie des radikalen Egoismus ohne Moral sich Bahn bricht.

Die vom Egoismus dieser Ausformung geprägte Unfähigkeit zu jeder Form von Unverbrüchlichkeit, das Versagen aller Contenance kann man getrost als den Hauptschaden der Pandemie bezeichnen.

Viele andere Schäden sind reparabel.
Dieser sicher nicht.

Die staatlich organisierte Unmöglichkeit, sich offen und kritisch an den anstehenden Themen abzuarbeiten, führt zu jener gigantischen Ausdehnung des blinden Flecks, die mit einem Schlag den Egoismus an die Stelle gesellschaftlicher Solidarität platziert hat.

Anders als bei einer durch Unfall oder Krankheit bedingten Blindheit existiert der (verordnungsbedingte und herb sozialschädliche) blinde Fleck, obwohl die vom blinden Fleck Betroffenen sehenden Auges den Untergang des republikanischen Geistes und seiner Freiheiten erleben.
Nur einem ungeheuerlichen Egoismus gelingt es, all das auszublenden.

Nicht denen, die jetzt das Ruder in der Hand halten, oder denen, die – ohne eine Wahlprognose wagen zu wollen – noch nachkommen werden und die Situation nach der Wahl im Herbst noch schlimmer machen wollen, wirft man den Untergang der Republik vor.

Im Gegenteil: Man wirft die Schuld am Untergang der Republik denen vor, die sich für sie, für den Erhalt ihrer Ideale und ihrer Rechtsförmigkeit einsetzen – und die dadurch in Widerspruch zu den Reglementierungen einer immer zentralistischer agierenden Bundesführung geraten.

Die undogmatische Linke von Pfemfert und den Anarchismus von Lutz Schulenburg verband der berechtigte Zweifel an der Tätigkeit staatlicher Organe: waren sie auf das Gemeinwohl ausgerichtet? Auf das Wohl der „Arbeiter“? Oder handelte es sich um Formen persönlicher Vorteilsnahme und Bereicherung auf Seiten der vermeintlichen „Volksvertreter“?

Eine solche „gesunde Skepsis“ gilt heute als die größte Gefahrenquelle im Land. Dass selbst der vergleichsweise politisch wenig radikale, zynisch-philosophische Kommentar der Schauspieler, die zu Allesdichtmachen beitrugen, eine Hexenjagd auslöst, lässt wenig Hoffnung auf ein baldiges Schrumpfen des blinden Flecks aufkommen.

Die Säuberung der Schädelkammern

Eine klinische Behandlung ist für eine begrenzte Anzahl von Personen denkbar.
Aber wie behandelt man EIN krankes Land?

Edward Hunter, Brainwashing – The Story of the Men who Defied it, 1956, S. 262
(“Gehirnwäsche – Die Geschichte der Männer die ihr trotzten“)

Schlacht der Begriffe

1950 kehrte die OMGUS-Regierung aus dem besiegten Deutschland zurück. An Bord 3200 laufende Meter Akten, verteilt auf (symbolische?) 18 Schiffsladungen.

Aus der gewaltigen Menge Papier ließ sich – wie aus einem zu lauen Braten, der keine kräftige Soße ergibt – nur ein einziger, brauchbarer Begriff reduzieren: „re-orientation“.

Die demokratischen Bündnispartner der USA setzten – anders als die Sowjetunion und China, deren Bildungsarbeit nach dem Krieg in pejorativer Weise von den Amerikanern als „Umerziehung“ (re-education) bezeichnet wurde – auf eine „Neuorientierung“.

Was genau sollte jene Neuorientierung beinhalten?

Am 24. September des selben Jahres hatte der Journalist Edward Hunter eine der erfolgreichsten politischen Propagandaideen des 20. Jahrhunderts. Er übersetze das chinesische Wort “xinao” mit “brainwashing”.
Gehirnwäsche, das war Kalter Krieg gegen einzelne Köpfe. Aber es war noch viel mehr als das.

Hunter, der Vertragstätigkeiten für das CIA ausführte, entwickelte in zahllosen Zeitungsartikeln und in seinem 1956 erschienenen gleichnamigen Buch die Vision einer “Gehirnwäsche”, die schlagartig und nachhaltig ganze Bevölkerungen in ihren grundlegenden politischen Einstellungen verändert.

Hunter stellte seine angeblich wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse in den Dienst einer ideologischen Kampagne, die unverkennbar an das Muster politischer Schuldzuweisung im III. Reichs anschloss. Stigmatisierung funktioniert besonders gut, wenn sie sich auf bestehende Vorurteile gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen oder Hautfarben stützt – und dafür werbewirksame Schlagworte erfindet.

Gelbe Gefahr

Bereits fünfzig Jahre zuvor war die Rede von der „gelben Gefahr“ etabliert worden – ein Begriff, ähnlich flau wie „Neuorientierung“, aber immerhin gewürzt mit einer deftigen Prise von kolonialem Rassismus. Doch dem Antikommunismus der McCarthy-Ära fehlte noch der wirklich starke, neue Kampfbegriff.

Nur fünf Jahre zuvor war der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Er hatte den Begriff “Nazi” als Synonym für die größte vorstellbare verabscheuenswürdige Einstellung etabliert.
Das Wort Nazi war gleichbedeutend mit einer Bedrohung der gesamten Welt durch die faschistische Ideologie.

Die Nazi-Ideologie galt als erfolgreich überwunden – wenn auch die OMGUS-Regierung im aufgeteilten Deutschland gleich heerscharenweise die Verwaltungsexperten des III. Reichs wieder in den Dienst nahm für eine föderal organisierte bundesdeutsche Republik.
Im Gegensatz zum Faschismus, so die Behauptung der US-amerikanischen Indoktrinatoren, sei der Kommunismus erst noch im Kommen.

Den chinesischen Maoisten, ebenso wie den Koreanern und Vietnamesen, mit denen die USA schon im Krieg standen oder bald stehen würden, mochte man zwar vorwerfen, dass sie in totalitären Strukturen dachten, lebten und handelten.
Doch der westlichen Propaganda gelang es nicht, ihnen die Legitimation ihres Handelns entziehen, indem sie sie vor der „freien Welt“ als “Nazis” hinstellte. Zu streng geschieden waren die Bekenntnissysteme von Kommunisten und Faschisten, um sie umstandslos, rein der Ächtung halber, in einen Topf zu werfen. Vor siebzig Jahren war es noch nicht denkbar, einen Linken zum „Nazi“ zu stempeln. Die US-Agitatoren mussten also etwas anderes erfinden, das in seiner Perfidie dem Faschismus gleich kam – aber speziell kommunistisch war.

Dass Menschen die – in den Augen der US-Ideologen – ganz unvorstellbar menschenverachtende Regierungspraxis des Kommunismus lieben und verteidigen können, musste mit einer radikalen, um nicht zu sagen: widernatürlichen Veränderung ihrer Einstellung einhergehen.

Wie aber war diese Einstellungsveränderung bewerkstelligt worden?

Das Geniale an Hunters propagandistischer Tat war, dass er diese höchst komplexe Frage mit einem einzigen Wort beantworten konnte: Gehirnwäsche.

Mentizid

Den Kommunismus konnte nur jemand befürworten, dessen Gehirn zuvor stark manipuliert, im Bezug auf seine Menschlichkeit zerstört worden war. Gesäubert von allen „gesunden“ Meinungen. Eine Art „geistiger Selbstmord“. Angesichts der Massen von russischen und asiatischen Kommunisten lag auf der Hand, dass die Technik der Gehirnwäsche geeignet war, Millionen von Köpfen in einem überschaubar kurzen Zeitraum umzuprogrammieren.

Mit der Etablierung dieses Gedankens hatte sich die Paranoia als staatstragend etabliert. Sie hat uns bis heute nicht verlassen. Paranoia leitet bis ins 21. Jahrhundert hinein staatliches Handeln.

Natürlich ist damit nicht die Paranoia gemeint, die der Westen in Stalins Handeln entdeckt haben wollte: als Ausdruck einer individuellen Krankheit. Mit Paranoia in diesem Kontext ist eine gezielt angewandte Methode gemeint, mit der ganze Bevölkerungen neurotisiert werden. Genau diesen Punkt hat Hunter zum Hauptthema seines Pseudo-Sachbuchs gemacht.

“Wenn die Gehirnwäsche ein einzelnes Individuum neurotisch machen kann, was ist dann mit den Bewohnern eines Dorfes oder einer Stadt oder sogar eines Landes, wenn sie dem gleichen Druck ausgesetzt sind? Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass diese Art des Angriffs auf den Verstand gegen ganze Bevölkerungen geführt wird.”
Und, indem er einen obskuren Experten für “kortikoviszerale Psychiatrie” namens Dr. Leon Freedom zitiert, fügt er hinzu:
“Alle oder die meisten der Techniken, die therapeutisch von Psychiatern zur Rehabilitation psychisch kranker Patienten verwendet werden, werden von der kommunistischen Hierarchie eingesetzt, um hysterische und zwanghafte Wahnzustände in der Bevölkerung unter ihrer Herrschaft zu erzeugen.” (S. 258, alle Zitate eigene Übersetzung)

Wäsche

Anders als der Begriff der Wäsche zunächst impliziert, handelt es sich nicht um einen Prozess der Entfernung (unliebsamer Gedanken) durch „Säuberung“, sondern um eine Hinzufügung (die Unliebsames sukzessive ersetzt). Beim „Mentizid“ (so der wiss. Ausdruck) wird nicht so sehr Altes getilgt, sondern etwas Neues (der sprichwörtliche „Floh ins Ohr“) gesetzt: der Betroffene hört nur noch, was zu dem passt, was der Floh flüstert.

Doch was Hunter als gefährliche Technik zur Zerstörung von Gehirnen auf der feindlich-asiatischen Seite entdeckt haben wollte, war in Wirklichkeit seine eigene Strategie.

Analog zur von den Faschisten geschürten Angst vor dem Untergang der weißen Rasse durch Vermischung, war hier die These auf dem Tisch, dass wenn erst einmal alle Gehirne anständig gewaschen (und die sauberen Stellen neu beschriftet) worden wären, niemand mehr den Siegeszug des Kommunismus aufhalten könnte. Dann wäre die Welt rot.

Dies wollte Hunter durch seine Aufklärungsarbeit verhindern: „Die Perversion therapeutischer Techniken durch die politischen Autoritäten totalitärer Länder ist ein Phänomen von so ungeheurer Bedeutung, dass es eine erschöpfende Untersuchung erfordert, um ihr entgegenzuwirken und sie zu besiegen.“ (S. 263).

Insofern kann sein Buch als die Geburtsstunde der Verschwörungstheorie gelten – Verschwörungstheorie als Mittel einer Regierung, die im Kampf um die Vorherrschaft ihres politischen Systems gesundes logisches Denken durch krankhafte Wahnvorstellungen ersetzt.

Marktsprache

Gleich eingangs, im zweiten Kapitel seines Romans “Die Pest” (ab Seite 48), beschreibt Albert Camus, wie die zwischenmenschliche Kommunikation das erste Opfer der “Verbannung” (sein Wort für “Bundesnotbremse”) wird.

Die Bewohner von Oran sind eingeschlossen. Von ihren Kindern, Verwandten, Geliebten, Ehepartnern getrennt, wenn diese zufällig zum Zeitpunkt der Schließung nicht in der Stadt waren.
“In dieser äußersten Einsamkeit konnte niemand auf die Hilfe des Nachbarn zählen und jeder blieb mit seinen Gedanken allein. Wenn einer von uns zufällig versuchte, aus sich herauszugehen und etwas von seinen Gefühlen zu verraten, so war die Antwort, die er erhielt, fast stets verletzend, gleichgültig, wie immer sie ausfiel. Er merkte dann, dass sie aneinander vorbei redeten.

Die Antwort mochte wohlwollend oder feindselig ausfallen, sie traf immer daneben, man musste darauf verzichten. Die aber das Schweigen nicht ertrugen, fügten sich wenigstens darein, die Marktsprache zu gebrauchen, da die anderen die wahre Sprache des Herzens nicht fanden, und nun verwendeten auch sie die herkömmlichen Redensarten, die Sprache der einfachen Berichterstattung und der vermischten Nachrichten, der täglichen Chronik gewissermaßen.”

Dadurch, so beschreibt Camus eindrucksvoll, wird die Schwermut der Eingeschlossenen schablonenhaft.

Das zweite Opfer der Seuche im Roman ist die Statistik. Wie sollen Menschen über ihre Hoffnungen, ihre Perspektiven, ihr Leiden, ihre Schmerzen sprechen in Zahlen, deren Sinn ganz offenkundig nur darin besteht, die Schließung der Stadttore zu rechtfertigen?
Wer sich dem aber nicht fügt und am Tor rüttelt, freie Bewegung fordert, so sagt es das Zitat, muss mit Feindseligkeit und Verletzung durch seine Mitbürger rechnen.

Um es denen, die sich fügen wollen, leichter zu machen, wird heute beständig jene “Marktsprache” ausgebaut.

In Marktsprache lässt sich gefahrlos sagen, was ohnehin zum staatlicherseits beschlossenen Kanon der Reglementierung gehört. So verfällt man wenigstens nicht in Sprachlosigkeit und Schweigen – jedoch ohne irgendetwas zu sagen, wenn man spricht. Mit dem Gebrauch der Marktsprache tauscht man die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Einschränkung ein gegen ein Verharren im Jetzt, ein Absehen von der Formulierung, wie es morgen sein könnte.
Hoffnung ist der ärgste Feind der Marktsprache. Hoffnung darf es in keinem Winkel eines zur Benutzung freigegebenen Begriffes geben. Hoffnung limitiert die Geduld. Hoffnungen, die sich nicht einlösen wollen, erzeugen Widerstand.

Täterschaft

Ist erst einmal die Sprache gründlich geregelt, findet sich in ihr nur noch Platz für ein Denken und Fühlen in der von der Regierung gewünschten Form. Marktsprache kaschiert erfolgreich die Ratlosigkeit der Regierenden, von der durchweg auch Camus´ Roman handelt: vom ratlosen Beobachten der Ärzte, wie sich die Krankheit entwickelt und ihr fachliches Zutun nichts daran ändert, bis hin zum ratlosen Warten auf ein weiteres Serum.

Schuld und unabwendbare Täterschaft sind hingegen das Thema des zentralen Dialogs im Roman (S.144 ff), gesprochen in dem Moment, als mitten in der Nacht die zwei Ärzte Rieux und Tarrou der Marktsprache eine letzte (existenzialistische) Absage erteilen und auf ihre wie einen Schwur erklärte Freundschaft hin offen sprechen:

„Da habe ich erkannt, dass ich all diese langen Jahre nicht aufgehört hatte, verpestet zu sein, während ich doch mit aller Kraft gerade gegen die Pest zu kämpfen glaubte. Ich habe gelernt, dass ich mittelbar das Todesurteil von Tausenden von Menschen unterschrieben hatte, dass ich diesen Tod sogar verursachte, in dem ich Taten und Grundsätze guthieß, die ihn unwiderruflich nach sich zogen.”

Es lässt sich leicht verstehen, dass Gedanken, wie sie auf diesen Seiten des Romans formuliert sind, Gedanken zur „Existenz“, die jener philosophischen Richtung, der der Autor angehörte, den Namen gab, sich nicht in den Metaphern einer “Kanzlerschalte”, einer “Bundesnotbremse” oder in Vokabeln wie Impfpriorisierung, Impfneid oder Inzidenz ausdrücken lassen.
Durch solche marktsprachlichen Regelungen ist man vom Ausdruck (seiner Gefühle zum gegenwärtigen Leben) abgekoppelt, kann sein Leben nur noch in Ausdruckslosigkeit führen – also eigentlich nicht führen.

Reinigung der Gedanken

Genau das aber ist das Ziel emblematischer Begriffe. Man soll sich keine eigenen Gedanken machen. Es genügt, die verbalen Emblemata der Regierung zu wiederholen.
Wer diese aber hinterfragt, ist ein Nazi. Ein feindlicher Angreifer, der die beste aller momentan möglichen Ordnungen zerstören will.

In der emblematischen Ordnung der Kommunikation zur Pandemie ist die zunehmende Zahl von Begriffen, die vorn mit “Bundes-” beginnen, nicht nur auffällig, sondern besonders ehrfurchtgebietend, weil sie das Höchste einsetzen, um “Abweichendes” zum Schweigen zu bringen. „Bundes“-Begriffe sind das zentrale Werkzeug einer mentalen Vergatterung, die sich auch im zweiten Begriff, der „Kanzlerschalte“ spiegelt, denn das Schalten ist nicht nur der technische Vorgang des akustischen Zusammenbringens. Er hat auch einen „Geschmäckle“ von Gleichschaltung.
“Abweichendes (Verhalten)“ ist nicht umsonst ein Begriff der Kriminologie, die soziologische Beschreibung einer Form von bürgerlicher Devianz, die in Staatszerstörung mündet.
“Bundes-” Begriffe sind Ausdruck des Willens, das republikanisch-föderale Prinzip außer Kraft zu setzen und der Autorität der Begriffe-Präger uneingeschränkt Raum zu geben. In diesem Raum soll der Bürger nur noch in einer einzigen Erscheinungsform vorkommen: als duldsamer Zustimmer, dessen Gedanken gründlich gereinigt sind.

Der gründlich regierte Bürger

„Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick.

Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte.

Man muß die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts.“

Heinrich Heine

Gedanken und Einfälle

Infektionsschutz
Die Anzahl aller bekannten und verfügbaren Mobilfunk-Apps hat die 5-Millionen-Grenze überschritten. In dem Text „Mobilfunk und Applikationen als Teil des technologischen Angriffs“ (Autonomes Blättchen, Nr. 43 Dezember 20 – Februar 21, S.15) heisst es:
„Unter diesen Bedingungen ist es wenig verwunderlich, dass im Rahmen der Corona-Pandemie schnell die Idee aufkam, eine App zu entwickeln, die einen irgendwie gearteten positiven Beitrag zur Pandemie-Eindämmung leisten könnte. Eine solche App, so die Vorstellung, soll dann vorrangig helfen, zu ermitteln, ob man irgendwo Kontakt hatte zu einem bereits Inzierten, um so besser einschätzen zu können, ob man selbst sich eventuell schon infiziert haben könnte. Eingeführt wurden solche Apps bereits vor allem im asiatischen Raum, bei einem zum Teil völligen Verwerfen von jedweden Möglichkeiten
des Datenschutzes; in Deutschland wurde die App Anfang Juni 2020 veröffentlicht, wobei sich die Regierung im Vorfeld eines großen Rückhalts in der Bevölkerung erfreute: Zumindest 95% der Smartphone-Nutzer*innen gaben an, sich eine solche App auch freiwillig zu installieren. In den ersten Tagen nach der Veröffentlichung der App wurde sie um die 6 Millionen mal heruntergeladen. Es ist nachvollziehbar, dass in einem solchem Setting weitere Ideen für Apps den Weg in die Öffentlichkeit fnden, wie zum Beispiel eine App, die den Zugang zur Innenstadt regelt (alles natürlich zum Infektionsschutz).“

Unheimlich
Die Einsicht, dass das Leben, das gewöhnliche Alltagsleben, weitaus unheimlicher ist, als staatstragende Autoren im Allgemeinen bereit sind zuzugeben, ist fester Bestandteil kritisch-abendländischen Denkens.

George Orwell fragt in seinem Essay „Im Innern des Wals“ (1940) sinngemäß: Wie kann man eine positive Einstellung zu seiner Gegenwart formulieren? Eine Bejahung heutigen zivilisierten Lebens bedeutet, Gummiknüppel zu bejahen, Konzentrationslager, Bomben, Flugzeuge, Rationierungen und Einschränkungen aller Art, Maschinengewehre, Säuberungen, Gasmasken, Spione, Lager, Provokateure, Presse-Parolen, Betonzellen, Drogen und politische Morde.
Die Zivilisation so zu bejahen, wie sie wirklich ist, heißt, den Schmutz, den Hunger, den Streit mit Einwanderungsbehörden zu bejahen – statt dagegen zu protestieren.

(Zitat unter starker Kürzung des Originals, aber unter Beibehaltung der wesentlichen Stichworte)

Bejahung
Weit entfernt von jeder Anstrengung, Einfluss auf die Zukunft zu nehmen, lässt der gründlich regierte Bürger alles über sich ergehen. Am kürzestem lässt sich das in dem Satz zusammenfassen: schlucken wir alles einfach hinunter.

Der Versuch der Bejahung des gegenwärtig erreichten Standes von Zivilisation bedeutet, ein uneingeschränktes „Ja“ zu 5G, biometrischer Erfassung und dem Sozialpunktesystem.

Der gründlich regierte Bürger sagt notwendigerweise auch „ja“ zu genetisch modifizierten Organismen und Prozess-Käse.
Er bejaht die Stammzellenforschung und das Klonen, sowie alle Formen der genetischen Medizin, wie den Bau von viralen Taxis, mit denen Medikamente direkt in den menschlichen Zellkern transportiert werden. Auch wenn der gründlich regierte Bürger zur Auszeichnungspflicht für Lebensmittelinhaltsstoffe „ja“ sagt und „nein“ sagt zu GMO im Essen, so bejaht er dennoch genetischen Impfstoff.

Der gründlich regierte Bürger bejaht Atommülltransporte und Kernkraftwerke.
Er bejaht pharmakologisch verseuchte Gülle und ihre ungebremste Ausbringung in Vogelschutzgebieten.
Er bejaht zwangsläufig auch Hochgeschwindigkeitstrassen.

Der gründlich regierte Bürger bejaht Drohnen, autonome Waffen, SUVs und Motorsport, ebenso wie extrajuridische Hinrichtungen. Es ist nicht möglich, zum Einen „ja“ und zum Anderen „nein“ zu sagen. Die Dinge sind nämlich untrennbar geworden: durch den technologischen Angriff auf allen Ebenen.

Der gründlich regierte Bürger bejaht online-Bestell- und Bringdienste, ebenso wie die Weltmarktführung von Amazon; Serverfarmen, die mehr Strom verbrauchen als Großstädte; er befürwortet Highspeedtrading und destruktive Finanzdienstleistungen, sowie in Folge davon unvorstellbar große, spekulative Gewinne und das ganze daran hängende Systems von rating und consulting.

Der gründlich regierte Bürger bejaht ohne weiter nachzudenken die Privatisierung von Rohstoffquellen, Lobbyismus und landgrabbing.

Er bejaht massiven Güterverkehr auf der Autobahn, Patente auf in der Natur vorkommende Stoffe und sozialschädliche, vorsätzliche Überproduktion.

Der gründlich regierte Bürger ist ein bedingungsloser Befürworter aller unternehmensstragischen Entscheidungen zur Gewinnmaximierung.

Denn alles, was der gründlich regierte Bürger bejaht, ist das Ergebnis einer konzertierten konzerngesteuerten Attacke auf verschiedenen Ebenen: der Pharma-, Lebensmittel-, Kommunikations- und Auto-Industrie. Es st ein Ergebnis der hemmungslosen Energieverschwendung und des Wirkens einer dies alles stützenden, beständig übergriffiger werdenden, monströs ausufernden Verwaltung, deren täglich größer werdender Menge von Regeln der gründlich regierte Bürger sich ohne Rückfrage unterwirft.

Der technologische Angriff zerstört somit Natur, Autarkie, Gemeinwohl, Solidarität, Gesundheit, Verhältnismäßigkeit, Gerechtigkeit und verwandelt alle Zuneigung in Konkurrenz.

Durch diesen Umstand werden alle Menschen, nicht nur die gründlich regierten Bürger, immer abhängiger von Prozessen, die sie zerstören. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich eigenständig zu entscheiden, zu ernähren, zu versorgen. Sie verlernen, eigenverantwortlich zu leben und lernen, sich selbst zu verneinen.

Sie werden dadurch zu einer verfügbar Masse, die Humanismus für ein verzichtbares Ideal und Gerechtigkeit für einen “unbezahlbaren Luxus“, eine geradezu krankhafte Vision halten. Das ist die Kultur des totalen Egoismus, der uns eingeimpft wird als alternativlose Grundlage einer erfolgreichen Gesellschaft.

Und? Sind Sie schon geimpft?
Damit Sie alle ihre Rechte wieder zurück erhalten, sagen Sie?
Ja, sind denn diese Rechte veräußerlich gewesen?

Um diese Frage zu beantworten, empfehlen wir die Lektüre von Gerald Grüneklee, „Impfen – Lösung oder Teil des Problems?“ in DIE AKTION.

Massenhysterie

Das Liberale Institut Zürich hat im März 2021 einen herausragenden Text veröffentlicht: die deutsche Übersetzung von “COVID-19 and the Political Economy of Mass Hysteria” von Philipp Bagus, José Antonio Peña-Ramos und Antonio Sánchez-Bayón.

Obwohl es an und für sich nicht den Prinzipien von DIE AKTION entspricht, bereits mehrfach veröffentlichte Texte nachzudrucken, möchten wir diesen besonderen Text wegen seiner außerordentlichen Bedeutung für das Verständnis derzeit ablaufender Prozesse hier doch noch einmal den Lesern zur Verfügung stellen.

Dem Gewinn, den der unvoreingenommene Leser aus der Forschungsarbeit ziehen kann, ist keineswegs abträglich, dass die Autoren ihre Kritik am “Wohlfahrtsstaat” aus der Perspektive des Liberalismus in der weiteren Tradition von Hayek und Mises formulieren. Es soll hier nur zum besseren Verständnis ihrer Position darauf hingewiesen sein. Entscheidend scheint uns an dem Ansatz, dass Bagus et al. in aller Deutlichkeit den ökonomischen Wert der Hysterisierung thematisieren und damit eine wesentliche Lücke in der Analyse der Corona-Politik schließen. Was dem weniger skeptischen Betrachter als Widerspruch erscheinen mag (Schürung der Panik zum Schutz der Gesundheit), enthüllt sich nach der Lektüre der Studie als wohl gesetztes Kalkül – zumindest aber als billigende Hinnahme mit vielen Vorteilen für Einzelne.

Ein PDF desselben Textes steht auch auf den Nachdenkseiten zum Herunterladen bereit.

Zur Einleitung veröffentlichen wir hier das Vorwort von Olivier Kessler, Direktor des Liberalen Institutes.
Der Volltext der Studie in DIE AKTION findet sich hier.

Doch zunächst Olivier Kessler:
«Wir sind hysterisch. Das ist in Zeiten von Corona vernünftig und vorteilhaft», titelte die Neue Zürcher Zeitung kurz nach Ausbruch der Covid-19-Krise. In der Tat kann es uns in bestimmten Gefahrenlagen Kopf und Kragen kosten, wenn wir zu entspannt reagieren. Verharren wir hingegen zu lange im Zustand einer Hysterie, in welcher unsere Instinkte unseren Verstand dominieren, kann dies auch Schäden von gewaltigem Ausmass anrichten. Während wir uns panikartig auf eine tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung fokussieren, können wir leicht das Wichtige aus den Augen verlieren. Dies gilt umso mehr, wenn wir es mit einer grossflächigen oder sogar globalen Massenhysterie zu tun haben.
Erkenntnisse aus der gut erforschten Disziplin der Massenpsychologie deuten darauf hin, dass wir alle zu einem gewissen Grad unter dem Einfluss von Gruppendynamiken stehen und uns damit einer kollektiven Hysterie nur schwer entziehen können. Weniger bekannt ist hingegen, wie der Staat eine Massenhysterie beeinflusst und zu ihrer Ausbreitung beitragen kann. Es ist das grosse Verdienst von Prof. Dr. Philipp Bagus, Prof. Dr. Antonio Sánchez-Bayón und Dr. José Antonio Peña-Ramos, mit der vorliegenden Studie in diese Forschungslücke vorzustossen.
Die Autoren entwickeln eine politische Ökonomie der Massenhysterie – und bieten uns damit Einsichten und Erkenntnisse, die angesichts der derzeitigen weltweiten Umstände von enormer Bedeutung sind. Wir erfahren, welche Rolle ein Staat bei der Ausbreitung einer kollektiven Panik spielt – abhängig davon, ob es sich dabei um einen Wohlfahrtsstaat mit umfangreichen Kompetenzen oder einen liberalen Rechtsstaat handelt, der sich primär auf den Schutz der Eigentumsrechte fokussiert.
Die Ergebnisse dürften für Einige überraschend sein. Denn entgegen des derzeit vorherrschenden Paradigmas, wonach umfangreiches staatliches Anpacken und Eingreifen zur Krisenmilderung beitrage, lautet die Devise bei einer kollektiven Hysterie: Weniger ist mehr. Je kleiner ein Staat ist, desto mehr Möglichkeiten der Problembewältigung eröffnen sich den Betroffenen und desto geringer fällt der angerichtete Flurschaden bei der Bekämpfung einer tatsächlichen oder vermeintlichen Bedrohung aus. Insbesondere heutige und künftige politische Entscheidungsträger sollten sich mit dieser Studie gründlich auseinandersetzen.”

Der Stimmkasten

Heute erscheint in DIE AKTION die letzte Folge des ERRATISCHEN BLOCKs von Bert Papenfuß.

Teil III ist HIER nachzulesen.

Teil I findet sich HIER .

Teil II HIER.

Wackere Leser: haltet durch! Am Ende des großartigen ERRATISCHEN BLOCKs findet ihr, anstelle eines Nachwortes, den höchst interessanten Text des Anarchisten Johann Most – von B.P. aktualisiert!

Solidarität als salonfähiger Kannibalismus?

Heute erscheint als Vorabdruck in DIE AKTION der Text “Exposition” von Bert Papenfuß. Es ist der erste Teil eines Dreiteilers: ERRATISCHER BLOCK GEGEN NATIONALE FRONT.

Teil 2, Exquisition und Teil 3, Extraktion, erscheinen hier morgen und übermorgen.

Am unteren Ende dieses Beitrages findet sich das andernorts bereits mehrfach veröffentliche Manifest “Schwarze Transparente” von Bert Papenfuß, das ich anstelle eines Vorwortes zum ERRATISCHEN BLOCK und der Vollständigkeit halber auch auf unserem Blog nochmals zugänglich mache.

(siehe unten hellblau hinterlegter Abschnitt).

Bert Papenfuß hat bereits mehrere Texte in DIE AKTION veröffentlicht, so daß ich ihn unseren Lesern nicht gesondert vorstelle, sondern empfehle, seinen 2-teiligen Text über Systemrelevanz zu lesen oder seine drei Beiträge zum Wörterbuch des Unrates zu studieren, die im Verzeichnis der bisher erschienenen poetischen Injektionen zu finden sind.

In der Fußnote zu einer Fußnote im ERRATISCHEN BLOCK – mithin an einer vom Übersehenwerden stark bedrohten Stelle – steht ein Satz, den ich an dieser Stelle noch einmal gesondert betonen möchte. Er stammt aus dem von Papenfuß zitierten aktuellen Pamphlet Zero-Covid ist eine Nullnummer / und über das Sein oder Nichtsein der sozialen Revolution der „Soligruppe für Gefangene“ (Berlin) vom 26. 1. 2021.

Darin heisst es:

“Was (die Zero-Covid-Petition) eigentlich fordert, ist (,) die Menschen als Geiseln zu nehmen. Sie peitschen den Staat wie ein Pferdegespann in einer Quadriga in diese Richtung, scheiße, nicht den Staat peitschen sie an, sondern uns! / Dafür stimmt, bittet, schnorrt, ja sogar fleht sie für einen solidarischen Lockdown. Dazu fallen uns so viele Allegorien, Metaphern, Oxymora ein, dass es ab jetzt wirklich lustig werden würde, wenn es nicht um das Leben von Menschen ginge.“

Zu diesem Satz steht in der Fußnote des Pamphletes:

„Wir tun es dennoch: also wenn man den Begriff solidarisch mit (et)was verbindet, dann klingt nichts mehr so schlimm, pervers und brutal. In Verbindung mit Solidarität kann man den tollsten sozialdarwinistischen Kannibalismus salonfähig machen, die Frage ist nur, wo hört es auf? Etwa bei der solidarischen Lohnarbeit, der solidarischen Ausbeutung, der solidarischen Repression, den solidarischen Knäste, der solidarischen Folter, dem solidarischen Mord, dem solidarischen Drecksverhalten, der solidarischen Reproduktionsarbeit … Solidarisch zu sein, bedeutet ja auch selbstlos zu sein, also habt euch nicht so.“

Im Mai 2021 wird schließlich in Papenfuß´ eigener edition empör, die als Beilage zur Zeitschrift Abwärts! erhältlich ist, der ganze ERRATISCHE BLOCK zusammen mit “Schwarze Transparente” veröffentlicht, das nun – wie oben angekündigt – hier noch einmal nachzulesen ist :

Schwarze Transparente. Im Oktober 2021 findet in Deutschland eine Bundestagswahl statt. Als Protest gegen dieses volksverarschende Spektakel – nach einem enorme Ressourcen verschlingenden sogenannten „Wahlkampf“ – bieten sich schwarze Transparente an; für passionierte Schwenker auch Flaggen und Fahnen, für Rumkurver gerne auch Ständer und Standarten, für notorische Spalierbilder sonstige Winkelemente, für „kriminelle“ Selbstbehaupter gegebenenfalls auch aus „robusten“ Materialien. Auf schwarzen Transparenten und sonstigen Lumpen, Lappen und Plakaten ohne jeden Text steht unsichtbar, aber unmittelbar: Wahlboykott, Generalstreik, Volksbewaffnung, Machtvernichtung, Vergesellschaftung.
Dieser Protest ist grundlegend antiautoritär und antietatistisch; er fordert Gerechtigkeit und Gleichheit durch Befreiung von Unterdrückung, Entfremdung und Ausbeutung. Das „Volk“ an sich ist von diesem Protest ausgeschlossen; einzelne Leute äußern – und solidarisieren – sich massenhaft. Einzelne Leute sind gut, und links, manche sogar link; das „Volk“ als solches ist schlecht, immer rechts, und hat niemals Recht. Ich bin kein Volk, gehöre keiner Nation an, bin kein „Staatsbürger“. Ich weiß, die meisten von uns haben Personalausweise, Reisepässe, Führerscheine (bzw. Fahrerlaubnisse) usw., zumindest Geburtsurkunden, Impfausweise usf. – das alles hat nichts zu bedeuten. Ihr wurdet gezwungen, diese Dokumente anzunehmen; werdet unter Druck gesetzt, weitere Dokumente anzunehmen, um zur Ausübung elementarer Bedürfnisse „befugt“ zu sein. – So ist das nun mal in einer Diktatur, die sich „Demokratie“ nennt, weil sich keiner empört.
„Untertanen“ entgegen einer „Obrigkeit“, die sich keiner Übergriffe schämt. „Unterdrückung“ und „Ausbeutung“ verstehen wohl nach 5.000 Jahren „Gesetzgebung“ alle; aber fast alle sind zu feige und zu faul, sich dagegen zu wehren. Das hat Gründe: „Entfremdung“ wird heutzutage durch mangelnde Bildung und Ausbildung, sowie den permanenten Zuschiß der analogen und digitalen Massenmedien erreicht, die durch Konsumzwang weiteres Wirtschaftswachstum anstacheln, das unsere natürlichen Ressourcen ein für allemal überschreitet. – Auch mediale Lügen sind wichtige Informationen, meist sprechen sie für sich, manchmal auch Bände; lest zwischen den Zeilen, Bits und Bytes, hört das Nichtgesagte, seht das Fehlende – oder ihr habt die Brille auf.
Der Begriff „Demokratie“ wird mittlerweile als Synonym für den „alternativlosen“ Kapitalismus verwendet. Aber Kapitalismus und Demokratie schließen sich gegenseitig aus; wenn alles käuflich ist, gibt es keine freie Mitbestimmung an der Basis, und auf jeder Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie – neuerdings „System“ genannt – steigt die Korruption. Unverhohlen wird von der „bildungsfernen Unterschicht“ – gelegentlich auch von „Pack“ u. ä. – gesprochen; dieses „Lumpenproletariat“ ist um des puren Überlebens willen korrupt, das hat jedoch keine Auswirkungen auf die nächsthöheren Hierarchiestufen. Die gebildete Unterschicht, „Lumpenintelligenz“ genannt, hat Aufstiegschancen. Vereinzelte „Experten“ verkaufen ihren Arsch jedem Dahergelaufenen, der auch nur irgendwas bietet, jedenfalls nicht das meiste. Wenn sie in Amt und Würden gelangen, haben sie einen verheerenden Einfluß, besonders im Sektor Zuschiß, aber auch im Wissenschaftsgeschäft.
Der sogenannte „Mittelstand“ ist per se korrupt, denn er hat etwas zu verlieren, bzw. glaubt, etwas zu verlieren zu haben – und das hat gravierenden und entwürdigenden Einfluß auf die „bildungsferne Unterschicht“, obwohl beide Gruppierungen Lohnsklaven sind, die von der Hand in den Mund leben. Diese 90 % der Bevölkerung sind die Steuerzahler, das Stimmvieh und Kanonenfutter. Die gutverdienende „Oberschicht“ hingegen legt ihr Geld an, „läßt es arbeiten“, nutzt Steueroasen, zahlt keine oder kaum Steuern, wählt sich selber und schickt ihre verblödeten Gören in die Generalstäbe der Heere, die aufgeweckteren landen nach entsprechenden Ausbildungen in den wirtschaftlichen und politischen „Eliten“ – sie sind die wahren „Demokraten“, die Korruption in Person.
„Repräsentative Demokratie“ dient den wirtschaftlich und politisch Mächtigen, die sich unverfroren als „Eliten“ bezeichnen, beruft sich jedoch auf den sogenannten Souverän – das „Volk“ –, den sie an sich binden müssen, weil er unberechenbar sein kann. Leider gibt es tatsächlich Leute, die sich als „Volk“ fühlen, als „Nation“ und ähnlichen Spuk, nicht jedoch als einzelne kooperierende Menschentiere, Leute, Wesen, die auf andere Spezies angewiesen sind. „Volk“ und „Nation“ werden benutzt, um „Untertanen“ bzw. „Bürgern“ eine Scheinidentität zu „verleihen“, und andere Menschen auszuschließen. „Frieden“ bedeutet „Einfriedung“, Abgrenzung; insofern: „Der Friede muß bewaffnet sein.“ Scheinfrieden führt Auswärtskriege. Eierkuchen verhindert eine kreative Auseinandersetzung über die Zusammensetzung einer von Kasten, Klassen, Schichten befreiten Gesellschaft. Ebnet Hierarchien ein, macht Herrschaft platt! Darum: Keine Stimme für Kapitalismus und Scheindemokratie! Ihr wählt euer eigenes Grab.
Streik ist immer gut, Generalstreik besser, für antipolitische Forderungen unabdinglich. Eine Verschlankung der Produktpalette ist ohnehin nötig, die Abschaltung von Werbung ebenso. Versorgung mit Lebensmitteln und Pflegeeinrichtungen sind natürlich ausgenommen. Der Generalstreik muß allerdings mit der Brechung des Gewaltmonopols des Staates einhergehen. Der historische Begriff „Volksbewaffnung“ bedeutet diesmal Entwaffnung der Staatsmacht; es geht nicht darum, daß alle Leute, die es wollen, Waffen tragen sollen, sondern vielmehr um völlige Entrüstung – die Einstellung der Waffenproduktion, zumindest der Fernwaffen, des großen Bestecks inkl. Atomwaffen sowieso; wenn sich jemand ein Schwert schmieden oder einen Bogen schnitzen möchte, kann man ihn schlecht daran hindern. Die Ächtung von Feigheit jedoch geht mit einer entrüsteten Ethik einher.
Machtvernichtung bedeutet die Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen und verwandte Spezies, mindestens die Säugetiere. Aber wer zieht die Grenzen? Ich nicht –, denn ich esse gerne Fisch. Das „System“, jede Herrschaft überhaupt, ist patriarchalisch und umweltverheerend. Da hilft kein Greenwashing, kein Purple-, Pink- und Genderwashing. Der „freie Markt“ regelt nichts, außer Geld und Leben von unten nach oben – so einfach funktioniert die Diktatur des Profits. Jede Macht bedeutet Mißbrauch. Die Vergesellschaftung des Privateigentums an Grund, Boden, Produktionsmitteln und Finanzen liegt auf der Hand – und in unseren Händen. Also: Runter vom Balkon, ab auf die Straße, aber bitte nicht wieder als „Volk“, „das Volk“, „ein Volk“, das einzige Volk – sondern als Leute, oder Meute.
Macht deutlich, daß Politik nicht in eurem Namen geschieht; wählt nicht und seid stolz darauf, hängt einen schwarzen Lappen raus. Für die Mutter der Ordnung!

Initiative ¡Empor Abwärts!
(Nach Absprache mit Ahasver Alexandrowitsch „Sepp“ Fernstaub, Tatanka Yotanka und Edgar Wibeau aufgeschrieben von Bert Papenfuß.)”

Sprachlicher Abrieb

In unserer Reihe mit “Injektionen” zeitgenössischer und klassischer Literatur veröffentlichen wir heute zwei Texte von Kai Pohl. Weitere Arbeiten sind unter dem Stichwort Pappelschnee öffentlich zu besichtigen. Seine Panik-Texte wurden von der Ostberliner Rocklegende Herbst in Peking 2020 vertont, ebenso “Welt der Wunder”.

Pohl lehnt es ab, seine Gedichte als “politisch” zu bezeichnen – auch Texte mit faschistischer Ausrichtung seien “politisch”.

Seine Technik des Schreibens erläutert er so:

Viele meiner Montagen und Cut-ups sind geformt aus Material, das zu einem großen Anteil dem verbalen Reservoir des world wide web entnommen ist und mittels Schnitt, Neukonstruktion und Transformation gefügig gemacht wurde. Die Basis solchen „Schreibens“ ist kein „literarischer Wert“, sondern sprachlicher Abrieb als Ergebnis eines babylonischen Tastenschlages, der den Orkus des Hypertextes speist.

Beim Wiederlesen von biofeedback panikenergie stieß ich auf zwei Zeilen, die sich 19 Jahre nach dem ersten Erscheinen gänzlich anders lesen.

Am Ende des ersten “Städteblocks” heisst es “panik in den käfigen / panik in den oberschenkel gekrallt / panik in ottakring / panik in linz / panik in der erwartung von tests”. Ergänz mna diese Zeilen um das weiter unten stehende “geschäft mit der panik /”, erscheint der Text mehr als hellsichtig. So wundert es nicht, dass im Frühjahr 2020 ein “Neuartiger Shortest Remix” als Postkarte erscheint. Pohl hatte fast zwei Jahrzehnte vor den meisten Mitbürgen verstanden: “die panik des menschen ist unantastbar”.

Sittiche, Superstars und sybillinische Erfolge

Ken Hollings´ neuer, für DIE AKTION verfasster Essay, “Über das Konzept von Brexit, Covid & außergewöhnlichem Erfolg“, den er als “Fabel in achtzehn Teilen mit zwei Zusätzen und sieben unterstützenden Zitaten” beschreibt, ist seine Antwort auf meine Frage: “Wie gehst Du eigentlich mit der doppelten Isolation um, in der sich Großbritannien jetzt befindet?” Ken antwortete spontan: “Die goldene Schallplatte!” Ich verstand kein Wort. Doch das überraschte mich nicht. Denn Ken ist nicht nur Hegel-Leser und Walter-Benjamin-Fan.

Er ist auch einer jener seltener werdenden Exoten mit universeller Bildung. Also frag lieber nicht nach, dachte ich mir, lass ihn erst einmal schreiben: wahrscheinlich handelte es sich bei “The Golden Disc” um eine gravierende Bildungslücke meinerseits. Denn das sagte mir nicht im Entferntesten etwas.

Wer aber auch nur einen einzigen echten Hollings gelesen hat, zum Beispiel das jüngste Werk, “Inferno“, oder das ungeheuerliche, vibrierende, absolut fantastische “Welcome to Mars“, der weiß, dass nur ein Mensch wirklich alle Trash-Kultur-Verweise kennt, die möglicherweise zu einem der 387 angesprochenen Themen rund um ein spezielles Datum (z.B. den 18. September 1947), an dem ein höchst bekannter Geheimdienst gegründet wurde … passen könnten – und dieser Eine ist der Autor selbst!

Mit seinem Humor, seiner Präzision und seinem enzyklopädischen Gedächtnis für alle Verrücktheiten der “normalen Welt” hat Ken Hollings über viele Jahre spannende Sendungen für BBC produziert, und bei WIRE und anderen wichtigen Kultur-Zeitungen publiziert.

Besser, als es ein Reszensent des Mars-Buches einmal getan hat, kann man Hollings Werk nicht auf den Punkt bringen:

Wie LSD, das eine faszinierende Nebenrolle spielt, belohnt dieses Buch die Ausdauer … bald sickern die Zusammenhänge durch und bieten immer häufigere Schimmer goldener Erkenntnis. Hollings’ akausale Achterbahnfahrt ist kumulativ und gewinnt mit jedem Kapitel an ästhetischer und imaginativer Potenz. Am Ende fühlt man sich atemlos vor Panik und Staunen...”

Für Leser, denen komplexe englische Sätze nicht so leicht zufallen, hier noch zumindest die Einleitung in deutsch – zusammen mit meiner Versicherung, dass es nicht die Regel bleiben wird, dass Texte im Original erscheinen – doch schien mir in diesem Fall eine Übersetzung dazu verdammt zu sein, zu viel von der Rhythmik und dem Witz der Wortwahl einzubüssen, die das Original besitzt.

Ken Hollings: “Der Zustand, der als “außergewöhnlicher Erfolg” bekannt ist, weist eine tiefe und komplexe Pathologie auf. Es handelt sich um eine Form kultureller Verblendung, die das britische Volk dazu ermutigt, nur an das beste aller möglichen Ergebnisse zu glauben. Sie sind überzeugt: ob Brexit oder Covid-19 – keine andere Entscheidung, als die von ihnen getroffene, wäre zulässig gewesen. “Die Goldene Scheibe”, ein früher Teenie-Schmuddelfilm, der in der Londoner Café-Szene der späten 1950er Jahre spielt, ist das perfekte Sinnbild für außergewöhnlichen Erfolg. Walter Benjamin hätte das verstanden.”

Wer die Massenkeulung der COVID-Sittiche, die Hollings im Essay erwähnt, verhindern will und sich dazu einlesen möchte, schaut hier oder hier.

La Mauvaise Réputation

Wegen COVID ist Witze machen verboten. Deswegen berichte ich euch von einem ganz traurigen Erlebnis gestern Abend. Und einem Schock zum Frühstück heute. ACHTUNG! Beitrag enthält versteckte Wörterbuchartikel zu den Begriffen “Maßnahme”, “Zahlen” und “Wissenschaft”.

Die Warnung

Früher einmal waren Reaktionen auf veröffentlichte Texte der wahre Lohn des Autors. Seit etwa einem Jahr lauert für uns Schreiber das Ende des guten Ansehens hinter jedem noch so harmlosen Email-Betreff.

Am liebsten würde ich mal eine Youtube-Anleitung zum Umgang mit diesem Problem einsprechen:

“Hallo Leute, heute erkläre ich euch in Rekordzeit, wie ihr mit unaufgefordert zugesendeten Bewertungen und Meinungen eurer Freunde zu euren Texten umgehen könnt. Meine Methode hilft todsicher, weiteren Schaden von euch abzuwenden. Also, ganz einfach. Ihr geht mit dem Cursor auf die fragliche Email, wählt sie aus – ganz wichtig! ohne sie vorher zu öffnen – und dann oben auf das Symbol “Papierkorb” klicken und Email löschen, dann Papierkorb öffnen und nochmal löschen. Und zum Schluß den Rechner runterfahren und ein Glas Wein trinken. So, schon fertig. Bleibt gesund!”

Teil 2 der Empfehlung habe ich gestern schon mal kräftg beherzigt. Ich habe unter Zuhilfenahme erklecklicher Quantitäten des köstlichen Weins aus Embres-et-Castelmaure versucht, meine offenkundig immer schlechtere Reputation zu vergessen.

Dass mein Ansehen im steilen Sinkflug begriffen ist, wusste ich, weil ich Teil 1 nicht beherzigt hatte. Statt zu löschen hatte ich gelesen. Nun musste ich mit dem Verdacht eines Freundes zurecht kommen, es der AfD nachzutun.

Hier war zweifelsohne die Saat von zwölf Monaten konzertierter Hetze aufgegangen. Jeder Kritiker der Maßnahmen der Regierung ein Nazi.

Der Freund fühlte sich angesichts meines Wörterbuch-Projektes “fatal an eine kürzlich aus der AfD-Ecke gezogene Parallele zu einer Widerstandsgruppe aus der Nazizeit” erinnert, mit der die AfDler sich “gegen Kritik aus dem rechtschaffenen Politiklager zu wehren” versuchten. 

Die kursive Hervorhebung der Rechtschaffenheit hatte der Autor des Briefes vorsorglich selbst vorgenommen. Er konnte ja – nur zwölf Stunden nach der Veröffentlichung des SPIEGEL-Beitrages über das zwischenparteiliche Feilschen um lukrative Posten – noch nicht ganz sicher davon ausgehen, dass die ehrenrührigen Aktivitäten im fraglichen Politiklager schon gänzlich vergessen wären.

Aber was tun, wenn man wie der legendäre buridanische Esel zwischen zwei gleich großen Haufen Unrat steht? Erstarren? Nein, man muss sich beherzt für einen von beiden entscheiden! Was für ein fataler Irrtum…

Dabei hätte der Name des Weins, La Mauvaise Réputation, der sich auf ein Chanson von George Brassens , bezieht, mir zur Warnung gereichen können.

Denn in der letzten Strophe des Liedes deutet Brassens an, dass er, ohne die Gaben des Propheten Jeremia zu benötigen (der mehrere große Katastrophen vorhersagte), das Schicksal des Protagonisten seines Liedes voraussagen kann: Obwohl sein einziger Fehler darin besteht, dass er nicht dorthin gehen will, wo alle hingehen (zum Nationalfeiertag), und weil er nicht im Marschschritt den Staat bejubeln will, wird er von der Menge gelyncht und “alle werden kommen, um seine Leiche anzusehen”.

Ich habe die Warnung in den Wind geschlagen und auf die AfD-Email tatsächlich geantwortet. Danach war ich reif für die Behandlung mit einem starken Antidepressivum.

Am Ende des gestrigen Abends habe ich mir schließlich höchstpersönlich ein COVID-freies Wochenende verordnet. Aber ich hatte die Rechnung ohne Herrn Rommel vom RKI gemacht.

Das Schuldenkonto

Schon zum Frühstück war es aus mit meinen guten Vorsätzen. Alexander Rommel hatte seine nach dem Ebenbild einer Lotterietrommel gefertigte Rechenmaschine angeschmissen und bestach mit einer solide untermauerten Zahl: “305.641 verlorene Lebensjahre durch Covid-19

Für alle, die von der Länge der Zahl zu stark erschüttert sind oder gar beim Thema “Hochrechnen” krankheitsbedingt ganzsemestrig gefehlt haben, die schlüssige Herleitung des gewaltigen Postens in Satz 2: “Rund” zehn Jahre hätte jeder Verstorbene noch zu leben gehabt.

Mein COVID-freies Wochenende: dahin! Ran an den Taschenrechner.

Auf meinem Smartphone habe ich ein intelligentes Widget installiert, das mir durch einfaches Eintragen von Zahlen in ein leeres Feld und das Drücken verschiedener verwechselungsfrei gekennzeichneter Operationsfelder folgendes Ergebnis liefert:

aus den “verlorenen Lebensjahren” hätte ein kluger Zeit-Banker 3.638,58333333333333 schöne komplette Leben (zu 84 Jahren Dauer) destillieren können. Ein kapitales Dorf voller lebenslang Gesunder ist uns bloß wegen diesem COVID durch die Lappen gegangen.

Dabei ist noch gar nicht mitgerechnet, dass der kluge Zeit-Banker die verlorenen Lebensjahre

  • a) wahrscheinlich billig gekauft hätte (vielleicht für angenommene 23 Tage, denn sie waren ja schließlich schon gebraucht) und
  • b) sie gar nicht alle auf einmal wieder rausgehauen hätte.

Vielmehr würde der erfahrene Lebenszeitbankier sie auf einem Lifecoin-Konto mündelsicher anlegen, ein wenig damit spekulieren und die gewonnenen Jahre erst abstossen, sobald sie die Milliardengrenze überschreiten, womit er dem Wertverfall vorbeugt.

Denn es kann wohl als sicher gelten, dass jeder, der kann, eben schnell noch mal 5 bis 10 Jährchen dazu bucht und schon steigt die Nachfrage in 12-stellige Bereiche.

Können Sie mir folgen?

Ja? Das ist beruhigend zu hören. Man wird ja häufig falsch verstanden.

Was sagt Ihnen das noch: ” 305.641 verlorene Lebensjahre”?

Sind die fraglichen 305.641 verlorenen Lebensjahre denn eigentlich schon gegengerechnet gegen die 4,37 Milliarden Jahre, die unsere lieben 7jährigen Kinder bei der Kinderarbeit in den Sweatshops restlos eingebüßt haben? Nur um ein paar billige Fleecepullis herzustellen, die man dann kräftig in Weichspüler badet, dessen Gestank mich persönlich schon 0,00348 Lebensjahre gekostet hat.

Na gut, es sind ja auch bloß “vorsichtig gerechnet” 4,37 Milliarden Jahre, weil die Kindchen dort im Sweatshop eh keine besonders hohe Lebenserwartung haben.

Das gleiche gilt übrigens für Kindersoldaten (9,8574 Millarden verlorene Lebensjahre) die mit Hilfe von Produkten der deutschen Waffenindustrie die “durchschnittliche Lebenserwartung” ihrer Ziele um 43 Jahre verkürzt haben (374,41 Milliarden verlorener Lebensjahre). Dagegen müsste doch echt mal einer was unternehmen! Das geht doch so nicht weiter! Sonst haben wir hier bald eine deftige Lebensjahrinflation.

Das Hauptproblem mit den toten Kindern: Wer jung stirbt, verliert vergleichsweise viele Punkte auf dem Lebenszeit-Konto. Aber es spart auch die Kosten für das Altersheim.

Die deutsche Autoindustrie? Hat eben irgendwer “die deutsche Autoindustrie” gesagt? Sterben nicht jährlich “rund” 3.275 Menschen auf Deutschlands Straßen? Davon viele junge unerfahrene Fahrer, die noch auf weitere (grob gerechnet) 67 unversehrte Jahre Anspruch gehabt hätten?

Mein Taschenrechner streikt gerade. Aber – Kopfrechnen hält jung! – sagen wir: 219.425 Lebensjahre gehen uns da flöten: mit unser aller Billigung! Wie zynisch von uns! Dabei ist Autofahren ziemlich genau 2/3 so tödlich wie COVID-haben. Diese deutsche Autoindustrie sollte man mal kräftig durchimpfen.

Was das “im Schnitt kostet”, die deutsche Autoindustrie so virulent rumlaufen zu lassen und den Kontakt zwischen hoch beschleunigten Einzelwagen nicht grundsätzlich zu verbieten! Da muss wohl die rechtschaffene SPD mal richtig ran.

Ich bin da ganz zuversichtlich. Das klären die schon. Mein volles Vertrauen.

Ein bis zwei Lebensjahre noch, Momentchen, kurz nachgerechnet, mal 83.190.556 Personen Gesamtbevölkerung, macht im Mittel, also bei 1,5 Jahren = 124.785.834 Bevölkerungswartejahre. In der Zeit lässt sich der übelste Augiasstall ausmisten. Keine Sorge.

Wenn die SPD erst mal die ganzen verantwortungslosen CDU-Leute, die das Waffengeschäft, die Autoindustrie und die Modebranche lebenserwartungszeittechnisch völlig ins Kraut haben schießen lassen, auf ihren Spitzenposten bei BaFin, Deutsche Bahn und im Aufsichtsrat von VW untergebracht haben und sie, die SPD unter dem Gesundheits-Kanzler mit der roten Fliege, dann endlich wieder volle Regierungsverantwortung übernimmt, dann sinkt auch sofort diese gnadenlose Verschwendung von durchschnittlichen Lebensjahren. Davon bin ich fest überzeugt.

Halt! Halt Stop! Wo sind all die Jahre hin? Wo sind sie geblieben? summt es in mir. Verfluchter Ohrwurm. Verlust, Schuld, Schulden…schulfrei. Alles dreht sich in meinem Kopf. Vielleicht war der Wein gestern doch nicht so gut? Oder der Teufel hat beim dritten Glas mitgekeltert … und mir seinen Unterteufel namens Zweifel an den Tisch gesetzt, um mir alles noch mal ganz genau auseinander zu setzen … da muss sich doch irgendwo ein Rechenfehler eingeschlichen haben? Oder nennen wir ihn “Auslegungsfehler”. Kann doch aber gar nicht sein. Beim RKI, da wo der Herr Rommel arbeitet, wird ja ernsthaft daran gearbeitet, wissenschaftlich zu arbeiten.

Die interpretieren ja keine zusammenspintisierten Fremd-Zahlen aus dubiosen Quellen. Die Zahlen vom RKI werden noch richtig mit Hand gemacht. Jedes einzelne Faktum hausgeschlachtet. Beste statistische Feldforschung. Da bleibt kein Toter undurchleuchtet liegen. “Wie lange hätten Sie denn durchschnittlich noch erwartet zu leben?” “Mindestens noch rund 9,5 Jahre”, stöhnt es aus dem Sarg.

Die Angabe hat er dann sauber extrapoliert, der Herr Rommel, und mit dem Ergebnis unterm Arm ist er zum Herrn Wieler gelaufen und der hat gesagt: “Au weia, wie bring ich das der Merkel bei? Die macht mich doch rund in der Montagsvergatterung. Fast ´ne viertel Million Negative auf dem Konto.”

Da hilft nur noch ein sauberer Schuldenschnitt.

Wörterbuch des Unrates

Ein Aufruf.

Gegenstand dieses Aufrufes an meine Leser ist das gemeinsame Verfassen eines Wörterbuches, das – Stichwort für Stichwort – online unter “Die Aktion” veröffentlicht wird.

Das Wörterbuch soll ein Nachschlagewerk für all jene sein, die sich immer schlechter im Gewirr aktuell kursierender Bedeutungsveränderungen zurechtfinden. Weshalb ist Corona die “Bewährungsprobe unserer Generation”? Wieso ist “Hausarrest” gut? Was bedeutet es für mich und meine Freiheit, wenn ich nicht “systemrelevant” bin?

Klare Begriffe sind die Voraussetzung für klares Denken. Keine Kritik ohne präzise Vokabeln, keine gesellschaftliche Verständigung ohne ein Vokabular, auf dessen Bedeutungsauffüllung sich alle geeinigt haben. Sprache muss verlässlich funktionieren, sonst sind wir verloren. Sprache ist aber immer politisch, ein Machtinstrument.

Ein kritisches Wörterbuch des Unrates soll Überblick und Sicherheit darüber verschaffen, wie diese Wort-Umwertungen sich vollziehen und wohin sie weisen. Es könnte daher einen Untertitel wie “Nachschlagewerk zur attributären Sprache des 21. Jahrhunderts” tragen, weil noch das harmloseste Attribut heute im Dienst der autoritären Demokratie steht und jedes Substantiv auf den Kopf stellt.

Den Auftakt zum Wörterbuch macht Bert Papenfuß mit drei – eher atypischen, da lyrischen, doch umso schöneren – Beiträgen zu “Herdenimmunität“, “Verordnungsermächtigung” und “Verstetigung einer Allgemeinverfügung“.

Guter Rat – schon immer teuer

Im “Hasenbraten” heisst es gegen Ende: “Wenn es ein Wörterbuch der Corona-induzierten Totschlag-Argumente gäbe, hätte Wohlstandsbockigkeit darin eine Ehrenseite – gleich neben der vermaledeiten Meinungsmüdigkeit.”

Schon eine provisorische Liste aktuell im Gebrauch befindlicher Unworte ist lang, geradezu endlos (siehe ganz unten in diesem Beitrag). Die Analyse der Unworte und Aufklärung darüber, mit welchem Trick sie in die Irre führen, ist Ziel des geplanten Wörterbuches.

Das Wörterbuch soll sein Augenmerk auf den “schlechten Rat” richten, den Unrat, der mithilfe der Unworte erzeugt wird. Es soll auf den Mangel an positiver, gesellschaftsbildender Kraft aufmerksam machen, der sich in solchen Worten verdichtet.

Der hinter dem Mangel stehende Niedergang dessen, was wir bisher unter “Staat” verstanden haben, sollte dabei klar hervortreten.

Denn einstmals war Staat, diese über die Jahrhunderte mehr oder weniger stabile Verfassungsform, auf die sich die Bürger einigten, mit guten Rat gleichbedeutend. Die Rechtsform war das Kondensat der Arbeit der (Geheim- und Staats-) Räte und Ratsversammlungen: die “amtliche bezeichnung einer das gemeine wol beratenden behörde” (Grimms Wörterbuch, Rat, 11)

Das Gemeinwohl steht deswegen zentral im Wortfeld, weil “Rat” nicht nur der “gesamtbegriff für alles (war), was für die leibliche fürsorge und die nahrung der geschlechtsgenossen von seiten des geschlechtsherren anzuschaffen und zu gewähren war.” (ibid,2), sondern “gewöhnlich … ist es der begriff der fürsorge, der hervortritt” (Grimm, raten, 2b). So war der Rat synonym mit Herrschen und Regieren (ibid, 2a) und in “einer sache raten” hieß, “helfen, dasz sie guten fortgang nehme, sie fördern”.

Was aber geschieht, wenn der Staat aufhört “die vernunft zu rath zu nemen” (Grimm, Rat, 5a) und es ihm folglich nicht mehr gelingt “einem übel, einer not gegenüber, ab(zu)helfen!” (Grimm, raten 1 c)?

Zweifelsohne entsteht ein “schaden, gefahr, verderben” (Grimm, Unrat 1a, beta) und “hilflosigkeit, mangel, not, unglück, böses, trauriges” (ibid, 2a) kommen über uns und führen zu (ibid 2b) “verlegenheit, unzuträglichkeit, .., übel- oder miszstand” und (2c) “miszhelligkeit, zwist, verwirrung, unordnung”.

Ohne Zweifel: Wörterbücher sind enge Verwandte kritischer Geschichtsbücher, noch dazu objektiver als diese, da sie Varianten nebeneinander stellen.

Aufruf!

Um der durch Unrat drohenden Verdunkelung der Wahrheit durch Mißbrauch der Begriffe vorzubeugen, veröffentliche ich folgenden Aufruf:

Lasst uns zusammen ein “Wörterbuch des Unrates” schreiben, das wir immer zur Hand nehmen können, wenn wir uns durch ein Wort wieder einmal besonders abgespalten, fies diffamiert oder höchst stigmatisiert fühlen! Wenn der Staat vom seinem ersten Ziel, das Gemeinwohl zu schaffen, abkommt! Wenn er Worte mit neuen Bedeutungen auffüllt, um von seiner eigenen Ratlosigkeit abzulenken.

Eines Tages, wenn es erst einmal richtig dick geworden ist, wird uns das “Wörterbuch des Unrates” über schwere Stunden hinweghelfen und den Weg in eine bessere Zukunft weisen.

Wörterbuch des Unmenschen“

Das Projekt “Wörterbuch des Unrates” hat eine Vorgeschichte.

Schon länger befasse ich mich mit der Idee einer Neuauflage eines Wörterbuchs, das auf dem „Wörterbuch des Unmenschen“ von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm Emanuel Süskind aufbaut.

Der Grund dafür ist in der jüngsten deutschen Geschichte zu finden. Unmittelbar, nachdem 2017 die erste Prepper-Zelle aus dem Umfeld des Spezialeinsatz-Soldaten mit Decknamen „Hannibal“ ausgehoben wurde und die enge Verflechtung der Reichsbürger und Tag-X-Verfechter mit dem Staat sichtbar wurde (in Mecklenburg bis ins Ministerpräsidentenbüro hinein), als plötzlich Hinweise auf (geheim gehaltene) Todeslisten für Linke kursierten, kam mir die Idee, dass es an der Zeit sei, das “Wörterbuch des Unmenschen” von Storz/Sternberger auf den aktuellen Stand zu bringen.

Dies lag an einer Flut neu in den Medien erscheinender Begriffe.

Es war zu lesen von

  • – Bereitschaft (man bereitet sich auf Tag X vor)
  • – Rückwärtseinspeisung (die technische Vorbereitung auf den Zusammenbruch des Systems)
  • – Kamerad (wie man über die Kernfiguren der Szene sagt: ein feiner Kerl mit einem gerechten Haß)
  • – Einstellung (die natürlich “ganz normal national” ist, wie es immer wieder im NSU-Prozeß auf die Frage des Richters hieß)
  • – Bruderschaft (als Referenz auf den zentralen deutschen Mythos der kämpfenden Nibelungen-haften Helden, die Europa vor der „Islamisierung“ erretten wollen)
  • – Todesliste (das zentrale Medium zur Verständigung über die Besetzung einer künftigen Reichsregierung)
  • – Netzwerk (das System der autonomen Terror-Zellen)

Ein wenig typisch ist es für Deutschland, dass es nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag gibt für so ein zentrales Werk zur deutschen Sprache. Man muss sich auf Spurensuche begeben.

Wörterbuch der “attributären” Sprache

Jedenfalls schoß mir schon gleich im März 2020 angesichts des ungeheuerlichen Verliebtheit der Medien in die “Sprachregelungen” der Regierung in den Sinn, dass sich nun bald ein neues weites Feld für ein „Neues Wörterbuch der Unmenschen“ eröffne.

Doch nicht der “Unmensch” ist die zentrale Figur dieser Regelungen, sondern der schlechte Rat, dem sie entspringen.

Das ist, was ich Unrat nenne.

Es folgt nun eine vorläufige Liste, die noch stark bereinigt und ergänzt werden muss.

Denn wirklich klar wird das geplante Unterfangen nur, wenn nicht alle möglichen Wald- und Wiesenworte, die jetzt zum Einsatz kommen, ins Wörterbuch Eingang finden.

Streng genommen, gehören nicht einmal die eingangs erwähnten “Meinungsmüdigkeit” und “Wohlstandsbockigkeit” ins Wörterbuch des Unrates, weil sein Fokus nicht auf “der Corona-induzierten Totschlag-Argumente” liegt, sondern auf den dahinter stehenden staatlichen Verwerfungen. Im Wörterbuch sollten vor allem diejenigen Begriffe behandelt werden, die eine „attributäre“ (autoritär + attributiv) Bedeutungsauffüllung resp. -Ummünzung erfahren haben.

Die Idee ist, sich mit den beitragenden Autoren auf ein Bearbeitungsprinzip zu einigen. Angesichts  des Corona-Gipfels fiel auf, was für eine reiche Quelle Regierungsverlautbarungen darstellen. 

„Bewährungsprobe“ ist ein auf den ersten Blick unscheinbares Wort, oder „Maßnahme“: in ihnen steckt Vieles von dem, was den laufenden Umbau bezeichnet. 

Es ist jedenfalls ein wenig so, wie Christa Wolf in „Störfall“ sagt: sprachhistorisch seien A-tom und In-dividuum gleich: zwei unteilbare Dinge, die Ärger machen, wenn man sie spaltet.

Auch der “Gipfel” selber gehört in diese Liste: inzwischen hat er Verstärkung vom “Impfgipfel” erhalten.

Liste der Unworte***

  • -Abstand (richtiger, siehe Distanz)
  • -Aerosol (neues Wort für Atem-Luft, in der Regel geschwängert mit hochinfektiösen Bestandteilen)
  • -Ausgangssperre / Hausarrest (zentrales Mittel zur Erzwingung von Infektionsvermeidungsgehorsam)
  • -Ausbreitung (unkontrollierte)
  • -Beherbergung(-sverbot)
  • -Bewährungsprobe (Söder am 14. Oktober 2020: das ist die Bewährungsprobe unserer Generation)
  • -brachial / Durchgreifen (die Notwendigkeit des “brachialen Durchgreifens“/Merkel)
  • -Feiern (nicht etwa eine positive Form der Zusammenkunft lebenslustiger Menschen, sondern ein Gefahren bergendes Ereignis)
  • -Denunziation, siehe Regeln und Wohnung
  • -gesund / krank (Bleiben Sie gesund! Symptomlos krank)
  • -Gruppenbildung (war schon immer etwas, dass es eher zu vermeiden galt, als dass es eine wünschenswerte Form sozialer Aktivität gewesen wäre)
  • -Haushalt (nach Jahrzehnten des Eintrainierens von nomadischem Lebenswandel mit Co-Workingspaces und Wohnungstauschagentur kommt nun ein Begriff, gefühlt aus der Tiefe des preußischen Kaisserreichs, eine ortsstabile, bewegungsbehindernde familiäre Raumeinheit, die zum Zählen der Köpfe und zum Abtrennen der Vermengung mit anderen Raumeinheiten mit gleicher Füllung gedacht ist)
  • -Herde (Immunität)
  • -Hotspot (statt WiFi nun Ansteckungs-)
  • -Hygiene-Regeln
  • -Infektion(-sschutz)
  • -Jugend (keine Altersabschnitt der menschlichen Entwicklung, sondern Verdichtung verantwortungsloser, gemeingefährlicher Verhaltensweisen)
  • -Kandidat (nicht der glänzende Anfang einer Karriere, sondern etwas das lauert: nächster Kandidat für eine Pandemie)
  • -Krieg (gegen das Virus)
  • -Kontakt (etwas das verfolgt werden mus, aber nicht, um es für Werbung auszubeuten)
  • -Leugner (Corona-analog formuliert zum Holocaust-, siehe auch: Verschwörung)
  • -Maske (für: Mund-Nasen-Schutz, Umkehrung des Maskierungsverbotes)
  • -Maßnahmen (ausreichende bzw. notwendige)
  • -Normalität (wohin man nie wieder zurückkehren wird; das Alte, das verkehrt war)
  • -Räume (-insbesondere Innenräume werden als gefährlich angesehen)
  • -Reise(-rückkehrer)  gefährliche Regierungsentscheidung, denn hatte nicht das Reiseverbot hatte seinerzeit die sogenannte Wende herbeigeführt?
  • -Regeln (Abstands-, Corona-…, das Einhalten der … hier auch: Denunziation)
  • -Risiko(-gebiet)
  • -Sozial (e Distanz)
  • -Sprachregelung (https://www.youtube.com/watch?v=Q9NNkX1WCeo  Minute 2.14, wo die Regierungssprecherin sich tatsächlich nicht zu einer Frage äußern mag, bevor sie in ihren Unterlagen die “offizielle Sprachregelung gefunden hat”)
  • -Statistik (eine zur klassischen Ermittlung von belastbaren Ergebnissen hinzugefügte, verschieden lesbare Form der Auflistung von quantitativen Ereignissen)
  • -System(-relevant)
  • -Test (Schnell-, PCR- oder auch Drosten-)
  • – Treffen (früher die Basis sozialen Kontaktes; jetzt etwas, das es zu vermeiden gilt; davon sind auch viele öffentlichen Orte betroffen: die “Trefferia”-Cafeteria im GLOBUS-Baumarkt muss nun zur Kontakt-“Vermeiderei” umgebaut werden)
  • -Verschwörung 
  • -Virus (hat beim zurück-Überspringen vom Computer auf den Menschen ziemlich dessen Einstellungen verändert und dem Computer darin eine zentrale Rolle zugedacht)
  • -Welle (nicht etwa das schöne Meer, sondern die erste, zweite oder xte Infektions-)
  • -Wohnung (war mal etwas Sakrosanktes, Rückzugsbereich, frei für nicht öffentliche Lebensbetätigung; seit “lockdown light” etwas, das genauestens untersucht werden muss in Bezug auf dort stattfindende Zuwiderhandlungen, Ausspähnotwendigkeit – wiederum: Denunziation)
  • -Zahlen (nicht etwa eine fixe Größe mit Belegwert, sondern etwas, von dem man „herunterkommen muss”, Teil der jederzeit veränderbaren, so genannten politischen Statistik, siehe auch dort)

Vorschläge bitte per eMail oder Kommentar hier unten einreichen!

Der Hasenbraten, Schluß und Ende

Auf den Genuß folgt die Verdauung. Vorgestern und gestern konnten Sie hier lesen, wie es zu den Magen-Schmerzen kam, unter denen wir, die geschäftlich Reisenden in Europa, jetzt leiden. Inzwischen sind ja sogar die Grenzen mal wieder dicht – wie damals im Jahr 1 der Coronazeitrechnung, als wir zum ersten Mal probierten, ein Minicroissant mit Vinylhandschuhen zu essen. Sind wir seither mit dieser neuen Kulturtechnik weiter gekommen? Lesen Sie Teil 3 unseres Schauermärchens:

Die Selbstunterwerfung

Nichts liegt mir ferner, als den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören, nur weil ich einmal schlecht essen musste – und das zugegebenermaßen unter für alle Beteiligten schwierigen Bedingungen, die nichts mit der Gastronomie Frankreichs zu tun haben.

Doch halten wir fest: es ist eine politische Entscheidung, mit der Krankheit so umzugehen, dass die Mehrzahl der Mitbürger im Alltag auf Jahre hinaus durch die Verordnung wissenschaftlich durchaus fragwürdiger Maßnahmen mehr leiden, als sie unter der Gefährdung ihrer Gesundheit durch ein Virus leiden müssten.

Dass sich jedoch fast alle relativ klaglos mit der Vielzahl von erniedrigenden Regeln abfinden und sich – bei lächerlich geringer Strafandrohung – derart reduzieren lassen, ohne je aufzumucken, das ist wirklich schockierend.

Die Selbstunterwerfung drückt sich vor allem in Körperhaltungen und Gesten aus. Aufrecht an einem Tisch einander gegenüber sitzen, von Porzellantellern essen, aus Gläsern Wein trinken und dabei kommunizieren ist eine über enorme Zeiträume verfeinerte Kulturtechnik, die nicht ohne Verluste den Entzug von Tisch, Stuhl und Glas überdauert.

Erst dadurch, dass wir die Mundwerkzeuge in einem Jahrtausende währenden, mühevollen Prozeß von der Arbeit des Reissens und Schlingen entbunden und uns vom Boden aufgerichtet haben, wurde der Weg frei für eine differenzierte Sprache – und damit zum Austausch der Früchte eigener geistiger Tätigkeit. André Leroi-Gourhan hat darüber ein höchst lesenswertes Buch, “Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst”, verfasst.

Tiervergleiche “gehen” zwar gar nicht. Doch wenn ich rundrückig vor der schmalen Schminkablage im Hotelzimmer hocke – ein Tisch war “ante Corona” = in der Bauzeit des Hotels im Zimmer nicht vorgesehen – meinen Braten aus der Umschlingung durch das Metzgerwurstband befreie und ihn mit dem ungeschliffenen Hotelmesser zerstückele, komme ich mir vor wie ein kulturfernes Viech, das sich in einer Herde deprimierter Genossen versteckt hat und brav wartet, bis der Schäfer bereit ist, es wieder auf die leckere Weide nebenan zu lassen.

Das ist wohl die Art von Beobachtung, die unsere sogenannten systemstützenden Medien als „wohlstandsbockig“ bezeichnen würden. Wenn es ein Wörtberbuch der Corona-induzierten Totschlag-Argumente gäbe, hätte Wohlstandsbockigkeit darin eine Ehrenseite – gleich neben der vermaledeiten “Meinungsmüdigkeit“. In der Summe ergeben solche Unworte das Bild einer völlig abgefütterten Gesellschaft, in der jeder politische Widerspruch aufgelöst scheint. Probleme? Ja, mit meinem Internetzugang. Ich finde auch scheiße, dass der Barbershop dicht ist.

Apropos Bärte: Grimms Wörterbuch sagt, bockig kann nur die Ziege sein. Also gehen Tiervergleiche doch?

Ich gebe es zu: ich bin schon länger höchst verärgert. Der Grund dafür liegt allerdings weder in (kindischer) Bockigkeit, noch in einer Einschränkungen meines Wohlstands. Mir fehlt es ja an nichts. Ich kann überall essen.

Mir ist bewusst, dass Zehntausende im Mittelmeer ersaufen müssen, weil die Politik es so will, Millionen nichts zu essen haben, weil die Wirtschaft einträglicher arbeitet, wenn es starkes Gefälle gibt. Ich habe darüber mehr als 30 Jahre am Theater, im Museum, im Radio und in Büchern gearbeitet. Genau deswegen hinterlässt die Vorstellung mehr als einen faden Nachgeschmack, sich dem Ergebnis der erfolgreichen Lobbyarbeit von Pharmakonzernen auszuliefern und von ratlosen Regierungen gängeln zu lassen und bei bestehenden Alternativen und trotz anderslautender wissenschaftlicher Erkenntnisse zu kuschen, nur um der schlechtesten aller Möglichkeiten zu genügen.

Die Deutschen haben einfach ein dickes Problem mit Anordnungen. Sie scheinen mir mehrheitlich geborene Hörige. Lieber folgen sie einem geschäftelhuberischen Gesundheitsminister, der sich mitten in der Krise ein tolle Villa kauft, aus Versehen mal im Speiselokal die Gäste am Nachbartisch infiziert und vor Elon Musk die Maske runter reisst. Staatsklugheit scheint ebenso ein Fremdwort wie Führungsstil.

Während wir Epsilons Ehrenerklärungen abgeben müssen, die sich in ihrer Form noch auf das tradierte Konzept des bürgerlichen “code d´honneur” beziehen, schwebt ein “business angel” und Pharma-Lobbyagentur-Gründer wie unser nebentätigkeitsversessener Alpha-Minister vollständig frei über jedem Ehrenkodex. Einige Tiere sind eben gleicher als andere.

Keiner muckt auf, wenn die “Brut- und Normzentrale Berlin-Friedrichstadtpalast” (der Amtssitz des Gesundheitsministeriums) übergriffig wird. Viele nehmen billigend in Kauf, dass die Ratlosigkeit – oder die Auslieferung an reiche Ratgeber? – mit immer mehr Regeln kaschiert wird.

Moment! Jetzt bin ich aber doch zu bitter geworden. Ich möchte deswegen an dieser Stelle wenigstens herausstellen, dass es mir bei meinem Lamento nicht um eine egoistische Klage über mangelndes persönliches Wohlbefinden oder Einbußen an Komfort für meine Person geht.

Sondern dass das Resultat einer an sich schon ausreichend bedrohlichen Krankheit verschärft wird durch relativ beliebige Eingriffe in den Alltag von Millionen von Menschen, die gesund sind, aber durch diese Eingriffe nicht gesund bleiben werden.

Das ist keine hausgemachte Spekulation. Der Deutschlandfunk befasste sich am 24. Januar 2021 mit dem neuobiologischen Befund, dass unterdrückte Bedürfnisse das Gehirn von Kindern in kürzester Zeit verändern.

Nicht umsonst warnt der Hirnforscher Gerald Hüther in der Sendung vor “dramatischen Konsequenzen der Corona-Schutzmaßnahmen für die soziale und neurobiologische Entwicklung”. Bald wird es vielen von uns so gehen wie Charlton Heston in der Rolle des Polizisten Thorn in dem Film “Jahr 2022 … die überleben wollen“: wir erinnern keinen Geschmack, der zu dem Wort “Hasenbraten” passt.

Wo aber sehen wir Schutzmaßnahmen, die solche Erkenntnisse berücksichtigen?

Hat irgend jemand seit der Stunde Null der Coronazeitrechnung jemals eine neue Regel entstehen sehen, die die Art, wie wir bislang wirtschaften, Nahrungsmittel anbauen oder unsere Umwelt versauen, verbietet? Was wäre einzuwenden gegen ein ewiges Couvre-Feu für die Wurzeln unserer Krankeit?

Leben wir denn nicht in einer mit Intelligenz überversorgten, smarten Hochtechnologiekultur, die jetzt mit billigen Staubschutzmasken und stinkenden Desinfektionsgels gegen gegen luftverbreitete Viren vorgeht? Und damit dennoch ziemlich effizient die bedingungslose Disziplin für sinnlose Ideen erwirkt?

Das Deprimierende daran sind nicht die sinnlosen Ideen, sondern die scheinbar willenlose Bereitschaft fast aller, daran mitzuwirken.

Über Jahrzehnte bin ich in meinem großzügigen, bildungsversessenen, gerechten Geburtsland trainiert worden, meinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Ausgebildet, aufgrund seines Gebrauchs zu einer vernünftigen Lösung zu gelangen. Nun bin ich von dieser grundlegenden existenziellen Technik der Entscheidung durch wirre, wöchentlich wechselnde, vollständig inkonsistente Weisungen entbunden. Haben wir denn all die Wissenschaftler und Politiker bestallt, damit sie jetzt “auf offener Bühne lernen” (Lothar Wieler)?

Der Gebrauch des eigenen Verstandes hat nur einen entscheidenden Nachteil: die Einsperrung lässt sich schlechter ertragen. Der Gebrauch des eigenen Verstandes vergrößert die seelischen Störungen, die aus dem Widerspruch zwischen eigener Auffassung und amtlicher Verfügung entstehen. Er macht die Ausweglosigkeit drastisch deutlich. Hinzu kommt Lagerkoller. Sich Reduzieren kostet Kraft.

Kein Wunder, dass Angebote für “psychologische Coronahilfe” Seiten der Suchmaschinen füllen. Die steigende Zahl der Konsultationen – hier spielt offenbar Großbritannien mit dem psychoaktiven Doppelproblem Brexit/Covid eine negativ führende Rolle – und der enorme Anstieg von Selbstmorden in Japan gegen Jahresende 2020 – hier scheinen kulturelle Faktoren entscheidend: Jobverlust=Gesichtsverlust – zeigen eine Tendenz, die weltweit gilt und von selbstverletzender Aggression bestimmt ist.

Diese psychischen Spannungen verarbeiten zu müssen, empfinde ich als höchst unangenehm. Viel bedrohlicher als eine Virus-Erkrankung, die ich persönlich zum Glück gut überstanden habe.

Zumal ja nach über einem Jahr die Frage hinzukommt: wie viel weiter wird es gehen? Wie lange wird es noch dauern? An was werden wir uns noch gewöhnen müssen?

Die Zeitgenossen sind schon jetzt im Namen der Gesundheit derart weichgekocht, dass sie sich umstandslos damit abfinden, in der U-Bahn zu schweigen, weil Sprechen angeblich gefährlicher als Husten ist.

Es wird immer wieder betont, die Empfehlungen der Regierenden, den Gesundheitsschutz betreffend, seien keine Verbote und ihre Einhaltung finde auf eigene Verantwortung statt.

Wer von uns hat eigentlich sein Leben bislang nicht auf eigene Verantwortung geführt? Jedem von uns ist es doch in seine private Initiative gestellt zu rauchen oder nicht, Früherkennung von Krebs zu betreiben oder nicht, eine Altersvorsorge abzuschließen. Wer aber den Lockdown kritisiert, wird politisch stigmatisiert. Das Unerfreulichste am Lockdown ist ohnehin die obrikeitshörige Reaktion der Bevölkerung, die gern allein im Auto Maske trägt. Ein Prise Masochismus würzt den Alltag.

Finden wir uns künftig mit jedem Fraß ab, der uns aufgetischt wird?

Auf dem letzten Foto seht ihr den Beweis dafür, dass wir wirklich in Langres waren, denn der gelbe Käse ist der Käse, der den Namen der Stadt trägt, aus der besagter Diderot stammt, der die Enzyklopädie herausgegeben hat. Die Enzyklopädie steht sinnbildlich für die mögliche Größe menschlicher Kultur.

Dieser Käse wäre, unter anderen Bedingungen eingenommen, eine der größten Köstlichkeiten des benachbarten Landes. Unter viralen Kriegsbedingungen serviert, schmeckt er etwa so, als wenn ich ein zähes Stück alten Kaugummis noch einmal zerkauen müsste.

Wo stehen wir nun mit unserer Einsicht, dass das Virus und die Veränderungen im Alltag eine enge Verwandtschaft besitzen: zuerst merkt man sie kaum, doch sie sind äußerst gefährlich? Denn wir verändern uns gerade schnell und nachhaltig. Für ein Kind in der Grundschule fühlt sich ein Jahr so lang an, wie zehn Jahre für den älteren Menschen. Nach einem gefühlten Jahrzehnt aber ist alles anders.

B.F. Skinner hat 1948 unter dem unverkennbaren Eindruck des Faschismus in “Walden2” beschrieben, wie zügig die Zurichtung des Menschen vonstatten gehen kann. Er hat dies als Möglichkeit gemeint, die Weltbevölkerung Faschismus-fest zu imprägnieren. Skinners Thoreau-Aufguss ist in Deutsch unter dem Titel “Futurum Zwei” erschienen. Mich dünkt, die Namensähnlichkeit mit der Besserwisser-Postille der TAZ ist kein reiner Zufall. Es gibt doch rechte Heerscharen von Hochgebildeten, die uns gern zu unserem eigenen Besten eine kleine Umerziehung verpassen würden.

An die Lektüre des Skinner-Buches erinnere ich mich dieser Tage immer wieder – ungern. Es ist die grauenvollste Dystopie einer Menschenfabrikation durch Erziehung, die ich je gelesen habe.

Auf den ersten Blick stehen ganz normale, neutrale Techniken und medizinische Notwendigkeiten hinter dem, was der Ökonom Michel Chossudovsky “Angstkampagne” nennt: “Mood Management” und algorithmenbasierte Persönlichkeitssteuerung sind ja das Kerngeschäft der hochgelobten und schlagartig allpräsenten Distanztechnik namens “Digitalisierung”. Jutta Weber hat dazu kürzlich am Beispiel von “Zoom” einen aufrüttelnden Text verfasst: “Zoom-Boom“. Meinungssteuerung gibts gratis als “Covid-creep” im Huckepack des “tele-everything“. Es ist unübersehbar nicht nur die Qualität unseres Essens betroffen.

Was haben wir schon verloren? Was werden wir noch verlieren? Was davon, das uns wichtig ist, werden wir jemals wieder zurück erringen können, wenn dieser “ganze Rummel” (Drosten) frühestens 2025 (?) vorüber ist?

Der Hasenbraten, Fortsetzung

Gestern habe ich Ihnen den äußeren Wickel der Fleischrolle präsentiert, den gesellschaftlichen Bratenschlauch, in dem unser Hasenbraten ruht. Lesen Sie bitte, falls Sie hier zuerst landen, in der Ehrenerklärung noch einmal nach, unter welchen Umständen ich in den Genuß gekommen bin, den ich heute detailliert schildere.

Das ist dann noch nicht alles: denn morgen kommt das dicke Ende.

II. Friss oder stirb!

Beschreibung eines Abendessens unter Distanzbedingungen.

Langres, Geburtsstadt von Diderot, Lichtgestalt der französischen Aufklärung, Vater der Enzyklopädie

28.1.2021

Nach dem Einchecken die große Frage: “Brauchen Sie eine Mahlzeit?” Das Wort “Mahlzeit” und die Wahl des Verbums lassen Befürchtungen keimen. Unsere Antwort lautet: “Ja, gern.” Über den Tresen wird ein Zettel geschoben, der das Ritual erklärt. Da wir kein Feld zum Unterzeichnen, bei unserer Ehre, finden können, fragen wir kurz zurück, wie “das geht” mit dem Essen unter Distanz-Bedingungen.

Das ist ganz einfach, aber doch ganz anders, als wir es in unserem Leben bislang kennengelernt haben. Obwohl wir mitten in Europa sind, ist alles fremd. Und alle sind fröhlich dabei!

Zuerst müssen wir eine Art Ankreuz-Test an der Rezeption ausfüllen. Er ersetzt die Speisekarte. Schon beim Ankreuzen dämmert uns, dass nichts von dem, was wir wählen, auch nur in irgendeiner Form einer Art von Essen entspricht, das wir jetzt gerne essen möchten. Das geben die Bedingungen absehbar nicht her. Aber die Alternativen sind gering. Weil ich das Risiko suche, wähle ich statt eines wenig Freude versprechenden Hacksteaks “rôti de lapin”, den vermeintlichen Hasenrollbraten.

Ich möchte folgendes an dieser Stelle noch einmal klar und deutlich festhalten: wir sprechen von einem Essen in einem Land, das für sich in Anspruch nimmt, die beste Küche Europas zu haben. Ich spreche von einer Stelle Frankreichs, die zwischen den beiden Hochgenuss-Regionen Burgund und Champagne gelegen ist. Es ist kaum eine Region in Europa vorstellbar, die für kulinarischen Genuss berühmter wäre. Deswegen scheint mir der Hasenrollbraten kein außerordentliches Wagnis.

Statt wie in den letzten Jahren in einem Restaurant seine Bestellung aufzugeben, kreuzen wir nun recht unklar beschriebene Gerichte auf einem fotokopierten Zettel an. Es ist beispielsweise nichts über Beilagen bekannt. Schlagartig wird klar, dass es um Stoffwechsel geht, um die Befeuerung des Metabolismus mit verbrennbaren Produkten. Aus dieser Ecke stammte zweifelsfrei auch das Wort “brauchen” am Anfang der Frage nach der abendlichen Ofenbefüllung. Wenn der Schornstein morgen qualmen soll, dann schaufel rein!

Vom Zauber der Champagne und des benachbarten Burgund ist jedenfalls schon nach dem Bestellvorgang wenig übrig.

Zwei Stunden später – wir haben den Wecker gestellt, denn der Abhol-Slot schien nach Blick auf die Liste mit den Namen der anderen befeurungshungrigen Verbrennungsmaschinen knapp bemessen – schleichen wir zu einer genau verabredeten Uhrzeit zu einem Verschlag am anderen Ende des Hotel-Parkplatzes. Wir harren der Dinge, draussen, 300 m vor dem Hotel, nachdem wir durch tiefen Schnee gestapft sind und an einer Tür gepocht haben, wo aufgrund der Vielzahl von wiederum fotokopierten Masken-Hinweiszetteln erkennbar ist, dass das Essen ausgegeben wird. Eisiger Wind.

Essensausgabe unter Umschluß-Bedingungen. Welche Mikroroganismen mögen unter dieser Hülle lauern? Welche chemischen Prozeße hat die Mikrowelle in dem transparenten Folien-Erdöl in Gang gesetzt, die unserem Gaumen eine genußvolle Temperatur, dem Körper aber eine schädliche Injektion giftiger Stoffe verschaffen?

Es bleibt nicht aus, dass wir an Luis Bunuels “Der diskrete Charme der Bourgeoisie” denken, diesen absurden, surrealistischen Film, in dem sich alle Protagonisten zum Essen auf eine Toilette zurückziehen.

Dort vor der Essensausgabe stehen wir mit anderen Gestrandeten, die beruflich unterwegs sind in Europa. Wir stehen im Schnee, frieren und warten. Dahinter ein riesiger leerer Ess-Saal mit Notbeleuchtung. Wer sich dabei keine Erkältung holt, muss über ein wahnsinnig resistentes Immunsystem verfügen. Die Franzosen rauchen im stürmischen Wind, um keine Maske tragen zu müssen.

Als wir schließlich dran sind, erhalten wir im Austausch gegen unsere Zimmernummer eine zwiefach in Frischhaltefolie eingewickelte Platte. Mit der Platte wetzen wir schlitternd und taumelnd durchs Schneegestöber zurück zum Hotel.

Im Hotel sitzen die Franzosen an der Bar und trinken ohne Unterlaß, um keine Maske tragen zu müssen. Das Couvre-Feu gilt offenkundig nicht innerhalb von Beherbergungsstätten. Das heisst, Umschluß im gemieteten Zimmer ist noch nicht verfügt. Wäre aber eine schöne Weiterung der Maßnahmen, ganz im schon etablierten militärischen Stil. “Hiermit unterwerfe ich mich der Selbsteinschließung bis zum Ende aller Vervirungen.”

Wir erhalten Besteck und auf besonderen Wunsch einen Schnaps ausgehändigt. So ausgerüstet, stiefeln wir hoch in Bunuels bourgeoises Zimmer und ziehen dem Ganzen unter Verspritzen der Sauce das Tiefziehfolienfell runter. Auf dem Foto mit dem Hasenbraten ist zu sehen, dass die letzte Folie direkt über den Braten gezogen wurde – also ins Essen eingetaucht war.

Burgund! Land unter!

Diese bedauernswerte Karikatur von einem Hasenbraten hat in etwa so viel mit einem veritablen Hasenbraten zu tun, wie eine echt fotografierte Holztapete mit einem Brett.

Mit Hilfe des Schnapses schalten wir den Pförtner zu unserem Magen frei und würgen uns das Zeug rein. Es ist kochend heiß und schmeckt genau so, dass wir morgen, wenn wir nicht gegen die Zeit anfahren müssten (Couvre-Feu!), gerne einen weiteren COVID-Test machen würden. Es ist nämlich vollkommen geschmacksfrei.

Ein in Burgunderwein gebeizter Rollbraten aus feinstem Wild ist das Ergebnis von jahrhundertelang ausgereiften Kulturtechniken. Das lässt sich nicht verlustfrei über die take-away-Schwelle tragen. Hinzu kommt, dass jedermann, der Werner Bootes genialen Film “Plastic Planet” gesehen hat und das Interview mit dem Chemiker erinnert, weiß, dass es keine “lebensmittelechten” Plastprodukte gibt, dass insbesondere unter Hitzeeinwirkung die Phthalate nur so in die Speise sausen und von dort offenbar ohne Umweg in Eierstock und Hode fahren. Das ist kein Scherz. Die Dauernutzer solcher Nahrungsverpackung werden zeugungsunfähig, zeigt Boote in seinem Film.

Das nur als kleine Anmerkung zum Thema Gesundheitsschutz.

Um nicht nocheinmal runter an die Bar zu müssen – jeder Meter ist einem lästig unter solchen Bedingungen – gießen wir den in Luxemburg an der Tankstelle eingekauften Rotwein hinterher – Burgund! Champagne! Wohin seid ihr verschwunden?

Wir befördern den ganzen Sperrmüllbeutel mit dem eingesuppten Plastik, den Tiefziehbehältern, Aluminium-Folien und Speiseresten mangels anderer Optionen in den Papierkorb und stellen ihn vor die Tür, damit das Zimmer, das nur von einem Umluftföhn über der Tür beheizt wird, nicht zu arg nach Gulaschgewürz riecht.

Licht aus. Übernachten in der Bratenröhre – zum Glück nach dem Abschalten.

Ungesunde Menge Abraum nach einem zum Gesundheitsschutz verordneten Essen. Die Weltmeere wimmern, die Luft färbt sich dunkel, weil so viel Erdölprodukte nach so kurzer Nutzzeit in die Tonne wandern.

Intermezzo

Jetzt kommt ihr: “Ihr hättet ja nicht reisen müsen!” Doch mussten wir. Es gab einen Brandschaden zu begutachten. Deswegen auch das ganze Werkzeug im Auto. Danke. Weiter: “Ihr wusstet ja, was euch erwartet.” Ja, irgendwie schon, aber bei dem anstehenden 5-Jahresplan der Bundesregierung (für solange ist die COVID-Kommunikation der Bundesregierung ja bereits bezahlt) wäre unser Versicherungsanspruch bei der nächsten “offiziellen” Reisemöglichkeit bereits verfallen gewesen.

Auch komisch, dass wir denken, alles, was wir jetzt tun, sei “inoffiziell” oder nur halb legal. Wir selbst: jederzeit suspekt.

Ausserdem hatte ich Hoffnungen. Die sterben bekanntlich zuletzt.

Ich gestehe es ein: ich bin ein unbelehrbarer Optimist.

Ich denke immer, dass das Essen lecker, das Wetter gut und die Menschen, dort, wo ich hinfahre, nett sein werden. Ich glaube auch, dass unsere Regierung das Richtige will.

Umso tiefer die Enttäuschung, wenn die Realität zutage tritt. Und das, noch bevor auf Pandoras Büchse der Deckel wieder drauf ist.

Na gut. Noch Fragen?

Ob ich an Gesundbeterei glaube? Impfgegner sei? Die Maske für den neuen Judenstern halte? Spinner? Esoteriker? Milleniarist? Reichsbürger? Oder einfach nur total verantwortungslos unterwegs?

Ich bitte Sie: Contenance bewahren!

(Zweiter) WARNHINWEIS!

Das war immer noch nicht alles. Morgen geht es weiter mit “Die Selbstunterwerfung“, dem Filet vom Hasenbraten. Immer dran bleiben!

Der Hasenbraten

Mit dem Hasenrollbraten verhält es sich ein wenig wie mit dem Coronavirus. Sein Fleisch stammt meist nicht vom Pangolin, sondern bloß vom schnöden Kaninchen her. Der Hasenrollbraten ist also ein Etikettenschwindler. Aber wird er dadurch so gefährlich wie das Virus, dessen Bekämpfung mich dazu zwang, den betrügerischen Braten zu essen?

Ein dreiteiliges Schauermärchen über das (beruflich bedingte) Reisen unter Pandemiebedingungen, das schnelle Verlernen der guten Sitten, sowie einige Einsichten in eine neue, äußerst effiziente Methode der Massensteuerung durch wöchentlich novellierte Regeln.

Teil 1 Die Ehrenerklärung

Seit Beginn der Pandemie ist es – zumindest in meiner Wahlheimat Frankreich – populär geworden, für alle Alltagslagen eine Ehrenerklärung zu Hand zu haben, die man bei Spaziergängen, Einkäufen und (das neuste) “bodengestützten Fortgewegungsfahrten” mit sich trägt.

Bevor ich zusammen mit den Lesern auf eine Reise ins benachbarte Frankreich gehe, möchte ich, weil die Meisten mich nicht persönlich kennen, auch meinerseits mit einer Ehrenerklärung beginnen.

Ihr Zweck ist die bessere Einschätzbarkeit der im Text vertretenen Auffassungen.

Ihr Grund: ein Autor wie ich kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein angesichts der angespannten, um nicht zusagen: gereizten Verfassung der meisten Mitbürger. Schnell wird er wegen minimaler Abweichungen vom Erwarteten in die Ecke gestellt. Tritt noch mein Sarkasmus hinzu, der gern übersehen wird auf der Suche nach verdammenswerten Ansichten, und mein Hang zur Überspitzung – dann ist der Spaß gleich aus.

Ich erkläre deswegen bei meiner Ehre:

– dass ich stets prekär gelebt habe, so daß ein Burgunderbraten aus echtem Hasenfleisch auch für mich nur in Jahren in Frage kommt, in denen Ostern und Pfingsten zusammen fallen.

– dass ich mein geringes Einkommen in den letzten 25 Jahren in einem beruflichen Feld verdient habe, das seit Beginn der Pandemie – laut der von Jean-Michel Jarre am 26. Januar 2021 vorgestellten Studie “Rebuilding Europe” – am härtesten von den Beschränkungen im Zusammenhang mit der Pandemiebekämpfung betroffen ist.

– dass mich für meinen schlechten Verdienst die Möglichkeit zu reisen und Kollegen in aller Welt zu treffen, stets hoch entschädigt hat, so dass ich nun doppelt gekniffen bin.

– dass ich das Wort “Freiheit” niemals im Zusammenhang mit Einkaufen, Beschleunigungsverhalten oder Kurvenlage eines Fahrzeugs oder anderen, nicht im europäischen Wertekodex seit der französischen Revolution fest verankerten Menschenrechten benutzt habe und dies auch für die Zukunft nicht beabsichtige.

– dass ich mich bemühe, bei allem was ich denke, tue, bedauere und bekämpfe, stets im Kopf zu behalten, wie privilegiert ich bin und wie viele Menschen auf unserer trotz allem schönen Welt es viel schwieriger haben als ich.

Ich bekenne zudem, dass ich mich schon im frühen März 2020 mit COVID angesteckt haben muss, wenn das Virus so hoch infektiös ist, wie stets behauptet wird und woran ich auch keinen Zweifel hege. Eine Freundin, mit der ich dama

ls viel Zeit verbracht habe, leidet bis heute unter Geschmacksverlust und hat nachgewiesene Antikörper. Ich selbst war zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens ihrer Infektion bereits in selbstgewählter Quarantäne und musste zum Glück keinen Arzt aufsuchen, da ich außer ein paar typischen Effekten keine bedrohliche Erkrankung verspürte. Ich habe später sehr lange sehr wenig Energie gehabt. Ich weiß also aus eigener Anschauung, wovon ich spreche, wenn ich über das Virus spreche.

In diesem Zusammenhang erkläre ich an Eides statt, dass ich das untrügliche Erkrankungs-Zeichen “Fieber” nur dann verspürte, wenn ich Kabeljaurückenfilet zu 3,99 € die Packung aus dem ALDI-Nord “Golden Seafood”-Programm zusammen mit dem im Jahr “ante Corona” aus Barcelona mitgebrachten Ganzdrogen-Safran (“safrá en brins”) der fabulösen Gewürzfirma “El Tossal” zu einer herzhaften Bourride verkocht und gegessen hatte. Tut mir leid, in dieser Hinsicht nicht deutscher zu sein. Denn mein Herz schlägt katalanisch und die Geschmacksknospen folgen.

Aber trotzdem gibt es ein Problem.

Nachdem meine Geschäftspartnerin und ich vor Reiseantritt in der KW 4 des Jahres 2 nach Corona wahrheitsgemäss die von der französischen Botschaft vorbereitete Ehren-Erklärung ausgefüllt haben, die besagt, dass wir keine Kenntnis davon besitzen, dass wir Keuchhusten, Schüttelfrost, “unerwarteten” Durchfall, Geschmacksverlust oder andere Anzeichen von schwerer Krankheit hätten, sind wir um 6 Uhr morgens losgefahren. Unter Schreibtischlampenbeleuchtung – fixiert von einer gesundheitspolizeilichen Verhörzange – hätten wir die ebenfalls auf dem Ehrentestat gestellten Fragen nach “ungewöhnlichen Müdigkeitserscheinungen” und “unerklärlichen Kopfschmerzen” nicht zweifelsfrei verneinen können. Wir sind nämlich beide Spätaufsteher. Durch jahrelange Schonung reagiert unser Biorhythmus äußerst sensibel auf Störungen wie solch für uns Nachtarbeiter zu zeitiges Losfahren. Auch hatten wir vom Einpacken unserer Arbeitsmaterialien und -werkzeuge einen Muskelkater, der den Autoren der Ehrenerklärung ebenfalls als Indiz für Covid19 gilt.

Es half aber alles nichts: wir mussten vor Tagesanbruch los, weil uns geschäftlich Reisenden Macrons Gnade nur ein Zeitfenster bis 18 Uhr gewährte. Nach dem abendlichen Einbruch der Dunkelheit rotten sich die Viren nämlich zusammen und fallen über schutzlos Vagabundierende her, die auf der Suche nach sozialem Kontakt durch die Dörfer streunen und Lichter hinter zugezogenen Gardinen ausspähen. Insbesondere die cleveren Mutanten, aber auch schon das schnöde Standard-Bazill verbreitet sich hemmungslos bei “Aperos” und anderen frühabendlichen Besäufnissen, wie sie manche gewissenlose Bürger pflegen. Der Franzose kennt sich gut. Tagsüber trinkt er nie und wenn, dann nicht in Gruppen.

Die Ehren-Erklärung wird flankiert von zwei weiteren Dokumenten, dem Attestat, das man sich selbst ausstellen muss, des Inhaltes, dass die Gründe der Fahrt rein beruflicher Natur seien, und der damit verbundenen eidestattlichen Versicherung, dass man die nächtliche Ausgangssperre nur durchbricht, um an sein Ziel zu gelangen. Das Ganze für zwei Personen, also sechs Blatt Papier A4, jeder Bogen unterschrieben.

Auch bei Fahrten in der vierrädrigen, farradayschen Zweimannzelle sind “weniger als 72 Stunden alte” Schnelltests zwingend erforderlich: mit den langen Wattestäbchen gefühlt bis tief ins Gehirn eindringen, alles nur zum weniger als 50 % sicheren Nachweis der momentanen Infektionsfreiheit. Die Testergebnisse werden “am Boden” ohnehin nicht kontrolliert. Jetzt habe ich meine Ehre aufs Spiel gesetzt, weil ich das Wort “Freiheit” in sarkastischer Intention mit der Ansteckung verschwägert habe.

Das Wort, dass die Franzosen für Ausgangssperre verwenden, ist militärischen Ursprungs und erinnert an Luftkrieg und Besatzung: Couvre-Feu. Von 6:00 Uhr abends bis 6:00 Uhr morgens ist das Licht auszuschalten, die Klappe zu halten, und im Zimmer zu bleiben. Allein, versteht sich.

Auf der Durchfahrt durch Lyon lesen wir in riesigen Lettern quer über ein Haus den Kommentar: “balade au soir bientot a parloir” – Der Abendspaziergang als Stubenrundlauf. Gleich daneben gut 30 Mal über die Wände der umliegenden Häuser verteilt: “peur satu” – extreme Angst.

Apropos “allein”: in Deutschland ist in diesem Zusammenhang wieder viel von “Haushalten” die Rede. Damit ist nicht das ebenfalls unter Pandemiebedingungen dringend erforderliche Sparen gemeint. Es geht hier um eine nichtstaatliche Wirtschaftseinheit, gebildet von privaten Konsumenten. Also um eine sehr kleine Gemeinschaft mit einem Vorstand.

Nach Jahrzehnten des Trainings in Co-Working, Co-Living, Patchworkfamilientum und Wohngemeinschaften von Menschen (“männl., weibl., divers”) mit gleichen Gesinnungen oder sexuellen Ausrichtungen stehen wir nun vor dem Debakel, dass es die “reinen” Haushalte aus dem 50er-Jahre Konzept von Familie (zum Glück) gar nicht mehr ausschliesslich gibt, sie aber dennoch in den Infektionskettenunterbindungsregeln eine herausragende Position bekleiden.

Insgesamt fügt sich die Bezeichnung Couvre-Feu nahtlos in die gängige französische Kriegsmetaphorik. Das Virus, dessen Überträger laut Dokumententitel aus den Nachbarländern “eindringen”, ist so eine Art Nazi auf Durchmarsch nach Paris oder eine feindliche britische Mutante. So betrachtet, versteht man auch, was mit “Territoire National Métropolitain” auf der Ehrenerklärung gemeint ist.

Alles ist seitens der nationalen Staatsmacht so (an)geordnet, als hätte keiner der Regierenden jemals auch nur irgendeine Aufzeichnung über den Verlauf von Pandemien in den letzten 1000 Jahren gelesen, so als gäbe es keinerlei Erkenntnisse darüber, wie viel eine Grenz-Absperrung und ein Ausgehverbot nützen.

Die motorisierte Speiseröhre schafft jedenfalls ungerührt weiter Futter in die Bäuche der Metropolen. Die Autobahn ist knallvoll. LKW an LKW. Keine Spur von drohendem Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung, von der die Querfront-Magazine menetekeln.

Viel besorgniserregender als das Virus scheint uns auf dieser Strecke der dichte Schneefall.

Mit dem ganzen Stoss Papier bewaffnet, schaffen wir es jedenfalls, ohne einmal angehalten zu werden, bis zum Planziel halbe Strecke: Langres.

WARNHINWEIS!

Teil 2 vom Hasenbraten: “Friss oder Stirb!” ist die Beschreibung eines Abendessens unter Distanzbedingungen in Langres, Geburtsstadt von Denis Diderot, Lichtgestalt der französischen Aufklärung, Vater der Enzyklopädie, am 28.1.2021.

Teil 2: bitte hier klicken!

Wer dann immer noch nicht satt ist, kann nachschmecken in Teil 3: “Die Selbstunterwerfung” enthält einige Rezepte zum Umgang mit der aktuellen Lage und die üblichen Übertreibungen und Schmähungen.

Teil 3: bitte hier klicken!

Die neue Aktion

Wenn ich den Titel meines blog-Beitrags anschaue, der als “Plan für eine gefährliche Operation” missverstanden werden könnte, und wenn ich darüber nachdenke, was Prism aus der Kombination der drei Worte herausliest, sobald ich hier auf den WordPress-Button “Veröffentlichen” gedrückt habe, muss ich schmunzeln. Denn es erinnert mich an eine Geschichte, die mir Peter-Paul Zahl einmal erzählt hat. Ich hatte Zahl 1994 nach Karlsruhe eingeladen zu einer Lesung im Rahmen der Installation “camera silens“.

Zahl erzählte beim Essen mit den Kollegen vom Museum ZKM eine Anekdote aus der Zeit der anarchistisch-libertären Zeitschrift 883. Natürlich wurde die titelgebende Telefonnummer überwacht. Natürlich wurde am Telefon viel geplant, auch wenn man sich bewusst war, dass der Staat mithörte. Natürlich, weil ja nicht alles verboten war. So redeten die Redaktionsmitglieder der 883 oft über “die ID”, das Kürzel für ein Titelmonstrum namens “Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“, einem radikalen Vorgänger der TAZ. Erst viel später, im Rahmen einer Vernehmung im Gefängnis, erfuhr Zahl, was die Verfassungsschützer verstanden hatten. Sie fragten ihn, von welcher “Idee” sie damals genau gesprochen, was sie geplant hätten? Die Geheimdienstler waren einer Homophonie auf den Leim gegangen und überzeugt, dass die oft besprochene, abstimmungswürdige “Idee” nur ein Geheimcode für den nächsten geplanten Anschlag sein müsse.

Wäre ich also ein guter Marketingmanager unserer digitalen Zeitung, DIE AKTION, hätte ich von “relaunch” gesprochen und damit vermieden, in Konflikt mit der algorithmischen keyword-search-Funktion unserer staatlichen Dienste zu geraten – einem beängstigenden Stück Code, das wahrscheinlich noch weniger phantasievoll ist, als der Mitarbeiter des VS, der in den guten alten Zeiten persönlich das Telefon der 883 abhörte.

Eine komplexe Vorrede zu einer einfachen Ankündigung: DIE AKTION 4.0, das Organ für radikale Intelligenz, das wir am 4. Mai 2020 neu gestartet haben, vergrößert sich.

In 2020 sind fünfzehn Essays zur Lage der Nation, Europas und der Welt in Zeiten der Pandemie erschienen. Nun kommen in 2021 zwei gänzlich neue Abteilungen hinzu. Sie sind benannt nach dem höchst erfreulichen Gruß, den der Schweizer Holzschneidekünstler und AKTION-MitstreiterJean-Jacques Volz unter jeden seiner Briefe schrieb:

Es lebe die Freiheit! Es lebe die Liebe! Es lebe die Poesie!

Klickt euch wund:
Es lebe die Freiheit! Hier sind alle politischen Essays versammelt. Heute neu: Autonomie
Es lebe die Liebe! Hier finden sich Zeichnungen, Fotos, Bilder. Der Liebesbeweis Nr. 1: J-J Volz
Es lebe die Poesie! Hier erscheinen ab heute in loser Folge klassische und zeitgenössische Texte und Gedichte, ausgewählt von Ralf Friel von Moloko Print. Auch in dieser Abteilung ein programmatischer Start mit Injektion Nummer 1: Georg Heym – Die Fratze

Weil wir diese poetische Dreiteilung von dem kürzlich verstorbenen Jean-Jacques Volz übernommen haben, schließen wir den “relaunch” der neuen AKTION mit einem Erinnerungsfoto.

Der AKTION-Herausgeber Lutz Schulenburg (erschienen von 1981-2013) im Atelier von JJV, 2008

In ewiger Furcht?

Heute erscheint in DIE AKTION der Text “Apokalyptisch” des Soziologen und Künstlers Rudolph Bauer. Nähere Informationen zum vielfältigen Werk des Autors finden sich auf seiner Website.

Das Dürrematt-Zitat am Anfang des Textes hat mich an John McMurtrys Buch “The Cancer Stage of Capitalism. From Crisis to Cure.” (Neuauflage 2013, siehe hier Besprechung von Giorgio Baruchello) erinnert.

McMurtry schrieb mir – kurz nach der Neuauflage des um 100 Seiten angewachsenen visionären Buches, dessen Grundstein 1999 gelegt wurde, im November 2013:

“Ich möchte vorausschicken, dass es bei der zweiten Auflage um die globale Finanzkrise geht, die sich in der EU noch im Zustand der Metastasenbildung befindet. Das Buch widmet sich der Heilung dieser Krankheit.”

Über das, was McMurtry “One-Way Eco-Genocidal Trends” nannte und dem nach seiner Auffassung ein “Zusammenbruch des sozialen Immunsystems” folgte, haben wir dann im dialogischen Verfahren einen Text erarbeitet, der in unserem Sammelband “Supramarkt” (2015) erschien.

Sechs Jahre später stehen wir genau an dem Punkt des Zusammenbruchs des sozialen Immunsystems, den McMurtry nur scheinbar als Metapher prognostiziert hat. Ich sage “nur scheinbar als Metapher”, weil dem kanadischen Philosophen wichtig ist, dass es sich um eine präzise Beschreibung einer ökonomischen Krankheit handelt, die seiner Meinung nach erfolgreich behandelt werden könnte.

Rudolph Bauer setzt genau an diesem Punkt an. Bauers Quellen zeigen, dass die Anamnese längst durchgeführt ist. Die nun vorgeschlagene Behandlung allerdings führt zum Tod der bisherigen Gesellschaft – bei gleichzeitigem Überleben ihrer Mitglieder. Es drängt sich das Wort vom “zombie-state” auf – wobei man Zombie als “ewig Lebend-ein wandelnder Toter” und “state” sowohl als “Staat” wie als “Zustand” lesen mag.

Was lernen wir aus dieser Erkenntnis? Dass wir bald in einem B-Movie leben?

Ich möchte – statt die Frage selbst zu beantworten – noch einmal aus McMurtrys Email an mich vom November 2013 zitieren: “Ich bin überzeugt, dass ein zweites, weniger dystopisches Panorama vorstellbar ist. Ein Panorama des Erkennens, des Widerstands und der Überwindung ist möglich – wir können die sich ausbreitende Krankheit stoppen durch öffentlich kontrollierte Banken, Steuergeld-Rückeroberung und produktive Investitionen in universelle Lebensgüter. … Der Krebs des Geldsystems kann besiegt werden. Dies ist die Evolution, die wir intuitiv erahnen, aber uns noch nicht konkret vorstellen können.”

Heute tritt das Bild der Bedrohung wesentlich klarer, weil persönlicher vor uns und bestimmt unseren Alltag. Das Geldsystem erscheint in seiner Gestalt als (konzernmässig organisierte) Gesundheit, Ernährung, Energie. Seine Gestalt ist antidemokratisch, naturvernichtend und autoritär. Es ist für Superorganismen geschaffen und nicht für Individuen.

Wenn ich Bauers Text richtig verstanden habe, gibt es auch gar keine Alternative. Da wir nicht in “ewiger Furcht” leben wollen und dies gar nicht könnten, müssen wir die Krankheit des Systems gemeinsam überwinden – durch Solidarität.

Zoom-Boom!

Heute erscheint als Jahresauftakt ein Text der Philosophin Jutta Weber in DIE AKTION über “COVID creep”, die Tricks, mit denen sich Videoanbieter in unser Zuhause einschleichen und unsere Daten meistbietend an Marketingunternehmen, Geheimdienste, Militärs und Polizei verkaufen.

Die Herausgeber von DIE AKTION planen – mit diesem Beitrag als Auftakt – für 2021 eine Reihe zu KI, Plattformkapitalismus und (post-)pandemischer Tele-Gesellschaft.

Jutta Webers Text ist in dieser Hinsicht doppelt richtungweisend für die geplante Serie von Essays: zum einen ist uns der cyberfeministische Ansatz der Medientheoretikerin höchst wichtig – insbesondere unter Berücksichtigung eines zentralen Umstandes, den Sadie Plant schon vor 20 Jahren in “Nullen und Einsen” formulierte

"Hardware, Software, Wetware - vor ihren Anfängen und über ihr Ende hinaus sind Frauen die Assemblerinnen und Programmiererinnen der digitalen Maschinen."

(eine Spur, die dennoch bis heute vergleichsweise wenig verfolgt wurde).

Zum anderen muss – gerade mit Rücksicht auf die gewaltigen Umwälzungen, wie sie z.B. an militärisch-industriellen Projekten wie dem Cybervalley Tübingen auch in Deutschland erkennbar werden und KI als Segen für die Menschheit verkaufen möchten – dringend ein Diskurs befördert werden, den die Linke gern ausblendet, weil er sich mit einzelnen Akteuren, statt mit Strukturen und Systemen befasst. Heutige Akteure aber handeln nicht mehr nach klassischen kapitalistischen Mustern und mit dementsprechenden Werten und Zielen, heisst: sie sind nicht mehr als Vertreter eines in der Kapitalismuskritik bekannten und hinlänglich analysierten Systems in den Blick zu bekommen.

Ganze Heerscharen von Philosophen rätseln, wie es zu diesem Zustand kommt? Viele plausible Ansätze existieren – je überzeugender, desto transdisziplinärer die Ansätze arbeiten und neue ökonomische Prozesse nicht mehr allein aus dem Feld der Ökonomiekritik heraus zu verstehen versuchen.

Die Autorin und Fotografin Christina Zück hat mir einmal einen höchst spannenden Lese-Hinweis gegeben, den ich hiermit teile:

“Bifo Berardi bezieht sich in seinen Begriffen des “Kognitariats” und des “Semiokapitalismus” auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse aus der Traumaforschung. Im zeitgenössischen Semiokapitalismus werden weitgehend keine materiellen Güter mehr, sondern psychische Stimulation und affektive Environments durch Zeichen produziert. Informationsexplosion und digitale Dauerr-Erregung generieren eine Psychosphäre, die durch affektive Schwankungen, Depression und Angstzustände gekennzeichnet ist. Die technologische Entwicklung und die digitale Vernetzung überschreitet die Fähigkeit des Gehirns und des Nervensystems, sich zu erweitern und sich daran anzupassen. Die Zeit der Algorithmen ist nicht mehr die Zeit des Menschen. Wie bei einem Trauma kartographiert sich der Semiostress ins Nervensystem ein und produziert unkontrollierbare Symptome.”

Diese ein paar Jahre alten Sätze Anfang des Jahres 2021 wieder zu lesen, lässt sie unangenehm vertraut klinmgen. Aber wie weit kommt man in der aktuellen Pandemiesituation mit solchen Erkenntnissen?

Eine Zeitlang habe ich, weil ich es zwar spannend finde, was Leute wie Berardi schreiben, aber in diesen ungeheuren schlangenlangen Doppel-Wort-Neologismen (Kognition+Proletariat, Semiotik+Kapitalismus) noch zuviel wiederum auslegungsbedürftiges Denken in “vorverdrahteten” Kategorien/Begriffen finde, die Idee verfolgt, dass zeittypische Akteure sich gar nicht mehr in die Ordnung des Möglichen einfügen, weil es sich dabei um nicht-maschinelle (moralverhaftete, und damit überkommene) Kategorien handelt, die nicht mehr dem (heutigen, rein durch technisches Vermögen bestimmten) Ideal entsprechen.

Die technischen Möglichkeiten berechtigen somit zur Entgrenzung (nicht nur Entledigung vom sozial Nützlichen oder Anständigen, sondern eben ganz konsequent: Überwindung des Machbaren) – was sich z.B. an den durch das kybernetische Finanzsystems propellierten gigantischen Gewinnerwartungen und blitzartig machbaren Reichtumsumschichtungen widerspiegelt. Diese neue Art “Schöpfertum” lässt sich eben nur in einer potentiell grenzenlosen (digitalen/kybernetischen) “Ökosphäre” denken. Aber weit kommt man damit auch nicht: denn alle Proponenten dieses Ansatzes vergessen, dass es nicht endlos Energie gibt, diese fake-Ökosphäre aufrechtzuerhalten.

Was aber lernen wir aus dem Vorhandensein dieser Grenze? Wir können ja nicht auf den großen Stromausfall warten.

Vielleicht sollten wir den nächsten Ansatz – aus gegebenen Anlass – in der Metapher der “Gesundheit” suchen?

Auch hier hatte Zück schon vor COVID etwas anzubieten: “Catherine Malabou, die sich mit dem Verhältnis von Philosophie und Neurowissenschaften beschäftigt, leitet vom Begriff der neuronalen Plastizität – die Fähigkeit der Hirn- und Nervenzellen, sich sich in ihren Eigenschaften zu verändern, weiterzuentwickeln oder zu reparieren – ein philosophisches Konzept ab, dass sie Plastizität nennt: das Vermögen, Form zu geben und geformt zu werden. … Malabou entdeckt darin eine charakteristische Musterbildung für die heutige Zeit. Viele der ehemals als psychische Krankheiten behandelte Veränderungen, von der Psychoanalyse auf Trieb, Begehren und Bindung zurückgeführt, sind dauerhafte Zerstörungen im Hirn- und Nervensystem. Die Auswirkungen einer Organveränderung und die eines soziopolitischen Traumas – durch Gewalt, Krieg oder Armut – werden ununterscheidbar. Politische Unterdrückung nimmt heutzutage die Gestalt eines traumatischen Schocks an, so daß Geschichte nach und nach in die Erscheinungsformen von Natur und Biologie übergeht. Je mehr sich die Angst ausbreitete, je mehr man ihr Raum gäbe, je mehr man sie auslebte, je diffuser sie würde, verstand ich, am Ende würde sich unsere Hirnstruktur verändern.”

Enorm schlau – aber hat Ähnliches nicht der klassische Kapitalismus auch schon bewirkt?

Eins steht jedenfalls fest: unser konventionelles Kategoriensystem scheitert bislang noch am Verhalten solcher Akteure, die nicht mehr dem Bild des klassischen Fabrikbesitzers oder Bankiers entsprechen. Denn sie sind weniger Unternehmer, sondern mehr Gestalter.

Fraglos: Sie gestalten uns um. Gerade zur Minute mehr, denn je zuvor.

Jutta Weber, die als Technikforscherin und Professorin für Mediensoziologie an der Universität Paderborn tätig ist, schlägt in ihrem Text “‘Wahrscheinlich annäherungsweise korrekt’. Über Neue KI und Human-Machine Learning” vor, es so zu sehen:

“… die neue KI ist an die Weltsicht, Bildung und Geschichte ihrer Designer*innen gekoppelt. Wir müssen daher noch genauer hinsehen, wie sich Wissensordnungen, Weltanordnung und Selbstverständnis im Rahmen des neuen computation rekonfigurieren.”

DIE AKTION möchte dazu beitragen, diesen von Weber geforderten genauen Blick zu schärfen.

Reizlos

Wenig Eindrücke – viel Wirkung. Warum der Lockdown das Potential hat, eine kollektive Psychose auszulösen.

Der Präsident des Royal College of Psychiatrists, Adrian James, rechnet laut Guardian vom 27. Dezember 2020 allein für Großbritannien damit, dass bis zu 10 Millionen Menschen, darunter 1,5 Millionen Kinder, als direkte Folge der COVID19-Krise neue oder zusätzliche medizinische Unterstützung für ihre psychische Gesundheit benötigen: immerhin 15% der Gesamtbevölkerung. In Japan sind im Dezember 2020 mehr Menschen an Selbstmord gestorben, als im ganzen Jahr an Covid19, meldet CNN am 29. Dezember 2020.

Was wirkt so stark auf das Gemüt? Werden wir am Ende alle psychisch krank?

Un-Personen

In der Zeit lockdownbedingter Reizarmut bekommt unser psychisches Porzellan leicht einen Knacks, den man erst viel später bemerkt. Die Folgen der grassierenden Infektions-Krankheit, kombiniert mit wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen, und die permanente Ungewissheit, die drohend über allen schwebende Gefahr ewiger Wiederholung der Katastrophe beschädigen die seelische Gesundheit so stark “wie der zweite Welt-Krieg”, befindet der führende britische Experte Adrian James.

Doch nicht nur allgemeine Beschränkungen im Rahmen der Pandemiebekämpfung führen zu seelischen Zusammenbrüchen. Insbesondere hätten die Zwangsisolierungen den Verlust von Angehörigen zu einem tief traumatischen Erlebnis umgestaltet, weil sich die Familien oft nicht einmal persönlich von den Sterbenden verabschieden konnten. So erleben die Hinterbliebenen die ohnehin schon harte Trennung von einem Mitglied ihrer Familie angesichts des Verbotes, Abschied zu nehmen, wie eine Art Strafe. Schließlich gibt es für die Leidenden keine hoffnungsvolle Perspektive: wann der augenblickliche Zustand endet, ist nicht absehbar, wird er doch von Monat zu Monat scheibchenweise verlängert, was die Einschätzbarkeit und damit eine Erleichterung der Bewältigung aus der Aussicht auf baldige Besserung verunmöglicht. Von Spätfolgen über Jahrzehnte ist jetzt schon die Rede.

Es sei sogar nicht einmal ausgeschlossen, dass Corona bereits in den wenigen Monaten seit März 2020 unsere Gehirne “neu verkabelt” habe.

Die im gleichen Guardian-Artikel zitierte Psychotherapeutin Philippa Perry sieht uns schon alle als “Unpersonen” (non-persons) umherlaufen. Bereits das Fehlen der täglichen “sozialen Tänze” rund um die Suche nach einem Platz im Bus oder Cafe und die damit verbundenen Interaktionen rauben uns das Gefühl von “Zugehörigkeit”.

Besonders fatal wirken harte Beschränkungen natürlich in einer hochgezüchteten Kultur, die gerade erst seit fünfzehn, zwanzig Jahren ihr Heil in geradezu manischer (Reise-)Bewegung suchte und Jedermann darauf drillte, das Ausleben jedes noch so blöden (sportlichen oder sonstigen) Spleens als Ausdruck persönlicher Freiheit zu verbuchen. Nun rächt sich im Verbot von Allem die gezielte Entpolitisierung der Menschenrechte. Wer mit dem Gefühl des verbrieften Anrechts auf Kauf und Amüsement sich abspeisen ließ, gerät in die Depression, statt durch Widerstand Gesellschaft aktiv mitgestalten zu wollen. Nach dem überschäumend schönen Traum von Luxus und Freiheit mit dem trüben Aufguß des “tele-everything” abgespiesen zu werden und exotische Orte nur noch auf Youtube erleben zu können, haut natürlich besonders ins Stimmungskontor. Fieser Frust macht sich breit und demoliert die Seele.

Gedächtnisnegativ

Adrian James´ Vergleich mit der Härte des zweiten Weltkrieges ruft die Formen “negativen Erinnerns” wach, die zu “Jahren des Beschweigens” der Verbrechen nach Kriegsende 1945 geführt haben. Wenn das Leiden eine bestimmte Qualität erreicht, sind Auslöschung oder Trivialisierung der Erinnerung häufig vorkommende Schutzmechanismen der Betroffenen. Das Trauma wird verkapselt. Oder es wird umgewandelt.

Leugnung, Schuldzuweisung, Selbstmitleid und herbeiphantasierte Leiden sind Figuren, die aus der Bewältigung faschistischer Greuel – insbesondere bei Tätern und “Mitläufern” – bekannt sind. Der Ethnologe Y. Michal Bodemann spricht in diesem Zusammenhang von einer “Gedenkepidemie”, mit der 30 Jahre nach dem Krieg das Schweigen durchbrochen werden sollte. Bodemann untersucht in seinen Texten nicht nur die Bedeutung von Leugnung oder Herabwürdigung als “Strategien der Mythologisierung” – zur Überwindung von Trauma, Schuld und Scham. Er spricht auch von einer “Strategie des Gedächtnis-Negativs”: ein Schweigen über die eigentlichen Auslöser (Kriegsverbrechen) bei gleichzeitigem Hinweis auf dessen Epiphänomene. Hierdurch wiederum bleibt der Kern des Problems “verdunkelt”. Das Gedächtnisnegativ ist inhärentes Element aller von Bodemann identifizierten Strategien. Er sagt: “Analog einem Fotonegativ oder der Gußform einer Plastik werden nur die äußeren Konturen der Katastrophe sichtbar gemacht.” (S. 357, in: Trutz von Trotha, Soziologie der Gewalt, Opladen 1997)

Nun ist Bodemann kein Psychologe – und der Lockdown kein Vernichtungskrieg. Doch ist gut vorstellbar, was mit einschneidenden Verlusterfahrungen passiert, welche langfristigen psychischen Einschreibungen entstehen und wie schwer sie wieder zu “normalisieren” sind, insbesondere wenn sie einer ganzen Generation eignen.

Mit solchen Forschungsergebnissen im Kopf ist die Frage zu stellen, welche Strategien uns helfen werden, posttraumatischen Streß abzubauen und das “new normal” nach dem Ende der Pandemie zu verkraften? Mit Impfen allein ist da nicht viel geholfen.

Kollektive Psychose

Meine erste Begegnung mit der methodischen Produktion einer kollektiven Psychose fand am 18. Oktober 2018 statt. Das war rein zufällig der 41. Jahrestag der sog. “Todesnacht von Stammheim“. In dieser Nacht starben Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen in der JVA Stuttgart. Irmgard Möller überlebte schwer verletzt. Insofern muss ich korrigieren, dass es sich um eine erste Begegnung handelte. Während der Terroranschläge des Deutschen Herbsts 1977 bestand während einiger Wochen ein offizielles Kontaktverbot (der Inhaftierten untereinander und zu ihren Anwälten), das durch das – wohlgemerkt! – nachträglich beschlossene Kontaktsperregesetz legitimiert worden war.

Ohne die zuvor medial geschürte kollektive Psychose, dass diese vielleicht zwanzig bewaffneten Täter mit dem etwas kindischen Namen “Rote Armee Fraktion” in der Lage seien, eine solid gebaute rechtsstaatliche Demokratie wie die Bundesrepublik in Schutt und Asche zu bomben, hätte sich wohl keine Mehrheit in der Bevölkerung dafür gefunden, die die Isolation und Entrechtung der Gefangenen ebenso gutheißt, wie die Denunziation und Verfolgung von sog. “Sympathisanten” (siehe z.B. Peter Brückner), die sich nicht klar genug von den Terroristen distanzierten, sondern darauf beharrten, die Gesamtsituation verstehen zu wollen.

Agressive Software?

41 Jahre danach führte ich auf dem Parkplatz vor einem Haus im Baskenland, in dem ich einige Tage gewohnt hatte, um mich von den Strapazen einer 6-monatigen Ausstellungsvorbereitung zu erholen, ein Gespräch mit dem Ferienhausvermieter, ein hochdotierter Programmierer von Anwendungen sogenannter “künstlicher Intelligenz”, angestellt bei einer Firma in der Schweiz, die auf die Weiterverarbeitung europäischer Medizindaten spezialisiert ist.

Der Mann berichtete unter Bezug auf meinen Text über gezieltes Töten mit Drohnen, die von ähnlich intelligenter, “selbstlernender” Software auf ihre “weichen Ziele” gelenkt werden, wie er sie programmierte, dass er mit ethischen Problemen bei der Arbeit zu kämpfen habe.

Sein Job war, Krankenhausdaten in eine Datenbank so einzupflegen, dass sie im europäischen Maßstab vergleichbar und gemeinsam nutzbar würden. Das schien auf den ersten Blick keinen Grund für Gewissensbisse zu liefern. Die Problematik entstand durch die mangelnde Bezahlung. Sein Chef hatte deswegen mit seinen Auftraggebern eine freie, wenig gemeinnützige Weiter-Verwendung der im Wesentlichen aus Steuermitteln kreierten Daten ausgehandelt. Um die geringe Entlohnung durch die beteiligten Krankenhäuser auszugleichen, hatte das Unternehmen ausgehandelt, zur Aufbesserung der Einkünfte die Daten an private Nutzer weiterverkaufen zu dürfen. Mein Gesprächspartner hatte entdeckt, dass militärtechnische Unternehmen zu den ersten Interessenten gehörten. Das machte ihm erheblich zu schaffen. Nicht die Software an sich, doch ihre Nutzung als “Waffe” bereitete ihm Magenschmerzen.

Mein Gesprächspartner war mit der jüngst noch einmal von Wolf Wetzel erinnerten “jahrzehntealten” Erkenntnis konfrontiert, “dass Pharmakonzerne so ähnlich agieren wie die Waffenindustrie” – zwei sonst eher getrennt gesehene Komplexe, zwischen denen doch die Daten zügig hin- und her fließen.

Sauerstoff der Menschensteuerung

Aber, und dabei ging er unruhig einige Schritte hin und her, bevor er zum Punkt kam, das sei alles gar nichts im Vergleich zu dem Job seines Bruder, ebenfalls Programmierer. Ob ich schon mal von “360 Social” gehört hätte? Hatte ich nicht.

Das Softwareunternehmen “360 Social”, bei dem sein Bruder angestellt sei, habe sich darauf spezialisiert, die Chats von Angestellten in den “sozialen Medien” abzulauschen und Firmen gegen Bezahlung ein genaues Bild der Wahrnehmung ihres Unternehmens durch ihre Angestellten zu liefern.

“comments are oxygen” – wie eine Ökosphäre beschreiben solche Dienstleister ihr Geschäft mit der Meinung: sie liefern den Sauerstoff der Menschensteuerung.

Was als Analysetool begonnen haben mag, das den Firmen Möglichkeiten in die Hand gab, sich selbst zu reflektieren, aus ihren Fehlern zu lernen, ihnen aber zugleich auch Daten lieferte, mit denen sie Mitarbeiter wegen verbaler Sabotage verfolgen und neutralisieren konnten, drehte sich unter dem Eindruck des Brexit schnell um zu einem Mittel politischer Strategie.

Konservative Philanthropen und Milliardäre mit konkreten Zielen der Umgestaltung von bestehender Gesellschaft, so mein Gesprächspartner, würden diese Dienste massiv anzapfen, um aus dem Analyse- ein Angriffswerkzeug zu machen.

Über die gleichen Kanäle, die der “privaten” Veröffentlichung von Unzufriedenheit Raum gaben, würde denselben Nutzern gezielt Inhalt eingespielt, der in diesem Fall dazu diente, den Brexit mehrheitsfähig zu machen. Das, so sagte er, sei eine schockierende Tatsache und er wisse nicht, wie sein Bruder es mit seinem Gewissen vereinbaren könne, dafür Software herzustellen.

Die Dimension der Selbstschädigung eines Landes, das nun zwei Jahre später noch immer um die genaue Form seines “regellosen” Ausstrittes aus der EU ringt, ist immer noch nicht in Gänze abschätzbar, doch auf jeden Fall desaströs. Die in weiten Teilen ultra-rechte Anti-EU-Stimmung aber, die den aktuellen Un-Zustand überhaupt heraufbeschwören konnte, resultiert im Wesentlichen – so die damalige Einschätzung meines Gesprächspartners – aus einer gezielt geschürten Ablehnung, die den Charakter einer medial induzierten Psychose besitzt.

Psychokeime

Ich hatte das Gespräch auf dem Parkplatz längst wieder vergessen. Doch dann kam mein Freund Moritz, der sagte: „Psycho-Keime!“
Ich sagte: „Was?“
„Na, Psycho-Keime! Du sagst es ja selbst: früher haben wir alle vor den Bullen Schiß gehabt. Jetzt fürchten wir uns bei einer Demo vor unseren Nächsten. Und nur, weil es verboten ist, mit ihnen zusammen zu sein, halten wir sie für gefährlich.“ Den Rest des Gespräches könnt ihr in meinem Beitrag “Höllenwinter” nachlesen. Ich ergänze nur folgendes:

Bin ich schon längst Opfer einer methodischen Anwendung des Selektionsprinzips namens „Hypochondrie“? Wer sich mit Hypochondrie infiziert, kann die Löffel abgeben.

Ich will jetzt nicht auch noch mit Zahlen anfangen, aber es ist doch recht wahrscheinlich, dass so in etwa 97% der Menschen hinter ihren Masken gesund sind. Da ist aber trotzdem – bei allen – dieser Prägestempel mitten im Gesicht.
Wenn man sich im Spiegel mit der Maske sieht und vor allem andere hinter ihren Tüchlein anschaut, fühlt man sich gleich krank.
Man horcht ganz anders in sich hinein… ist das Ziehen in der Lunge wirklich vom Kisten-Schleppen gestern? Oder lauert da ein Untier in mir und bereitet seine Vervielfältigung vor?

Hypochondrie sitzt schon dem Wort nach zwischen den Rippen. chondros ist griechisch für den Rippenknorpel, unter dem nach alter Vorstellung die Gemütskrankheiten lauern.

Systematischer Reizentzug

Die Forschungen zu den Folgen von Isolationshaft rund um das zuvor erwähnte distanzierte Unterbringen in Hochsicherheitstrakten von Gefängnissen haben gezeigt, das für die Konstruktion einer stabilen Identität die “Retorsion” zentral wichtig ist: das Wechselspiel von Abgrenzen und Zurückweisen. Das gilt auf persönlicher Ebene ebenso, wie im Austausch mit staatlichen Zugriffen, gegen die man sich erfolgreich zur Wehr setzt. Wo das ausbleibt, erfolgreich verboten wird oder schlicht nichts mehr zurück kommt, wo jede Berührung, jeder Sinneseindruck, jeder Reiz fehlt, bricht die Psyche zusammen: man ist – schneller als man glauben möchte – nicht mehr “derselbe” (lat.: identitas).

So gesehen sind, anders als oft in den Medien dargestellt, emotionale Instabilität, zeitliche und räumliche Desorientierung, Konzentrationsschwierigkeiten, Gedankenflucht und schlechtes Erinnerungsvermögen, sowie Sprach- und Verständnisdefizite keine Folge des Virus, sondern des systematischen Reizentzuges.

Wir sind alle “Gefangene” – im französischen Wort für Lockdown, “confinement”, kommt dies deutlich zum Ausdruck: confiner heißt “verbannen, einsperren”. Als Gefangene nehmen wir unfreiwillig an einem Massenversuch teil.

Solche Erkenntnisse, wie sie im Sonderforschungsbereich 115 der Deutschen Forschungsgemeinschaft am UKE Hamburg experimentell erprobt (“camera silens” , siehe auch meine Rekonstruktion von 1994) und wissenschaftlich ausgewertet wurden, sollten in den 70er Jahren im Strafvollzug gezielt Verwendung finden, um ideologisch hochmotivierte Täter zur Aufgabe ihrer Einstellungen zu zwingen und so das Resozialisierungsziel der Haft zu erreichen.

Als tragischer biografischer Hintergrund dieser Forschung kann gelten, dass der Forschungsleiter Jan Gross als KZ Häftling in Bergen-Belsen – bei permanenter Konfrontation mit dem eigenen Tod und dem seiner Mitinsassen – eine Unzahl von traumatische Erfahrungen mit “sensorischer Deprivation und sozialer Isolation” sammeln musste, Eindrücke, die ihn sicher zeitlebens nicht wieder verlassen haben. So wundert es wenig, dass er sein Leben in den Dienst der Forschung stellte, um den Mechanismus der Persönlichkeitsveränderung in reizarmen Umgebungen zu erkunden und ihm entgegenzuwirken. Dass damals solche Erkenntnisse staatlich nutzbar wurden: dafür sorgte ein Projektmitarbeiter aus dem Kreis der Bundeswehr-Angehörigen. Er spielte die Akten den Planern von Stammheim zu, damit sie dort einer effizienten Behandlung der “Staatsfeinde” dienlich wären.

Regelungssucht

Die Isolierung nimmt immer groteskere, oft kaum noch bemerkte Formen an. Ein Freund in Oslo berichtete mir, dass es lange Streit um den sicheren Abstand gab: reicht Einmeterfünzig oder müssen es mindestens zwei Meter sein?

Da man in Norwegen im Restaurant ohne Maske sitzen darf, die Tische aber oft klein, nicht größer als 90 cm an der längsten Kante sind, stellt der Betreiber der Wirtschaft immer zwei Tische zusammen und platziert die Gäste an den äußeren Enden. So sind sie theoretisch 1,8 m voneinander entfernt. Aber so fern sehen sie sich kaum, hören schlecht. Also beugen sie sich vor, um näher zueinander zu kommen. Schon erscheint der Wirt mit dem Zollstock und exekutiert die staatliche Regel: nicht von Brust zu Brust sei zu messen, sondern von Nasenspitze zu Nasenspitze. Der öffentliche Eingriff ins Privatleben mit dem Maßband aber macht uns klar, dass nichts unbeobachtet bleibt und das intime Zusammensein als Gefahrenquelle gilt. “Eng zusammen sein” und “krank” werden so synonym.

In der Corona-Regel des Bundeslandes Bremen für die Durchführung von Weihnachtsfeiern (präzise: “Zweiundzwanzigste Corona-Verordnung für Bremen und Bremerhaven gültig vom 1.12.2020 bis 9.1.2021 Zusammenfassung in Einfacher Sprache”) war zu lesen: zu Hause sind Aktivitäten, die starkes Atmen erfordern, zu unterlassen. Blasinstrumente unterm Baum: maximal zwei.

Ist Regelungssucht auch eine der Krankheiten, von denen Adrian James erwartet, dass sie die psychiatrischen Anstalten füllen werden?

Destruktives Wissen

Wo verweben sich nun die Fäden “Krankheit” (primäre Seuche), “Reizarmut”, “Lockdown” und “Social Media” und erzeugen eine weitere, grassierende Krankheit: des Gemütes?

Die Antwort: sie verflechten sich zu einem üblen Zopf in den negativen, asozialen Effekten der Kontaktverbote.

Denunziation, geschäftsschädigendes Verhalten zur Ausschaltung von Konkurrenz, immer populärer werdender Egoismus (alle sollen Maske tragen, damit ich nicht krank werde) und ähnliche im Alltag vorkommende, oft autodestruktive Handlungen, die im Kleinen das große Bild einlösen vom Kapitalismus als Produzent von schizophrenen Zuständen, von einem System in sich nicht zur Lösung zu bringender Widersprüche.

Es ist lange bekannt, dass die sozialen Medien, die uns jetzt helfen sollen, die reizarme Zeit “gemeinsam mit Freunden” zu überwinden, schwerpunktmässig eine zerstörerische Kommunikation befördern.

Hetze, Anprangerung und Verhöhnung fällt über “digitale Kanäle” leichter, als wenn man jemandem direkt ins Gesicht spuckt. Mit den oben geschilderten Methoden der Umschmiedung von Analysetools in Influencerwerkzeuge ist nicht nur “Meinung” schnell gemacht – sondern auch die Stimmungkrankheit fix ausgelöst.

Wir alle sind plötzlich eine Gesellschaft von eingebildeten Kranken.

Schlimmer noch: Der fehlende Austausch steigert weiter die Dämonisierung. Wer nicht mehr persönlich seine Sorgen und Nöte (be)spricht, sondern nur auf Distanz (medial vermittelt), verliert die ausgewogene Einschätzung und ist anfälliger für Verleumdungen. Er verfällt leichter dieser – man möchte fast sagen – gesundheitspolitisch organisierten Hypochondrie.

Die Mediziner werden vielleicht – wie einst Charcot die “Hysterie” – eine neue politisch induzierte Krankheit erfinden müssen, analog zur “Morbus Google”, jener sog. “Cyberchondrie“, bei der die Betroffenen durch intensives Recherchieren im Internet eine Symptomverstärkung erleben.

Der “soziale Tanz” jedenfalls ist derweil fraglos zu einer Art Ringkampf umgewidmet, ein Schlamm-Catchen gegen die Solidarität. Auch das ist eine Form des Leugnens, ein “Gedächtnis-Negativ”, entstanden unter dem Druck einer für den Einzelnen zu groß gewordenen Herausforderung. Statt Schutz der Schwachen ist jeder Bürger des Bürgers Feind. Wenn es beim Lockdown wirklich um die Gesundheit aller geht, sollten die Regierenden ihn aufheben, bevor es für unsere Psyche zu spät ist.

Unterdeutschland

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Höllenwinter

oder: „Sich auf sein eigenes Ende hin leben?“

I. Zukunft
Nachdem ich gestern den Gesundheits-Burger verdaut hatte und, wieder zu Haus, in Erwartung weiterer Schmähungen furchtvoll vor den neu eingegangenen Emails saß, sah ich mich im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Matthias Bröckers´ Text „Symbionten statt Parasiten“ mit folgender Botschaft konfrontiert:

Lieber Olaf,
wie kannst du, wie könnt ihr noch überhaupt entspannt, zufrieden, zukunftsfroh und optimistich leben? Ich lese nicht alle eure Texte, weil ich im Prinzip in meinen bisherigen wohl zu engen – privaten, professionellen gesellschaftlichen und politischen (bin immer noch seit fast 60 Jahren in der SPD!) – Grenzen verhaftet bin. Ich versuche Wissenschaft im mir bekannten und bisher praktizierten Sinne fortzusetzen – und lese dann einige der Texte aus deiner Feder und deinem Umkreis, die eigentlich auf nichts anderes hinauslaufen, als sich auf sein eigenes Ende hin zu leben. Wie machst du, wie macht ihr es, mit den Untergangsvisionen und Endzeitlichkeit weiter zu leben, woraus bezieht ihr Energie, Kraft, Lust zum Weiterleben? Was ist euer “Geheimnis” des Zukunftszutrauens?

Viele Fragen, eine gehörige Portion Hilflosgkeit und Verzweiflung…
Liebe Grüße an euch beide von uns aus Berlin, Edeltraud und Herbert.

Soweit das Zitat. (Die Namen habe ich aus persönlichen Gründen geändert.)

Ich war erleichtert: die Email erfreute mich. Denn seine Vorgänger (von anderen Email-Schreibern aus meinem Freundeskreis) waren deutlich weniger fragend-höflich und erst recht nicht erfreulich.

Diese Woche war ich schon einmal als „oberlehrerhafter Anpisser“ und zuvor als „mit Unworten wie Gesamtsterblichkeit die Toten und Pfleger/Ärzte verhöhnender“ (wahrscheinlich Un-)Mensch bezeichnet worden. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich persönlich nie von “Gesamtsterblichkeit” gesprochen habe. Ich musste mir allerdings zurechnen lassen, einen Link geteilt zu haben, der das Wort “Gesamtsterblichkeit” enthielt.

Das war klassische Kontaktschuld. Ich war als Sympathisant überführt – eben einer, der Theorien-Bodensatz aus teils dunkler ideologischer Quelle ungefiltert weiter reichte, womit man derzeit den Adressaten bitte verschonen möge. Das sei alles gar nicht witzig, daher möge ich bitte für die Zukunft innehalten mit dem Versenden von übel zusammenhalluzinierten Spekulationen, die ich als Tatsachen hinstelle, wogegen wohl in meiner „Echokammer“ kein Widerspruch geduldet sei.

Ich war leicht irritiert und wusste erst gar nicht, was genau damit gemeint sein sollte: eine Mischung aus geistiger Folterkammer und bedingungslosem Wortgehorsam à la Sportpalastrede?
Die virtuelle Stube, die mir da angedichtet wurde als meine neue Heimat für den intellektuellen Kameradenabend – damit war sicher nicht „Dr. Satan´s Echokammer“ von DJ Spooky gemeint. Aber selbst des schlauen DJs politisch harmlose subliminale Ekstasen sind unterdessen auf Youtube und Amazon gelöscht – Entschuldigung: aus dem Programm genommen – wahrscheinlich zum Schutz der geistigen Gesundheit unserer Jugend. Es genügt offenbar wenig, um als abweichend gebrandmarkt und damit abgemeldet zu werden.

Und immer wieder in den Emails, die meinen blog oder meine Telepolis-Texte betreffen, in Varianten das Argument: Jetzt sei „nicht der Moment, irgendwelche kruden Impfgegner und Verschwörungstheoretiker herauszukramen. Das ist gemeingefährlich“.
Diese Erfahrung machen gerade ziemlich viele Freunde, die sich noch trauen zu schreiben, was sie denken, siehe Philip Mausshardt in DIE AKTION Nr.10

II. Ins Autoritäre hinein
Ich musste mir also meine Antwort gut überlegen, um nicht noch einen wertvollen Freund zu verlieren.

„Lieber Herbert,
deine Frage – eigentlich sind es ja mehrere Fragen, die du zu einer großen Frage der „Zukunft“ zusammen gefügt hast – ist natürlich nicht mit einem Satz zu beantworten. Zu viele unterschiedliche Aspekte sind in ihr verwoben.
Deswegen vielleicht nur einige kurze Anmerkungen.

Wie es mir „persönlich“ gelingt, Zukunft zu denken und zu empfinden angesichts der aktuellen Lage, kann ich relativ einfach beantworten: nach mehr als 40 Jahren Aufklärungsarbeit, die in deiner Schule einmal begonnen und seither mein Leben und meine Art kritisch zu denken maßgeblich beeinflusst haben, nach ebensolanger Zeit vollständig freier Tätigkeit, ohne je einem Herrn dienen zu müssen, nach 40 Jahren journalistischer, künstlerischer und schriftstellerische Tätigkeit habe ich gerade noch mal das Berufsfeld gewechselt, eine kontrazyklische Entscheidung, die in unserer Gesellschaft gar nicht vorgesehen ist, dass jemand mit 60 noch mal etwas völlig Anderes anfängt. Das allein schon macht mich sehr froh, so etwas tun zu können.
Dies zusammen mit der Entscheidung, ein halbes weiteres Leben in Frankreich zu verbringen und mit Blick auf unsere Nichten, die wir ein wenig wie unsere Töchter betrachten, gibt mir sehr viel persönliche Zufriedenheit.

Die Frage nach dem Aushalten-Können der intensiven Beschäftigung mit deprimierenden Themen kann ich auch noch einigermaßen plausibel beantworten: wenn man etwas objektiviert, dadurch dass man es zum Forschungsgegenstand macht – und das waren für mich die Themen Stammheim, Auschwitz/Buna, nicht-tödliche Waffen, und in der weiteren Folge dann alles, was sich um den Themenkomplex einer Demokratie herum bewegt, die immer weiter ins Autoritäre hinein sich verändert – das alles lässt sich viel leichter ertragen, wenn man es nicht nur still erleidet, sondern sich davon ein genaues Bild macht, dadurch dass man es für andere aufschreibt oder in künstlerische Installationen verwandelt.
Ausserdem war ich ja dadurch gewissermaßen Profi für “no Future”, nachdem ich in der Zeit, als ich bei dir an der Uni lernte, meine Punk-Zeit schon hinter mir hatte.

III. Bereicherungspolitik
Etwas schwieriger ist die große gesamtgesellschaftliche Perspektive.

In den 80er Jahren bin ich – vermittelt durch meine Professoren, viele davon Marxisten – mit etwas aufgewachsen, dass man ganz grob „Kapitalismuskritik“ nennen könnte, weil zu der Zeit, als ich jung war, der Nachkriegs- und Wieder-Aufbau-Kapitalismus ganz frisch und das kritikwürdige Element unserer Gesellschaft war. Kapitalismus einerseits als Garant für unsere Sicherheit und Zufriedenheit und die enorm hohe Qualität der Ausbildung. Insofern eine vergleichsweise ruhige und wenig ereignisreiche Zeit, wo Hausbesetzung noch das Aufregendste war. Andererseits war der BRD-Kapitalismus etwas, das immer wieder von sogenannten Amigo-Affären, Celler Löchern, Butterbergen und von Energiekrisen (Fokus Autoindustrie) und einer Politik, die an den negativen Effekten ihres Tuns schon damals jede schuldhafte Beteiligung leugnete, durchkreuzt wurde.

Ganz aktuell aber ist das Problem nicht mehr so sehr “Kapitalismus”, sondern sicherlich eher die gesamte politische Klasse als solche, die in keiner Form mehr sozial, dafür aber in fast jedem Aspekt ihres Handelns egoistisch ist.

An dieser Stelle hakt nun das Problem ein, das Du in letzter Zeit in unseren Gesprächen immer häufiger erwähnst: deine Mitgliedschaft in einer politischen Massen-Organisation, noch dazu in einer, die in fast Sowjet-hafter Haltung für sich in Anspruch genommen hat, besser zu wissen, was gut ist für die Bürger, als die Bürger selbst. Das war natürlich in der frühen Nachkriegszeit angesichts einer starken CDU eine gute strategische Haltung, weil die CDU sich ja darauf kapriziert hatte, alles zu tun und zu fördern, was den Leuten individuell zu mehr Glück durch persönlichen Reichtum verhilft. Da wollte die SPD natürlich zeigen, dass es Alternativen gibt.

Nun aber bist Du – durch reines Verharren dort an der Parteibasis – in einer SPD des 21. Jahrhunderts angekommen, die wenig zu tun hat mit der gleichen Partei, wie sie vor 100 Jahren aufgestellt war.

Heute hat die SPD einen gesundheitspolitischen Sprecher, eine Art Evangelikaler, der „Verzicht, sonst Untergang“ predigt und die Apokalypse kommen sieht, falls man ihm nicht folgt.

Beschwörung des Unterganges

So muss ich an dieser Stelle gegen-fragen: Wie kann man sich an Deiner Stelle, der sehr so große Teile seines Lebens im Einklang mit dem sich wandelnden, aber irgendwie konsistenten politischen Konzept einer Partei verbracht hat, noch identifizieren mit einer nun vollständig umgedrehten Massen-Organisation, die sich offenbar auf die Fahnen geschrieben hat, uns mit menetekelhaften Beschwörungsformeln (und vermutlich aus reiner Staatsräson sprich: um als Partei am Ball zu bleiben) diesen Winter zur Hölle zu machen, ohne dafür eine vernünftige medizinische Begründung, noch nachfolgende Perspektiven zu geben? Wo ist dort die Zukunft möglich?

Hinzu kommt, dass der Kern-Punkt dieser Beschwörung lautet, dass Du – nicht du persönlich „du“, sondern wir alle – aufgrund der angeblichen Komplexität der Lage nicht mehr dem eigenen gesunden Menschenverstand vertrauen DÜRFEN, Du nicht mehr Deine Freunde vertrauensvoll und Nähe suchend besuchen darfst, sondern dass sich insgesamt eine Lage ergeben hat, in der wir uns alle fürchten: voreinander!
Der Feind steckt also jetzt unmittelbar in uns.

Das ist natürlich eine schlechte Voraussetzung, um über Zukunft nachzudenken, weswegen viele, zu denen ich nicht gehöre, auch das Vorhandensein des Auslösers leugnen. Das ist eine Art Notwehr, weswegen ich es nicht gutheißen, aber doch verstehen kann (denn jeder benötigt zum Weitermachen ein wenig Zukunft) – auch wenn die Leugnerei tatsächlich schwachsinnig ist.

Aber das Problem ist – wie gesagt – gar nicht die medizinische Lage, sondern die Trittbrettfahrerei einer vollständig verantwortungslos und egoistisch gewordenen neoliberalen Bereicherungspolitik, die uns da in die nächste Entwicklungsstufe ihres dystopischen Universums treiben will und Corona nur als dazu Sprungbrett benutzt.“

Soweit meine Antwort an den Freund.

IV. Hypochondrie
Damit, dachte ich, könnte man es bewenden lassen fürs erste. Doch dann kam Moritz, der sagte: „Psycho-Keime!“
Ich sagte: „Was?“
„Na, Psycho-Keime! Du sagst es ja selbst: früher haben wir alle vor den Bullen Schiß gehabt. Jetzt fürchten wir uns vor unseren Nächsten. Und nur, weil es verboten ist, mit ihnen zusammen zu sein, halten wir sie für gefährlich.“
Ich wollte mehr hören!
„Das ist der ganz normale Zermürbungseffekt. Die Leute haben schon zu lange etwas ertragen, auf das sie nicht vorbereitet waren. Wer sich nicht schon zuvor ein Konzept gemacht hatte, auf das er sich jetzt zurückziehen und verlassen kann, der kriegt die Füße nicht mehr an den Boden. Alles was er von Dritten hört, könnte fake sein.“
Mit anderen Worten: Deine Freunde, wenn Du sie vielleicht drei Wochen lang nicht gesehen hast, könnten heimlich Leugner, Gegner, Schiefdenker geworden sein oder zu einer Thüringer Gesundbetersekte mit Blutundboden-Hintergrund übergelaufen.
Aber ist das denn wirklich wahrscheinlich?
Bin ich selbst schon verrückt geworden?
Muss ich mich schleunigst testen lassen, wie normal ich noch bin?

Oder bin ich Opfer einer methodischen Anwendung des Selektionsprinzips namens „Hypochondrie“? Wer sich mit Hypochondrie ansteckt, kann die Löffel abgeben.

Ich will jetzt nicht auch noch mit Zahlen anfangen, aber es ist doch recht wahrscheinlich, dass so in etwa 97% der Menschen hinter ihren Masken gesund sind.
Wenn man sich im Spiegel mit der Maske sieht und vor allem andere hinter ihren Tüchlein anschaut, fühlt man sich gleich krank.
Man horcht ganz anders in sich hinein… ist das Ziehen in der Lunge wirklich vom Kisten-Schleppen gestern? Oder lauert da ein Untier in mir und bereitet seine Vervielfältigung vor?

Lieber nicht drüber sprechen, sonst Quarantäne.
Lieber nicht drüber nachdenken, sonst Depression.
Hat eben jemand gesagt: „Ey Alter, komm mal runter, alles halb so schlimm!“?
Den müssen wir anzeigen!

Im Namen der Sicherheit. Im Namen der Gesundheit. Im Namen des gesunden Menschenverstandes.

Heute habe ich einen Burger gegessen. Übrigens der erste seit acht Monaten. In einem schönen gelegenen Grill am Ortseingang des brandenburgischen Kreisstädtchens P. Genau genommen: ich habe den Burger im Auto vor dem Grill gegessen. Hygienevorschrift.

Verzehr in dem Raum, in dem die Speisen zubereitet werden, scheint die Aerosole aggressiver zu machen. Oder was auch immer. Es bleibt unklar. In den Restaurants, in denen beispielsweise der Gesundheitsminister verkehrt, scheint das kein Problem zu sein. Maske ab am Tisch und gut essen. Dort wird aber auch in einer separaten Küche gekocht, so dass der Luftteilchenumtrieb im Gastraum keine Maskenpflicht erzeugt. Die Teile der Bevölkerung, die sich Junkfood in der Schnellküche abholen, essen sowieso viel lieber draußen auf dem Parkplatz. Ist doch normal.

Während ich da so mit meinem vors Gesicht gebundenen Spuckschutz vor der wabbeligen Acrylscheibe am Tresen herumlungere, vor jener nur lappengroßen, leicht im Winde des zugigen Geschäftes wehenden Plasteplatte, um die sich die Aerosole offenbar nicht herum trauen, da fiel mir etwas auf.

Von 9/11 an, also seit genau 19 Jahren, fand bis Anfang 2020 alles, was wir taten, und noch viel mehr: alles, was wir nicht mehr tun durften, im Namen der Sicherheit statt.

Plötzlich, ab Mitte 2001, war es wahnsinnig gefährlich, mit einem Softdrink ins Flugzeug zu steigen. Der Drink wurde daher in einer Box vor dem Wartesaal wie Giftmüll entsorgt. Im Wartessal wurden dann unfassbar teuere Softdrinks der gleichen Marke angeboten. Ich habe mich immer gefragt, ob die soviel kosteten, weil ein Vorkoster sie geprüft hat?

Noch gefährlicher war es damals, mit einem frisch erworbenen Rasierwasser wieder in das Flugzeug einsteigen zu wollen. Mein Rasierwasser, das zur Betonung seines Zitronenduftes mit einem giftig gelblichen, und wie ich später erfuhr: sogar gesundheitsschädlichen Farbstoff eingefärbt wurde, war, weil es sich um ein regionales artisanales handgefertigtes Produkt handelte, sündhaft teuer gewesen.

Es wurde mir jedenfalls abgenommen und wie eine Bombe entschärft. Eine Entschädigung habe ich trotz Protestes nie erhalten. Die zulässige Menge war überschritten. Ich wurde wie ein Terrorist behandelt, nur weil ich mich an den exotischen Angeboten des Landes bedient hatte, das ich verlassen wollte.

Einmal – und das war eine wirkliche Ausnahme in meinem Leben – habe ich mich mit einer wildfremden Frau nach stundenlangem nervenaufreibendem Warten im Londoner Flughafen solidarisiert, als sie in der wie einbetoniert stehenden Warteschlange ausrastete. Wir stauten vor einer technischen Innovation, dem so genannten “Nacktscanner”, der bereits über 140 Minuten seinen Dienst verweigert. Irgendwann fing jedenfalls diese nette Frau neben mir an, sich mit laut zeternder Stimme auszuziehen. Dabei legte sie typisch britischen Humor an den Tag, indem sie sagte, das Wunderding mit dem sprechenden Namen würde wohl erst wieder anschalten, wenn sie unbekleidet vor seine erlauchten Sensoraugen träte. Erst angesichts des die ganze Schlange ansteckenden Gezeters kamen die bestallten Schläfer auf dem Posten hinter dem Durchleuchtungsgerät wieder in Bewegung. Wir zivilisierte Menschen sind sehr freundlich – und noch geduldiger. Von den Auswüchsen der Zivilisation stellen wir wenig in Frage. Hinnehmen, sich nicht einmischen ist die häufigere Haltung.

Von solchen Absonderlichkeiten war das Leben im Namen der Sicherheit geprägt.

Derlei Dinge hat man angesichts der letzten neun Monate fast schon wieder vergessen. Jedenfalls fiel mir auf, während ich beobachtete, wie sich in der aufsteigenden Hitze über dem Grill eine vollkommen aerosolfreie Zone bildete, in der man maskenfrei daran arbeiten konnte, meinen Burger zu bräunen, dass heutzutage ganz ähnliche Dinge – wie zuvor im Namen der Sicherheit – nun im Namen der Gesundheit geschehen.

Der Schlafeffekt bei den Betroffenen scheint ähnlich zu sein, wie bei den Angestellten des Londoner Flughafens vor einem Jahrzehnt.

Im Namen der Gesundheit pferche ich mir also, statt am Tresen zu essen, wo man überhaupt nur bemaskt bedient wird, in Magen-belastender Knickhaltung hinter dem Lenkrad des Autos den Burger rein.

Im Namen der Gesundheit sehe ich im Freiem vor dem Nettomarkt bei -2° und leichtem Eisregen die Leute Schlange stehen – etwas das ich zuletzt im Winter 1990 in einer damals noch Leningrad genannten Stadt gesehen habe.

Im Namen der Gesundheit duscht unsere Regierung bei 5 Grad plus Demonstranten stundenlang mit eiskalten Wasser.

Im Namen der Gesundheit sitzen meine Nichten seit vier Wochen in einer Schulklasse in Neukölln, haben Ohrschützer auf, dicke Jacken an und sind trotzdem permanent verschnupft, weil der Gesundheitsminister will, dass die Fenster dauerhaft offen bleiben. So schafft man Fälle, sagen praktisch alle. Für den Eisunterricht habe ich noch niemanden eine Lanze brechen sehen. Wer aber hat ihn warum erfunden?

Im Namen der Gesundheit werden seit einem dreiviertel Jahr die sogenannten Alten und anders Begabten kaserniert und isoliert und man nimmt ihren psychischen Verfall durch gezielten Kontaktentzug hin: im Namen der Gesundheit.

Im Namen der Gesundheit werden die Vereine reglementiert und der Sport untersagt. Die Leute sollen zu Hause hocken und vor dem Bildschirm Beugungsübungen machen. Sich beugen, möchte man präzisieren.

Im Namen der Gesundheit wird die Ernährung auf Bringdienst-fähige Speisen zusammengekocht. Wer den eigenen Herd nicht zu bedienen weiß, hat schlechte Karten, wenn die mischende Hand im Namen der Gesundheit gibt.

Ohne Widerspruch nehmen wir hin, dass unsere Behörden sich hinter einer digitalen Wand verschanzen und den Dienst am Bürger aussetzen: im Namen der Gesundheit. Gesund ist offenbar in dieser Hinsicht, was die Sprechzeiten reduziert und den erforderlichen und auch erwartbaren Arbeitsaufwand für den Betrieb einer aufgeklärten sozialen Demokratie reduziert.

Im Namen der Gesundheit ist vorsorglich – anders kann man die Verbote kaum deuten – das Entspannen und insbesondere “das Feiern” verboten. Feiern ist beinahe kriminell. Aber was genau bedeutet “Feiern” denn? Feiern war doch niemals zuvor gleichbedeutend mit “methodischer Verantwortungslosigkeit”, sondern Feiern war doch eigentlich die überlebensnotwendige Auszeit aus der dauernden Engführung. Feiern war unverzichtbarer Teil des Prozeßes, von der Jugend ins Erwachsenenalter zu kommen, ohne gleich total zu verbiedern. Wie auch immer: Wer dennoch, trotz Verbotes, feiert, läuft Gefahr, im Namen der Gesundheit denunziert zu werden. Die Legitimation für das Denunzieren scheint durch den Begriff “Wohlstandsbockigkeit” gegeben zu sein. Wer nicht einsehen will, dass Feiern tödlich ist, und zwar für andere, wird stigmatisiert. Krank ist also nicht das Verraten. Krank ist das sich Widersetzen.

Im Namen der Gesundheit sehen wir konsequenterweise von der Ausübung unseres Rechtes auf Versammlungsfreiheit ab, ebenso von dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber nur ausnahmsweise.

Im Namen der Gesundheit darf ich, wenn ich an meinen zweiten Wohnsitz in Frankreich fahre, nicht aus dem Haus gehen, um mich beim Spazieren gesundheitlich zur ertüchtigen oder mir besonders im Winter lebensnotwendige Einheiten Sonne zu holen. Wenn ich es dennoch tue, fährt mir die Gendarmerie mit dem Jeep in die Berge hinterher, und verlangt 60 € für den Spaziergang. Im Namen der Gesundheit bin ich Freiwild für jagdgeile Polizei, die zusammen mit ihrer wachsenden gesellschaftssanitären Rolle vom Strafverfolger vor Ort, der die Plätze vom “Schmutz” der Kriminalität reinigt, zum Erzieher der Nation aufsteigt und dabei standgerichtliche Funktion erhält.

Das habe ich in den letzten 20 Jahren erlebt: harsche Einschnitte ins Alltagsleben im Namen der Sicherheit und im Namen der Gesundheit. Was ich deutlich seltener erlebt habe in den letzten 20 Jahren, sind Verbesserung des Alltagslebens im Namen des gesunden Menschenverstandes.

Gestern habe ich – wie ich dachte: im Namen des gesunden Menschenverstandes – einen Text von Matthias Bröckers veröffentlicht, der mir einige Fragen eingetragen hat von guten Freunden, die wissen wollten, ob mich der gesunde Menschenverstand endgültig verlassen habe.

Bröckers und ich teilen eine Vorliebe für die leider viel zu früh verstorbene Nobelpreisträgerin Lynn Margulis. Beide hatten wir das Glück, mit ihr zusammen an Texten zu arbeiten. Margulis hat uns mehr als jeder andere Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts über Mikroorganismen gelehrt. Sie hat sogar das Linnésche Bestimmungssystem über den Haufen geworfen unter Verweis darauf, dass es viel zu wenig vom tatsächlichen Leben auf Erden abbilde, weil es die “Königreiche” der unsichtbar kleinen Wesen gar nicht einbeziehe, obwohl diese quantitativ und von der Vielzahl der Arten her erheblich bedeutender wären, als das von Linné kartierte Leben. Wie sie das Funktionieren der Biosphäre betrachtet, ist nach meinem Verständnis nicht allein Ausdruck von gesundem Menschenverstand, sondern von hoher, sogar einzigartiger analytischer Intelligenz. Diese Idee nach ihrem Tod fortzuschreiben, scheint mir kein Ausdruck von Wahnsinn. Trotzdem traf nach Veröffentlichung des Symbionten-Textes die Frage ein, ob ich an Dysfunktionen des Denkvermögens litte?

Genau das – solche Fragen an die Gesundheit meines Verstandes angesichts (zu anderen Zeiten und unter anderen Umständen wahrscheinlich) wenig fragwürdiger Gedanken – ist die kürzest mögliche Formel, auf die man die Wirkungen der harschen Eingriffe in das Alltagsleben im Namen der Gesundheit, ausgesprochen und durchgesetzt von unserer Regierung, im Moment bringen kann.

Es gibt eine fundamentale Verwirrung darüber, was gesunder Menschenverstand sei.

Das diese Verwirrung entsteht, lässt sich auch relativ einfach erklären: unsere Regierung möchte nicht, dass wir ihn, den gesunden Menschenverstand, eigenmächtig einsetzen. Sie möchte, dass wir den Regeln folgen, die sie sich zusammen mit einigen Virologen, mit vornehmlich sehr linientreuen Kommunikationsberatern und diversen Verfechtern der schwarzen Pädagogik ausbaldowert haben.

Wer diese Regeln mit dem gesunden Menschenverstand befragt, stößt, so die jüngste Doktrin, auf Unverständnis und irritiert seine Mitbürger derart, dass sie sich an die Wand gedrängt fühlen und ihnen nichts anderes übrig bleibt, als einen zu beschimpfen, zu verteufeln und einem am (kurzen) Ende (dieser Auseinandersetzung umstandlos) die Freundschaft aufzukündigen, wenn man nicht bereit ist, dem gesunden Menschenverstand abzuschwören.

Die Bürde dessen, was meine Freunde, die mich plötzlich so kritisch sehen, im Namen der Sicherheit und im Namen der Gesundheit bereits hingenommen und zu ihrem Alltag gemacht haben, würde untragbar schwer, wenn sie nun auch noch den Zweck und Gehalt der Regeln kritisch ventilieren müssten – zumal diese Regeln bereits mit der Drohung bei ihnen einlangen, dass wir im Falle ihrer Missachtung Schuld auf uns laden, Schuld für die dramatische Verschlechterung der Gesundheit Dritter und Schuld für ein gewaltiges Sicherheitsrisiko, das uns alle betrifft.

So betrachtet ist die vermeintliche Willkür der Regeln im Namen der Sicherheit und im Namen der Gesundheit in Wahrheit keine Willkür, sondern die präzise Fortschreibung kirchlicher Gebote, mit denen wir bereits 2000 Jahre lang zur Räson gerufen wurden und darob zu gehorsamen Bürgern geworden sind.

Die Gebote der Kirche konnte und durfte niemand mit dem gesunden Menschenverstand befragen, ohne Risiko zu laufen, auf dem Scheiterhaufen zu landen. Dass die heutigen Gebote sich mit dem Air der Wissenschaft umgeben, ändert nichts an ihrem Charakter.

Über diese Gedanken war der Burger zu einem kühlen Klotz in meinem Magen geworden. Ich fühlte mich elend und war kurz davor, in Wut über das scheußliche Mittagsmahl die stinkende Tüte aus dem Fenster zu pfeffern, so wie schon seit Jahrzehnten alle anderen Freunde von Burgerrestaurants es tun. Dabei war das Essen selber überhaupt nicht schuld an der Sache.

Als ich zu Hause ankam, hatte ich eine weitere Anfrage, diesmal zu meiner Vorstellung von “Zukunft”, in der Inbox. Ich gebe sie morgen mit meiner Antwort zusammen hier wieder.

Symbionten statt Parasiten

Von Ende des “Kaputtalismus und der Zuvielisation”

In Die AKTION erscheint heute ein Auszug aus Mathias Bröckers gerade erschienenen Buch “Klimalügner”.

Der Autor, blogger und Herausgeber Bröckers ist aus der deutschen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken: seit 1980 hat er mehr als 600 Beiträge für Tageszeitungen, Wochen,- und Monatszeitschriften, vor allem in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Politik verfasst. In Die Zeit erschien Anfang der 90er eine Kolumne von ihm. Für „Transatlantik“ und TAZ verfasster er aufwändig recherchierte Reportagen. Er gab u.a. bei Kiepenheuer&Witsch und Heyne Bücher heraus. Acht Jahre lang war er Mitglied der Sachbuch-Jury der “Süddeutschen Zeitung”.

Zur Legende wurde Bröckers durch seine über annähernd 20 Jahre fortgesetzte Artikelserie in der Telepolis (und das Buch) zum Thema “Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.”. Es hatte ganz harmlos angefangen. Bröckers wies sich schon zwei Jahre vor 9/11 durch Herausgabe des “Lexikons der Verschwörungstheorien” von Robert Anton Wilson im Eichborn-Verlag als Experte für „C“ (conspiracy) aus. Dann erschien unmittelbar nach den Anschlägen ein eher unauffälliger Artikel – allerdings mit programmatischem Titel “the WTC Conspiracy“. Am Ende des Tages polarisierte Börckers´ Forschungsarbeit seine Leserschaft: viele huldigten ihm als demjenigen, der als Einziger die Wahrheit beim Namen nenne. Andere, wie Henryk M. Broder wünschtem ihm den Tod an den Hals – er solle als Fettfleck an einer Hochhauswand enden.

Schon von 1993 an befasst er sich intensiv mit Cannabis und Hanf, darunter das schöne Werk „Hanf im Glück – Das hohe Lied vom hehren Hanf“ (zusammen mit Gerhard Seyfried), worauf eine Phase der Befassung mit Albert Hoffman, dem Entdecker des LSD, folgte: 2003: “Der Transpsychedelische Express“, 2006: „Auf dem Weg nach Eleusis“ und dann noch einmal 2014: “Keine Angst vor Hanf – Warum Cannabis legalisiert werden muß”.

Seit 2020 ist er Ko-Herausgeber der Reihe „Brennende Bärte“, die sich das schöne Wort von Georg Friedrich Lichtenberg zum Motto erwählt hat: „Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahr­heit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen.

Variante Zwei

Einige Anmerkungen zu “Variante 2“, einem nachgelassenen Text von Steve Wright und BBM, veröffentlicht aus Anlass des 1. Todestages von Steve Wright in DIE AKTION

What I want to see

No prisons
no locks
no keys
no killings
no laws
to control the free of us
but a paradise
a heaven on earth
where everyone can sing and dance
to their own music
and we live
only to bless each other
to bless each other
to bless each other

Last Poets, Song, veröffentlicht am 19. Mai 2019 (zum 93. Geburtstag von Malcolm X)

Als uns der afroamerikanische Schriftsteller Darius James im Jahr 2000 den Ausdruck eines umfänglichen Gutachtens auf den Tisch legte, herausgegeben vom EU Parliament, Abteilung STOA (Scientific and Technological Options Assessment), das den sperrigen Titel “An Appraisal of Technologies of Political Control” trug, war unser erster Gedanke: das ist “conspiracy theory”.

Die EU konnte unmöglich eine Nichtregierungs-Organisation beauftragt haben, ein derart dystopisches Bild unserer Zukunft zu zeichnen. Der Name der Autorengruppe (Omega Foundation) bestärkte uns in dieser Ansicht. Wenn das keine “fake news” waren, was auf den 1000 Seiten des Reports zu lesen war: dann gute Nacht, Europa!

Wir fuhren nach Manchester. Wir wollten wissen, was wirklich dahinter steckte.

In dem engen Büro eines Zieglbauwerks aus der “workshop of the world”-Epoche rollte auf einem Kniestuhl ein bärtiger Mann zwischen seinen angeblich 270.000 Dokumenten hin und her: Steve Wright.

Steve sprach ein für unsere Ohren quasi unverständliches “Mancunian”, in dem noch dazu jedes L und jedes R zu einer Art Rachenlaut umgeformt waren. Die Dichte und Fülle der auf uns einstürzenden Informationen reichte jedoch für ein intensives Erleben, auch wenn man nur 25% des Gesagten verstand.

Mehr hätte keiner von uns verarbeiten können, ohne an “information overload” zu kollabieren.

Steve Wright und der Filmemacher Werner Boote (“Plastic Planet”) in “Alles unter Kontrolle” (Standfoto)

Wenig später standen wir unten vor dem Haus in einer fish&chips Bude, die über eine Fritteuse verfügte, in der man mühelos drei, vier Wale zugleich in Brotteig hätte ausbacken können. Der Kabeljau, der aus den Wogen des siedenden Öles auftauchte, hatte entsprechende Ausmaße und war köstlich. Damit waren wir beim zweiten Lieblingsthema von Steve: Essen. “i´ll stuff you with curry” war ein Satz, der sich abends auf der “currymile” in jeder Hinsicht bewahrheiten sollte.

Ein 5-stöckiges Chinarestaurant mit geschätzt 800 Sitzplätzen war tags drauf der nächste Anlaufpunkt mit Steve. Alles was exotisch, extrascharf und in mindestens einer Hinsicht gewaltig war, faszinierte ihn maßlos.

Der Kerl schien es auch sonst in seinem Leben stets darauf angelegt zu haben, über sich hinauszuwachsen. Ununterbrochen produzierte dieser Mann in seinem ewigen dunkelblauen Nadelstreifenanzug schillernde Bilder, die rein gar nicht zum ansonsten seriösen Auftritt passten: Geschichten aus einem Afghanistan vor dem Krieg, ein blutjunger Steve, nackt, nur mit einem bodenlangen Fellmantel bekleidet, auf einem frisch von Talibanen gekauften Pferd durch die Berge reitend, gehörten ebenso zum Repertoire wie die freche Entwaffnung eines Pistole-tragenden FBI-Chefs auf einer Sicherheits-Konferenz in den USA. Ein Beweisfoto existiert!

Dennoch war Steve nie großkotzig oder selbstverliebt. Die Schwänke und Schauermärchen waren ein exakter Ausdruck jener Vitalität, die ihn auch in der wissenschaftlichen und politischen Arbeit über das Gewöhnliche hinaus wachsen ließen. Sein Entsetzen über politische Mißstände und waffentechnische Fehlentwicklungen war ansteckend und ließ nie nach.

Als wir wenige Tage später aus Manchester nach Hause zurückkehrten, hatte sich alles um uns herum bereits verändert. Jede Seite des Gutachtens war plötzlich mit Leben gefüllt. Wir nahmen die Welt anders wahr.

Steve Wright und Olaf Arndt (BBM) 2013 in Aix-en-Provence auf der “Anti-Atlas”-Konferenz

Insbesondere dann, wenn wir Steve über Jahre immer wieder in Ettlingen trafen. Dort richtete das Institut für Chemische Technologie der Fraunhofer Gesellschaft seine Biennalen für “Nicht-tödliche Waffen” aus – eine bemüht als Wissenschaft getarnte Messe für alle möglichen exotischen Prototyp-Waffen zum Schocken, Lähmen, Quälen.

Steve hatte “Konferenz” zu einer besonderen Lebensform erhoben. Wir meinen damit nicht das quälende, tagelange Ausharren in den schlecht ventilierten Sälen, die schon gleich morgens nach dem Frühstück, beim 9 Uhr Vortrag, vom Schweiß der anwesenden Männer in ihren Synthetikhemden barsten. Die besondere Lebensform entwickelte sich abends, etwa im “Erbprinz”, der jenseits vom Bächle lag, neben dem sich das Schild erhob, das für die Vorzüge der Kleinstadt vor den Toren Karlsruhes warb: “Der Traum an der Alb”.

Im “Erbprinz” saßen wir also, weil Steve es so wollte, an einem Tisch mit den geklonten Kerlen von MI5 und GSG9, die ausschließlich aus Muskeln und Samensträngen zusammengebaut schienen. Oder in einer Weinstube mit den Russen, die den Stoff für den Gaseinsatz im Moskauer Musicaltheater geliefert hatten. Warum sollten wir auch mit den NGO-Fritzen zusammenhocken? Wir wollten ja etwas Neues hören, nicht das, was wir selbst über die ganze Show dachten.

Die Jacketts der staatlichen Funktionsträger lagen zerknüllt auf der altdeutsch getönten Eckbank und die Synthetikhemdsärmel wurden hochgekrempelt, um das deutsche Bier besser packen zu können. Alle wesentlichen Informationen über künftig geplante wehrtechnische Projekte kitzelte Steve abends aus den Leuten raus, während er selbst eigentlich nur über seine Lieblingsthemen, Essen, guten Wein, Reisen, redete. Die Typen flossen aus. So einen coolen Freund wie Steve hätten sie gern gehabt.

Die Bereitschaft, über fraglos menschenrechtsfeindliche Projekte unverhohlen zu sprechen, entsprang nicht allein der Selbstgewissheit, dass diese Projekte die endgültige “Humanisierung der Kriegsführung” bedeuten würden. Hier war man richtig: in der Aufbruchsstimmung in eine kommende autoritäre Demokratie. Man durfte zufrieden sein. Schließlich hatte ja die Bundesregierung diese Veranstaltungen alimentiert.

Die Schizophrenie solch verbaler Verrenkungen, die “Krieg” und “human” verschwisterte, resultierte nicht zuletzt aus dem Gemeinschaftsgefühl: unter Seinesgleichen, in der permanent rund um den Globus jettenden Gesellschaft der zur Lebensform “Konferenz” Gehörenden, fühlte sich jedes Mitglied sicher. Hier konnten die Widersprüche geheilt, das Unvereinbare zusammen gedacht werden. Begriffe wie “Holismus” (gemeint war: die Ganzheitlichkeit der Gewaltstrategien) und “Revolution” (“revolution in military affairs”) liefen um – als sinnentleerte Verhöhnung aller gesellschaftlichen Befreiungsbewegungen.

Wenn Militär- und Polizei-Vertreter schon generell mit dem Gefühl unterwegs sind, dass unabhängig von politischen Weichenstellungen oder Gegenbewegungen von Bürgerrechtlern ihre Variante der Realität am Ende obsiegen werde, dann steigerte sich dieses Omnipotenzgefühl noch einmal, wenn die weltweite Gemeinde bei Saumagen und Obstler zusammenkam.

Steves Rolle war ein riskanter Balanceakt, der vielleicht nur deswegen nicht zum Sturz führte, weil sich die Parteien wechselseitig brauchten: zum einen spielte er denjenigen, der dazu gehört, alles weiß, vor dem man keine Geheimnisse haben muss. Er spielte und gewann: sie akzeptierten ihn. Zum anderen wollten die Vertreter staatlicher Gewalt die Argumente der Gegenseite kennen, um sie rechtzeitig in ihre Planungen einbeziehen zu können. Es war ein vorgebliches Geben und Nehmen, ein kruder Deal, der schon rein körperlich – nach 10 Stunden Sitzen im Konferenzsaal – an die Grenzen ging, wenn wir abends noch bis Ultimo weiter ansaßen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass die Zungen sich lösten, mit jeder Runde stieg.

Steves große Leistung war, dabei immer integer zu bleiben.

Die Vorträge am nächsten Morgen: da musste man durch. Hoch aufmerksam trotz Schlafdefizit: alles wollte dokumentiert sein. Und verkettet mit dem, was in der Kneipe am Abend zuvor geredet wurde. Wie Steve das ausgehalten hat, all die Jahre, Jahrzehnte, und wie er es schaffte, dann präzise auf das Wesentliche komprimiert am nächsten Tag in London der “small arms”-Arbeitsgruppe von Amnesty , gegenüber dem ICRC in Genf oder bei Pugwash das Gehörte zusammenzufassen und warum er nicht für das, was er tat (immer wieder die Waffenlobby bloßstellen) erschossen wurde, bleibt uns ein ewiges Rätsel.

Fast zwanzig Jahre hielt die Freundschaft, bis zu Steves Tod genau vor einem Jahr im November 2019. Es gab kein Projekt, das wir uns ausdachten in den vergangenen zwei Jahrzehnten, in das nicht seine Gedanken einflossen.

Aus einer Kooperation für ein Roboter-Theater zum Thema “Drohnen und autonome Waffen” (2018 in der Kunsthalle Mannheim) entstand dann ein weiterer, gemeinsam verfasster Text “Variante 2“, als Vorschau auf die nächste geplante Kooperation, die nun nicht mehr zustande kam.

Steves typische Art zu schreiben, kann dieser Text nicht wiedergeben, weil er eine Rückübersetzung unserer deutschen Fassung ist. Aber seine Art zu denken und andere um ihn herum spontan zu faszinieren mit dem Trommelfeuer seiner Ideen ist deutlich spürbar.

Steve war ein großer Visionär.

Er hat uns gelehrt, den Schrecken des 21. Jahrhunderts, einer im Phillip K. Dick´schen Stil aus dem Ruder laufenden Technologie, furchtlos entgegenzutreten.

weiterführende Info: Video-Interview mit Steve Wright

Auswahl Publikationen

Steve Wright (rechts) und Noel Sharkey von ICRAC (2013)

Ware Wohnraum

Paul Alfred Kleinert berichtet über die Arbeit des Netzwerkes “200 Häuser” Berlin und den Kampf gegen den “asozialen Strom”. Doch zunächst einige Worte zum Autor und zur Situation, auf die sich sein Text bezieht.

Alle starren auf ein Virus – und im Hintergrund geht der Ausverkauf von Wohnraum weiter: fast unbemerkt, gäbe es nicht einige hoch engagierte Netzwerke, die darum kämpfen, dass unsere Städte nicht einer “Londonisierung” anheim fallen.

Eine dieser Gruppen, 200 Häuser, die 100.000 Menschen vertritt, hat kürzlich die Liste Ihrer Forderungen publiziert, die lesenwert ist.

Nachfolgend aus Anlass dieser Publikation von äuser ein einführender Text von Paul Alfred Kleinert. Kleinert ist Schriftsteller und Gründungsmitglied des Internationalen Franz Fühmann Freundeskreises.

Kleinert, selbst engagiert im Netzwerk 200 Häuser, setzt in der Tiefe der deutschen Mietengeschichte an, dort, wo vor 50 Jahren die Weichen falsch gestellt wurden.

An welchem Punkt aber dies unerträglich wurde, so dass bald nur noch Mitglieder der sogenannten Elite und des internationalen Finanzkapitals in der Innenstadt leben können und die Diener dieser Klasse per public transport aus den Speckgürteln anreisen müssen, das stellen der Text von Kleinert und die im consensus-Verfahren verabschiedeten Forderungen des Netzwerks noch mal deutlich heraus.

Auch wird fühlbar, dass die Praktiken der Entmietung eine Form von Körperverletzung sind.

Allein durch die politische Legitimierung von >share deals<, durch das Fehlen geeigneter Instrumente, die gesetzlich längst festgeschriebenen Eigentumsverpflichtungen oder Milieuschutzauflagen auch durchzusetzen, konnte so ein Zustand entstehen.

Kleinerts Einführung stellt klar, dass es sich um leicht zu ändernde Verhältnisse handelt – wenn der Wille dazu vorhanden wäre!

Denn die Situation ist von Menschen gemacht, kein wirtschaftliches Naturgesetz.

Dass Aktivisten und einige wenige Politiker jetzt versuchen, für aufgeteilte, aber noch nicht verkaufte Häuser Auffanggesellschaften zu erfinden oder durch Senatsankäufe zu retten, was noch nicht ganz verloren ist, ist zwar nett, befestigt aber eigentlich nur die falschen, weil spekulativen Wohnraum-Preise.

Der Schnitt durch das Geschäft mit der existenziellen Grundlage „Wohnen“ könnte und müsste viel radikaler ausfallen.

Paul Alfred Kleinert: Wohnen als Ware

Seit Mitte der 1970er Jahre ist die zunehmende Erstarkung eines verantwortungslos betriebenen Neoliberalismus zu beobachten, der nach und nach freiheitliche Grundrechte in den jeweiligen Staatsgebilden aushöhlt, beseitigt und politische wie wirtschaftliche Korruption in wachsendem Maße fördert. Auch das Wohnen verkam und verkommt so zur Ware, die einhergehende organisierte Verantwortungslosigkeit macht sich gerade im Wohnsektor deutlich bemerkbar.

Asozialisierung des Staatswesens

Nur ein Beispiel dafür sind die Hausverkäufe aus den sozialen Segmenten in den europäischen Großstädten durch die jeweils politisch Verantwortlichen – wobei Parteizugehörigkeit keine Rolle spiel(t)e; unter jeder Couleur funktioniert(e) das prächtig. Waren bedürftige Häuser aus den benannten Segmenten mit Steuergeldern zunächst aufwendig rekonstruiert und restauriert worden, so wurden sie hernach zu einem Spottpreis an freie Investoren verschleudert. Die entsprechenden Mietsteigerungen ließen nicht auf sich warten. Eine Verdrängung der angestammten Mieterschaft in bisher nicht gekanntem Maße war die Folge – und das nicht nur in den Innenstädten. Ebenso ging die über Jahrzehnte in den Kiezen gewachsene Infrastruktur vor die Hunde. Verdrängung kleiner Gewerbetreibender und Händler, Ausdünnung öffentlicher Dienstleistungen (etwa die zunehmende Einsparung der einstmals staatlichen Poststellen) und dergleichen mehr sind weitere Indizien dieser zunehmenden Asozialisierung des hiesigen Staatswesens.

Verhaltene Gegensteuerungen einer sich noch für das Gemeinwohl verantwortlich wissenden Minderheit in politischen Ämtern, wie die Einrichtung von Milieuschutzgebieten, die eines Mietspiegels oder der Versuch der „Mietbremse“, erwiesen sich als entweder zu spät kommend, nicht greifend oder gesetzlich nicht durchsetzbar; hier kam mehr der gute Wille Einzelner als ein wirklich greifendes rechtlich-politisches Konzept zum Tragen.

Spekulation

Die Mietsteigerungen erreich(t)en im Laufe der Zeit ein unerträgliches Maß, Wohnraum wurde und wird zum Spekulationsobjekt, die darin befindlichen Subjekte aus ihren angestammten Bezügen mit allen, z.T. kriminellen, Mitteln entfernt. Die Gesetzgebung schwieg und schweigt weitgehend dazu – wie zu anderen Prozessen im Lande auch.

In die so ‚gewonnenen‘ Wohnräume werden Billigmöbel gestellt. Dieselben, angepriesen als „Wunderflats“ und entsprechend preisgeboten, finden (bei der allgemeinen Wohnraumknappheit) reißenden Absatz. Dass die so möblierten Wohnungen aus avisierten Mietpreisbindungen herausfallen, versteht sich dann von selbst. Mietsteigerungen von 300%- 500% sind keine Seltenheit mehr. Ein sichtbares Entgegenwirken einer wie auch immer gearteten Politik oder gar staatliches Eingreifen sind nicht zu bemerken. Das voraufgegangene sei als nur ein Beispiel findiger Investoren und den Prozess begleitender botmäßiger Politiker benannt.

Bleibt es den Betroffenen, sich zu organisieren und den Versuch zu wagen, diesem asozialen Strom entgegenzuwirken.

“Desertiert aus dieser Gesellschaft – sie mündet in Vernichtung!”

Über einen gewaltigen Text von Julien Coupat und seinen Genossen

Mit dem Abdruck des Textes “choses vues / Wir haben gesehen” von Julien Coupat setzen wir in unserer digitalen Ausgabe von “Die Aktion” die Reihe poetischer Reflektionen über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft fort.

Eine Prosa von solcher Wucht sucht Ihresgleichen. Vielleicht erscheint etwas Vergleichbares nur alle paar Jahrzehnte. Als habe der Autor mit dem gewaltigen Schlägel seiner Worte einen Gong zum Schwingen gebracht, ertönt ein Rhythmus, der lange nachhallt.

Doch zunächst einige Worte zum Autor: Julien Coupat war 1999 einer der Gründer der heute legendären Zeitschrift Tiqqun.

Im selben Jahr hat ihn Luc Boltanski in seinem Buch “Le Nouvel Esprit du capitalisme” der situationistischen Bewegung zugerechnet.

International bekannt wurde Coupat als einer der Angeklagten der als “Tarnac Nine” bekannten Gruppe aus dem Dorf Tarnac im Département Corrèze in der Region Nouvelle-Aquitaine. Weil er einen Castor-Transport angeblich durch Sabotage einer TGV-Strecke verhindern wollte, wurde er vom französischen Staat als Terrorist verfolgt und 2008 für 6 Monate widerrechtlich inhaftiert, ebenso wie andere Mitglieder der Gruppe. Alle wurden 2018 vom Terrorvorwurf freigesprochen.

Ein Foto vom Prozeß findet sich in der Le Monde, die Coupat dem militanten Flügel der “Gelbwesten” zugerechnet wird.

Coupat galt lange als einer der Autoren des “Comité invisible (Unsichtbares Komitee)”, die als Verfasser von “Der kommende Aufstand” firmieren. Coupat hat seine Autorschaft jedoch dementiert. Das Buch wurde von den Behörden beschlagnahmt und galt in dem Prozeß als Beweisstück.

Während des Prozesses skandierten die Angeklagten ein Wort von Emile Zola:”Überall Polizei, nirgends Gerechtigkeit!

Eine interesante Parallele zwischen den Büchern “Revolution – Wir kämpfen für Frankreich” von Emmanuel Macron und dem “Unsichtbaren Aufstand” zieht der Philosoph Jérôme Batout in diesem Artikel .

Im April 2009 ergab eine Untersuchung der Wochenzeitung “Charlie Hebdo”, dass die Terrorabwehr spezialisierte Behörde der franzöischen Regierung versucht hat, Julien Coupat für seine Beteiligung an einem Handgranatenangriff in den Vereinigten Staaten im März 2008 verantwortlich zu machen, um ihr Verfahren gegen ihn zu rechtfertigen.

Im Januar 2017 revidierte das Kassationsgericht nach neun Jahren Gerichtsverfahren und der Entlassung des mit der Untersuchung beauftragten Richters die Charakterisierung des Tarnac-Falles als “terroristisch” endgültig.

Am 12. April 2018 wurden Julien Coupat und Yildune Lévy vom Pariser Strafgericht freigelassen.

Während des 4. Groß-Demonstrationen der “Gelbwesten” am 8. Dezember 2018 wurde Coupat erneut verhaftet und in Polizeigewahrsam genommen.

Coupat ist, zusammen mit anderen, der Autor unseres heute in DIE AKTION erstmals in Deutsch erscheinenden Textes über die “Dinge, die man im Mai und im August 2020 gesehen hat” – veröffentlicht in französisch am 4. September 2020 auf Terrestres und auf “reporterre“.

choses vues

Mit der Wahl des Titels “choses vues” (etwa: “zu sehende Dinge”) bezieht sich Coupat auf den gleichnamigen autobiographischen Text von Victor Hugo, der erst im Nachlass erschien.

“Choses vues” sind Notizen von Victor Hugo, die posthum in zwei Serien, 1887 und 1900, veröffentlicht wurde.

Hugo erzählt in “Choses vues” von Ereignissen, die sich während seines Lebens ereignet haben, wie dem Tod von Talleyrand, der Rückführung der Asche Napoleons, dem Prozess in der Affäre Teste-Cubières, der Flucht Louis-Philippes nach der Revolution von 1848, dem Sturz Napoleons III. und dem Beginn der Dritten Republik.

1846 änderte Hugo radikal seine politische Auffassung und wurde zum Republikaner. 1862 vollendete er im politischen Exil sein Hauptwerk “Die Elenden“, in dessen Mittelpunkt der Sträfling Jean Valjean steht – eine im Kern höchst moralische Figur, mit der sich immer wieder von der Gesellschaft zu Unrecht Verurteilte identifizert haben.

Hugos politisch-ethische Mammutepos trug wesentlich zur Herausbildung der realistischen Literatur im 19. Jahrhundert bei. Vermutlich aufgrund seines historischen Anspielungsreichtums und seiner häufigen Verwendung von „Argot“, der französischen Gossensprache (in Coupats Version der COVIDalen “choses vues” z.b. das Wort “salauds” = Hundsfötter), dient Zolas Spätwerk wohl als Richtschnur für die Arbeit von Coupat.

désertions

Übersetzung ist immer auch ein großes Stück weit Interpretation. Wo sie scheitert oder fehlgeht, ist es die mindeste Pflicht des Übersetzers, zumindest die Quellen offenzulegen.

Den gegen Ende des Textes verwendeten Begriff “désertions” habe ich unzulänglich mit “Zuflucht” übersetzt. Er beinhaltet aber m.E. ein komplettes politisch-philosophisches Konzept. Er ist daher schwer mit nur einem Wort in seiner gemeinten Bedeutungsfülle ins Deutsche zu übertragen. Er stellt eine poetische Verdichtung dar im Bedeutungsfeld von Austritt, Aufkündigung, Fahnenflucht gegenüber der Gesellschaft.

Es ist in erster Linie ein militärischer Begriff – jedenfalls im Singular “dersertion”– weiter unten heisst es entsprechend auch “déserter”- abhauen, die Fahne verlassen.

“desertions” trägt aber möglicherweise – besonders durch seine Kombination mit “maquis” = Gestrüpp” – auch ein Bedeutungs-Element von “Wüste” in sich – von lat. “desertus”, verlassen, öde, einsam – also ein Gelände, das vom Rest der Gesellschaft aufgegeben ist und in das man sich nun möglicherweise zurückziehen kann, um dort freier zu leben. Das lateinische Stammwort “de-sero” spricht vom “sich losmachen”, “im Stich lassen”, meint aber metaphorisch auch “aufgeben” und “vernachlässigen” und ist somit das Gegenteil von lat. “sero”: säen, pflanzen, hervorbringen.

Insgesamt geht es m.E. um eine willentliche Abwendung, Absonderung und Entfernung von der allgemeinen Lebensweise , die als falsch betrachtet wird, weil sie zu Vernichtung führt.

Flächenbrand

Es gibt bisweilen Texte, die explodieren förmlich im Internet. “COVID-19 und die möglichen Folgen für die soziale Stabilität” von Morelli und Censolo ist so ein Fall. Keine Stunde vergeht und ein Flächenbrand rast los, entzündet alle Foren.

Oft sind diese brandbeschleunigenden Texte gar nicht mal aktuell, so wie derjenige der beiden italienischen Ökonomieprofessoren, der bereits am 28. Juli 2020 zum Peer-Review vorgelegt und schon zwei Tage später als veröffentlichungsreif akzeptiert wurde.

Doch plötzlich, zwei Monate später, erscheinen er auf allen Kanälen, rechts, links, quer, auf pro-Putin- und auf anti-Trump-blogs, in den bürgerlichen “Qualitätsmedien” und auf Nachrichtenseiten aller Couleur.

Die Kultur des öffentlichen Nachdenkens hat nicht erst seit COVID eine fast durchweg nervöse Form angenommen. Es drängt sich der Eindruck auf, es ginge weniger um eine kritische Besprechung von Inhalten. Vielmehr dominieren egomane Prinzipien: Die Schlacht um Aufmerksamkeit muss jeder mit allen Mitteln für sich entscheiden.

Joseph Vogl hat darauf schon im April 2020 aufmerksam gemacht:

“Jede so genannte Krise erzeugt Deutungsnötigung und Deutungsnot. So gibt es jetzt eine hektische diskursive Produktivität quer über die intellektuellen und publizistischen Branchen hinweg. Man kämpft um hermeneutische Vorsprünge, sieht seine lange Zeit ausgefeilten Positionen und Wahrheiten in der Katastrophe bestätigt. Alles wird von allen gesagt und dann noch einmal wiederholt, überboten und variiert.”

Debattenkrieg

Außerhalb der Fachkreise kannte gestern kein Mensch Morelli und Censolo. Heute gibt man die Namen ins Netz ein und bekommt “hits”, die ausgedruckt Bibelstärke erreichen würden. Oft verdankt sich dieser Effekt nur ein oder zwei Schlagworten oder deren zeitgerechter Kombination.

Es liegt etwas in der Luft. Etwas, das ohnehin alle denken. Und dann kommt ein Text, der genau das bedient.

Es dauerte keine drei Tage in diesem Debattenkrieg, und die kurze Ausarbeitung über mögliche Gefahren für unsere ” soziale Stabilität” ist gewissermaßen verschwunden, überdeckt von ihrer auschnitthaften Rezeption.

Niemand, der bloß in die Suchmaschineneinträge schaut, könnte noch mit Gewissheit sagen, um was es in dem Papier geht.

So wird gemutmaßt, dass “Herr Rötzer von einen Aufstand träumt”, nur weil er das fragliche research-paper bespricht. Oder es finden sich Spekulationen, welchen Einfluß Mario Monti auf das Denken von Morelli und Censolo nimmt.

Zugegeben, Monti hat eine glänzende, in demokratischer Hinsicht jedoch wenig rühmliche Karriere hinter sich. Außer dass er Goldman Sachs und Coca-Cola berät, ist er seit 1994 der Präsident der Università Commerciale Luigi Bocconi in Mailand und damit “Hausherr” in der Via Roentgen, der Wirkungstätte von Massimo Morelli.

Auch zugegeben: Monti hat am 26. August 2020 die Führung der europäischen WHO-Kommission übernommen. Als Präsident Italiens war er nicht vom Volk legitimiert. Dass ein rechtschaffener Systemkritiker einer Wirtschaftsuniversität vorsteht, darf man nicht erwarten. So frei ist die Wissenschaft nicht.

Morellis wissenschaftliche Tätigkeit wurde vom Lions Club gefördert, mit einem Fellowship der Deutschen Bank unterstützt und dem Elinor Ostrom Prize ausgezeichnet.

Das mag manchen befremden.

Doch dem stehen auch Morelli-Texte gegenüber wie “Strategic Mass Killings” im “Journal of Political Economy”, der 2015 den “International Geneva Award” gewann; sowie die Untersuchung “Global Crisis and Populism: the Role of Euro Zone Institutions” (Economic Policy 2019) und – neben anderen Texten zur Friedensforschung – ein Beitrag zum Oxford University Press Handbook “Economic Aspects of Genocide, Mass Atrocities, and Their Prevention” (2016), der den vielversprechenden Titel trägt: “Incentives and Constraints for Government Mass Killings: a Game-Theoretic Approach”.

Pro Globalisierung?

Ob sich aber aus all dem ableiten lässt, dass Morelli und Roberto Censolo, der seinerseits an der Universität Ferrara forscht, Globalisierungsbefürworter sind und das ganze bereits voll entwickelter “Kapitalfaschismus” sei, aktiv befördert von eben jener Privat-Uni in Mailand, das ist doch derzeit zumindest noch offen, dem Text nicht direkt zu entnehmen und am Ende grundsätzlich recht fraglich.

Es gibt allerdings eine irritierende Passage am Ende der Untersuchung, mehr im wissenschaftlichen Feststellungs-Modus formuliert, als dass man es für Wunschdenken oder gar Handlungsempfehlung für die heute Regierenden halten mag. Dort heisst es: “Ein Blick auf das 19. Jahrhundert zeigt, dass der Volkszorn, der 1831 in Paris während der Choleraepidemie ausbrach, nicht entschieden unterdrückt wurde durch den schwachen König Louis Philippe.” (“…was not resolutely suppressed”).

Hätte dort “nicht entschieden genug…” gestanden, hätte ich den Text hier sicher nicht veröffentlicht.

So aber bleibt die Publikation das beständige Wagnis, das seit Ausbruch des Corona-Virus nicht gerade geringer geworden ist: dass man sich verbrennt, während man eigentlich nur das umstrittene “heiße Eisen” im Volltext zugänglich machen will.

Wenn man ihn dann genau liest – dies ist hier in “Die Aktion” erstmals auf Deutsch möglich – bleibt er auf interessante Art zwiespältig, wie fast alles heutzutage: einerseits eine spannende Kurz-Studie, die in dieser Deutlichkeit verblüffende tiefengeschichtliche Verweise in sich trägt (Herkunft der Krankheit – Begründung für rassistische Interpretationen). Auch die quantitative Analyse der Autoren zum Zusammenhang Epidemie-Aufstand ist erhellend.

Andererseits ist “Epidemien: ein Brutkästen für Konflikte” (so mein deutscher Titel) natürlich genau die Art von Gewaltprognose, die autoritäre Politiker benötigen, um die Innere Sicherheit hochzufahren und das Demonstrationsrecht von vornherein einzuschränken, damit sich so etwas gar nicht erst entwickeln kann.

Denn dass, wie Morelli und Censolo sagen, die Regierenden schon immer in Epidemien ihre Macht ausgebaut und den Armen die Schuld an der Plage gegeben haben, diesen aufrüttelnden Gedanken hat man am Ende wahrscheinlich doch wieder vergessen über all das Ringen um die coronale Deutungshoheit.

Aufstände vs. Polizeiwirtschaft

Aufstände bieten ja an sich keine Lösung für soziale Missstände. Das gilt meines Erachtens selbst dann, wenn es ebenso richtig ist, was der deutsche Anarchosyndikalist Rudolf Rocker in seinen Memoiren über die „preußische Polizeiwirtschaft“ sagt: „dass in einem Militärstaate wie Deutschland die Gewalt von oben nur durch die Gewalt von unten beseitigt“ werden könne.

Florian Rötzers Einwand, der Ansatz von Morelli und Censolo sei korrekt, doch

„eigentlich fehlt ein genauerer Blick, finde ich, vor allem auch, inwiefern Epidemien im 19. Jahrhundert oder früher unter doch sehr anderen Umständen mit heute vergleichbar sein können“

(Email an den Autor)

mag auch auf meinen Vergleich zwischen Rockers Preußenkritik und der heutigen Regierung zutreffen.

Sicher haben viele Bedingungen sich geändert, aber die von Morelli und Censolo erkannte Struktur der (nicht nur finanziellen, auch moralischen) Schuldabwälzung auf die schwächsten Glieder der Gesellschaft scheint ein historisch sich durchhaltendes Element zu sein.

Es mag richtig sein und bis heute gelten, dass Drill und geistlose Verwaltung zwar zu einer erfolgreichen teilweisen Selbstversklavung der Bevölkerung führen („die niedrigen Werte haben wir unserer Disziplin und dem Erfolg der Maßnahmen zu verdanken“) – Rocker nennt das „Massendressur und Kadavergehorsam“ – doch auf Dauer kann es nicht gelingen, mit Einschüchterung gegen das Volk zu regieren. Die notwendige Kooperation, aus der allein etwas sinnvolles Neues entsteht, lässt sich nicht erzwingen.

In der Schweigespirale

Insofern können wir den Text von Morelli und Censolo auch so verstehen, dass die unheimliche Ruhe, die wir jetzt während COVID erfahren, nicht unbedingt das widerspiegelt, was uns die Medien täglich eintrichtern: dass 70% der Bevölkerung mit den Maßnahmen der Regierung (somit auch den menschlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen) einverstanden sind.

Vielleicht sitzen wir nur fest in einer temporären „Schweigespirale“ (interessant hierzu dieses) – ein Begriff, erfunden von der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann, der besagt, dass eine Mehrheit sich nicht traut, ihre Meinung zu sagen, wenn sie meint, sie sei in der Minderheit.

Erst wenn – nach der Pandemie – (Selbst-)Vertrauen oder Kampfgeist wieder erwachen, werden wir wissen, was wir alle bereit sind hinzunehmen.

Nicht viel mehr sagt auch die Stelle über die „sanfte Kontrolle“: der „schwache“ König Louis Philippe hat weder den „starken Mann“ markiert und alle Gegner feudaler Verfügungen mit dem Polizeiknüppel kujoniert, noch hat er versucht, Lösungen für die soziale Misere zu erarbeiten. Das hat sich später gerächt.

In einer medial-autoritären Demokratie wie unserer, die sich mit Beherbergungsverboten schmückt und ohnehin schon gestrafte Leute aus sog. „Risikogebieten“ pauschal als virale Bomber stigmatisiert, die schön zu Hause bleiben sollen, ist der Polizeiknüppel zwar verpönt – doch der elegante TASER könnte schon bald den postepidemialen Zorn beherrschen helfen.

Kaum ein Querdenker, so wohl die Hoffnung der Verfechter der “harten Linie”, der nach der Schockbehandlung mit der Elektrowaffe noch den Mund auftun wird. Aber ob das etwas an den gesellschaftlichen Verhältnissen verbessert?

So gilt wohl bis heute, was der Mainzer Jakobiner und Landsmann von Rocker, Georg Forster, am Neujahrstag 1793 formulierte:

“Keinem anderen Menschen kann man es auftragen, Wahrheit für andere zu suchen und dadurch die Vernunft anderer außer Tätigkeit zu setzen. Wer sich für die ausschließende Wahrheitsquelle ausgibt, ist der Feind des Menschengeschlechts, der Lügner von Anfang, der die Vernunft schon im Keim ersticken und die Menschen um ihr einziges Gut, um ihre Moralität, welche sich auf eigene Beurteilung und freien Willen gründet, betrügen will.”

Nurökonomie

Das Theater der Gesundheit und der Finanzkapitalismus

Um die im Wert wachsende Warenmasse in Zirkulation zu bringen, ist eine immer größere Geldmenge notwendig. Diese wachsende Geldmenge muss eben – beschafft werden.

Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals, 1913, S. 131

Heute wird die kollektive Alltagspraxis immer freudloser. Der einrastende Mechanismus einer allgemeinen und fortschreitenden Denkfixierung auf Nurökonomie und die schrittweise Verflüchtigung aller geistigen Erlebnisse haben inzwischen eine hochgradige allgemeine Gemütskrankheit als normalen Zustand herbeigeführt.

Ernst Herhaus, Der zerbrochene Schlaf, 1978, S. 161

Mein Beitrag zur Nurökonomie erscheint aus Anlass der Veröffentlichung eines Zwei-Teilers von Bert Papenfuß in DIE AKTION. „Politische Gerechtigkeit“ und der Text über Eigentum mit dem schönen lyrischen Titel Von „Ich und Meins“ und „Du und Deins“ zu „Unsereins“ sind beides Auszüge aus dem Buch SŸSTEMRELEVANZ. Schriften aus dem Vorlaß von Sepp Fernstaub, Bd. 1., das im Herbst 2020 im Berliner Quiqueg-Verlag heraus kommen wird.

Systemrelevanz ist ein Begriff, der in den Monaten seit dem Lockdown eine neue Relevanz erhalten hat. Systemrelevanz und Finanzkapitalismus spielten bereits in meinen Beiträgen Diffuse Angst und Einübungen in den Ausnahmezustand eine – wenn auch eher untergeordnete – Rolle.

Mit „Nurökonomie“ greife ich nun noch einmal Fragen auf, die Bert Papenfuß in seinen beiden Textauszügen stellt. Mein Blick geht dabei nur scheinbar zurück in die letzten Jahre – der Text und die in seinem Zentrum stehenden Zitate wollen unser Sensorium schärfen für die Vorschau kommender Entwicklungen, die wir prinzipiell aus den diversen Staats-, Politik-, Wirtschafts- und Finanzkrisen der letzten Jahre kennen. Der Blick zurück soll uns ermöglichen zu prognostizieren, wohin uns die aktuellen Coronamaßnahmen in Kürze bringen werden.

Echokammer. Es ist kaum noch zu leugnen – wir sind alle Kranke. Kein halbes Jahr ist es her, da fühlten wir Spaß bei jeder Bewegung, bei jeder Berührung im Getümmel, bei jedem Schweißausbruch in der ertanzten oder ertrunkenen Ekstase. Wir hingen verzückt aneinander und tauschten unsere Säfte aus.

Jetzt sind wir starrverschreckt, halten eingeschüchtert Abstand und wer außer sich gerät, seine Disziplin vergisst, ist kein bewundernswerter Jünger des erweiterten Bewusstseins, sondern ein Kostgänger der kollektiven Gesundheit. Ein verantwortungsloser Ignorant, der sein Verhalten krass ändern muss. Ein Irrer, der leichtfertig Kranke abschreibt und massenweise Tote hinnimmt.

So jedenfalls schreiben es mir meine Freunde. Mir, den sie für einen „kruden Impfgegner“ halten, weil ich den vermeintlich alternativlosen Konsens anzweifele, Fragen stelle, die bei ihnen als Behauptungen ankommen und die angeblich in meiner „Echokammer“ keine Gegenrede dulden.

Ich habe diese Sätze meiner Freunde in ihrer ganzen Tragweite, mit ihren nur halb offen ausgesprochenen psychischen Implikationen erst verstanden, als ich in der eingangs zitierten, schonungslosen Selbstanalyse von Ernst Herhaus den Gedanken zur „Nurökonomie“ als Auslöser einer hochgradigen allgemeinen Gemütskrankheit als Normalzustand las.

Die Nurökonomie treibt uns durch ihr Wirtschaften in die Krankheit. Aber keine Angst. Sie weiß Abhilfe: nurökonomische. Es ist ein münchhausenisches Dilemma. Die Lüge der Selbsterrettung entspringt der Logik einer Wissenschaft vom Wirtschaften, die eigentlich nur ein Glaubensbekenntnis ist.

Wo nur ein Prinzip der Welterklärung noch vorkommt, kann der Auslöser des Problems auch die Lösung liefern. Das behaupten nicht nur (Bio- und Geo-) Ingenieure und (genetische) Mediziner. Das verfolgen mit Vehemenz vor allem jene Berufsgruppen, die mit Geld arbeiten. Nurökonomie lässt den Honig bergauf fließen – wenn alle mitspielen.

Geld. Eine Leseempfehlung, die ich nie müde werde zu wiederholen: Emile Zolas Roman “Geld” (L’Argent, 1891). Es ist ein Text von ungeahnter Aktualität.

Das hat zwei Gründe: Der Text räumt vor 130 Jahren schon radikal mit der Idee auf, die uns bis heute erfolgreich suggeriert, der Kapitalmarkt sei ein naturwüchsiges Ding, eine Art „Ökosystem“, das wie die Natur selbst ihren eigenen Gesetzen gehorche und nicht ersetzbar sei.

Der zweite Grund: Zolas zentrale Metapher, den Finanzmarkt als eine Theaterbühne zu verstehen, erinnert frappierend an das aktuelle Geschehen rund um die mediale und politische Inszenierung der Pandemie.

Zolas Thema: Das Kapital konzentriert sich in den Händen weniger. Es wird zur begehrtesten Ware, hinter der alle anderen Waren als nahezu bedeutungslos zurückfallen. Um diese Erkenntnis zu vermitteln, lässt Zola mit Saccard eine Titelfigur auftreten, die persönlich erleidet, wie der Kampf “Mann gegen Mann” vom Spiel um Zahlen abgelöst wird. Der Motor der Handlung ist nicht mehr die Person des Bankiers, sondern das Geld selbst. In Saccard zeigt sich erstmals die magnetische Macht der virtuellen Vergrößerung von abstrakten Vermögen, die bis heute das Geschäft bestimmt.

Theater. Zola beschreibt mit der Pariser Börse eine Soziosphäre, die einem Theaterhaus gleicht. Es gibt unveränderlich festgelegte Orte für alle Teilnehmer des Spektakels: die Bühne, den Schnürboden, den Zuschauerraum, das Foyer und insbesondere das Theatercafé, in dem in den Pausen die geschäftlichen Anbahnungen passieren, die Tipps kursieren.

Wenn etwas schief geht, flitzen die Akteure durch „Wurmlöcher“ von der Vorderbühne in das Dunkel der Unterbühne und bedienen dort munter die Hubpodien, auf denen ihre Doubles ins Licht getragen werden – auf dass das Schauspiel weiter gehe.

Architektur. Zola betrachtet die “Welt” des Finanzkapitals aus der Vogelperspektive. Als schaue er zusammen mit dem Bauherren einen Architektur-Plan an, ordnet er Orte bestimmten ökonomischen Funktionen zu.

Im Zentrum steht das “Corbeille”, das “Körbchen”, auch “Börsenring” genannt, der Handelsplatz, zu dem nur die akkreditierten, die gesetzlich zugelassen Makler der Börse Zugang erhalten. Das “Parkett”, auf dem sie tätig sind, steht für den “Markt der Wertpapiere”. Hier wird „spekuliert“ – ein Wort, das man durchaus zwei mal lesen darf.

Zola rekonstruiert, ohne eine einzige abstrakte Zeile in seinen Romantext einfügen zu müssen, den Glauben an die Wirtschaft als Wissenschaft. In der brillant gezeichneten Manege des Corbeille agieren fiskalische Artisten. Sie arbeiten ohne Netz. Das ist riskant. Es lohnt sich aber. Meist. In ihrem Handeln ist keine Spur von Erkenntnissen zu finden über die wesentlichen Eigenschaften, kausale Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Natur, Technik, noch des Denkens, das in Form von Begriffen, Kategorien, Theorien oder Hypothesen fixiert wäre. Von einer wissenschaftlichen Ethik ganz zu schweigen.

Kurz: der Finanzmarkt ist unwissenschaftlich.

Denn Absprachen unterliegen keinen marktwirtschaftlichen Gesetzen. Ebensowenig wie Rating eine Werttheorie ist. Wirtschaft ist ein Geschäft. Die Regeln sind ebenso vermittelbar, wie ein speziell authentischer Körperausdruck an der Schauspielschule lehrbar ist (bspw. durch method acting). Das aber ist bar jeder „scientia“. Auch „bar“ ist ein Wort, das man in diesem Kontext gern zweimal lesen darf.

Im Finanzmarktgeschäft beruht alles auf Überzeugungskraft, Vertrauen, Geschick – und Beziehungen, Beziehungen, Beziehungen. Das Stück, das die Finanzdienstleister täglich neu aufführen, hat ein Skript, das keinerlei geheime Mechanismen birgt. Das gilt, auch wenn die Kunst, den richtigen Text zu sprechen, all die fremden Fachbegriffe korrekt zu intonieren, nicht jedem gegeben ist.

Die Darbietung ist ihrer Form nach ein bisweilen gewaltig anschwellendes, schnell und immer schneller herunter gespieltes Dramolett, für dessen endlos wiederholte Aufführung die Darsteller sich selbst das Budget gewähren, es nach ihren Wünschen frei gestalten. Letzteres ist das wahre Wunder in diesem Spiel. Weil das so mühelos gelingt, hat ihr Stück die ganze Welt zum Publikum.

Spekulation. Alles ist verkäuflich auf dem internationalen Finanzmarkt. Ob es sich um ein Bauprinzip der Natur, ein Netzwerk persönlicher Beziehungen oder ein geplatztes Geschäft handelt – alles kann zur Ware, zum Objekt einer Spekulation werden.

Bildung, Arbeit, Ernährung, Gesundheit, Sicherheit, Energie, Klima – alle Lebensbereiche sind im Fokus des Finanzsystems, offen für Einsätze in einem Spiel ohne Rücksichten. Käufer und Verkäufer sind nicht mehr, was sie einmal waren: heute handeln superschnelle Maschinen den Preis für einen Deal unter sich aus. Menschen, so scheint es zunehmend, spielen dabei eine sekundäre Rolle. Doch die regeln des Rollenspiels stammen nicht von den Maschinen, sondern von ihren Bedienern.

Die Krise des globalen Finanzsystems ist längst nicht mehr auf die Sphäre der Ökonomie beschränkt. Sie hat viele Lebensbereiche erfasst: Alltag und Familie, Identität und Werte, Kultur, Umwelt, Wissenschaft und Forschung, den Aufbau der Gesellschaft und die Verteilung des Wohlstandes, unser Rechtssystem und nicht zuletzt die Politik und ihr Verständnis von Staat und Demokratie.

Wandel. In einer Finanzkrise befinden wir uns daher stets auch in einer Gesellschaftskrise. Krisen sind nicht nur integraler Bestandteil unseres Alltags und Wirtschaftslebens. Sie scheinen ein Teil der notwendigen Stimulanz für das unerlässliche und unablässig erwartete Wirtschaftswachstum zu sein. Welche Auswirkungen dies hat, zeigen die nachfolgenden Zitate, die aus der Recherche zu „SUPRAMARKT“, meinem Essayband über die Folgen der 2008er Finanzkrise stammen. Die Zitate sagen: wir kennen jede einzelne Auswirkung jeder früheren Krise – aber lernen wir daraus?

Natürlich könnte man einwenden, dass die Auswahl der Zitate nicht repräsentativ sei für das weltpolitische Geschehen, dessen Zeitraum sie abdecken. Das ist sicher richtig. Es sind eher Blitzlichter, die kleine Ausschnitte im großen Dunkel erhellen. Und sie sind sicher tendenziös ausgewählt. Natürlich liegt es mir näher, Zitate von Gleichgesinnten zu veröffentlichen. Mit Steve Wright habe ich bis zu seinem Tod zwanzig Jahre lang zusammen gearbeitet. Martin McKee hat zu einem Sammelband von mir beigetragen. Es lassen sich fraglos Zitate finden, die das genau Gegenteil belegen. Aber neben der Frage der Ausgewogenheit geht es mir bei der Auswahl vor allem um eins: die Dimension der Auswirkungen einer Krise auf alle Lebensbereiche schlaglichtartig erkennbar zu machen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was es konkret bedeutet, wenn man von „gesellschaftlichem Wandel“ spricht.

Ernährung. Spanien hat derzeit die höchste Arbeitslosenquote in ganz Europa. Wenn die Leute ihr Einkommen verlieren, bleibt ihnen irgendwann nur noch eine staatliche Minimalversorgung. Ich untersuche, was das für Auswirkungen auf die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse hat. Dazu gehört vor allem das Essen. …Die Leute gehen zu IKEA, weil dort ein Frühstück für einen Euro zu kriegen ist. Ganze Familien machen das. Sie essen dann zum Beispiel Hot Dogs. So können sie für einen Euro ihren Hunger stillen. Eine vernünftige Ernährung ist das aber sicher nicht. Es sind auch Untersuchungen darüber veröffentlicht worden, dass Probleme mit Übergewicht in Spanien zunehmen. Das ist eine Folge von Fehlernährung und passiert, wenn man gesunde Essensgewohnheiten umstellt. Und wie gesagt: 40 Prozent der spanischen Haushalte haben genau das getan wegen der Finanzkrise.

Maria del Pilar Valledor, Juristin an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid; Zitat aus der Sendung “Keine Arbeit, schlechtes Essen, Die Folgen der Finanzkrise in Spanien machen sich besonders bei der Ernährung bemerkbar.” von Volker Mrasek, Deutschlandradio, 5.4. 2013

Gesundheit. Die Europäische Kommission ist per Abkommen dazu verpflichtet, die Auswirkungen ihrer Politik auf die Gesundheit zu prüfen. In Griechenland forderte die Troika (gemeinsames Kontrollgremium der Europäischen Zentralbank, des Internationalen Währungsfonds und der EU-Kommission, d.Red.) einen so strengen Sparkurs mit Einschränkungen bei der Fürsorge, der Bildung und der Gesundheitsversorgung, dass das Land wenig Möglichkeiten hat, auf die eskalierende soziale Krise zu reagieren.

Martin McKee, European Observatory on Health Systems and Policies 2013

Sparmaßnahmen sind jedoch nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein gesundheitlicher Misserfolg, da die Zahl der Selbstmorde zunimmt und immer mehr Menschen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, wenn die Gesundheitsbudgets gekürzt werden. Dennoch bleiben ihre Geschichten weitgehend unerzählt. Hier argumentieren wir, dass es eine Alternative zur Sparsamkeit gibt, aber dass die Ideologie über die Beweise triumphiert.

Marina Karanikolos, Paul Belcher und David Stuckler et al., Austerity: a failed experiment on the people of Europe, in: Klinische Medizin, 2012, Band 12, Nr. 4: 346-50

Die Finanzkrise in Europa hat große Gefahren und Chancen für die Gesundheit mit sich gebracht. … Obwohl es viele potenziell verwirrende Unterschiede zwischen den Ländern gibt, legt unsere Analyse nahe, dass, obwohl Rezessionen Gesundheitsrisiken bergen, die Wechselwirkung von fiskalischen Sparmaßnahmen mit wirtschaftlichen Schocks und schwachem Sozialschutz das ist, was letztlich die Gesundheits- und Sozialkrisen in Europa zu eskalieren scheint. Politische Entscheidungen darüber, wie auf Wirtschaftskrisen zu reagieren ist, haben ausgeprägte und unbeabsichtigte Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit. Doch die Stimmen der öffentlichen Gesundheit blieben während der Wirtschaftskrise weitgehend stumm.

Philipa Mladovsky, Jonathan Cylus, Sarah Thomson, Sanjay Basu, u.a., Finanzkrise, Sparmaßnahmen und Gesundheit in Europa, in: The Lancet, Band 381 Nr. 9874 S. 1323-133, 13. April 2013

Klima. Während einige Wissenschaftler die Notwendigkeit nachhaltiger Lösungen einsehen, zeigen die jüngsten wirtschaftlichen, politischen und militärischen Krisen, wie weit die Menschheit von einer solchen Einsicht bei den Regierenden noch entfernt ist. Armut, Wasser-, Nahrungsmittel- und Brennstoffknappheit sind Teil eines Systems globaler “struktureller Gewalt”. Sehr arme Menschen werden die Hauptlast der Folgen des Klimawandels zu tragen haben, und sie können ihre politische Führung zu Recht der Korruption und der Unversöhnlichkeit gegenüber dem Schicksal und dem Leid der Menschen beschuldigen. Eine solidarische Annäherung solcher Wahrnehmungen kann eine Sicherheitskrise hervorrufen, die Tausende oder sogar Hunderttausende von Menschen auf die Straße schickt, wie im Januar 2011 in Ägypten. Alle klimabedingten Konflikte der Zukunft werden wahrscheinlich keine reinen Typen sein, sondern aus einem komplexen, gemischten Amalgam von Ursachen und Folgen bestehen.

Steve Wright, Grenzpolizierung in einer Zeit des raschen Klimawandels, in: Klimawandel, menschliche Sicherheit und gewalttätige Konflikte: Herausforderungen für die gesellschaftliche Stabilität, Hexagon Series on Human and Environmental Security and Peace Nr. 8, 2012, S. 353

Sicherheit. Wenn die Umweltforschungsgemeinschaft der breiter angelegten Sicherheitsarchitektur nicht mehr Aufmerksamkeit schenkt, wird sie die flexiblen staatlichen Sicherheitskonzepte nicht verstehen … Wenn schließlich Temperaturanstiege von 4 Grad Celsius oder darüber hinaus zu erwarten sind, werden sich die meisten Staaten bewusst sein, was das im Hinblick auf ein negatives künftiges Wirtschaftswachstum und die damit verbundenen sicherheitspolitischen Implikationen bedeuten könnte.Eine solche Neuausrichtung dieser Sicherheitskontrollkapazitäten zur technischen Lösung des “Problems” der klimabedingten Migration erfordert keine neue Gesetzgebung. Wer seine Grenzen aufgrund von durch den Klimawandel verursachten Wetterturbulenzen, Versagen der Nahrungsmittel-, Wasser-, Energie- und Gesundheitssysteme oder damit verbundenen Konflikten verlässt, hat keinen besonderen rechtlichen Status – außer als potenziell illegaler Migrant.

Steve Wright, Grenzpolizierung in einer Zeit des raschen Klimawandels, in: Klimawandel, menschliche Sicherheit und gewalttätige Konflikte: Herausforderungen für die gesellschaftliche Stabilität, Hexagon Series on Human and Environmental Security and Peace Nr. 8, 2012, S. 353

Rechtssystem. Die vorherigen Zitate erinnerten mich dann an diesen Klassiker, den ich nicht vorenthalten möchte:

Wir besitzen etwa 50% des Reichtums dieser Welt, stellen aber nur 6,3% seiner Bevölkerung. … In einer solchen Situation kommen wir nicht umhin, Neid und Missgunst auf uns zu lenken. Unsere eigentliche Aufgabe in der nächsten Zeit besteht darin, eine Form von Beziehungen zu finden, die es uns erlaubt, diese Wohlstandsunterschiede ohne ernsthafte Abstriche an unserer nationalen Sicherheit beizubehalten. Um das zu erreichen, werden wir auf alle Sentimentalitäten und Tagträumereien verzichten müssen; und wir werden unsere Aufmerksamkeit überall auf unsere ureigensten, nationalen Vorhaben konzentrieren müssen. Wir dürfen uns nicht vormachen, dass wir uns heute den Luxus von Altruismus und Weltbeglückung leisten könnten … Wir sollten aufhören von vagen … (und) unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von nüchternem Machtdenken geleitet sein muss. Je weniger wir dann von idealistischen Parolen behindert werden, desto besser.

George Kennan, Chefplaner im US-Außenministerium, 1948 im Policy Planning Staff-Bericht PPS 23

Selbsthilfe. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal zurück kommen auf den anfänglichen Gedanken, dass wir alle Kranke seien, oder genauer, im Sinn unserer immer notwendigeren Foucault-Lektüren: als Kranke vom nurökonomischen System definiert werden. Durch Zuschreibungen wie Krankheit sind wir besser handhabbar, leichter zu steuern, leichter in Umsatz zu verwandeln.

An Gesunden ist natürlich auch genug zu verdienen. Aber man muss mit dem Eigensinn der Gesunden rechnen. Wer krank ist, begibt sich williger in die Hände derer, die für ihn das Denken und Handeln übernehmen (und die Märkte sichern) wollen. Daher rührt die Kriegsmetapher von Emmanuel Macron. Dem Krieg ist alles unterzuordnen. Insbesondere der Eigensinn. Wer krank ist, muss sich erst noch emanzipieren.

Ernst Herhaus notiert auf Seite 32 seines Journals “Der zerbrochene Schlaf”:

Zum Kriege: schon der Vietnamkrieg war zuletzt mit Sicherheit keine Auseinandersetzung mehr über die Willensfreiheit, sondern ein reiner Geldkrieg, verlagert nach Südostasien, weil in diesem Teil der Welt die Verschleierung öffentlicher Tatsachen noch aussichtsreich schien. Das ist misslungen. Die Welt ist als Schauplatz für Kriege an jedem Punkt heute einsehbar, mit dem Scherenfernrohr der bis heute gesammelten geschichtlichen Erfahrungen aller Kontinente. Aber die Geschäftswelt weiß Auswege. (Ich hatte)… eine Wachvision: ich sah Bilder aus einem nicht erklärten ganz anderen Weltkrieg, Vernichtungsbilder aus einem Krieg der organisierten Weißen Industrie (fossiles Medizinertum, Psychoanalyse und Pharmaindustrie, unterstützt von feigen Regierungen und vom Abstimmungslärm der Parlamente, die nicht vorzugehen wagen gegen diese Interessenklüngel mit dem Schutzschirm sogenannter Wissenschaftlichkeit) gegen die nicht organisierten Kranken aller Schattierungen.Es ist nicht die Frage, welche Sorte von Krieg kommt oder schon unter uns tobt … – die Frage ist ernster: ob in diesem Kontinent Europa, der alt genug geworden ist, um erwachsener zu werden in einem unausbleiblichen schrittweisen Tiefpunkt, die Idee von Selbsthilfe durch Fremdhilfe eine politische Dimension finden kann, die die Alltagsmenschen aus dem bleiernen Schlaf der verordneten Depressivität aufrüttelt. Nicht Machtpolitik, sondern bedingungslose Kapitulation vor der erreichten Übermacht der Krankheit aller, das Stehenlernen in nüchtern zur Kenntnis genommener Machtlosigkeit als Ende der Ohnmacht aller ist die Voraussetzung.

Theater der Gesundheit. Jetzt haben wir eine Menge Thesen auf dem Tisch. Wie verbinden sie sich mit der gegenwärtigen Situation? Ich greife ein aktuelles Beispiel heraus, um die zentrale Annahme des Textes zu belegen, dass es sich bei der aktuellen „Krise“ um eine weitere finanzkapitalistische Operation handelt, die im zolaschen Sinn als ein „Theater der Gesundheit“ inszeniert wird.

Folgende zwei Informationen scheinen mir dafür in einem erhellenden Widerspruch zu stehen:

1. die Präsidentin der EU Kommission Ursula von der Leyen hat mit dem Pharma-Giganten Sanofi-GSK einen Vertrag über die Lieferung von 300 Millionen Dosen Impfstoff ausgehandelt. Nachzulesen in der Presseerklärung der EU vom 31. Juli 2020, Brüssel

In den Worten der Präsidentin: „Die Europäische Kommission tut alles in ihrer Macht Stehende, um sicherzustellen, dass die Europäer schnellen Zugang zu einem Impfstoff haben.“ Was alles „in ihrer Macht steht“, um das auch rechtlich und technisch zu ermöglichen, dokumentiert die EU durch – wenig wahrgenommene – Weichenstellungen.

Es scheint, es geht nun recht zügig vieles über Bord, was zuvor mühselig erkämpft wurde. Nur kurz zwei Beispiele.

– das Ärzteblatt berichtet, eine Impfpflicht wäre rechtlich doch möglich

– der Rat der EU verlautet in seiner Pressemitteilung vom 14. Juli 2020, um alle aussichtsreichen Impfstoffkandidaten rechtlich abzusichern, sei ein Ausnahmegesetz zur Entwicklung von GMO-haltigen, gentechnikbasierten Impfstoffen beschlossen: Vaccine against COVID-19: Council adopts measures to facilitate swift development

81%. Vor welchem medizinisch belegbaren Hintergrund finden diese harschen Eingriffe in die existierende Gesetzeslage statt?

Hier die zweite, im deutlichen Widerspruch zu den Aktivitäten der EU-Kommission stehende Information: Achtunddreissig Forscher von sieben Instituten der Universität Tübingen, alle aus dem Umfeld der Immunologie-Forschung, haben gemeinsam mit einer in Tübingen ansässigen Firma (Immatics Biotechnologies GmbH) und dem Universitätsklinikum Tübingen, sowie dem Helmholtz Centre for Infection Research, Braunschweig einen Bericht unter dem Titel SARS-CoV-2 T-cell epitopes define heterologous and COVID-19-induced T-cell recognition, veröffentlicht, der kurz ausgedrückt besagt, dass bei 81 % der Untersuchten eine (Teil-)Immunität gegen SARS-Cov-2 durch andere (frühere) Coronaviren besteht.

Ohne die medizinischen Frage über Gebühr zu vertiefen, was ich mangels Kenntnis gar nicht könnte, geht es in dem Bericht (und seiner fachlichen Rezeption) darum, dass bislang nur das Vorhandensein von Antikörpern getestet werden, die aber kurz nach der Infektion (zwei Wochen) ohnehin wieder verschwinden. Praktisch niemand testet aber die viel aussagekräftigere T-Zellen Reaktion. Mehr als eine T-Zellen Reaktion, die also hochgerechnet (darf man das?) 81% der Deutschen bereits aufweisen könnten, bewirkt aber auch kein Impfstoff.

Es sei denn – und hier kommen wir vielleicht zum Kern der Studie – man liest es so:

“Unsere Daten liefern den ersten Beweis dafür, dass im Gegenteil die Intensität der T-Zell-Reaktionen nicht mit dem Schweregrad der Erkrankung korreliert. Dies ist von hoher Relevanz für die Entwicklung von Impfstoffen, da es Hinweise darauf liefert, dass krankheitsverschärfende Effekte die Entwicklung prophylaktischer und therapeutischer Impfansätze, die darauf abzielen, SARS-CoV-2-spezifische T-Zell-Reaktionen zu induzieren, nicht behindern könnten.” (Seite 10, 4. Absatz)

Logisch scheint mir das zwar nicht – aber – man versteht: dahin geht der Zug! Man kann auch (teil)immunen Leute noch guten Gewissens einen (von Tübinger Experten zu entwickelnden Spezial-)Impfstoff spritzen.

In Tübingen – doch keine freie Wissenschaft, sondern nur ein weiterer Fall von (finanzmarktinduzierter) Geschäftemacherei?

Auf Seite 16 der Studie heisst es zudem: die beteiligten Forscher Daniel Kowalewski und Vlatka Stos-Zweifel sind Angestellte der Immatics Biotechnologies GmbH. Ein weiterer Autor, Hans-Georg Rammensee, ist Shareholder bei Immatics Biotechnologies GmbH und ebenso bei der Curevac AG (Dietmar Hopp, Bill & Melinda Gates). Alle anderen Autoren erklären, keine Interessenkonflikte finanzieller Natur zu haben. Als Leser der Studie weiß man natürlich nicht, welchen Einfluß auf das Gesamtergebnis Hans-Georg Rammensee genommen hat. Man weiß nur, dass er mutig ist, denn im Mai 2020 unternahm er einen Selbstversuch mit einem von seiner Arbeitsgruppe entwickelten Covid 19-Impfstoff. Die Süddeutsche hat ihn deswegen den “Ungeduldigen” getauft.

Die deutschen Forscher stehen mit ihren Untersuchungsbefunden nicht alleine da. Eine britische Studie mit dem Titel „Pre-existing and de novo humoral immunity to SARS-CoV-2 in humans“, fand, dass bis zu 60% der Kinder und Jugendlichen und circa 6% der Erwachsenen bereits über kreuzreaktive Antikörper gegen das neue Coronavirus verfügen, die durch den Kontakt mit bisherigen Coronaviren entstanden sind.

Eine Studie im Fachblatt Nature kam im Falle von Singapur zudem Ergebnis, dass Personen, die 2002/2003 an SARS-1 erkrankt waren, auch 17 Jahre später noch über T-Zellen verfügten, die auch gegen das neue SARS-2-Coronavirus reaktiv sind. Zudem fanden die Forscher bei rund der Hälfte der Personen, die weder an SARS-1 noch an SARS-2 erkrankt waren, bereits kreuzreaktive T-Zellen, die durch den Kontakt mit anderen, teilweise unbekannten Coronaviren entstanden sind.

Der Harvard-Immunologe Michael Mina erklärte in der NY Times, dass das “Abfallen der Antikörper-Konzentration” nach einer Covid-Erkrankung „völlig normal“ und “wie im Lehrbuch” sei. Der Körper stelle die längerfristige Immunität durch T-Zellen und Erinnerungs­zellen im Knochenmark sicher, die bei Bedarf rasch neue Antikörper erzeugen können.

Mir ist vollkommen bewusst, dass es sich mit diesen Berichten wie mit den Zitaten verhält: monatlich erscheinen derzeit 50 solcher Fachgutachten weltweit, förmlich hunderte davon über Immunreaktionen. Es lassen sich sicher Belege für alles finden, je nachdem wie „frei“ die Wissenschaftler arbeiten, wie unabhängig von ihren Geldgebern.

Die geschützten Geheimnisse der Demokratie. Nehmen wir zu Gunsten unserer demokratisch befestigten Forschungslandschaft an, in Schwaben herrsche noch, trotz Curavec und plattformkaitalistischen Gigantinvestments in das Cyber Valley, eine gewisse Forschungsfreiheit. Vorausgesetzt also, diese Informationen sind korrekt und belastbar, und rechnet man die Zahlen auf den europäischen Maßstab hoch, so sind 600 von 750 Millionen Europäern mit T-Zellen-Reaktivität unterwegs, die durch Impfen kaum zu verbessern wäre.

Denn eins von beiden muss ja stimmen – entweder ist niemand richtig geschützt durch die Teilimmunisierung, dann sind 300 Millionen Dosen für 750 Millionen Europäer zu wenig: wer bekommt dann nichts? Oder aber es sind 150 Millionen Dosen zu viel bestellt worden: ganz schön großzügig mit dem Geld umgegangen! Kann die Wahrheit in der Mitte liegen? Sind bis Oktober 2021 etwa 450 Millioenn Europäer “von alleine” immun und nur die restlichen 300 Millionen benötigen noch ihre Dosis? Ich zweifele daran. Ich finde aber auch keine gute Quelle, wo die Grundlage für die Bestellung von Frau von der Leyen plausibel erklärt wäre, noch wer sie eigentlich dazu beauftragt hat. Sicher ist das irgendwo publiziert. Aber wie schon Jörg Schröder so schön sagte in seinem Buch “Siegfried”: “Die am besten geschützten Geheimnisse der Demokratie sind die veröffentlichten.”

Ich bin mir bewusst, dass ich mich hier auf das nächste Glatteis begebe mit solchen Hochrechnungen: das statistisch-mathematische Glatteis. Bitte schnallen Sie kurz Ihre Schlittschuhe unter und folgen mir noch einen Schritt. Denn auch die Politik benutzt die gleichen spekulativen Rechenmodelle zur Begründung ihrer Milliardeninvestments.

Spekulativ ist das dritte Wort in diesem Text, dass man zweimal lesen darf. 16 Milliarden sind bereits jetzt, bis Ende Juli 2020, investiert von der EU, als ihr Anteil an „Coronavirus Global Response“, der globalen Aktion für den universellen Zugang zu Tests, Behandlungen und Impfstoffen. 16 Milliarden, bevor Sanofi profitiert.

Bereits im April 2020 hatte die EU-Kommission unter von der Leyen 100 Millarden Kredit zur Weitergabe an die von den Pandemie-Beschränkungen wirtschaftlich besonders hart betroffenen Länder aufgenommen. Obwohl dem Programm der euphemistische Name “SURE” (zuverlässig, sicher) gegeben wurde, protestierte die Bundesbank, dass dies rechtlich nicht sauber war. Ob das stimmt oder nicht: es zeigt sich daran etwas anderes: dass nicht überlegt wird, wie man die Schutzmassnahmen angesichts der Pandemie so gestaltet, dass sie den Europäern ein Durchkommen aus eigener Kraft ermöglichen oder wie man in der Breite der vorhandenen wirtschaftlichen Struktur alle schützt. Man überlegt nur, wie viel Geld man wie schnell herausgeben kann, um “systemrelevante” Großbetriebe zu stützen.

Niemand wird sicher sein, bis alle sicher sind.“ Zurück zum Impfstoff. Es stellt sich jedenfalls die Frage: für wen bestellt Präsidentin von der Leyen 300 Millionen Dosen, die Ende 2021 lieferbar sind, wenn Mitte 2020 eine (Teil-)Immunität dieser Größenordnung besteht?

Die Frage lässt sich am besten mit den eigenen Worten der EU-Kommission beantworten.

Die EU Kommission verkündet in ihrer Presseerklärung vom 31. Juli 2020 folgendes:

“Ein sicherer und wirksamer COVID-19-Impfstoff ist die sicherste Ausstiegsstrategie aus der Krise. Aus diesem Grund haben wir in den letzten Wochen über einen einheitlichen EU-Ansatz verhandelt, um die Dosen vielversprechender Impfstoffkandidaten zu sichern. Die heutige Ankündigung des Abschlusses der Sondierungsgespräche mit Sanofi-GSK ist der erste wichtige Schritt in diese Richtung, um unseren Bürgern einen gleichberechtigten Zugang zu dem Impfstoff zu ermöglichen” (Stella Kyriakides, Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit)

Weiter im Text der Presseerklärung:

Die heute abgeschlossenen Sondierungsgespräche sollen zu einem Vorabkaufsvertrag führen, der mit dem Instrument zur Unterstützung der Nothilfe finanziert werden soll. Dieses Instrument verfügt über Mittel, die für die Schaffung eines Portfolios potenzieller Impfstoffe mit unterschiedlichen Profilen und von verschiedenen Unternehmen hergestellt werden.   Die Europäische Kommission setzt sich auch dafür ein, dass jeder, der einen Impfstoff benötigt, diesen bekommt, überall auf der Welt und nicht nur zu Hause. Niemand wird sicher sein, bis alle sicher sind.“

Und etwas weiter heisst es:

„Da die hohen Kosten und die hohe Ausfallrate die Investition in einen COVID-19-Impfstoff für die Impfstoffentwickler zu einer risikoreichen Entscheidung machen, werden diese Vereinbarungen daher Investitionen ermöglichen, die andernfalls wahrscheinlich einfach nicht getätigt würden. … Obwohl wir heute noch nicht wissen, welcher Impfstoff am Ende am besten wirken wird, investiert Europa in ein diversifiziertes Portfolio vielversprechender Impfstoffe, die auf verschiedenen Arten von Technologien basieren.“

Investieren“, „Portfolio“, „Vorabkaufsvertrag“, „Finanzierungs-Instrument zur Unterstützung der Nothilfe“: das sind die Begriffe einer Gesundheitspolitik unter dem Eindruck einer Pandemie, die vielleicht schon vorüber gegangen ist.

Um der Gefahr des begründeten Vorwurfs einer sinnlosen Investition vorzubeugen, ergeht die Drohung: alle werden sterben, solange noch einer krank ist („Niemand wird sicher sein, bis alle sicher sind.“).

Enquete-Kommission statt EU-Kommission. Mir scheint, an diesem Punkt sollte ein altes Recht genutzt werden: die „die sicherste Ausstiegsstrategie aus der Krise“ wäre – statt einer Präsidentin aus EU-Mitteln das Aushandeln von Deals mit der Pharmaindustrie zu gewähren – die Einsetzung einer Enquete Kommission https://de.wikipedia.org/wiki/Enquete-Kommission. Sonst geraten wir alle in die Fänge einer Beschaffungskriminalität mit weißem Kragen. Die „schrittweise Verflüchtigung aller geistigen Erlebnisse“ durch Nurökonomie haben uns ohnehin schon mürbe gemacht und an den Rand einer „hochgradige(n) allgemeine(n) Gemütskrankheit“ gebracht. Zeit, daran etwas zu ändern.

Wat mutt, dat mutt

Es war Eckart Spoo, der mich 1991 mit der politischen Lesart des plattdeutschen Sprichwortes “wat mutt, dat mutt” konfrontierte. Als Redakteur der Frankfurter Rundschau und Herausgeber der Zeitschrift Ossietzky verfügte Spoo über ein höchst sensibel ausgebildetes Sensorium für sprachliche Formen staatlich-autoritärer Zumutungen.

Spoo war 1990 mehr zufällig in eine Performance unserer Gruppe BBM geraten, die wahrscheinlich zu den radikalsten zählte, die wir je inszeniert haben: “Im Grund sind wir alle Zeichen”. In einer Messehalle in Hannover hatten wir einen temporären Ausnahmezustand herbeigeführt, indem wir mehr als 1000 Menschen mit dem Versprechen einer künstlerischen Darbietung angelockt und dann alle Register der Panik-Mache gezogen hatten (Sprengstoff, Feuer, unkontrolliert durch die Menge rasende Primitiv-Roboter). Als schließlich die Messeverwaltung im irrigen Glauben, die Maschinen seien ans Stromnetz angeschlosssen, den Hauptschalter umlegte, erhellten nur noch die Brandherde die Szene. Ein schlecht dosierter Löschversuch mit ABC-Pulver machte das Chaos perfekt. Die Zuschauer mutierten in Sekunden zu Opfern und rannten in heller Aufregung mit improvisierten Nasenmundschützen durch die von giftigen Partikeln flimmernde Luft.

Spoo hatte eine Kopie des später legendären Flugblattes “Imperialismus und Inspiration” ergattert, das wir anonym verteilten. Er analysierte es ausführlich in der FR am Montag darauf. Die naheliegenden Kriegsassoziationen, die ihm als 1936 geborenen angesichts der von BBM inszenierten Bilder kamen, vermischten sich in seiner Reszension mit markigen Sätzen, die er zuvor in der Eröffnungsrede für die Show von Gerhard Schröder gehört hatte. Wie BBM Schröders Ruf nach mehr politischem Engagement und künstlerischer Radikalität eingelöst hatten, brachte Spoo mehr als zum Schmunzeln.

In seinem Beitrag zog Spoo schließlich in der für ihn typischen knappen, dichten Sprache eine Summe des Gesehenen:

“Ich erinnere mich noch an das Schriftbild: Alle Räder müssen rollen für den Sieg. Es stand an der Bahnhofsmauer, an der ich als Kind oft vorbei ging. Der Bahnhof war zerbombt. Wie sollte ich mir den Sieg vorstellen? Würden dann alle Räder still stehen dürfen? Das war nicht gemeint. Im Gegenteil. Der Krieg sollte möglichst viele Räder ins Rollen bringen. Damit mehr und mehr Räder rollten, musste Krieg sein. Früher nannte man es Pflicht. Heute nennt man es Verantwortung. Weltweite militärische Verantwortung. Wat mutt dat mutt. Früher sprach man vom gerechten Krieg. Heute vom notwendigen.”

Staatsräson, Entmündigung der Bürger und das Verbot des “Warum”. Mechanismen, die immer wieder einschnappen, wenn auch in Formen, die sich über die Jahrzehnte (1940, 1990, 2020) wandeln. Krieg gegen den Faschismus. Krieg gegen den Kommunismus. Krieg gegen den Virus.

Noch einmal Spoo: “Siegte, wer am wenigsten verlor? Oder wer am meisten erbeutete? Dann war mancher vermeintliche Sieger in Wahrheit Verlierer. Siegte allemal die Rüstungsindustrie?”

Solche Fragen und Vergleiche treiben mich um, wenn ich den kurzen, aber sehr treffenden Text von Philipp Mausshardt “Die maskierte Gesellschaft” lese, der heute als Nummer 10 der AKTION erschienen ist. Wohin geraten wir, wenn wir den Krieg gegen den Virus mit den aktuell gewählten Mitteln weiter fortsetzen? Mit Mitteln, die nicht hinterfragt werden dürfen, ohne dass ein Aufschrei durch die Presse geht. Mit Mitten, die von der Politik als alternativlos betrachtet werden. Wie setzen wir uns dagegen zur Wehr?

Eine mögliche Antwort könnt ihr am kommenden Wochenende in der AKTION lesen, wenn wir zwei Auszüge aus dem längeren Text SŸSTEMRELEVANZ von Bert Papenfuß als exklusiven Vorabdruck veröffenlichen.

Diffuse Angst – ein politisches Nervengift

Beitrag Nummer 2 in der Reihe “Enquete – analytische Präparate für die post-pandemische Gesellschaft

In dieser Reihe erscheinen auf meinem Blog Auszüge aus Texten, die als geistiges Rüstzeug für die Bewältigung aktuell anstehender Probleme dienen sollen. Keine “schwierige Lage” ist so neu und einzigartig, dass sie nicht schon Vorgänger gehabt hätte, aus deren bereits erfolgter gesellschaftlicher Bearbeitung wir etwas lernen könnten. Insofern ist “Enquete” gegen das Vergessen historischer Leistungen gesetzt. Enquete hilft uns, nicht gleich alle Errungenschaften der aufgeklärten Zivilisation, des in Generationen-übergreifender Arbeit erkämpften Humanismus zu opfern, nur weil uns eine nächste Seuche überfällt. Mit einer kurzen Einführung werden die Texte jeweils aktuell kontextualisiert.

Am 4. Juli 2020 habe ich hier einen Text veröffentlicht, in dem es um den Verdacht geht, dass die Krise 2008 kein Ergebnis einer Art von Naturkatastrophe namens Finanzkapitalismus gewesen ist, sondern schlicht der Ersatz für Krieg. Nur wenn zyklisch massiv Werte vernichtet werden, lässt sich unser Wirtschafts-System und das für sein Funktionieren bitter nötige endlose Wachstum realisieren. Bis vor einem Jahrundert besorgte das der Krieg – einer alle 25 Jahre. Die stetige Verfeinerung der Kriegstechnologie (“technical superiority” als Weltmacht-Faktor), sowie der Umstand, dass durch sie Konflikte tendentiell weltumspannend wurden, hat das Prinzip der zyklischen Wertvernichtung durch Krieg an seine Grenzen gebracht. Der nächste Krieg nach dem zweiten Weltkrieg hätte der letzte sein können. Die Auslöschung der Menschheit auf Knopfdruck schien mit ABC-Waffen möglich. Menschen aber sind auch für jede noch so frei drehende Wirtschaft “systemrelevant”.

Was also tun? Wie setzt man nach dieser Erkenntnis die gigantische kybernetische Maschine anders ein, jene Maschine, die bis 1989 das “Gleichgewicht der Schrecken” garantiert und verhindert hatte, dass die beiden ideologischen Hemisphären sich gegenseitig vernichten? Nichts lag näher, als die Kybernetik, die “Steuerung” hinter der Vernichtungsmechanik, direkt für die Wirtschaft zu instrumentalisieren. Solchen Überlegungen oder Phantasien (siehe hierzu auch Frank Schirrmacher, “Ego“) gingen wir von 2008 etwa bis 2012 nach. Wir fragten uns, wie nach dem “boom” (alles kommt auf den neuen online-Markt) und der “bubble” (e-commerce-Blase in den Nuller Jahren) der “blast” (das Zerplatzen der Blase) sich auswirken würde? Wie unsere Regierungen darauf reagieren, dass der Druck der Explosion viel von unserer gesellschaftlichen Solidität wegbläst. Doch “nach dem Sturm” herrschte eine merkwürdige, eine geradezu unheimliche Ruhe.

Wir wunderten uns, warum niemand eine “Enquete“-Kommission einberuft und die zunehmende Umverteilung von Reichtum und die sukzessive Abschaffung von bürgerlichen Rechten wieder einfängt. Nichts passierte.

Es fühlte sich an, als hätte wir alle eine osmotische Pumpe eingebaut, durch die langsam ein ideologisches Pharmakon in uns einträufelte, das uns unbemerkt zur Akzeptanz des nicht Hinnehmbaren verführte.

Entsprechend kritische Diskurse verhallten praktisch ungehört. Der Betrieb ging weiter, als sei nichts geschehen.

Vier Jahre lang angehaltener Atem, während um uns herum der “Wohlfahrtsstaat” langsam zerbröselte. Während immer autoritärere Männer in die Regierungsspitzen aufrückten. Erst heute, rückblickend, wissen wir: das war nur das Vorspiel.

Das “Monstrum vor unserer Tür” (Mike Davis) klopfte gerade zum ersten Mal an.

Damals hörten wir zum ersten Mal die Rede von der “diffusen Angst”: wir kapierten, dass etwas falsch läuft, aber es war zu komplex, um schlüssig zu erklären, was genau da falsch läuft oder wie man es wieder eingefangen bekommt. Heute sind wir mitten drin in der voll entwickelten Angst-Politik. Kaum einer merkt anscheinend, dass Gesundheit nicht das Thema ist.

2012 jedenfalls fingen wir, mangels jeglicher staatlicher Aktivität zur Aufarbeitung der Ursachen und Folgen der parallelen Staats-, Finanz- und Wirtschafts-Krise, selber an, etwas auf den Weg zu bringen. Experten zu suchen. Davon handelt der folgende Text-Auszug – der unseren selbstorganisierten Enquete-Bericht im Buch “Supramarkt” (2015) einleitete und der hier erstmals auf Deutsch erscheint.

Der Zorn des Kapitals

2012. Das Kulturprogramm der EU hat uns Budget für ein künstlerisches Forschungsprojekt zur Krise bewilligt. Wir sitzen in Lüneburg an der Leuphana-Universität im gerade neu eingerichteten „arts program“ von Andreas Broeckmann. Wir lesen Ernst Fuhrmanns „Geld – Eine analytische Betrachtung“ (1929). Es geht um den Standardmann. Fuhrmann meint damit den Bauern der vorindustriellen Landwirtschaft, den Mann, der einige Hektar bearbeitet und seine Familie und eine Handvoll Städter, Arbeiter, Lehrer, Verwaltungsbeamte, Fabrikbesitzer, Bankiers mit ernährt. Der Standardmann ist die Grundrechengröße für Fuhrmann. Er ist die 1 in einem System, die alle(s) andere(n) zu Null werden läßt, wenn er in die Krise gerät. Fuhrmann versucht eine grundsätzliche, statistisch begründete Erdung im letzten Augenblick vor dem gigantischen Zusammenbruch der Wirtschaft.

Was wäre heute, mehr als 80 Jahre später, anders, wenn wir uns der gleichen Frage stellten? Womit füllen wir unsere Solarkochtöpfe, wenn der Bauer dicht macht, weil sich das Inkassobüro der Bank in die GPS-Navigation seines auf Pump besorgten Treckers einloggt und ihn vom Feld fährt? Wenn die Flugzeuge des Konzerns, der das Saatgut liefert, die unbezahlten Ähren chemisch löschen? Wo ist die Grenze, an der das Kapital seinem Zorn Einhalt gebietet?

Das kranke Rhizom

Wir haben eine Theorie. Wir: eine Gruppe von zwölf Wirtschaftsinformatikern, Juristen, Betriebswirten, Kulturwissenschaftlern, Künstlern beiderlei Geschlechts. Zwölf Gründe, warum wir zusammensitzen – eine Quersumme: ethische Probleme mit dem System. Dabei die Überzeugung: Es gibt gar kein System. Gar keine Wirtschafts-„Wissenschaft“. Es gibt nur Verabredungen. Marketing-Texte, die aufgesagt werden auf einer Bühne, zum Beispiel „Börse“ genannt. Oder: „Finanzdienstleistung“. Fairplay-Servicepakete. Zahlenzauber mit einer Zuckerhülle. Im Innern der Praline ein Nervengift, das alle geistig zerstört, die einmal dran gelutscht haben. Eine Vorderbühne voller Darsteller, die uns ablenken. Zwischen uns und den Orten der Entscheidung ein Orchestergraben voller Respekt einflößender „Instrumente“. Ein veritabe Festungsarchitektur: der Zugang baulich versperrt, vermutlich, damit nicht heraus kommt, wie hohl es hinter der Fassade ist. Über dem das Auge täuschenden Bauwerk ein Schnürboden mit versteckten Zügen, mit denen bei Bedarf in Windeseile das Bühnenbild ausgetauscht werden kann, um die Vorgänge in der Hinterbühne besser zu maskieren. Artisten, die Buchstaben jonglieren. AAA plus, BB, DD minus. Kindersprache, die nach der herbeifantasierten infantilen „Logik“ der künstlichen Differenz aus Werten Defizite macht.

Schon Emile Zola sagte in seinem Roman “Geld” vor mehr als 100 Jahren: Börse, das ist, als wäre man im Theater! Wenn etwas schief geht, flitzen die Akteure durch winzige Wurmlöcher in den “Brettern, die die Welt bedeuten” von der Vorderbühne hinunter in das Dunkel der Unterbühne und bedienen dort munter die Hubpodien, auf denen ihre Doubles schnell wieder hoch ins Rampen-Licht getragen werden.

Finanzmarkt, das ist ein Schauerstück wie im Mittelalter, mit „offshore-Rittern“, viel Verbrechen und ohne jede Sühne. Es gibt Einzeltäter, große Darsteller, die Bewunderung erzeugen, noch kurz bevor sie vor Gericht stehen und lügen, dass sich die Balken biegen müssten. Es gibt entdeckte, aber verschwiegene und unentdeckte Verbrechen. Hingenommene, als selbstverständlich geltende und zum guten Ton gehörende Verbrechen. Politisch gewollte, gut organisierte Verbrechen, die sich ausdehnen, bis sie Gesetz werden. Ein unüberschaubares Geflecht. Schließlich so groß, fast identisch mit der „Gesellschaft“. Das kranke Rhizom.

„Wir haben einen Verdacht“ würde besser zu Verbrechen passen als „Wir haben eine Theorie“.

Zwölf Leute lesen, um den Verdacht einzugrenzen. Um wenigstens einige Darsteller mit bürgerlichem Namen zu benennen, damit es nicht beim Anonymen “sie” bleibt, die “es” so eingefädelt haben, woran man wegen der Unfassbarkeit des Ganzen nichts ändern kann. Wir wollen einige ihrer Tricks enthüllen, damit die Angst vor dem übermächtigen System verschwindet. Damit wir wenigstens wissen, auf wessen Konto die Sache geht, wenn wir schon verlieren. Damit wir beweisen können: es gibt keine Katastrophe, keine Naturgewalt. Sondern nur Macht und Umverteilung.

Zwölf Leute, die bislang den Namen Fuhrmann nicht kannten, bis er jetzt wichtig wurde. Keiner, der Batailles „Ökonomie der Verschwendung“ gelesen, der mit Zolas „Saccard“ (Titelfigur im Roman „Geld“) um Anleihen gepokert hätte. Silvio Gesell: klingt entfernt vertraut. Aber wie funktioniert eigentlich Freigeld? Es gilt viel zu klären, wenn wir einmal aus dem “lass es laufen, wir können es eh nicht stoppen” zur Einsicht “so läuft es nicht mehr” gelangt sind.

Bekämpft Denkverbote!

Das Verbot, machbare Alternativen zu denken, muss überwunden werden. Wir bilden eine Enquete-Kommission in eigenem Auftrag. Im Sinne der Methode, durch eine „vorherige Prüfung“ (Enquete) das gesetzgeberische Verfahren in einer Demokratie auf soliden Boden zu stellen, sehen die in diesem Buch versammelten Wissenschaftler & Künstler ihren Einsatz als Aufgebot aller zur Verfügung stehenden Phantasie, um zu zukunftsfähigen Lösungen in den Bereichen der Gesellschaft zu kommen, die von der derzeit herrschenden Wirtschafts-Kultur am schwersten betroffen sind. Denn was uns fehlt, ist nicht das Geld, sind nicht irreale Summen, für deren Darstellung in lesbarer Größe selbst die riesigen 16:9 Querformatfernseher bald nicht mehr ausreichen.

Was uns fehlt, ist ein maßvolles Verständnis von Begriffen wie „Wert“, „Reichtum“ und „Wohlstand“: der Wert von echten, nicht geldwirtschaftlich fundierten Gemeinschaften und Beziehungen, der Reichtum, der Vielfalt bedeutet und der Wohlstand, der mit der Sicherheit gesundheitlicher Versorgung und Bildung zu tun hat, dem bescheidenen Luxus, der von jeder Zivilisation erwartet werden darf.

Was uns fehlt, ist Vertrauen im Alltag und ein Verständnis von Recht, Staat und Demokratie, das sich nicht in Bankguthaben ausdrückt, noch deren Befestigung dient. Wir sprechen also nicht länger von einer Finanz-, sondern von einer Gesellschaftskrise, einer Krise von humanitärer Dimension, so wie wir sie sonst nur aus immer weiter ausufernden (Bürger-)Kriegen kennen.

André Amar, ein zu Unrecht wenig bekannter Psychoanalytiker und höchst präziser Finanzsoziologe, hat diesen ans absurde grenzenden Widerspruch auf den Punkt formuliert: „Am Tag des Wall-Street-Krachs im Oktober 1929 hat der Kursturz die brutale Verarmung einer ganzen Nation verursacht. Und dennoch waren am nächsten Tag auf den Feldern, in den Bergwerken, in den Lagerhallen und auf den Baustellen die realen Reichtümer der Welt genau dieselben. Wo befand sich dann die Verarmung? … Die kapitalistische Wirtschaft hatte sich auf den rein abstrakten Begriff der Wertdifferenz gestützt und ihre Entwicklung bis zum Ende verfolgt.“ (in: Ernest Bornemann, Psychoanalyse des Geldes, Frankfurt a.Main 1973)

Der gegenwärtige Finanz-Imperialismus benötigt, um dieses „Ende“ zu erreichen, trotz martialisch-militärischer Diktion keine Boote, keine Bomber, vergießt kein Blut an der Börse. Sein „Theater of Operation“, seine Bühne ist der „freie Markt“. Seine Geschosse flitzen durch die Kabel superschneller Rechner. Auf den Knopf drücken allerdings Menschen. Die Kommandeure des Imperiums. Computer brauchen diese Menschen nur, damit es nicht so lange dauert, bis alles Geld bei ihnen eingeht. An den Computern sitzen Menschen, die wir vielleicht nicht kennen lernen wollen, die wir aber kennen könnten. Die wir vielleicht sogar kennen müssen, wenn wir überleben wollen. Menschen, für deren sofortige Ergreifung eine verantwortungsbewußte Gesellschaft schon aus Selbstschutz eine Ringalarmfahndung um jede Bank oder Börse verfügen sollte. Man muss den Finanzkapitalismus als eine neue Form von organisiertem Verbrechen verstehen, um ihn vernünftig bewerten zu können, als eine Variante der „Makrokriminalität“ (in: Herbert Jäger, Makrokriminalität, Studien zur Kriminologie kollektiver Gewalt, Frankfurt am Main 1989), in der das Kriminelle nicht durch (von der gesellschaftlichen Norm) abweichendes Verhalten gekennzeichnet ist, sondern durch das Kollektive des Verbrechens, für das die Konformität des Verhaltens charakteritisch ist.

Damit tauchen wir im Milieu unter – einer zwilichten Umgebung, in der ein neuer Typus Mensch gedeiht, der sich hauptsächlich mit dem Problem der Beschaffung von immer mehr „Stoff“ herumschlägt. Um den Betrieb in dauernde „Zirkulation zu bringen, ist eine immer größere Geldmenge notwendig. Diese wachsende Geldmenge muß eben – beschafft werden.“ wusste schon Rosa Luxemburg. (in: Rosa Luxemburg, Die A