Gefährderansprache

Ein Poem mit Einleitung

I. Vorrede

Spaltung
Ohne dass ich es geplant hätte, fügen sich die letzten drei Beiträge – vor dem heutigen – in eine Reihe sich fortsetzender und gegenseitig auslösender Gedanken zum Pandemie-bedingten Wandel des Stils im Umgang miteinander.

Beginnend mit dem Text vom 19. April „Der gründlich regierte Bürger“ , der die technologische Bedingung des Wandels aufgreift (und seine grassierende Bejahung durch die Bürger), über „Die Säuberung der Schädelkammern“ am 2. Mai, in dem ich mich mit der Geschichte des methodischen Einsatz von Begriffen beschäftige, die ein neues Denken lancieren sollen (und dabei das alte Denken restlos abwaschen), bis hin schließlich zum „Blinden Fleck“ vom 4. Mai., der den kometenhaften Aufstieg eines neuen Egoismus polemisch beschreibt, hat sich mein Thema, ohne dass ich es wollte, auf den Punkt zu bewegt, über eine tiefgreifende Spaltung in unserer Gesellschaft zu sprechen, die in nur einem Jahr entstanden ist.

Mir scheint, dass viele Menschen heute nur noch aus der sicheren Distanz einer selbst gewählten komfortablen Isolation – mit stabilem Internetanschluß und kontaktfreier Essenzustellung per Lieferdienst – heraus agieren. Sie schießen aus der Distanz auf vermeintlich Verantwortungslose, die ihre Zelle verlassen und draußen – unter zahmer Missachtung fragwürdiger Regeln – im Kontakt bleiben wollen.

Die bei sich da drinnen bleiben, nehmen mit der (geistigen und der aufgewärmten) Bringdienstnahrung aus dem Netz viele ungesunde Spurenelemente zu sich, die sich – wie bei allen kontaktlosen Erfahrungen – schnell zu Haß steigern.
Die da draußen stehen ständig neben falschen Fahnen und müssen sich pauschal von der Polizei als Gefährder ansprechen lassen.

Die Gesellschaft zerfällt in zwei Gruppen, die sich gegenseitig für unzuverlässige Zeitgenossen halten.

Eingeweidebruch
Ist die Spaltung umkehrbar?

Oder ist der Diskurs, die kritische Auseinandersetzung unter Menschen, die zur gleichen Zeit mit dem gleichen Problem konfrontiert sind, es aber unterschiedlich interpretieren, endgültig zerbrochen?
Oder können wir zu einer Variante der konstruktiven Auseinandersetzung zurückfinden und die derzeitigen Verwerfungen aufheben?

Wenn ich die Verschärfung meiner eigenen Sprache in diesen – mit dem heutigen – vier Texten rückblickend betrachte, fürchte ich mehr und mehr, es wird schwierig, wieder zusammen zu kommen mit den Teilen der Mitbürger, die keine Lösung suchen, sondern das Problem, das ihnen abweichende Auffassungen bereitet, endgültig erledigen möchten.

Doch ich fühle mich nicht an die Kette des Nicht-Vergessen-Könnens angeschmiedet. Ich halte das Gespräch offen. Aber es gibt dafür fraglos Bedingungen, hinter die wir nicht zurückgehen können.

Noch finde ich Freunde, Genossen, Leser, nicht gering an Zahl, die verstehen, worüber ich spreche und nicht so tun, als sei es ganz absurd und verworren. Noch finde ich Menschen mit dem gleichen Ziel – aber die Ausfallquote ist dennoch verheerend.

Der Eingeweidebruch unserer Gesellschaft macht keinen Sinn. Und ich hoffe, der Pilz der Spaltung kann trockengelegt werden.

Kontroverse macht Sinn. Denn fair ausgetragene Kontroversen führen zu Einsichten. Einsichten münden in Ergebnisse.

Ein „Mittel-Weg“ jedenfalls ist unmöglich.

II. Anrede

Zeitgenossen!
Bewohner dieses Landes!
Nachbarn nah und fern, die ihr zusammen mit mir ins 21. Jahrhundert geschritten seid! Bürger der freiheitlich-demokratischen Staaten Europas, die ihr Krieg und Faschismus, diverse Weltwirtschafts- Staatsschulden- und Finanzkrisen erlebt und überstanden habt! Mitmenschen, die ihr mit gerechter Verachtung die Anschläge auf andere Zeitgenossen in Manhattan, Barcelona, London, Paris, Madrid, Berlin, Nizza gesehen, vielleicht sogar miterlebt habt! Zählt die Namen aller Orte auf, an denen Attentate verübt worden sind im Namen vollkommen frei herbei fantasierter, eingebildeter, religiöser oder systemkritischer Motive. Wir alle sind die Opfer dieser Attentate und das eint uns. Dachte ich.

Zeitgenossen und Geschädigte, Beobachter und Begleiter der diversen Krisen, Ruinierte des Spätkapitalismus, ich habe euch eine Mitteilung zu machen über ein Missverständnis, das mir erst unter den Bedingungen der Pandemie aufgefallen ist.

Kurzum: ihr alle, die ihr zusammen die Öffentlichkeit stellt, ihr, die sogenannte Bevölkerung: ich muss euch einen gewaltigen Irrtum gestehen.

III. Irrtum

Ich habe immer gedacht, es seien Fehler unserer Regierungsform, unter denen wir, oder genauer: die meisten von uns leiden. Ich habe nun erkannt: ich habe mich geirrt. Ich habe mich in euch geirrt, in der die anonymen Masse, die mich umgibt.

Ich habe immer gedacht, wir hätten alle mehr oder weniger den gleichen Mut, wenn es hart auf hart kommt, wenn es ernst wird und zur Sache geht. Nennt den Mut meinethalben Zivilcourage. Am besten nennt ihn Überzeugung: eine Haltung jedenfalls, die es erfordert und dem Handelnden auch keine Alternative lässt, als an dem Punkt, an dem das Leben zunehmend unerträglich wird und die Zumutungen diesen Punkt überschreiten, Schulter an Schulter zu marschieren: wir alle, egal welcher Hautfarbe und fast egal welcher politischen Überzeugung. Gemeinsam.

Ich sah uns immer geschlossen gegen das Sozialschädliche, das Falsche, das Bedrohliche voranschreiten. Ich betrachtete die Fehler, die es zu bekämpfen galt, als wichtiger, als die Unterschiede zwischen uns.

Ich erkenne nun, dass ihr nicht mitmachen wollt.

Merkwürdigerweise verweigert ihr euch in dem Moment, in dem ihr am meisten geschädigt werdet – dazu noch mit der fadenscheinigsten Begründung.

Geprellte, Ausgezogene und Liegengelassene, Durchleuchtete, Kartierte und Abgeschobene: warum schluckt ihr das alles? Wohin ist euer gerechter Zorn verschwunden? Hat euch die Pandemie das Mark aus den Knochen gelutscht?

IV. Regression

Ich habe mich oft geirrt in den letzten fünfzehn Monaten. Erst habe ich gedacht, wir brauchen Geduld. Ich habe gedacht, eine Pandemie könnten wir aussitzen. So schlimm, habe ich mir gedacht, wird es schon nicht kommen. Dabei habe ich nicht über Zahlen von Toten und medizinische Probleme spekuliert – davon verstehe ich nichts! – , sondern über die Veränderung unserer Umwelt, unserer Beziehungen. Ich habe an ihre Festigkeit geglaubt, eine Festigkeit, die zunimmt, je höher der Druck von außen steigt.

Dann, etwas später, habe ich gedacht, wir brauchen jetzt sofort umfassende Gesundheit. Ich habe den Personen und den Gegenständen um mich herum nicht mehr getraut, denn da war diese unsichtbare Bedrohung. Kurz darauf habe ich erkannt, dass ich mich geirrt habe, weil ich spürte, dass ich Opfer einer Kampagne der Angst geworden war.

Danach, als ich diesen Irrtum eingesehen hatte, habe ich gedacht, wir brauchen mehr gesunden Menschenverstand. Aber zu dem Zeitpunkt war ich schon isoliert, stand mit meinem vermeintlich gesunden Menschenverstand irgendwie vom Hauptkörper unseres Landes abgetrennt.
Denn die Meisten um mich herum wollten lieber den Weisungen von oben folgen, als selber einzuschätzen, wie sie ihre Geschäfte und ihren Alltag zu führen und auf welche Art sie auf sich und andere und insbesondere auf die Gesundheit aller aufzupassen hätten.

Das alles tatet ihr, obwohl ihr niemals zuvor in existenziellen Weichenstellungen auf Die da oben zugekommen ward und ohne Ausnahme dafür sorgen musstet, eure Sache selber zu regeln. Doch jetzt – mit einem Mal – wolltet ihr wie Säuglinge umhegt sein.

An der kollektiven Regression habe ich erkannt, es wird noch lange dauern, bevor wir wieder leben können wie zuvor, wenn überhaupt je.

In dieser Zeit habe ich gar nichts gedacht. Ich war einfach schockiert.

Später dann, als ich wieder zu mir kam, habe ich gedacht, ich brauche verlässliche Leute um mich herum, um das alles durchzustehen, was gerade passiert.

V. Gefährderansprache

Ich habe mir manches Mal gewünscht, wir alle verfügten über etwas mehr Contenance, vielleicht mit einem Schuß Harthörigkeit und zur gleichen Zeit habe ich mir gewünscht, dass alle um mich herum etwas sensibler und hellhöriger wären.

Ich habe mich jedes einzelne Mal geirrt.

Ich habe mich geirrt, als ich dachte, wir bräuchten eine bessere Regierung. Ich habe mich geirrt, als ich glaubte, wir bräuchten bessere medizinische Berater, mehr verschiedene, besonnenere Meinungen zum unklaren Stand der Dinge, nicht nur Zahlen, von Tag zu Tag rätselhaftere und immer neu interpretierte Zahlen, die immer eine und dieselbe Meinung, die die Linie der Regierung stützten, wohin auch immer Regierung und Kurve lavierten. Wir waren auf hoher See und das Überraschende daran: der Sturm nahmen uns allen Wind aus den Segeln.

Wir trieben auf einem Floß aus Zivilisationsresten. Kurs unbekannt. Nur eins ist sicher: wo wir anlanden, werden wir kein gesundes Land vorfinden.

Ich habe mich auf ganzer Linie geirrt und allemale in vielen meiner Mitmenschen. Sie hatten mich zu Gunsten ihres eigenen Überlebens geopfert und den Gesellschaftsvertrag aufgekündigt, bevor ich es gemerkt hatte.

Ich war auf dem Floß und um mich herum waren Kannibalen.

Für so billig wollte ich den Gesellschaftsvertrag eigentlich nicht rückabwickeln. Aber wie konnte ich den Preis, den meine Mitmenschen zahlen bereit waren, unterbieten?

Das nackte Leben, ihr Leben, egal unter welchen Bedingungen, ist ihnen offenbar mehr wert, als die Beziehung zu mir. Weil sie mir das nicht ehrlich gestehen mochten, erklärten sie mich lieber zu einem gemeingefährlichen Irren.

Weil ich probiere, suchend wie je, selbständig weiter zu denken, verweigern sie mir das Gespräch. Statt dessen bin ich das Ziel einer heute alltäglichen, bis in den privaten Bereich hineinreichenden Gefährder-Ansprache geworden.

VI. Zugabe

Was – außer einer gleichnamigen Vorschrift – ist gemeint mit der Gefährderansprache? Welcher gesellschaftliche Umschwung drückt sich darin aus, dass Gefährderansprachen im Zusammenhang mit der Pandemie von einer polizeilichen Strategie der Abdrängung von Sympathisantentum in das Gespräch zwischen Personen eingewandert sind und dort die Rolle der symbolischen Unterscheidung zwischen richtig und falsch einnehmen – also statt rechtsförmig zu sein, moralisch geworden sind?

Solche eine Ansprache unterscheidet sich zunächst einmal vom Gespräch durch eine willkürliche Zuweisung: du bist Gefährder. Sie befleissigt sich dabei der Sprache der Übertreibung und klingt deswegen verdrückt, aus der angemessenen Mitte geraten. Sie ist der Moderatheit verlustig gegangen, ohne die jedoch keine Einsicht zu erwarten ist. Sie klingt, als stünde der Sprecher neben sich und zitiere ein Prinzip, ohne seine Rede an ein reaktionsfähiges Gegenüber zu richten.

Die in einer Gefährderansprache verkapselte, absichtsvolle Verkehrung der Tatsachen (als Teil einer strategisch beabsichtigten Kriminalisierung) ist so lächerlich, so abgedroschen, so altbekannt, dass ich nicht vorhabe, mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Das würde dem billigen Trick zu viel Gewicht geben.

Aber ich habe an der Gefährder-Ansprache zweierlei erkannt.

Erstens: die Gefährder-Ansprache ist ein Notnagel, der die Latten einer auseinanderfallenden Kiste befestigen soll. In der Kiste versteckt der Apparat, der unsere Regierungen vor Kritik schützt. Der Notnagel trümmert die Kiste durch, weil sie schon morsch ist.

Zweitens: In Gefahr und grosser Not bringt die Spaltung Dir den Tod.

Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, welche der beiden Einsichten ich beklemmender finde.

Eine Antwort auf „Gefährderansprache“

  1. Ein schöner und aktuell treffender Text. Er zeugt von Weitsicht und deutet hin auf den Gesamt-Organismus der Menschheit. Und „sich täuschen, oder irren ist menschlich“, da schreibt kein Roboter.
    Im Olymp betrachtet man mit Sorge das vermehrte Treiben Neptuns, mit Seuchen und Täuschung und Verwirrung zu arbeiten. Damit sichert er nur weiterhin Pluto seinen Machterhalt. Mit Sorge deshalb, dass es den Umstürzler Uranus auf den Plan rufen kann, der das Chaos dann vollendet. Es würde mich freuen, wenn ich mich täusche diesbezüglich.

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