Dass alles Schwindel ist und zwar von Anfang an, ob nun unter der Führung von unroten „Sozialdämmerkraten“ oder unter farblosen schwarzen Potentaten, wissen wir längst. Aber wie wir dort, wo wir unwillig angekommen wurden, wieder ausreichend Gefühlswucht entwickeln, uns vom Rausch helfen lassen können, um mehr Tempo, mehr Glück, mehr Macht zu entfalten, erklären euch heute – aus Anlaß des Erscheinens von Franz Jungs Text Die Zeit geht rückwärts in DIE AKTION – unsere Gastautoren Wolfgang Bortlik und AKTION-Autorin Hanna Mittelstaedt .
Wolfgang Bortlik
Franz Jung, Rhythmusgitarre oder: Nichts geht verloren!
Franz Jung erschien mir vor gut fünfzig Jahren in der staubigen Hölle einer Universitätsbibliothek, kein guter Ort für ihn – und auch für mich nicht, wie sich später herausstellen sollte. Er grüßte aus Murmansk, wohin er mit einem Genossen 1920 ein Schiff entführt hatte, um mit Lenin über die oppositionelle Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands zu verhandeln. Eine große Sache, dachte ich, direkte Aktion im Dienste der Weltrevolution. Später sah ich das berühmte Foto, auf dem die Sozialdämmerkraten Ebert und Noske 1919 in schlabbrigen Badehosen an der Ostsee im knietiefen Wasser stehen, und verstand, warum es mit der deutschen Revolution niemals klappen konnte. Franz Jung sah in Badehosen besser aus.
Lehre Nummer eins: Es wird das gemacht, was gerade gemacht werden muss. Jung war überall, wo es einen gefährlichen und unangenehmen Schritt zu tun gab, auch wenn es von vornherein vergebene Liebesmüh war, etwa das Verhandeln mit Lenin.
Dann erschien mir Franz Jung immer öfter. Als Schriftsteller, der den literarischen Expressionismus auf dem Boden der zwischenmenschlichen Beziehungen festnagelte. Später sagte er: „Ich habe den Ehrgeiz überwunden, als Schriftsteller anerkannt zu werden, als Geschäftsmann, als Liebhaber …“
Bei mir hieß das Liebeskummer und die Unmöglichkeit, zueinander zu kommen. Auch die schemenhafte Liebe zum Proletariat war vor allem Enttäuschung.
Lehre Nummer zwei: Lass dich trotzdem von deiner Gefühlswucht treiben.
Die erste Revolte ist selbstverständlich die gegen den Vater. Franz Jung senior, ein respektabler, bekannter Bürger der oberschlesischen Stadt Neisse, muss den völlig betrunkenen Sohn vor allen Leuten nach Hause schleppen. Was für eine Schande, was für eine Scham!
Lehre Nummer drei: Am Anfang ist der Sprung hinaus aus der Langeweile, aus dem Behausten, aus der Gehemmtheit. Der Alkohol, der Rausch allgemein, hilft dabei.
Seit dem engeren Kontakt mit Franz Jung verwende ich das Wort „Revolution“ nicht mehr, sondern sage „Revolte gegen die Lebensangst“. Und wenn Jung dann mit der „Technik des Glücks“ kommt, dann möchte ich angesichts seines Lebens fast mit einer „Technik des Unglücks“ kontern. Er war viermal verheiratet und größtenteils ein lausiger Vater. „Mein Vater war ein Zerstörer“, sagt Peter Jung, Sohn von Franz Jung und seiner dritten Frau Harriet Scherret, in seinen Erinnerungen Ein Koffer aus Eselshaut.
Lehre Nummer vier: Mehr Tempo, mehr Glück, mehr Macht!
Ein Freund schrieb einst einen Artikel, in dem er Franz Jung zum Mann des Jahrhunderts ernannte, das war 1980. Wir waren alle der Meinung, dass Jung ein Punk war, noch bevor er bei Dada mitmischte. Und wenn er schon Punk war, dann war er auch in einer Band und spielte die Rhythmusgitarre. Denn der Rhythmus war seine Sache, sonst hasste Franz Jung Musik: „Verwechseln Sie nicht Musik mit Rhythmus. Der Rhythmus steckt in den Knochen, im Blut, im Organismus, in der Lebenserwartung und im Zusammenbruch dieser Erwartung“, schreibt Jung in seiner Autobiographie Der Weg nach unten.
Lehre Nummer fünf: Nichts geht verloren! Aber alles Schwindel von Anfang an! Das sagt Franz Jung immer wieder. Sein Werk hat mehr mit Erahnen als mit Verstehen zu tun. Man muss sein Fan sein, nicht Adept, nicht Jünger, nicht Schüler.
Peter Jung erzählt auch, dass sein Vater lebenslanger Anhänger des Berliner Fussballvereins Minerva 93 war. Der hatte in den 1930er Jahren seine besten Zeiten.
Mit dem politisierenden Marxismus hatte Franz Jung nicht viel am Hut, aber er mochte laut seinem Sohn Peter die Marx Brothers (echte Brüder namens Groucho, Chico, Harpo) und ihre anarchistischen Klamaukfilme, etwa die Kriegssatire Duck Soup.
Lehre Nummer sechs: Man muss einen Menschen erst einmal in seiner spielerischen Begeisterung sehen, bevor man ihn mögen kann und sich ihm ausliefert.
Franz Jung war ein Mann, der zweifelhafte Geschäfte in und mit einer verrotteten Welt machte. Er brachte in der frühen Sowjetunion Fabriken wieder zum Produzieren und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg, aus dem KZ entlassen, in Italien als Bäcker. Der Schweizer Dichter und Philosoph Adrien Turel, Mitarbeiter bei Jungs Zeitschrift Der Gegner und in den frühen 1930er Jahren kurzfristig bei Jungs zweiter Frau Cläre wohnend, meinte, dass Franz Jung ein begabter Nationalökonom, aber viel zu nervös gewesen sei. Cläre Jung war übrigens diejenige, die den Laden zusammenhielt. Sie war in Berlin das emotionale, pragmatische und informelle Zentrum des Jung-Clans.
Lehre Nummer sieben: Wer möchte heute jemandem den Geschäftemacher vorwerfen, da dies völlig normal geworden ist.
Ganz am Ende seiner Autobiographie erzählt Franz Jung von frühmittelalterlichen Ketzern in Südfrankreich, den Albigensern, die ihre Alltagssorgen auf einen Rosenstrauch an der Rückseite ihres Hauses übertragen hätten: die Wünsche, die Ängste, Krankheiten, alles das, wovon sie nicht verstehen konnten, dass es sie traf. Täglich hätten sie im Anblick des Rosenstrauchs verweilt, bis die Magie der Wachstumskraft und des Blühens auf sie übergegangen seien.
Nun, ich habe vor meinem Küchenfenster sogar zwei Rosensträucher.
Wer keinen solchen am Haus hat, lese einfach Franz Jung. Das hilft auch.
Letzte Lehre: Befolge keine Lehren!
Hanna Mittelstaedt und Wolfgang Bortlik:
Mögen die Mauern bersten vor Glück
1980 begannen wir mit dem bis heute aufwändigsten Projekt der Verlagsgeschichte, der Franz-Jung-Werkausgabe. Wir wussten nicht, auf was wir uns einließen, was Umfang, Finanzierung, Beschaffung der Manuskripte etc. betraf. Wir waren „Fans“ der Autobiographie Franz Jungs, und es schien uns eine Selbstverständlichkeit, uns mit aller Kraft für sein Werk einzusetzen. „Die Technik des Glücks“ würde es richten. Wir, das waren die Edition Nautilus, insbesondere Lutz Schulenburg und ich, als Verlagsgründer und formell Verantwortliche, und ein Umfeld aus Franz-Jung-Forschern in Ost- und Westdeutschland. Dazu gehörten ganz zentral Sieglinde und Fritz Mierau in Berlin, Hauptstadt der DDR, aus dem engsten Kreis um Franz Jungs Frau Cläre Jung und ihr sorgsam gehütetes Archiv. Helga Karrenbrock und Walter Fähnders, die bereits herausgeberisch am Werk Franz Jungs in Westdeutschland arbeiteten, trugen uns die Idee einer Werkausgabe an, die sie sorgfältig mitbetreuten. Über diese wichtigsten Beiträger zur Werkausgabe hinaus gab es viele einsatzfreudige Hilfskräfte, ohne die diese Ausgabe mit ihren 6.000 Buchseiten und 14 Einzelbänden kaum hätte zustande kommen können. Es war die erklärte Absicht aller Herausgebenden, dass es eine Gemeinschaftsarbeit sein sollte.
Dieses große Gemeinschaftsprojekt haben wir in einer Zeitspanne von 16 Jahren so gut wie ohne institutionelle Förderung verwirklicht. 1995 tauchte bei einer Franz-Jung-Konferenz mitsamt einem Aufführungsmarathon sämtlicher Jungscher Theaterstücke, organisiert von den Freien Kammerspielen in Magdeburg und dem Landestheater in Tübingen, auch Franz Jungs Sohn Peter auf, der uns die bis dahin nur provisorisch geklärten Autorenrechte am Werk seines Vaters übertrug. Mit ihm zusammen hat Annett Gröschner nach Abschluss der Werkausgabe die Vater-Sohn-Beziehung aufgeschrieben, die bei Edition Nautilus unter dem Titel Ein Koffer aus Eselshaut erschien. Und Fritz Mierau hat die Jahrzehnte seiner Beschäftigung mit Franz Jung in der großartigen Biographie Das Verschwinden von Franz Jung zusammengefasst.
Ein wenig soll von dieser „Fan“-Gemeinschaft auch in diesem Sammelband spürbar sein. So haben wir alle damaligen Mitherausgeber gefragt, ob sie einen Lieblingstext haben, den wir aufnehmen wollten. Die Kapitel haben also jeweils einen der Wunschtexte als Motto, auch Prolog und Epilog sind solche: vonPeter Ludewig (Heimwärts),Hanna Mittelstädt (Der Torpedokäfer), Helga Karrenbrock (Zur Erinnerung), Walter Fähnders(Selbstkritik), Wolfgang Storch (Von der Not des Widerspruchs), Wolfgang Bortlik (Zur Klärung), Sieglinde Mierau (Der Reisebericht). Helga Karrenbrock und Walter Fähnders konnten wir für ein Nachwort gewinnen.
Ansonsten ist die Auswahl, die wir als Anregung verstehen, sich mit diesem wichtigen Autor und Analysten seiner Zeit auseinanderzusetzen, in fünf Aspekte seines Werkes gegliedert. Innerhalb jeden Kapitels sind die Texte, bis auf das Motto, chronologisch geordnet.
Wir hoffen, dass unser „Sprung aus der Zeit“ auch als ein Sprung in die Jetztzeit gelesen werden kann, ein Sprung in ein Abenteuer, ein Lese- und Erkenntnisabenteuer. Und dass die Lektüre dieses Buches den Beweis für Franz Jungs Vorstellung ist, dass nichts verloren geht und dass irgendwann vielleicht doch „die Mauern bersten vor Glück“.
