Ein Geld
Es lässt sich nicht abstreiten: diverse Kontensperren der letzten Monate haben eine höchst funktionale, frisch geschliffene Schere in unseren Köpfen installiert. Die schärfere der beiden Klingen … – auch wenn es ein hohes Einschüchterungspotential besitzt, dass selbst die amtierende UN-Sonderberichterstatterin zur Menschenrechtssituation in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten abgeschnitten wird von der Möglichkeit zur Teilnahme am Zahlungsverkehr – … oder genauer: der weitaus tiefer in uns einschneidende Schenkel der Schere wird durch Willkür zur Klinge geschmiedet.
Niemand weiß, wann es ihn erwischt. Niemand kennt die genaue Lage der Grenze, deren Überschreitung zum Zugriff führt. Wir werden bewußt im Unklaren gelassen, welche Regeln aktuell gelten, welche Worte vermieden, welche Gedanken grundsätzlich ungedacht bleiben sollen. Vorsichtshalber also alles vermeiden, was zu Kontosperren führen kann.
Wie sollen wir uns zur Willkür verhalten?
Schlucken und ducken.
Stets überraschend also erscheint die Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung und kappt dein Band zum Leben.
Das Einzige, was wir jetzt ganz genau wissen ist, was ex-Bundesfinanzminister Christian Lindner 2024 meinte, als er in seiner „Strategie Zoll 2023“ verkündete: „Mein Ziel ist es, den Zoll schlagkräftiger zu machen. … wir (stärken) die Rolle des Zolls, wenn es um die innere Sicherheit geht. Hier kann der Zoll … zeigen, dass er als moderne Behörde unverzichtbar ist.“
Entsprechend der neuen Zielstellung wurde der Zoll auch personell neu durchstrukturiert. Mit Dr. Armin Rolfink erschien ein Promovierter als Präsident der Generalzolldirektion, der bereits vor 27 Jahren mit einer empirischen Untersuchung über Bürgerpräferenzen zu akademischer Ehre gelangt war.
Wer durch Befragung weiß, was die Leute wollen, weiß wohl auch, vor was sie sich am meisten fürchten.
Besoldet wird Herr Rolfink übrigens, und zwar ziemlich mündelsicher, nach B9 (lt. Beamtenbesoldungstabelle immerhin 14.077,27€ monatlich, also deutlich mehr Geld, als man zum Leben in der Bundesrepublik benötigt) und ist somit dem Direktor beim Bundesverfassungsgericht oder dem Bundesbankdirektor wirtschaftlich gleichgestellt. Seiner Unterdirektion XI unterliegt auch die Exekution des Sanktionsdurchsetzungsgesetzes (SanktDG).
Wie sollen wir uns dazu verhalten, dass ein Akademiker verantwortet, dass unsere Konten zu sperren seien?
Schlucken und ducken.
Kurzum: Wir sind sprachlose Zeugen des zweiten spanlosen Zerteilens unserer Gesellschaft. Schon beim ersten Großangriff gegen die Bürgermeinung 2020 wurde mit Angst operiert. Auch die damals erzeugte Angst war existenziell: die tödliche Bedrohung der Gesundheit wurde in Feld geführt. Jetzt geht es wieder um unser Leben. Wer Dinge denkt, die nicht ins politische Programm passen, oder – wie im Fall der Sonderberichterstatterin – sich nicht erfolgreich wehren kann gegen eine digitale Nachbearbeitung seiner Worte, dem wird der Hahn abgedreht.
Dabei geht es wohlgemerkt ums rein ums Geld. Wir sollen Todes-Angst bekommen vor dem totalen Verlust unserer Zahlungsfähigkeit. Denn, wie es in Fassbinder-bayrisch heißt: „ein Geld“ muss man haben, sonst ist man dran. Ohne Asche nix zu futtern.
Das Abschneiden von der Existenzsicherung durch Einkünfte gelingt unseren Bundesministerien inzwischen sogar rückwirkend, wie die jüngsten Meldungen aus dem gottesfürchtigen Haus Weimer zeigen. Die „Radikalen Töchter“ dürften nach der Absage der Förderung ihres Modellprojektes „Mut-Muskel-Training“ aus dem Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ wohl pleite sein.
Nebenbei bemerkt kann ich für die Haltbarkeit des Links hinter den „Töchtern“ nicht mehr garantieren, hat doch der Wikipedia-Benutzer Mirmok12, Träger des Wikiläums-Verdienstordens in Bronze, sowie Träger der Auszeichnung „Held der Wikipedia“ in Gold für die Sachlichkeit bei der Anlage, der Aktualisierung und der allg. Pflege von Politikerbiographien im Dienste der Verbesserung der Enzyklopädie“, am heutigen Sonntag, den 29. März. 2026 um 17:42 Uhr einen Antrag auf Löschung des Eintrags gestellt: wegen mangelnder Relevanz.
Wie sollen wir uns dazu stellen, dass eines der obersten Gebote des Rechtsstaates, die Rechtssicherheit, schleichend ausgehöhlt wird, indem Zusagen von Behörden nichts mehr gelten und rückwirkend annulliert werden können – nach neuerlicher Besichtigung durch Gottes-, doch nicht Gesetzes-fürchtige Minister?
Schlucken und ducken.
Man lasse sich an dieser Stelle bitte ein zweites Mal die zentralen Begriffe der letzten Absätze durch den Kopf gehen: Zusammenhalten Abschneiden Mut Teilhabe Existenz radikal pleite Löschung.
Nun wissen wir noch besser, in welchen Zeiten wir leben.
Lohn der Angst
Entsprechend dieser Einleitung habe ich den Autor, den ich heute anzukündigen habe, gefragt, als ich seinen Text auf den Tisch bekam, ob er keine Angst vor „zivilrechtlicher Ermordung“ wegen seiner Meinung habe.
Er antwortete: „Doch, die Angst habe ich. Aber ich halte es auch nicht aus, könnte es nicht verantworten, nicht aktiv zu werden gegen diesen Wahnsinn.“
Lesen Sie also bitte den ersten Teil des Essays Nummer 60 in Die Aktion mit dem Titel „DDR 2.0?“ von Andreas Peglau, Autor, Psychologe, Psychotherapeut, Psychoanalytiker. Nicht in Wikipedia eingetragen.
Der Text basiert auf einem Vortrag, gehalten am gestrigen 28. März 2026 im Brigitte-Reimann-Literaturhaus Neubrandenburg.
