Nichtwissen

Warum ist es so still hier, auf deinem Blog? fragen mich in letzter Zeit vermehrt meine Leser.

Geht´s Dir gut?

Meine Antwort: Ja, ich halte mich fern und gesunde daran.

Abstand kann heilsam sein. Das ist kein verspäteter Corona-Witz. Sondern eine Selbstmedikation angesichts unlösbarer Probleme. Eine Verordnung, die allerdings nur nützt, wenn sie streng eingehalten wird wie ein Medikationsplan bei schwerwiegender Krankheit. Sonst sind die Rückfälle furchtbar.

Das hatte ich von einem Psychologen gelernt, dem ich viele Fragen stellte im Zusammenhang mit meinem nächsten Roman. Ich probiere gerade ein neues Format aus, etwas jenseits vom klassischen Tatsachenroman. Aber auch nicht gänzlich fiktional. Der Grund: ich war zunächst ratlos, wie ich über ein (tatsächliches) Femizid in meiner nächsten Nähe schreiben könnte. Ein Sachbuch sollte es nicht werden. Aber was dann? Ich probierte, mich zu erden. Zuerst einmal wollte ich kapieren, welche Komponenten zusammenkommen müssen, welche Abweichung von – ja, wie soll ich es nennen? – von der Regel die notwendige Bedingung für eine solche Tat schafft.

Während ich also eigentlich für mein Buch recherchierte und einiges Wahrscheinliches herausfand über die psychische Ausstattung mir völlig fremder Menschen, lernte ich ungeheuer viel über und für mich selbst. Einer der Psychologen, die ich befragte, berichtete mir von Hilfestellungen, die er leidenden Mitgliedern von Familien mit Borderline-Eltern anbietet. Enorm schwierig sei der Umgang mit der mangelnden Fähigkeit zur Mentalisierung, der durch fehlende Bindung defekte, nie erlernte soziale Austausch, der sogar einen im Gehirn nachweisbaren Mangel auslöse. Ich hörte von der ernüchternd geringen Erfolgsquote bei der Remission, dem mithin selbst nach langer Behandlung oft ausbleibenden Rückgang der Symptome. Es gäbe eine frustrierend hohe Behandlungsresistenz. Solche Patienten seien schwer therapierbar. Ich verstand, warum bestimmte – insbesondere gewalttätige, (auto)destruktive – Handlungen von ihnen nicht erinnert und deswegen die Fehler beständig wiederholt würden.

Unmittelbar sah ich eine Parallele zwischen der individuellen, familiären Dysfunktion und der sie einbettenden, sie stützenden Gesellschaft. Der ursächliche Zusammenhang von Störung und der sie tragenden, sie fördernden Struktur schien mir leicht erkennbar. Wer ihn übersah, handelte vorsätzlich.

So übertrug ich von klein auf groß. Dafür hatte ich ein Vorbild. Ich erinnerte mich an meine Studien zur Kriminologie, insbesondere an Herbert Jäger und sein Konzept der „Makrokriminalität“. Über die individuelle Delinquenz weit hinausgehend, versuchte Jäger kriminelles Handeln auf der Ebene von Staaten in den Blick zu bekommen, insbesondere „Großverbrechen“ unter totalitärer Herrschaft.

Vielleicht ist eine solche Übertragung, eine Erweiterung vom Einzelfall auf kollektives Geschehen in der Psychologie unhaltbar? Das mag sein. Aber ich fragte mich: Wenn es dem leidenden Familienmitglied am meisten hilft, sich von seinen gestörten Eltern und Geschwistern fernzuhalten, statt sinn- und ergebnislos mit ihnen herumzuargumentieren, warum sollte das nicht auch für mein schwieriges Verhältnis zu dem gestörten politischen System in diesem Land gelten?

Ich motivierte mich mit der Einsicht, dass es nutzlos sei, ändern zu wollen, was nicht zu ändern ist. Der Versuch, es dennoch zu probieren, sei selbstschädlich. All die Jahre all die Kämpfe, all die Mühen und auf der Zeitachse betrachtet später alles immer schlimmer als vorher.

Was mir als Anti-Logik der Störung erschien, war stärker als mein Widerstand dagegen. Schlimmer noch: mein Widerstand war pfiffig eingebaut worden. Er hatte die Argumente der Gegenseite geschärft, sie unangreifbar gemacht.

Wie der Theatermacher Lajos Talamonti kürzlich sagte (siehe dazu auch hier weiter unten im Text): „Ich habe nicht vor, die Bedingungen mit Durchhalteparolen zu legitimieren.“

Wir schaffen das schon? Nein, schaffen wir nicht. Das ist auch gut so.

Denn ich suchte die Freude. Ich fand nur Verdruß.

Diagnose: Ist die Krankheit des Systems unheilbar, hilft nur Distanz.

Nur eine Haltung bleibt: Gib´s auf!

Wie sehen die Dinge aus, die ich nicht ändern kann?

Nach meiner Lebenserfahrung sind Dinge schwer änderbar – wie falsch und sozialschädlich auch immer sie sein mögen – wenn sie einigen wenigen Menschen sehr viele Einkünfte eintragen. Oft sind die Geschäftsmodelle nicht unmittelbar erkennbar. Aber wenn ein Staat oder eine Institution vehement auf der Einführung bestimmter Innovationen beharrt, steht leider oft weniger das Gemeinwohl, als die Möglichkeit von Bereicherung im Vordergrund. Wer seinen Blick so lenkt, muss nicht lange suchen.

Ein aktuelles Beispiel: die Digitalisierungs-Strategie der EU (der sog. Digital Services Act, kurz: DSA) scheint auf den ersten Blick gemeinwohl-förderlich, aber zugleich auch übermächtig und unaufhaltsam. Die Vehemenz, mit der alle Entscheider den DSA vertreten, macht skeptisch. Nun hat der DSA schon vor einiger Zeit die Einrichtung einer „Falschinformations-Fundgrube“ („Disinformation Repository“) auf den Weg gebracht, mit der die Effizienz bei der Bekämpfung unerwünschter und deswegen als „falsch“ geframter Ideen optimiert werden soll.

Wo ist das Geschäftsmodell?

Zunächst klingt die Zielvorgabe wie unsere einzige Rettung vor überall im Verborgenen ihr Unwesen treibenden feindlichen Kräften, vor Sabotage und Untergang: „Der Kampf gegen Desinformation ist ein vorrangiger Bereich in der Europäischen Union, und verschiedene wichtige Initiativen befassen sich mit den Herausforderungen, die die Verbreitung von Desinformation mit sich bringt. Dazu gehört die Mitteilung der Europäischen Kommission über den Europäischen Aktionsplan für Demokratie.“ (Quelle: The recognition of the Code of Practice on Disinformation as a code of conduct pursuant to Article 45 of Regulation 2022/2065; Digital Services Act; European Board for Digital Services).

Wer soll solche verwursteten Mitteilungs-Mäander kapieren? Wer soll all die Hohlformeln und Neologismen ausloten, bis sie ihren Sinn preisgeben? Niemand soll. Denn es handelt sich mal wieder um den Typus „veröffentlichte Geheimnisse sind die am besten geschützten“, wie Jörg Schröder schon vor fünfzig Jahren schrieb am Beispiel der Stationierung der Pershing-Raketen auf deutschem Boden.

Auch der „Europäische Aktionsplan für Cybersicherheit in Krankenhäusern und bei Gesundheitsvorsorge anbietenden Einrichtungen“ klingt zwar etwas nach administrativer Logorrhoe, aber im Grunde vernünftig. Niemand, der gerade im CT liegt und von einem ferngesteuerten Chirurgieroboter am Rückenmark operiert wird, möchte, dass sich böse Menschen einhacken und an seiner Wirbelsäule Unfug treiben. Wo ist das fragwürdige Geschäftsmodell?

„Zum Zeitpunkt der der Verabschiedung der Aktionspläne“, heisst es auf der Seite „Shaping Europe´s digital future“, werden die Aktivitäten nicht etwa – wie ein naiver Betrachter denken könnte – von den Mitgliedsstaaten getragen. Vier der „Signatarmächte“ sind keine Staaten, sondern private, multinationale VLOPs and VLOSEs („Very Large Online Platforms and Very Large Online Search Engines“): Google (YouTube und Google Search), Meta (Facebook und Instagram), Microsoft (LinkedIn und Bing) und TikTok.

Sie „verpflichten sich, den Aufbau der Europäischen Digital Strategie zu finanzieren“. Gut, mag sich mancher Leser denken: sollen doch jene, die durch Bereitstellen der Ressourcen ohnehin eng verknüpft sind mit der Verbreitung von Falschinformationen oder den Risiken eines digitalisierten Gesundheitssystems, auch die Kosten der Abwehr von kriminellen Handlungen tragen. Sollen sie ihren Anteil am Erhalt der Demokratie leisten.

Diese Auffassung verkennt vollständig die Interessen der Plattformbetreiber. Warum sollte ein globalisierter Betrieb, dessen Server die besonders kritischen Daten (Militär, Gesundheit, Finanzwelt) hosten, sich ohne wirtschaftlichen Vorteil der Meinung eines europäischen Staatenverbundes beugen? Die Giganten verfolgen ihre eigenen Ziele. Wenn die EU die digitale Zukunft ausbauen will, dann ohnehin nur mit ihnen. Alles, was ihre freie Entfaltung einschränkt, die Gewinne schmälert, würden sie zu umgehen wissen.

Habe ich meine Chance übersehen, das zu ändern?

Noch ein Beispiel aus einem ganz anderen und doch verwandten Feld: in Ramstein-Weilerbach wird ein Krankenhaus gebaut. Nicht irgend eines. Sondern das größte Militärkrankenhaus der USA. Auf deutschem Boden, sollte man meinen. Da müsste ja die Bundesregierung durch Baugenehmigungen und allfällige Informationspflichten über alles unterrichtet sein, sollte man denken.

Am 13. Februar 2025 titeln die Nachdenkseiten: „US-Militär baut Bio-Labor der Sicherheitsstufe 3 in Deutschland – Bundesregierung weiß angeblich von nichts.“ Unter Biostoffe der Risikogruppe 3 fallen u.a. SARS-CoV-2, Virus H5N1, Dengue- und Hanta-Virus.

Nun Weilerbach statt Wuhan?

Zu sehen im den Text begleitenden Video-Bericht ist die Website des deutschen Unternehmens HT Group GmbH, „Partner für Innovation, einzigartige Produkt- und Servicequalität, Flexibilität und internationale Partnerschaft für modulare Räume und Gebäude im Bereich von Gesundheit, Pflege und Forschung.“ – auch bei HT arbeiten offenkundig passionierte Verfechter der adminstrativen Logorrhoe-Sprache.

Am 28. Oktober 2024 wird das Projekt US-Armee-Krankenhaus (mit integriertem Biowaffenlabor) von HT noch euphorisch beworben: „HT Group realisiert den Operationsbereich, die Krankenhauspharmazie nach GMP-Anforderung und das Bio-Sicherheitslabor nach BSL-3.“

Unmittelbar nach der Bundespressekonferenz, auf der das Thema „Biolabor“ zur Sprache kam, wurde die Seite (vormals erreichbar unter „https://www.htgroup.de › news › ramstein-die-groesste-amerikanische-klinik-im-ausland„) allerdings abgeschaltet. Wer jetzt Details über den Krankenhausbau wissen möchte, muss sich bei der Bundesregierung selbst informieren.

Denn laut Nachdenkseiten trägt „Deutschland dabei die gesamten Planungs- und Baubetreuungskosten in Höhe von 151 Millionen Euro“. Bundesbauministerin Klara Geywitz und ihre Pressesprecher allerdings bestreiten mit Nichtwissen, dass hier ein Bio-Labor der höchsten Sicherheitsstufe integriert ist – wie kann das sein? Fake-News der Nachdenkseiten? Die mit Geld von Google, Meta und Microsoft bekämpft gehören?

Wohl kaum.

Nehmen Sie sich die drei Minuten, um diese Posse einer Bundespressekonferenz auf Youtube anzuschauen.

Der Bauherr (US Armee) sieht die Anlage zu recht als „Megaprojekt“. Viele Einzelne werden sehr viel Geld damit verdienen. Ob das Projekt in Konflikt mit deutschem Recht steht, wird öffentlich erst gar nicht überlegt.

Da niemand von den auf der Bundespressekonferenz versammelten Vertretern der Ministerien mehr als den unter Scholz so epidemisch grassierenden Zynismus der Aussageverweigerung beizutragen hat, sollte man doch ehrlicherweise die PK ganz abschaffen.

Es wird also gebaut. Wir haben keine Kontrolle. Wir wissen nichts.

Aktionsplan Demokratie? Digitale Strategie? Krankenhaus-Sicherheit? Alles Worthülsen.

Habe ich eine Chance übersehen, daran etwas zu ändern?

Letztes ganz kurzes Beispiel: Kultur.

Als Antwort auf das Spardiktat im Theaterbereich stellt der Berliner Regisseur Lajos Talamonti seine Arbeit ein. Sein Nachruf auf sich selbst in der Berliner Zeitung begründet die Entscheidung:

„Der Geist der Zusammenarbeit ist, seit sich die Freie Szene „professionalisiert“ hat, Stück für Stück in den Hintergrund getreten. Der Kampf jeder gegen jeden hat sich verschärft, während die Selbstorganisation und Handlungsfähigkeit der Künstler immer mehr an Kraft verloren hat. Das Gute an diesen zahnlosen Pseudoprotesten ist, dass sichtbar wird, wie groß die Zahl der vereinzelten Machtlosen ist. Machtlose, die sich jetzt entgeistert anschauen.“

Ohnmacht, Unwissen, Handlungsunfähigkeit.

Was sollen wir denn unternehmen, was zur Stützung der unabhängig arbeitenden Künstler vorschlagen? Etwa, dass TikTok jetzt die freie Szene alimentiert?

Welchen Rettungsanker können wir dem bunten Teil des Betriebes zuwerfen, wenn seine Exponenten längst erkannt haben, dass die letzte Konsequenz ihre Selbstabschaffung ist: ein Trick, um wenigstens einen mikroskopischen Rest an Würde zu bewahren?

Was könnte ich tun, um das vollständige Absterben meines Habitats, der Kultur, zu verhindern?

In diesem Fall kann ich meine eingangs gestellte Frage nach der Chance, an diesen Zuständen etwas zu ändern, aus eigener vierzigjähriger Praxis beantworten:

Ich kann daran nichts ändern.

Ich kann mich von diesem Elend nur möglichst weit fernhalten, um nicht noch mehr kaputt zu gehen, als mich Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit ohnehin schon haben werden lassen.

Wohin, an welchen Ort aber gerate ich mit meinem selbstverordneten Abstand vom falschen System? Wohin kann ich abwandern? Wie dem falschen System, das solche Widersprüche zulässt, sie geradezu fördert, die Mitwirkung verweigern?

Noch einmal Talamonti: „Es soll ja im Kapitalismus eine produktive Zerstörung geben. Weggefegt wird das, von dem behauptet wird, dass es ohnehin kaum jemand braucht. Es gibt aber auch eine destruktive Zerstörung, das ist, wenn Produktives für die schnelle Mitnahme ausgeschlachtet wird. Wie George Tabori schon sagte: Theater entsteht, wenn totgesagt, in irgendeinem Keller neu.

In Taboris Keller können wir uns heute nicht mehr flüchten. Denn sie sind längst ausgeräumt und vermarktet als Start-Up Basis für einen Laden mit vielen Followern, der bald das ganze Haus kauft und alle Mieter rausschmeisst.

Und wir? Wir stänkern herum wie typische B.O.F.s (boring old fart): unangenehme Lüftchen, die bald verfliegen.

Das ist keine verbale Selbstgeißelung. Wir müssen kapieren, wann wir verspielt haben und ab wann das Durchhalten nur noch kontraproduktiv ist. Nur wer noch rechtzeitig die Stellung wechselt, hat eine Chance, von der großen Maschine Kapital nicht plattgewalzt zu werden.

Wenn wir uns vorher vollständig aufreiben in aussichtlosen Kämpfen, sind wir zu schlapp, um noch eine Utopie zu entwickeln, sogar zu schlapp, um auch nur eine Zuflucht für uns zu finden. Mit jedem Aufbäumen gegen das falsche System stirbt ein Stück Freude. Es versiegt die Kraft, die wir brauchen, um das richtige Leben aufzubauen.

Denn wenn wir uns auf eine Abwendung vom falschen System vorbereiten, endgültig die Mitarbeit verweigern und uns selber aus der „Zivilisation“ Auswildern wollen, brauchen wir Gesundheit und viel Energie. Dürr, vertrocknet und aufgeraucht von letztlich sinnlosem Widerstand schaffen wir den Absprung nicht. Daher die Aufgabe: Kräfte sammeln.

Wie Jean Giono in „Bleibe, meine Freude“ (1936) schreibt: wir wollen es schaffen, wenigstens für uns, wenn es schon für alle nicht möglich ist.

Wahnsinnige Freude über die Menge von Kommentaren auf allen Kanälen. Für mich ist spannend zu sehen, wir verschieden die darin beschriebenen Lösungsansätze sind.
Allen gemeinsam ist, dass die Leser – nach den verschiedenen Schocks der letzten vier Jahre – Vorschläge unterbreiten oder Ideen haben, dass und warum man sich angesichts des rasanten Regimewechsels jetzt um sich selber kümmern muss, wenn man nicht untergehen will.
Nach Jahren der Starre jetzt deutlich: Beschleunigung. Wenn wir jetzt nichts ändern, ist es zu spät. Für Leute wie uns.

Ich sehe in dieser Fokussierung keinen Aufstieg eines neuen Egoismus. Ich sehe darin eine Art Rettung in höchster Not.
Allerdings bringt sie ein Problem mit sich: sich um sich selbst zu kümmern, enthält noch keinen Akt der Vernetzung und Bündelung von Kräften. Das ist die Aufgabe, an deren Umsetzung wir als nächstes arbeiten sollten.

Sichtbar auch: Beschleunigung auf einer Achse aus der bestehenden, sich täglich stärker profilierenden Gegenwartskultur heraus.

In diesem Sinne habe ich Jean Giono verstanden: weniger als einen „Ausstieg“, ein sich Absetzen und dem Rest den Rücken kehren. Sondern sich selber so viel „Freude bringen“, damit man damit schlussendlich all denen auf den Weg hilft, die gleich gesinnt sind oder es ohne Unterstützung nicht schaffen würden, sich aufzumachen raus aus der destruktiven Struktur.
Das gemeinsam Weitermachen unter den Bedingungen von Autonomie, wie Hanna das in ihrem Kommentar genannt hat.

Oder, wie mir die Freunde aus der französischen autonomen Bewegung schreiben: „Wir haben deinen Text genossen trotz der brutalen Hoffnungslosigkeit, aber vielleicht auch gerade ihretwegen.“ Ich verstehe: weil sie eine Chance bietet zu handeln. Weil man nicht mehr beharren, nicht mehr warten muss, dass es besser wird. Sondern einfach abschließt, um neu zu starten.

Während die Minister, die Unternehmer, die momentan auf der Schaumkrone der Welle reiten, auf ihrem Unwissen beharren, weil sie das (für die „Masse“) Schlechtere bewahren wollen. Weil sie daran mehr verdienen.
Mehr Macht bekommen und mehr Macht behalten können.

Statt sich ihrem eigentlichen Auftrag zu widmen, für alle das Beste zu organisieren, agieren unsere politischen Vertreter wie die Rechtsbeistände von Versicherungen, die alles bestreiten. Zum Schluß den Wert des Lebens selbst. Je weiter sie ihn gegen Null rechnen, sinkt die Höhe ihrer „Ersatzpflicht“.
Da dies der Kern ihrer Wertschöpfung ist, gibt es keinen Grund, sie weiter zu wählen, ihnen zu glauben, sie zu unterstützen.

Sondern – von ihrer Null ausgehend – alles komplett neu anfangen. Etwas Besseres aufbauen. Weit von ihnen entfernt.

8 Antworten auf „Nichtwissen“

  1. Hmmmmmm (seufz).
    Ich wurde eben von einem (Ex-) Tanzzeitschriftenchef aus Berlin auf diesen Essay angesetzt. Zuvor hatte ich ihm meine Selbstbeobachtung mitgeteilt, wie mich – punktuell und zeitweise – die große Internet-Verrohung anzustecken droht, so dass ich seit der vermutlich halb getürkten US-Wahl (massenhaftes Wahlregister-Säubern in „roten“ Republikaner-Staaten) erst mit lauen Todeswünschen auf Trump, dann mit immer wachsenden und aktiveren/blutigeren Kalibern Youtube-Kommentare verfasst habe, deren einige mich in Amerika zum „felon“ machen würden. Ich verstehe, warum Freund & Kollege mich hierher gelenkt hat. Es muss dieser unausgesprochene Stoizismus in Ihrer, O. A.s, Äußerung sein: nicht Dräuen und Wüten gegen Dinge, die wir nicht ändern können. Bin ich damit glücklich? Eher nicht. Aber an die Nutzlosigkeit des „Ausrastens“ vor einem Phänomen wie Trump erinnert zu werden, konnte nicht schaden.

  2. interessant, das gleiche thema habe ich gerade mit einem freund von mir besprochen. ich hatte ja in meinen ferien auch versucht, newsabstinent zu bleiben und bin bei politikthemen sofort geflüchtet. das hat mir sehr gut getan. und ich bin mit drei vorsätzen zurückgekommen: ich schau den leuten in die augen. alles was ich sage, kommt von herzen. und ich rede nicht mehr über politik.

  3. Die Frage ist natürlich: sind wir (ich meine uns einzelne Menschen, die das kritisch beobachten) wirklich bereit, über unseren „Ausschluss/Austritt“ aus den herrschenden Gepflogenheiten nicht beleidigt zu sein, keine versteckten Ansprüche an „die Kultur, staatliche Institutionen etc.“ zu haben?
    Sind wir wirklich bereit zur Autonomie?

    Trump bringt die Verhältnisse, auf der Ebene des Spektakels, zum Tanzen. Und alle hecheln hinterher! Das ist in gewisser Hinsicht zutiefst komisch, abgründig komisch, aber uns kann das doch eher erheitern und in Spielfreude versetzen, auf unserer eigenen Ebene, natürlich …
    Das wäre schön. Auf dem, was gerade alles zu Bruch geht, auf den Trümmern der politischen Konventionen und geglaubten Wahrheiten, zu etwas ganz Neuem, immer schon Vorhandenem vorstoßen!
    Daran weiter tätig sein!

  4. Wow – krass gutes Essay!
    Ich war letztes Jahr in Tansania und habe Fitmach-Zaubertränke getrunken. Die Massai nehmen diese Tränke in einem Retreat über mehrere Tage oder Wochen und schwören darauf, dass es alles erneuert und heilt … Es gibt ein paar Studien dazu, die das zum Teil belegen. Ich will diesen Sommer wieder hin und eine kleine Gruppe mitnehmen. Vielleicht solltest Du mitkommen zum Kraft tanken …?
    PS: Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher sind und die Klugen so voller Zweifel.
    Bertrand Russel

  5. Da haben wir es!- Schönscharf Brillantes – geschrieben über das schimmelartig wuchernde Entsetzliche. Olaf’sche Spezialität. Seltener und seltsamer Lesegenuss, die eigenen ungeordneten Sorgen und Ängste so verbunden zu sehen. Wie mit dem roten Nähfäden in der Materialsammlung an der Wand in einem Krimi. Und ja – Hallo! an Alle, die diese Sorgen auch haben. Scheinen mehrere zu sein und noch mehr zu werden. Wir werden sehen.
    Das Gute an dem guten Text ist, dass – nachdem sich mit jedem Absatz die Lage verdunkelt und keine Rettung mehr in Sicht scheint – wir doch daran erinnert werden: „Bleibe, meine Freude!“- JA! Ab sofort und für immer.
    Vor ein paar Tagen, als die Unerträglichkeit des in den Nachrichten Gehörten meine Tapferkeit mit Migrationshintergrund zeitweise (immer nur zeitweise!) besiegt hatte, sagte ich laut: keine leeren Gurkengläser werden mehr weggeschmissen, wir brauchen Eingemachtes, wir brauchen eine Lösung, wir brauchen unsere Kapsel! Und weg? Wohin?
    Ich bin dabei. Ich will den Zaubertrank von Brett, ich will den Leuten in die Augen sehen und vom Herzen sprechen, wie Künstler Treu, ich will das Buch von Jean Giono & die Autonomie von Hanna. Können wir eine vernetzte Autonomie haben?

  6. Halte dich an dein NICHTWISSEN, genauso geht es einem Menschen, wenn genug genug ist.
    Der Kommentar: ich schau den Menschen in die Augen…hat mir aus dem Herzen gesprochen!

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