Wat mutt, dat mutt

Es war Eckart Spoo, der mich 1991 mit der politischen Lesart des plattdeutschen Sprichwortes “wat mutt, dat mutt” konfrontierte. Als Redakteur der Frankfurter Rundschau und Herausgeber der Zeitschrift Ossietzky verfügte Spoo über ein höchst sensibel ausgebildetes Sensorium für sprachliche Formen staatlich-autoritärer Zumutungen.

Spoo war 1990 mehr zufällig in eine Performance unserer Gruppe BBM geraten, die wahrscheinlich zu den radikalsten zählte, die wir je inszeniert haben: “Im Grund sind wir alle Zeichen”. In einer Messehalle in Hannover hatten wir einen temporären Ausnahmezustand herbeigeführt, indem wir mehr als 1000 Menschen mit dem Versprechen einer künstlerischen Darbietung angelockt und dann alle Register der Panik-Mache gezogen hatten (Sprengstoff, Feuer, unkontrolliert durch die Menge rasende Primitiv-Roboter). Als schließlich die Messeverwaltung im irrigen Glauben, die Maschinen seien ans Stromnetz angeschlosssen, den Hauptschalter umlegte, erhellten nur noch die Brandherde die Szene. Ein schlecht dosierter Löschversuch mit ABC-Pulver machte das Chaos perfekt. Die Zuschauer mutierten in Sekunden zu Opfern und rannten in heller Aufregung mit improvisierten Nasenmundschützen durch die von giftigen Partikeln flimmernde Luft.

Spoo hatte eine Kopie des später legendären Flugblattes “Imperialismus und Inspiration” ergattert, das wir anonym verteilten. Er analysierte es ausführlich in der FR am Montag darauf. Die naheliegenden Kriegsassoziationen, die ihm als 1936 geborenen angesichts der von BBM inszenierten Bilder kamen, vermischten sich in seiner Reszension mit markigen Sätzen, die er zuvor in der Eröffnungsrede für die Show von Gerhard Schröder gehört hatte. Wie BBM Schröders Ruf nach mehr politischem Engagement und künstlerischer Radikalität eingelöst hatten, brachte Spoo mehr als zum Schmunzeln.

In seinem Beitrag zog Spoo schließlich in der für ihn typischen knappen, dichten Sprache eine Summe des Gesehenen:

“Ich erinnere mich noch an das Schriftbild: Alle Räder müssen rollen für den Sieg. Es stand an der Bahnhofsmauer, an der ich als Kind oft vorbei ging. Der Bahnhof war zerbombt. Wie sollte ich mir den Sieg vorstellen? Würden dann alle Räder still stehen dürfen? Das war nicht gemeint. Im Gegenteil. Der Krieg sollte möglichst viele Räder ins Rollen bringen. Damit mehr und mehr Räder rollten, musste Krieg sein. Früher nannte man es Pflicht. Heute nennt man es Verantwortung. Weltweite militärische Verantwortung. Wat mutt dat mutt. Früher sprach man vom gerechten Krieg. Heute vom notwendigen.”

Staatsräson, Entmündigung der Bürger und das Verbot des “Warum”. Mechanismen, die immer wieder einschnappen, wenn auch in Formen, die sich über die Jahrzehnte (1940, 1990, 2020) wandeln. Krieg gegen den Faschismus. Krieg gegen den Kommunismus. Krieg gegen den Virus.

Noch einmal Spoo: “Siegte, wer am wenigsten verlor? Oder wer am meisten erbeutete? Dann war mancher vermeintliche Sieger in Wahrheit Verlierer. Siegte allemal die Rüstungsindustrie?”

Solche Fragen und Vergleiche treiben mich um, wenn ich den kurzen, aber sehr treffenden Text von Philipp Mausshardt “Die maskierte Gesellschaft” lese, der heute als Nummer 10 der AKTION erschienen ist. Wohin geraten wir, wenn wir den Krieg gegen den Virus mit den aktuell gewählten Mitteln weiter fortsetzen? Mit Mitteln, die nicht hinterfragt werden dürfen, ohne dass ein Aufschrei durch die Presse geht. Mit Mitten, die von der Politik als alternativlos betrachtet werden. Wie setzen wir uns dagegen zur Wehr?

Eine mögliche Antwort könnt ihr am kommenden Wochenende in der AKTION lesen, wenn wir zwei Auszüge aus dem längeren Text SŸSTEMRELEVANZ von Bert Papenfuß als exklusiven Vorabdruck veröffenlichen.

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