29. April 2020 12:33 Kreative Lumpenverwertung

Heute also dritter Tag der staatlich angeordneten Gesichtsvermummung. Zugleich auch Premiere für die persönliche händische Übergabe der Einkaufswagen BürgerIn zu BürgerIn. Klappt ganz gut.

Solche Schlangen habe ich zuletzt in Leningrad im Winter 1990 vor Geschäften gesehen, über die das Gerücht umlief, dass es dort kurzfristig eine Art Mortadella-Ersatz zu kaufen gäbe. Damals waren die vermummten Gesichter allerdings dem Kältetief von 30 Grad minus geschuldet.

Weil man ja heutzutage – wenn es sich einrichten lässt – allein in die spuckgeschützen Areale gehen soll, bleibe ich auf dem Parkplatz vor dem ALDI im benachbarten Kleinstädtchen an der Elbe sitzen.

Meine Freundin muss allein zusehen, wie sie vorschriftsgerecht „ohne anzufassen“ das Gemüse aus dem Regal in den Korb bekommt.

Währenddessen schiele ich verlegen auf die bekleideten Gesichter.
Das neue Nackt ist die Maske.

Erstaunlich, wie gut alle aussehen. Fadendünne, zusammengepresste, halbmondförmig nach unten gekrümmte Lippen: kaschiert. Doppel- und Dreifachkinne: kaschiert. Das Verbissene der frühen Einkäufer: hinter schönem Vorhangstoff verborgen.
Hinter der Mauljalousie kann man seine Pappenheimer allerdings nun nur noch anhand der unverwechselbaren Lippenbekenntnissen identifizieren, die in fetter Fraktur auf Brust und Rücken gedruckt sind.

Alle nähen wie besessen und kommen zu nichts anderem mehr. Die viel zitierte Heimarbeit bekommt erst durch das Spuckschutzgebot ihren Sinn. Forsa warnt allerdings schon vor verfrühter Umstellung der Betriebe: „Arbeitsminister Hubertus Heil, der bereits ein Recht auf Homeoffice gesetzlich verankern will, sollte sich nicht zu früh freuen. Womöglich handelt es sich nur um einen kurzfristigen Trend.“

Ob kurzfristig oder nicht: Trend ist, dass Veranstaltungen abgesagt bleiben, bis intelligente Lösungen da sind. Jeder ist gefragt.

Eine Art Wiederaufbau-Wirtschaftswunder-Stimmung.

Telegram macht ping. Ich erhalte den passenden Eintrag eines Freundes https://www.facebook.com/mthannover . Er hätte jetzt normalerweise keine Sekunde Zeit, weil er Festival auf Festival mit Bühne, Ton und Licht bestücken müsste. Jetzt: kein einziger Auftrag. Seine Systeme hat er kurzfristig umfunktioniert, um dem hohen Bedarf an Speichel-Sprüh-Vermeidung zu begegnen.

Derweil kommt es vor dem ALDI zu einem Stau bunt getarnter Menschen.
Was sich neben den dreireihigen Einkaufswagen-Abstell-Fächern abspielt, ist Fernseh-Ballett-reif.

Es entwickelt sich zweifelsfrei ein buridanisches Paradox, das wie typisch für dieses Gleichnis zu „deadlock“ (Stillstand) führt.

Der unlösbare Konflikt: darf man in eine neben liegende Reihe einrücken, wenn der vor-und rückwärtige Abstand zwar stimmt, aber nicht der seitliche? Die Sache kompliziert sich, wenn man wie üblich dem Vordermann hinterher trottet, nun aber der Abstand auch beim rückwärts Ausparken korrekt eingehalten werden soll. Die Bunten sind ratlos, was man an ihrer pantomimischen Auseinandersetzung über eine Raumnutzung erkennt, die dem Infektionsschutz entspricht.

Meine Freundin jedenfalls ist mit ihrem blauen Motivschmuck mit Schiffen und Möwen mittlerweile an der Kasse angekommen und winkt stumm durch die Scheibe: „Muss noch kontaktlos zahlen, dann gehts weiter!“
Letzte Woche hatten wir schon von einer Jeansfirma unaufgefordert ein buntes Fetzchen zum Umschnallen mitgesendet bekommen. Man solle sich, so die Empfehlung, allerdings noch einen Staubsauger-Filter in den Stoff einbauen.
Was wir jetzt tragen, stammt aus einer kleinen Manufaktur nahebei.

Während ich also hinter der Windschutzscheibe hocke und die erste bundesweite bottom-up Modebewegung analysiere, drängt sich ein Widerspruch auf.

Ich habe prinzipiell nichts gegen Recycling und Ressourcen-Schonung. Ich finde die kleinen Schneidermeisterwerke mit Ohrgummihalterung auch ganz niedlich.

Aber leben wir nicht in Deutschland, der führenden Forschungs- und Industrienation, einem der reichsten Länder der Welt? Reden wir nicht gerade täglich über Multikanal-Videokonferenzen, G5-Durchsatz, künstliche Intelligenz für autonome Autos?

Sprechen nicht alle ununterbrochen über „superhuman capabilities“?
Gucken wir nicht ganztägig in den Gardner Hype Cycle und die Top Trends to Watch , um zu entscheiden, in welche Zukunftstechnologie wir unsere Corona-Soforthilfe gewinnbringend investieren sollen?

Hat nicht Elon Musk mit seiner Mondbesichtigungs-Firma gerade das Weltall erobert? Vielleicht wusste er schon früh von kommenden COVID19-Beschränkungen und sattelt fix auf Einzelkabinen um? Tourismus für das 21. Jahrhundert im virenfreien Raum.

Also: wie ist das?
Airbus lässt Starfighter führerlos im Schwarm über der Ostsee fliegen und LIDAR-basierte Drohnengruppen pilgern durch den Wald, ohne mit Bäumen zu kollidieren – keine Vision: habe gerade das Video angeschaut .

Überall geistern „Edward“-eske Startup-Unternehmer mit ihren Genscheren-Händen durch die Hecken und schnetzeln uns die Welt zurecht.

Und in der Situation bricht sich das manufakturelle Mittelalter mit gebrauchten Gardinen Bahn?
Ist das „made in Germany“ 2020?

Eine vom medialen Dauerfeuer verängstigte hi-tech-Nation wird mit selbst zusammen geschusterten Lappen fragwürdiger Web-Dichte aufeinander los geschickt. Der ganze, höchst fragwürdige Bastel-Terror soll angeblich helfen, Sekrete zurück zu halten, die beim Aussprechen zu vieler Zischlaute möglicherweise ein Virus auf die Schleimhaut des Gegenüber praktizieren könnten, in dessen genetischer Struktur sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein Strang HIV angesiedelt hat?
(siehe hierzu den Nobelpreisträger für Medizin 2008, Luc Montagnier)

Da müssen wohl dringend die Herrschaften vom Cyber-Valley noch mal ran. Die digitalen Talbewohner ahnen schon, was das Problem ist: Eine Größe passt nicht für alle.
Eine wissenschaftliche Höchstleistung, die unseren Beifall verdient.

Die Ansiedlung, die so bahnbrechende Erkenntnisse mitten in der Krise zu Tage fördert, ist schon eindrucksvoll. Im schwäbischen “Stanfordle” sind die Energien von Max-Planck-Gesellschaft, Amazon, BMW, Bosch, Daimler, IAV, Porsche, ZF mit denen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gebündelt. Unterstützt werden sie von unserer „Machfabrik“ namens Bundeswehr und den alliierten Streitkräfte von Facebook.

Wo so viel Gutes zusammen kommt, muss doch ein wasserdichter Spuckschutz im Beipackpaket liegen! Falls das Tübinger Kraftpaket immer noch nicht ausreichen sollten, könnte die Cyber-Valley-Initiative ja vielleicht ihre neuen Finanziers von der ex-NSA-Forschungseinrichtung IARPA bitten, eine etwas zeitgemässere Technologie zur Produktion von Atemschutzmasken zu entwickeln.

In Frankreich hat die kreative Lumpenverwertung jedenfalls schon zu politischen Bekenntnissen geführt, siehe mein Blog-Beitrag „Der Staat mordet“.

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf – und ich bemerke erste viel zu spät, dass diese merkwürdige vermummte Gestalt vor mir, die durch das Sicherheitsglas winkt, wohl … meine Freundin ist.

Weil wir nicht vorhatten, das Eingekaufte in weniger als 50 Meter Entfernung vom Kaufort der Waren zu verzehren, geben wir schnell Gas und ab in die Büsche zum heimlichen Verzehr.
Ich schließe mit der Bitte: wer kann mir erklären, wodurch eine Infektionskette ausgelöst wird, deren Beginn die Nahrungsaufnahme auf einem ALDI-Parkplatz ist?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.