Autoritäre Zuspitzung

Pazifisten sind oft als Anti-Etatisten, als Vaterlandsverräter und Staatsfeinde denunziert worden – nicht nur von Konservativen.

Weit entfernt davon, die von Lenin verabscheute „abstrakte Friedenspredigt“ als „Irreführung der Arbeiterklasse“ zu halten, hat Rudolph Bauer in seinem Text über Kriegsökonomie, der heute HIER als Nr. 62 von DIE AKTION erscheint, sehr anschaulich und konkret erklärt, aus welchem wirtschaftlichem Zwang sich die neuerdings beschworene „Tüchtigkeit“ herleitet.

Bauers Analyse, indem sie die Mechanismen der Wertschöpfung in einer Kriegswirtschaft erläutert, liegt fern der Wonnen liberaler Entrüstung.

Im Gegenteil. Gerade die Einfachheit und Plausibilität seiner Demaskierung jener rückhaltlosen Marktlogik ist radikal.

Wobei zu ergänzen wäre, dass sich die fragliche Logik derzeit bereits selber demaskiert, präzise in dem Moment, da die Profitperspektive kleiner wird: siehe „Verrat an der transatlantischen Wertegemeinschaft“.

Genau das meint die Tübinger Informationsstelle Militarisierung, IMI e.V. mit „autoritärer Zuspitzung“ (Titel des kommenden Kongreß am 14./15.11.2026): Militarismus, Rechtsruck und Klassenkampf von oben.

Bauers Text zeigt, dass wir offenbar das Entlarven der Logik unseres Wirtschaftssystems weitgehend verlernt haben – wenn nicht bewusst ignorieren.
Denn warum sonst kommen nicht viel mehr Menschen auf seinen naheliegenden Schluss? Doch sicher nicht, weil sie nicht als unmännliche Waschlappen, die zu feige zum Kriege führen sind, dastehen wollen? Die Sperrbalken auf dem Weg zum selbständigen Denken scheinen aus dicken Stämmen gehauen, sind tief verwurzelt. Sie schlagen immer wieder aus, obwohl sie längst gefällt sind.

Kann sich niemand mehr die fatalen Konsequenzen ausmalen? Diesen vorsätzlich Fantasiestumpfen gegenüber gilt der Verdacht des Einverständnisses mit Entwicklungen wie Sozialchauvinismus, Nationalismus und dem Aufstieg der Neuen Rechten.

Auf den Demos der Gen Z wird allerdings – konträr zum zuvor Geschilderten – stets wieder die eine richtige Frage gestellt: „Warum sollen wir auf Menschen schießen, mit denen wir mehr gemeinsamen haben, als mit denen, die uns dazu zwingen wollen?“ Für wessen Profit sollen wir töten?

Man muss offenbar jünger als 20 Jahre sein, um das zu begreifen, beziehungsweise ausreichend gegen die Zumutungen der patriarchalen Kultur imprägniert, um zu erkennen, was alles im Fahrwasser einer Kriegswirtschaft auf uns zuschwimmt – um dazu furchtlos „nein“ zu sagen.

Denn Kriegswirtschaft ist kein Heilmittel für den kränkelnden Kapitalismus, sondern Systemerhalt um den Preis der Vernichtung.

Weil jene Ansammlung von Egomaschinen, die unsere Staaten und die sich in ihnen vollflächig ausbreitenden Konzerne lenkt, wie im Lehrbuch funktioniert, beginnt sie Kriege. Damit ihr Marktsystem erhalten bleibt, passen sie das Gesellschaftssystem, seine Ideologie daran an.

Bauer bringt es auf den Punkt: „Mit Hilfe der kriegerischen Zerstörungen, durch staatliche Repression, auf Kosten von Menschenleben und körperlicher Unversehrtheit, sowie unter Inkaufnahme massiver sozialer Verwerfungen wird für die Dauer des Krieges von der ökonomischen Krise abgelenkt und ein Ausweg aus derselben versprochen – vorübergehend scheinbar auch geleistet – um schließlich erneut wieder bei ökonomischen Krisen aufgrund fallender Profitraten zu landen.“

Um eine Epoche zu charakterisieren, in der es niemandem mehr sozialschädlich scheint, sondern ganz natürlich und hinnehmbar, wenn Staatsoberhäupter privat auf die Hausse ihrer Energiekriege spekulieren und so mit präsidialen Entscheidungen persönlich Milliarden kassieren, taugt ein Stabreim zur Pathologie der Verhältnisse: es entsteht ein Totalitarismus der Trader.

Hier scheint ganz deutlich die psychische Deformation auf, ohne die offenbar Systemkonformität nicht erreicht werden kann:

wie der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, der 2023 ein Buch der „Kriegslust“ gewidmet hat, bereits in seinem 2012 erschienenen „Psychogramm“ mit dem Titel „Die narzisstische Gesellschaft“ mehr als deutlich macht, ist Profitgier durch eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung bedingt und bei weitem „die häufigste Antwort auf die Frage nach den tieferen Ursachen der Krise unseres Gesellschaftssystems“.

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