„…mit Dir muss es weit gekommen sein, wenn du nicht verstehst, wovon wir reden, wenn wir sagen: Glück.“
Bleibe, meine Freude, S.250; Jean Giono
Angesichts einiger Ereignisse der letzten Tage – insbesondere der offiziellen „Enthüllung“ der Labor-These; sowie der Ausnahmeregelung zur Schulden-Bremse – möchte ich noch einmal zurückkommen auf den in meinem Text „Sauerstoffmangel“ erwähnten Beratungskompass zur Bannung verschwörungs-praktischer Umtriebe. Mein Eindruck ist, einige Aspekte der Motivation zur Einrichtung des „Kompass“, besonders sein anti-emanzipatorischer Effekt sind jetzt noch deutlicher geworden. Wir erkennen jetzt, dass es sich um ein Instrument zur Verhaltenskorrektur handelt.
Das verschlingende Prinzip
Wenn wir darüber nachdenken, wie wir unser Glück in widrigen Zeiten finden können, müssen wir zuallererst entdecken, worin die Widrigkeit besteht. Sonst können wir sie nicht überwinden.
Wie wir von unseren Freunden aus Frankreich rund um „Entêtement“ lernen konnten, bedeutet Regieren heutzutage, Krieg gegen die eigene Bevölkerung zu führen. Wir leben also unter Gefechtsbedingungen und ihren Folgen: Not, Armut. Irgendwann kommt Hunger. Das schließt das Glück nicht gänzlich aus. Will aber bedacht sein.
Meine gleichaltrigen Zeitgenossen und ich sind – verglichen mit den letzten fünf Jahren – in einer Zeit der relativen Waffenruhe aufgewachsen.
Angesichts der über die Jahre gewachsenen selbstorganisierten Netzwerke ziehen die amtierenden Herrscher jetzt blank.
Die Schlacht gegen alle wurde 2020 eröffnet mit der ersten weltweiten Einsperrung der Bevölkerung. Lockdown hieß in Frankreich nicht zufällig „confinement“ – bei Tieren würde man übersetzen: „Stallpflicht“. Die Methodik, alle zu verhaftungswürdigen Suspekten zu machen, setzt sich nun im Kampf gegen die angebliche „Verschwörung“, eigentlich gemeint: jede Form der abweichenden Meinung fort.
Nicht weniger beunruhigend für die „Obrigkeit“: der freie Zugang zu einem historisch einzigartigen kollektiven Wissenspeicher und die wachsende Emanzipation von gouvernmentaler Bevormundung.
Das emanzipatorische Projekt, das die heute regierenden Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg selbst mit auf den Weg gebracht hatten, weil sie die Nachkriegs-Jugend durch geistige und geschmackliche Bildung gegen erneuten Rückfall in den Faschismus imprägnieren wollten, ist in seiner Summe (Grad der Selbstbestimmung des Volkes) den Regierenden über den Kopf gewachsen. Sie fürchten um die Fortexistenz ihrer zwischenzeitlich auf illegitimem Weg (Inszenierung eines Notstandes) errungenen, quasifeudalen Vorrechte. Da sie diese selbstredend nicht kampflos preisgeben wollen, erfinden sie sich daher eine „Meuterei“ gegen ihre eigene mutwillige Machtaneignung.
Aufgrund ihres Austritts aus der demokratischen Rechtschaffenheit ist ihnen das konstruktive Mißtrauen der Opposition suspekt geworden, und zwar in einem Umfang, dass sie gern jede Form von kritischer Befragung der Sinnfälligkeit ihrer Entscheidungen (zum angeblich allgemeinen Besten) restlos beseitigen möchten. Denn das Beste für alle ist gar nicht beabsichtigt. Das darf natürlich nicht zu offenkundig werden.
An die Stelle dessen, was ich etwas unbeholfen „demokratische Rechtschaffenheit“ nannte – gemeint ist damit ein Festhalten an einem Set von Werten, die als unverbrüchlich gesetzt sind – tritt nun eine skrupellose Verschreibung der Regierenden an die Versprechen eines Komplexes, der viele Merkmale einer psychischen Krankheit aufweist. Nennen wir den Komplex behelfsweise Finanzkapitalismus.
Andere Begriffe mögen denkbar, vielleicht sogar treffender sein. Wesentlich ist mir der grundsätzliche Wandel der Mentalität, der mit dem Bekenntnis zum Finanzkapitalismus einhergeht: der geradezu paranoide Glaube an ein endloses Größenwachstum und an schier unerschöpfliche Reichtümer. Die Hemmungslosigkeit, das verschlingende Prinzip (Balzac), das nicht einmal vor Zersetzung der eigenen Familie der Akteure, nicht vor der Verseuchung des Lebensraums, eben vor gar nichts haltmacht und selbst den eigenen Infarkt billigend in Kauf nimmt. Vielleicht ist das vergleichsweise zu den globalen Schäden noch harmlos klingende Letztere sogar das deutlichste Merkmal der Störung: die Selbstschädigung.
Das Ziel der Erkrankten ist nicht mehr allein schnelle, leichte, persönliche Bereicherung. Es ist ein weiteres pathologisches Element hinzugetreten: die bereits restlos und nachhaltig Ausgepressten müssen von den Kriegsgewinnlern des Finanzkapitals hernach noch schwer geschädigt, geradezu gründlich runiert werden, auf dass sie sich nicht dagegen wehren und später nie wieder hochkommen. Bei diesem letzten Schritt ist kein Profit zu erzielen.
Es handelt sich also um die reine Lust am Zerstören.
Die heute regierenden Parteien egal welcher Couleur dienen mithin als Erfüllungsgehilfen der Verbreitung einer Wirtschaftsform mit dem Charakter einer schweren Persönlichkeitsstörung.
Höhnische Logik
Der eingangs beschriebene anti-emanzipatorische Effekt des Regierens als führe man Krieg gegen alle Bürger zeigt sich besonders deutlich an der grotesken Unverhältnismäßigkeit, mit der an der Bildung gespart wird, angeblich um das Geld in die Sicherheit zu stecken – gemäß der höhnischen Logik: wenn ihr tot seid, braucht ihr keine Schule mehr.
Die wenigen gesparten Cent, die bereits das deutsche Bildungswesen und die gesamte Kulturproduktion zum Stillstand bringen, reichen für drei bis vier gute Schüsse mit einer modernen Lenkwaffe. Es gehört mithin nicht viel Phantasie dazu, herauszufinden, dass es beim Einsparen an der Bildung und der Streichung jeder Zuwendung für eine kritische Off-Kultur eigentlich um die frühzeitige Unterbindung des Entstehens von entlarvendem Wissen geht.
Der Kampf gegen die Konspiration, von dem mein Text „Sauerstoffmangel“ handelt, ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein ideologischer Kampf. Zunächst einmal ist es, wie im Konspirationistischen Manifest bereits hinlänglich präzise nachgewiesen, ein Kampf gegen das „gemeinsam Atmen“, das einmütig Sein, das im Einklang (auf Instrumenten) blasen (lat. conspiratio) – gefährlich scheint den Autoritäten also das Übereinstimmen und sich gut verstehen, das einer Meinung sein. Wenn viele Menschen zusammenstehen und zusammenwirken und dabei bestens übereinstimmen, dann klingt ihre Musik verlockend gut. Zu verführerisch?
Zuviel Autonomie, zuviel Begehren nach einem selbst gestalteten Glück gefährdet den Fortbestand des kranken Systems.
Kampf gegen die Spaltpilze
Insofern hat Nancy Faeser schon richtig erkannt, um was es geht: um das Herrschen durch Spaltung der Gesellschaft. Das ist römisches Imperialwissen. Also keine Erfindung der SPD. Nur gehörte es bislang nicht in den Kanon der demokratischen Großparteien.
So erklärt sich aber der offenkundige Widerspruch, dass es nicht die „Verschwörer“ sind, die spalten, sie aber als Spaltpilze bekämpft werden. Die Ministerien mit ihren Programmen der methodischen Spaltung der Gesellschaft lassen sich nur ungern demaskieren. Deswegen arbeiten sie kurzfristig mit dem bösen Framing, der Schuldzuweisung an jene ominöse Nicht-Gruppe der Verschwörer, zu der jeder gehören kann, falls es ihn plötzlich ankommt, nicht mehr schweigsam zu folgen. Mittelfristig wird eine Zersetzung kritischer Reflektion durch Reduktion der Befähigung dazu angestrebt. Geistig ausgedörrte Massen enthüllen nichts.
Auch die mit der Spaltung einhergehende Aufhebung der Solidarität unter den in diesem Land lebenden Menschen macht sie leichter lenkbar.
Das Wort Konspiration hat seine Bedeutung zwar „tam in bonum, qum in malum“, weswegen die Lesart „Verschwörung“, „Complot“ oder Meuterei in den Lateinbüchern des 19. Jahrhunderts nur als „occ.“(-asionell), d.i. von der allgemeinen Sprachauffassung abweichend angesehen wurde, sich heute jedoch weitgehend durchgesetzt hat.
Die höchste bekannte Spaltkraft hat die Lüge. Wer sich die letzten fünf Jahre darüber gewundert hat, warum so viel über die angeblichen Lügen der angeblich verschwörungstheoretisch denkenden Bevölkerungsgruppen geredet wurde, wird nun aufgeklärt: die Regierenden selbst hatten uns trotz besseren Wissens ihrer Geheimdienste (hier: BND) über den wahren Ursprung der Pandemie belogen.
Ganz im Geist der zuvor erwähnten Reduktion unserer Handlungsfähigkeit zum Besten unserer „Sicherheit“ soll nun auch die bewusst betriebene, groteske Falschdarstellung der Herkunft des Virus unserem Heil gedient haben.
Man hat uns also jahrelang Todesangst (vor Alien-Viren aus der Fledermaushöhle) eingejagt, um Todesangst aus Panik (vor Biowaffen) zu vermeiden? Das scheint mir ein weiterer hübscher Fall von höhnischer Logik zu sein.
Nicht nur die Regierenden wussten um die wahre Herkunft. Auch die verschiedenen, selbsternannten Päpste der Epidemiologie.
Es zeigt sich also, dass die als Verschwörer Diffamierten guten Grund hatten, die Version der angeblich tatsachenbasierten Wahrheiten der Regierenden anzuzweifeln. Zwar war es keine leichte Grippe. Aber auch keine normale Pandemie, ausgelöst von den kruden Essgewohnheiten „der Chinesen“ (Pangolin). Es war etwas viel Schlimmeres: eine Biowaffe, die sich selbständig gemacht hatte. Sowie nun die Laborleck-Version langsam sogar Herrn Drosten zum Auspacken bringt, beginnt sofort wieder das Lügen.
Wieso soll „China“ die Angelegenheit aufklären, wo doch unter dem „Freedom of Information Act“ seit 2020 Dokumente veröffentlich sind, die zeigen, dass das fragliche Biowaffen-Experiment das zur weltweiten Verbreitung von SARS-CoV2 führte, von „den USA“ mitfinanziert wurde?
Die Gruppe der gefährlichen Verschwörer sitzt mithin fraglos an der Spitze der Regierung, in den einschlägig mit Waffenentwicklung befassten Geheimdienst- und Militär-Forschungsabteilungen zu sitzen, und nicht in abwandernden Teilen der Zivilbevölkerung. Hier wurde und wird – ganz im Stil einer demokratie-feindlich denkenden Sekte, die kurz vor ihrer Aufdeckung steht – schlicht der Spieß umgedreht und den Kritikern genau das vorgeworfen, was man zurecht den Kritisierten unterstellt.
Der „Kompass“, mit dem Nancy Fasers angeblich die gesellschaftlich Spaltung verhindern möchte, sollte also zuallerst als Messgerät eingesetzt werden, um die Glaubwürdigkeit der Verlautbarungen der Großparteien zu überprüfen. Das Ergebnis dürfte erschreckend ausfallen. Es erklärt in jedem Fall den Ausgang der letzten Wahl.
Ruhe bewahren
Der gewissen Aufgeregtheit, mit der sich die Einrichtung des Kompass präsentiert, und der Übertreibung bei der Darstellung der Bedrohung durch „Verschwörer“ können wir alle nur mit völliger Entspannung begegnen. Man hat es erwartet, belogen zu werden, weil die Widersprüche zu eklatant, die Begründungen für die massiven Einschränkungen von rechtlich verbürgten Freiheiten zu fahrig zusammengestrickt waren. Nun ist man nicht besonders verblüfft, wenn sich herausstellt, dass es tatsächlich alles Ausreden waren, mit denen die Obrigkeit die tatsächliche Lage verhüllen wollte. Wo es den Staatslenkern nicht gelingt, die Nerven zu bewahren, ist konzentrierte Ruhe die erste Bürgerpflicht.
Unruhig verlieren wir die Reaktionsfähigkeit. Unruhig können wir kein glückliches Leben führen.
Im übrigen ist der Name Nancy Faeser vollständig austauschbar. In Systemen von geringer ethischer Stabilität bzw. niedrigen Überzeugungen sind die Volksvertreter vollständig austauschbar, insbesondere weil ihr Name ein Etikettenschwindel ist. Sie vertreten den Erhalt der Wirtschafts-Ordnung und nicht die Bürger.
Man kann es nicht oft genug wiederholen: Sie fühlen sich als Vertreter der Garanten jener ökonomischen Ordnung und nehmen eine Umverteilung der Reichtümer in deren Sinne vor. Das Dauer-Framing, wir würden in einer Demokratie leben, in der Recht und Ordnung herrsche, ist nichts anderes als der Versuch, bei den vorbeschriebenen demokratiefeindlichen Handlungen in Ruhe gelassen zu werden.
Daran ist nichts Neues. Wie Balzac-Leser wissen, wurde spätestens ab dem Jahr 1815 die gesellschaftliche Verbindlichkeit, die sich mit der Vorstellung von „Ehre“ verband, gegen gegen den Schwur auf das „Geld“ getauscht. Das wird in den nächsten zwei Jahren überdeutlich werden, wenn erst einmal der große Kassierer Oberwasser hat.
Auslaufmodell
Kommen wir noch einmal zurück zu den Zielen des „Kompass“.
Gefahren für den Systemerhalt, wie kaputt auch immer das System sein mag, das erhalten werden soll, insbesondere aber die Infragestellung ihrer eigenen Machtposition wollen die Machthaber, selbst um den Preis starker Verwerfung der bestehenden sozialen Ordnung, mit Spionage-ähnlichen Einrichtungen wie dem „Kompass“ restlos abschalten. Die mangelnde Verhältnismäßigkeit bei der Abwägung der kulturellen Güter gegen die Wirtschaftsform ist ein weiteres Zeichen der seelischen Krankheit des Systems.
Die anti-emanzipatorische Rückverwandlung in ein mittelalterliches Gouvernenment, also die bewusst betriebene methodische Regression zeigt sich an allen, insbesondere den medialen Mitteln, mit denen das herrschende Wirtschaftssystem über die Köpfe, ihren Inhalt und das Verhalten zu regieren trachtet.
Noch deutlich über das bisher Gesagte hinausgehend, ist Fasers „Beratungskompass“ insofern ein Kampf um die absolute Definitionsmacht.
Ein Kompass sollte eigentlich ein Anzeiger sein für die richtige Richtung. Aber ist „Weg vom Glück Vieler – hin zur Macht Weniger“ die richtige Richtung?
Mir scheint eher, dieser Kompass ist kaputt.
Wir können angesichts des zuvor Gesagten besser verstehen, dass das Ideal des mündigen Bürgers ein Auslauf-Modell ist.
Kurz-, spätestens mittelfristig soll es ersetzt werden durch den Bürger, der vor Sorge um sich selbst umkommt, keine Frage stellt bezüglich der Lage, in die er geraten ist und die Regierenden walten lässt, wie es ihnen beliebt.
Wir haben es unter dem Strich mit massiver Verhaltenssteuerung zu tun – genauer: mit Verhaltenskorrektur. Wir müssen endlich verstehen und – um wieder handlungsfähig zu werden – auch akzeptieren, dass „ein Staat“ solche Dinge (Korrektur unseres Verhaltens/Abschalten von jeglichem Widerstand) mit uns plant – um nicht zu sagen: gegen uns.
Wir müssen erkennen, dass der soziale Kontrakt oder wie auch immer wir jene stillschweigende Vereinbarung nennen mögen, jene für unverbrüchlich gehaltene Vorgabe, dass „der Staat“ nie gegen die Interessen der eigenen Bürger handelt, sondern ihr Wohl sichert, das jene conditio sine qua non der Zivilisation heute nicht mehr gilt.
Und dass es Gründe dafür gibt, warum der Vertrag gebrochen wird. Dass die zu seiner Verletzung angewendeten Massnahmen immerhin so komplex oder feinsnnig sind, dass man sie nicht mühelos ächten kann, wie beispielsweise die körperliche Folter oder die politische motivierte Inhaftierung.
Alles findet bei Tageslicht statt und potentiell vor aller Augen. Wir müssen das Ziel der Verhaltensänderung klar erkennen. Erst dann können wir seine Wirkkräfte bannen.
„Das Dauer-Framing, wir würden in einer Demokratie leben, in der Recht und Ordnung herrsche, ist nichts anderes als der Versuch, bei den vorbeschriebenen demokratiefeindlichen Handlungen in Ruhe gelassen zu werden.“ Treffender lässt es sich nicht schreiben. Dank!