Hirnbetätigungsschranke

… die Intelligenz hat versagt… wir sind die letzten in unserer Abstammungslinie: wie Dinosaurier. Wir haben die Intelligenz soweit entwickelt, wie es ging. Vielleicht zu weit. Wir haben bereits den Punkt erreicht, wo wir so viel wissen – so viel denken –, dass wir nicht handeln können.
Philip K. Dick, Der goldene Mann, 1954; in: Das Vater-Ding, Seite 79

I. Der Deviant ohne Hirn

Wer alles über künstliche Intelligenz wissen will, möge sich die lobenswerte Gesamtausgabe der Erzählungen von Philip K. Dick bei Haffmans antiquarisch beschaffen.

Dort ist die Urgeschichte dessen, was heute unter dem „Techno-Faschismus“ kursiert, in 10 Sammelbänden mit geradezu erschlagender Evidenz vorgezeichnet.

So war und bin ich verblüfft, im „Goldenen Mann“ von der „DCA“ zu lesen, einer Spezialbehörde zur Verfolgung von „Devianten“, die geradezu das perfekte Muster für die Einwandererverfolgungsbehörde ICE zu sein scheint: als Ausdruck der Angst davor, von Fremden überholt und ersetzt zu werden.
Dick sagt: wir haben alles auf unsere Intelligenz gesetzt und dabei die Kraft zum Handeln verloren.

Wenn wir also durch das heute erfolgreichste KI-Projekt namens „www“ nicht sowieso alle längst, ohne es zu bemerken, von „Mutant Nr. 88“, der „blonden Bestie ohne Hirn“ (= dem goldenen Mann=Buchstabe 8=Hitler) ersetzt wurden, könnten wir trotzdem nichts mehr tun.
Denn die Fähigkeit zur Tat ist uns abhanden gekommen durch die künstliche Intelligenz.

Das unmenschliche, weil hirn- und gefühllose System hat längst übernommen. Wir sind seine Erfüllungsgehilfen mit unseren täglichen Chats und Posts und Clicks.

Stanislav Lem hat einmal gesagt, gegen die pessimistischen Perspektiven von Dick sei das Werk von Schopenhauer mit Freude dem Leben zugewandt. Doch heute, rund 75 Jahre nach Dicks ersten Short Stories über KI, scheint das Werk von Dick zwar pessimistisch, aber höchst weitsichtig, so präzise wie alle seine damals als negativ eingeschätzten Plots eingetroffen sind.

Die KI ist der Mutant, der uns alle zu Mutanten macht.

Waren es bei Dick noch auschliesslich „Menschenweibchen“, die bei Aussaat und Verbreitung des mutanten Gen halfen, hat die heutige KI schon dazu gelernt: auch und gerade Menschenmännchen reproduzieren fleissig Mutanten und jeder Nichtmutant trägt schon ein Bröckchen Mutantenmaterial in sich und verbreitet es: eine KI-basierte „Semantik“ in Telefonform hat sich schon über unseren Alltag ergossen und kann viel mehr als kommunizieren: sie kauft und bezahlt für uns, steuert unsere Wege, ersetzt unser Erinnerungsvermögen und strukturiert unseren Kalender.

Im Auto, unserer vorletzten Verankerung in der physischen Realität, hat die KI längst das Kommando übernommen. Sie lenkt und entscheidet über Bewegungsradius und Ziel. Und das Menschenmännchen freut sich über jede Vorschrift, die das Auto ihm macht, nur weil der Mutant dem Menschenmännchen erfolgreich vorgaukelt, ihn und seine Persönlichkeit zu (er)kennen.

Bei dieser Arbeit ist der Gaukler ständig „mit dem Werk“ (hier gemeint: dem Fahrzeughersteller) verbunden, jener zentralen, quasi anonymen Einrichtung, in der alle Fäden der KI zusammenlaufen: ein stirnlappenloser Hirnkasten aus Sand und Blech und Glas.

II. Im Jahrhundert von Palantir

Das vorausgeschickt, veröffentlichen wir heute als Essay Nr. 61 in DIE AKTION den Text „Technofaschismus“ von Matthieu Amiech, Gary Libot, Valentin Martinie.

Der Text (der vor der digitalen Publikation hier in der AKTION zunächst beim Verein für das Studium und die Förderung der Autonomie als begehrenswerte schwarze Broschüre erschien – Westentaschen-gängig wie die Mao-Bibel und allzeit zum Zitieren parat) geht, so berichtet der Herausgeber und Übersetzer des Textes, der Soziologe Harald Wolf „auf ein Editorial in der französischen Zeitung Le Chiffon (No. 16, Frühjahr 2025) zurück, das den Titel »Il ne faut pas seulement quitter X mais refondre des communautés politique hors réseau« trug, zu Deutsch etwa: Man muss nicht nur X [und alle »sozialen Netzwerke«] verlassen, sondern auch politische Gemeinschaften jenseits des Netzes neu gründen/umgestalten.“

„Die im Text skizzierten Analysen und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen stimmen mit Manchem von dem überein, was wir,“ so weiter bei Wolf, „in den letzten Jahren in der Zeitschrift Im Labyrinth über diese und ähnliche Fragen veröffentlicht haben; sie aktualisieren es etwa in Bezug auf die jüngste US-amerikanische Irrsinnsspirale und konkretisieren es vor allem mit Blick auf französische Zustände in meines Erachtens vorbildlicher Weise.
Der Verlag La Lenteur, in dem die französische Originalbroschüre erschien, bringt neben der empfehlenswerten Zeitschrift L’Inventaire sehr lesenswerte Bücher zu technik- und kapitalismuskritischen Themen heraus.“

Der titelgebende Begriff scheint etwas tautologisch, wie ein französischer Genosse in einer Botschaft an die AKTION-Herausgeber anmerkt:
„Jeder schreibt heute über Technofaschismus. Das ist kein gutes Zeichen für diesen Begriff. Ein wenig hat es (durch das beständige Auftauchen des Begriffes, Anm. d. Hrsg.) den Ton einer Predigt – und erhält dadurch etwas Christliches. Das ist das Drama des humanistischen Atheismus, wie Kardinal Henri de Lubac gesagt hätte. Der Faschismus ist immer technofreundlich gewesen. Heutige Technologie – ihre Möglichkeiten, ihr Regime, ihre Ontologie– ist genau das, was unter „Faschismus“ als Begriff abläuft. Alles wäre so einfach, wenn es nicht so wäre… Eines Tages wird man das 21. Jahrhundert als „Palantir’s century“ bezeichnen…“

Der Text „Technofaschismus“ versteht sich laut Untertitel als ein „Vorschlag, so schnell wie möglich alle sozialen Netzwerke zu verlassen.“

Dieser Vorschlag hat – zurecht – viele Väter: denn es wäre ein wahres Wunder, wenn ein Vierteljahrhundert Internet keinerlei kritische Stimmen hervorgebracht hätte – insbesondere in einer Zeit vor den drakonischen Denkverboten, die dank genau jener kritikwürdigen Massenverbreitungstechnologien von ihren wirtschaftlichen Nutzniessern mit imperialer Geste und ganz grob verstandesfeindlich verhängt wurden.

Falls die virtuelle Flut weiter steigt, wird der Vorschlag von Amiech und seinen Koautoren viele Kinder bekommen.

Greifen wir willkürlich drei frühere Publikationen heraus: mit Jaron Lanier schreibt jemand, der selbst an der Entwicklung der Basistechnologie beteiligt war, die wir heute www nennen, über die wichtigsten „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ (2018).

Die Holzflöte-blasende Dreadlock-Ikone Lanier ist Sohn einer KZ -Überlebenden und außer Informatiker noch Künstler, Musiker, Komponist, Autor und Unternehmer im Bereich der Virtual Reality, Data-glove-Erfinder für die NASA , sowie eng mit Bill Gates´ Microsoft Research verbunden. Es schreibt also ein Insider.

Trotzdem benennt der Text alle wesentlichen Punkte und liest sich überraschend (plattform)kapitalismuskritisch. Ein wenig rächt sich in „10 Gründe…“ der Gekniffene (im Stil von „wir haben das www nicht gebaut, damit Elon Musk damit reich wird“), ein wenig klingt es wie „ich habe die Basistechnologie für die Atombombe entwickelt und nun bin ich dagegen, weil ich jetzt erst sehe, dass sie die Welt zerstört.“
Aber wem sollte man mehr glauben, als einem, der dabei war?

Ähnlich hip im Schreibstil (alte Creative Writing Schule) identifiziert auch Jarett Kobek bereits 2016 in „ich hasse dieses internet“ die künstliche Intelligenz in ihrer Anwendung auf die sozialen Medien als den Hauptverbreiter jener tödlichen Bazillen der emotionellen Pest (https://olaf.bbm.de/die-emotionelle-pest besonders der Abschnitt „Ausbrüten), die uns das Leben verdüstert, eben gerade deswegen, weil sie eine Techno-Zoonose schafft: raus aus der virtuellen Sphäre hinein ins Privatleben.
Es sind eben jene Botschaften von Zerstörung und Hass, über die auch Rutger Bregman 2019 in „Im Grunde gut“ zu sagen weiß, dass sie die Giftwurzel allen Übels seien.

Die emotionelle Pest grassiert, – und das zu benennen, ist wahrscheinlich Kobeks größtes Verdienst – damit eine winzige Elite alter weißer Männer (Kobek nennt sie sarkastisch Menschen „ohne jede Spur von Eumelanin in der Basalschicht ihrer Epidermis“) sich ausnahmslos sämtliche Früchte der Erde in die eigene Tasche schaufeln kann. Dort, wo sozial ausgeglichene Stimmung herrscht, gibt es nämlich nichts zu verdienen. Einzig dort, wo sich geifernde Protagonisten ihre sinnlosen Schlachten liefern, werden unvorstellbare Mengen Geld gemacht.

Der Haß jedoch, mit dem sich so frappierend gut Geld verdient lässt – wie mit allen faschistischen Formen der Dehumanisierung – hat nicht so sehr viel mit der Technik an sich zu tun. Er funktionierte im Grunde auch ohne sie. So wie die Endlösung auch ohne Hollerith-Karten, damals eine State of the Art Technology ähnlich der KI heute, geklappt hätte. Die Technik hilft einzig bei der Beschleunigung der Umschichtung, die als Umschichtung von Reichtum beginnt und als vollständige gesellschaftliche Umschichtung endet.
Die KI ist so betrachtet der Antreiber für den Hass, auf den die Techno-Elite ihre Werbung schalten kann.

Die Rhizome einer an sich neutralen Software verfleischlichen sich im Menschen (als emotionelle Geschwüre) erst durch die von hi-end-Technik propellierte, gewerbliche Umwertung. Ihretwegen entsteht der Geifer, weil er Umsatz kreiert – eine Spur, der auch Bregman nachgeht: wir seien „im Grunde gut“. Aber weil die weißen Männer über jedes Bedürfnis, über jedes Maß hinaus verdienen wollen und nur Negativnachrichten wirklich viel „traffic“ produzieren, der sich dann ummünzen lässt in Gewinne, wird unser guter Kern zerstört – sozusagen „von der KI“, deren Hersteller den „negativity bias“, die höhere Sensibilität der Menschen für Trostlosigkeiten als für Erhellendes, für ihre Bereicherung instrumentalisieren.

Dass der Mensch sich das Beschissene besser einprägt als das Angenehme, war einst ein Überlebensprogramm, mit dem verhindert werden sollte, das man zweimal von der gleichen giftigen Frucht isst. Heute, in Zeiten von KI-gestütztem „microtargeting“, wird das Negativbias zum begehrten Aktivator in der Aufmerksamkeitsökonomie.

Wenn man nun schaut, wann diese von mir benannten drei geistigen Vorläufer geschrieben wurden und was danach passiert ist, stösst man unwillkürlich auf eine Hirnbetätigungsschranke, die offenbar von 2020 bis 2025 heruntergelassen war: die Covid19-Zeit, die goldenen Jahre des „negativity bias“, der in diesem Fall lautet: Denunziation steht in der Attraktivität deutlich über Solidarität.
Vor 2020 war bereits eine enorme Menge kritisches Wissen über die KI & social media publiziert. Während der fünf Jahre rutschte es unter den Wahrnehmungshorizont, weil es durch die Maßnahmen der Regierungen plötzlich so „überlebenswichtig“ schien, an den (dadurch positiv gesehenen) Ergebnissen der KI teilhaben zu können.
Nun geht es mit Amiech, der die „Digitalisierung für das Herz der ökologischen Katastrophe“ hält, – hoffentlich – in die richtige Richtung weiter.

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